Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Wohin treibt Indien?

Inprekorr Nr. 40, 7. August 1975 · S. 11-26 · 9.830 Wörter

Indien und Südasien Vietnam und Indochina Stalinismus und Bürokratie USA und Kanada

Unkorrigierter maschineller Text (OCR). Jede Seite verweist auf ihren Scan; vor dem Zitieren bitte dort prüfen.

Die Ausrufung des Ausnahmezustandes und die Einführung der Diktatur Indira Gandhis hat eine ganze Reihe von Fragen aufgeworfen: Welchen Charakter hat der indische Staat› Was ist die vorteilhafteste Form der Klassenherrschaft für die Bourgeoisie in Indien? Markiert die Ausrufung des Notstandes durch Indira Gandhi einen grundlegenden Wendepunkt der Entwicklung ? Wir werden diesen Fragen weiter unten genauer nachgehen. Zunächst kommt es darauf an, die unmittelbaren Grunde rur die Ausrutung des Notstandes zu Klären. Seit Erlangung der Unabhängigkeit 1947 hat die Kongreß- Partei ein vollständiges Machtmonopol in der zentralen Regierung Indiens ausgeübt. Sie hat sich für die indische Bourgeoisie als die stabilste bürgerliche Partei erwiesen, von S. Bhagat die jemals in nichtindustrialisierten Ländern existiert hat -- und selbst im Vergleich zu den bürgerlichen Parteien der europäischen Länder schneidet die Kongreß-Partei gut ab. Im Rahmen der bürgerlich-parlamentarischer Politik ist dieses Machtmonopol nie ernsthaft in Gefah geraten. In einer Reihe von Bundesstaaten ist es zwar gebrochen worden, jedoch niemals in der zentralen Regierungsgewalt. So hat auch die letzte zentrale Wah 971 einen erstaunlichen Sieg für die Kongreß-Parte und ihrer Führerin, Indira Gandhi gebracht. Dieser Sieg hat die Position Gandhis gestärkt. Die Entwicklung seither hat jedoch Opfer gefordert, Eine Welle populistischer Demagogie wurde gegen die Regierung entfacht. Aufgrund der extremen Schwäche der Linken konnte die Führung der sich entwickelnden Volksbe-

Seite 12

INDIEN wegung von einem Block ursupiert werden, der u. a, folgende Personen umfaßte: den Rechtsextremister Jan Sangh, die bonarpardistische Figur eines Jaya Prakesh Narayan, sowie die alten "Kongreß" -Opponenten Gandhis, die von Maraji Desai geführt werden. Die Ressonanz, die diese populistische Demagogie seitens der betagten Politiker in den Massen fand, stellte die Regierung langsam aber sicher vor Probleme. Besonders die Tatsache, daß die Bewegung in elektoralistische Bahnen gelenkt werden konnte, wie die jüngsten Wahlen in Gujarat zeigten (wo die Kongreß-Partei trotz der persönlichen Intervention Indira Gandhis eine Niederlage hinnehmen mußte) war der Hauptgrund für die Ausrufung des Notstandes. Der unmittelbare April an die Avon an die Polizei rider for die Vereine Freiwilligen-Armee" aufgebaut hatte. Wir sagen zu schützen" , sowie von Jan Snagh, der sich bewußt "Vorwand", weil wir nicht glauben, daß von der Armee (trotz der Apelle Narayans) irgendeine Gefahr ausgegangen ist, Genausowenig hat Jan Sangh einen Aufstand geplant. Wenn die "Kongreß" -Führer emsthalt über die Aktvitaten Jan Sanghs beunruhigt geweser wären, hätten sie damit ohne die Ausrufung des Notstandes fertig werden können. Die wirkliche Gefahr war die, daß das elektoralistische Monopol der "Kongreß- Partei" gebrochen zu werden drohte. Hatte sich der Trend wäre die Kongreß-Partei möglicherweise aus den 1976-Wahlen als Verlierer hervorgegangen. Die Ausrufung des Notstandes erlaubt es Indira Gandhi nun die Wahlen dann auszurufen, wenn sie sich eine Gewinnchance ausrechnet. Eine zusätzliche Komplikation wurde durch den Beschluß des "Hohen Gerichts" mit ins Spiel gebracht, der die persönliche Position von Gandhi bedrohte. Sie hatte an das Höchste Gericht appeliert und wenn letzteres die Entscheidung des ersten bestätigt, hat sie es nicht leicht, ihr öffentliches Amt zu behalten -- wenn man einmal vom gegenwartigen Ausnanmezustand "absieht".

Das sind in Kürze die politischen Probleme, die zur augenblicklichen Situation geführt haben. Von unserem Standpunkt aus gesehen sind ökonomistische Erklärungsversuche des Ausnahmezustands ( in etwa: Landbourgeoisie contra Stadtbourgeoisie oder Pro-US-Flügel gegen Pro-Sowiet-Flügel der Bourgeoisie) ebenso vereinfachend wie falsch. Nichts deutet darauf hin, daß die indische Bourgeoisie als Ganzes bestrebt wäre, die Kongreß-Partei auszuschalten, um stattdessen auf J.P. Narayan zu setzen. Gewiß: es gibt kleinere Sektoren der herrschenden Klasse, die die JP-Bewegung unterstützt haben. Aber das haben sie nicht in der Absicht gemacht, die Kongreß-Partei zu liquidieren, sondern höchstens, um ihr einmal kräftig auf die Finger zu klopfen. Ist die indische Bourgeoisie eine Kompradorenbourgeoisie?

Um die tieferen Gründe dafür zu verstehen, wieso Indien der einzige postkoloniale Staat in ganz Afrika und Asien ist, der einige elementare bürgerlichen gewisse Bestandteile der bürgerlichen Demokratie einführte, müssen wir fragen, welche Rolle und welche Position die indische Bourgeoisie eingenommen hat und heute noch einnimmt. In Indien entwickelte sich die Bourgeoisie -- im Gegensatz etwa zu China (wo sie von Antang an eine Komprador enbourgeoisie war) -- auf lokaler Ebene unablei Gesetze, die solch eine industrielle Entwicklung verhinderten (1). Gegen Ende des ersten Weltkrieges betrug die Gesamtsumme der in Indien getätigten Investitionen schon mehr als die Gesamtsumme des britischen Kapitals, das in Indien investiert worden war -- ein Anzeichen für den allmählichen Niedergang des britischen Imperialismus.

Die Baumwollindustrie und später die Eisen- und Stahlindustrie wurde im wesentlichen von der indischen Bourgeoisie finanziert und dominiert. Es waren die wichtigsten Teile der indischen Bourgeoisie, die in den späten 80-er Jahren des 19. Jahrhunderts die Gründung der KongreßPartei unterstützten, was diese Partei zu einer der ältesten bürgerlichen Parteien der Welt macht. Während der ersten Jahrzehnte ihres Bestehens legte die Partei gegenüber dem britischen Erst in den 30-er Jahren des 20. Jahrhunderts begann die Kongreß-Partei eine Offensive gegen den britischen Imperialismus. Hinter dieser Offensive stand die indische Bourgeoisie, die mit Birla ihren fähigsten Strategen hervorgebracht hatte. Seine taktischen Fähigkeiten stellte er u.a, unter Beweis, als in den späten 30-er Jahren Nehru seine radikalste Phase durchlief und begann, ganz offen mit kommunistischen Ideen zu flirten. In dieser Situation wurde Nehru von einer Gruppe von Kapitalisten aus Bombay attakiert, was auf den heftigen Widerstand von Barli stieß, der genau wußte, daß Nehru niemals einen Kampi und nie mit diesen brechen wurde. Da letzterer der wettsichtigste bürgerliche Politiker war, den Indien jemals hervorgebracht hatte, ein Politiker, der sich völlig in Übereinkunft mit den Interessen des indischen Kapitals wußte, war sich Birla sicher, daß es keinerlei Anlaß gab sich in irgendeiner Weise zu beunruhigen.(2) Das ist der Hintergrund, auf dem es erst verständlich wird, wieso es möglich war, daß der, von den Briten etablierte koloniale Staat allmählich in die Hände der einheimischen Bourgeoisie übergehen konnte. Um es provokativ auszudrücken: Die Engländer brachten selbst die bürgerlich-demokratische Revolution nach Indien, wenn auch in einer verzerrten und partiellen Form. Sie schufen einen Apparat, der in der Lage war, die entstehende nationalistische Bewegung zu integrieren und den Prozeß der Permanenten Revolution in Indien abzublocken. Der "Act of India" (Gesetz über Indien) von 1935 ( dessen Resultat darin bestand, dais der Kongreß zwölf Jahre vor der offiziellen Unabhängigkeitserklärung die Regierungen der meisten Provinzen übernahm) markiert den Schlußpunkt der jahrelangen gemeinsamen Vorbereitungen von britischer Bourgeoisie und den indischen Kompagnions.

Eine der zentralen Promotoren des bürgerlich-demokra* tischen Prozesses war die indische Presse. Die einheimische Presse war eines der entscheidenten Elemente mit dessen Hilfe der Kongreß mit seiner Basis verbunden wurde. Die Presse war ein ständiger Grund für Querelen zwischen Nationalismus und Imperialismus. Es gibt zahlreiche Geschichten im Volksmund, die davon erzählen, wie sich ein südindischer Herausgeber hier und ein benalischer Journalist dort mit den Briten angelest hat, Das ist einer Gründe dafür, warum die augenblickliche Pressezensur einen ironischen Beigeschmack bekommt. Die Basis der Stärke der indischen Demokratie liegt in der wirtschaftlichen Stärke der indischen Kapitalisten. Die Politik nach der Erlangung der Unabhängigkeit war die des Staatsinterventionismus, was die Stärke der indischen Bourgeoisie noch erhöhte, Die relative Autonomie, deren sich die indische Kapitalistenklasse egenüber dem britischen Imperialismus erfreute, war lie materielle Basis dafür, daß Nehru während der Periode des Kalten Krieges eine neutralistische Politik

Seite 13

verfolgen konnte, was ihn zu einer angesehenen Figur auf den Kongressen der Länder der "Dritten Welt" wie z.B. der von Bandung machte. Ein ironisch an- Beendete, len das state naten le mer venti on nicht nur ablehnte, sondern sogar Nasser mehr oder weniger offen unterstützte.

