Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Der Putsch: Seine Ursachen und Folgen

Inprekorr Nr. 41, 18. September 1975 · S. 17-20 · 2.319 Wörter

Indien und Südasien Sowjetunion Afrika

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Der Sturz und die Erschießung von Scheich Mujibur Rahman markiert das Ende einer Phase bengalischer Politik und den Beginn einer neuen, Mujibur Rahman war als einziger bürgerlicher Politiker in der Lage, seine eigene Partei zusammenzuhalten und gleichzeitig eine bonapartistische Rolle in der ben• galischen Gesellschaft als ganzer zu spielen. Seine Entfernung von der politischen Bühne durch junge Offiziere der Armee beseitigt die solideste Säule bürgerlicher Stabilität und wird im Land eine Periode der Instabilität eröffnen. Die Bourgeoisie in Bangla Desh und von ganz Südasien, ganz zu schweigen von den Vereinigten Staaten, werden es schwer haben, Rahman zu ersetzen; der Jubel, mit dem bürgerliche Kreise seinen Tod begrüßten, mag schon bald äußerster Verzweifluns latz machen.

Es ist erst drei Jahre, daß Mujib wie ein Held empfangen wurde, als er von Pakistan nach Bangla Desh zurückkehrte. Drei Millionen Menschen säumten damals die Straßen und das begeisterte bengalische Volk verlieh ihm den Titel eines "Bangabandhu" (Freund Bengalens). Aber vor drei Wochen, als Mujib mit seiner gesamten Familie Antwort, Nicht einmal eine Demonstration oder vernichtet wurde, gab es kaum eine öffentliche 03cn einen Streik. Es ist nicht schwer, die Gründe für diesen scharfen und raschen Niedergang seiner Popularität zu verstehen.

Krise und Korruption

Die Aulgabe, mit der Mujib und seine Awami Liga konfrontiert waren, nachdem Bangla Desh die Unabhängigkeit gewonnen hatte, war nicht leicht. In einem Land mit 80 Mio. Menschen (mit der höchsten Bevölkerungsdichte der Erde) und einer exlebt auf dem Land) machten sie sich daran, tremen Unterentwicklung (90 % der Bevölkerunnen kapitalistischen Staat zu errichten. Aber trotz der Hilfe der indischen Regierung und der Sowjetunion scheiterte die Awami Liga an der Bewältigung der gesellschaftlichen Krise.

Das war keine Uberraschung, denn die Lösung der Probleme, denen die bengalischen Massen gegenüberstehen, erfordert die sozialistische Revolution. Stattdessen begann die Awami Liga damit, die Grundlage für einen bürgerlichen Staat zu legen. Viele ihrer Führer wurden über Nacht reich. Die Gier nach Geld hatte Szenen zur Folge, die an den Wilden Westen Amerikas erinnern, - Schies-

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BANGLA DESH sereien zwischen rivalisierenden Banden von Mitglieder der Awami Liga, die sich ausländische Hilfsguter anzueignen versuchten, welche gerade im Haen ausgeladen wurden.

Für gewisse Zeit war Mujibur Rahman in der Lage, als "Vater der Nation" zu erscheinen, so, als stünde er über den sich bekämpfenden Banden seiner eigenen Partei. Aber der Gestank der Korruption begann sich auch bald in seiner eigenen Familie auszubreiten und seine persönliche Position wurde immer mehr in Frage gestellt. Zu Begann dieses Jahres versuchte er zurückzuschlagen, indem er sämtliche Parteien mit Ausnalıme der Awami Liga verbot und einen von Moskau und den politisch pro-Moskau eingestellten Kräften in Bangla Desh selbst unterstützten Einparteien-Staat errichtete. Diese Kräfte lösten ihre Organisationen auf und gingen in Mujibs Partei aul. Die anderen Parteien gingen in den Untergrund.

Aber trotz des Einparteien-Staats hielt die Unruhe an, Die unmittelbare Ursache für Mujibs Sturz und seine Erschießung ist die Tatsache, daß er seine Familie protegiert hatte. Untersuchen wir einige Beispiele dieser Vetternwirtschaft: 1. Scheich Nasir, Mujibs jüngerer Bruder, wurde "Pate" von Nordbengalen, intem er ungeheuren Reichtum durch Devisenschmuggel anhäufte. Im Verlauf einer Untersuchung durch die Armee kam Major Salaldin Nasir zu nahe. Einige Tage später betrat eine Gruppe von Gangstern das Büro des Majors in der Stadt Jessore und schoß ihn nieder. Sie wurden niemals gefaßt, Scheich Nasir wurde während des Putsches getötet.

