Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Bücherkiste: Hans Schafranek

Zwischen Gestapo und NKDW. Die Auslieferung deutscher und österreichischer Antifaschisten aus der Sowjetunion an Nazideutschland 1937-1941

· Inprekorr Nr. 239, September 1991 · S. 26-27 · 1.181 Wörter

Sowjetunion Faschismus und Rassismus Österreich Trotzki und Geschichte

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Hans Schafranek: Zwischen Gestapo und NKWD. Die Auslieferung deutscher und österreichischer Antifaschisten aus der Sowjetunion an Nazideutschland 1937-1941, ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1990. Nicht nur eine Buchbesprechung

Eines der zynischsten Verbrechen des Stalinismus ist die Auslieferung von Deutschen und Österreichern an die Gestapo. Bisher glaubte mensch, daß es wenige Einzelfälle waren. Mit der Arbeit von Schafranck muß auch das gründlich revidiert werden. Er hat die weitläufige Literatur und die Archive gründlich ausgewertet und dokumentiert die "Überstellung" von rund 900 Menschen.

Es begann 1937. 600 Opfer der "Säuberung" wurden bis zum Abschluß der Hitler-Stalin-Paktes übergeben. Meist waren es seit langem in der Sowjetunion arbeitende Spezialistinnen, die oftmals aus politischer Sympathie die Arbeit aufgenommen hatten. Es befanden sich unter ihnen aber mindestens 60, die vor dem Naziterror geflüchtet waren und politisches Asyl erhalten hatten. Weitere 305 wurden im Herbst 1939 übergeben. Das waren ganz überwiegend verfolgte Kommunistinnen und andere AntifaschistInnen. Die Nazis kassierten sie oft gleich wieder ein, wenn das Opfer sich vor der "Abwanderung nach der Sowjetunion marxistisch aktiv betätigt, in der Sowjetunion kommunistische Politik weiter betrieben ... hat und auch jetzt noch an seiner kommunistischen Überzeugung fest hält" - wie es in einem Erlaß hieß. In dürren Worten werden dann die Schicksale beschrieben. Franz Kortschoner, schon in Kienthal dabei, lange Mitglied des Politbüros der KPO, endete in Auschwitz. Die meisten Juden und Jüdinnen wurden umgebracht (Hanns Walter David, Arnold Klein, Rudi Holz und andere). Selbst Angeklagte des "Altonaer Blutsonntag" wurden ausgeliefert (Erich Krollmann). Andere überlebten wie Gertrud Meyer. Sie hatte für die Komintern gearbeitet, wurde in Berlin zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt - und blieb nach der Entlassung im Widerstand aktiv. Margarete Buber-Neumann erlebte die Befreiung im KZ der Nazis.

Ein weiteres trübes Kapitel ist die Abweisung von Juden. Die Nazis wollten aus Ostpolen stammende Juden in ihre nun sowjetisch besetzte Heimat abschieben - und wurden meist zurückgeschickt. Der sowjetische Unterhändler Jegnarow lehnte die Aufnahme ausdrücklich ab und erklärte dem SS-Führer Wächter nach dessen Aufzeichnungen, die Deutschen "würden schon andere Wege finden, die Juden zu beseitigen".

