Mehrheit die bürokratische und autoritäre Natur dieser Regimes, aber kann sich nicht so recht entschließen, ob die am Scheideweg
STAVROS ORFANOGIANNIS dramatischen Veränderungen dort Ausdruck der Tiefe der Krise des Stalinismus sind.
In dem Versuch, die heikle Balance mit der neostalinistischen Minderheit zu wahren, scheint die Mehrheit über die Vergangenheit retuschierend hinweghuschen zu wollen und sich auf die konter- Die Neo Aristero Revma (NAR, Neue Linke Strömung) (I) hatte am revolutionäre Rolle Gorbatschows 8./9. Dezember 1990 ihre zweite Konferenz in Athen. Etwa 300 Delekonzentrieren. Sie gesteht ein, daß eine tiefere und klarere Analyse der Vergangierte diskutierten die Vor- und Nachteile der beiden gegeneinanderstegenheit nötig ist - aber meint, dies sei henden Positionen. Die Mehrheit erläuterte die Thesen ihres Vorkonfecine im Fluß befindliche Aufgabe, die renzdokuments „Sozialismus in unserer Zeit". Die Minderheit hatte keinen detaillierten Alternativentwurf vorgelegt, sondern nur eine Artikelden könne noch solle.
serie in Prin, der Wochenzeitung der NAR, veröffentlicht, die den Eine andere herausragende Schwäche des Mehrheits- wie des Minderheitstexts, Mehrheitstext kritisierte. Auf der Konferenz selbst gab es jedoch einen ja der ganzen Konferenzdebatte, ist das Minderheitsreport, der von 3 der 22 Mitglieder des Nationalen Koordivöllige Ausbleiben einer Beschäftigung nierungskomitees unterzeichnet war, darunter Kappos, chemaliges Mit- Einen gewissen Eindruck der politischen Richtung der Mehrheitstendenz der NAR erhält man bei der Betrachtung der an der Bühne angebrachten Losungen, die direkt aus den Überschriften des Mehrheitstexts entnommen zu sein schienen: „Linke radikale Front gegen den sozialen Krieg des Kapitals!" ', ,Antikapitalistische demokratische Revolution!" „Für die neue Welt unserer Epoche!" Das Minderheitsdokument hieß einfach „EIf Punkte zur Umgruppicrung der Mitglieder der NAR"
Bevor ich auf die Differenzpunkte der Konferenz komme, möchte ich etwas zum politischen Charakter der beiden Tendenzen in der NAR sagen. Wenn man an ihre Herkunft denkt, so hat die Mehrheit erstaunliche Fortschritte in Richtung auf den revolutionären Marxismus gemacht. Ihr Text stellt einen unzweifelhaften qualitativen Bruch mit der stalinistischen Tradition dar. Seine Autoren versuchen eine sehr sorgfältige Analyse des modernen Kapitalismus und üben maßvolle Kritik an ihrer Vergangenheit; ihr Ziel sind ein Programm und cine Strategie auf der Grundlage des Klassenkampfs.
Natürlich leidet der Text unter einer Reihe analytischer Widersprüche und Auslassungen. Es wird behauptet, der Kapitalismus habe seit Mitte der 70er Jahre ein neues Stadium erreicht. Dieses sei durch die Dominanz „multinationaler konglomerierter Monopole" gekennzeichnet, jedoch immer noch im Rahmen linistische Formel beibehält, versucht er sie dadurch einzuschränken, daß dies mit Frauenthemen. Nicht cinmal nebenbei wird auf den Feminismus bezuggenommen; darin spiegelt sich die rein keine Orientierung auf die „nichtmono- männliche Zusammensetzung der Fühpolistischen Teile" der Bourgeoisie be- rungsgremien der NAR, um von der tradeute. Diese neue Phase des Kapitalis- ditionellen Verachtung feministischer mus ist mit der „neuen Epoche" gc- Politik in der alten KKE gar nicht erst zu meint. „Die Entwicklung der Produktiv- reden. kräfte in früheren Zeiten... kann mit der heutigen nicht verglichen werden." Zum revolutionären Marxismus
