ZIONISMUS UND ARBEITERKÄMPFE IN ISRAEL +++++++++ ++++ +++ ++++++ Unter all den Problemen, die der europäische Imperialismus hinterlassen hat, gehört Perzing zu den didie Linke. Palästina zu denen, die am.schwierigsten zu fassen sind - dazu gehört auch die Ein- Für die Vertreter der DKP-Richtung ist Israel unproblematisch. Weil die Vertreter der DKP die stalinsche Politik verdrängen müssen, ziehen sie es vor, keine Einschätzung zu liefern. Die meisten ML-Strömungen ( wie z. B. die KSG/ ML Tübingen) sehen Israel als "normalen" kapitalistischen Staat an, in dem die israelische Arbeiterklasse von vornherein als revolutionäres Subjekt jetzt bereits agiert - die vielen Streiks scheinen dies zu bestätigen. Wie unfundiert und bar jeglicher Analyse der Besonderheiten Israels diese Einschätzung ist, zeigt der Artikel von Hanegbi/Orr/ Machover: "Der Klassen. charakter der israelischen Gesellschaft"' , der in 'Diskussion' Nr. 30/31 von 1971 (Zeit schrift der Deutsch-Israelischen Studiengruppen West-Berlin) sowie in 'links' ( Offenbach) in drei Folgen im Frühjahr 1972 veröffentlicht worden ist. Der Aufsatz von Michel Warschawski: "Zionismus und Arbeiterkämpfe in Israel'' präzisiert noch einmal die strittigen Punkte bei der Einschätzung Israels. Wie Hanegbi, Orr und Machover gehört Michel Warschawski zur "Israelischen Sozialistischen Organisation"' ( Matzpen), die durch ihre mutige 10-jährige antizionistische Agitation immer wieder von den Repres sionsorganen verfolgt wird, wobei jetzt ein vorläufiger Höhepunkt erreicht ist ( dazu die folgenden Artikel).
Wenn man in der europäischen Presse von Israel spricht, behandelt man gewöhnlich Probler me, die den Konflikt Israels mit den arabischen Ländern betreffen. Man hat in den letzten Monaten viel von Israel gehört; aber dieses Mal nicht so viel von außenpolitischen oder militärischen Problemen, sondern von einem anderen Konflikt, demjenigen, der die israelische Gesellschaft durchdringt. Die "Schwarzen Panther" auf der einen, die zahlreichen Streiks, die quasi gleichzeitig ausgebrochen sind, auf der anderen Seite haben die Probleme des Klassenkampfes in Israel auf die Tagesordnung gebracht.
In der Tat können wir momentan ohne Zweifel ein spektakuläres Anwachsen der Kämpfe in der israelischen Gesellschaft erkennen. Neben immer zahlreicher werdenden wilden Streiks und immer militanter werdenden Demonstrationen der "Schwarzen Panther" erwachen zahlreiche andere Gruppen zum Kampf: die Organisation junger Eheleute, die sich an der kritischen Frage des Wohnungsproblems stoßen, die religiösen Parteien, die mehr Verfügungsrecht über die Erziehung fordern, Liberale, die den Kampf um die Trennung von Kirche und Staat wieder aufgenommen haben und auch gewisse Studenten- und Schülergruppen, die beginnen, die Machtverhältnisse teilweise infrage zu stellen. Stehen wir also nach all den Enttäuschungen, die die palästinensische Widerstandsbewegung ertragen mußte, vor einer wirklichen Wende im israelitischen Klassenkampf, und wird diese sich auf den Kampf an den Grenzen ausdehen?