Als Frau Buber-Neumann ihre Erinnerungen veröffentlichte (Als Gefangene bei Stalin und Hiller), bestritt die KPD heftig, daß Antifaschistinnen ausgeliefert worden seien. Es wären nur Angehörige der "5. Kolonne" der Nazis gewesen. Emil Carlebach bezeichnet Frau Buber als "entlarvte Trotzkistin" und "amerikanische Agentin", was beides gelogen war. Der Beweis: Sie nehme "offen für die Clique um Tuchatschewski, Jakir etc. Stellung .., die als Spione und Putschisten für die Brief zitiert werden dürfe. Wir akzeptieren zu- Hitler-Spionage ... erschossen wurden ... Die wirk- nächst, daß der BWK die Öffentlichkeit scheut. lichen Emigranten aber ... genossen das Gastrecht Aber diese Haltung ist doch merkwürdig, denn ... niemand von uns hat vergessen, daß Trotzki, der der BWK wendet sich in dem Brief ausdrücklich an den Nazis die sowjetische Front öffnen wollte, daß die Mitglieder der Vierten Internationle, die nun Tito und Rankowitsch die jugoslawische Volksde- von diesem Brief nichts erfahren können. In ihm mokratie den USA-Kapitalisten auslieferten, und wendet sich der BWk grundsätzlich gegen die daß die besonderen Freunde der Margarete Faust Veröffentlichung des Buches von Schafranck und (gemeint war Buber-Neumann) ... "Kutschi Müller ähnlicher Arbeiten und empfielt, es aus dem Ver- ... entlarvt waren" - dies war ein in die SU entführ- kehr zu ziehen. Die VSP dürfe das Vorgehen des ter zu 25 Jahre Lager verurteilter KPD-Führer. isp-Verlages, der immerhin parteiunabhängig ist, Darüber kam es 1951 zum Prozeß, in dem überdies nicht dulden. chemalige Häftlinge wie Benedikt Kautsky dann Vom ZK wird daher gefordert, sich mit derar- Carlebach, der im KZ. Buchenwald zur illegalen tigem Tun und Treiben von Trotzkisten und Trotz- KPD-Lagerleitung gehörte, in einer cidesstattli- kistInnen zu befasssen. Offenbar erwartet der chen Erklärung vorwarfen, seine Stellung als BWK, daß es unterbunden wird. Blockältester und Kapo mißbraucht zu haben und Das PB-Sekretarial der VSP hat das Ansinnen für den Tod von Häftlingen verantwortlich zu sein. zurückgewiesen. Weil wider Erwarten aber dieser Diese Erklärungen sind im Buch dokumen- Schoß noch fruchtbar ist, muß an andere Verbretiert. Jeder und jede mag aus den wilden Angriffen chen der hehren stalinistischen Helden in Buchen- Carlebachs und bedenkenlosen Denunziation der wald und anderswo erinnert werden. nichtstalinistischen AntifaschistInnen als faschi- Erkannte Trotzkisten waren im antifaschististische und imperialistische Agenten urteilen schen Kampf nicht nur vom Naziterror, sondem ("Die Sowjetregierung hat diese Bande ... un- auch von den Stalinisten bedroht. Dafür nur ein schädlich gemacht ... an die Wand gestellt, der Beispiel: Als französische kommunistische Parti- Rest dahin geschickt, wo er hingehörte"), wessen sanen im Oktober 1943 90 Häftlinge aus dem sie Carlebach für fähig halten, wenn ihm Macht Gefängnis von Puy en Velay befreiten, haben sie über Menschen gegeben ist: die 5 Trotzkisten unter ihnen erschossen. Unter Doch der klagte gegen Schafrancks Kommen- ihnen war Pietro Tresso, Mitgründer der KPI und tierung der Vorwürfe (drei Passagen auf S. 117- lange Mitglied des Politbüros. 119), nicht gegen den Abdruck der genannten Im KZ setzte sich das fort - gerade in Buchen- Erklärungen. Der isp-Verlag hatte die Passagen wald. Dort stellte die KPD zumindest Teile der schon bei Beginn des Rechtsstreits im März ge- Lagerverwaltung der Häftlinge und neben Carleschwärzt. Das Gericht hat diese Forderung auf- bach viele andere Kapos. Sie konnten durchaus rechterhalten, das Buch im Übrigen aber freigege- den Einsatz der Häftlinge und die Zusammenstelben. Die Stellungnahme des Autors war an sich lung der Transporte beeinflussen - und taten es. überflüssig, denn die Dokumente und Carlebachs Opfer waren gerade französische Trotzkisten Artikel (S. 194-196) sprechen für sich. Der Prozeß (siehe Langbein: ...nicht wie die Schafe zur lenkt nur von dem eigentlichen Verbrechen ab. Die Schlachtbank, Frankfurt am Main 1980, S. 130 f), Urteilsbegründung wird noch manchem die wis- die vor allem ins berüchtigte Außenlager "Dora" senschaftliche Auseinandersetzung erschweren, (20.000 Häftlinge kamen dort um) abgeschoben wenn Zitate nicht mehr kommentiert und etwa fa- wurden. Einer von ihnen, Marcel Beaufrere, wurde schistische Verbrechen noch einmal nachgewie- sogar von der Zelle der KPF zum Tode verurteilt sen werden müssen. (siehe hierzu und zum folgenden Fritz Keller: In Dieses Buch ist ein wichtiger Beitrag zur hi- den Gulag von Ost und West, ISP-Verlag Frankstorischen Aufklärung. Die Moscow News (Nr 21/ furt/Main 1980, S. 61, 81 und 89). Er überlebte 1991) widmeten ihm unter dem Titel "NKWD und dank der Solidarität der Häftlinge. Auf die konnten Gestapo - Partner aus Berufung" eine ganze Seite. Trotzkisten und andere Antistalinisten bei den Darin wird gefordert, endlich auch die sowjeti- Stalinisten nicht rechnen. Als Walcher (Trotzkist), schen Archive der Forschung zugänglich zu ma- Karl Plättner (KAPD) und Erich Melcher chen, um die angeführten und viele anderen Vor- (SAP) von Buchenwald nach Auschwitz übergänge schonungslos aufzuklären. stellt werden sollten, verhinderte der stalinistische Hiermit könnte die Darstellung enden, wenn Kapo ihre Aufnahme im Krankenbau. nicht der BWK einem Brief an das ZK der VSP Alle drei kamen um. geschrieben hätte. Wir wollten ihn dokumentieren, doch der BWK verweigerte die Zustimmung und sprach sich sogar dagegen aus, daß aus diesem Hans-Jürgen Schulz

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