Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Wirksamer als hundert Reden

Inprekorr Nr. 29, April 1974 · S. 59-61 · 1.904 Wörter

Chile Frankreich

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Tagtäglich schreibt die chilenische Presse - oft mit a) dass die Exilierten schlechte Chilenen sind, Skandalgeruch - über die verschiedenen Manifesta- denen das Bürgerrecht entzogen werden muss tionen der "antichilenischen Kampagne" in aller Welt. (was in wenigen Tagen für eine Reihe von ihnen So ist es möglich, von Santiago aus der Pilgerung der Fall sein wird); der Witwe Allendes zu folgen, ihre wichtigsten Erklärungen zur Kenntnis zu nehmen, sogar in extenso b) dass es wirklich ein ausgedehntes marxistisches ihren Aufruf an die chilenischen Frauen, verbreitet Komplott gegen Chile gibt; über Radio Havanna, zu lesen.

c) dass die Länder, welche die Junta nicht anerken- Weiter sind alle Einzelheiten über die Besetzung nen oder die ihr Schwierigkeiten machen bei der der chilenischen Botschaft in Frankreich bekannt, raschen Gewährung einer substantiellen wirtdie Zwischenfälle im italienischen Senat, die schaftlichen Hilfe, selbst Opfer der teuflischen Sitzungen der ehemaligen chilenischen Botschafter Machenschaften von Moskau, Havanna und des im Exil, etc. bis zum Heiligen Stuhl infiltrierten internationalen Kommunismus sind; Nur wenig bleibt unbekannt über die im Ausland d) schliesslich dass es gegen diese weltumspannenveröffentlichten Kommuniqués der chilenischen de Konspiration näher zusammenzurücken und von Führern oder Aktivisten der UP oder des MIR Linksorganisationen, ebenso über die Interviews den Gürtel enger anzuziehen, sich bei der Arbeit (mindestens ihr Vorhandensein und die groben Züge und der Disziplin doppelt anzustrengen und alle sind bekannt). Auch eine fast tägliche Zusammen- verdächtigen Nachbarn und Arbeitskollegen bei fassung der wichtigsten Artikel der Weltpresse kann den Behörden zu denunzieren gilt. man lesen, in denen die Junta, die Folterungen, die Konzentrationslager, die Hinrichtungen, die Repression unter allen ihren Formen denunziert werden.

EINE WOHL UEBERLEGTE POLITIK

Beziehung erstaunlich scheinen, handelt es sich doch Die Haltung der chilenischen Presse mag in dieser Eine Zeitung von Santiago ist in der ersten Dezemberausschliesslich um rechte und rechtsextreme Publi- woche sogar so weit gegangen, kationen, alle andern bleiben natürlich verboten. riesigen Buchstaben zu betiteln: "CHILE ESTA SOLO Gewisse Leute sehen darin Masochismus. In Wirklich- EN EL MUNDO !" ('Chile steht allein in der Welt !", in "Ultimas Noticias"). Danach... ist nur noch auf keit handelt es sich um eine wohlüberlegte Politik, die den chilenischen Massen vordemonstrieren soll: die eigenen Kritte Verlass und auf die chinesische -60-

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"...falsche, verleumderische und erbärmliche Information..., die die traditionelle Kampagne gegen meine Partei und ihre Vertreter fortsetzen will... Selten habe ich eine Erdichtung gesehen, die biszu dem Grad auf dem Ressentiment und der Gemeinheit beruht... Leider ist dieser Artikel nicht ein isoliertes Vorkommnis, vielmehr ein weiterer Schritt derjenigen, die keine Gelegenheit vorübergehen lassen, um die christdemokratischen Ideen mit einer krankhaften Besessenheit zu attackieren... Sie können lügen, wann sie wollen, aber sie werden niemanden davon überzeugen können, dass wir Marxisten sind, weil wir gegen die kapitalistische Ausbeutung gekämpft haben. Sie können lügen, wann sie wollen, werden aber die Partei nicht spalten können. Sie können lügen, wie sie wollen, aber sie werden weiterhin nur das sein, was sie sind: Schreckgestalten der Geschichte... (''La Prensa", 19.11. 73).