So wichtig die letzten Kämpfe des israelischen Proletariats auch sein mögen, so dürfen sie uns doch nicht zu einem Irrtum verleiten: der zionistische Charakter des Staates Israel und die Rolle, die er in der arabischen Welt spielt, verbieten es uns, anzunehmen, daß die ökonomischen Kämpfe der Arbeiterklasse in einen revolutionären Kampf im Rahmen einer israelischen Revolution hinüberwachsen. Die israelische Gesellschaft ist ohne Zweifel eine kapitalistische Gesellschaft und damit hotwendigerweise in Klassen geteilt, die Teilung in Klassen bedeutet Klassenkampf. Die israelische Arbeiterklasse hat nicht das Ende der 60er Jahre abgewartet, um ihren eigenen Kampf zu beginnen. Aber der Staat Israel ist nicht nur ein kapitalistisches Land, er ist auch ein Kolonialland mit all den Konsequenzen, die das mit sich bringt. Wir behandeln hier nur zwei zionistische Merkmale des israelischen Staates:
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Zunächst die Rolle, die der Zionismus und der Staat Israel spielen und immer gespielt hoben in dem Konflikt der arabischen Massen mit ihren Ausbeutern, dem Imperialismus und seinen Verbündeten am Ort (seien es Feudalherren oder Kleinbürger). Nichts spricht für die Möglichkeit in der imperialistischen Epoche, daß ein Staat "unabhängig" ist und vom le perialismus nicht ausgebeutet, jo sogar von ihm vorbildlich unterstützt wird, es sei denn daß dieser Staat dem Imperialismus einen wichtigen Dienst erweist. Dieser Dienst ist von den zionistischen Führern viele Male klar formuliert worden: die Rolle eines Wachhundes der imperialistischen Interessen in der arabischen Welt, die sich in dauernder Aufruhr befindet. Der Krieg von 1956 sollte der Gefahr ein Ende machen, die Nasser in den Augen des englischen und französischen Imperialismus darstellte, und der Krieg von 1967 war ein Gegenschlag auf die Gefahr der "linken" Regierung in Syrien und eine Handhabe für die "Notwendigkeit" einzuschreiten, wenn der Thron von König Hussein in Gefahr sei ( das ist eine mehr als 15 Jahre alte Leier). Die Rolle, die Israel seit seiner Gründung spielt, hat ihm von Seiten der imperialistischen Mächte, nämlich Frankreich, Großbritannien, der BRD und vor allem der USA, militärische und ökonomische Unterstützung gebracht. Israel ist also ein privilegiertes Land, das, wenn es auch politisch vom Imperialismus ausgebeutet wird, dank der Unterstützung desselben Imperialismus Produktivkräfte entwickeln konnte, die zu seinen eigenen Möglichkeiten in keinem Verhältnis stehen. Selbstverständlich kam besonders die israelische Bourgeoisie in den Genuß der Kapitalien, die von der imperialistischen Bourgeoisie investiert oder sogar geschenkt wurden. Aber die Arbeiterbürokratie, die als führende Schicht die Aufgabe hatte, die Zufuhr des fremden Kapitals gesellschaftlich zu verteilen, hat diese nicht ausschließlich der aufkommenden israelischen Bourgeoisie zugute kommen lassen. Die hat mit diesen Kapitalien die wichtigsten Industrien gegründet, Tausende von Wohnungen gebaut, eine gewisse Qualifikation der Arbeits kraft erwirkt und die ganze sozio-ökonomische Infrastruktur errichtet. Die jüdische Arbeiterklasse erhält also ebenfalls Brosamen aus der imperialistischen Unterstützung an Israel. So befindet sich der jüdische Arbeiter dafür, daß er die Rolle des Soldaten und Polizisten der arabischen Welt gegenüber spielt, verglichen mit dem arabischen Arbeiter in einer privilegierten Situation. Das soll auf keinen Fall heißen, daß die israelische Arbeiterklasse nicht revolutionär sein könne, sondern es bedeutet, daß die revolutionäre Entwicklung der israelischen Arbeiterklasse von der Entwicklung des revolutionären Prozesses in der gesamten arabischen Welt abhängt. So verstanden trifft die Bezeichnung Israels als Kosaken des Nahen Ostens zu. Die Kosaken waren in Klassen gespalten, aber ihre Rolle als Polizei des des Zarenreiches gab allen ihren Klassen eine privilegierte Stellung im Vergleich zur übrigen russischen Bevölkerung. Der Kosakenbauer wurde von einer herrschenden Schicht ausgebeutet, und es erhob sich gegen sie ein Klassenwiderstand. Lenin hat deutlich gezeigt, daß die privilegierte Stellung der Kosaken den Kampf der ausgebeuteten Klassen abhängig machte vom Kampf des ganzen russischen Vol' s. Der Zar verhinderte, so gut er es vermochte, die ernstliche Entwicklung des Kampfes bei den Kosaken, indem er ihnen neue Privilegien verlieh, um sich sein Polizeivolk intakt zu halten. Nur in einer revolutionären Situation, in der sie vor der Wahl stehen, entweder ihre Privilegien oder ihr Leben zu verlieren, alarmen Kosuken das alte Regime vor den revolutionären Kräf ten zu retten, gehen die auf die Seite der Revolution über und wenden ihre Waffen gegen ihre Chefs und gegen das alte Regime.