Um Mißverständnisse zu vermeiden: wenn wir von ler Stärke der indischen Bourgeoisie sprechen, sc meinen wir damit nicht, daß Indien einem industri alisierten Land vergleichbar mit den imperialistischen Metropolen gleichzusetzen wäre, Auf der anderen Seite kann man jedoch Indien nicht einfach mit den "Semi-kolonialen Ländern" über einen Kamm scheren. Obwohl es einige Aspekte von "Semi-Feudalismus" gibt, ist die vorherrschende Produktionsform in Indien doch die kapitalistische. Und obwohl die Briten bestimmten indischen Industriellen für eine dies den Interessen des britischen Imperialismus widersprochen hätte, wäre dazu notwendig gewesen, die Bauemschaft gegen die Großgrundbesitzer zu mobilisieren, um diese zu zerschlagen --eine Aufgabe, die sowohl die britische, als auch die indische Bourgeoisie nicht bereit war, zu lösen. Es hat einige Landreformen gegeben, aber deren Ziel war es, eine Kulaken-Klasse auf dem Land zu schaffen um ein Bollwerk der Reaktion zu errichten, und es sieht so aus, als ob sich seitdem die gegenseitige Durchdringung von ländlicher und städtischer Bourgeoisie noch erhöht hätte.

Es war genau diese Unfähigkeit, eine Umwälzung auf dem Lande herbeizuführen, die die Widersprüche der kapitalistischen Entwicklung hervorgerufen haben und den Staatsinterventionismus notwendig gemacht haben. Und es ist sicher, daß es aus der Unterindustrialisierung Indiens keinen anderen Ausweg, gibt, als mit der kapitalistischen Produktionsweise insgesamt zu brechen, d,h., es gibt keinen anderen Weg als die sozialistische Revolution. Der berühmte Ausspruch von Rosa Luxemburg "Sozialismus ist heute das Mindeste, was wir fordern' hat heute eine unmittelbare Bedeutung für die arbeitenden Massen in Indien. Die fortgesetzte Krise, in der sich die Auswirkungen sowohl der internationalen kapitalistischen Krise als auch die Unfähigkeit der indischen Kapitalisten, eine kurzfristige Lösung zu finden, kombiniert, hat gravierende Folgen: Die Hungersnot nimmt ständig zu, der Lebensstandart der Massen nimmt weiter ab, die industrielle Entwicklung verläuft extrem ungleichzeitig (als Verdeutlichung: 40% aller Einkommenssteuern commen aus Bombay) und die ländliche Arbeitslosigkeit nimmt erschreckende Ausmaße an. In solch einer Situation ist die mittelfristig wahrscheinlichste Variante die, daß die ohnehin fragile bürgerliche Demokratie durch eine rechte Diktatur ersetzt wird, Es ist unnütz, darüber zu spekulieren, welche Form dieser Prozeß genau annehmen wird, In gewisser Weise stellt der augenblickliche Ausnahmezustand ein Element dieses Prozesses dar, Man muß aber berücksichtigen, daß er in erster Linie Teil der politischen Taktik der Kongreß-Partei ist und nicht sosehr Teil der politischen Strategie der indischen Bourgeoisie als Ganzes. Eine stabile Rechts-Diktatur hätte sowohl die Unterstützung des gesamten bürgerlichen Parteienspektrums, als auch der indischen Armee (selbst dann, wenn die Generale nicht selbst an der Regierung beteiligt wären). Der augenblickliche Ausnahmezustand hat nicht diese Unterstützung. Mehrnoch: Seine Aufrechterhaltung dient im wesentlichen den persönlichen Interessen Indira Gandhis. Eine Entscheidung des Höchsten Gerichts gegen sie könnte sehr wohl eine Spaltung des Kongresses bewirken, in dem Jagijavan Ram, Gandhis Chefminister still und geduldig auf seine Stunde wartet.

Militärdiktatur: eine unmittelbare Möglichkeit?

Jede bürgerliche Partei, die unter Aufhebung der Verlassung und Beseitigung der demokratischen Rechte regiert, muß sich fragen, wie weit sie gehen kann, ohne die Unterstützung der Armee zu verlieren. Eine zusätzliche und genausowichtige Frage ist diedie Repression immer ob die Armee ihre Wetter versag wir die , Es liegt auf der Hand, daß die Etablierung einer Militärdiktatur das Ende des Indischen Bundesstaates in seiner augenblicklichen Verfassung einläuten würde.

Die Armee wird nach wie vor von den sogenannten "kriegerischen" Kasten dominiert, die vom britischen Imperialismus hochgezüchtet wurden. Obwohl die Regiering Bestrebungen in diese Richtung unternommen hat, ist es heute nicht möglich, von einer "nationalen Armee" zu sprechen, Wenn die Armee eingesetzt würde, um die widerspenstigen Staaten in Südindien und Bengalen und Assam zu disziplinieren, würde das unvermeidlich massive Reaktionen auslösen, Das Beispiel Bangladeshs zeigt die (Un-)Möglichkeit, zu versuchen, einen Staat mit Hilfe einer Armee zu regieren, die vornehmlich aus Punjabin zusammengesetzt ist.

Natürlich heißt das nicht, daß die Möglichkeit eines Militätputsches für die Dauer ausgeschlossen wäre, Wenn es einen Aufstand gäbe, der von den revolutionären Parteien geführt würde und der das System in Frage stellte, dann wäre es sogar sicher, daß die Armee eingreifen würde -- und sogar sehr schnell, Aber solch eine Bedrohung besteht heute nicht. Der indische "Kommunismus" ist schwächer als je zuvor, durch Spaltung geschwächt (alleine die Maoisten sind in zwanzig verschiedene Gruppen aufgeteilt) und unfähig, eine revolutionäre Strategie zu entwickeln. Der revolutionäre Marxismus existiert nicht als organisierter Faktor auf nationaler Ebene, Daher kann

Seite 14

INDIEN "Handlanger des US-Imperialismus" › man nicht sagen, daß der indische Kapitalismus -- wenn der untschiedlichen Taktik miteinander verbindet, man einmal von der sozialen Krise und den vergangenen ist ihr verrotteter parlamentarische Kretinismus. Naund gegenwärtigen Massenexplosionen absieht -- wirklich türlich lehnen es auch Revolutionäre nicht ab, sich in seiner Substanz bedroht wäre. Damit in Einklang steht an bürgerlichen Wahlen zu beteiligen. Gerade in daß die indische Bourgeoisie heute nicht für eine Militär- einem Land wie Indien, mit seiner spezifisch neodiktatur votiert --trotz der Tiefe der sozialen und öko- kolonialen Struktur, stehen die Wahlen oft im Mitnomischen Krise. telpunkt des öffentlichen Interesses. Daß die Wahlen und die Massenbewegungen in Indien aufs engste Diese Umstände könnten gegen den Kongreß schlagen, miteinander verflochten sind, zeigte sich u. a. ar wenn er versuchen sollte, die feindlichen Regierungen den Wahlerfolgen, die die KPI 1957 in Kerala unc in Gujarat und Tamil Nad zu stürzen. Beide Regierungen die KPM genau ein Jahrzehnt später in Bangla Desh repräsentieren die Interessen regionaler Bourgeoisieen errungen haben. Beide Wahlsiege reflektieren aut gegen die nationalen Monopole -- und weder die Armee verzerrte Weise die Massenbewegung auf der eleeiner Konfrontation mit ktoralistischen Ebene. In beiden Fällen erhofften sich diesen interessiert (3). In der Tat: Die föderalistische Struk die Massen eine kommunistische Regierung und einen tur könnte sehr wohl die Fußangel sein, in der sich Indira sozialen Wandel herbei. In beiden Fällen wurden Gandhi verfängt, noch bevor sie die nationalen Wahlen sie enttäuscht. Die Regierungen verschärften die Repression, was in den Massen zu Demoralisierungserscheinungen führte und somit den Weg für eine Indischer Stalinismus: Seine Fehler neuerliche rechte Kongreß-Regierung freimachte. und Mystifikationen Die Politik der KPM führte zu einer weiteren Spaltung des kommunistischen Lagers, als sich eine maoistische Strömung mit Massencharakter entwick- Es ist im Rahmen dieses Artikels nicht möglich, sich elte: Die KPI(ML). Durch Peking-Radio und die mit dem Bankrott des indischen Stalinismus in einer lachen "Analysen" aus der Peking Rundschau eranderen als einer höchst kursorischen Weise ausein- muigt, schlugen diese, zugegebenermaßen subjektiv anderzusetzen, Dennoch ist es bezeichnend, daß sich mutigen Militante einen politisch selbstmörderischdie beiden Hauptparteien, die KPI (Kommunistische en Kurs ein; in regelrechten Schlachten fielen Partei Indiens) und die KPM (Kommunistische Partei Hunderte von ihnen, und zehntausende von ihnen - Marxisten) im Bezug auf die laufenden Ereignisse schmachten in Gefängnissen und werden gefoltert. in heftigster Opposition zueinander befanden; nicht Heute sitzen in den indischen Gefängnissen etwa etwa deshalb, weil sie in dieser Frage strategisch- 30 bis 40 000 Maoisten ein, Ihnen kommt nicht die programmatische Differenzen hätten, sondem ein- Sympatie der europäischen Journalisten zu Hilfe, fach deshalb, weil sie verschiedene Sektoren der herr- weil sie trotz ihrer Schwäche außerhalb des Rahmens schenden Klasse unterstützen. Die KPI unterstützt der bürgerlichen Demokratie operiert haben. Trotz- Bourgeoisie, die politisch vorgeblich durch die Kon- den sogenannten "progressiven" Flügel der indischen dem haben sie nicht aus ihren Fehlern gelernt. Ob- wohl sie die schreiensten taktischen Absurditäter greß-Partei und Indira Gandhi vertreten werden, wäh- beseitigt haben, waren sie nicht in der Lage, ihre rend die KPM auf die JP-Bewegung setzt, weil sie falsche strategische Linie zu überwinden. Theore hofft, dadurch Vorteile für die Wahlen zu erhalten. tisch sind sie auf eine Allianz mit der nationalen Was die politischen Linien beider Parteien trotz Bourgeoisie festgelegt. Dies ist Teil ihrer "Vier-