Im Leitartikel der gleichen Ausgabe von "La Prensa" wird der Ernst dieser innerbügerlichen Kämpfe noch besser aufgezeigt:

"Unter der vorhergehenden Regierung müsste die christdemokratische Partei eine andauernde Kampagne über sich ergehen lassen, die zwei Ziele hatte: den Sinn ihres Handelns entstellen und ihre Militanten spalten... Es scheint nun so, dass eine derartige Aggressionsform sich erneut zu regen beginnt, gefördert von bestimmten po- Litischen Interessen. Es ist schon eine Weile her, dass die Verbreitung von Gerüchten, Anspielungen, Bezugnahmen persönlicher Art, Unterschiebungen von Haltungen und Ideen zu beobachten ist, die darauf ausgehen, die Christdemokraten oder bestimmte ihrer Gruppen auf Positionen festzulegen, die gegen die Interessen des Landes gerichtet wären... Diese frontale Kampagne gegen die DC hat nichts mit den Zielen der Bewegung vom 11. September gemein, sondern leitet sich viel eher von Tendenzen ab, die die Geschichte Chiles bis in Bahnen reaktionären Inhalts zurückdrehen wollen..." Es liegt auf der Hand, dass eine solche Polemik nicht vor aller Augen und so deutlich fortgesetzt werden kann, mindestens für den Moment. Deshalb erklärte "El Mercurio" in einer Meldung des Herausgebers, dass er in seinen Spalten nie mehr Anklagen dulden werde, "die einer Kollektivität Unrecht tun, deren verantwortliche Handlungen im öffentlichen Leben real sind und die bis zum Verbot der politischen Betätigungen, dekretiert durch die Junta, die mächtigste Partei war..."

DIE KRISE DER DC

Ebenso auf der Hand liegt, dass der Kampf weitergehen wird, zweifellos in einer weniger sichtbaren Form, dass aber "El Mercurio" seinem Mitstreiter "La Tribuna" die unmittelbar polemische Aufgabe überlassen wird, die offensichtlich nebensächlich bleibt, denn der ganze Streit ist ja bloss das Abbild und die Folge der tiefen und nicht aus der Welt zu schaffenden Divergenzen, die sich an den grossen wirtschaftlichen, politischen und sozialen Entscheiden entzünden. Divergenzen, die selbst innerhalb der Junta und der gesamten Streitkräfte fortwirken und die gut und gerne schon in kurzer Zeit eine (momentane) Lösung finden könnten durch einen neuen Hand- , streich, dem zumindest - je nach der siegreichen Tendenz - Pinochet und Bonilla oder Leigh zum Opfer fallen würden.

Leigh und zweifelsohne Toribio Merino sind sich, so scheint es, klarer darüber, dass ein Zurück zum "Populismus" unmöglich ist. Sie scheinen nämlich begriffen zu haben, dass die Alternative zum Sozialismus nur in der ständigen Verstärkung ihrer blutigen Diktatur zu suchen ist. Aber es ist wenig wahrscheinlich, dass sich die "Schäden" dann bloss auf die Person einiger Generäle beschränken lassen... Der Leitartikel in "La Prensa" vom 20. November war noch zwei Wochen früher undenkbar gewesen. Er zeigt die rasche Beschleunigung der internen Krise. Er bedeutet eine deutliche Warnung an die Sektoren auf der äussersten Rechten der Streitkräfte und eine massive Unterstützung der Sektoren, die sich hinter Pinochet und Konsorten stellen. Unter dem Titel "Nein zu einer absolutistischen Regierung" übernimmt und unterstreicht das Organ der DC eine kürzliche Erklärung von Pinochet, wonach das Ziel der gegenwärtigen Regierung "einem absoluten und permanenten militärischen Regime, das eine gute Administration des Staates aufrechterhalten würde", entgegengesetzt ist.