Rückstand des Aber trotz diesen nicht unwichtigen griechischen Kapitalismus Mängeln zeigt die Mehrheitstendenz eine klare Dynamik Richtung revolutionärer Dieses „explosive Wachstum" der Pro- Marxismus (diesen Begriff benutzen sic duktivkräfte, weltweit und in Griechen- selber): land, scheint allerdings die ökonomische - Sie Ichnt die Theorie ciner Revolution und politische Rückständigkeit der gric- in Phasen ab. chischen Bourgeoisie und ihre Abhängig- - Sie erkennt die auslaufenden Gesellkeit vom Auslandskapital nicht berührt schaften in Osteuropa und in der UdSSR zu haben. Diese „Dependenztheorie" als Übergangsgesellschaften an. wird teilweise benutzt, um cinen für den - Sie sicht, daß alle Revolutionen in den Austritt aus der EG zu führenden Kampf kapitalistischen Ländern unserer Epoche zu begründen und, warum „die Arbeiter- proletarisch, antikapitalistisch, sozialibewegung die antimonopolistische Scite stisch sein werden. ihres Kampfs nicht vernachlässigen - Sie meint, daß der Aufbau des Sozidarf". alismus letztlich nur im Weltmaßstab Auch hier versuchen sie wieder die möglich ist. selbstgesetzte Begrenzung zu überschrei- - Sie glaubt auch, daß cine revolutio ten und erklären, sowohl Austritt aus der näre Arbeiterpartei nötig ist. EG als auch antimonopolistischer Kampf - Sie sicht auch zur Zerschlagung des „müssen den antikapitalistischen Ge- bürgerlichen Staatsapparats und zur Erhalt der Ziele betonen. richtung einer Arbeitermacht ein System Zu den Widersprüchen kommen grö- von Übergangsforderungen als notwen- Bere Lücken. Weder der Text des Doku- dig an. ments noch der des Berichts versuchen - Sie will „Institutionen entwickeln, die eine Bilanz der politischen Arbeit seit der der Tendenz zur konterrevolutionären letzten Konferenz, trotz einem Verlust an Degeneration und zum bürokratischen Mitgliedern (2) und cinem miesen Ab- Zentralismus entgegenwirken", und „ZU schneiden bei den Wahlen. Eine weitere den leninistischen Prinzipien zurückkeh- Schwäche ist die fast bewußte Zurück- ren, um zu schen, wie die innere Partcihaltung, die Krise der Länder des „real demokratie damals funktionierte (Tenexistierenden Sozialismus" eingehend zu denzen, Plattformen, öffentlicher Meianalysieren. Natürlich kritisiert die nungsstreit)".
- Sie erklärt, daß „eine chrliche Position zum Zusammenbruch der bürokratischen Regimes für uns cine Vorbedingung ist, unsere eigene opportunistische, bürokratische Schulung und die entsprechenden Mentalitäten und Praktiken zu überwinden"
Die Minderheit beansprucht demgegenüber, " auf der „marxistisch-leninistischen" Orthodoxie zu stehen. Ihr Bericht betonte die Notwendigkeit, zu den Klassikern zurückzugehen und alle Flirts mit ,,Neomarxisten wie Mandel, die der Sozialdemokratie hinterherlaufen", abzuweisen (3).
Das Erfinden neuer Epochen
Sie sicht die Ereignisse in Osteuropa und der UdSSR als „Tragödie" und weigert sich, neue Entwicklungen im Kapitalismus zur Kenntnis zu nehmen, den sie in den unverfälschten Begriffen des „staatsmonopolistischen Kapitalismus" aus Lenins Schrift über den Imperialismus sehen; sie wirft der Mehrheit vor, Das Kapital von Marx umschreiben und ncue Epochen jenseits des Imperialismus erfinden zu wollen. Beide Vorwürfe sind natürlich ch hanebüchen, aber versuchen aus den ehrlichen, aber noch nicht ausgereiften Versuchen der Mehrheit Kapital zu schlagen. Die Minderheit hat, kurz gesagt, nichts beizutragen und haut daher GRIECHENLAND
Ien Dingen erweist sie sich auch als positiv: Vom' ersten Moment an stellte sich die NAR gegen die Militärintervention am Golf und forderte den Rückzug aller imperialistischer Truppen einschließlich der griechischen.
Dazunoch warf die Mehrheit der NAR im Konferenzbericht die Frage auf, ob die Möglichkeit besteht, die revolutionäre Avantgarde in Griechenland zusammenzubringen, in Verbindung mit ... und als Folge ciner entsprechenden internationalen Formation". Weiter unten im Text scheint sie selbst eine Antwort auf diese Frage zu geben, wo sie ankündigt, sie wolle „dazu beitragen, daß 1991 in Athen ein internationales Treffen linker Kräfte und revolutionärer Marxisten über die jüngsten Veränderungen und Widersprüche in der modernen Welt zustandekommt".
Zusammenprall mit Neostalinisten
Am Ende der Konferenz wurde das Dokument der Mchrheit 170 zu 50 angenommen und ein neues Nationales Koordinierungskomitee mit 33 Leuten gewählt.
