Die Niederlage der FSLN bei den Wahlen vom 25. Februar 1990 wird eine deutliche Auswirkung auf die revolutionäre Linke haben, besonders in Lateinamerika. Der Sieg der sandinistischen Revolution 1979 bedeutete in vieler Hinsicht den Beginn einer Umgruppierung dieser Strömungen. Er leitete ein Stadium der Veränderungen im Kräfteverhältnis zwischen dem Imperialismus und dem nationalen Befreiungskampf und innerhalb der Arbeiterbewegung zwischen der reformistischen und der revolutionären Linken ein. Während diese Phase, die mit dem 19.Juli 1979 begann, auch heute nicht abgeschlossen ist, so scheint doch, daß ihre Zukunft nach der Wahlniederlage der Sandinisten ungewiß ist. SERGIO RODRIGUEZ
FSLN enn es darum geht, verschie- Kämpfe in der Dritten Welt" bezogen dene strategische Hypothesen haben. festzulegen, übt die Krise in den nachkapitalistischen Ländern Druck aus. Ein mörderischer Für die Mehrheit der revolutionären Lin- Aggressionskrieg ken spielte das sogenannte »sozialistische Lager" eine fundamentale Rolle. Es Die Wahlniederlage der Frente Sandiwar die Reserve der Revolution. Diese nista de Liberación Nacional (FSLN) Strömungen beklagten sich privat über wird von den Imperialisten und den ladie Bürokraten im Osten, aber öffentlich teinamerikanischen Bourgeoisien als und offiziell bewahrten sie eine vollkom- neuer Beweis für das Scheitern des Somen unkritische Haltung. Heute existiert zialismus und die Zwecklosigkeit der das …sozialistische Lager" als solches Revolution präsentiert. Laut ihnen sei die nicht mehr, und dies hat eine Art politi- Revolution nicht nur unfähig gewesen, scher Lücke hinterlassen, da die Prozesse die nicaraguanische Wirtschaft aus der im Osten noch keine klare Position in Unterentwicklung zu führen, sondern sic bezug auf den Imperialismus und die habe das Land sogar in die schlimmste Krise seiner Geschichte gestürzt. Jetzt werden sie versuchen, uns die Rechnung zahlen zu lassen, und dies kann Rückwirkungen auf Teile der revolutionären Linken haben.
Es muß betont werden, daß diese Niederlage ein Sieg der von den Imperialisten betriebenen Politik der „Konflikte mit niedriger Intensität" ist. Wenn die Konterrevolution auch militärisch zerschlagen worden ist, so haben die Sandinisten doch auf diesem Gebiet einen hohen Preis dafür gezahlt, so wie auch auf sozialem und ökonomischem Terrain. Während die Contras niemals fähig waren, die Unterstützung der Massen zu gewinnen, die ihnen ermöglicht hätte, sich in Nicaragua in einem Gebiet unter ihrer Kontrolle festzusetzen, so haben sie doch den Weg für den Wahlsieg der Unión Nacional Opositora (UNO) gebahnt.
Die menschlichen Kosten dieses Krieges sind erschütternd - mehr als 50% des nicaraguanischen Haushalts sind für Verteidigung verwendet worden, 70 000 Menschen wurden getötet und Tausende verwundet; fast alle nicaraguanischen Familien haben jemanden verloren, sie haben ein verwundetes Familienmitglied, oder sie haben materielle Verluste erlitten. Dies hat das Bewußtsein der Menschen, die für die UNO gestimmt haben, weil sie glaubten, damit dem Krieg ein Ende setzen und den Patriotischen Militärdienst (SMP) abschaffen zu können, geprägt.
Konfrontiert mit der Kriegsmüdigkeit der Bevölkerung, waren die Sandinisten gezwungen, die Wahlen auf der Suche nach einer Legitimierung und einer politischen Hegemonie, die die Fortsetzung der Aggression des nordamerikanischen Imperialismus verhindern würde, vorzuziehen. „Das Ziel der FSLN ist, die Wahlen mit 70% zu gewinnen, um in der Exekutive und im Parlament die Mehrheit zu behaupten. Um dies zu erreichen, benutzt der Präsident eine Sprache, die alle Nicaraguaner verstehen können, die Sprache des Baseball: ,Man darf den Ball nicht nach rechts oder nach links schlagen, man muß ihn in die Mitte schlagen.'* (Pensamiento Propio, Dezember 1989.)
