Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Solidaritätsappell algerischer Frauen

Inprekorr Nr. 235, März/April 1991 · S. 40-41 · 962 Wörter

Frauen Maghreb Jugend und Studenten

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Solidaritätsappell algerischer Frauen PAGS auch damit einverstanden, obwohl sie es nie gefordert hatte. Aber sie schlug nun eine Art heilige Allianz aller Parteien von FLN bis FIS vor. Angesichts Die Intifada vom S. Oktober 1988 erder ununterbrochenen Angriffe der FIS laubte es den Arbeitenden, den Jugendauf ihre Mitglieder änderte die PAGS lichen, den Frauen und den Massen ihre Vorstellungen hin zu einer antifa- überhaupt, ihren eigenen Interessen schistischen Front. Diese Linie wird von Ausdruck zu verleihen und sich geder Führung jedoch nur zögernd ange- meinsam zu organisieren. Aber der wandt. Erst nach der Wahlniederlage und Aufschwung Fundamentalismus der Erfahrung mit dem Terror der Fun- bedroht diese Freiheiten, die zu cinem damentalisten in den Wahllokalen gegen so hohen Preis errungen wurden. Mit ihre Leute entschloß sich die Führung zu der Öffnung zum Weltmarkt beschäfeiner käpferisch antifaschistischen Hal- tigt hat der algerische Staat, der selbst tung. Sie schlug dem Regime und allen immer wieder versucht, die demokratianderen Parteien cine Front gegen die schen Bewegungen zu bremsen, ange- FIS vor. sichts der fundamentalistischen Ag- Die Enttäuschung der PAGS-Mitglie- gressionen gegen nichtislamische Verder ist groß, die ihre Partei als Abbild der sammlungen eine unerhörte Zurückgroßen Massenparteien Europas ansa- haltung gezeigt, eine unerhörte Tolehen. Denn in Wirklichkeit gibt es nur ranz gegenüber Gewalt gegen Frauen. 1000 oder 2000 Mitglieder. Nach der Ohne mit der Wimper zu zucken, Wahlniederlage konnte ein Kongreß, den wurde hingenommen, daß islamische die Führung nie gewollt hatte, nicht mehr Milizen sogar Studentenwohnheime an vermieden werden. Die Führung hat den Universitäten belagerten. dazu cinen umfangreichen Text vorge- Die Islamische Heilsfront (FIS) belegt, in dem erklärt wird, der Fehler habe droht die wenigen Errungenschaften darin bestanden, den Grundwiderspruch der algerischen Frauen und erfreut sich zwischen Kapitalismus und Sozialismus dabei cines breiten Konsenses in der zu verorten, in Wahrheit läge er zwi- patriarchalischen Gesellschaft Algeschen modernem und archaischem Kapi- riens. Im Familiengesetz dieses Landes talismus. Daher sei es fürderhin notwen- aus dem Jahre 1984 steht, daß Frauen dig, sich mit dem modernen Kapitalis- für die Heirat einen Paten brauchen, mus des Regimes gegen den archaischen daß sie ihrem Mann und dessen Fami- Kapitalismus der FIS zu vereinigen. lie gehorchen müssen; eine Scheidung Man kann zumindest sagen, daß dieser ist praktisch unmöglich und bei einer Text nicht alle Mitglieder überzeugt hat; Wiederverheiratung verlieren sie ihre zahllose Diskussionsbeiträge sind seither Kinder. Die Fundamentalisten greifen nun das Recht der Frauen auf Arbeit an, El Khatwa obwohl sie nur 4% der Beschäftigten Im September 1990 erschien die stellen. Sie greifen die Koedukation an ihnen beherrschten Rathäusern die Arbeitsplätze von Männern und Frauen. Sie greifen das Recht zu studieren an. Sie greifen das Recht an, auch ohne Hidjab (Schleier) auf der Straße zu gehen.

Diese frauenhasserische Kampagne fördert Übergriffe. Ein Bruder verbrannte seine Schwester mit einer Fakkel, weil sie ihre Arbeit als Krankenschwester nicht aufgeben wollte. Frauen, die alleine leben, wurden ihre Häuser angezündet oder eingerissen. Die Frauen haben mutig geantwortet. Sie haben Vereinigungen gegründet und gegen die Angriffe und die Bedrohung ihrer Arbeits- und Studienplätze demonstriert. Sie haben das Wahlgesetz angeprangert, das es gerade ihren Feinden gestattet, als Vormunde an ihrer statt zu wählen. Man hat die Frauen beschuldigt, „französische Agenten" zu sein, „Habichte des Kolonialismus" , aber dennoch gingen 4000 von ihnen am 8. März 1989 und 20 000 am 8. März 1990 auf die Straße.

Während die Verteidiger der allerreaktionärsten Politik im Besitz der technisch fortgeschrittensten Propagandamittel sind, haben die Frauen kaum die Mittel, auch nur das kleinste Flugblatt zu drucken.

Die algerischen Frauen befinden sich in Gefahr! Sie haben nur noch wenige Monate Zeit, um sich so gut zu organisieren, daß der Wahlsieg der Fundamentalisten verhindert werden kann. Die algerischen Frauen brauchen Eure den Schulen an und trennen in den von materielle und politische Solidarität! erste Nummer der Monatszeitung PST, (, Der

Kontakt: Salhi Chawki/PST, Cité el Hayat 8BS, rue de Constantine, Algier Schritt"). Die Auflage der arabischen und der französischen Ausgabe beläuft sich zusammen auf erschienen. Die Basis hat erfolgreich 50 000, bei einem Umfang von 16 verlangt, daß endlich ein Termin für den Seiten. Die Zeitung will all denen in Kongreß festgelegt wird und die Diskus- Algerien die Stimme leihen, die so- sionsbeiträge veröffentlicht werden. In wohl die herrschende FLN als auch der Partei herrscht eine allgemeine Redie islamischen Fundamentalisten voltestimmung. Besonders interessant ist der FIS ablehnen. El Khatwa möchte cin Diskussionsbeitrag, der sogenannte die Erfahrung der Streiks, der „Text der Zehn", in dem die führende Frauen- und der Studentenbewegung Rolle der Arbeiterklasse in der nationalsowie der Kulturbewegung der Ber- demokratischen Revolution betont wird. ber zum Ausdruck bringen. Nach den Kommunalwahlen und der Sie kann für 6 FF je Ausgabe zu- Desorientierung einer Mehrheit der Mitzüglich Porto bezogen werden bei glieder, hat diese Debatte die PAGS weibei: PEC, 2, rue Richard Lenoir, F- ter auf eine radikal linke Position zuge- 93108 Montreuil. Schecks sollten trieben; die Mitglieder verstehen sich mit dem Zusatz „Derbal" verschen nunmehr als Revolutionäre. Die Konwerden. greßdebatte ergibt sicher eine Polarisierung zwischen der national-demokratischen, antifaschistischen Front gegen die FIS und einer Arbeiter- und Volksfront auf Klassenbasis.

Seit dem beunruhigenden Sieg der FIS bei den Kommunalwahlen hat die Rebellion der Frauen ungekannte Ausmaße erreicht. Sic reagierten auf überwältigend spontane und massive Weise, obwohl die organisierte Frauenbewegung ein wenig darniederliegt. Dadurch steht die Vertretungsabstimmung von Männern für Frauen jetzt vor dem Fall.

Heute nehmen Frauen an allen sozialen und politischen Kämpfen in Algerien teil und stehen sehr oft an deren Spitze. Die Frauenkoordination plant eine große Konferenz der Frauenbewegung, auf der eine vereinheitlichte Bewegung geschaffen werden soll.

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