Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Die Internationale: In unserem Kampf haben wir uns nicht geirrt … Interview mit Hubert Krivine

Inprekorr Nr. 243, Januar 1992 · S. 26-29 · 2.144 Wörter

Sowjetunion Stalinismus und Bürokratie Polen

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Critique Communiste: Wir haben vor einem Jahr den umfaßt eine radikale, instinktive Ablehnung aller Ausdrücke, die mit ? Text des von dir in Barcelona gehaltenen Vortrags über dem Kommunismus verbunden sind; zitieren wir cinmal unsystemadie Aktualität der Perestroika und die Zukunft des tisch Planwirtschaft, Internationalismus, Verbrechen des Imperialis- Sozialismus herausgegeben (1). Heute wird überall das mus usw. Aber die Menschen denken mit den Ausdrücken: die Aus- Ende des Kommunismus eingeläutet. Ist es nicht für drücke verwerfen bedeutet unweigerlich auch die Ideen verwerfen. diejenigen ein harter Schlag, die als Kommunisten ent- Vor fünfzig Jahren sagte Victor Serge, als er von den Stalinisten schiedene Gegner des Stalinismus sind? sprach, daß es in ihrer Lüge Wahrheiten gibt"; genau das verlieh ihnen ihre Stärke! So ergibt das Negative des Stalinismus noch ein verfälsch- Hubert Krivine: Was im Osten zusammenbricht, sind die neosta- tes Abbild dieser Welt, wo der Stalinismus ch schon weiß in schwarz linistischen Diktaturen, die sich selbst "kommunistisch" getauft verwandelt hat.

haben - mit dem begeisterten Segen aller Bürger (= Bourgeois). Für Das Problem geht also über die Ebene des Vokabulars hinaus. die ersteren handelt es sich darum, ihr System im Namen der Interes- Selbst mit anderen Ausdrücken wird das, was cinmal das kommunistisen des Proletariats zu legitimieren; dieser Betrug hat mehrere Jahr- sche Ideal begründete, schwer zu verteidigen sein - wenigstens für eine zehnte mehr oder weniger funktioniert. Für die Bourgeois ging es gewisse Zeit. Zum Beispiel wird selbst die Idee der sozialen Gerechdarum, das kommunistische Ideal zu beschmutzen, dessen Gespenst tigkeit in den verschiedenen politischen Kreisen unpopulär, wo die in Europa herumging. Dieser zweite Betrug hat den ersten unterstützt "Gleichmacherei" als Todsünde betrachtet wird. Sicher stimmt das und hat so einen unvorherschbaren Erfolg. nicht für verschiedene Kreise in der Arbeiterschaft, aber welche Wir begrüßen begeistert den Tod des Stalinismus, der als ein Kanäle haben sie, um sich auszudrücken? ewiges Bleigewicht erschien, aber wir wissen auch, daß dieser Tod eben nicht den hoffnungsvollen Morgen bringt, weder für die Anhän- Es ist also die Berufung der Trotzkisten, gegen den ger des Kommunismus noch für Hunderte von Millionen Stattsbür- Strom zu schwimmen?

gern aus den Ländern des ehemaligen Ostblocks, was andererseits wichtig ist. H.Krivine: Wir schwammen gegen den Strom, als wir vor einem halben Jahrhundert das Regime der Sowjetunion als Regime der Läuft das nicht darauf hinaus, daß wir von diesem Zu- "verratenen Revolution" bezeichneten. Klar - wir haben Recht behalsammenbruch nicht betroffen sind: der "wahre" ten. Wir schwimmen heute noch gegen den Strom nicht so sehr, weil Kommunismus bleibt unberührt, einzig die Verwir- wir am kommanistischen Ideal festhalten, sondern weil wir behaupten, rung in den Köpfen stellt ein Prolem des Vokabulars? daß die kapitalistische Lösung nicht die Lösung der Probleme der UdSSR - oder was von ihr übrigbleibt - ist. Unser "Kommunismus"

H.Krivine: Hunderte von Millionen hassen mit Recht ein Regime, drückt sich in konkreteren Erwägungen aus. das sie zu Unrecht mit dem Kommunismus identifizieren. Dieser Haß 26 INPREKORR 243

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die Internationale

Die Leute meinen, daß der Kapitalismus zwar viele Empfängnis oder den Truppen Bushs sehen, mögen sie auch im ? Fehler habe, aber man dennoch esser in Frankreich lebt Augenblick Millionen zählen.

als in der UdSSR oder in Jugoslawien..

