Eine der ersten Regierungshandlungen der Awami Liga war die Verordnung einer "Agrarreform". Ihr Ziel war die Stabilisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse auf dem Lande und die Demoralisierung der Bauernschaft. Das war der größte Erfolg der Regierung. In einem Artikel zum ersten Jahrestag der Beendigung des Unabhängigkeitskrieges von Bangla Desh beschrieb Nayan Chanda in der Dezemberausgabe der französischen Monatszeitung "Pessimismus auf dem Lande" folgendermaßen: "Die einzige Maßnahme, die bis heute auf diesem Gebiet durchgeführt wurde, war die Abschaffung der Grundsteuer für ' Besitzungen von weniger als 25 bighas (ungefähr 3,2 ha oder etwas weniger als 8 a) und die Begrenzung der individuellen Familienbesitzungen auf 100 bighas (ungefähr 32 a). Keine dieser Maßnahmen scheint das Agrarsystem des Landes ernstlich umgestaltet zu haben, das immer noch durch abwesende Landlords und ein extensives Pachtsystem gekennzeichnet ist ( ein System, in dem der Bauer die Pacht in Naturalien entri chtet) "
Bauern aus dem Distrikt Mymensingh ( nördlich von Dacca): "Was nützt es uns, daß die maximor le Größe der Besitzungen auf 100 bighas begrenzt worden ist ? Wir müssen noch genau wie vor her in der brennenden Sonne, im Schlamm und während des Monsunregens schuften, um die Vorratshäuser unserer Landlords zu füllen. Wir müssen weiterhin 100% Zinsen für Anleihen zahlen, die wir wohl oder übel beim Mhajan ( Wucherer) aufnehmen müssen. ..
Gefragt nach dem offensichtlichen Widerspruch zwischen der Lage der Bauern und den wirtschafti lichen Plänen einer Regierung, die sich sozialistisch nennt, gab ein offizieller Vertreter der Awami Liga Chanda zur Antwort, daß das Regime noch nicht genügend Zeit gehabt habe, Aber es muß einige Studien auf diesem Gebiet gegeben haben. Die Regierung arbeitete ei nen Plan für die Entwicklung der Landgebiete für den Zeitraum 1972/73 aus. Er ist vollständig technizistisch, spricht von Insektiziden, Verteilung von Hilfe usw. Die Frage der Schulden, die die Bauern bei den Wucherern haben, wird nicht erwähnt. mag sein, daß der Wucherer heute wahrscheinlich Mitglied der Awami Liga ist. Ein anderer Grund mag darin liegen, daß die Verteilung der technischen Hilfe auf dem Lande eine wichtige Quelle für Rohmaterial ist, das man auf dem Schwarzmarkt verschleudern kann, der wiederum von unternehmenslustigen Awami Liga Akkumulatoren kontrolliert wird. 'Nehmen wir z. B. die Düngemittel", schreibt Chanda. "Die Regierung hat schon den Preis Für einen 20-Kilo-Sack auf 20 Takas verdoppelt. Anschließend wird das Material von lokalen
Komitees verteilt, die aus den regionalen Führern und Mitgliedern der konstituierenden Ver sammlung zusammengesetzt sind( alle von ihnen sind Awami-Liga-Mitglieder). Statt, daß sie an die Bauern ausgeliefert werden, landen die Säcke mit Düngemitteln schließlich auf dem Schwarzen Markt, um dort verkauft zu werden. In Jamalpur (Distrikt Mymensingh) z. B. bekommt man einen Sack für 50 Takas los. " Das könnte man noch als "normal" bezeichnen oder einfach als Dieberei. Chanda zitiert einen Fall, der makabrer ist, aber dennoch ziemlich allgemein verbreitet zu sein scheint: "Ashyajama Chakma's Familie, die im Bergland von Chittagong lebt, hatte einige Tage lang nichts zu essen gehabt. Als er hörte, daß an die Bedürftigsten Lebensmittel verteilt würden, schleppte sich Ashvajama mühsam zum Marktplatz nach Tanchhi, dem kommerziellen Zentrum der Region, wo in der Tat etwas Geld an die Hungrigen verteilt worden war. Aber das, was er sich ergattern konnte, wurde ihm sogleich wieder abgenommen von Subal Mahajan, einem Geldverleiher, der gleichzeitig der Führer der lokalen Awami Liga ist. Er erklärte, Ashvajama würde ihm diese Summe schulden. Zu schwach, um dagegen zu protestieren, kehrte Ashvajama mit leeren Händen nach Hause zurück. Als er ankam war seine 7-jährige Tochter vor Hunger gestorben. Diese Geschichte wur de auf einem öffentlichen Meeting erzählt, auf dem ein Führer der Awami Liga behauptet hatte, daß Presseberichte, die von verhungerten Menschen gesprochen hatten, reine Lügen seien.
Die Hungersnot auf dem Lande, das muß deutlich gesagt werden, war vollkommen künstlich herbeigeführt worden. Phani Bhusan Majumdar, der Minister für Ernährung, schätzte, daß der Getreidebedarf von Bangla Desh für das Jahr 1972 ungefähr 11,5 Mio t betragen würde. Die nationale Produktion wurde mit 10,2 Mio + beziffert. Selbst wenn er mit dieser Zahl zu hoch gegriffen haben sollte, wäre das Defizit nicht unerträglich gewesen und hätte theoretisch durch Hilfe aus Indien und den USA ausgeglichen werden können. Die eigentliche Erklärung für die von Chanda erwähnte Hungersnot liegt nicht so sehr im einheimischen Schwarzmarkt, obwohl dies sicher nicht gerade vorteilhaft ist, sondern vielmehr im Schmugglerunwesen. Dieses entfaltete sich auf großer Stufenleiter in den Provinzen nahe der indischen Grenze... Die Schmuggler scheinen damit Geld zu machen, daß sie Schmuggelware billiger verkaufen als sie sie einkaufen. Sie arbeiten in etwa folgendermaßen: Offiziell ist die Währungseinheit von Bangla Desh, die Taka, gleichviel wert wie die indische Rupie. Aber in Wirklichkeit wird die Taka für ungefähr 60% ihres offiziellen Wertes in Rupien gewechselt. Das eröffnet für die Unternehmer gute Aussichten. Ein Journalist beschrieb z. B. den Handel mit Eiern. Zwei dutzend Eier werden in Bangla Desh für 25 Takas gekauft. Dann werden sie über die indische Grenze geschmuggelt und in Indien mit 5 Rupien Verlust für 20 Rupien verkauft. Die 20 indischen Rupien werden dann nach Bangla Desh zurücktranspor tiert, wo sie mit einem Profit von 8 Takas gegen 33 Takas wieder eingetauscht werden. Einige Schmuggler lassen den letzten Schritt weg. Sie wechseln einfach ihre Takas in Rupien um und deponieren diese dann auf den Banken von Kalkutta oder Delhi. Für diejenigen, die wieder in Takas zurückwechseln, kann der Profit gelegentlich mehr als 200% betragen. Nach Chanda wird der größere Teil dieses Handels von Mitgliedern der Konstituierenden Versammlung oder zuminestest nicht ohne deren Wissen durchgeführt( Sie werden dafür, daß sie keine Notiz davon nehmen, entsprechend entschädigt). Diese Vorgänge haben nun einen Punkt erreicht, wo sogar die Pro- Moskau-KP, die das Rahman-Regime unterstützt hat, sagt, daß die Bevölkerung Mitgliedschaft in der Konstituierenden Versammlung und persönliche Korruption als ein und dasselbe ansieht.