Der folgende Artikel beschreibt den Wahlkampf einer Prostitulerten für die Wahlen zum mexikanischen Parlament und der Hälfte des Senats am 18. August 1991. Auch wenn dieser schon eine Zeit zurückliegt, so halten wir die Erfahrungen der Kampagne von Claudia Colimoro immer noch für aktuell. Sie ist ein Beispiel dafür, wie Wahlen für den Kampf der am meisten unterdrückten Gruppen in der Gesellschaft ausgenutzt werden können.
Darüberhinaus ist der am Ende des Artikels angesprochene Wahlbetrug der regierenden PRI (Partei der Institutionalisierten Revolution) von der internationalen Öffentlichkeit wenig wahrgenommen worden. 1988 hatte sich die PRI nur durch einen bisher nicht gekannten Betrug gegen die Partei von Cuauhtemoc Cardenas - Enkel des berühmten linksnationalistischen General Cardenas, der in den 30er Jahren Mexico regierte - an der Macht halten können. Damals hatte es Massendemonstrationen gegen den Betrug gegeben. Doch die PRD (Partei der Demokratischen Revolution) von Cardenas schwankte zwischen verschiedenen Optionen (Bündnis mit der PAN (Partel der Nationalen Aktion, Rechtskonservative) oder außerparlamentarischer Kampf) und gab wiederholt klein bei. Der PRI gelang es aufgrund der Schwäche ihrer Gegnerinnen und eines maßlosen Wahlbetruges, die 1988 noch fast siegreiche PRD auf 8% zu drücken und selber zwei Drittel der Sitze zu bekommen. Damit hat sie nicht nur ihre politische macht gesichert, sondern kann auch die vom IWF geforderte Liberalisierung der zu einem guten Teil verstaatlichten Großindustrie Mexikos einleiten, ohne lästige Absprachen treffen zu müssen. Der Wahlbetrug spielte sich auf drei Ebenen ab. Zum ersten baute die PRI systematisch kleine "Oppositionsgruppen" auf, um die reale Opposition zu spalten. Zum zweiten wurden Absprachen mit der PAN getroffen. Dies war leicht zu erreichen, da PAN und PRI dieselbe Wirtschaftspolitik verfolgen. Drittens bereitete die PRI wieder einen massiven Wahlbetrug vor, um die PRD zu schlagen. Zu diesem Zweck wurde 1990 eine Volkszählung durchgeführt, die zu erstaunlichen Ergebnissen führte: in den Bundesstaaten, wo die PRI eine Mehrheit hatte, war die Bevölkerung überdurchschnittlich gewachsen, dort wo die Opposition stark war, war sie gleich geblieben... Doch dabei blieb es nicht. Hatten laut der Volkszählung 46 Millionen Bürgerinnen das Wahlrecht, so erschienen nur 39 Millionen auf den Wahllisten und nur 36 Millionen bekamen ihre Wahlbenachrichtigungen. Diese wurden dann ebenfalls nicht korrekt verschickt. So bekam die Kandidatin der PRT (Revolutionäre Arbeiterinnenpartei, mexikanische Sektion der Vierten Internationale), Rosario Ibarra, ihre Karte erst am Wahlabend. Wählerinnen wurden von PRI-Schlägertrupps am Betreten von Wahllokalen gehindert.
Die FES (Sozialistische Wahlfront, Bündnis der PRT mit enttäuschten linken ehemaligen Cardenas Anhängerinnen), auf deren Liste auch Claudia Colimoro kandidierte, konnte trotz des Betruges noch 140.000 Stimmen bekommen. Ein Sprecher dieser Liste schätzte aber, daß die FES ohne den Betrug sicher 1,5% erreicht hätte. Dies sind 60.000 mehr als 1988. Hier könnte sich unter der Opposition ein Ansatz für eine revolutionäre Alternative zum niedergehenden Neocardenismus und der rechtsextremen PAN auf längere Sicht abzeichnen.