Was haben wir also aus den letzten Ereignissen

H.Krivine: Eben. Aber genau deshalb, weil die sowjetische Wirt- gelernt?

schaft in der Krise ist, wird jeder Versuch, dort das Gesetz des Marktes als herrschendes Prinzip zu entwickeln, dieses Land in cinen Dschun- H.Krivine: Sicher mußten wir nicht auf die "neuen Philosophen" gel verwandeln: einige wenige wettbewerbsfähige Sektoren werden (2) oder ihre neuen (stalinistischen) Freunde warten, um gegen das dabei gewinnen, eine Masse von Spekulanten auch, aber die Gesamt- Gulagsystem zu protestieren, obwohl wir damals dessen genaues heit der Bevölkerung wird dabei verlieren. Überall, wo das Gesetz des Ausmaß nicht kennen konnten. Marktes herrscht, hat es die Ungleichheit entwickelt, national und Wir wußten auch, daß die Krise des Systems unvermeidlich ist, international. Viele Staatsbürger der ehemaligen UdSSR können von wenn die Entwicklung eine gewisse Schwelle überschritten hat, und den USA oder von Schweden träumen; aber es ist cher die Situation daß die Bürokraten auf die Ausdehnung des Marktes als letzten Weg des auch kapitalistischen Brasiliens, die sie erwartet. Zu meinen, daß setzen, um ihre Privilegien zu retten. Wir dachten, daß diese Ausdehder Kapitalismus eine Lösung der Krise sei, heißt, die Krise als gelöst nung ihrerseits unlösbare Probleme für das System aufwerfen würde, vorauszusetzen. Die Vorstellung, die Sowjetunion könnte zunächst und daß sich dann die Alternative "Kapitalismus oder Sozialismus" eine Phase des kapitalistischen Fortschritts erleben, wie ihn Westeu- stellt. Man kann dazu noch einmal die Texte von Ernest Mandel in der ropa am Ende des 19. Jahrhunderts kannte, ist naiv: eben weil der "Maristischen Wirtschaftstheorie" oder in den "Temps Modernes" (3) entwickelte Kapitalismus existiert, wird er zu seinem ausschließli- über die Reform der UdSSR in den sechziger Jahren nachlesen. Sie chen Vorteil die "neue Arbeitsteilung" nutzen. haben die Widersprüche, die sich in der UdSSR entwickeln, sehr treffend vorausgesagt.

Der Kapitalismus wird also in der UdSSR wiederherge- Die ersten Arbeiteraufstände in Berlin (1953) oder in Polen und Ungarn (1956) haben sehr wohl eine von Intellektuellen und bedeutenden Schichten der Arbeiterklasse getragene sozialistische Alternative

H.Krivine: Ehrlich gesagt, wissen wir nicht, was der UdSSR gezeigt.Der Prager Frühling 1968 hatte diese Hoffnung bekräftigt. kurzfristig widerfährt. Wer kann das schon wissen, wenn man sich vor Aber wir haben die Verheerungen, die durch die Aufrechterhaltung Augen hält, daß Gorbatschow, daß alle Welt sich einig war, eine des Neostalinismus über zwanzig Jahre verursacht worden sind, politische Lösung zu finden, und daß der ganz gewiß mit den Intrigen unterschätzt. Wenn ein Arbeiter 1956 noch denken konnte, daß er - im der Bürokratie bestens vertraute Mann sich hat überraschen lassen, Vergleich zum alten Regime - Errungenschaften zu bewahren hatte, wenn nicht durch den Staatsstreich, so doch wenigstens durch seinen sorgt die Stagnation dafür, daß ein junger Pole oder Ungar die Bilanz seines "realen Sozialismus" rundweg negativ einschätzen wird. Weil

Es wird wohl den Versuch geben, kapitalistische Entwicklungs- er auch keinen anderen kennt ...

