C. GABRIEL
Obwdıl die MPLA im Bestreben, die Verträge von Alvor über den Prozeß der Entkolonialisierung möglichst wörtlich zu befolgen, die Unabhängigkeit am 11. November 1975 ausgerufen hatte, zogen sich die südafrikanischen Truppen erst am 27. März aus angolanischem Territorium zurück, als sie militärisch und politisch geschlagen waren. Nach dem Sieg über die FNLA und die UNITA stand die MPLA vor einem vom Krieg verwüsteten Land, das zudem durch eine jahrhundertelange Kolonialherrschaft entstellt und geplündert worden war. Zerstö:te Brücken, abgeschnittene Straßen, Vernichtete Dörfer erschwerten die Verbindung zwischen Stadt und Land. Mit der Einstellung der Kämpfe verbesserte sich nicht unbedingt die Versorgung der Städte. Die Region Huambos, die traditionell als "Kornkammer" Angolas gilt, war seit einigen Monaten zum schmutzigen Unterschlupf der imperialistischen Intervention geworden. Bei ihrem Rückzug hatten die Soldaten Südafrikas und Zaires viel Vieh mitgenommen und was sie hinter sich ließen geplündert und niedergebrannt. Im Norden des Landes, in den Gebieten, die früher die FNLA kontrollierte, aber auch in der Hauptstadt Luanda ist es immer noch schwer, Grundnahrungsmittel aufzutreiben. Umgekehrt schaffen es die Bauer im Süden, in Huambo nicht, ihre magere Ernte auf dem ausgezehrten und schlecht organisierten Markt abzusetzen. Die Volksrepublik Angola ist unter diesen Bedingungen ler schweren wirtschaftlichen Krise entstanden. Diese Krise ist umso ernster, als nach der massiven Abwanderung der weißen Siedler das notwendige technische und administrative Personal weitgehend fehlt. Die Armee ist auch nicht viel zuverlässiger, wenn man sich vor Augen hält, daß die Anwesenheit von etwa 10,000 ku-
banischen Soldaten notwendig ist, um die angolani- Im Bewußtsein dieser Schwäche hat die VR Angola sehr früh einen diplomatischen Kampf um die Anerennung durch die internationalen Organe eingeleitet, lamit die Unabhängigkeit legitimiert und dem neuer Staat Hilfe gewährt wird, Zwar wurde der VR Angola durch das groteske Veto der USA bisher der Eintritt in lie UNO verwehrt, aber sie ist Mitglied der Organisa ion für Afrikanische Einheit (OAU), des Internationaler Arbeitsbüros (ILO) und der UNICEFund sie hat sogar das Entgegenkommen der neokolonialen African Development Bank angenommen, die mit der EWG in Verbindung steht.
DIE WIRTSCHAFTSPOLITIK
Die Wirtschaftspläne der MPLA haben sich nach und nach in den Monaten nach dem 25. April 1974 abgezeichnet. Getragen von der nationalistischen Grundage der Bewegung, blieb die Regierung ideologisc! lem Programm verhaftet, das sie auch dem bewaffneter Kampf zugrunde gelegt hatte, nämlich dem Ziel, ein freies Angola im Rahmen einer unabhängigen, nationalen Wirtschaft aufzubauen. Kein Bruch mit den Gesetzen des imperialistischen Marktes also, sondern der Wunsch, den Wirtschaftsmechanismus selbst zu kontrollieren und selbst über die eigene Politik zu entscheiden. In der Phraseologie des Regimes enthüllt sich somit zweifellos der Einfluß des "algerischen Wegs", selbst wenn es ein weitgehend marxistisch angehauchtes Vokabular benutzt.
Zum Beweis mag die angolanische Wirtschaft hier auf drei Ebenen analysiert werden.
Die Wirtschaftssektoren, die schon immer von nichtportugiesischem, imperialistischem Kapital kontrolliert wurden und Angola fast vollständig mit Devisen versorgten, sind in der Hand ihrer Besitzer geblieben. Die Cabinda Gulf Oil Company operiert weiterhin in Cabinda und zahlt royalties (Tantiemen) an die Regierung, wenntäten fort. Krupp und seine Tochtergesellschaften blei- ›en im Besitz der Eisenminen von Benguela, obwoh) Zaire und Sambia, die auf diesem Weg ihre Erze transportieren wollen.