Natürlich hat die Analogie mit mit den Kosaken in ihrer ganzen Relativität nur Geltung, wenn wir den arabischen Orient als eine reale Einheit betrachten, als mehr oder weniger homogenes Feld eines Klassenkampfes, als sozio-ökonomische Einheit sowohl bezüglich der herrschenden als auch der ausgebeuteten Klassen.
Für denjenigen, der eine solche Realität leugnet, ist der Zionismus nur die Ideologie der herrschenden bürgerlichen Klasse in Israel, und man kann dann von einer israelischen sozialistischen Revolution, von einer ägyptischen usw. sprechen. Bei manchen 'linken' Zio nisten ist das der Fall, ebenso bei ihren Zwillingsbrüdern, den Lambertisten. An ihnen
liegt es also, einige Ungereimtheiten zu erklären wie die Errichtung eines bürgerlichen Staates, der ökonomisch durch den Imperialismus nicht ausgebeutet wird mitten im 20. Jah hundert, oder die israelische Wirtschaftspolitik, die der Logik jeder Okonomie widersprich oder das Entstehen einer israelischen Bourgeoisie, die systematische und quasi allgemeine Weigerung, billige arabische Arbeitskraft in großem Maßstab auszubeuten, die feste Ent schlossenheit, den Gazastreifen zu annektieren, wo jedes ökonomische Interesse fehlt, an statt der Sinaihalbinsel, die reich an Erdöl und anderen Grundstoffen ist, usw. Für uns stellen sich diese Probleme nicht, denn wir analysieren die işraelische Wirklichkeit innerhalb des Zusammenhangs, den der arabische Orient darstellt. Er ist wie die ganze neokoloniale Welt durch den Widerspruch gekennzeichnet, der zwischen dem Imperialismu und den Massen, die er ausbeutet, besteht. Die örtlichen herrschenden Klassen, seien sie feudaler oder bürgerlicher Natur, sind nur Mittelsmänner - sie nehmen an der Ausbeutung teil, aber bestimmen nicht die großen politischen und ökonomischen Linien zwischen dem Imperialismus und den ausgebeuteten Massen. Die Rolle des zionistischen Staates besteht darin, ein anderer Mittelsmann zu sein, um vieles treuer und effektiver. Der Imperialis mus wird Israel politisch und ökonomisch in dem Maße unterstützen, in der er in der ara bischen Welt Interessen zu verteidigen hat. Diese Rolle als Gendarm der dortigen imperio listischen Interessen ist das wichtigste Merkmal des zionistischen Charakters von Israel, der den Sinn und die Perspektiven des innen- und außenpolitischen Lebens von Israel wie auch die Entwicklung der Kämpfe des israelischen Proletariats bestimmt. Der zweite wichtige Punkt, um die Implikationen des zionistischen Charakters von Israel zu verstehen, betrifft die Natur seiner Arbeiterklasse. Wie Orr und Machover betont haben, steht die israelische Arbeiterklasse a m Anfang der Entwicklung eines Klassenbewußtseins. Das israelische Proletariat, von kleinbürgerlichem Ursprung, hat keine Vergangenheit, keine wirkliche Kampferfahrung; es beginnt mühsam, ein Klasser® bewußtsein zu entwickeln. Die israelischen Arbeiter, die mehrheitlich aus orientalischen Ländern ohne proletarische Tradition stammen, treffen zum ersten Mal auf das Bild einer Arbeiterpartei in den verschiedenen "linken zionistischen Parteien ( Mapai, Mapam) ; die Idee einer Gewerkschaft stellt sich in der materiellen Gestalt der Histadruth. Die Histadruth ist aber genausowenig eine Gewerkschaft, wie wenig die Mapam eine Arbeiter partei ist. Die Histadruth und die Mapai (Vorgängerin der gegenwärtigen Arbeiterpartei) haben sich nicht auf einer Klassenbasis konstituiert, sondern mit dem Ziel, einen jüdischen Kapitalismus in Israel zu schaffen. Der Generalsekretär der Histadruth I. Ben Aharon hat dies kürzlich in einem Interview sehr deutlich zum Ausdruck gebracht: "Die Histadruth ist ohne Zweifel die einzige Gewerkschaft in der Welt, deren Satzung ein politisches Programm beinhaltet. Die Wahlen vollziehen sich auf der Basis von Parteien und nicht auf der von berufständischen Organisationen. In der Histadruth sind alle Parteien, die im Par lament sind, was die Konflikte innerhalb der Leitung erklärt. Es sind ideologische und politische Konflikte. Innerhalb dieser verschiedenen Parteien * die Gesamtheit der Arbei terparteien 65 % aller Mandate erhalten.