Dieses Zitat gibt genau die Wahlstrategie der Sandinisten wieder. Es war das Ziel, eine starke Mehrheit zu erhalten, indem in einer Kampagne, in der die militärischen Uniformen verschwunden waren, eine einfache Sprache benutzt wurde, die aller linken Untertöne beraubt war. Aber dieses Gegenmittel war nicht wirksam genug. um die Ängste eines
NICARAGUA großen Teils der Bevölkerung zu zer- erschüttert. Die Zahlen sprechen Bände. streuen, den man nicht als antisandini- 1985 betrug die Inflation bereits 334,5% stisch bezeichnen kann, der allerdings pro Jahr; 1986 waren es 747,4%; 1987 bezweifelte, daß die Sandinisten in der 1347,2%; 1988 erreichte sie die unglaub- Lage seien, den Krieg zu beenden. liche Rate von 36 000%; 1989 sank sie Ein weiteres Schlüsselelement bei die- auf 1700%. Dies illustriert gut den ser Niederlage ist die wirtschaftliche Si- Druck auf die nicaraguanische Wirttuation des Landes. Das Wachstum der schaft. Offensichtlich waren es vor allem Hyperinflation hat die ganze Wirtschaft die armen Massen, die den Preis für die Dall
Presi todo será mejor!
Wirtschaftsführung der sandinistischen Regierung bezahlt haben.
In seinem Buch Nicaragua schrieb Oscar René Vargas: Das Bruttoinlandsprodukt fiel auf den Stand der späten fünfziger Jahre, während das Inlandsprodukt je Einwohner auf den Stand der vierziger Jahre fiel. Nach den offiziellen Statistiken betrug die Kaufkraft Ende 1988 3,7% derjenigen von 1980. Dies zeugt vom schwindenden Lebensstandard der Bevölkerung. Dieses Element kann sich auf die Wahlen im Februar 1990 auswirken." Diese Prognose sollte sich als richtiger erweisen, als der Autor dachte.
Fortgesetzte Inflation trotz Politik der Anpassung
Wenn auch die Inflationsrate in der ersten Hälfte des Jahres 1989 gesenkt wurde - dank einer Politik der Anpassung in den besten Traditionen des IWF -. hat sich der Lebensstandard der Massen nicht verbessert. Die Inflation erreichte 792% zu Beginn des Jahres, die Löhne stiegen jedoch nur um 120%. Schlimmer noch, der Preisindex für Waren des Grundbedarfs stieg auf 927.56%. Die Inflation betraf nicht alle Produkte gleichermaßen; der Haushaltswarenkorb war besonders hart betroffen. Diese Politik, die alle Länder Lateinamerikas gut kennen, wurde in Nicaragua anders angewandt. Während der IWF Sparprogramme als Bedingung für die Vergabe neuer Kredite auferlegte, hat Nicaragua keinen Zugang zu irgendeiner Art der Finanzierung erhalten. Die USamerikanische Militärhilfe an El Salvador belief sich zwischen 1983 und 1987 auf 1,63 Milliarden Dollar, die für den Rest der Region auf 3,77 Milliarden Dollar. Nicaragua hat nicht einen Pfennig erhalten (laut den Statistiken des Congressional Research Service und der Agency for International Development). Wenn die ausländische Finanzierung 1985 dem Index 100 entsprach, so waren es 1988 nur mehr 12,75.
Man muß auch wissen, daß das Devisenvolumen aus landwirtschaftlichen Exporten ebenfalls geschrumpft ist. 1979 waren es 565.5 Mio. Dollar. 1988 nur noch 235.7 Mio. Dollar. Die in Nicaragua angewandte Anpassungspolitik war in dem Sinne eine ganz spezielle, daß sic das Land nicht befähigte, Kapital daraus zu zichen.
Der Würgegriff des Imperialismus ist in Nicaragua deutlicher feststellbar als in jedem anderen Land Lateinamerikas. Die
Politik der Wirtschaftsblockade hat ihre Wirksamkeit im Falle eines armen kleinen Landes wie Nicaragua unter Beweis gestellt. Angesichts dieser Situation kann die Frage gestellt werden, ob ein anderes Wirtschaftsmodell in Nicaragua möglich war. Einige mögen versucht sein zu denken, daß die Lösung in der Verstaatlichung der Mehrheit der Produktionsmittel gelegen habe, um zu verhindern, daß die Kriterien des Marktes in anarchischer Weise wirken. Aber diese Lösung ist utopisch.
