Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Uruguay

Die Liquidierung der letzten Reste von Legalität

· Inprekorr Nr. 29, April 1974 · S. 66-67 · 1.153 Wörter

Gewerkschaften und Streiks Jugend und Studenten

Unkorrigierter maschineller Text (OCR). Jede Seite verweist auf ihren Scan; vor dem Zitieren bitte dort prüfen.

Fünf Monate nach dem Putsch vom 27. Juni hat die uru- Heute ist die wirtschaftliche Situation katastrophal: der guayische Armee, die noch immer durch ihre vorgescho- Lebensstandard der Lohnabhängigen sinkt seit Jahren, die bene Marionette, den Präsidenten Bordaberry, regiert, so- Preise verdoppeln sich in regelmäßigen Abständen alle eben die letzten Reste der Legalität abgeschafft. An drei bis vier Monate, es herrscht massive Arbeitslosigkeit, 1. Dezember 1973 wurden 14 Organisationen der Linken Leute sterben vor Hunger, Seit 1968 sind hunderttausende und der extremen Linken aufgelöst. von Uruguayern (von einer Gesamtbevölkerung von weniger als 3 Millionen) ausgewandert, nach Argentinien, Kanada, Dieser neue Schlag der Repression ist Teil eines breitange- Australien...• legten Plans der Militärs, der darauf abzielt, die Arbeiterklasse, die Lohnabhängigen und die Studenten total zu zer- Der frühere Wohlstand basierte auf einem sehr zerbrechschmettern, Schon unmittelbar nach dem Staatsstreich war lichen Fundament. Uruguay ist immer ein abhängiges die Einheitsgewerkschaft, die CNT, aufgelöst worden und Land geblieben, vor allem von Großbritannien. sehr zahlreiche politische und gewerkschaftliche Militante Wirtschaft war abhängig von den Fleisch- und Wollexporwaren verhaftet worden. Dir meisten sind zur Stunde noch ten und, in geringerem Maße, von den Bankaktivitäten immer im Gefängnis, darunter der General Seregni, Führer (Montevideo war zu einem internationalen Finanzplatz der "Frente Amplio". Zahlreiche Gefangene waren in einem reworden). Mit dem sehr starken Sinken der Stadion von Montevideo, dem "Cilindro Municipal" zusam- Fleisch- und Wollpreise -- nach dem Koreakrieg -- bemengepfercht worden.

Die Zensur und vor allem die Schließung von Zeitungs- sische Antwort: Lohnstop und Arbeitslosigkeit. daß die Oppositionspresse aus der politischen Landschaft verschwand, Die Militärs, die im- VOM STARKEN STAAT ZU DEN MILITÄRS mer sehr "freimütig in ihren Äußerungen sind, haben übrigens die Gesamtheit der für die Presse vorgesehenen Maß- Um diese Maßnahmen durchtühren zu können, nahmen offiziell "Knebelungsplan" genannt. Eine Verord- die Bourgeoisie eine neue Politik anwenden. 1958 kommt nung zur Reglementierung der Gewerkschaften schaffte die Blanco-Partei an die Macht, zum ersten Mal seit praktisch das Streikrecht ab und knebelte die Gewerkschaf- 1904, und unterstellt das Land dem Internationalen ten dadurch, daß sie der Bewachung durch die Polizei unter- Währungsfonds. Dann -- als dies nicht mehr genügte -worfen wurden: alle Gewerkschaften müssen in regelmäßi- radikalisierte sich die Arbeiterklasse unter der doppelgen Abständen die Liste ihrer Mitglieder der Polizei bekannt ten Einwirkung der Krise und des Sieges der cubanischen machen. Revolution, 1966 wird eine neue Verfassung (die "Naranja"-Konstitution) verabschiedet, was zur Stärkung der In einem solchen Klima von Repression, von faschistisch- Exekutive führt. Schon zu diesem Zeitpunkt dachten geen Angriffen, "anti-marxistischer" Propaganda, trägt wisse Fraktionen der Bourgeoisie an einen Militärputsch. die Linke den Sieg bei den Universitätswahlen am 13. Sep- Seit 1968 herrscht in Uruguay eine "konstitutionelle Diktember davon. Die Universität war somit die letzte Bastion : Als Antwort auf die Entwicklung der sozialen der Opposition geblieben. Das sollte nicht lange dauern: Kämpfe und die Aktionen der MLN (Tupamaros) regiert • am 21. Oktober explodiert, sehr opportunerweise, in einer die Staatsmacht mithilfe von "Notverordnungen". Als Fakultät eine Bombe: ein Toter bleibt zurück, Für die Ar- dies sich immer noch als ungenügend erwies mee ist dies der gesuchte Vorwand, um zu intervenieren: -- nach den Wahlen vom November 1971, wo die der Rektor der Universität, die Dekane von allen Fakul- in der "Frente Amplio" vereinigte Linke zur dritten Kraft täten und 150 Studenten und Professoren werden verhaftet, des Landes geworden war -alle Vorlesungen werden abgesagt.