Das Merkmal der Histadruth ist also ihre aktive Teilnahme am politischen, ökonomischen und sozialen Leben des Landes. Unser Ziel ist es, in diesem Land einen freien sozialistischen Arbeiterstaat zu errichten. Demzufolge gibt es Fragen erster Ordnung: momentan sind wir noch im Stadium der Integration von Flüchtlingen, der Vereinigung der verstreuten Elemente, des Aufbaus des Staates und der Verteidigung seiner physischen Existenz. Die Satzung der Histadruth und ihre Rolle während der letzten 50 Jahre bestätigen nur diesen wesentlichen Punkt: sie ist eine nationale Organisation und keine Klassenorganisafion. Die Histadruth ist keine Gewerkschaft - nicht einmal eine reformistische - sondern eine Institution, die es möglich gemacht hat, eine ökonomische Infrastruktur zu errichten, die dann zum größten Unternehmer wurde, indem sie ungefähr ein Viertel der nationalen Produktion umfaßt und der sicherste Garant der etablierten sozialen Ordnung ist. S. INPREKORR 15.2.73
Mit den politischen Parteien steht es noch schlimmer. Der Mapai hat niemals eine Klassenlinie vertreten, und der Mapam hat, dem alten Prinzip der Revolution in Etappen folgend, die sozialistische Revolution immer auf den zweiten Platz verwiesen, nach der Errichtung einer jüdischen kapitalistischen Gesellschaft in Palästina. Ihre Treue zum Zionismus und zum zionistischen Staat und nicht zur Arbeiterklasse zuerst in Palästina, dann in Israel kann allein die Logik von den vielen "Verrats'"handlungen der zionistischen Parteien der "Linken" erklären.
Die israelischen Arbeiter haben also weder eine Klassenorganisation noch eine Gewerkschaf noch eine Partei, und wäre diese auch noch so reformistisch. Es ist die Aufgabe der revolu Honären Organisationen, bei der Ausbidlung eines Klassenbewußtseins zu helfen, und wen: es stimmi, daß in der Epoche des Imperialismus dieses überall in der Welt das Stadium des ökonomischen Bewußtseins überschreiten muß, dann zwingt der zionistische Charakter der israelischen Gesellschaft die revolutionäre Organisation dazu, das Klassenbewußtsein von Anfang an auf eine politische Grundlage zu stellen. In einem Land, in dem die ökonomi echen Überlegungen der herrschenden Schichten auch noch von der politischen Rolle bestimmt sind, die der Zionismus im Rahmen der imperialistischen Interessen spielt, in einer Land, in dem die "Arbeiterorganisationen"" vollständig integriert sind, wo die junge Ar beiterklasse uneinheitlich ist und bar jeglicher Kampferfahrung, muß und kann das Klassenbewußtsein nur politisch sein.
So heldenhaft und radikalisiert die Kämpfe des israelischen Proletariats sein mögen, so können sie nicht spontan und organisch in einen politischen Kampf gegen das in Israel bestehende System hinüberwachsen. Es ist die Aufgabe einer revolutionären Organisation, den Sinn dieser Kämpfe politisch zu wenden und die Zwangläufigkeit der meisten wirtschaftlichen und sozialen Maßnahmen eines auf zionistischer Basis gegründeten israelischen Staates aufzuzeigen.