Nicaragua ist ein sehr kleines Land mit einem der geringsten Industrialisierungsgrade in der Welt, mit einer kleinen Produktionskapazität, die hauptsächlich in landwirtschaftlichen Exporten konzentriert ist. Die angewandte Anpassungspolitik war nicht ideal. Einige Aspekte hätten korrigiert werden können, insbesondere was die Reinvestition der Gewinne betrifft. Aber die grundlegenden Gegebenheiten des Problems bleiben besteung darstellt muß deutlich erklärt wer den. Sonst kann überhaupt nichts von dem verstanden werden, was in einem Land wie Nicaragua geschieht, das versucht eine gründliche Revolution duchzuführen und große Schwierigkeiten beim Aufbau einer anderen Gesellschaft durchmacht. Wenn wir dazu noch den Krieg hinzufügen, ist das Bild vollständig.
Die Frage ist komplex. Die imperialistischen Länder haben eine substantielle Veränderung des Verhältnisses zwischen Kapital und Arbeit erfahren. Die wirtschaftliche Rekonversion hat große technologische Veränderungen mit wesentlichen Wandlungen in der Organisation lung des Taylorismus hat den Weg frei gemacht für eine neue Art der Organisation in den Fabriken, die zu einer wesentlichen Steigerung der Arbeitsproduktivität geführt hat. All dies wurde erreicht, ohne daß sich die Arbeiterklasse in den imperialistischen Ländern dem entgegenstellen konnte.
Veränderung im Arbeitsprozeß notwendig Heute macht die in anderen lateinamerikanischen Ländern angewandte ökonomische Anpassungspolitik solche Veränderungen ebenfalls erforderlich, jedoch im Rahmen einer verheerenden Wirtschaftskrise. Das Produktivitätsniveau hat sich dermaßen erhöht, daß es diese Ökonomien immer tiefer in die Unterent- NICARAGUA wicklung hinabzerren. Diese Situation beeinflußt auch die nicaraguanische Wirtschaft, weil die Reorganisation der Arbeit nicht nur die Industrie betrifft, sondern auch die Landwirtschaft. Der Grad der Arbeitsproduktivität, der von Japan, der BRD usw. vorgegeben wird, ist höher als in der Vergangenheit. In dieser Situation kann die Erdrosselung der Revolution in einem armen werden durch einen rechtzeitigen und entschlossenen Gegenangriff der Werktätigen in den entwickelten Ländern. Die Revolution der ärmsten Länder in der „Dritten Welt" kann nur mit der Unterstützung der Arbeiterinnen und Arbeiter der imperialistischen Länder voranschreiten.
Dies bedeutet nicht, daß die Sandinisten auf wirtschaftlichem und insbesondere sozialem Gebiet keine Fehler gemacht hätten. Das Vorhandensein einer Schicht von Angehörigen des Staatsapparats, die eine Reihe von Privilegien genießen, ist zu einer abstoßenden Realität dank besonderer Berechtigungsscheine, unterhalb der Marktpreise einkaufen können, provozierte den Zorn der am meisten Benachteiligten. Che Guevara hatte bereits vor dieser Gefahr gewarnt. Wir sind jedoch nicht der Auffassung, daß es in Nicaragua eine kristallisierte bürokratische Schicht gab, aber die schädlichen Auswirkungen solcher Phänomene in einem verwüsteten Land können nicht geleugnet werden.
Die Schwäche der nach der Revolution gebildeten Massenorganisationen war ein weiteres Schlüsselelement bei der Niederlage der FSLN sowie die Beziehung zwischen dem Staat, der Partei und den Massen. Die großen Volksorganisationen haben unter der durchgeführten Wirtschaftspolitik gelitten. Sie sahen sich einem Dilemma ausgesetzt: Entweder mußten sie mobilisieren, um Druck auf eine Änderung der Wirtschaftspolitik der Regierung auszuüben, oder sie mußten diese Wirtschaftspolitik unterstützen und somit in den Augen der Bevölkerung zu bloßen Instrumenten des Staates werden. „Das Gesicht zum Volk"
Beide Haltungen kamen vor. Die Versammlungen, die unter dem Motto ,,Das Gesicht zum Volk" standen, wurden oft mit dem ausdrücklichen Ziel vorbereitet, Druck auf den Präsidenten auszuüben, damit, und sei es nur zum Teil, die Lohnoder Kreditpolitik geändert würde. Daniel Ortega modifizierte tatsächlich eine Reihe von wirtschaftlichen Maßnahmen. Aber diese Versammlung boten auch Gelegenheit, die Wirtschaftspolitik zu billigen und zu bejubeln, weshalb sie bei den Massen negative Reaktionen hervorriefen.
