Drei Jahre nach dem Sieg von PIERRE ROUSSET
Fred FELDMANN (Inprekorr 92 vom 15.Oktober 1978) sieht in der Enteignung der Bourgeoisie in Südvietnam 3 Jahre nach der Eroberung Saigons eine Maßnahme, zu der die vietnamesische Führung gezwungen war - entgegen ihres Verständnisses von der Revolution in Südvietnam als einer demokratischen.
Pierre Rousset dagegen ist der Ansicht, daß es von vornherein keine Orientierung der Kommunistischen Partei Vietnams auf ein bürgerliches Regime gab. Daß aber andererseits das Unverständnis von der Rätedemokratie die Kampagnen der KP Vietnams gegen den 'Bürokratismus' erfolglos machen muß: Nur eine selbständige Massenerhebung der vietnamesischen Arbeiter kann damit fertig werden und ein wirkliches System der sozialistischen Demokratie durchsetzen.
In der ersten Hälfte des Jahres 1978 haben sich die Wi- greifung getroffenen Maßnahmen vor Augen führt. Denn dersprüche der vietnamesischen Revolution verschärft. Auf diese sind nur das vorläufige Ergebnis eines langen Prozesses der einen Seite wurde durch eine Reihe von Regierungs- der permanenten Revolution, der seit Beginn des revolutionămaßnahmen, vor allem gegen das große Handelskapital im ren Kampfes läuft und noch nicht zuende ist. Dieser Prozeß Süden, die ungebrochene antikapitalistische Dynamik Viet- hat sich - nicht ohne Verzögerungen - während des ganzen nams aufgezeigt. Auf der anderen hat der schlagartige Aus- zweiten Indochinakriegs (1960 - 1975) vollzogen, oft bruch des kambodschanisch-vietnamesischen und des chi- schneller als während des ersten Widerstandkampfes gegen nesisch-vietnamesischen Konflikts die Abhängigkeit des den französischen Kolonialismus (1946 - 1954). Regimes von der Sowjetunion - und damit das Gewicht der Bürokratie - verstärkt. Von diesem offensichtlich wider- Die Erhebung der Bauern, also der zunächst spontane sprüchlichen Aspekt muß man ausgehen, will man die Diskus- Anfang des zweiten vietnamesischen Widerstandskriegs, gesion über die politischen Lehren der Erfolge und Mißerfolge gann tatsächlich zur Verteidigung der Agrarreform, die von der vietnamesischen Revolution wieder neu aufrollen. den Vietnminh einst durchgeführt und von der Diem-Diktatur wieder infrage gestellt worden war. Zahlreiche militäri- Gestern noch spiegelte der Krieg in Indochina exempla- sche Angriffe und Gegenangriffe gingen konkret um Landberisch alle Umstände des weltweiten Zusammenstoßes von sitz. Nach dem Sieg war die Macht der Großgrundbesitzer in Revolution und Konterrevolution, von nationalen Befreiungs- den damaligen befreiten Gebieten gebrochen und die Kollekkämpfen und Imperialismus wieder. Der Sieg über den ameri- tivierung ingang gesetzt worden, und auch in den übrigen kanischen Imperialismus und das neokoloniale Regime in ländlichen Gegenden war die Macht der Großgrundbesitzer Südvietnam unterstrich schlagartig die Aktualität des Kam- weitgehend geschwächt.
pfes für den Sozialismus in der Welt. Heute erhellen die Fortschritte und die Schwierigkeiten der vietnamesischen Revo- Der Zerfall von Armee und Verwaltung des Marionetlution zugleich die Dynamik der Revolution in den kolonia- tenregimes im April 1975, dann die Auflösung der militärilen und halbkolonialen Ländern überhaupt und die Probleme schen, administrativen und politischen Kräfte durch die neue des Übergangs zum Sozialismus. revolutionäre Macht besiegelten den völligigen Zusammenbruch des bürgerlichen Staates in Südvietnam. Der anti-impe- DER LANGE PROZESS DER PERMANENTEN REVOLU- rialistische Kampf war nördlich und südlich des 17. Breiten- TION GEHT WEITER grads unter einheitlicher, ungeteilter Führung unterommen worden, nämlich unter Fürhung der vietnamesischen Kom- Das heftige Aufeinandertreffen der vietnamesischen Re- munistischen Partei. Diesselbe Führung stand von nun an an gierung und der Kompradore-Bourgeoisie Südvietnams im der Spitze des nordvietnamesischen Staats und der Verwal März 1978 kann in seiner vollen Bedeutung nur verstanden tung des Südens, die aus der Provisorischen Revolutionären werden, wenn man sich die während und nach der Machter* 26 Regierung und dem FNL gebilde: wurde. Auch die Armee
war einer einheitlichen Leitung unterstellt. Trotz der unterschiedlichen Situation in beiden Teilen des Landes wurde sofort ein gemeinsamer Wirtschaftsplan in Angriff genommen. Die Regierung übernahm die Kontrolle der meisten ehemaligen Güter und Plantagen der Imperialisten sowie die Mehrzahl der wichtigen vietnamesischen Privatindustrien, deren Besitzer in der Regel vor dem endgültigen Zusammenbruch geflohen waren.