formen einzuführen. Die dazu neigenden Kräfte sind vielleicht noch Das Fehlen einer sozialistischen Strömung in den großen Mobilischwach, aber dies ist die einzige radikale und globale Option. Keine sationen im Polen der Solidarnosc warf schon ein Prolem auf: Stärke Kraft von Bedeutung hat dem ein kohärentes Projekt entgegenzusetz- und Radikalität der Massenbewegung gehen nicht notwendigerweise ten. Wegen der Krise in der UdSSR geraten diese Versuche des mit einem sozialistischen Bewußtsein einher. wirtschaftlichen Liberalismus mehr und mehr in Widerspruch zu den Sicher hat uns die Geschwindigkeit der Entwicklung der Krise in Hoffnungen auf ein besseres Leben und den demokratischen Erwar- der UdSSR überrascht. Aber was wir zu alledem nicht vorhergeschen tungen. Die klarsten Anhänger des Kapitalismus verzichten seit lan- haben, das ist die Schwäche der sozialen Kräfte, die - ausdrücklich gem auf die Chimären der Selbstverwaltung und andere Albernheiten. oder unausgesprochen - das sozialistische Projekt unterstützten. Die- Sie wollen einen starken Staat. Auf dieser Basis werden sich eigenar- ser prognostische Irrtum bezieht sich vielleicht geschichtlich geschen tige Allianzen unter den Anhängern der Ordnung knüpfen lassen, auf eine Kleinigkeit, aber diese Kleinigkeit geht in den vor uns während sich gleichzeitig Spaltungen bei denen vollziehen, die glau- liegenden Jahren gefährlich mit einer Welt schwanger, die wir nicht ben, daß der Markt die Demokratie bringe, und denen, die die Sehn- vorausgesehen hatten. Genau deshalb ist ein ernsthaftes Nachdenken sucht nach Demokratie als Vehikel zur Einführung des Marktes in unseren Reihen und außerhalb unumgänglich. benützen. Alles das bedeutet, daß der Kampf für den Sozialismus nach dem Wir wissen nicht, ob das kommende Chaos in Barbarei münden Fall des Stalinismus viel komplizierter sein wird, als wir uns das wird und wie lange es dauert, ob andere Staatsstreiche sich vollziehen gedacht haben. Aber nichts von dem, was jetzt in Polen, Jugoslawien, oder ob Jelzin nur mit Dekreten regiert. Allerdings wissen wir, daß der Deutschland oder der UdSSR vorgeht, kann uns dazu veranlassen, vielleicht in einigen Teilen der Welt existierende "Kapitalismus mit unsere Überzeugungen umzumodeln: im Kampf bleiben wir unbeirrt. menschlichem Antlitz" für die real existierende Sowjetunion eine Chimäre ist; daß die zwangsweise flächendeckende Einführung der Zum Schluß noch eine ganz andere Frage: ist das Marktmechanismen auf gesellschaftliche Widerstände stößt; daß Verbot oder die Suspendierung der KPen Anlaß zur Revolten also unvermeidlich sein werden. Je stärker die trotz allem in Freude, oder müssen wir genau bedenken, daß es sich der Sowjetunion vorhandenen Sozialisten sind, desto größer werden um antidemokratische Maßnahmen handelt? die Chancen für einen menschlichen Ausgang der Krise sein.

Was bedeutet es, Kommunist zu sein? Es bedeutet, lernen zu H.Krivine - Die KP war in der UdSSR cher ein Bestandteil des können aus der Erfahrung der UdSSR, und andererseits die sozialisti- Staatsapparats als eine politische Organisation. Als solcher muß sie sche Minderheit in der UdSSR auf ihrem Gegenkurs zu untertstützen. wie viele andere Elemente des Staats - abgeschafft werden. Aber sie Wieder einmal sind es diese Gegenströmungen, die für die Menschheit war nicht in Funktionen tätig, die sich so leicht definieren lassen wie nützlicher sein werden als diejenigen, die ihr Heil in der unbefleckten z. B. die politische Polizei. Sie trat mit dem Anspruch auf, eine

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die Internationale politische Partei zu sein, die Erbin der bolschewistischen Partei, und betrieb Propaganda für den "Marxismus", den "Sozialismus" usw.