Seite 15

Klassen-Block"-Strafegie (bestehend aus Proletariat. Bauemschaft, städtischer Kleinbourgeoisie und nationaler Bourgeoisie). Obgleich diese Militanten subjektiv die Revolution wollen und auch einen Block mit den Birlas und Tatas ablehnen, sind sie doch nicht bereit, diese als "nationale Bourgeoisie" einzustufen. Im Gegenteil, sie bezeichnen die indische Kapitalistenklasse als " Kompradorenbourgeoisie" und das Regime von Indira Gandhi wird als "Marionetten- Regime" bezeichnet. In ihren Reihen herrscht eine heillose Verwirrung über die Frage, ob man das Regime als Handlanger des US-Imperialismus oder als Handlanger des "Sozialimperialismus" bezeichnen muß. lattesten Nachbeter der Peking-Linie sehen in letzterem den Hauptfeind, während der Konflikt mit dem ersteren nur eine nachgeordnete Bedeutung hat.

diesen kompletten theoretischen und politischen Bankrott vor Augen führt, nimmt es einen nicht Wunder, dais selbst der äußerst linke Flügel des Stalinismus in Indier keinen Alternativpol darstellen kann. Während die Stalinisten der KPI und KPM völlig im Fahrwasser des ›ürgerlichen Parlamentariamus schwimmen, was sie zu Anmerkungen: en reformistischsten Allianzen führt, fehlt ihren Maoistischen Opponenten jeder Begriff vom indischen Staat, (1) Eine empirisch sehr empfehlenswerte Studie ist was sie zu einer Politik treibt, die mit der der Stalinisten 'Die Industrialisierung Indiens" von G. K. Shirokov der frühen 30-er Jahre mit ihrem ultralinken "antipar- Moskau 1973. Einen Uberblick vom revolutionaren lamentarischen Kretinismus" nicht unähnlich ist. marxistischen Standpunkt gibt:"Die wirtschaftliche Diese Schwäche des indischen Kommunismus hat es der Entwicklung Indiens' , von Brian Davay, London 1975. indischen herrschenden Klasse möglich gemacht, in (2) Vergl, hierzu: Bipan Chandra "Jawaharlal Nehru den letzten 30 Jahren ungestört zu regieren. Es kann und die kapitalistische Klasse 1936" eine Arbeit, die durchaus sein, daß sie diese Schwäche ausnutzt, in dem dem indischen Historikerkongreß 1974 vorlag und den Sinne, daß sie heute präventiv die Repression verschärft die Aufrechterhaltung der "Sicherheitsgestze", die orginelisten Beitrag von marxistischer Seite zu diesem Unterdrückung von Minderheiten in Stammen Gefangenen Thema darstellt. und versucht, die Fersrung une zu neunina liehen Gefangenen (3) Vergleiche hierzu: "Explosion auf einem Subkon- tinent" von R.Blackburne (Hrsg.), Beitrag von Megnad Die kommenden Monate sind entscheidend. Sie werden Desai. die Richtung anzeigen, in der die herrschende Klasse Indiens für die nächste Periode marschieren wird. (4) Vergl, das Interview mit K. Danodoran, ehemaliger KP-Führer, das im nächsten "New-Left- Review" er- 19. Juli 1975 scheinen wird.

CKE

Indische Armee: Gewehr bei Fuß2

Seite 16

Die Niederla des Imperiali In Vietna

Ursachen, Bedeut historische Konse Ernest Mandel =

Seite 17

smus m:

ung und quenzen Über mehr als ein Jahrzehnt haben der Bürgerkrieg in Vietnam und der Versuch des amerikanischen Imperialismus, den Ausgang dieses Krieges durch elzu hocheiden de weltage entrecht. Bes kommt nicht nur darin zum Ausdruck, daß sie die internationale, die intere und selbst teilweise die Wirtschaftsund Geldpolitik der Vereinigten Staaten -- der kapitalistischen Weltmacht Nr. Eins -- beherrschten. Dies war vor allem ein Ergebnis der Tatsache, daß der Krieg in Indochina die Hauptveränderungen der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse weltweit ans Tageslicht brachte, und daß diese Veränderungen sich durch ihn den weitsichtigsten Vertretern der wichtigsten, ich antagonistisch gegenüberstehenden Klassen unc Klassenfraktionen der Welt ins Bewußtsein drängten Warum der Agressionskrieg ?

Wir bezeichnen den Krieg in Vietnam bewußt vor , in den der amerikanische Immögen, nicht anerkennen möchten, daß die Welt, in der wir leben, von einem unversöhnlichen Konflikt zwischen Kapital und Arbeit beherrscht wird, einem Konflikt, der seit Anfang der historischen Krise des kapitalistischen Regimes mit dem 1. Weltkrieg selnen schärfsten Ausdruck annimmt und letztlich nur zwei Alternativen läßt: den Sieg des Sozialismus auf weltweiter Ebene, oder den Sturz der Meschheit zurück in die Barbarei.

Die konkrete Form, in der sich der Konflikt konkret in jedem einzelnen Sektor und in jedem Land der Welt offenbart, mag verschieden sein. In den halbkolonialen Ländern, die vom Gesetz der ungleichen und kombinierten Entwicklung, welche ihr der Imperialismus auferlegt, beherrscht werden, verbindet sich dieser Konflikt mit der Notwendigkeit, Aufgaben zu lösen, die dalen oder halbfeudalen Unterdrückungsformen usw. zialistische Revolution oder Barbarei" dort einen besonders klaren Ausdruck bekommen.

Die Barbarei wurde dort durch die reichste Macht der Welt eingeführt: in Gestalt von mörderischen Bombenteppichen; in Form von meilenweiter Vernichtung der wälder und Grünflächen durch chemische Kampfstoffe; in Gestalt von Tigerkäfigen; in Gestalt der Verallgemeinerung des Rauschgiftkonsums und der Prostitution in einem vorher nie gekannten Ausmaß; Diese ganze brutale Gewalt wurde gegen die vietnamesischen Massen entfesselt, um sie dafür zu bestrafen, daß sie sich vor der Überlegenheit der US-Watten nicht beugten, sich nicht geschlagen gaben, sondern den Kampf fort- Die Herrschaft der internationalen Bourgeoisie beruht u 9/10 auf ihrer automatischen Reproduktion über die Marktmechanismen und deren Duldung durch die breiten Massen als naturgegeben und unvermeidlich. Indem die Werktätigen ihre Arbeitskraft verkauten, ihre Lebensmittel kaufen, für einen kapitalistischen Unternehmer produzieren, reproduzieren sie automatisch, mit dem Mehrwert und der Akkumulation des Kapitals, gese 11schaftlichen Beziehungen, die sie dazu zwingen, weiterhin Lohnarbeiter zu bleiben und ausgebeutet zu werden.

Seite 18

NDOCHINA ber an dem Tag, an dem ein bedeutender Teil der usgebeuteten ausruft: "Jetzt ist es genug!"; an dem 'das Unrecht nicht mehr als unvermeidlich duldet, an an dem er die Unterdrückung, die Ungleichheit, m Tag, an dem er massenhalt gegen eine ausbeuteri• ne Gesellschaft aufbegehrt, an diesem Tag ist die Herr. :haft des Kapitals härter und unmittelbarer erschüttert Is durch zehn Wirtschaftskrisen. Dann kann sich die ürgerliche Klasse nicht mehr auf den automatischen blauf der Wirtschaft verlassen, um ihr System zu reprouzieren, Dann erheischt diese Reproduktion den Einatz außerökonomischer Gewalt, den offenen Terror. lann gilt es, den Ausgebeuteten eine so blutige Lektion u erteilen, einen solch beispiellosen Schrecken einzuagen, daß sie für ein oder zwei Generationen davor zuückschrecken, daß Verbrechen der Majestätsbeleidigung şegenüber dem Kapital zu wiederholen.

)as war der historische Sinn der Massenabschlachtuns ler Pariser Kommune. Das war der historische Sinn de Nazi-Terrors und des spanischen Bürgerkriegs. Und das ist ebenfalls die historische Funktion des durch den US- Imperialismus gegen die indochinesische Revolution entfesselten A gressionskrieges.