Ein neuer Arbeiterstaat entstand in Vietnam. Diese Tatsache allein erlaubt es, die schnelle Wiedervereinigung zu verstehen, die durch die Wahlen im April 1976 abgeschlossen Wurde - knapp ein Jahr nach der Machtübernahme der Be. freiungskräfte. Die letzte wichtige Wirtschaftsbastion Südvietnams in den Händen der Bourgeoisie wurde von Kompradoren-Handelskapitalisten in Saigon-Cholon gehalten. Die Kraftprobe begann sehr schnell, wobei die Handelsbourgeoisie ihre KOntrolle über die Handels- und Verteilernetze, über den Lebensmittelhandel und über beachtliche Geldmengen dazu nutzte, das heikle ökonomische Gleichgewicht im Süden zu stören. Seit September 1975 versuchte die Regierung ihre Macht zu brechen - aber ohne Erfolg. Es dauerte bis März 1978, bis dieses Ziel um den Preis einer wirklichen Kraftprobe erreicht war.
Die Erklärung des Vereinigten Sekretariats der IV. Internationale im April 1975, kurz vor dem Umsturz in Saigon, stellte fest, daß aus diesem Zusammentreffen von sozialer Revolution und nationalem Befreiungskampf die Gewalt der vietnamesischen Revolution herrührt; daß „der ingang gesetzte revolutionäre Prozeß die Fundamente der kapitalistischen und neokolonialistischen Herrschaft in Vietnam infrage stellt. Der militärische Sieg der Streitkräfte der Provisorischen Revolutionären Regierung über die Saigoner Marionetten würde allein genommen sicher nicht das sozialistische Hinüberwachsen der Revolution in Südvietnam garantieren. Dazu sind vor allem zur Konsolidierung der Herrschaft der Revolutionäre in den Städten eine Reihe von sozialen, politischen und wirtschaftlichen Maßnahmen notwendig. Aber der Prozeß der permanenten Revolution wird sehr günstige Entwicklungsmöglichkeiten vorfinden - der Sturz des Marionettenapparates und die Auflösung der reaktionären Parteien in den kürzlich neu befreiten Städten weisen in diese Richtung. " (vergl. INPREKORR Nr. 32 vom 1 Mai 1975). Dies ist in der Tat eingetroffen. Der wirtschaftliche Übergang hat sich sicher noch nicht konsolidiert: die Industrialisierung des Landes steht noch auf schwachen Füßen, ebenso die Mechanisierung der Landwirtschaft im Norden; die Kollektivierung im Süden stößt auf ständigen Widerstand der landbesitzenden Kleinbauern, und auch die Arbeitslosigkeit im Süden ist noch lange nicht beseitigt. Aber der Verlauf der vietnamesischen Revolution hat wieder einmal die marxistische Theorie der permanenten Revolution bestätigt: der nationale Befreiungskampf ist existentiell mit der sozialen Mobilisierung verbunden, die ersten sozialistischen Forderungen mußten schon vor der Machtergreifung durchgesetzt werden, der Sturz der imperialistischen Herrschaft konnte sich nicht ohne die Entmachtung der 'nationalen' Bourgeoisie und den Aufbau des Arbeiterstaates vollziehen, die Durchsetzung der bürgerlich-demokratischen Aufgaben war noch lange nicht erreicht, als die revolutionäre Macht immer gravierendere Eingriffe in das kapitalistische Recht vornehmen und das Land vereinigen mußte.