2. Scheich Moni, ein Neffe Mujibs, war Chefreporter bei einer Wochenzeitung; er bezog ein Nonatsgehalt von 300 taka (etwa 22 US Dollar). Unter der Regierung seines Onkels wurde er Eigentümer von zwei Tageszeitungen im Wert von mehr als 10 Mio. taka. Moni war inoffizieller Chef vieler Ministerien und Direktorien und wurde Sekretär der Awami Liga, der einzigen legalen polöse ten Partei des Landes.

3. Ein weiterer Neffe Mujibs, Scheich Shahidul Islam, wurde Chef des Studentenflügels der Awami Liga, Islam terrorisierte regelmäßig die Frauenherbergen von Dacca; er war weit und breit als Vergewaltiger bekannt. Er entführte und heiratete gewaltsam die 13jährige Tochter eines Vorstandsmitglieds der Staaisbank, Später wurde er Chef des Parfümmonopols des Landes, vermutlich, um den Geruch seiner anderen Aktivitäten zu überdecken. Er wurde ebenfalls während des Putschs getötet.

4. Scheich Kamal, Mujibs Sohn, war in Schmuggel und Plünderung verwickelt. 1973 wurde er von der Polizei bei einer Plünderingsaktion angeschossen. (Die Polizei wußte nicht, daß er es war.) Die verantwort lichen Polizisten verloren nacheinander ihre Posten. Scheich Kamal pflegte seine Bestechungsgelder stets auf besonderen Wagen zu wiegen. Auch er soll bei dem Putsch getötet worden sein.

5. Kamals jüngerer Bruder Jamal erhielt kürzlich eine Ausbildung an der britischen Militärakademie in Sandhurst: aber er war bekannter für seine Ver. wicklungen in eine Schmuggelaffäre mit einer Gruppe von Geschäftsleuten aus HongKong. Auch er wurde bei dem Putsch getötet.

Die neuen Offiere

Die jungen Majore, die Mujib töteten, sehen sich nun selbst einer ernsten Krise gegenüber. Sie haben keine klare Perspektive, außer, daß sie feindlich gegenüber Indien eingestellt sind. Die Ernennung eines bekannten US-freundlichen Politikers, Mushtaq Ahmed (früherer Minister in Musis as lien in der pat ist en wiest zweiterand, etwas lösen. ob Mushtaq die nächsten paar Monate überstehen wird.

Da die Bangla Deshı-Offiziere kein soziales Programm oder etwas ähnliches haben, werden sie selbst gegen die Korruption nur schwer etwas ausrichten können und sei es auch nur vorübergehend. Nach den Erfahrungen unter dem Ajub-Reime (1958-68) scheiterte selbst das Kriegsrecht das gegen die Korruption verhängt worden war, abgrundtief an diesem Problem. Und der Grund ist einfach: die Korruption kann weder durch mora lische Appelle noch durch wahllosen Gebrauch der Bajonette ausgerottet werden. Sie hat tiefe vurzein in der gesellschaftlichen Krise und kant nur frontal durch die Bekämpfung dieser Krise anegriffen werden. Es gibt absolut kein Anzeicher lafür, daß die bengalische Armee dazu in der Lage ist. Im Gegenteil, das grundlegende Kennzeichen von Bangla Desh war immer die extreme Schwäche des Staats und des Staatsapparats. Diese Schwäche stand nicht beziehungslos zu der Art und Weise, wie der Staat entstanden ist, die Figur Mujibur Rahmans so bedeutend für den Zusammenhalt des Staats und seines Apparats machte. Selbst Mujib hatte Schwierigkeiten, der wachsenden Krise fertigzuwerden und mußte zum Einparteien-Staat Zuflucht nehmen. Persönlich von Korruption umgeben, wuchs nur der Arger breiter Schichten der Bevölkerung, so schreiend im Gegensatz zu der wachsenden Armut des Landes stand. Obwohl viele erleichtert sein mögen, daß Mujib beseitigt ist, wird deshalb diese Erleichterung in der Armee und bei ilıren Unterstützern höchstens einige Monate anhalten. Auf jeden Fall bildet die Armee von Bangla Desh ein reiativ neues Element, Ihre einzigen Traditionen sind die des bewaffneten Kampis gegen die pakistanische Armee. Es gab nie ci- "Kriegstradition" in bengalen, Die Briten vermieden es sogar sorgsam, Bengalis für die Armee zu rekrutieren, denn der britische Imperialismus schätzte die Bengalis als politisch unzuverlässig cin und die pakistanischen und indischen herrschenden Klassen folgten derselben Tradition. Deshalb ist der Oberkommandierende der Armee, Shafiullah, der kürzlich ins Außenministrium versetzt wurde, erst 38 Jahre alt. Er ist einer der beiden Generäle in der Armee, die nur 50 000 Mann stark ist. Der andere General, Ziaur Rahman, ebenfalls jung und ein Veteran des Unabhängigkeitskriegs, hat ihn ersetzt, Der Rest der Armee wird von jungen Obristen und Majoren geführt, die alle wkhrend des Krieges von 1971 auf diese Posten befördert worden waren.