Heute stellen sich die Liberalen in den USA die Frage, wie es denn überhaupt dazu kommen konnte, ob es sich nicht um einen einfachen politischen Schwabenstreich die Verantwortung son, dem "Schwindler Nixon" oder sogar dem en CIA" in die Schuhe zu schieben. Sie können sich jedoch kaum so billig, mithilfe einiger zweitrangiger Sündenböcke ein gutes Gewisses zurechtzimmern, Die Entscheidung, im vietnamesischen Bürgerkrieg zu intervenieren, wurde durch den"großen liberalen" Präsidenten John F. Kennedy getroffen, Sie wurde durch die unmittelbaren Vertreter der geber und ihrer angesehendsten liberalen Intellektuellen. Und diese Entscheidung wurde in voller Kenntnıs der Sachlage getrotten, in Funktion einer Analyse der internationalen Entwicklung, die den Sinn dieser Intervention genauestens unterstreicht: den Revolutionären und den Massen zu zeigen, welchen Preis sie zu zahlen hätten, wenn sie es wagen würden, irgendwo in der Welt die noch bestehende bürgerliche Ordnung erneut in Frage zu stellen. Um dies zu verstehen, genügt es, an den Zeitpunkt zu erinnern, an dem die Intervention entschieden wurde: unmittelbar nach der Konsolidierung der kubanischen Re volution, wo die Macht der herrschenden Klasse und ihres amerikanischen Oberherren sozusagen durch Überraschung weggefegt worden war, wo Washington nur nachträglich mit dem jämmerlichen Schweinebucht- Fiasko intervenieren konnte. Die Dokumente beweisen es: mehr noch als die Furcht vor dem Verlust neuer kapitalistischer Stellungen in Süd-Ost-Asien, war es die Furcht neuer revolutionärer Erhebungen irgendwo in der Welt, nach dem Vorbild derjenigen, die zu Dien Bien Phu, zum Algerienkrieg und zur kubanischen Revolution geführt haben, welche die Intervention im vietnamesischen Bürgerkrieg motiviert hat, Dazu kam unter Lyndon Johnson ein zusätzlicher, sozusagen konjunktureller und "regionaler" Grund für eine neuerliche Eskalation der Intervention. In einer der rößten und potentiell reichsten Halbkolonien, nämlich n Indonesien, war in den Jahren 1964-65 eine vorrevolutionäre Krise am Heranreifen, die der "Domino-Theorie" des Pentagon einen präzisen Inhalt gab. Ein rascher Sieg der vietnamesischen Revolution hätte bedeutsam dazu beigetragen, daß in Indonesien in kurzer Zeit eine erfolgreiche Arbeiter- und Bauernrevolution auf der Tagesordnung gestanden hätte. Johnsons Indochina-Eskalation stärkte die Zuversicht und Entschlossenheit der indonesischen Konterrevolution. Sie ebnete dem erfolgreichen Militärputsch und dem blutigen Massaker vom Oktober 1965 den Weg.

Schließlich verfolgte der US-Imperialismus unter Johnson, wenigstens zwischen 1965 und 1968, das zusätzliche Ziel die Demokratische Republik Vietnam als Arbeiterstaat zu zerstören als "Vergeltung" für die Hilfe, die sie der südvietnamesischen Revolution gewährte, das heißt das Ziel, das Areal des vom Kapitalismus befreiten Teils der Welt einzuschränken.

Das Scheitern des konterrevolutionären Krieges

Der imperialistische Interventionskrieg in Indochina ist politisch, gesellschaftlich und militärisch vollständer revolutionären Kräfte zu verhinder. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, ob der Arbeiterstaat, der sich heute in Südvietnam im Aufbau befindet, als endgültig eta - ›liert erscheint und die Einheit des Landes durch eine Fusion mit der DR Vietnam wiederherstellt. Wenn die imperialistische Intervention in ihrem unmittelbaren Ziel -- die vietnamesischen Massen einzuschüch• tern und ihremKampf für die nationale und soziale Befreiung Einhalt zu gebieten -- mißlungen ist, so hat sie jeunehrte altpreis, der de zu einamesischen Revolutionăren auferlegt wurde, hat zwar weniger die Volksmassen der halbkolonialen und imperialistischen Länder eingeschüchtert, dafür aber umso mehr bedeutsame reformistische und neo-reformistische Kreise der internationalen Arbeiterbewegung. Er hat verschiedene konterrevolutionare Unternehmen in Asien, in Afrika und Lateinamerika erleichtert, Dies ergab sich hauptsächlich aus der Tatsache, daß der US-Imperialismus mit Erfolg das Risiko einer Konzentration aller seiner militärischen Schlagkraft auf das kleine Vietnam auf sich nehmen konnte, ohne daß die offensichtliche Schwächung seines Interventionspotentials in der restlichen Welt durch bedeutsame anti-imperialistische Kräfte ausgenutzt wurde.

"Che" Guevara hatte die Alternative richtig erfaßt. Der Imperialismus konnte sich nur deshalb den Luxus leisten, seine furchtbare Zerstörungsmaschinerie auf Vietnam zu konzentrieren, weil Vietnam als revolutionäres Schlachtfeld isoliert blieb. Die Losung "Schafft zwei, drei, viele Vietnam" , die die IV. Internationale von "Che" übernahm, beinhaltete nicht nur die revolutio- näre Pflicht, der vietnamesischen Revolution zu Hilfe zu kommen, und zwar dadurch, daß man den Impeleutete e benialis, bine ke Einschüchterungsmassakeevietnamesischen Ausmaßes zu verhindern. Denn gerade die Zersplitterung der imperialistischen Kräfte verringer ihre Schlagkraft i in qualitativen Maße, wenigstens be züglich der Fähigkeit von Interventionen solch mörderischen Umfanges wie in Vietnam, durchzuführen. Die Hauptverantwortung dafür, daß es zu einer solchen Lersplitterung der imperialistischen Kräfte nicht dekom* nen ist, lieg bei der Sowietbürokratie und bei al ienen Arbeiter- und anti-imperialistischen Organisationen, deren Führung sie entscheidend beeinflußt. Die Tatsache, daß diese Bürokratie den vietnamesischen Massen jahrelang nicht einmal die nötigen Mittel gewährt hat, um sich gegen die mörderischen Luftangrif-

Seite 19

fe erfolgreich zu wehren, wird für immer ein zusätzlicher Grund des Diskredits der Herren des Kreml in den Augen der fortgeschrittenen Arbeiter aller Länder sein. Wenn trotz dieses vermeidbaren taktischen Vorteils verloren hat, so an erster Stelle weil es sich bei dic- schließlich doch sem Krieg tatsächlich um einen Bürgerkrieg handelte; veil der konterrevolutionäre Interventionskrieg des US-Impenausmus ein schmutziger und ungerechter Krieg war, der als solcher von den Massen der ganzen Welt, von den Massen und den Soldaten der USA selbst, und vor allem von den Massen Vietnams erkannt wur- Der Vietnamkrieg bestätigte eine große Lehre der Geschichte. In Kriegen, die zwischen antagonistischen Gesellschaftsklassen geführt werden (ganz gleich, ob es sich nun um "rein nationale" oder um internationale Bürgerkriege handelt), ist der Faktor der Bewaffnung und der Militärtechnik in letzter Instanz weniger entscheidend als der Faktor der politisch-moralischen Kraft der kämpfenden Lager.

Gewiss wäre es unverantwortlich, das Gewicht einer adaquaten Bewaffnung, einer milkärischen Strategie und Taktik, die der spezifischen Natur der Kämpfenden und des Kampigelandes angepalt sind, zu unterschätzen. Aber wenn aut dem Schlachtfeld werktätige Massen, die eine jahrhundertealte Ausbeutung aufheben wollen, die, wie in Vietnam, Großgrundbesitzer und Wucherer, die bis zu 60-70% der Ernte einheimsten, verjagen wollen, Soldaten gegenüberstehen, die jeden Tag emeut feststellen können, daß sie nur dafür ihr Leben opfern sollen, damit sich Schwindler, Verbrecher, Folterknechte, korrupte Generäle und Politiker, die kein anderes Ideal als das der persönlichen Bereicherung kennen, ah der Macht halten können, dann ist es unvermeidlich, daß die ersteren mit ungebrochener Kampikralt, Siegeswillen und Opferbereitschaft kämpfen werden, solange der Verrat in ihren eigenen Reihen ihnen nicht den Eindruck gibt, daß man sie um die Früchte ihres Campfes prellen möchte, und daß die letzteren sich allmählich demoralisieren und ihre Verbände sich zersetzen werden.

Der Verlauf des Vietnamkrieges hat diesbezüglich in allen Punkten die Lehren des Krieges der niederländischen Geuzen gegen den spanischen Absolutismus, des Krieges der französischen Revolution gegen die gekrönen Häupter Europas, des amerikanischen Bürgerkrieges, owie des russischen Bürgerkrieges bestätigt. Welche auch die genaue gesellschaftliche Natur der jeweils kämpfenden Klassen, sowie das genaue Objekt des jewelligen Bürgerkrieges gewesen sein mag "- und sie waren in jedem dieser fünf Falle sicher sehr verschieden -so handelte es sich letzten Endes doch jedesmal um einen Krieg unterdrückter Mehrheiten gegen unterrückende und korrupte Minderheiten, um einen Krieg, vorin die ersteren nur durch Verrat in den eigenen Rei• hen besiegt werden können, wie dies im spanischen Bürgerkrieg 1936-39 der Fall war.

Dies bedeutet, daß die imperialistische Niederlage in Vietnam gleichzeitig dadurch zu erklären ist, daß die KP Vietnams die Rolle der KP und der Volksfront im U: $ nEGR ARMEMEN !

YOU ARE COMMITTINE TRE SAME

IGMOMINIOUS CRIMES IN SOUTH

VIETNAM N MAT THE KKK

CLIQUE IS PERPCIRANG AGAINST

YOUR-FAMILY AT MOMEn

Seite 20

INDOCHINA panischen Bürgerkrieg nicht wiederholt hat; daß sic lie Revolution nicht unterdrückt hat unter dem Vorwand, "erst" den Krieg gewinnen zu wollen; l daß sie das Land von den Flammen der Agrarrevolution ergreifen ließ; daß sie die ihr vom Imperialismus nach der Tet-Offensive gebotene Chance, die Beendigung der Luftangriffe gegen Nord-Vietnam mit einer Beendigung ihrer Hilfe an die südvietnamesische Revolution zu erkaufen, nicht angenommen hat; daß sie die Flammen der Agrarrevolution, der revolutionären Landreform, sich weiterhin über das ganze Land hat ausdehnen lassen: daß sie, mit anderen Worten, die vietnamesische Revolution nicht verraten hat.