DIE AMBIVALENTE ROLLE DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI VIETNAMS Der Befreiungskampf in Vietnam war wohl bisher am längsten und engsten mit einer sozialen Revolution und der aktiven Führung durch eine Kommunistische Partei verknüpft. Trotzdem prägten von Anfang an tiefe bürokratische Deformationen das Bild des jungen Arbeiterstaates, der im Süden entstand - wie 20 Jahre zuvor im Norden. Der revolutionäre Kampf hatte nicht direkt zur Errichtung wirklicher Räteorgane der proletarischen Macht geführt, im Gegensatz zur. Sowjetunion und Westeuropas zwischen den beiden Weltkriegen. Es ist hier nicht möglich, auf die Faktoren einzugehen, die ein Verständnis dieser Auflösung des klassischen revolutionären Prozesses erlauben: die Folgen der bürokratischen Degeneration des ersten Arbeiterstaats und der Stalinisierung der Kommunistischen Internationale, die Bedingungen, unter denen sich der antiimperialistische Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg vollziehen mußte; die Last der vorkapitalistischen Vergangenheit der Kolonialisierung, dann des amerikanischen Einflusses auf die vietnamesische Gesell. schaft, etc. Aber man muß betonen, daß die Kommunistische Partei Vietnams diese Auflösung getreu wiederspiegelt und ihre Entwicklung und ihr politischer Doppelcharakter nicht ohne sie erklärt werden können.
Die vietnamesische Revolution hatte es mit zwei sehr gefährlichen Feinden zu tun, die nicht gezögert haben, enorme Streitkräfte gegen sie ins Feld zu führen: mit dem französischen und dem amerikanischen Imperialismus. Die militärische Eskalation, die den zweiten Indochinakrieg kennzeichnete, bleibt bis dato ohne Beispiel in der Geschichte der Kriege und Revolutionen. Der chinesisch-sowjetische Konflikt lastete von Anfang an auf diesem zweiten Widerstandskampf. Man würde kaum verstehen, wie der Sieg möglich gewesen war, wenn die Kommunistischen Partei Vietnams keine aktive Rolle im antiimperialistischen Kampf hätte spielen können, wo sie doch den Befreiungskampf ohne ernsthafte Konkurrenz im Lande leitete, wenn ihr der unaufhebbare Klassenkonflikt, der der nationalen Erhebung der arbeitenden Bevölkerung zugrunde lag, nicht bewußt gewesen wäre. liederholt mußte die Kommunistische Partei Vietnan ichtige Entscheidungen gegen den vereinten Druck der ch nesischen und sowjetischen Führungen treffen: so 1959/60, als sie sich - wenn auch zögernd - entschloß, den bewaffneten Kampf in Südvietnam wieder aufzunehmen. Während man gleichzeitig das Ziel der Wiedervereinigung betonte, wurde sehr bald in programmatischen Schriften der Partei (nicht des FNL) die zwingende Notwendigkeit unterstrichen, „die Etappe der kapitalistischen Entwicklung auszulassen". Nennen wir als Beispiele die Hauptschriften von Le Duan 1963/70, von Truong Chinh 1968 oder von Giap 1973. Letzterer bezeichnete 1974 übrigens nicht allein die Unabhängigkeit und die "Volksdemokratie', sondern auch den Sozialismus als politisches Ziel" und als , fundamentale und unnittelbare Aufgabe der gesamtvietnamesischen Revolution" und der „nationalen Aufstände und Kriege". Geschrieben nach Ratifizierung des Pariser Abkommens, aber vor der Schlußoffensive 1975, galt dieser Text ganz offensichtlich den damals aufgenommenen Kämpfen. Vor allem in der Praxis verweigerte die Kommunistische Partei Vietnams einer wie immer gearteten bürgerlichen Kraft eine Machtbeteiligung in der Leitung des Befreiungskampfes — die sogenannten Parteien der 'Front des Vaterlands' oder des FNL wurden