Ganz offensichtlich rekrutierte sie alle Karrieristen. Aber nicht Der zweite Weltkrieg nur: jede Person - wie inaktiv sie auch sein mochte - konnte ihre Aufnahme beantragen. Es war übrigens im wohlverstandenen Inter- von Emost Mandel esse der Bürokratie, daß es so war: eine KP, die einzig und allein aus Bürokraten zusammengesetzt wäre, hätte keinen Sinn gehabt. Dieser

Widerspruch hat die Zahlung eines Preises bedeutet: in allen Krisen erlebten die KPen des Ostens bedeutende Aderlässe. Woher stammt Der belgische Wirtachaftswissenschaftler und revoluübrigens die Mehrzahl der neuen "Antikommunisten"? Kurz: weil tionăre Marxist Ernest Mandel gibt In seinem Buch einen Millionen von ehrenwerten Leuten ausgetreten sind, war es wohl umfassenden Überblick über den zweiten Weltkrieg. Es notwendig, daß letztere eintraten. werden sowohl die militärischen, als auch die wirtschaft- Das heißt, daß die materiellen Mittel, die die KPen zur Verfügung lichen und politischen Zusammenhänge im Rahmen der hatten (Räume, Zeitschriften usw.) im Wesentlichen der Subventio- ersten Hälfte dieses Jahrhunderts beleuchtet. Im Anhang nierung durch den Staat zu verdanken waren. Das wiederum bedeu- findet sich eine Polemik gegen die Relativierung der tet, daß alle Staatsbürger für eine Organisation zahlten, dergegenüber Naziverbrechen durch Nolte, Hillgruber u.a., die gerade sie sich vollkommen fremd fühlten. heute wieder aktueller denn je Ist. *Der Charakter des zwelten Weltkrieges ist als Kombl- Es wäre also richtig, wenn die KPen - falls sie es können - "normale Parteien" würden, deren Mittel dem Grad ihrer Veranke- nation von fünf verschiedenen Konflikten zu sehen: 1. eines innerimperialistischen Krieges um die Weltherung entsprächen. Und wenn die Zugehörigkeit zur KP keine Quelle gemonie, den die Verinigten Staaten gewonnen haben verschiedener Vorteile mehr ist, warum sollte sie nicht der schreck- (obgleich Ihre Herrschaft durch die Ausdehnung des lichen Herausforderung, als politische Organisation zu überleben, nichtkapitalistischen Sektors In Europa und Asien territoausgesetzt werden? Es ist in der Tat ein hübscher Dienst, den man ihr rial beschnitten werden sollte; da leistet, wenn sie den Glauben verbreiten kann, sie verschwinde als ( 2. eines gerechten Selbstverteidigungskrieges der So- Opfer polizeilicher Unterdrückung. wjetunion gegen einen imperialistischen Versuch, diesen Zusammengefaßt: es wäre korrekt, der Gesellschaft insbesonde- Staat zu kolonisieren und die Errungenschaften der Revore die Güter der KP, die sie unfreiwillig bezahlt hat, zurückzugeben, lution von 1917 zu zerschlagen; und der Partei nur die freiwilligen Beiträge zu lassen, die ihre (3. eines gerechten Krieges des chinesischen Volkes Mitglieder ihr haben zukommen lassen können. gegen den Imperialismus, der sich dann zu einer soziali- Sollen die Führer, die sich in diesem Staatsstreich kompromittiert stischen Revolution weiterentwickelte; haben, ruhig verurteilt werden, eine kollektive Verantwortung gibt es ( 4. eines gerechten Krieges asiatischer Kolonialvölker jedoch nicht! Sollte das Verbot der KP aufrecht erhalten werden, wird gegen verschiedene Militärmächte, für nationale Befreies logischerweise zu Maßnahmen gegen diejenigen ausgeweitet ung und Souveränität, der in einigen Fällen (z.B. In Indowerden, die gegen dieses Verbot protestieren, dann gegen diejeni- ching) zur sozialistischen Revolution hinüberwuchs; gen, die die kommunistischen "Ideen" verteidigen oder in die Nähe 5. eines gerechten Krieges für nationale Befrelung, des Kommunismus gerückt werden können usw. Die Logik ist er- den die Bevölkerungen der besetzten Länder in Europa sichtlich ... führten und der in eine sozialistische Revolution (Jugoslawien und Albanien) oder einen offenen Bürgerkrieg (Griechenland Norditalien) überging. In Osteuropa brach die alte Ordnung unter dem doppelten, ungleichmäßigen Druch der Bestrebungen der Völker und des sowjetischen Agierens zusammen, während die bürgerliche Ordnung

Im Westen und Süden - vielfach gegen die Hoffnungen der Massen - durch die westlichen alliierten Truppen restauriert wurde. (...) (Aus dem Klappentext)

ISP-Verlag 248 Seiten, ISBN 3-88332-137-0 DM 34,- 28 INPREKORR 243

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