Unter den Obristen sind Meinul Husain Chaudhry, Motiur Rahman, Nasim, M,H, Khan und S.A. Bhuia, die allesamt einen Frontabschnitt während des Kriegs 1971 kommandiert haben. Zusammen mit den Majoren Azizur Rahman Chaudhry, ljaz, Ibrahim und Murshed entwickelten sie eine Oppoition gegenüber der Awami Liga, Die Stimmung wie sie in der Erklärung "Wir haben um die Be•

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unseres Volkes gekämpft, und nicht, um zuzusehen, wie die Bastarde von der Awami Liga reich werden" zum Ausdruck kommt, war in der Armee und selbst innerhalb der verhaßten Rakhi jeglicher Opposition eingesetzt wurden, weit ver- Bahíni (Sicherheitskräfte), die zur Unterdrückung breitet.

Diese neuen Führer, zivile und militärische, werden iedoch mit denselben Problemen konfrontiert sein, die schließlich zum Sturz von Mujibur Rahman führten: gesellschaftliches und wirtschaftliches Chaos, verstärkt durch Hungersnot in weiten Teilen des Landes. wir können deshalb mit einer längeren Periode der Instabilität rechnen.

Die Opposition

Was ist mit der Linken? Die pro-Moskau-Gruppen standen fest hinter Mujib - einige ihrer Führer behaupteten auf öffentlichen Versammlungen sogar, er sei der "Lenin des Ostens". Als Mujibs Polizei das Feuer auf pro-Moskau -Studenten eröffnete, als sie 1972 gegen den US-Imperialismus demonstrierten, schwiegen die pro-Moskau-Gruppen dazu. Es kann kaum einen Zweifel daren geben, daß der Sturz Mujibs, die anti-indische Haltung, des neuen Regimes (so sorgsam sie gegenwärtig auch noch ver• schleiert wird), die Anerkennung des neuen Regime durch Peking und die allmähliche Entlassung der maoistischen Gefangenen der gesamten strategischen Linie der pro-Moskau -Gruppen einen schweren Schlag versetzt. Dafür, daß sie Mujib voll unterstützt haben, werden sie nun den Preis zahlen müssen, daß sie einen Einparteien-Staat gutgeheißen haben, zu politischen Schlüsselfragen geschwiegen und die Repression gegen die Maoisten befürwortet oder sogar ermutigt zu haben.

Früher war die größte oppositionelle Kraft im Lande die JSD (Jatiya Samajtantrik Dal - Nationale Sozialistische Partei), eine Abspaltung von der Awami Liga und geführt von Major Ahmed Jalil und Abdur Rab. Eine zeitlang stellte diese Gruppierung für dic iwami Liga eine ernste Gefahr dar, aber sie wurde brutal unterdrückt. Es ist allerdings nicht ausge- schlossen, daß die JSD nach dem Tode Mujibs wieder hervortritt und eine bedeutende Rolle spielen wird. Die Nationale Awami Partei (NAP) des alten sauemführers Bhashani ist an den Rand gedrängt vorden und Bhashani selbst ist hoffnungslos verwirrt und kompromittiert.

Im Untergrund gibt es drei bedeutende maoistische Gruppen: 1. Die Revolutionäre Volkspartei von Ostbengalen hat von allen Gruppen der extremen Linken die größte Basis in den Gewerkschaften und in der Bauemschaft, Während des Unabhängigkeitskriegs richte- te sie ihre eigenen Übungslager ein und ihre besche Armee. waffneten Einheiten kämpiter gegen die pakistani- 2. Die Proletarische Partei von Ostbengalen war die bedeutendste militaristische Gruppe nach dem Unab- Inofokeitskriea.. Sie hatto eine vollkommen ultra inte info andonkehloß dich den Kreo cecon di Awami Liga weiterzuführen.

