Warum sind Regime, die erstarrt und unerschütterlich schienen, plötzlich wie ein Kartenhaus zusammengefallen? Warum hat eine Ideologie, die Freiheit, Demokratie und Gleichheit versprach, Ungleichheit, Privilegien, Korruption, Despotismus, das Ersticken jeglicher Initiative und Kreativität hervorgebracht? Vor mehr als einem halben Jahrhundert hat Leo Trotzkis Analyse der stalinistischen Sowjetunion die Elemente geliefert, um diese Fragen beantworten zu könhen. er Ausgangspunkt von Trotzkis Analyse ist der schlagende Widerspruch zwischen Marx* und Lenins Projekt eines neuen Staatsapparats, der so beschaffen ist. daß er sofort abzusterben beginnt..."), und dem, was die Bürokraten später den „realen Sozialismus" nennen sollten. .Wie immer man den Charakter des heutigen ALAIN TONDEUR
Sowjetstaats erklärt , eines ist unbestreitbar: Am Ende des zweiten - die Massen beherrschenden Kraft Jahrzehnts seines Bestehens ist er geworden; die Armee ist nicht durch , weder abgestorben noch auch nur im das bewaffnete Volk ersetzt worden. .Absterben' begriffen: schlimmer: er sondern es hat sich eine privilegierte wuchs sich zu einem in der Ge- Offizierskaste mit Marschällen an schichte noch nicht dagewesenen der Spitze herausgebildet, während Zwangsapparat aus: die Bürokratie dem Volk, dem bewaffneten Träger ist nicht verschwunden und hat den der Diktatur*, heute in der UdSSR Massen ihren Platz abgetreten, son- sogar das Tragen von Hieb und Stichdern sie ist zu einer unkontrollierten. waffen verboten ist. **2
die Internationale steht legungen Trotzkis. Er stellt zunächst der anderen Bürokratie* ähnelt. von Beginn an im Zentrum der Überfest, daß die Sowjetbürokratie je- „Das wichtigste Kriterium ist nicht die Umwandlung des Eigentums"
Trotzki über die von der UdSSR besetzten Gebiete Auf Befehl Stalins 1940 ermordet, konnte Trotzki die besondere Situation in Osteuropa nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr analysieren. Aber er hat ausführlich die zu Beginn des Krieges von der UdSSR im Rahmen des Hitler-Stalin- Paktes durchgeführten Annexionen (die baltischen Staaten, Polen, die Westukraine usw.) behandelt. Seine Schriften aus diesem Zeitraum enthalten wertvolle Hinweise für die Analyse der Teilung Europas nach dem Kriege. In Die UdSSR im Krieg" (1939) schreibt Trotzki: Sehr viel wahrscheinlicher ist . . .. daß die Moskauer Regierung in den Gebieten, die der UdSSR eingegliedert werden sollen. Maßnahmen zur Expropriation der Großeigentümer und der Verstaatlichung der Produktionsmittel ergreift. Dieser Weg ist sehr viel wahrscheinlicher, nicht etwa, weil die Bürokratie dem sozialistischen Programm treu ist, sondern weil sie die Macht und die damit verbundenen Privilegien mit den alten herrschenden Klassen der besetzten Gebiete weder teilen will noch kann. Die ihrem Charakter nach revolutionäre Maßnahme der ,Expropriation der Ausbeuter wird im vorliegenden Fall auf militärisch-bürokratischem Wege durchgeführt. Der Aufruf zur Selbsttätigkeit der Massen in den neuen Gebieten - und ohne einen solchen Appell, mag er noch so vorsichtig sein, kann das neue Regime nicht errichtet werden - wird zweifellos morgen von unbarmherzigen Polizeimaßnahmen unterdrückt werden, um der Bürokratie das Übergewicht über die aufgerüttelten revolutionären Massen zu garantieren. Das ist die eine Seite der Sache. Doch gibt es auch eine andere. Um über ein militärisches Bündnis mit Hitler die Mög lichkeit einer Okkupation Polens zu schaffen, hat der Kreml lange die Massen der UdSSR und der ganzen Welt getäuscht und täuscht sie auch weiterhin. Damit hat er den völligen Zerfall seiner eigenen Komintern heraufbeschworen. Das wichtigste Kriterium der Politik ist für uns nicht die Umwandlung des Eigentums auf dem cinen oder anderen Teilterritorium, wie wichtig sie an und für sich auch sein möge. sondern der Wandel in der Bewußtheit und Organisiertheit des internationalen