Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Die Entwicklung der Situation in Asien

Inprekorr Nr. 33, 15. Mai 1975 · S. 10-12 · 1.553 Wörter

China Vietnam und Indochina Philippinen und Südostasien USA und Kanada

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G. VERGEAT 1.) Die Niederlage des amerikanischen Imperialismus liches Vertrauen verdienen und mit denen man auf alin Indochina ruft unvermeidlich Reaktionen bei den len Ebenen verhandeln muß. herrschenden Klassen in Ost- und Südostasien hervor besonders bei denjenigen, die mit dem amerikanischen Die Führer Malaisias haben ihr Vertrauen in die unmit- Imperialismus eng verbunden sind. telbare Zukunft zum Ausdruck gebracht; der Premierminister von Singapur, Lee Kuan Yew, hat erklärt:

Diese Reaktionen haben eines gemeinsam, nämlich "Ich glaube nicht an die Theorie von den Dominodie Einschätzung, daß eine Periode zu ende geht steinen" und er fügte hinzu: "Das Schicksal der Staaten und daß eine neue Periode beginnt, deren neue in Südostasien besteht darin, sich im Schraubstock des wirtschaftlichen und politischen Bedingungen man Wettbewerbs zwischen der Volksrepublik China und der untersuchen muß. Nicht alle herrschenden Klassen Sowjetunion zu befinden, wobei China den Vorteil der Region ziehen die gleichen Schlußfolgerungen hat, daß es historische Bande mit der Region hat. wenn es darum geht, die Bedingungen und Maß- Der thailändische Premierminister erklärte in einer nalımen zur Aufrechterhaltung ihrer privilegier- Antwort auf die Fragen der amerikanischen Wochenten Stellung zu definieren. Sie müssen ein Problem "Newsweek": "Unsere Außenpolitik (was die gemeinsam lösen, nämlich schnellstmöglich die Präsenz der US-Truppen und ihrer Militärbasen für notwendigen Bedingungen für ihre Sicherheit zu die Zukunft angeht)ist diesbezüglich klar. Die ameschaffen. Denn eines haben sie sehr wohl begriffen: rikanischen Truppen und ihre logistischen Nachschubder amerikanische Imperialismus hat die herrschen- linien werden Thailand innerhalb von zwöll Monaten den Klassen Kambodschas und Südvietnams aufge- verlassen müssen. Wir verhandeln im Augenblick geben. über die Organisierung dieses Rückzugs, der der Situation in der Region Rechnung trägt. Sobald

Die Diktaturen in Südkorea, Indonesien und auf den der Frieden in der Region hergestellt ist -- in an- Philippinen verstehen ihre unmittelbare Zukunft als deren Worten: sobald es in Kambodscha einen Walimmer stärkere wirtschaftliche, politische und mili- fenstillstand gibt -- werden die Truppen gehen. tarısche Integration in das System des US-Imperialis- Auf die Frage nach den zukünttigen Beziehungen mus. Sie reduzieren daher ihren eigenen Autonomie- mit Hanoi antwortete Chatichai Choonhavan: " Es ist spielraum noch mehr, wie begrenzt auch immer er schwierig, die Absichten eines Landes zu erraten, bisher schon gewesen ist. das über die Hälfte der bewaffneten Kräfte in der indochinesischen Region verfügt. Als Nachbarland von Thailand, Singapur und Malaisia ziehen andere Schlúß- Indochina und Thailand hat Nordvietnam im Laufe folgerungen, die denen der vorher genannten Länder von vielen Jahren Agenten nach Thailand infiltriert, widersprechen. Sie sind sich einig darüber, daß der die beharrliche Anstrengungen unternommen haben, Bankrott der Nixon-Doktrin das Ende einer Periode mar- um Thailänder zu subversiven Zwecken zu rekrukieren, und daß -- aus der Sicht der Garantierung von tieren. Ich fordere Sie auf, selbst Ihre eigenen Macht und Sicherheit -- der amerikanische Imperialis- Schlußfolgerungen über die Absichten Hanois in der mus ein Hindernis für die nunmehr notwendig geworde- * Region zu ziehen. " Auf die Frage nach den Bezienen politischen und wirtschaftlichen Änderungen ist. hungen zu China erfährt man: "Wir haben unsere sie glauben, daß man anerkennen mul, daß die Füh- Beziehungen zu China bereits normalisiert und ich rer der Volksrepublik China Partner sind, die ein wirk- hoffe, daß die diplomatischen Beziehungen nach