Besondere Einnahmequellen wie Kaffee, Baumwolle, Sisal und andere Exportgüter werden im Rahmen der /erstaatlichung des Handels und Warenaustauschs kontrolliert und einige verlassene Großplantagen stehen gegenwärtig unter der Kontrolle der Regierung. Die ehemals portugiesischen Industriesektoren sind verstaatlicht worden, einschließlich der Textang Company: dies ist unter dem gemeinsamen Druck der Arbeiter, des offiziellen Wirtschaftsplans und des Abgangs der Siedler geschehen (1). Das ist der Sektor, auf den die MPLA ihre Wirtschaftsmacht stützen will, indem sie ihn auf den inneren Markt orientiert und erste Schritte einer Investitions- und Industrialisierungspolitik einleitet. Hier nimmt das Projekt des Staatskapitalismus konkrete Konturen an.
schließlich, und darin unterscheidet sich Angola nicht sehr von dem, was man vor 15 Jahren in andern afrikanischen Ländern beobachten konnte, gibt es einen ziemlich verarmten Sektor, der der nationalen Privatinitiative geöffnet ist: der kleine und mittlere Handel, der Tourismus, Schwarzmarkt usw.
Der Entwicklung des Zwischensektors wird die Regierung größte Aufmerksamkeit widmen. Hier will sie Glaubleihen können.
AUTORITÄRE HERRSCHAFT
UND REPRESSION
In den letzten Monaten des Kampfes ist auch den Begeistertsten klar geworden, daß díe MPLA als radikale. Ben War bedien une Bat auf le Miten ench am Ausgang eines komplexen historischen Prozesses hinter das Banner der MPLA gegen die Reaktion geschart haben, bestätigt natürlich, daß sich hinter den verschiedenen politischen Kräften verschiedene historische Interessen verbergen. Aber das reicht selbstverständlich licht aus um sicherzustellen, daß die MPLA in irgendeiner Weise einen antikapitalistischen Weg einschlagen Seit dem November 1975 hat die MPLA-Führung frontal die Strukturen angegriffen, die den am weitesten fortgeschrittenen Flügel der Nachbarschaftskomitees von aus. Aktive Kämpfer wurden ins Gefängnis geworfen und terrorisiert, ohne daß der Volksbewegung jemals Gelegenleit gegeben worden sei, die Differenzen kennenzulernen und zu diskutieren. In all ihren Reden haben die Führer der MPLA niemals einen Zweifel Im Oktober 1975 schloß sich ein Teil dieser Amilcar Cabral-Komitees im Untergrund zur Kommunistischen Organisation Angolas (OCA) zusammen, Anziehend an liesem Projekt war aber nichts als der Name, denn nach iner Periode des Entrismus in die MPLA schenkten liese Aktivisten der MPLA -Führung Kredit und begannen len Einfluß des sowjetischen Sozialimperialismus zu denunzieren und riefen zum Boykott der UdSSR auf, Diese unverantwortliche, maoisierende Wende um 180 Grad hat den repressiven Plänen von Agostinho Neto und Lucio Lara natürlich Vorschub geleistet. Die OCA wurde nach ind nach durch Verhaftungen in Luanda, Malange unc Lobito abgedrängt und stark geschwächt. Das Regime nahm Beziehungen zwischen der OCA und Elementen einer alten Tendenz der MPLA, die aus dem zweiten sönlich Selbstkritik üben, wenn sie sich der Bewegung wieder anschließen wollten oder auch nur einen Schließlich kam die Reihe an frühere Mitglieder der Henda Komitees, so an ihren Führer Betigno, der ehemals eine verantwortliche Stellung im Apparat bekleidete. 'on einem Teil der Bewegung im Stich gelassen, veroren diese Aktivisten ihren Radiosender "Oudia Baguela" der sehr populär, weil antibürokratisch war. Daraufhin versuchten mehrere hundert Leute in Luanda eine Dearbeiten und hat keine Chance mehr, im staatlichen Sektor eine Anstellung zu finden.
Kann man vor dieser Repression die Augen verschließen che Aktivisten eingenommen zu haben, die während der Kämpfe die MPLA völlig unkritisch unterstützten. Für das Stillschweigen - 4um das antiimperialistische Lager nicht zu schwächen" -- haben sich einer traurigen logik zufolge auch Organisationen wie die PSU (Vereinigte Sozialistische Partei) oder Révolutiont in Frankreich entschieden. (2).