Wenn "La Prensa" sagt: "... wir denken, dass die Meinung von General Pinochet einmal mehr zum richtigen Zeitpunkt kommt", so heisst das soviel wie: zum richtigen Zeitpunkt gegenüber Positionen, die sich in andern Sektoren der Streitkräfte entfalten. Die Zeitung hebt geschickt hervor, dass eine autoritäre Militärregierung den Angriffen der allendistischen Propaganda in der ganzen Welt nur Auftrieb geben würde, dass sie bedeuten würde, all jene als ebenso verantwortlich für das Vorgefallene zu behandeln, die gegen "die Exzesse der vorherigen Regierung" gekämpft "und die sich das Gewissen der Freiheit erhalten haben"; "dass sie ein System der Gewalt, der Verfolgung, des Sektiertertums und der Leiden für die Unschuldigen wie für die Schuldigen mit sich bringen würde"; "dass sie jede nationale Eintracht in der tiefen Solidarität und in der Arbeit über die Sonderinteressen hinaus verhindern würde"; dass sie "jeden Versuch, den Staat auf angemessene Weise zu verwalten, unmöglich" machen würde; dass sie für den "totalitären pseudolinken Revanchismus" eine ungemeine Hilfe bedeuten würde.

Wenn "La Prensa" sagt: behütet uns vor einer Militärdiktatur, die uns alle diese Uebel bescheren würde (als würde jene nicht existieren und als wären diese nicht von brennender Aktualität), gibt sie dadurch deutlich zu verstehen, dass sich die DC den Versuchen zur Verstärkung der Position des Rechtsaussen- Flügels der Bourgeoisie in der Regierung widersetzt. Die Zeitung präzisiert übrigens, dass ihre Warnung umso dringender sei "im Moment, wo wir sehen, wie gewisse Interessen - die einen Augenblick lang die Demokratie zu verteidigen vorgaben - immer mehr die Absicht bekunden, ihr Ziel eines neuen Autoritarismus zu verwirklichen. Ob in der wirtschaftlichen oder politischen Sphäre, die sich bemerkbar machende Tendenz ist gegen die demokratischen Ideen und diejenigen gerichtet, die diese vertreten, gegen die •59-

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DIE MISSGESCHICKE DER OFFIZIELLEN DELEGA- TIONEN

Viele Bourgeois jedoch, die etwas weniger stupid als ihr Morgenblatt sind, staunen und ärgern sich. Mehrere Leserbriefe sind dieser Tage erschienen, in denen gefragt wird, ob es wirklich nötig sei, dieser "verleumderischen und lügnerischen Kampagne" so viel Platz einzuräumen, und "Tribuna" (der schlimmste Wisch der Nationalpartei) betonte am 7. Dezember, dass in Chile mehr Reklame für den Marxismus gemacht werde als im Ausland

Es ist wohl möglich, dass die Junta kaum lange zuwarten wird mit dem Verbot - wie sie das vor anderthalb Monaten für die Hinrichtungen und Attentate geregelt hat - jeder auf diese Kampagne bezogenen Veröffentlichung, die nicht ihr Zensurvisa erhalten hat. (Am 11. Januar 74 hat die Junta tatsächlich die Pressezensur drastisch verschärft - bresche.) Im Moment - und bis auf weiteres - spielt die weltweite Chile-Kampagne hier selbst ein wichtige Rolle durch die Verbreitung, die ihr die chilenische Presse bei ihrer Denunzierung sichert, wodurch die Moral vieler Aktivisten gehoben oder hochgehalten und gleichzeitig die der Bourgeoisie und ihrer Handlanger untergraben wird.