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meiner Reise nach Peking in einigen Wochen wieder normalisiert werden. Natürlich ergibt sich da- Talk an sofort andere oli scher die Fehrer von Pcking haben niemals verlangt, daß wir auch unsere wirtschaftlichen Beziehungen mit Taiwan abbrechen sollen. Diese Beziehungen werden wir aufrechterhalten, ebenso wie wir wirtschaftliche Beziehungen haben werden mit Ländern, die Peking anerkannt haben. Wir haben 2 000 Jahre lang gute Beziehungen mit China gehabt. China und Thailand sind nicht wie die anderen. Welchen weg auch immer wir einschlagen werden, er wird sich als gangbar erweisen. " Und schließlich antwortete er auf die Frage nach dem Problem der Friedenssicherung in Sudostasien folgendes: "Es gibt vier Garantien dafür: Autonomie und Vertrauen auf die eigene Kraft; regionale Kooperation; Koexistenz ungeachtet der verschiedenen politischen Ideologien; und viertens: bevor die Errichtung einer Zone des Friedens, der Freiheit und der Neutralität verwirklicht sein wird, müssen Versuche unternommen werden, um zu einer Politik des Gleichgewichts auf der Ebene der Beziehungen zu den verschiedenen Supermächten zu kommen."

2.) Diese Stellungnahmen definieren sehr genau die Orientierung, die die herrschenden Klassen gevisser asiatischer Staaten einschlagen wollen. Sie hätten es nicht gewagt, solche Erklärungen zu machen, wenn sie nicht bereits vorher -- durch verschiedene diplomatische Kanäle -- ein günstiges Echo darauf, vor allem von Seiten der VR China, vorgefunden hätten.