3. Die Kommunistische Partei von Ostbengalen unter Führung des maoistischen Veteranen Toha hatte eber• falls eine militaristische Linie. Aber nach einer schweren Niederlage im Bezirk Rajshahi im Jahre 1974 zog sich diese Gruppe vom bewaffneten Kampf zurück, Die genannten Gruppen unterscheiden sich von ihren Gegenstücken in Indien dadurch, daß einige von ihnen echte Erfahrungen im bewaffneten Massenkampf gemacht haben. Während des Kriegs kampiten sie in enger Zusammenarbeit mit den jungen Majoren und Obristen der Armee von Bangla verschiedenem Grad blieben sie im Rahmen der maoistischen Orthodoxie, aber die Anerkennung nische und materielle Hille kosten une vielleicht dürfte sie die polisogar die Anprangerung als "Lin Piao-Revisionisten". Einige dieser Gruppen werden zweifellos in den Opportunismus zurückfallen und sich nicht gegen die neue Diktatur auflehnen - weil sie eine rionette des Sozialimperialismus" gestürzt hat. Es ist möglich, daß sie sich weigern, die Freilassung aller politischen Gelangenen zu torder. Die revolutionären Marxisten werden jede Äußerung dieser Art von Opportunismus bekämpfen müssen, entschiedener noch als in der Vergangenheit, was heute in Bangla Desh auf der Tagesordnung steht, ist die permanente Revolution: die einzige Lösung der Krise des Landes liegt im Sturz des kapitalistischen Staats und seiner Ersetzung durch einen proletarischen Staat. Es gibt keine Möglichkeit für irgendein Zwischenstadium der "Neuen Demokratie" (mit unbestimmtem Klassencharakter) oder der bürgerlichen Demokratie. Jede politische Organisation, die sich weigert, dies zu verstehen, wird sich in der Sackgasse wiederfinden. Gegenwärtig bleibt die Situation in Dacca wirr und es wäre verfrüht. bereits im Detail die Orientierung des neuen Regimes zu diskutieren. Berichte, dal die neue Regierung die "Islamische Republik Bangla Desh" ausgerufen habe, sind von Dacca energisch zurückgewiesen worden, zum Erstaunen des pakistanischen Außenministeriums, das der neuen Rehatten die sofortige Anerkennung ausgesprochen Aber eine Abwendung von der und Indien erscheint wahrscheinlich und sollte ein Bürgerkrieg ausbrechen, so werden die revolutinären Marxisten die Forderung aufstellen, dals alle ausländischen Regimes sich aus Bangla Desh heraushalten und gegen jede neue indische Intervention kämpfen.

Aber das schlagendste Kennzeichen der Ereignisse in Bangla Desh besteht darin, daß sie die Instabilität demonstrieren, die weiterhin auf dem südasiatischen Subkontinent vorherrscht, eine Instabilität, welche die Region seit den Explosionen von 1971 ununterbrochen charakterisiert. Das Ausmaß der gesellschaftlichen Krise in diesem Gebiet ist derart, daß sich diese Instabilität hinziehen wird, wenn auch ungleichmäßig. Indira Gandhi sollte aus Bangla Desh einige Lehren ziehen, bevor sie sich dazu entschließt, den Ausnahmezustand in Indien auf Dauer beizubehalten. 3. September 1975

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ANGOLA

KINSHASA

ZAIRE

Cabinda (S Salvador ° do Zaire GUIGE 2A R E Cermons Die nebenstehende Karte vermittelt ein grobes Bild der jeweiligen Eintluszonen Caxito: CUANZO COS Comisie von MPLA, FNLA und UNITA in Angola, -LUANDA- LUNDA Auf der Basis dieses Dokuments hat der Malanje Generalstab der FNLA Ende letzten Mo- Une N J Hennue nats die Entwicklung der Situation an de Canalho

CUARZO den verschiedenen Fronten, diskutiert. Nein de Sa

A N G O A Chesor Streifen versehene Gebiet, Das schwarze, mit weißen senkrechten das an Sud- SUD AMBO Luse Zumles westafrika angrenzt, entspricht -- nach :Benguela a G U EIC Angaben der FNLA -- demjenigen Gebiet, in das südatrikanische Truppen Nova Lisboa eingedrungen sind, um das Wasserkraftwerk von Calueque am Cunene zu Mett

ZAMBIE Die Gegend nördlich von Henrique-de- Sa da Bandeira Carvalho, im Nordosten, wird zum HUILA Teil von ehemaligen Katanga-Söld- Poreira C NDO nem kontrolliert, die dort Diamanten- CU B ANG minen ausbeuten.

(Karte und Angaben aus "Le Monde"

SUD-OUEST AFRICAIN vom 11, September 1975) FN.LA UNITA ]MP.LA - et F.N.LA