Die Rolle der amerikanischen Antikriegsbewegung

Die Niederlage, die der Imperialismus in Vietnam erlitt, und die mit einem militärischen Debakel endete, war vor allem eine politische Niederlage. Die letztere ermöglichte die erstere. Der Imperialismus erlitt diese politische Niederlage aul den beiden entscheidenden Schlachteldem: in Indochina selbst und in den USA. Auch von diesem Gesichtspunkt aus gesehen war der Vietnamkrieg ein bedeutsamer, die geänderte Weltlage erhellender Testfall, Es ist völlig falsch, anzunehmen, daß ein imperialistischer Staat unter gleich welchen politischen und ideologischen Bedingungen jahrelang hunderttausende seiner Soldaten tausende von Kilometem von ihrer Heimat entfernt kämpfen, und tausende dort sterben lassen könnte, ohne dafür einen schweren innenpolitischen Preis zu zahlen. Eine solche Ansicht überschätzt die ideologischen Manipula tionsmöglchkeiten der imperia ususchen Bourgeoisie. Jeder langandauemde Krieg, in dem große Soldatenmassen eingesetzt werden, , beinhaltet schwere innenpolitische Risiken für eine herrschende Klasse, die diese nur unter ganz bestimmten politischen Bedingungen auf sich nehmen kann. Jeder imperialistische Krieg der auf einen vorhergehenden folgt (wie der Vietnam- Krieg dem Korea-Krieg folgte), erhöht noch dieses Risiko. Die Führer des amerikanischen Imperialismus, die im Verlaufe der Eskalation schließlich gezwunger vurden, eine halbe Million Soldaten nach Indochina zu entsenden, begingen ottensichtlich, vom Standpunkt ihrer Klasse aus gesehen, eine katastrophale Fehleinschätzung bezüglich ihrer Fähigkeit, der amerikanischen Bevölkerung für dieses Abenteuer langfristig zu sichem. Der Watergate-Skandal ist zu einem bedeutsamen Teil auf die (weitgehend vergeblichen) Versuche zurückzuführen, den Augenblick hinauszuschieben, in dem der Preis für diesen Fehler außenund innenpolitisch bezahlt werden mußte. Die Reaktion der amerikanischen Massen gegen den Vietnamkrieg war keine hoch-politische, etwa im Sinne einer Haltung der Solidarität mit der vietnamesischen Revolution. Etwas anderes zu erhoffen, hatte bedeutet, sich vollständig über den gegebenen Stand des politischen Bewußtseins der amerikanischen Arbeiterklasse und der großen Mehrheit der amerikanischen Jugend zu irren, In ihrer großen Mehrheit haben sie noch nicht die Stufe des politischen Klassenbewußtseins, das heißt der politischen Autonomie gegenüber der Bourgeoisie, erlangt. Aber wenn die Reaktion der amerikanischen Massen gegen den Krieg auch nur elementarer Natur war, so war sie doch nicht weniger kräftig und erreichte schließlich eine für die Geschichte der Kolonialkriege beispiellose Breite. Nach einigen Jahren des Zögerns, wenn nicht sogar der lauwarmen Unterstützung des Agressionskrieges, fingen die amerikanischen Massen an, gegen den Krieg zu reagieren, nämlich als das massenhafte Entsenden amerikanischer Truppen nach Indochina und die wachsende Zahl der Kriegsopfer die grausame Wirklichkeit des Krieges der Mehrheit der amerikanischen Familien praktisch vor Augen fuhrte.

Unsere amerikanischen Genossen erkannten sowohl das Potential wie die Grenzen dieser möglichen Massenreıktion, und konnten deshalb eine bedeutsame Rolle spielen im Aufbau einer massenhaften Antikriegsbewegung, die auf die einzige Losung des sofortigen und bedingungslosen Rückzugs der US-Truppen aus Indochina ausische Hilfe, die sie der vietnamesischen Revenation Es war dies die wirksamste internationalis. liefem konnten. Sie führte schließlich zu einer solchen Veränderung der innenpolitischen Lage in den USA sie erst den Präsidenten Johnson zwang, seine Kandidatur bei den Präsidentschaftswahlen von 1968 zurückzuziehen, und daß sie dann 1972 Nixon zwang, seine Kandidatur ganz zu konzentrieren auf das Versprechen, den Vietnamkrieg nach seiner Wiederwahl rasch zu beenden. daf sie die Bourgeoisie in der Frage der Fortführung bzw. Bedingungen zur Beendigung des Krieges zutiefst spaltete daß sie sie zu immer komplizierteren und lügnerischen Manövem gegenüber ihrem eigenen Volk verleitete, was schließlich zum tatsächlichen Rückzug ler Truppen und zur Einstellung der Bombardierungen nac Abschluß des Pariser Waffenstillstandsabkommens führte, Die Rolle, die die Trotzkisten bei dieser Massenmobilisierung spielen konnten, erhellt ihrerseits ebenfalls die Veränderung der Weltlage während der letzten zehn Jahre. Ohne Übertreibung kann man behaupten, daß die Antikriegsbewegung in den USA der wichtigste Alliierte der vietnamesischen Revolution war, Wenndie amerikanischen Massen nicht aufgetreten wären, um den Imperialismus zu zwingen, seine Truppen aus Indochina zurückzuziehen, hätte der Krieg noch viel länger dauem und anders ausgehen können.

Rolle der Solidaritätsbewegung in Europa

In Europa war die Lage, der sich die Revolutionäre in bezug auf die vietnamesische Revolution gegenübersahen, doppelt verschieden von der der Revolutionäre in den USA. Zuerst einmal war die europäische Bourgeoisie nicht diin den Krieg verwickelt. Sie betrachtete ihn sogar skeptisch. Mit dieser Skepsis verband sich außerdem ein guter Schuß Schadenfreude, denn der Indochinakrieg zahl• te den USA mit gleicher Münze heim, was dieser dem europäischen Imperialismus angetan hatte, als der Proder "Entkolonialisierung" unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg einsetzte und als dieser im Jahre 1956 mit der Intervention der USA gegen das französischenglische Abenteuer gegen Nassers Ägypten einen Höhepunkt fand, in Indochina und es gab deshalb hier auch keine materiel- Außerdem befanden sich keinerlei europäische Truppen len Direktinteressen von Millionen von Menschen an einer Beendigung des Krieges, ähnlich jener, die in den USA die Antikriegsbewegung auslösten und nährten. Es handelte sich also darum, an gesellschaftlichen, polltischen und moralischen Interessen anzusetzen, die auf einer höheren Ebene standen. Und dies konnte allein im Gefühl der Gemeinsamkeit und der Identifizierung mit der vietnamesischen Revolution zum Ausdruck kommen. Deshalb wurde die Solidarität mit der vietnamesischen Revolution gegen die imperialistische Agression zurecht als zentrale Forderung von den europäischen Revolutionären benutzt. Unter dieser Parole wurden zehntausende von Menschen in London, Berlin, Paris, Mailand und in anderen Orten mobilisiert. Die Massenwirkung dieser Parole -- und niemand kann

Seite 21

diese angesichts der Breite der Solidaritätsbewegung bestreiten -- spiegelt das heute noch höhere politische Bewußtseinsniveau eines bedeutenden Teils des europăischen Proletariats im Vergleich zum nordamerikanischen Proletariat wieder.

Aber die Basis für diese unterschiedlichen Taktiken ler Antikriegsbewegung in den USA und in Europa var nicht nur eine korrekte Einschätzung der unterschiedlichen objektiven und subjektiven Faktoren der Situation beiderseits des Atlantik, sondem auch ein Verständnis für die unterschiedliche Funktion, die beile Bewegungen für die Unterstiltzung der vietnameischen Revolution hatten.

Die europäische Solidaritätsbewegung mit der vietnamesischen Revolution, die auch auf Japan, Lateinamerika und Osteuropa übergriff, hatte einen sehr großen Einwie innerhalb der bürokratisierten Arbeiterstaaten. die Schaffung einer Massenbewegung, die sich mit der vietnamesischen Revolution identifizierte und solidarisierte, haben die Revolutionäre Europas, Japans und der halb-kolonialen Länder einen großen Teil der Basis der kommunistischen Jugend tief beeinflußt und mit sich gezogen. Sie haben die Kräfteverhältnisse innerhalb der Jugend, zwischen den Anhängern der"friedlichen Koexistenz" und des "Friedens um jeden Preis" einerseits, und den Verteidigern des Sieges der vietnamesischen Revolution andererseits, radikal verändert.

Sie haben somit den Einsatz auf interationaler Ebene derart gesteigert, daß der politische Preis, den Moskau und Peking für einen offenen Verrat der Revolution hätten zahlen müssen, zu hoch wurde. Sie haben den Prozess des Verrats dieser Revolution durch die Bürokratien der Arbeiterstaaten auf einen bestimmten Stufe gestoppt. Dies war ihre vom Erfolg gekrönte Hauptfunktion. Die vietnamesischen Kommunisten waren sich dieser Tatsache übrigens ebenso bewußt, wie der Schlüsselrolle, die die Antikriegsbewegung in den USA zur Unterstützung ihrer Revolution gespielt hat.