streng von den Kadern der KP kontrolliert. und 60er Jahre unter Beweis gestellt. Trotzdem bleibt die Konzeption der KP Vietnams bezüglich des Verhältnisses Dies erlaubt dem Internationalen Exekutivkomitee der Partei/Staat/Massen viel näher am Stalinismus als am revolu- IV. Internationale im Dezember 1972 zu behaupten, daß tionären Marxismus: Einparteiensystem, Verbot des Tentrotz der Ausführungen der KP Vietnams über die 'nationale denz- und Frationsrechts innerhalb der Partei, institutiona- Versöhnung' und trotz ihrer „stalinistischen Organisations- lisiertes Übergewicht der Partei auf die Staatsorgane, das form die Bilanz der letzten 15 Jahre klar die hartnäckige (zum Theorem erhobene) Fehlen von Rätestrukturen. Indem Orientierung dieser Partei auf den Sturz der bürgerlichen sie diese Konzeption verteidigte und umsetzte, hat die KP Staatsmacht in Südvietnam beweist". Dessen muß man sich Vietnams diese ursprünglichen bürokratischen Entartungen bewußt sein, will man verstehen, wie sich der Druck der in Südvietnam - weitgehend das Ergebnis objetkiver Faktorevolutionären Massen auf eine Partei vollzog, deren prak- ren - nicht nur als natürlich angenommen, sie hat sie auch als tische Ausrichtung bricht mit der klassisch menschewisti- (bewußte) Politik aufgewertet und somit vertieft. schen Linie der Stalinisten in den kolonialen und halbkolonialen Ländern und unabhängig von den Bürokratien in Darauf beruht die ambivalente Rolle, die die KP Viet- MOskau und Peking ist" (vergl. 'Quatrieme Internationale' nams in der Entwicklung der vietnamesischen Revolution März/April 1973). gespielt hat: sie konnte trotz aller Schwierigkeiten den Sieg erringen, aber sie baute gleichzeitig autoritäre, paternalisti- Wie die kubanische hat die vietnamesische Führung ihre sche und substitutionalistische (auch heute noch weniger re- Überlegenheit über die anderen, nationalistischen oder sta- pressive) Beziehungen zu den unter ihrer Führung mobililinistischen Führungen der Befreiungsbewegungen der 50er sierten Massen auf, womit sie übrigens nur die vor dem Befreiungskrieg geknüpften Beziehungen perpetuierte. DAS FEHLEN VON RÄTEN
Die KP Vietnams ist offensichtlich nicht allein für die Entstehung eines von Anfang an bürokratisch deformierten Arbeiterstaates verantwortlich. Die Wurzeln des Bürokratisierungsprozesses - in Institutionen und Gesellschaft - sind tief und vielschichtig; sie beruhen besonders auf einer Anzahl nationaler und internationaler Geschichtsfaktoren, auf die einzugehen hier nicht möglich ist. Und die vietnamesische Revolution trifft derzeit auf eine Reihe anderer Schwierigkeiten als dem bloßen Fehlen von Strukturen sozialistischer Demokratie: die Folgen der Unterentwicklung, die schrecklichen Verwüstungen durch den Krieg, die Isolierung, des chinesisch-vietnamesischen Konflikts und die wachsende Abhängigkeit von der Sowjetunion. .. wir können nicht darüber ANH CHI EM hinweggehen. Trotzdem ist es keine 'idealistische' oder "normative' Haltung, das politische Regime in Vietnam und das BINH, BẸNH BINH Programm der KP Vietnams als ein zentrales Problem zu be- TRỘN ĐOI LA NG trachten, als eine der ernstesten Fragen, die sich seit dem Kriege stellen. TRUNG HIEL CU
CUA NHAN DA
Auf den Ernst der "bürokratischen Gefahr' hinzuweisen ist müßig: sie wird auf ihre Art von den Führern der KP Vietnams selbst erkannt. Sie führen laufend Kampagnen gegen den "Bürokratismus', die manchmal hohe Wellen schlagen. Die Generäle der Minderheiten "tay' und 'nung', die ihrer ZK-Sitze in der KP Vietnams (aber nicht aller Posten im Staatsapparat) enthoben worden sind, sind beschuldigt worden, sich Privatvillen zu bauen. Allein im 5. Distrikt von Ho Tschi Minh-Stadt (ehem. Saigon) sollen ca. 200 Kader verhaftet worden sein. weil sie die Herkunft ihres seit April 1975 angehäuften Vermögens nicht rechtfertigen konnten. In den Reihen der KP Vietnams wird immer offener zugegeben, daß ein institutionelles Problem sich auftut und daß man wieder über Art und Weise diskutieren müßte, wie man dem Volk die Rolle des 'kollektiven Herrschers', die ihm offiziell zugebilligt wird, überträgt.