Die beste Antwort darauf hat die Massenbewegung selbst gegeben. Diese Repressionhat sich nicht nur gegen einige "Linksradikale" gerichtet, sondern sie diente dazu,
die Stadtteilkomitees wieder unter Kontrolle zu bekommen, sie ins Schlepptau der MPLA zu nehmen und zu einfachen Transmissionsriemen ihrer Politik zu machen. So kam es, daß man im letzten Juni nach einer Reihe von Verhandlungen zwischen den Fraktionen des Politbüros der MPLA beschloß, die Führer der Nachbarschaftskomitees in Luanda offiziell zu wählen. Während dieser Wahlkampagne wurde immer wieder nachhaltig darauf hingewieschlug für jedes Stadtviertel eine Einheitsliste der Kanlidaten vor, wobei die mit den höchsten Stimmzahlen len Posten bekommen und die ander zu ihren Stellvertretem ernannt werden sollten. Die Biographie der Kandidaten war sorgfältig unpoli tisch gehalten und all diejenigen, zum Sieg verholfen und Afrika seine besten Kampferfahrungen vermittelt hat, unterjocht.
LUCIO LARA "Was sollen die Komitees?", soll Lucio Lara seinen Gegler Nito Alves gefragt haben, "der Staat wird durch die Ben werden nach kompletten Regen der Wan und der Die Leitungskomitees in den Betrie- Aufteilung der Verantwortlichkeiten zusammengestellt. Immeraber spielen von der MPLA gewählte Leute eine zentrale Rolfe und dies umso mehr, als es die Aufgabe dieser Komitees ist, "die Politik der MPLA umzusetzen". Die MPLA kann damit sehr rasch zum Rückgrat der Regierung undVerwaltung des Landes werden, vor allem mittels ihrer Aktionsgruppen, ihrer Armee (die FAPLA), der Organisation zur Verteidigung des Volkes (PDO) und der politischen Polizei (DISA).
in die Stelle des ursprünglichen Kräfteverhältnisse wischen der MPLA und den Arbeiter ist eine autoritäre manchmal ohne viel zu fackeln in den Norden versetzt Seit der Unabhängigkeit haben diese Völker verstanden, daß sie das Recht haben, nicht mehr emigrieren zu müssen, um ihre Arbeitskraft zu verkaufen.
DER STAAT NIMMT KONTUREN AN .Is die Unabhängigkeit errungen war, beschlagnahmte ie MPLA für sich das Monopol der Macht. Die Regie• sidenten. Nach dem Motto eine Hand wäscht die andere" wurde Lucio Lara zum Sekretär des Politbüros der MPLA ernannt; das ist der zweithöchste Posten in der Hierarchie des Landes, im Rang höher als der des Premierministers. Der Rest --Ministerposten, Schlüsselpositionen, usw. -in eine Partei umzuwandeln.
einige sprechen von einer Arbeiter- und Bauern-Allianz, während andere, Vorsichtigere, die Formel der"antiimperialistischen Front der Arbeiter, Bauern, Kleinbürger und patriotischen Bourgeois" vorziehen. Aber nichts steht endgültig fest. Die einen und die andern diskutieren über verschiedene institutionelle Strukturen eines und desselben Staates, der in seinen Formen und in seiner Funktionsweise immer bürgerlich gewesen ist. Die Tatsache, daß es kleinbürgerliche nationalistische Schichten sind, die heute die Kontrolle über den Staat ausüben, ändert nichts an dieser politischen und sozialen Wirklichkeit.
Politische Macht ist nun Quelle der Akkumulation von hohen Posten und Pfründen. Ein gewisser Bires ist Direktor des Kabinetts des Außenministers, aber auch Richter und Professor. Dasselbe gilt für den Staatsanwalt Manuel Rui Monteiro. Escorcio, Protokollchef im Präsidentschaftsamt, ist zugleich Inhaber des großen Restaurants in Luanda, "Panque" ("das Fressen"). Neto rechtfertigt diese der MPLA nicht mehr einverstanden zu sein, im öffentlichen Dienst nicht arbeiten dürfen. Einige sind deswegen sogar ohne Prozeß verhaftet und ins Gefangenenlager Sapu transportiert worden.