Proletariats und die Steigerung seiner Fähigkeit, alte Errungenschaften zu verteidigen und neue zu machen. Unter diesem allein entscheidenden Gesichtspunkt und aufs Ganze gesehen ist die Politik Moskaus nach wie vor reaktionär und bleibt das Haupthindernis auf dem Wege zur internationalen Revolution. Unsere allgemeine Einschätzung des Kreml und der Komintern ändert jedoch nichts an dem speziellen Faktum, daß eine Verstaatlichung der Eigentumsformen in den okkupierten Gebieten für sich genommen eine progressive Maßnahme ist. Das muß man ganz offen zugeben. Wenn Hitler morgen seine Heere mit der Front nach Osten wendete, um in Ostpolen die „Ordnung" wiederherzustellen, dann verteidig ten die fortschrittlichen Arbeiter die neuen Eigentumsformen gegen Hitler, die durch die bonapartistische Sowjetbürokratie hergestellt worden sind. Die Verstaatlichung der Produktionsmittel ist, wie gesagt, eine progressive Maß. nahme. Doch ihre Progressivität ist relativ, ihr spezifisches Gewicht hängt von der Gesamtheit aller anderen Faktoren ab. So muß zunächst einmal festgehalten werden. daß mit der Ausweitung des Territoriums der bürokratischen Autokratie und des Parasitentums unter dem Deckmantel ,sozialistischer' Maßnahmen das Prestige des Kreml vergrößert wird und Illusionen in bezug auf Möglichkeiten, die proletarische Revolution durch bürokratische Manöver zu ersetzen u.ä. geweckt werden können. Dieses Übel wiegt bei weitem mehr als der progressive Inhalt der Stalinschen Reformen in Polen. Die Moskauer Bürokratie muß gestürzt werden, damit die Nationalisierung des Eigentums in den okkupierten Gebieten wie auch in der UdSSR zum Fundament einer wirklich progressiven. d.h. sozialistischen Entwicklung wird."
Als Schlußfolgerung daraus bekräftigt Trotzki das demokratische Recht auf Selbstbestimmung für die Völker der von der UdSSR annektierten Gebiete: Wir gestehen dem Kreml keinerlei historische Mission zu. Wir sind nach wie vor gegen die Eroberung neuer Gebiete durch den Kreml. Wir sind für die Unabhängigkeit der Ukraine und auch für die von Sowjet-Weißrußland, wenn die Weißrussen das (L. Trotzki. Schriften. Bd. 1. Hamburg 1988. S. 1291-1294.) „Aber", so fügt er hinzu, „es gibt auch enorme Unterschiede. Unter keinem anderen Regime, mit Ausnahme der UdSSR, hat die Bürokratie einen solchen Grad der Unabhängigkeit von der herrschenden Klasse erlangt. In der bürgerlichen Gesellschaft vertritt die Bürokratie die Interessen der besitzenden und gebildeten Klasse, die über unzählige Mittel verfügt, ihre Verwaltung zu kontrollieren. Die Sowjetbürokratie jedoch erhob sich über eine Klasse, die, eben erst aus Elend und Dunkel befreit, im Herrschen und Kommandieren keine Tradition besitzt.' ... In diesem Sinne muß man zugeben, daß sie etwas mehr ist als eine Bürokratie. Sie ist die einzige im vollen Sinne des Wortes privilegierte und Kommandogewalt ausübende Schicht der Sowjetgesellschaft.
Nicht minder wichtig ist ein anderer Unterschied. Die Sowjetbürokratie expropriierte das Proletariat politisch, um seine sozialen Eroberungen mit ihren Methoden zu vrteidigen. Aber alleine der Umstand, daß sie in einem Lande, in dem sich die Hauptproduktionsmittel in Staatshänden befinden, die politische Macht an sich riß, schafft ein neues, noch nie dagewesenes Verhältnis zwischen der Bürokratie und den Reichtümern der Nation. Die Produktionsmittel gehören dem Staat. Aber der Staat •gehört' gewissermaßen der Bürokratie. *4 Dennoch ist die Bürokratie für Trotzki keine neue herrschende Klasse oder eine ,,Klasse von ,Staatskapitalisten*'. Als echter sozialer Parasit am Körper der Planwirtschaft ist sie gezwungen, ,das Staatseigentum als die Quelle ihrer Macht und ihrer Einkünfte zu verteidigen** Schlimmer noch: anders als eine herrschende Klasse verschleiert sie ihre Einkünfte. Sie tut, als existiere sie gar nicht als besondere soziale Gruppe. **s Woher kommt die Bürokratie?