DER TOD DER "LATEINAMERIKANISCHEN SCHWEIZ" Kriegszustand'wird proklamiert. Alle Macht liegt nun praktisch in den Händen der Armee, die vom Parlament

Heute befindet sich Uruguay in einer politischen Situation, die derjenigen von Brasilien oder von Chile sehr ähnlich ist. Noch vor zehn Jahren war Uruguay "das demokratisch- Jurch die Anwendung der Taktik einer abgestutten Reste Land Lateinamerikas". Es gab ein parlamentarisches pression, indem sie die verschiedenen Sektoren der Regime, das von zwei bürgerlichen Parteien beherrscht Linken einen nach den anderen angriff, gelang es der wurde: die Colorado-Partei, die Repräsentantin der Indus- Armee in kaum mehr als einem Jahr der Arbeiterbewerie- und Handelsbourgeoisie, sowie die Blanco-Partei, gung eine ernsthafte Niederlage beizubringen. Die wichlie Repräsentantin der Großgrundbesitzer, Die Gewerk- tigsten Etappen dieser Offensive sind die folgenden: schaftsbewegung war -- verglichen mit der Bevölkerungszahl -- eine der stärksten Lateinamerikas. Die Linke ge- --April bis September 1972 wird der Kampf gegen die noß alle Vorteile der Legalität, sie war relativ schwach MNL (Tupamaros) entfesselt: tausende von Militanten und sehr heterogen (es gab 1960 mehr als 30 Organisatio- und Sympathisanten der MLN und von anderen revolunen der Linken und der Extremen Linken). Die Armee war tionären Organisationen werden verhaftet, grausam sehr klein und hatte seit dem Ende des 19. Jahrhunderts refoltert (die Polizei und die uruguayische Armee haben nicht mehr in das politische Leben des Landes interve- in den USA und in Brasilien Unterrichtsstunden im Folniert. genommen). Aufgrund dieser Repression, autgrund des Verrats von zwei wichtigen Mitgliedern, und auch aufgrund gewisser Irrtümer in der Analyse ist der Mili- Diese politische Situation war für den lateinamerikani- tärapparat der MLN sehr ernsthaft angeschlagen worschen Kontinent eine Ausnahme, dem entsprach eine schließlich der Arbeiterklasse, war vergleichbar mit dem Station: Der Legerstanded der stadtbieve erna ate- in den Grund- und Oberschulen gerichtet, während fa- --im Dezember 1972 wird der Angriff gegen die Lehrer Lebensstandard in Europa, Das einzige "unterentwickelte" schistische Gruppen ihre. Angriffe in den Gymnasien ver- Gebiet auf sozialer Ebene lag im Norden des Landes, wo vielfachen.

es ein Landproletariat gab, aber das war nur ein kleiner Teil der Gesamtbevölkerung.

Seite 67

--parallel dazu entwickelt die Armee eine Kampagne --und schließlich der Putsch vom 27. Juni: der Präsident gerlichen Politiker, eine Kampagne deren Ziel es regen die Korruption -- die eine Realität ist -- der und untersagt jegliche politische Aktivität... Noch zu der Republik löst das Parlament auf, zensiert die Presse die Parlamentarier, die nicht gerade erfreut da- diesem Zeitpunkt, mitten im Generalstreik und trotz der rüber waren wie ihre Bedeutung unaufhörlich abnahm, Auflösung der CNT, hält die KP ihre Kontakte mit den eu diskreditieren. Militärs weiter aufrecht und fordert von diesen.

Rücktritt des Präsidenten Bordaberry ("Repräsentant der .-im Februar erreicht diese Offensive ihren Höhepunkt: Oligarchie") und die Prakuzierung i der Kommuniques 4 ein Verteidigungsrat wird Sie Verte de armed und der regierung besteht, Dieser und 7. Im Juli gibt es in Montevideo zahlreiche Gerüchte, die besagen, daß die KP die Beendigung des Streiks

Rat hat alle Macht in seinen Händen konzentriert. Gleich- gegen ihre Nichtauflösung eingehandelt hat. i tag gibt die es ko brusam edit gemietes res wahr ist, und zahlreiche Indizien scheinen daraut hinzudann hat sie ganze Arbeit geleistet: nachdem die Formistisches Programm entwickeln, Das erwies sich Arbeiterklasse einmal entwaffnet war, konnte die Represais ausreichend dafür, daß die KP und die Mehrheit der sion auf vollen Touren weitergehen! stration unter der Parole CNT die Militärs unterstützten, Ja, sogar eine Demon- "Arbeiter und Militärs, ein Kampf" organisierten. Die KP betont die positiven Aspekte des