Diese Unzufriedenheit wurde (und wird meiner Meinung nach bis heute) von der UNO weder kanalisiert noch organisiert. Aber eine stumme, kaum wahrnehmbare negative Haltung breitete sich aus. Die den Wahlkampf abschlie- Bende Kundgebung mit Daniel Ortega in Managua brachte Hunderttausende von Menschen (500 000 nach den moderatesten Quellen) zusammen. Es gab auch große Mobilisierungen in Masaya, León und anderen Orten. Doch viele der Teilnehmer stimmten nicht für die FSLN, sondern für die UNO. Manche hatten sich wohl bereits entschieden, für Violeta Chamorro und die Kandidaten auf ihrer Liste zu den Parlaments- und Kommunalwahlen zu stimmen. Und doch hatten all diese Leute an den Versammlungen der FSLN teilgenommen.
Dafür gibt es zwei Erklärungen: Die Leute wählten die UNO, weil sie glaubten, daß die FSLN die Wahlen gewinnen würde, daß es aber nötig sei, ein Gegengewicht zur FSLN zu schaffen. Oder sie gingen gezwungenermaßen auf die Kundgebungen. Sie nahmen nicht etwa teil, weil irgendjemand sie dazu besonders gezwungen hätte, sondern einfach aufgrund des auf der Gesellschaft lastenden Gewichts des Staates und der Existenz einer offiziellen Regierungspartei. Lateinamerikaner sind völlig vertraut mit solchen Situationen.
Ich will keineswegs einen Vergleich zwischen Nicaragua und den totalitären Regimen in Osteuropa ziehen. Nichts wäre falscher als das. Aber die FSLN reduzierte das Problem des Aufbaus eines demokratischen Landes auf die Frage des Mehrparteiensystems und die Frage geheimer Wahlen mit allgemeinem Wahlrecht. Es gab keine Entwicklung einer Demokratie anderen Typs — wofür es zu Beginn der Revolution embryonale Formen gab. Aber genau dies war fundamental.
Die große Masse der Bevölkerung kann eine Wirtschaftspolitik und einen Krieg wie in Nicaragua nicht akzeptieren, wenn sie nicht unmittelbar Entscheidungen darüber treffen kann. Die Identifikation zwischen den Massen und dem Staat wurde nicht zerstört, aber angesichts des Fehlens direkter Verbindungen verstand die Mehrheit der Werktätigen
NICARAGUA
WDANIEL auf dem Lande und in den Städten nicht len Listen gedreht sowie um die Bestimdie Gründe für manche wirtschaftlichen mung der ersten fünf Namen auf der Li- Maßnahmen. ste. Die UNO rechnete mit einem Ergeb- Heute muß die FSLN am Ziel des Auf- nis von etwa 33% der Stimmen. Einige baus einer demokratischen Volksmacht Tage nach dem 25. Februar war sie noch Nur eine solche Regierung unfähig, die Basis für die Bildung einer kann die Bedingungen schaffen, um einer stabilen Regierung zu legen und einen imperialistischen Aggressionspolitik Bürgerkrieg zu verhindern. widerstehen, indem sie die Werktätigen Diese Unfähigkeit ist mit dem Charakzu Herren über ihre Geschichte und ihre ter der UNO verbunden. Die Bildung Zukunft macht. Unter den gegenwärtigen dieses Bündnisses war nur dank des Bedingungen in Nicaragua kann die Wie- Drucks der US-Regierung möglich. Zeidererlangung der Regierungsgewalt auch tungen wie die Financial Times (28. Fe durch die Festigung der Volksmacht er- bruar 1990) charakterisierten die UNO folgen. als „ein buntscheckiges Bündnis mit US Unterstützung". Die Koalition reicht von Konsequenzen aus dem der extrem rechten Partei der nationalen Sieg der UNO Aktion (PAN) bis zur Kommunistischen Partei Nicaraguas (PCdN) mit stalinisti- Das Wahlergebnis überraschte nicht schem Ursprung. Unmittelbar nach den nur die FSLN, sondern auch die UNO Wahlen drückte der designierte Vizeprä- Die Debatten innerhalb dieses Bündnis- sident Virgilio Godoy seine Mißbilligung ses haben sich stets um den Rang der Par- der von Violeta Chamorro für die Verlamentskandidaten der verschiedenen handlungen zur Regierungsübergabe er- Bestandteile der Allianz auf den regiona- nannten Person aus, als er sagte, dal er sich selbst am besten für diese Aufgabe geeignet hielte.