Die Rolle, welche die IV. Intemationale bei der Organisierung der Solidaritätsbewegung spielte, stellt das Versagen der stalinistischen Parteien diesbezüglich •- im Negativverfahren -- in ein besonders grelles Licht, Wenn noch schwache revolutionäre Organisationen die weltweite Mobilisierung von hunderttausenden von Menschen zur Unterstützung der vietnamesischen Revolution wirksam ankurbeln konnten, so wurde es von den Führern der Massengewerkschaften -- mit der ehrenvollen Ausnahme von Australien -- unterlassen. einen Boykott der Waffen- und Truppentransporte für diesen "schmutzigen Krieg" zu organisieren. Dieser Kontrast wurde von Hanoi in seinen Beziehungen mit Moskau und Peking voll und ganz ausgenutzt. Er wirkte zugunsten der vietnamesischen Revolution. Die Niederlage der Bürokratien in Moskau und Peking

Für die sowjetische Bürokratie war der vietnamesische Bürgerkrieg und der zähe Widerstand der viet- namesischen Massen gegen die amerikanische Intervention der Grund für eine wachsende Verwirrung und Verlegenheit. Einen Grund, den man so Was auf dem Spiel stand, war die Grundstrategie schnell wie möglich aus der Welt schaffen wollte. der "friedlichen Koexistenz" zur Disposition stand die gegenwärtige Aufteilung der Welt, wie ie in Jalta und Potsdam festgelegt worden war Durch den Vietnamkrieg wurde die Herausbildung einer weltweiten neuen revolutionären Avantgarde, die außerhalb des Einflusses der Kommunistischen Parteien agierten begünstigt. Selbst in den mittelbaren und unmittelbaren Einflußsphären der Sowjetbürokratie entstanden kleine revolutionäre Kerne. Aus all diesen Gründen machte die vietnamesische evolution einen dicken Strich durch die Rechnuns durch die politischen Pläne des Kremls und brachte ihre wichtigsten Interessen in Gefahr. Dem wollte die sowjetische Bürokratie ein Ende bereiten. In erster Linie geschah dies durch ihr Stillhalten geistischen Agreston, Sowie durch die Begrenzung, sowie durch die Begrenzung, wenn nicht totale Einstellung ihrer materiellen Unterstützung. Diese Politik nahm vor allem während der 60-er und zu Anfang der 70-er Jahre zynische Züge an, als der Kreml sich gegenüber der imperialistischen Intervention in den Bürgerkrieg in Südvietnam und der Agression gegen Nordvietnam völlig passiv verhielt und noch nicht einmal eine Wamung verlauten ließ, Als Nixon aufgrund der Auswirkungen des Krieges auf die USA gezwungen war, ein Rückzugsmanöver einzuleiten, intervenierte der Kreml eher mit dem Ziel ihm zu hel- "sein Gesicht nicht zu verlieren", als zu dem Zweck, die Anti-Kriegsbewegung zu unterstützen und den Kampf auf eine höhere Ebene zu heben. In beiden Fällen mußten die indochinesischen Massen. infolge dieses Verrats ungeheure Verluste an Menschen, Zeit und materieller Zersteurung hinnehmen.

Letztlich konnte aber auch die sowjetische Bürokratie die vietnamesische Revolution nicht erwüren. Sie konnte höchstens das tempo der Entwicklung abbremsen.

Der chinesisch-sowjetische Konflikt, der ein konzentrierter Ausdruck der Krise des Stalinismus ist, die wiederum selbst ein Ergebnis des Aufschwungs in China war, hatte eine widersprüchliche Ause in China war, wirkung auf die Entwicklung des Krieges in Indochina, Dieser Konflikt trug zur Begrenzung einer wirksamer konterrevolutionären Intervention der Bürokratier bei: einerseits indem der Einfluß des Kremls auf die Kommunistischen Parteien, vor allem in Asien, geschwächt wurde; indem die Differenzierungen nnerhalb der Massenbewegung vorangetrieben wurden; indem die Entstehung neuer Avantgarden, die n der Lage sind, unabhangıg von der Burokrate wenn nicht gar in direktem Viderspruch zu ihrer Anordnungen und Interessen, zu handeln. Er erweiterte den Spielraum der vietnamesischen KP in ihrer politischen, gesellschaftlichen und militärischen Selbständigkeit. Die vietnamesische KP war somit in der Lage, sich ihre unabhangige Position -- in der Mitte zwischen Moskau und Mercie an der er a ser armentaken Kämpfer war das Prestige und die Autorität der vietnamesischen Führer derart groß, daß weder Moskau noch Peking das Risiko eingehen konnten, öffentlich von Hanoi angeprangert zu werden. Dies ist zweifellos einer der Faktoren, der die indochinesische Revolution davor verschonte, so wie die spanische Revolution der Jahre 1936/37 erwürgt zu werden.

Andererseits jedoch hat die Verschärtung des chinesischsowjetischen Kontliktes, vor allem seit der letzten Phase der "Kulturrevolution", sowie die immer klarer

Seite 22

INDOCHINA werdende Umwandlung des Konfliktes aus einem ideologischen und politischen Streit in einen Konflikt zwischen zwei Arbeiterstaaten, zusätzliche Hindemisse auf dem Weg des Sieges der indochinesischen Revolution aufgebaut. Diese Hindernisse waren nicht nur loristischer Art, als Ergebnis der wachsenden Weigeruns ler Bürokratien Moskaus und Pekings, auf rein technischer Ebene zusammenzuarbeiten, um Hanoi mit Waffen und Munition zu beliefem. Sie sind auch und vor allem diplomatischer und politischer Art, da die beiden Bürokratien einen Wettlauf veranstalteten, um festzustellen, wer am schnellsten die Gunst Nixons gewinnen kann, und wem das amerikanische "Desengagement" größere Vorteile bringen wird, wobei sie die Interessen der indochinesischen Revolution vollkommen aus dem Auge verloren. Die IV. Internationale hat diesbezüglich eine prinzipielle Haltung eingenommen, die den Interessen der vietnamesischen Revolution und ihrer Führer sowohl objektiv, wie teilweise wahrscheinlich subjektiv entsprach. Sie forderte, daß die Führer der bürokratisierten Arbeiterstaaten -- trotz aller ihrer Meinungsverschiedenheiten, und ohne deswegen ihr Recht aufzugeben, darüber öffentlich zu debattieren -- ein Abkommen über eine De facto-Binheitsfront schließen sollten, um die Volksrepublik Vietnam und die indochinesische Revolution zu verteidigen. Weit davon entfemt, eine Anpassung irgendwelcher Art an die Interessen der Bürokratie darzustellen, brachte dieser Aufruf das Verständnis des Klassencharakters des Krieges in Vietnam und seine Bedeutung für die Weltrevolution zum Ausdruck, Daraus Masb naher Ander Klarzema diene Bedeute Fuden Massen aller Länder klarzumachen, und die rer der Bürokratie und der von ihnen kontrollierten Arbeitermassenparteien zu zwingen, dazu Stellung zu nehmen.

Wenn der Kreml vor allem in der ersten Phase des Krieges die Folgen seiner Weigerung zu tragen hatte, und wenn er dies vor allem in dieser Phase mit einem Verlust an Einfluß über hunderttausende von Arbeitem und Jugendlichen überall in der Welt bezahlen mußte, so begann Peking erst in der letzten Phase des Krieges, seine Maske abzuwerfen. Man sollte nicht vergessen, nach Peking eingeladen wurde, und daß die Thesen von den beiden auf gleichem Fuße zu behandelnden "Supermächten", und dann die Theorie des "Sozia imperialismus, Hauptfeind der Völker Europas und Asiens" zu einem Zeitpunkt ausgearbeitet wurden, als die amerikanischen Bombenteppiche noch auf die vietnamesischen Kämpfer hemiedergingen.

Im Spiegel des Krieges in Vietnam haben sowohl Moskau wie Peking einmal mehr die Grundnatur der Politik der Bürokratie zum Ausdruck gebracht: in zynischer Weise die Interessen der internationalen Revolution den wechselnden kurzfristigen und nationalistischen Bedürfnissen ihrer eigenen Diplomatie unterzuordnen. Der Sieg der vietnamesischen Revolution ist in diesem Sinne nicht nur eine offene Niederlage für den Imperialismus, sondem auch ein Mißerfolg für die Bürokratien Moskaus und Pekings.

Die historische Bedeutung des vietnamesischen Sieges

Historisch gesehen stellen sowohl der Sieg der vietnamesischen Revolution, wie auch die konkrete Form, die sie annahm, eine Synthese aller Veränderungen dar, die seit 25 bis 30 Jahren auf Weltebene stattgefunden haben.

Er bringt vor allem die Veränderung der Kräfteverhältnisse zwischen Kapital und Arbeit zum Ausdruck, oder genauer, zwischen dem Imperialismus und allen anti-imperialistischen dem Sieg der chinesischen Revolution, welche Kräften in der Welt seit dem Il. die kapitalistische Umklammerung der Sowjetunion gebrochen hat. Er bringt den Autschwung der Weltrevolution zum Ausdruck, was in besonders klarem Kontrast steht zur Periode des Zurückflutens der Weltrevolution in den Jahren 1923- 1943.

Sicher, dieser Aufschwung ist weder geradlinig noch homogen auf Weltebene. Er war nach den ersten Nachkriegsjahren von einer relativen Stabilisierung des Imperialismus in Westeuropa, Japan und anderen imperialistischen Ländern begleitet, vor allem bedingt durch den Verrat der revolutionären Möglichkeiten durch die stalinistischen und reformistischen Führungen in den Jahren 1944-48 im kapitalistischen Buropa.

Seit 1965 gab es schwere und blutige Niederla en in halbkolonialen Ländern (von den Niederagen in Indochesien und Brasilien bis hin zu der in Chile), nicht ohne Beziehung zur wilden Agression des Imperialismus gegen Indochina und zur Ohnmacht der anti-imperialistischen Bewegung unter stalinistischer Führung, ihr politisch und interational so entgegenzutreten, wie das nötig gewesen wäre. Aber der Aufschwung der revolutionären Kämpfe und der Arbeiterkämpfe in Europa, durch den Mai 1968 in Frankreich, sowie durch den Aufschwung der amerikanischen einer neuen, vor dem Hintergrund und über Solidarisierung und Identifizierung mit der kubanischen und der vietnamesischen Revolution heranwachsenden Avantgarde, hat zur weltweiten Veränderung des Kräfteverhältnisses zwischen den Klassen beigetragen. Und der Sieg der vietnamesischen Revolution war in letzter Instanz auch ein Ergebnis dieser veränderten Kräfteverhältnisse.