Wir müssen uns die Bedeutung dieses Kernproblems ge- kann. Aber die KP Vietnams hält mehr am Dogma einer Einnau vor Augen führen: das Verhältnis zwischen der heitspartei mit bürokratisch-zentralistischer Struktur fest politischen Natur eines Regimes im Innern eines Arbeiter- als an der Konzeption eines Rätesystems. Für die vietnamestaates und dem institutionellen Rahmen, in dem die Büro- sische Führung heißt Kampf gegen den "Bürokratismus' imkratie sich als soziale Schicht mit Partialinteressen entwickeln mer Kampf im Innern der machthabenden Partei. Nun ist
diese Partei nicht nur die, die den revolutionären Kampf bis richtige Lehren. Aber noch mehr stößt man auf zahlreich zum Sieg geführt hat, sondern mehr und mehr die Staatspar- bjektive Hindernisse, die den Aufbau einer wahrhaft sozia tei, in deren Schatten die Bürokratie gedeiht. Und die Büro- listischen Demokratie erschweren, und noch mehr muß man kratie wird sich nicht selbst reformieren können: der Schlüs- die Bedeutung des subjektiven Faktors - die bewußte Aksel des antibürokratischen Kampfes kann nicht in der morali- tion der Partei - erkennen, um sie zu bekämpfen. schen Mobilisierung im Innern einer herrschenden Einheitspartei liegen, sondern im Umsturz der Beziehungen zwischen Es gibt in der Tat keine 'Übergangsgesellschaft", die sich den Massen und dem Staatsapparat in seiner Gesamtheit, dauerhaft dieser Frage entziehen kann. Das Scheitern des d.h. im Wechsel des Regimes und der Entstehung von Arbei. Maoismus und seines Versuchs, einen "eigenen' Weg zum ter—-und Bauernräten. Sozialismus zu finden, hat uns dazu ein Negativbeispiel geliefert. Und das Auftauchen - in Form von Wandzeitungen - Die Bedingungen eines solchen Regimewechsels hängen in China von Texten, die bezüglich der Konzeption der sozianicht nur vom guten Willen der "Vorhutspartei' ab, und sie listischen Demokratie erstaunlich fortgeschritten sind, sind heute nicht unbedingt schon alle vorhanden. Sicher, die wie der von Li Yi Zhe (1), bestätigen positiv die Aktualität Geschichte der russischen Revolution der 20er Jahre gibt uns eines revolutionär-marxistischen Programms in dieser Frage. EIN POLITISCHES GESAMTPROBLEM
Das Entscheidungsmonopol der Partei - genauer ihrer Maoismus öffentlich den Prozeß macht und China in ihren Führung - verbietet es offensichtlich der Bevölkerung, das, Augen kein sozialistischer Staat mehr ist. was die KP Vietnams 'das Recht, kollektiver Herrscher zu sein' nennt, auszuüben: wie könnte sie auch, wo sie nur ge- Allgemein gesagt verbietet das programmatische Konbeten wird, eine bereits festgelegte Linie zu diskutieren; zept der KPV-Führung jede radikale und wahrhaft internawo die wesentlichen Tatsachen der Situation dank des Infor- tionalistische Gesamtkritik des Stalinismus. Umso vorrangi. mationsmonopols der Herrschenden im Land gar nicht oder ger bleibt die Verteidigung der 'eigenen' (und unmittelbaren) nur tröpfchenweise mitgeteilt werden? Das allgemeine Funk- 'Interessen ihrer Revolution' gegenüber allem übrigen, wähtionieren der Übergangsgesellschaft wird von dieser Situation rend sich die Situation der vietnamesischen Revolution auf beeinflußt. Wie soll die Bevölkerung einen Plan zur wirt- internationaler Ebene nach dem Sieg geändert hat: die Sicht, schaftlichen Entwicklung ausarbeiten, der den politischen nach der die Lage der internationalen Arbeiterbewegung be- Umständen Rechnung trägt, wenn sie keine Mittel hat, die urteilt wird, bleibt national borniert. Das erlaubt es, heute zu verschiedenen in Frage kommenden Standpunkte kennenzu- sagen, daß die sowjetische Führung nur ('opportunistische lernen und damit ihre Meinung dazu zum Ausdruck zu brin- und chauvinistische') Irrtümer' begangen habe, während die gen? Und wie soll vermieden werden, daß die wachsenden chinesische ein "Verräter' sei. Damit reflektieren sie die aktu- Spannungen an den Grenzen nicht das Anwachsen nationali- elle Entwicklung der Beziehungen zwischen der KPVietnams, stischer Ideologien in Vietnam selbst begünstigen, wenn der der KP Chinas und der KP der Sowjetunion, aber es bedeutet wahre Gegenstand und die wahren Gründe dieser zunehmen- auch, die Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung den Konflikte nicht öffentlich und politisch erklärt werden? und die zahlreichen Revolutionen, die Stalin und seine Nachfolger auf dem Altar des 'Aufbaus des Sozialismus in einem Was besonders diesen letzten Punkt anbelangt, verbieten