In Griechenland besteht heute die großartige Chance einer wirklichen Neugruppierung der revolutionären Marxistinnen. Ob es dazu kommt, hängt zu ci- Anmerkungen (1) Die NAR entstand nach Massenausschlüssenaus der Kommunistischen Partei KKE - und dem Ausschluß ihrer Jugendorganisation KNE - von Leuten, die gegen den klassenkollaborationistischen Kurs aufmuckten, als diese 1989 in eine Regierungskoalition mit der bürgerlichen Nea Demokratia trat.
(2) Dies ergibt sich aus der gesunkenen Delegier. tenzahl; im Februar waren es 400 gewesen. Die NAR scheint 1500 bis 2000 Mitglieder zu haben. In der Jugendabteilung KNE noch cinmal so viel. Von Prin werden wöchentlich 4000 Exemplare verkauft.
(3) So drückte sich ein Mitunterzeichner des Minderbeitsdokuments, Batikas, aus. Er spielte damit unter anderem auf die Sünde an, daß die NAR cine große Kundgebung zur Krise in Osteuropa veranstaltet hatte, bei der Emest Mandel und Josef Pinior (Polen) unter den Rednem waren. (4) Pouliopoulos, der Generalsekretär der KKE brach mit der Partei in den 20cr Jahren und war dann führendes Mitglied der Linken Opposition in Griechenland. Damals waren die ,,Archäomarxisten die offizielle Sektion der Linken Opposition. Es ist also nicht klar, was der Redner mit ,...aber die Trotzkisten unrecht" gemeint haben mag, wenn der Trotzkist Pouliopoulos „recht hatte". (5) Seit Anfang Dezember 1990 kommt es zu mas- Siven Kämpfen der Studentenbewegung als Reaktion auf neue Regierungserlasse und ein neues Bil. dungsgesetz. Uber 2000 Oberschulen, die Halfte, wurden von Schülem besetzt, die meisten Fachhochschulen und Universitäten folgten. Es gab ricsige Demonstrationen, auf denen die Parolen des Mai 68 auf den Transparenten auftauchten. Interessanterweise begann diese Welle auf dem Lande und verbreitete sich schrittweise in die Städte. O KOZMOE AAAAZEI...
gelingt, sich von dem hemmenden Moder H ANATOAH KATAPPEEL... Pappkameraden unter Entfaltung aufgeheizter „marxistischer" Rhetorik nieder. Sie klagt die Mehrheit an, keine revolutionäre Partei zu wollen und den „wissenschaftlichen Sozialismus nicht zu verteidigen.
machen. In cinem Land, in dem eine massive Radikalisierung der Jugend stattfindet (5), können sozialistische Ideen nur Boden gewinnen, wenn sie wirklich О ПОЛЕМОЕ АПЕЛЕ!
süchte ciner neu entstchenden Wider. ENAAAKTIKH In Osteuropa erkennt die Minderheit keine Krise des Stalinismus (das Wort gibt es bei ihr nicht), sondern ganz simpel eine Restauration des Kapitalismus, die dadurch ermöglicht werde, daß diese Regimes „von ihrer traditionellen Stütze, der UdSSR", im Stich gelassen würden. Nicht der Stalinismus, sondern Percstroika sei konterrevolutionär. Jedoch ist die Krise des Stalinismus so gründlich gewesen, daß auch diese dogmatische Tendenz gezwungen ist, einiges von ihrem Ballast über Bord zu werfen, so wenn sie die bürokratische Herrschaftsausübung und die Einschränkung innerparteilicher Demokratie ein wenig kritisiert.
Niemand kann die politische Entwicklung der NAR-Mehrheit bestreiten selbst wenn es um die eigene Geschichte geht. Ein Redner der Mehrheit ging sogar so weit zuzugeben, daß in der Debatte über den Charakter der griechischen Revolution in den späten 20cr Jahren „Pouliopoulos recht hatte ... aber die Trotzkisten unrecht" (4). Und in aktuclstandsgeneration ansprechen können und wenn sie eine klare Orientierung und cinen alternativen Weg aus der gesellschaftlichen Sackgasse weisen - ohne die Sprache, die Praxis und die ideologisachen Spinnweben des Stalinismus. Wenn man die Fesseln der Vergangenheit abstreift, die programmatische Basis einer internationalistischen revolutionären Organisation in Griechenland entwikkelt, wird man unweigerlich zu einem unversöhnlichen Zusammenstoß mit „radikalen" Neostalinisten von der Sorte Kappos kommen. Und ohne diese Klärung und Verfeinerung des Programms wird die NAR von den Ereignissen an den Rand gedrängt werden. Die Verantwortung dafür liegt bei den GenossInnen der NAR-Mehrheit und bei den revolutionären MarxistInnen außerhalb. TAPTAKESE
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