Er bringt gleichfalls die Änderung der Kräfteverhaltnisse zwischen den Massen und den bürokratischen Apparaten zum Ausdruck, und schließlich auch die Änderung der Kräfteverhältnisse innerhalb der Massenbewegung -- zwischen diesen Apparaten und den sich von ihrer Kontrolle befreienden Avantgarden. Der Vergleich zwischen dem Ablauf des spanischen Bürgerkriegs und dem des vietnamesischen Bürgerkriegs ist in dieser Hinsicht besonders lehrreich, Während die Stalinisten und Reformisten (mithilfe der zu bürgerlichen Ministem aufsestiesenen Anarchisten) die Woge der spanischen Revolution innerhalb eines Jahres in die Bahnen des Wiederaufbaus des bürgerlichen Staates lenken konnten, was zur Erdrosselung der Revolution und zur Niederlage gegen den Faschismus führte, konnten in Indochina fünfzehn Jahre offener und versteckter, blutiger und "friedlicher", militärischer und diplomatischer Druck und Terror die Massen nicht daran hindern, den Staat und die Gesellschaftsordnung ihrer Ausbeuter zu stürzen, Wenn die mächtige, weltweite Solidaritäts-

Seite 23

bewegung zur Unterstützung des spanischen Proletariats durch die stalinistischen und sozialdemokratischen Führer, deren Ziel die Erdrosselung der Revolution war, und die damals noch eine quasi totale Kontrolle ausübten, im wesentlichen mißbraucht und abgelenkt wurde, so konnte sich die nicht weniger große und starke Antikriegsbewegung und die Solidaritätsbewegung mit der vietnamesischen Revolution in starkem Maße diesen Manipulationsversuchen entziehen. Sie wurde sogar zu einen weitgehend autonomen Faktor, der den Krieg auf positive Weise beeinflussen konnte. Aber die konkrete Form des Sieges der Revolution in Vietnam -- der Sturz des Thieu-Regimes und der Zusammenbruch des Lon-Nol-Regimes, erst sieben Jahre nach der Tet-Offensive von 1968, in einem Land, das mit Ruinen bedeckt war und am Rande einer Hun- Geburt stand, net er Bedienten Arbeit statem it dehem Maße die Gefahr einer bürokratischen Entartung angelegt erscheinen lassen und die eine solche Entwicklung begünstigen -- war genauso wenig ein Zufallsprodukt, und auch keineswegs ein unabänderliches Ergebnis der enormen "konterrevolutionären Abschreckungskraft", über die der Imperialismus noch immer verfügt. Diese konkrete Form des Sieges der Revolution in Vietnam ist vor allem Ausdruck des Grades der Kontrolle, welche die bürokratischen Apparate noch immer über die Arbeiterbewegung und die antiimperialistische Bewegung im Weltmaßstab haben: es gab keinen gegen die imperialistische Agression gerichteten Boykott, keinen Genealstreik; keine weltweit wirksam koordinierte revolutionäre Massenbewegung; keine revolutionare Masseninternationale. Sie bringt das Fortdauer der Krise des subjektiven Faktors zum Ausdruck, wenn auch in weniger dramatischer Form als in der Vergangenheit, zumindestens trifft dies für einige Länder zu. Sie bringt letztlich so die Tatsache zum Ausdruck, daß der Aufschwung der Weltrevolution nur teilweise und zersplittert ist, daß dieser Aufschwung noch nicht ausreicht, die bremsende Rolle, die die bürokratischen Apparate innerhalb der Massenbewegung spielen, endgültig zu stoppen.

Die Natur der vietnamesischen KP ist ihrerseits eine Wiederspiegelung wie auch ein konstitutives Element all dieser Änderungen. Angesichts der Bilanz des 15-jährigen 2. Indochinakrieges ist es offensichtlich absurd von ihr als von einer stalinistischen Partei in dem Sinne zu sprechen, daß die globale Auswirkung ihrer Politik im Weltmaßstab konterrevolutionär gewesen sei. Zu behaupten, sie sei "eindeutig auf die Seite bürgerlicher Ordnung" übergelaufen, ist Schwachsinn. Die vietnamesische Bourgeoisie hat gegen diese groteske These "mit den Füssen" abgestimmt, und zwar n einem Umfang, der keinerlei Zweifel über den Klassencharakter der sich auf dem Weg ihrer Vollendung befindlichen Revolution und des sich bildenden Staates offenläßt.

Die Tatsache jedoch, daß die vietnamesische KP offensichtlich weder stalinistisch noch konterrevolutionăr ist, impliziert noch keineswegs, daß sie revolutionärmarxistisch ist, oder Anhänger der proletarischen Demokratie, der direkten Ausübung der Macht durch das Proletariat und die arme Bauemschaft, die in Räten organisiert sind, oder daß sie offen internationalistisch sei. Die These. derzufolge in keinem Land der Welt, unter keinen Umständen und für keinen Zeitraum, die Macht der besitzenden Klassen ohne die Führung durch eine revolutionär-marxistische Partei gebrochen werden kann, stellt eine falsche und mechanische Vereinfachung der leninistischen Organisationstheorie dar. Von der Pariser Kommune bis zum Sieg der kubanischen Revolution -- über den Sieg der jugoslawischen, der chinesischen und der nordvietnamesischen Revolution -- haben wir siegreiche sozialistische Revolutionen erlebt, welche die Macht des Kapitals unter der Leitung von Gruppierungen und Parteien stürzten, die allesamt drei gemeinsame Züge hatten: eine objektiv-proletarische politische Natur; die Tatsache, daß sie sich zugunsten der Revolution entschieden haben (d. h, ihr Bruch mit konterrevolutionären Strategien und Taktiken im entscheidenden Augenblick); ihre zum Himmel schreiende programmatische Unfähigkeit, welche in allen Fallen zu emsthaften bürokratischen Entartungen führte --mit Ausnahme der Pariser Kommune, wo sie zur raschen Niederlage führte.

Diese Erscheinung von Parteien auf halbem Wege zwischen der Arbeiterbürokratie und den proletarischen Massen, auf halbem Wege zwischen Stalinismus und revolutionärem Marxismus, ist ihrerseits das Ergebnis der weiterhin ernsten Schwäche des subjektiven Faktors im weltmaßstab. Sie spiegelt letztlich die noch begrenzte Beteiligung des Proletariats in den industriell entwickelten Ländern an revolutionären Aktionen, sowie die Verspätung der sozialistischen Revolution in den wichtigsten imperialistischen Ländern wieder, und dies trotz der Verschärfung der Krise des weltweiten Zerfalls des imperialistischen Systems. Wenn man jedoch die Gründe dieses besonderen Phänomens präzisiert, das von Vietnam noch deutlicher aufgedeckt wurde als von Cuba, so beden Mittelpunkt der internationalen revolutionären Aktion stellt; ein neuer Sprung nach vorn im Aufbau der IV. Internationale -- in ihrem Hinüberwachsen zu Massenparteien und zu einer revolutionären Masseninternatio- Die Weltlage nach der Niederlage des Imperialismus in Vietnam

Die durch den Imperialismus erlittene Niederlage in Vietnam hat die Wirkungen der amerikanischen Antikriegsbewegung noch verstärkt und auf internationaler amerikanische imperialismus ist heute für eine ganze Periode untähig, die Rolle des Weltgendarmen des Kapitals zu spielen, in dem er massenhaft amerikanische Truppen einsetzt, um in ausbrechende Revolutionen oder Bürgerkriege zu intervenieren.

Keine imperialistische Macht, angefangen von der westdeutschen oder japanischen -- ganz zu schweigen von einem "integrierten Europa" , was es in Bezug auf einen einheitlichen Staats- und Repressionsapparat noch nicht gibt -- kann den US-Imperialismus in dieser Rolle ersetzen. Das Resultat ist nicht nur eine akute Führungskrise der Weltbourgeoisie in ihrer Gesamtheit, sondern ebenso eine aktuelle Veränderung des Kräfteverhältnisses der Klassen auf internationaler Ebene. Seit Beginn der Niedergangsepoche des Kapitalismus ist die proletarische Revolution in den industriellen Ländem zum ersten Mal zeitweilig geschützt. Diesen ungeheueren Vorteil verdanken wil lem Heroismus und der revolutionären Entschlossenheit der vietnamesischen Massen, Alle Revolutionäre sind der vietnamesischen Revolution zutiefst der Dankbarkeit schuldig.

Aus den oben genannten Gründen, die zurückreichen

Seite 24

INDOCHINA bis zu den Niederlagen, die die Kolonialrevolution seit 1965 hinnehmen mußte, sowie die Schwäche der ist es heute vor allem das kapitalistische Europaen o ist es heute vor allem die Auswirkungen dieser neuen internationalen Lage außerst günstig für einen neuen revolutionären Aufschwung zum tragen kommen.

Die Einsicht in diese veränderte Weltlage muß allerdings in mehrerlei Hinsicht eingeschränkt werden. Vor allem handelt es sich um eine zeitlich beschränkte Veränderung. Die Vorstellung, der Imperialismus sei von nun an auf immer paralysiert, wäre unverantwortlich, Er wird mit allen Mitteln versuchen, die innenpolitischen Bedingungen dafür zu schaffen, sein Interventionspotential wieder einsetzen zu können, das er militärisch und technisch zur Verfügung hat. Aber das kostet Zeit: Zeit zur veränderung der innenpolitischen Situation in der Vereinigten Staaten, Nesteuropa und Japan, Wahrend dieses Zeitraums sind die Chancen für eine Lage abermals zuungunsten des Imperialismus und Kapitalismus verändem.