Die Führer Pekings haben seit zahlreichen Monaten dieser politischen Entsicklung Hilfsdienste geleistet; dies zeigt sich (a) in der Tatsache, daß sie sich nicht der militärischen Präsenz des US-Imperialismus in der Region widersetzen, da diese Präsenz in direkter Weise den Einfluß der Sowjetunion, der die VR China selbst bedroht, neutralisiert; (b) anhand der politischen Verwirrung, in der Peking seine -- bewaffneten oder nichtbewaffneten -- Anhänger in der Region beläßt; Diese brechen politisch auseinander und spalten sich und sie sind nicht mehr die ehemals notwendige Hauptstütze für die Umsetzung und das Eindringer des chinesischen Einflusses in der Region. Der aktuellste und offensichtlichste Fall auf diesem Gebiet ist der der malaisischen Maoisten: (c) schließlich benötigt Peking auf wirtschaftlichem Gebiet dringend Devisen zum Kauf von Ausrüstungsgütern und Technolo- , führt Peking eine doppelte Operakommen konkurrenzlos sind aufgrund von Preis- Produkte anbietet, und zwar zu Preisen, die vollsenkungen bis zu 20%, was ihm einerseits erlaubt eigene Devisen zu bekommen und was andererseits den Bourgeoisien in Asien die Möglichkeit bietet, Produkte zu Niedrigpreisen außerhalb des kapitalis- tischen Weltmarktes zu kaufen, der für die regiogebot hat. nalen Bedürfnisse ein wenig geeignetes Warenan- 3.) Die Gesamtheit dieser neuen Gegebenheiten, die noch nicht bestätigt und noch nicht in die Praxis umgesetzt worden sind, während sie sehr wohl bereits klar definiert worden sind, ist Träger von politischen Widersprüchen, die sich im anti- Imperialistischen Lager der Arbeiterstaaten in der Region Ausdruck verschaffen werden. nicht entgegengesetzte Auffassungen davon, wie sie Hanoi und Peking haben sehr unterschiedliche, wenn am besten ihre Interessen verteidigen. Peking versteht die Verteidigung Chinas nicht mehr als eng verbunden mit der Ausweitung des Kampfes gegen den Imperialismus in Indochina und dessen Verbindung mit den Kämpten in der Region. so akzeptiert Peking die Stationierung der US-Truppen in Thailand, Hanoi tordert deren Abzug. Der Thailändische Premierminister seinerseits organisiert den Abzug der Amerikaner, streckt den Chinesen die Hand hin, verurteilt Hanoi und schlägt die Neutralisierung der Region vor, in gleichweiter Entfernung von Washington und Moskau. Das Ziel einer solchen Operation ist daher sehr klar: sein Überleben absichem, indem man sich mit Peking in Übereinkunft setzt, indem man auf Sihanouk setzt, um dadurch den Einfluß Hanois einzuengen, wenn nicht gar dieses zu isolieren. Die Erklärung von Sihanouk vom 15. April in Peking ist ein Echo auf das, was der thailändische Premierminister für die Region vorgeschlagen hat: "Das Regime, das nach dem Sieg von den Roten Khmer in Phnom Penh errichtet wird, wird blockfrei, demokratisch, progressiv und nicht kommunistisch sein. " In einer mündlichen Erklärung im französischen Rundfunk erklärte Shanouk, daß "es nach dem Sieg eine total kommunistische Verwaltung geben wird, Ich werde somit entweder elne Marionette der Roten Khmer oder ich bleibe unabhängig und es folgen Unruhen. " Dies mach eines deutlich: Sihanouk will die soziale Basis, die er sich vor allem in den ländlichen Gebieten erhalten hat, sowie den notwendigerweise nationalen Charakter des aktuellen Kamples, der es ihm erlaubt einen realen Einfluß unter den Massen und unter zahlreichen mitem in den ederstanden Stage sind, es, bee gegangen sind, zu bewahren, für seine Ziele ausnutzen. Er will die internationale Unterstützung im Westen wie im Osten (von Seiten Pekings) ausnutzen, und sich den Roten Khmer und in zweiter Linie den Vietnamesen widersetzen. Es ist zu früh für eine Bilanz, aber das Problem ist klar gestellt.

Die Konzeption von der regionalen Neutralität ist ein gemeinsames Schlüsselelement für Sihanouk, Bangkok und Peking, das Hanoi in seinem Wiedervereinigungswerk in Vietnam stören kann, ebenso in seinen regionalen Beziehungen. Das überträgt eine sehr schwere Verantwortung auf Hanoi: muß die politischen, vielleicht auch die militärischen Bande mit den revolutionären Kräften in der Region verstärken, die traditionell mit China verbunden sind. Der Wiederaufbau in Vietnam kann diesen Prozess noch blockieren, aber Hanoi weiß, was Isolierung bedeutet.

Vor diesem Hintergrund bleibt eine Frage noch ohne" Antwort: der Aufschwung der Massenmobilisierungen in der ganzen Region, der sich bereits deutlich in den Kämpfen der Studenten gegen die herrschenden Klassen in jedem der verschiedenen Länder ausgedückt hat, ist ohne wirkliche politische Führung. Die Kampfbereitschaft der Massen gegenüber dem Imperialismus -- in seinem kombiniert japanischamerikanischen Asudruck -- ist ein Element, das durch die Siege in Indochina noch zusätzlich ge nährt wird. Aber weder Peking und noch viel we. niger Moskau Können eine politische Führung dieser Kämpfe anbieten. Dieses Vakuum auf dem Gebiet einer konsequenten Führung schafft für die vietnamesische Führung ein beträchtliches Problem. Auch auf dieser Ebene wird die vietnamesische Führung beweisen müssen, ob sie bereit ist oder nicht, den Kampf fortzusetzen, den sie in so großartiger Weise in Indochina gerührt hat. Falls es hier zu einer positiven Antwort Hanois kommt, so ist der Konflikt zwischen Peking und Hanoi auf diesem Gebiet unvermeidlich.

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