Während er sich auf Marx und Lenin stützt, zeigt Trotzki, daß die Gefahr der Bürokratisierung jeder siegreichen sozialistischen Revolution unvermeidlich droht, denn der Arbeiterstaat kann zu Beginn keinen rein" proletarischen Charakter tragen, er bleibt teilweise .,bürgerlich".
„Sogar in Amerika, also auf dem Fundament des am weitesten fortgeschrittenen Kapitalismus, würde der sozialistische Staat nicht mit einem Schlage jedem soviel gewähren können, wie er braucht, und sich daher gezwungen sehen, einen jeden zu größtmöglicher Produktion zu veranlassen. Das Amt des Antreibers fallt unter diesem Umständen natürlich dem Staat zu, der seinerseits nicht umhin kann, mit diesen oder jenen Änderungen und Milderungen auf die vom Kapitalismus ausgebildeten Methoden der Vergütung der Arbeitsleistung zurückzugreifen. Der Staat hat so „von Anfang an einen doppelten Charakter: Er ist sozialistisch, soweit er das vergesellschaftete Eigentum an den Produktionsmitteln schützt, und er ist bürgerlich, soweit die Verteilung der Konsumgüter mit Hilfe des Geldes, des kapitalistischen Wertmessers, erfolgt.. Das definitive Gesicht des Arbeiterstaats wird von dem variablen Verhältnis zwischen seinen bürgerlichen und seinen sozialistischen Tendenzen bestimmt. Der Sieg der letzteren muß die endgültige Liquidierung des Gendarmen bedeuten, das heißt das Aufgehen des Staates in einer sich selbst verwaltenden Gesellschaft.*6 Die Dinge haben sich in der UdSSR anders entwickelt, der bürokratische Gendarm hat die Selbstverwaltung der Gesellschaft erstickt. Ein unvermeidbares Resultat des Kommunismus? Nein, der Sieg der Bürokratie unter Führung Stalins ist das konkrete Resultat eines konkreten Prozesses, der sich im Rahmen eines zurückgebliebenen Landes vollzog. Diesen Prozeß analysiert Trotzki im Detail:
Eine nicht geringe Rolle bei der Herausbildung der Bürokratie spielte die Demobilisierung der fünf Millionen Mann starken Roten Armee: Die siegreichen Kommandeure besetzten die leitenden Posten in den lokalen Sowjets, in der Wirtschaft, im Schulwesen und führten überall energisch das Regime ein, dem die Siege des Bürgerkriegs zu verdanken waren. So wurden die Massen allmählich allenthalben von der faktischen Beteiligung an der Leitung des Landes ausgeschlossen.
Die innere Reaktion im Proletariat erzeugte eine außerordentliche Flut von Hoffnungen und Selbstvertrauen bei den kleinbürgerlichen Schichten die Internationale in Stadt und Land, die durch die NEP [Neue Ökonomische Politik] zu neuem Leben erwacht waren und immer dreister den Kopf hoben. Die junge Bürokratie, ursprünglich als Agentur des Proletariats entstanden. begann sich nun als Schiedsrichter zwischen den Klassen zu fühlen. Ihre Selbständigkeit nahm von Monat zu Monat zu.