Weiter handelt es sich um eine partielle Veränderung. Wir sprachen davon, daß nach dem Aufschwung der amerikanischen Antikriegsbewegung und der imperialistischen Niederlage in Vietnam der US-Imperialismus nicht mehr in der Lage ist, Landungstruppen gegen ausbrechende Revolutionen einzusetzen. Dies heißt jedoch nicht, daß er nicht andere Varianten der militärischen Intervention zur Verfügung hat. Er kontrolliert nach wie vor mächtige konterrevolutionäre Brückenköpfe, wie die Armeen in Brasilien. Iran und Zaire, die aufgrund derl Niederlagen, die die Revolution in diesen Landern ninnehmen mußte, zur Verlügung stehen, geger evolutionäre Bewegungen in Nachbarländem eindes taktischen Atomkrieges gegen sich erhebende Völker, Der Charakter von Nuklearwaffen und die Folgen ihres Einsatzes (nicht nur materiell sondern ebenso politisch und psychologisch) sind derart, daß diese Drohung nur äußerst begrenzt auch tatsächlich wahrgemacht werden kann, Die Warnungen von US-Verteidigungsminister Schlesinger sollten jedoch Ca den at von die hen medien hael.

lich mindestens zweier Fälle vor: Für den Fall, daß der Bürgerkrieg in Korea emeut ausbricht, sowie tur den Fall, laß die Existenz des zionistischen Staates Israel unmittelbar bedroht ist. Und nichts würde uns zu dem Glauben berechtigen, daß diese Drohungen in den kommenden Jahren auf diese beiden Fälle beschränkt bleibt.

Letztlich steht noch eine weitere Waffe der konterevolutionären Intervention zu Verfügung, die nichts an Wirksamkeit eingebüßt hat und die umso systematischer eingesetzt wird, je schwieriger die militärische Intervention wird, Es ist die Waffe des ökonomischen Drucks, der finanziellen Strangulierung: und politischen Wirkung sogar noch tauglicher als hinsichtlich der unmittelbaren materiellen Resultate. Es ist die Pflicht der Internationalisten, die intemationale Arbeiterklasse und die Massen darauf vorzubereiten, diese Waffe untauglich zu machen. Das ist nicht leicht, denn diese Waffe provozier nicht massive und spontane Reaktion, wie etwa der Einsatz von Bomben und Truppen.

Das Zusammenwirken der verschiedenen Sektoren der Weltrevolution

Diese Wandlungaß sich der Schwerpunkt der Welt- der Weltlage verstärkt objektiv die Tendenz, revolution hin zu den industrialisierten Ländern verschiebt, das Gewicht des städtischen Proletariats in den halbkolonialen Ländern erhöht und die Rückkehr zu den Formen der sozialistischen Revolution beschleunigt, die sich den "Normen" der Revolutionen 1917-23 nähern, Tendenzen, die in den olitischen Resolutionen des neunten und zehnter Weltkongresses der IV. Internationale (1969 unc 1974) bereits betont worden waren.

Das Zusammenfallen der neuen internationalen Situation, wie sie resultiert aus der imperialistischen Niederlage in Vietnam, dem neuen Aufschwung der Arbeiterkämpfe ir uropa, der weltweiten Führungskrise der Bourgeoisie mit der allgemeinen Rezession der Weltwirtschaft hat außergewöhnlich günstige Bedingungen geschaffen für die fast gleichzeitige Entwicklung revolutionärer Situationen in einer Reihe europäischer Staaten: Portugal, Spanien, Italien. Frankreichlund selbst Großbritannien. Sicher, wir sind noch nicht soweit, aber dieser Tag ist nicht mehr ganz so fern. Die Ereignisse in Portugal beginnen schon zu zeigen,

Seite 25

daß wir nicht einem exzessiven Optimismus verfallen waren, als wir zum hundertsten Jahrestag der Pariser Kommune voraussagten, daß die Zeit am heranreifen ist, in der wieder Arbeiterrate in Europa auftauchen.

Die Entschlossenheit all unserer europäischen Sektionen, in dem Aufschwung der Kämpfe der Arbeiter und der Jugend die zunehmende Anwendung von Formen der wie Streikvollversind, und ihre lokale, regionale und nationale Koordinierung, hat schon Früchte getragen und wird dies in der Zukunft um so mehr tun. Die Arbeiterklasse, die in die kommende revolutionäre Krise in Europa hineingeht, ist eine andere, als die von den 40-er und 50-er Jahren. Sie ist es nicht nur aufgrund ihrer Stärke, ihres Selbstvertraten her forer rungen entene te es auch na das in Verbindung mit der Fähigkeit, sich von den bürokratischen Apparaten zu befreien, und zu den höchsten Formen der Selbstorganisation aufzusteigen: Den Sowjets.

Die Umwandlung der trotzkistischen Organisationen in revolutionäre Massenpartelen ist eng verknüpft mit dem Auftauchen von Situationen der Doppelherrschaft, weil nur in diesen Situationen die Wahl zwischen dem reformistischen und dem revolutionären Weg aufhört, eine Wahl zwischen der aktuellen Realität (mit wohlbekannten Vorund Nachteilen) und einer Idee zu sein, die zwar attraktiv sein mag, aber kein unmittelbares Gewicht hat, und wird stattdessen zu einer Frage der praktischen alltäglichen Erfahrung der Massen. Das Wiederauftauchen von revolutionären Situationen, welche näher an die "Norm" der russischen und deutschen proletarischen, aut Arbeiterraten fußenden Revolutionen herankommt, wird tiete Auswirkungen auf die anderen Sektoren der Weltrevolution haben. In den halbkolonialen Ländern wird sie die Entwicklung der politischen und organisatorischen Selbstständigkeit des Proletariat anregen, und der "Front"-Ideologie stalinistischer Prägung den Boden entziehen und somit die Risiken bürokratischer und nationalistischer Deformierungen der Revolutionen in diesen Länder reduzieren. Der Fall Angolas ist hierfür typisch. Obwohl es weifellos die revolutionäre Bewegung der kolonialen Massen war, die der Salazar-Caetano-Diktatur den entscheidenten Schlag versetzte und so den Auflösungsprozeß der portugiesischen Armee in Begung brachte, hat das Fortschreiten der portugiesischen Revolution ihrerseits Rückwirkungen auf den revolutionären Prozeß in Angola und regt die Selbstora ganisation sowie die Selbstverteidigung im städtischen Proletariat an. Unter diesem Gesichtspunkt wurde der revolutionare Prozeß in Angola auf eine, im schwarzen Afrika bislang unbekannte Stufe gehoben.

Die Entwicklung von Situationen der Doppelherrschaft in den imperialistischen Länder Europas und vor allem der Sieg der sozialistischen Revolution in einem oder mehreren Ländern wird keine weniger tiefen Rückwirkungen auf den revolutionären Verlauf in den Vereinigten Staaten haben. Die Identifizierung von "Sozialismus" mit "Unterdrückung" und "Tyrannei", mit der Einschränkung politischer und persönlicher Freiheiten breiter Massen ist dort nicht nur das Produkt imperialistischer Propaganda. Sie wurde in den 20-er und zu Beginn der 30-er Jahre vom amerikanischen Proletariat keineswegs als selbstverständlich hingenommen, und dies trotz einer entschiedenen, wenn nicht sogar hysterischeren antikommunistischen Propaganda wie die heutige, Diese Identifizierung ist ebenfalls das Produkt des Stalinismus, und dessen, was die amerikanischen Massen über die politische Wirklichkeit der bürokratisierten Arbeiterstaaten wissen. Das Auftauchen eines rundverschiedenen Modells eines Arbeiterstaates n den industrialisierten Ländern, sowie eine von stalinistischer Bürokratie befreiten demokratischen Planwirtschaft wird in höchstem Maße dazu beitragen, das amerikanische Proletariat auf die höchste Stufe des proletarischen Klassenbewußtseins zu heben.

Der Durchbruch der proletarischen Revolution kann ebenfalls die Lage in der Sowjetunion und den "Volksdemokratien" verändern. Die- Entwicklung dieser Krise in Richtung einer siegreichen politischen Revolution zu blockieren, politischen Perspektive ist seinerseits das Haupthindernis der Politisierung des sowjetischen Proletariats.

Das sowjetische Proletariat verabscheut die Herrschaft der Bürokratie. Es hegt aber auch nicht den Wunsch, zum Kapitalismus zurückzukehren. Die gegenwärtige kapitalistische Krise mit ihrer l7 Millionen Arbeitslosen in den imperialistischer Staaten wird ihre Meinung diesbezüglich bestimmt nicht ändem. Sie ziehen sich so ins Privatleben zurück und untemehmen gelegentlich Versuche, ihre kurzfristig erzielten Errungenschaften zu verteidigen. Ein revolutionärer Durchbruch-im kapitalistischen europa, welcher das Bild vom Sozialismus von dem Diskredit befreit, den ihr die bürokratische Diktatur aufgedrückt hat, und eine wirkliche Alternative zum Dilemma "bürokratische Diktatur oder Wiedererrichtung des Kapitalismus" aufstellt, wird die erneute Politisierung des sowjetischen Proletariats beschleunigen und neue konterrevolutionäre Interventionen durch den Kreml in Osteuropa von der Sorte, wie sie die ungarische und tschechische Revolution zerschmetterte, verhindern und den Sieg der politischen Revolution in den "Volksdemokratien" und in der UdSSR beschleunigen.

Europa an der Schwelle von Arbeiterräten; die Welt an der Schwelle zu einem neuen Sprung vorwärts in der internationalen Revolution; die IV. Intemationale an der Schwelle zu revolutionären Massenparteien in mehreren Ländern -- das ist die Chance für Revolutionäre, die ihnen die vietnamesische Revolution eröffnet hat, Es gilt, diese Chance zu nutzen; ewig werden wir sie nicht haben.

20. Juli 1975

Seite 26

PERU :