Es ist nun möglich, einige Schlüsse zu ziehen. Die durch und durch falschen Theorien und Interpretationen der chinesischen Führung haben unerhörte praktische Folgen, die man folgendermaßen zusammenfaßen kann:
- auf der Ebene der intemationalen Auseinandersetzung konzentrieren sie ihre Angriffe auf die UdSSR und decken damit die Verantwortung des amerikanischen Imperialismus, erleichtern sogar objektiv seine Machenschaften; - ihre Haltung zu Westeuropa und die daraus resultierenden politischen und diplomatischen Stellungnahmen stärken die Bourgeoisie der Lănder in und außerhalb der EG; die Initiativen ihrer Regierungen und Politiker, selbst wenn es sich um Reaktionäre handelt, werden in ein vorteilhaftes Licht gerückt; - von derselben Tendenz ließ sich die Politik Chinas in den kolonialen und neokolonialen Ländern leiten, besonders in kritischen Situationen, in denen die Beziehung eines klaren Klassenstandpunktes eine dringende Notwendigkeit war. Mit Lotta Continua zu sagen, daß "die chinesischen Entscheidungen auf einer anderen, unterschiedlichen Ebene anzusiedeln sind, als die der revolutionären Kräfte im Klassemkampf eines jeden Landes" ist klägliche Beschönigung, leige Rechtfertigung. Die chinesischen Positionen und die Handlungen derer, die sich an ihnen orientieren, stehen in Widerspruch zum revolutionăren Kampf der Arbeiterklasse. Portugal, Chile, Angola, Sri Lanka usw. zeigen dies unwiderlegbar, auch unabhängig von einer theoretischen Überprüfung.
Eine weitere Beweisprobe liefern die Beziehungen zwischen der chinesischen Funring und der arbeiterbewegung und besonders der revolutionären Linken in anderen Ländern. Laut Lotta Continua nutzt China "die marxistisch-leninistischen Parteien Europas auf provokatorische Weise, da sie "nicht existieren, außer wenn über ihre Reisen solche sich den diese wird. Provokation richte men richten? Sicher nicht gegen die Imperialisten; solche Verlautbarungen sind von ihrem Standpunkt aus sinnlos und sie nehmen sie deshalb gar nicht erst zur Kenntnis. Etwa gegen die "Sozialimperialisten"? Aber die sowjetische Führung kann aus solchen Clownerien nur Gewinn ziehen, da sie objektiv die kommunistischen Parteien, die sie beeinflußt, aufwerten. Höchstens könnte sich die "Provokation" gegen die Militanten und Gruppen richten, die die sogenannte chinesische Kuiturrevodigion positiv bewertet haben, China als "notwen- Bezugspunkt anerkannt haben, in den Ländern, in denen sie kämpfen, Kredit gewonnen haben und nun vor die Nase gesetzt bekommen, daß Peking ihnen groteske Figuren und schattenhafte Gruppen vorzieht.
Aber handelt es sich nur um eine Harlekinade des chinesischen Staates, die ihm nicht viel einbringt? Nein. Auch hierin steckt eine Logik. China legt Wert auf Beziehungen unbedingter Unterwerfung, strengster Orthodoxie, auf automatische Anpassung an jeden möglichen strategischen oder taktischen Schwenk. Anders gesagt: was die Führer der KPCh hier durchsetzen wollen sind ungeheuer bürokratische Beziehungen. Wenn Seiten über Seiten den Aktivitäten von Gruppen gewidmet werden, die nicht existieren, den Zitaten von Zeitungen, die nur nach Peking das Echo von haben, und gleichzeitig über die Kämple der dem zurücksenden, was sie aus Peking Revolutionäre und der kommunistischen Parteien in Länder wie Portugal, Spanien, Frankreich und Italien nichts gesagt wird, dann beleuchtet das aul paradoxeste Weise, was die Grundlage tur die Haltung der chinesischen, wie früher auch der Stalinschen und heute noch der sowietischen Bürokratie bildet: die Unterwerfung der Bedürfnisse des Kampfes der Arbeiterklasse der ganzen Welt unter die Interessen eines besonderen Staates.
Nur wer sich selbst und andere täuschen will, kann die Sache so darstellen, als handele es sich um besondere Fälle, um einzelne Abweichungen. Eine ganze Reine von Ereignissen und Stellungnahmen in kritischen Momenten zeigen, daß es sich um eine globale Linie handelt. Gerade diejenigen, die China unterstützt und ihm Beifall gespendet haben, in der Hoffnung, die chinesische Führung erweise sich als eine revolutionăre Führung, die der internationalen Arbeiterbewegung neue Perspektiven eröffnet, müßten das dringende Bedürfnis spüren, grundsätzlich über den Charakter dieses Landes nachzudenken.
Die Schlußfolgerungen, die Lotta Continua aus ihren empirischen Betrachtungen über die chinesische Politik zieht, sind zumindest objektiv pessimistisch: "Das Problem ist heute, wirklich auf die eigenen Kräfte zu bauen -dies gilt für die europäische revolutionäre Linke und noch mehr für die im Mittelmeerraum -- und theoretisch und praktisch eine Antwort zu finden auf die konkrete Herausforderung, die in der Haltung der chinesischen Genossen enthalten ist: ist es möglich, in diesem Gebiet die Revolution durchzu führen, sich vom amerikanischen Imperialismus zu befreien, oline unter die Kontrolle des Sozialimperialismus zu geraten?"