Das Regime Verurteilt einige Söldner des Imperialismus und richtet einige dieser Bluthunde auch hin. Es greift ein, wenn Soldaten der FAPLA gegenüber der Bevölkerung ausfallend werden. Aber es schweigt darüber daß Aktivisten, die gegen die Reaktion gekämpft und Komitees ins Leben gerufen haben, nun verhaftet sind und ohne Prozeß gefangengehalten werden. Es gibt innerhalb der MPLA le ine Kraft mehr, die in der Lage wäre, gegen die jetzige Rechtswende zu kämpfen. Dennoch ist es möglich, daß zwischen den Fraktionen dieses Regimes neue Krisen ausbrechen. Es ist noch nicht möglich abzusehen, welches die ökonomischen Differenzen in Bezug auf den staatlichen Sektor und auf die Beziehungen zum Imperialismus sein werden, doch sicher ist, daß die Aufteilung der Macht unter die Frak- NETO
ionen unweigerlich Differenzen über die Art und Weis les Aufbaus des Staates Angola und die Festigung seine Führung hervorbringen wird.
DIE KUBANER
Ohne die Anwesenheit der Kubaner in der Verwaltung, den Krankenhäusern, den Kasernen, usw. wäre die Desorganisation so groß, daß es die MPLA viel schwerer hätte, ihre Autorität in den Städten zu festigen. Castro hat zwar von ihrem Abzug gesprochen, aber es gib gewisse Anzeichen dafür, daß das Gros bleiben wird auch wenn der Personalbestand ausgetauscht wird, Di Anwesenheit der Kubaner ist nicht nur wegen den "nationalen Wiederaufbau" nötig. Es gibt immer noch Widerstandsnester der UNITA und auch die FNLA spricht davon, den bewalineten Kampf wiederaufzunehmen. Ir jüngster Zeit hat die MPLA dies öffentlich zugegeben als sie Zaire beschuldigte, Söldner ins Land einzuschleusen.
Als die südafrikanischen Truppen sich aus Angola zurückgezogen haben, haben sie entlang der Grenze Namibias einen 70 km breiten Streifen Niemandsland geschaffen, aus dem sie die Bevölkerung mit den von ihnen bekannten Methoden evakuiert haben. Sicher befinden sich dort heute die Stätten der UNITA. Einige Wider- 1re name one le bats in caste discommen. auf der sie eine kleine Landepiste entdeckten, fellos dazu gedient hat, Hilfe aus Südafrika einzufliegen. Die FAPLA und die Kubaner versuchen nun, diese Nester zu umzingeln ; Jonas Savimbi, der Führer der UNITA, muß sich noch in einem von ihnen aufhalten, Damit könnte den Hinterhalten, die die UNITA legt, bald ein Ende gemacht werden.
Die bürokratische Beschlagnahmung des Staatsapparats durch die MPLA unddie Konkurrenz zwischen den Cliquen fördert bei den Ideologen der offiziellen Presse ein Vokabular, das keinen Widerspruch duldet. Eine gute Dosis marxistischen Wortschwalls und ein an Kuba und die Sowjetunion gerichtetes stereotypes Dankesritual sind das beste Rezept, um Appelle zur Disziplin und zur Arsozialistischen Überzeugung Doktor Netos zweifeln? beitsamkeit zu rechtfertigen. Wer sollte da noch an der Repression und autoritäres Gebaren sind zum politischen Gegenstück des sozialen Prozesses geworden, der in len wenigen Monaten seit der Unabhängigkeit der VR An• und nun haben Karrierismus, bestürzender Bürokratismus und Cliquenwirtschaft gegenüber der Massenbeweweiterhin einen zentralen Stellenwert. Wird dieser Kampf spontan in einem Arbeiterstreik ausbrechen, oder wird er das Ergebnis einer Revolte des Ekels gewisser unterer Kaderschichten in der MPLA und im Verwaltungsapparat sein? Auch das ist schwer vorherzusagen. ANMERKUNGEN :
einige funktionieren nur zu 25% ihrer Kapazität. (2) Die PSU ist in den 50er Jahren aus einer Spaltung ler Sozialistischen Partei Frankreichs hervorgegangen; sie stellt heute eine linkszentristische Bewegung dar, Revolution! ist eine Abspaltung der Ligue Communiste, der französischen Sektion der IV. Internationale; sie wurde 1971 gegründet.
(3) bezieht sich auf die Kampagne für die Zehn-Millionen - Tonnen-Zuckerernte in Kuba 1970.
(1) Nito Alves ist Innenminister und spielt mit einen linken Vokabular über "Volksmacht"; Iko Carera ist Verteidigungsminister.
SRI LANKA
Das