In die gleiche Richtung drängte mit großer Kraft die internationale Situation. Die Sowjetbürokratie wurde umso selbstsicherer, je heftigere Schläge die Weltarbeiterklasse trafen. Zwischen diesen Prozessen besteht nicht nur ein chronologischer Zusammenhang, sondern eine reale Wechselwirkung: die Bürokratie trug durch ihre Führung zu den Niederlagen bei, und die Niederlagen erleichterten den Aufstieg der Bürokratie. Aber der Sieg der Bürokratie über die zivile Gesellschaft kann für Trotzki nur zu einer unstabilen Situation mit Übergangscharakter führen. Er leugnet nicht, daß das Regime der Wirtschaft einen mächtigen Impuls gegeben" hat (er prangerte allerdings die dabei entstandenen sozialen Kosten an). Aber er spricht der Bürokratie jede historische Mission, jede progressive Rolle ab. Tatsächlich ging dieser Impuls ,von der Verstaatlichung der Produktionsmittel und vom Planungsprinzip aus. keineswegs aber von der Tatsache, daß die Bürokratie die Befehlsgewalt über die Wirtschaft usurpiert hat. Im Gegenteil, die Bürokratie als System wurde zum schlimmsten Bremsklotz für die technische und kulturelle Entwicklung des Landes. Diese Tatsache war bis zu einem bestimmten Zeitpunkt dadurch verdeckt, daß die Sowjetwirtschaft während zweier Jahrzehnte Produktionstechnik und Produktionsorganisation aus den führenden kapitalistischen Ländern übernahm und sich zu eigen machte. Die Periode der Übernahme und Nachahmung vertrug sich noch auf die eine oder andere Art mit dem bürokratischen Automatismus, d.h. mit der Unterdrückung von Initiative und schöpferischer Energie. Doch je höher der Standard der Wirtschaft, je vielfältiger ihre Bedürfnisse, desto mehr ist das bürokratische Regime zu einem unerträglichen Hindernis geworden. Dieser sich immer stärker zuspitzende Widerspruch hat zu dauernden politischen Konvulsionen, zur systematischen Ausrottung der her- Die ersten beiden Teilbände der to-bändigen Ausgabe der Schriften Trotzkis
TROTZKI SCHRIFTEN
SOWIETGESELLSCHAFT
UND
STALINISTISCHE
DICTATUR 1929-1936 1.1 RASOI UND ROMBING
Leo Trotzki
Sowjetgesellschaft und stalinistische Diktatur (1929-36)
Gebunden mit Schutzumschlag. 678 Seiten. DM 68,- TROTZKI
SCHRIFTEN
SOWIETGESELLSCHAFT
UND
STALINISTISCHE
DIKTATUR 1936-1940 1.2 RASON UNE
Leo Trotzki
Sowjetgesellschaft und stalinistische Diktatur (1936-1940)
Gebunden mit Schutzumschlag. 540 Seiten, DM 68,- Den Editonsprospekt stellen wir Ihnen auf Wunsch gern kostenlos zur Verfügung. R R
Rasch und Röhring Verlag
Hoheluftchaussee 95 2000 Hamburg 20
Trotzki-Symposium
Europäische Forscher aus den Disziplinen Ökonomie. Soziologie. Geschichte. Philosophie. Politikwissenschaft veranstalten vom 26.-29. März 1990 an der Universität Wuppertal ein internationales wissenschaftliches Symposium über das theoretische Werk und die praktischen Aktivitäten Leo Trotzkis. Zu den Initiatoren gehören u.a.: Prof. I. Fetscher, Frankfurt am Main: Prof. G. Trautmann, Hamburg: Prof. H. Dahmer. Darmstadt: Prof. P. Broué, Grenoble: K. Tarbuck. Großbritannien: Prof. P. v. Oertzen, Hannover: Prof. J. Scherrer, Paris: Prof. H. Schmid, Dänemark; V. Pisigin. UdSSR.
Folgende Themenkomplexe werden behandelt:
* Trotzkis Rolle von der Oktoberrevolution bis zu seiner Ausschaltung aus dem politischen Leben der UdSSR:
* Trotzkis Beiträge zur Analyse der Sowjetgesellschaft: * Trotzkis Marxismus.
Um Interessenten und Referenten aus devisenarmen Ländern die Teilnahme am Symposium zu ermöglichen (Reise. Unterbringung etc.), sind die Initiatoren dringend auf Spenden angewiesen.