Lande' geopfert haben, einfach zu ignorieren. es die offiziellen Konzeptionen der KP Vietnams ausdrücklich, 'die ganze Wahrheit' der vietnamesischen Bevölkerung Diese Konzeption ist letztlich nicht unvereinbar mit der und den Genossen im Ausland zu sagen, was nämlich das Rechtfertigung der Entwicklung der vietnamesischen Diplo- Verhältnis zur internationalen kommunistischen Arbeiter- matie und der gestern noch vertetenen Ideologie der 'natio. bewegung anbelangt. Nguyen Kac Vien, Schriftsteller und nalen Versöhnung' im Programm der Provisorischen Regieoffizieller Wortführer des Regimes, bemerkte in einem Inter- rung und des FNL. In diesen beiden Fällen wiegen die takview zum Beispiel (Journal of Contemporary Asia, 2.Halb- tischen "Notwendigkeiten' schwerer als die erzieherische jahr 1977), daß in dem Fall, wo Uneinigkeiten mit einem an- Funktion, die einer Führung zukommt, deren Ziel es sein deren Bruderstaat oder einer anderen Bruderpartei auftreten, solite, proletarische Machtorgane und Rätestrukturen zu för- „unsere prinzipielle Haltung sein wird, unsere Position in der, und die sich die Aufgabe der Wiederbelebung des pro- Treffen unserer beiden Staaten bzw. Parteien zu vermitteln, letarischen Internationalismus stellen müßte. Eben aus dieaber nicht öffentlich über diese Fragen zu diskutieren (...), sem Grund verurteilt die obengenannte Erklärung des Exekuum die Entstehung solidarischer Beziehungen zwischen den tivkomitees der IV. Interationale die Bezugnahme der vietverschiedenen Kommunistischen Parteien in der Welt zu namesischen KP-Führung auf die Ideologie der 'nationalen begünstigen." Versöhnung', ohne dabei ihren Willen, ihre Fähigkeit, die imperialistische, bürgerliche Herrschaft in ihrem Lande zu Im Namen dieser Prinzipien sind die wachsenden poli- stürzen, infrage zu stellen. Es war in der Tat die Aufgabe der tischen Differenzen zwischen den vietnamesischen, kambo- revolutionären Marxisten, „deutlich zu erklären, daß eine schanischen und chinesischen Parteien vertuscht worden bis nationale Versöhnung zwischen den Ausbeutenden und den zum blutigen Ausbruch des Konflikts. Es geschicht immer ausgebeuteten Klassen weder in Vietnam noch sonstwo mögnoch im Namen dieser Prinzipien, daß die vietnamesische lich ist, denn selbst wenn die bürgerichen Minister einer solhrung sich ausschweigt über die weitreichende historisc! chen Koalitionsregierung die Geiseln einer defacto proletarantwortung der sowjetischen Führung, während sie de (1) Li Yi Zhe u.a, China: wer gegen wen? Rotbuch 169, Berlin 1977
rischen Staatsmacht sind. . ., ist ihre Anwesenheit in jedem Fall für das Klassenbewußtsein des Proletariats desorientie- ÜBERSCHWEMMUNGSKATASTROPHEN rend". Es gab schließlich keine Koalitionsregierung in Vietnam. Trotzdem haben die Warnungen unserer Bewegung Im dritten Jahr hintereinander ist Vietnam von 1972 und davor nicht weniger Berechtigung in den jüngsten großen Naturkatastrophen betroffen. Diesen Herbst Schwierigkeiten der vietnamesischen Revolution gefunden. erreichen sie die Ausmaße einer wirklich nationalen Während eines Seminars an der Universität Paris hab Nguyen Katastrophe. 300 000 ha Land im Norden des Landes Kac Vien zu, daß wenn die Bourgeoisie nicht sofort im April sind infolge eines Taifuns überschwemmt, während im 1975 entmachtet worden war, während sie noch keine Zeit Mekong-Delta 775 000 ha durch Hochwasser verwügefunden hatte, den Widerstand gegen die Maßnahmen der stet sind: insgesamt sind mehr als 1 Million ha Reis- Revolutionären Regierung vorzubereiten, dies nicht nur auf anbaugebiet 3 Wochen vor der Herbsternte überflutet objektive Schwierigkeiten (wie dem Fehlen eines staatlichen worden - nach neuesten Meldungen sollen es sogar Verteilernetzes) zurückzuführen war, sondern auch auf einen 20 bis 25 % sein. Ungefähr 2 Millionen Menschen politischen Fehler, eine sogenannte Rechtsabweichung, mußten ihre Wohngebiete schon verlassen. Auch Laos begangen im Namen der 'nationalen Versöhnung'. Der Preis ist sehr schwer betroffen - es hat möglicherweise für diesen Irrtum scheint sehr hoch gewesen zu sein, weil es die Hälfte seiner Ernte verloren. Sogar Kambodscha, dreier Jahre heftiger Auseinandersetzungen bedurft hat, um das normalerweise dank des natürlichen Ausgleichs den Widerstand dieser Großhandelsbourgeoisie Südvietnams durch den Tonle Sap - See verschont bleibt, scheint zu brechen. dieses Jahr in Mitleidenschaft gezogen zu sein.