Godoy ist nicht etwa größenwahnsinnig. Diese Meinungsverschiedenheiten widerspiegeln Differenzen, die unter den die UNO bildenden Kräften existieren. In seiner abschließenden Wahlkampfrede bedrohte Godoy die Mitglieder der sandinistischen Regierung direkt, als er erklärte, daß er sie nach dem 25. Februar die Rechnung bezahlen ließe*. Dagegen verstand Violeta Chamorro, daß ein Konfrontationskurs völlig kontraproduktiv gewesen wäre. Sie hat sich mit der Strömung identifiziert, die direkt die Interessen der USA repräsentierte und heute von Alfredo César von der Sozialdemokratischen Partei (PSD) geführt wird, der erst der sandinistischen Regierung angehört hatte und dann der Contraführung beitrat.
Diese Strömung strebt eine Übergangszeit an, um einen Wandel des Staatsapparats ohne einen Bürgerkrieg herbeizuführen. Sie versucht zumindest ein gutes Stück der Macht zu erringen, bevor sie radikalere Maßnahmen gegen die Sandinisten ergreift und dabei eine Trumpfkarte ausspielt, die Legitimität der Wahlen.
Hier stößt die FSLN an eine Schranke, die im Rahmen der imperialistischen Aggression leicht zu erklären ist. In dem Versuch, Anerkennung zu erringen, unterzeichnete die FSLN die Abkommen von San Isidro, womit sie eine Staatsauffassung akzeptierte, laut der sich die Rechtmäßigkeit von Regimen direkt aus der Wahlurne ergibt. Von diesem Standpunkt ist die Cristiani-Regierung in El Salvador legitim, weil sie aus einer Wahl hervorgegangen ist, auch wenn die größte politische Kraft des Landes nicht dent nur 20% der Stimmen erhalten hat. Schlimmer noch, laut dieser Doktrin kann eine Regierung, wenn sie erst einmal gewählt ist, alles tun. Wenn sie die Führer der Massenbewegung hinschlachtet, wenn ihre Armee sechs Jesuiten ermordert, wenn sie die Bevölkerung unterschiedslos cinem Bombardement aussetzt, dann ist das nicht so schlimm, sic wurde ja gewählt.
Diese Auffassung verwischt den Unterschied zwischen Legalität und Legitimität. Alfredo Cristiani und Violeta Chamorro sind entsprechend „real existierender" Gesetze in ihrem jeweiligen Land gewählt worden, aber daß bedeutet nicht, daß sie legitim sind. Die Legitimität einer Revolution oder einer sozialen Bewegung beruht genau auf dem Verlust der Legitimität einer Regierungsinstitu-
tion. In anderen Worten, die Legitimität umfaßt und bringt zum Ausdruck das Problem der politischen Hegemonie innerhalb einer Gesellschaft. Die Legitimität von Violeta Chamorros Regierung ist durch die Unterstützung, die sie von den USA erhält, sowie durch ihre Verbindung zu den Contras beeinträchtigt. In Nicaragua sehen wir zwei Formen von Legitimität nebeneinander stehen: die aus den Wahlen vom 25. Februar hervorgegangene und die, die sich aus der Revolution vom 19. Juli 1979 ergibt. Es ist wichtig, diese Situation zu begreifen. Die Nicaraguaner haben nicht massenhaft gegen die Revolution gestimmt. Sie stimmten gegen die Verwaltung und Wirtschaftspolitik der Regierung. Aber sie haben nicht für die politischen Projekte des Imperialismus gestimmt. Sie stimmten gegen den Krieg. aber nicht für die Contras.