Deshalb hat die "Israelische Sozialistische Organisation"' (Matzpen) schon seit ihrer Gründung immer die Vergeblichkeit einer revolutionären Propaganda in der Arbeiterklasse begriffen, wenn diese Propaganda nicht von Anfang an auf der totalen Ablehnung der zionistischen Strukturen der israelischen Gesellschaft beruht. Unsere Parolen gegen die Histodruth und "'für den Aufbau einer unabhängigen und kämpferischen Gewerkschaft" waren mehr als nur "ökonomische"' Forderungen; sie hatten eine offensichtlich politische Bedeutung, da sie die Verbindungen aufzeigten, die zwischen dem "'Verrat" der Histadruth und der Akteptierung des zionistischen Charakters Israels bestehen.
Wir haben in diesem Punkt eine perfekte Illustrierung des Gesetzes der ungleichmäßigen und kombinierten Entwicklung. Die Arbeiterkämpfe des israelischen Proletariats haben nur eine politische Bedeutung und Perspektive im Rahmen eines allgemeinen Kampfes gogen den Staat Israel, d.h. gegen die politische • e, die der Zionismus im Konflikt zwischen dem Imperialismus und den arabischen Massen spielt. Die einzig revolutionäre Perspektive des israelischen Proletariats besteht darin, seine Kämpfe mit den proletarischen Kämpfen der araboschen Welt zu verbinden, diese Kämpfe richten sich nicht nur gegen seine Ausbeuter an Ort und Stelle, sondern gegen die eigentlichen Herren ihrer Ausbeuter, den Imperialismus und seine örtlichen Verbündeten, seien es nun die feudalen und bürgerlichen arabischen Regierungen, sei es auch der zionistische Staat. Man muß hinzufügen, daß die Entwicklung revolutionärer Kämpfe in den arabischen Ländern entscheidend ist für die Entwicklung des Klassenbewußtseins im israelischen Proletariat, wenn auch die zukünftige Rolle der revolutionären Organisationen in Israel selbst von großer Bedeutung ist.
Aber haben die jüngsten Kämpfe des israelischen Proletariats im Rahmen dieser allgemeinen Analyse nicht eine besondere Bedeutung? Sicher, wir befinden uns an einem tatsächlichen Wendepunkt in den sozial-ökonomischen Strukturen und den Klassenbeziehungen der isro- •lischen Gesellschaft.
Nach der Rezession von 1965/66 ermöglichte es der Krieg von 1967 der israelischen Wirt schaft, aus der Talsohle zu kommen. Ein beträchtlicher Zustrom ausländischen Kapitals einerseits und die Notwendigkeit, gewisse Teile der militärischen Ausrüstung selbst her zustellen, haben der israelischen Wirtschaft zu einem großen Sprung nach vorn verholfen, Seit seiner Gründung hat Israel keine wirkliche Industrialisierung gekannt. Das industrie Niveau ist seit 1948 quasi unverändert geblieben. Nun hat aber das Streben, vom Ausland unabhängiger zu werden, die israelische Regierung veranlaßt, zum ersten Mal wichtige Kapitalien im Aufbau einer modernen Schwerindustrie zu investieren. Eine verspätete Industrialisierung durch den Staat auf der Basis einer Rüstungswirtschaft ist nicht neu. So hot sich die Industrialisierung Japans und Deutschlands vollzogen. Um diese ursprüngliche Akt mulation zu realisieren, mußten Japan und Deutschland die Arbeiterklasse, auf deren Rü ken sich diese Akkumulation vollzog, mundtot machen; die gewaltsame Zerstörung der Arbeiterorganisationen durch den Faschismus waren das einzige Mittel, das Proletariat zu neutralisieren. Im Gegensatz dazu Israel, wo der Staat die Arbeiterorganisationen nicht zerschlagen mußte, sondern sich ihrer bedienen konnte, da sie von ihren Entstehen an vollkommen im Staat integriert waren. Man brauchte sie nicht zerschlagen, sondern der Staat konnte sich ihrer bedienen, um die Arbeiterklasse zu neutralisieren. Das erklärt die mehr als passive Rolle der Histadruth in den Arbeiterkämpfen, ja ihre Unterstützung der gewaltsamen Regierungsmaßnahmen ( Requisitionsdekret, Antistreikgesetz, Verhaftungs drohungen usw.).
