Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Schweden

Gegen die chilenische Junta!

Inprekorr Nr. 43, 16. Oktober 1975 · S. 30-17 · 1.251 Wörter

Chile Skandinavien

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SCHWEDEN: Gegen die chilenische Junta!

Am 20. September wurde das Dorf Bastad, der luxuriöste men Sturz der Regierung der Unidad Popular mit großen Ferienort der schwedischen Bourgeoisie, zum Versamm - Geldsummen zu finanzieren. lungsort einer der größten Solidaritätsdemonstrationen mit Chile, die je in Schweden stattfand. Ungefähr Die Mobilisierung wurde durch die dauernde Existenz 7 000 Demonstranten kamen aus dem ganzen Land: einer starken Chile-Solidaritätsbewegung in Schweden er- 1 200 aus Stockholm (600 km entfernt), 1 500 aus Göte- möglicht. Dies zeigte sich schon am 11. September, dem borg (200 km entfernt), und sogar 100 aus Umea (1 200 zweiten Jahrestag des Putsches, als 7 000 in Stockholm km entfemt). Außerdem waren 150 aus Dänemark ge- demonstrierten und 8 000 an vielen anderen Orten im kommen und kleinere Gruppen aus Finnland und Norwe- ganzen Land. Die Chile-Komitees benutzten diese Degen. Warum Bastad? Weil dort die schwedische Davis- monstrationen, um für das folgende Wochenende unter Cup-Tennismannschaft mit der chilenischen Mannschaft der Parole "Stoppt das Match" zu mobilisieren. Diese spielte. Die schwedischen staatlichen Stellen hatten Parole, sowie Fragen, die damit zusammenhängen (Sisich geweigert, das Match zu boykottieren, was die tuation in Chile, z.B.) wurden in dem Monat vor dem Chile-Solidaritätsbewegung als eine offene Provokation Stattfinden des Match zu dem Thema, das in der Presse ansah, die es der chilenischen Junta erlaubte, auf inter- und in Radio und Fernsehen am härtesten diskutiert wurde. nationaler Ebene Punkte zu gewinnen. Darüber hinaus Dafür gibt es einen besonderen Grund, Im Mai 1968 war einer der chilenischen Sportler, James Fillol, ein stoppte die extreme Linke ein Spiel gegen eine rhodeaktiver Unterstützer der extremen Rechten -- sogar sische Mannschaft, indem sie in das Stadion eindrang, vor dem-Putsch von 1973. Unter anderem half er den wo es zu gewaltsamen Zusammenstößen mit der Polizei "Streik" der Fuhruntemehmer kurz vor dem gewaltsa - kam. Ein Ergebnis dieser Aktion war es, daß keiner

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mehr sagt, daß Politik und Sport vollkommen getrennte Angelegenheiten sind, außer ein paar ziemlich dumme Konservative, denen sowfeso keiner zuhört. Diesmal beschlossen die bürgerliche Presse und die Sozialdemokraten, die Solidaritätsbewegung mit einem subtileren Argument zu konfrontieren:" Selbstverständlich sind wir alle der Meinung, daß das chilenische Regime schrecklich ist, und daß wir unseren Ekel ausdrücken müssen, indem wir gegen das Match demonstrieren. Aber derjenige ist ein Terrorist, der sagt, daß er Gewalt anwenden will, um das Match zu stoppen. Er verletzt damit das demokratische Recht, Versammlungen abzuhalten (d.h. das Match !), und zeigt damit seinen eigenen antidemokratischen Charakter. " Mit diesem Argument klagten die Sozialdemokraten die Chile-Komitees an, sie würden die Solidaritätsbewegung spalten und riefen zu einer eigenen Demonstration zwei Tage vor dem Match auf. Dies war ein Versuch, die Mobilisierung zu spalten und zu verwirren.

Aber dies wurde von einem weiteren und gewichtigeren Argument ergänzt: 1 500 Bullen mit Pferden, Hunden, mit einer "Anti-Aufruhr-Ausrüstung" und mit Hubschraubern wurden in das Dorf Bastad geschickt. Die Regierung erklärte, daß sie nicht gewährleisten könne, daß es keine Schwerverletzten oder sogar Tote geben würde, um die Leute zu erschrecken und von der Demonstration fernzuhalten, Diese kombinierte Taktik der sozialdemokratischen Regierung scheiterte vollkommen. Dies läßt sich an verschiedenen Tatsachen festmachen:

1. In Chile selbst war jeder über die Solidaritätsmobilisierung informiert. Die Parolen -- viele wurden in Spanisch gerufen -- waren in der chilenischen Femsehübertragung des Match zu hören, Mehrere hundert große rote Luftballons, auf denen je der Name eines Chilenen stand, der von der Junta ermordet worden war, wurden von den Demonstranten losgelassen, so daß der chilenische Fernsehkommentator gez wungen war, zu erklären, daß eine große Demonstration gegen das Match statt fand, -- von "bezahlten Marxisten" organisiert, wie er sagte. Die Presse der Junta versuchte, das Kleinbürgertum in einer nationalistischen Kampagne gegen ganz Schweden zusammenzufassen, aber es ist anzunehmen, daß diejenigen Inform ationen, die die Junta geben mußte, um die Kampagne zu erklären, eine Ermutigung für alle unterdrückten Arbeiter in Chile waren.