DIE ANTIBÜROKRATISCHEN AUFGABEN
Es dreht sich hier nicht darum, einer revolutionären Füh- der Wiedervereinigung des Landes ist die vietnamesische Rerung das Recht abzusprechen, Kompromisse sowohl auf na- volution in eine andere Etappe eingetreten, die „neue Protionaler wie auf internationaler Ebene einzugehen. Man muß- bleme auf die Tagesordnung gesetzt hat (.../ sowohl auf te nach dem Sieg möglicherweise versuchen, eine Art vietna- dem Gebiet des wirtschaftlichen Wiederaufbaus als auch der mesischer NEP (2) zu entwickeln, indem man auf die Lei- sozialen und politischen Organisierung" (Erklärung des Verstungen der noch im Lande verbliebenen Privatindustriellen einigten Sekretariats der IV. Internationale vom April 1975). zurückgriff und sich bemühte, Auslandskapital heranzuzie- Den aktuellen Schwierigkeiten liegen analoge Fragen zugrunhen. Aber es ist etwa anderes, öffentlich zu erklären - ohne de wie in der Demokratischen Republik (Nord) Vietnam wähes übrigens selbst zu glauben- daß eine Versöhnung zwischen rend der Krise der Agrarreform 1956 und der Unterdrückung Ausbeutern und Ausgebeuteten möglich wäre. Wahrschein- der "Hundert vietnamesischen Blumen', Fragen, die teilweise lich ist es nach dem Scheitern dieser Wirtschaftspolitik und durch das Engagement des Nordens im zweiten Befreiungs dem Bruch mit China notwendig, sich mehr auf den Ost- krieg auf die lange Bank geschoben worden waren. Die Kluft block zu stützen und zu versuchen, diplomatische und wirt- zwischen der Bevölkerung und einer privilegierten Bürokratie schaftliche Abkommen mit diesen Ländern zu schließen. hat sich so plötzlich aufgetan, daß die Führung der KP Viet- Aber wiederum ist es eine andere Sache, zu behaupten, daß nams darüber tief beunruhigt war. Die Naturkatastrophen, dann der Ausbruch der Indochinakrise haben diese sozialen die SEATO nicht mehr die überaus reaktionäre und proimperialistische Vereinigung der südostasiatischen Natio- und politischen Spannungen nur verstärkt: Die wesentlichen nen sei, und daß die thailändischen, philippinischen und Widersprüche, denen die KPV gegenüberstand, sind nicht mehr die gleichen wie während des revolutionären antiimperialistischen Kampfes; der Aufruf zur Einheit gegenüber der neuen "äußeren' Bedrohung und die erneute Mobilisierung können daran auf die Dauer nichts ändern.
unausweichlichen Kompromisse einen zu hohen Preis: den des Bewußtseins der vietnamesischen Massen selbst und der Genossen, die in Südostasien ihre reaktionären Regime be- Die Situation wiegt umso schwerer, als es das Regime im Süden mit einer Bevölkerung zu tun hat, deren politische Verbundenheit und Vertrauen in die historische Führung der Es dreht sich auch nicht darum, Hanoi, Peking und KPV weit geringer ist als in der Demokratischen Republik Moskau völlig gleichzusetzen, ohne sich gebührend darum zu Nordvietnam der fünfziger und sechziger Jahre. Damals gekümmern, was die KP Vietnams leisten konnte, und um die lang es der Regierung nach harten Fehlschlägen und strenger Schwierigkeiten, unter denen die vietnamesische Revolution Selbstkritik, die Bauernschaft zum Aufbau von Kooperativen sich vollzog. Das vietnamesische Regime, wie auch das zu bewegen, während sie gleichzeitig nicht in der Lage war, kubanische, spielt heute nicht die gleiche internationale Rolle die Mechanisierung der Landwirtschaft zu gewährleisten. wie China und die Sowjetunion, und es steht auch nicht in Nun ist aber eine der Haupterfahrungen der letzten drei Jahgleicher Beziehung zu seiner Bevölkerung. re, daß die Führung sich als unfähig erwiesen hat, die programmatische Umorientierung in Angriff zu nehmen, die Mit dem Sieg gegen die imperialistische Intervention und unerläßlich ist, um die bürokratische Gefahr an der Wurzel zu packen - auch wenn sie sich der Schärfe dieser sozialen (2) NEP = Neue Ökonomische Politik, durchgeführt von den Bolschewiki 1921 - 24/25, die die Maßnahmen des Kriegskommunismus ablöste und eine teilweise Rückkehr zum freien Markt vornahm, um so die zur wirtschaftlichen Wiederbelebung notwendigen Investitionen zu fördern.