Sie haben nicht gegen die Agrarreform gestimmt oder gegen das Recht der Armen, Herren auf dem Stück Land, auf dem sie leben, zu sein. Auch nicht gegen die Verstaatlichung der Banken oder das Außenhandelsmonopol. Sie haben erst recht nicht gegen das Streikrecht oder die Unterstützung für die Alten gestimmt. Und sie stimmten auch nicht gegen die Sandinistische Volksarmee (EPS), auch wenn sie den obligatorischen Militärdienst nicht länger leisten mögen. Verteidigung der Errungenschaften
Diese beiden Formen von Legitimität werden so in der einen oder anderen Weise aufeinanderstoßen. Die FSLN ist verpflichtet, das Wahlergebnis zu akzeptieren, aber auch — wie ihre Führung gesagt hat - die Errungenschaften der Revolution zu verteidigen. Der Weg zwischen diesen beiden Formen von Legitimität verläuft über Widersprüche und Sackgassen. Das Problem der Armee liegt auf der Hand.
Was die EPS betrifft, so gibt es drei Möglichkeiten, die die drei möglichen Szenarien der Konfrontation zwischen diesen Formen von Legitimität zusammenfassen.
Die FSLN mag denken, daß sic unausweichlich sechs Jahre warten muß, bis sie wieder an die Regierung kommen kann. In diesem Falle wäre sie nicht mehr die Partei der Revolution vom 19. Juli sondern sie würde sich in eine sozialdemokratische Partei verwandeln. Laut dieser Annahme würde die FSLN nicht mehr im Interesse der Errungenschaften der Revolution handeln und vor allen die NICARAGUA
Auflösung der Armee akzeptieren. Es gibt wenig Chancen dafür, daß diese Hypothese sich bewahrheiten wird. Die von der FSLN, von ihrer Führung wie von ihren Mitgliedern, eingenommene Haltung nach der Bekanntgabe des Wahlergebnisses weist in die gegenteilige Richtung. Was die Unmöglichkeit einer solchen Hypothese betrifft, bleibe ich daher optimistisch.
Die zweite Variante ist die, daß die Führung der FSLN eine harte Haltung einnehmen und kein Abkommen akzeptieren wird, das den Weg Violeta Chamorros zur Machtübernahme ebnet. In diesem Falle würde die FSLN darauf bestehen, das Kommando und die Führung der Armee zu behalten. Bei dieser Hypothese ist eine US-Intervention sehr gut möglich. Die USA werden geduldig. darauf warten, daß Abkommen für die Regierungsübergabe getroffen werden. Wenn dies nicht geschicht, so ist die Entscheidung für eine Invasion Nicaraguas bereits getroffen.
Die letzte Möglichkeit ist die, daß die FSLN gezwungen sein wird, über einige Aspekte des Staatsapparats zu verhandeln und sogar das Problem der Armee zu diskutieren, um der UNO oder ihrem Herrn, den USA, keinen Vorwand für eine Invasion zu geben. Gleichzeitig wird sie eine klassenkämpferische Politik entwickeln und anfangen, nach und nach eindeutige Bereiche der Unregierbarkeit zu schaffen, wobei sie die Mehrheit der Bevölkerung für die Legitimität der Revolution gewinnt: In solchem Falle stellt sich nicht länger die Frage, ob dieser Prozeß zwei oder sechs Jahre dauert, sondern wie die politische Hegemonie in der Gesellschaft in einem sehr komplexen internationalen Rahmen zu erringen ist.
Die FSLN (zusammen mit der gesamten lateinamerikanischen revolutionären Avantgarde) sicht sich einer schwierigen politischen Situation gegenüber. Die Perestroika, die aggressive Politik des Imperialismus, das Scheitern der nationalistischen Strömungen usw., das alles sind günstige Elemente für eine heftige weltweite antikommunistische Kampagne. Die Märchen vom Ende der Geschichte" oder von der Notwendigkeit „schwacher" Ideologien stehen im Widerspruch zu einer gesellschaftlichen Realität des Hungers und der Armut. Ein neues Kapitel im Kampf der Völker Lateinamerikas wird geschrieben. Wie 1979 steht die FSLN heute an der Spitze dieses Kampfes. Trotz ihrer Wahlniederlage und einiger Irrtümer, die sie begangen hat, ist sie immer noch die Avantgarde der revolutionären Organisationen Lateinamerikas. *
KOLUMBIEN