So haben eine Reihe von - auch hier weitherum verbreiteten - Ereignissen in den letzten Tagen die Moral der Gorillas hart angegriffen: es handelt sich um die Missgeschicke, die einer Serie von offiziell en Delegationen zugestossen sind, die ausgezogen waren, um im Ausland die "chilenische Wahrheit" zu erzählen. Es gab die von der Madrider Universität vertriebenen Juristen, die von der Universität Guayaquil vertriebene Medizinerdelegation, den Boykott Villarins und seiner Suite... in Bolivien, verwehrter Eintritt nach Mexiko und schliesslich Rauswurf aus Venezuela. (Inzwischen hat auch die Aktion des Chile- Komitees gegen Villarin in Paris, vgl. S. 23 , in der chilenischen Hauptstadt riesige und entrüstete Schlagzellen gemacht - bresche).

LA PRENSA

EN PARIS

SECUESTRAN

AL VILARIN ¡ZUECOS • SECUESTRAROM-EN TAMBIEN PARA

PARIS A VILARIN

Auf ihrer fieberhaften und fast verzweifelten Suche nach einer immer breiteren Unterstützung von aussen verdauen die chilenischen Gorillas diese Art von Manifestationen sehr schlecht, die zweifellos wirksamer sind als hundert Reden von Frau Tencha Bussi. Wohl wurde hier zu sagen versucht, die Universität von Madrid und die Polizei von Venezuela seien von Moskau gelenkt, aber niemand hat diese Anschuldigung hervorzuheben gewagt, denen nicht einmal ihre Urheber Glauben zu schenken schienen.

DIE KAMPAGNE MUSS VORANGETRIEBEN WERDEN Für die Junta ist die Frist bis Januar-Februar entscheidend. Wenn die Kaufkraft der Massen und besonders der Mittelschichten nicht merklich angehoben wird, werden Schwierigkeiten auftauchen, die vielleicht. gewaltsam gelöst werden. Es geht darum, die Lohnmasse stark und rascher als die Preise zu erhöhen, nicht nur um verzweifelte Explosionen breiter ausgehungerter Schienten zu verhindern, sondern auch um eine schwerwiegende Rezession zurückzudrängen, von der die ganze Presse schon mit Schrecken spricht. Aber woher das Geld nehmen, ohne die Notenpresse in Gang zu setzen... ?

Um den erdrückenden Schraubstock zu lockern, wenden sich alle Gekonomisten der "Krone" dem Ausland zu: Ruf nach Kapital und Suche nach Märkten. Der Erfolg der zahlreichen in diesem Sinn gemachten Vorstösse kann bestimmt beeinflusst werden - mindestens zum Teil - von der Stosskraft der weltweiten Kampagne gegen die Diktatur der chilenischen Bourgeoisie.

Jeder ausgeteilte Schlag, jede Demonstration, Stellungnahme, Denunzierung, jeder Boykott von offiziellen chilenischen Vertretern, etc. ist heute enorm wichtig. Es heisst diese Kampagne voranzutreiben, die Demonstrationen zu vervielfachen, nicht locker zu lassen bei dieser Aufgabe. In den nächsten Monaten steht die • Stabilisierung der Juntaherrschaft auf dem Spiel. 12.12.73 Parvus (Santiago)

LOGIK DES KAUFKRAFTSCHWUNDES "DIE HAUSFRAUEN MUESSEN RICHTIG

EINKAUFEN LERNEN. WENN DIE FREIEN

PREISE ZU HOCH SIND, IST ES BESSER, EINE ZEITLANG NICHT ZU KONSUMIE- REN. IM MOMENT SIND DIE PREISE

HOCH, ES IST ALSO VORZIZIEHEN, ZUR

PRODUKTION ZURUECKZUKEHREN, UM

DIE LAGE WIEDER EINZUPENDELN."

Fernando Leniz, Wirtschaftsminister der faschistischen Junta, ehemaliger Direktor von "El Mercurio"