Die Ideologie der "heiligen Eintracht'' konnte das israelische Proletariat eine zeitlang bei der Verteidigung seiner Kaufkraft bremsen. Wenn wir schon vor 1968 bedeutende Stre registrieren konten, so sind diese nicht im Vergleich zur enorm gestiegnen Ausbeutung in den letzten vier Jahren. Man bemißt das Sinken des Reallohns eines israelischen Arbeiten seit 1968 auf 25 - 30 %, was früher oder später zum Erwachen der Arbeiterkombativität, wie sir sie heute haben, führen mußte.
Diese neue Industrialisierung hatte zwei Folgen auf sozialem Gebiet: zunächst ein spektakuläres Anwachsen der israelischen Bourgeoisie. Diese hat bis 1948 niemals eine wichtige Rolle im ökonomischen und politischen Leben des zionistischen Staates gespielt: sowo was die Gestaltung der politischen Macht anbelangt, als auch was ihren Einfluß auf die Bi stimmung der großen Linien der Wirtschaftspolitik betrifft, war ihre Rolle vollkommen zweitrangig. Nach 1948 hat die Notwendigkeit, günstiges Terrain für ausländische Investi tionen und für die Einwanderung aus hochentwickelten kapitalistischen Ländern zu schaffe die zionistisch-sozialdemokratische Bürokratie veranlaßt, eine einheimische Bourgeoisie I schaffen. Diese nennt man 'die 2000 Millionäre von Sapir' (des israelischen Finanzministers). Es ist zwar richtig, daß ihr Einfluß auf die israelische Wirtschaft immer mächtiger wird, trotzdem darf man sie - zumindest im Moment - nicht • , die einzige führende Klasse Israels ansehen. Die großen Linien der Wirtschaftspolitik werden immer noch von der zio nistischen Bürokratie bestimmt, und sie ist es auch, die darüber entscheidet, wohin sowoh das ausländische Kapital als auch mehr als 60 % des den Arbeitern enthobenen Mehrwerts gehen. Seit dem Krieg von 1967 hat sich die Bedeutung der israelischen Bourgeoisie sehr erhöht, paradoxerweise sowohl durch die gesteigerte Beteiligung amerikanischer Juden als Investoren als auch dadurch, daß der Staats- und Histadruth-Sektor einen Teil seines Profit der lokalen und ausländischen jüdischen Bourgeoisie überläßt.
Die zweite Folge dieser Industrialisierung ist eine immer größer werdende Differenzierung im israelischen Proletariat: einerseits das Industrieproletariat, das organisch mit der Histo druth verbunden ist und deshalb gewisse Privilegien genießt, und andererseits die Mehr heit des Proletariats orientalische Herkunft, das in den rückständigen Bereichen der israe schen Wirtschaft beschäftigt ist und dessen Löhne knapp über dem Existenzminimum liegen Auch darin konkretisiert sich klar das Gesetz der ungleichmäßigen und kombinierten Ent wicklung: nämlich eine Gesellschaft, die zu ihrer Entwicklung zugleich notwendig hat da Bestehen einer hochqualifizierten Arbeiterschaft, auf der die Histadruth und die sozial-
demokratischen Parteien ihre Macht gründen, und einer großen Masse nichtqualifizierter Arbeiter, Väter von großen Familien und ohne politisch-organisatorische Erfahrung. In der zuletzt genannten Schicht, die ungefähr die Hälfte der israelischen Bevölkerung umfaßt, sind die "Schwarzen Panther" entstanden. Es ist deshalb sicherlich kein Zufall, wenn die "Schwarzen Panther" und immer größere Schichten des sozialen Milieus, das sie repräsentieren, in ihren ökonomischen und beruflichen Forderungen sich an der Histo druth stoßen, und daß ihre politischen und kulturellen Forderungen die Basis des Zionismus selbst antasten. Denn wenn für die' privilegierten' Schichten des israelischen Proletariats ein Kampf um die gerechtere Verteilung innerhalb des Systems möglich erscheint, vielleicht sogar mithilfe der Histadruth, so ist es im Gegensatz dazu für die Unterprivilegierten klar, daß es einen Gegensatz gibt zwischen der Lösung ihrer ökonomischen sowie kulturellen Probleme und der Ziele, die sich der Zionismus gesetzt hat (Einwanderung, Schaffung eines "europäischen Staates im Orient, der Krieg und seine Kosten). Selbst in ihrer Existenz spüren die israelischen Arbeiter den Widerspruch zwischen der Verwirklichung ihrer Ansprüche und den Zielen des zionistischen Staates. In ihrem spontanen Kampf begreifen sie, wie die Histadruth die Rolle eines Bremsklotzes spielt, in ihrem täglichen Leben spüren die orientalischen Juden die Wichtigkeit einer nationalen Einheit, und die Jugendlichen merken bei ihrer Rückkehr in die Elendswohnungen, daß man in Israel kämpfen muß.