Die Entscheidung, sich nur auf die eigene Kralt zu verlassen, beinhaltet --ob man will oder nicht-- den Verzicht auf die internationale Dimension des eigenen Kampfes, und für diesen Verzicht muß man unweigerlich einen Preis bezahlen. Man nehme das Beispiel des chilenischen MIR, der in den Jahren der Ünidad Popular ähnliche Positionen vertrat und über einen unbestimmten Internationalismus, eine vage Anlehnung an Kuba nicht hinausging, aber gegenüber wichtigen Fragen der internationalen Arbeiterbewegung keine klare Stellung bezog. So ist praktisch die Einsicht verküminert, daß der Kampf in Chile nicht zu trennen war vom intemationalen Kontext, in dem Kräfte und Tendenzen am Werk waren, die in der einen oder anderen Weise in Chile einreifen mußten (dies wäre noch viel mehr der fall gewesen, hätte sich das Experiment fortgesetzt, oder wäre es zur Bildung eines Arbeiterstaates gekommen). Zu diesen Kräften sind in erster Linie der amerikanische Imperialismus zu zählen und die lateinamerikanische "nationale" Bourgeoisie, aber auch die sowjetische Bürokratie, und in geringerem Maße selbst die chinesische Bürokratie, nicht zu reden von der widersprüchlichen Einflußnahme der kubanischen Führung
Ohne diese internationale Dimension kann, heute weniger denn je, die revolutionäre Bewegung nicht siegreich sein. Das gilt nicht nur für die ziemlich undefinierte "Mittelmeerzone" • sondern mehr noch für Westeuropa, wo ein beachtlicher Grad an sozialer, ökonomischer und politischer Interdependenz erreicht worden ist. Die siegreiche Revolution in einem Land wie Spanien, Frankreich oder Italien stünde sofort vor drastischen ökonomischen Entscheidungen "Sozialis- da die Rückbesinnung auf die Autarkie des mus in einem einzigen Land" unmöglich wäre. Noch bevor die politische Dynamik voll wirksam würde, würde die ökonomische Dynamik die Revolution vor lolgende Alternative stellen: Ausweitung der Revolution oder ihre Erstickung und Unterdrückung. Und es wird sehr schwer sein, die Aufgaben zu lösen, wenn diese Perspektive nicht von vornherein klar ist, wenn die europäische und die internationale Arbeiterbewegungdarauf nicht vorbereitet ist. Mehr noel, Nur politische Kurzsichtigkeit oder das Nachbeten einer Theorie, deren Falschleit und äußerste Doppeldeutigkeit wir hier aufgezeigt haben, kann die oben genannte Altemative in die Termini übersetzen: Einflußbereich der USA oder Einflußbereich der Sowjetunion. Eine qualitative Strukturveränderung der Wirtschaft in Spanien, Frankreich oder Italien würde im Gegenteil Projekte nicht nur einer Zusammenarbeit, sondern sogar einer wirklichen ökonomischen Integration mit Osteuropa und der UdSSR realsierba am de en (natilich auch mit ch aut Wer sich an die Schwierigkeiten erinnert, die die sowjetische Bürokratie bei ihrem Versuch gestoßen ist, Länder wie der Tschechoslowakei und Polen ihre Hegemonie aufzuzwingen und daß dieser Versuch bei einem so kleinen Land wie Jugoslawien sogar, gescheitert ist, der versteht, daß es für den "Sozialimperialismus" nicht so leicht wäre, sich Länder wie Frankreich oder Italien einfach zu unterwerfen. Solche Spekulationen können wir getrost der Propaganda und den Untergangsvisionen der Reaktionäre
überlassen. Für uns ist das Gegenteil wahrscheinlicher, nämlich daß eine Revolution und der Beginn des sozialistischen Aufbaus in einem wirtschaftlich und kulturell hochentwickelten Land mit einer gut organisierten und politisch reifen Arbeiterbewegung große Rückwirkungen aul Osteuropa und die Sowjetunion selbst hätte. Dies könnte entscheidend dazu beitragen, die Lähmung aufzuheben, die enormen Widersprüche in diesen Ländern bloßlegen und so den Weg freimachen für große Explosionen wie 1956 in Ungar und Polen, 1968 in der Tschechslowakei, 1970 wieder in Polen.
Nicht "auf die eigene Kraft vertrauen" kann die Devise sein und Entwicklungsbedingungen fü ein Experiment schaffen, das in hermetischer Abriegelung von der restlichen Welt stattfinden soll! Man muß gleichzeitig auf die eigenen und auf die fremden Kräfte zählen, auf die dialektische Interdependenz zwischen beiden in einer globalen Perspektive, in der die Verbindungen unauflöslich sind und immer enger werden. (Ohne hier näher darauf eingehen zu können müssen wir noch auf ein anderes Problem hinweisen: ist es nicht realistisch zu denken, daß eine Revolution in einem europäischen Land selbst auf die amerikanische Arbeiterklasse ihren Eindruck nicht verfehlen könnte und somit dem Imperialismus ein weiteres Hindemis in den Weg gelegt würde?)