2. Der Druck auf die schwedische Regierung, konkrete Maßnahmen gegen die chilenische Junta zu ergreifen, nahm zu. Momentan boykottieren nur die Hafenarbeiter chilenisches Material.

3. Obwohl es der Demonstration wegen des massiven Polizeieinsatzes nicht gelang, das Match zu stoppen, hält dennoch jeder die Mobilisierung für einen Sieg. Das Tennis-Match selbst wurde nebensächlich. " Die Demonstration gewann das Match" war die Schlagzeile von Dagens Nyheter, der größten bürgerlichen Tageszeitung. Einige bürgerliche Kommentatoren stellten sogar die Frage, ob es richtig war, 1 Million Dollar auszugeben, um derartige Polizeikräfte gegen Demonstranten zu mobilisieren, die schon vor der Demonstration gesagt hatten, daß sie nicht nach Bastad kamen, um die Polizei zu bekämpfen.

4. Das Spaltungsmanöver der Sozialdemokraten miß- • lang vollkommen. Nur 1 000 kamen zu ihrer Demonstration zwei Tage vor dem Match. Diese Demonstration fand kaum ein Echo in der Presse. Das Problem der Sozialdemokraten wurde von einem sozialdemokratischen Reporter nett zusammengefaßt: "Wir haben schlechte Kontakte zur Jugend. Unsere Veranstaltungen und Demonstrationen bestehen hauptsächlich aus Rentnern. "

5. Die Demonstration war ebenso ein Sieg für diejenigen, die eine richtige Position zur Aktionse inheit haben, was angesichts der sektiererischen Tradition, die auf die großen maoistischen Gruppen und sogar auf die KP zurückgeht, ungeheuer wichtig ist. Aber diesmal blieben die sektiererischen Manöver der Maoisten und der KP erfolglos. Die maoistische Gruppe SKP (Sveriges Kommunistiska Parti - Kommunistische Partei Schwedens) legte in den Wochen vor der Demonstration ein außerordentliches Benehmen an den Tag. Dreimal änderten sie ihre Linie. Zuerst argumentierten sie, daß Chile ein "legitimer Staat" sei, und daß das Match deshalb stattfinden solle. Der Hauptfeind, sagten sie, seien die zwei Supermächte, und die Mobilisierung würde vom Kampf gegen die zwei Supermächte ablenken. Nachdem sie durch diese Position vollkommen diskreditiert waren, beschlossen die SKP-Führer, daß das Match zwar stattfinden sollte, daß es aber dennoch eine Demonstration dagegen geben sollte. Aber diese Position verringerte den Druck, den sie von ihrer eigenen Basis und von der Mobilisierung selbst fühlten, nicht, und so argumentierten sie in der letzten Minute doch noch, daß das Match gestoppt werden müsse.

Die KP hat ebenfalls einige sektiererische Manöver gemacht, Die KP-Führung nahm an der Propaganda und Mobilisierung teil, die dazu aufrief, das Match zu stoppen, aber in der letzten Minute machte sie ein Spaltungsm anöver. Unter dem Druck von seiten der Sozialdemokratie und der Bourgeoisie, die der KP vorwarfen, daß sie sich an der Vorbereitung einer Demonstration beteiligte, die Gewalt anwenden wollte, sah sich die KP veranlaßt, sich von den Chile-Komitees in der Frage, ob die Ordner der Demonstration mit Stöcken bewaffnet sein sollten und ob sie Helme tragen sollten, abzuspalten. Die KP warf den Chile-Komitees vor, daß ihre Taktik die Polizei und die lokalen Reaktionäre provozieren würde. Stattdessen wollten sie vollkommen unbewaffnete Ordner haber, was den reaktionären Banden erst eine wirkliche Angriffsmöglichkeit gegeben hätte. Die KP konnte nicht verstehen, daß es die Gegenwart der Demonstranten war, (Fortsetzung auf S. 32) 31 ===== S. 17 | Inprekorr_19751016_043_017.jpg ===== (Fortsetzung von S. 31)

die in den Augen der lokalen Reaktionäre und der motorisierten Banden der Nachbarorte die Provokation darstellte. Das Ergebnis der KP-Politik war eine getrennte Demonstration 200 Meter hinter der Hauptdemonstration, an der sich 1 000 beteiligten.

Das Scheitem der sektiererischen Politik der Maoisten und der KP ist ein wichtiger Erfolg für die anti-stalinistische Linke in Schweden und besonders für den Revolutionära Marxisters Förbund (Revolutionär-marxistischer Bund), die schwedische Sektion der IV. Internationalen, die eine der Hauptkräfte der Mobilisierung war.