Es ist die Aufgabe der revolutionären Organisation, diesen unbewußten Zusammenstoß der Arbeiter mit den Grundlagen der zionistischen Praxis selbst politisch und organisatorisch umzusetzen. Solange wir der Avantgarde der Arbeiterklasse nicht glasklar erklären könsen, nicht nur die Fesseln der Ausbeutung, sondern was diese besonders in Israel bestimmen, d. h. die zionistischen Strukturen der Gesellschaft, können die Kämpfe des israelischen Proletariats nicht zu einer wirklichen Gefahr für den kapitalistischen zionistischen Staat, der sie ausbeutet, werden. Denn es ist offensichtlich, daß der Imperialismus, solange sich das israelische Proletariat auf seiner Seite befindet - und diese Rolle weist ihm der Zionis mus zu - alles tun wird, um militärisch und noch mehr ökonomisch den Staat Israel zu un ferstützen. Und von dieser Unterstützung profitiert auch in indirekter und abgeschwäthter Form das israelische Proletariat.
Wenn es die erste Aufgabe der israelischen Revolutionäre ist, den Kampf des Proletariats zu politisieren, indem man diesen mit der Funktion, die der Staat Israel im gesamten res volutionären Prozeß des arabischen Orients ausfüllt, verbindet, so ist ihre zweite Aufgabe, eine Koniequenz aus der ersten, nämlich den Kampf des israelischen Proletariats mit dem Kampf der Gesamtheit der ausgebeuteten Mascen im arabischen Osten zu verknüpfen. Denn die dem Zionismus zugeschriebene Rolle ergibt sich nur schlüssig, wenn man den arabischen Orient als Einheit betrachtet und den revolutionären Prozeß dieser Region als Einheit, die ihre eigene ungleichmäßige und kombinierte Entwicklung durchmacht. Dies resultiert daree daß wir den arabischen Orient als eine Einheit betrachten und seine revolutionäre Dynamik als ein unteilbares Ganzes sehen. Deshalb besteht unser Ziel darin, zur Schaffung des not wendigen organisatorischen Werkzeugs beizutragen - der Revolutionären Partei des Nahen Ostens. Es geht dabei nicht um brüderliche und internationalistische Verbindungen zwischen den revolutionären Parteien Ägyptens, Sytiens, Israels usw., wie wir die Verbindungen zwischen der italienischen und französischen Partei verstehen, sondern um die Bildung der Revolutionären Partei des Nahne Ostens auf der Grundlage einer globalen und einheitlichen Strategie für die revolutionären Kerne der verschiedenen Länder dieser Region.
Der letzte Punkt ist die logische und notwendige Schlußfolgerung des von Trotzki klar entwickelten Gesetzes von der ungleichmäßigen und kombinierten Entwicklung. Die revolufionäre Entwicklung der Kämpfe des israelischen Proletariats vollzieht sich nicht organisch, sie hängt einerseits und vor allem von der Entwicklung der revolutionären Kräfte in der
gesamten arabischen Welt ab und andererseits von der Fähigkeit des revolutionären Kerns in Israel, die Bedeutung der proletarischen Kämpfe und ihre Perspektive politisch zu wom den.
Das ist die Rolle, die wir uns zum Ziel gesetzt haben, und ohne Illusionen über die Bedeutung der gegenwärtigen Kämpfe des israelischen Proletariats zu verfallen, haben wir uns zur Aufgabe gestellt, die Avantgarde der israelischen Arbeiterklasse mit dem revolutio nären Kampf der arabischen Massen zu verbinden. Wenn wir die revolutionäre Partei Für die ganze Region aufbauen und den Kämpfen der jüdischen und arabischen Massen eine authentisch proletarische Linie geben, wird es uns gelingen, den Imperialismus, den Zio nismus und die arabische Reaktion zu schlagen und einen sozialistischen arabischen Orient zu schaffen.
(aus 1.S. R.A.C. Nr. 6, Dezember 1971)