und politischen Spannungen voll bewußt ist. Und zwar, weil diese Umorientierungen ihrer politischen Geschichte zu sehr zuwiederlaufen und weil ja sie selbst in erster Linie integraler Bestandteil dieser bürokratischen Schicht ist. Man findet daher in Vietnam eben die Probleme, die die Entwicklung anderer Regime, die aus siegreichen Revolutionen hervorgegangen sind, geprägt haben und noch heute prägen. So wurden die jugoslawische, chinesische, kubanische Revolutionen von Parteien geführt, die - teils aus der stalinistischen Kommunistischen Internationale hervorgegangen, teils anderen Ursprungs - eine von Moskau praktisch unabhängige revolutionäre Rolle gespielt haben. D.h., daß die Bedingungen, die diesen Führungen die Unabhängigkeit erlaubt haben, nicht ausreichend waren, sie auf die immanenten Probleme der sozialistischen Ubergangsgesellschaften, im wesentlichen der Bürokratisierung, vorzubereiten, Man kann sogar sagen, daß die Verankerung ihres antiimperialistischen Kampfes im nationalen Rhmen zwar ihr erlaubt hat, politische Entscheidungen unabhängig zu treffen, aber das Ver. ständnis für die Ursachen der Bürokratisierung erschwert hat. Denn diese können nur im Rahmen der internationalen Erfahrung der Arbeiterbewegung voll verstanden werden: keine dauerhafte Lösung ohne gleichzeitigen Kampf für sozialistische Demokratie und wahrhaften Internationalismus. ietnam hätte der momentanen Entwicklung wah heinlich nur durch emen schnelleren revolutionaren Au Siehe auch:
schwung in Südostasien entgehen können, was dem Land die geographische Isolierung erspart hätte; außerdem hätte es eines Aufschwungs der Klassenkämpfe in den imperialistischen Metropolen bedurft, deren Folge das beispielhafte Entstehen proletarischer Rätestrukturen zu Folge gehabt hätten. Das ist nicht passiert. Im Gegenteil, der chinesisch-sowjetische Konflikt hatte tiefgreifende negative Folgen auf den Verlauf der vietnamesischen Revolution.
Der antibürokratische Kampf steht von nun an objektiv auf der Tagesordnung der vietnamesischen Revolution. Trotzdem existiert heute in Vietnam keine politische Kraft, die das Programm der sozialistishen Demokratie vorantreiben könnte. Es wäre müßig, zu hoffen, daß dieses antibürokratische Programm von der KPV und ihrer Führung vertreten werden könnte. Es kann nur entstehen aus einer neuen Erfahrung der vietnamesischen Arbeiterklasse über die Widersprüche der Übergangsgesellschaften, unterstützt in hoffentlich naher Zukunft durch weitere revolutionäre Massenerfahrungen in Westeuropa oder China, Die antibürokratischen Aufgaben, die Errichtung eines wirklichen Systems der sozialistischen Demokratie können nur durch eine Massenerhebung der vietnamesischen Arbeiter durchgesetzt werden, und zwar durch eine sebständige Erhebung, wenn auch mit Unterstützung zahlreicher Kader und Anhänger der jetzigen KP Vietnams. Dies wird seine Zeit dauern, aber es ist eine notwendige Folgerung aus den Fortschritten und Mißerfolgen der vietnamesischen Revolution nach dem Sieg 1975.
- 'Der Konflikt zwischen Hanoi und Phnom-Penh - ein politischer Konflikt", von Pierre Rousset. In: INPREKORR - Die Revolution im Süden geht weiter", von Fred Feldmann. In: INPREKORR Nr. 92 vom 15.Oktober 1978 - 'Krise in Indochina', von Pierre Rousset. In: INPREKORR Nr. 92 vom 15.Oktober 1978