Spendenüberweisungen an:
Prof. Theodor Bergmann - Sonderkonto
Bank für Gemeinwirtschaft (BLZ 600 101 11)
Kto.-Nr. 3 045 018 901 Anmeldungen und weitere Auskünfte:
Prof. Th. Bergmann
Im Asemwald 26.6.215 D-7000 Stuttgart 70 die Internationale vorragendsten schöpferischen Elemente auf allen Tätigkeitsgebieten geführt. So ist die Bürokratie... in einen unversöhnlichen Widerspruch zu den Bedürfnissen der weiteren Entwicklung geraten. Das erklärt sich namentlich daraus, daß die Bürokratie nicht Trägerin eines neuen, ihr eigenen, ohne sie nicht denkbaren Wirtschaftssystems ist, sondern eine parasitäre Wucherung am Arbeiterstaat."** Zwei Hypothesen
Seine Analyse zusammenfassend stellt Trotzki zwei Hypothesen über die Zukunft auf. „Stellen wir uns vor, die Sowjetbürokratie sei von einer revolutionären Partei gestürzt. Bine derartige Partei würde zunächst die Demokratie in den Gewerkschaften und den Sowjets wiederherstellen. Sie könnte und müßte den Sowjetparteien die Freiheit wiedergeben. Gemeinsam mit den Massen und an ihrer Spitze würde sie den Staatsapparat schonungslos säubern. Sie würde Titel und Orden, überhaupt alle Privilegien abschaffen und die Ungleichheit in der Entlohnung auf das Maß des für. Wirtschaft und Staatsapparat Lebensnotwendigen beschränken. Sie würde der Jugend Gelegenheit geben, selbständig zu denken, zu lernen, zu kritisieren und sich zu formen. Sie würde entsprechend den Interessen und dem Willen der Arbeiter- und Bauernmassen tiefgehende Änderungen in der Verteilung des Volkseinkommens vornehmen. Doch was die Eigentumsverhältnisse betrifft, bräuchte die neue Macht keine revolutionären Maßnahmen zu ergreifen. ... Nach der politischen Revolution, d.h. nach dem Sturz der Bürokratie, hätte das Proletariat in der Wirtschaft eine Reihe höchst wichtiger Reformen, doch keine neue soziale Revolution durchzuführen. Würde dagegen die herrschende Sowjetkaste von einer bürgerlichen Partei gestürzt, so fändere letztere unter den heutigen Bürokraten, Administratoren, Technikern, Direktoren, Parteisekretären, den privilegierten Spitzen überhaupt, nicht wenige willfährige Diener.® Eine Säuberung des Staatsapparates wäre natürlich auch in diesem Falle erforderlich, doch hätte die bürgerliche Restauration wahrscheinlich weniger Leute zu entfernen als eine revolutionäre Partei. Die Hauptaufgabe der neuen Staatsmacht wäre jedoch, das Privateigentum an den Produktionsmitteln wiederherzustellen. Vor allen Dingen gälte es, die Vorbedingungen zur Absonderung von Großbauern aus den schwachen Kolchosen und zur Umwandlung der starken Kolchosen in Produktionsgenossenschaften bürgerlichen Typs, in landwirtschaftliche Aktiengesellschaften, zu schaffen. Auf dem Gebiete der Industrie würde die Entnationalisierung bei den Betrieben der Leicht- und Nahrungsmittelindustrie beginnen. Das Planprinzip würde während ciner Übergangszeit auf eine Reihe von Kompromissen hinauslaufen, die zwischen der Staatsmacht und den einzelnen „Genossenschaften" *; d.h. den potentiellen Eigentümern (Sowjetindustrickapitänen, ehemaligen, emigrierten Besitzern und ausländischen Kapitalisten), geschlossen würden. Obwohl die Sowjetbürokratie einer bürgerlichen Restauration gut vorgearbeitet hat, müßte das neue Regime auf dem Gebiet der Eigentumsformen und der Wirtschaftsmethoden nicht Reformen, sondern eine soziale Umwälzung durchführen. *10 Schließlich können wir feststellen - und dies ist vor allem für die heutige Situation in einigen osteuropäischen Ländern von Interesse -. daß Trotzki die Möglichkeit eines Zusammenbruchs des bürokratischen Regimes, der nicht mit einem Voranschreiten der sozialistischen Selbstverwaltung zusammenfällt, nicht ausschließt. „Der Sturz der heutigen bürokratischen Diktatur wäre also, wenn keine neue sozialistische Macht diese ersetzt, gleichbedeutend mit einer Rückkehr zu kapitalistischen Verhältnissen bei katastrophalem Rückgang von Wirtschaft und Kultur. "H * Anmerkungen:
W.I.Lenin, Staat und Revolution (1918). in: Werke, Bd. 25, Berlin 1981, S. 415. • L. Trotzki, Verratene Revolution (1936), in: Schriften, Bd. I. Hamburg 1988, S. 743-744 • Trotzki spricht hier von der Arbeiterklasse des zaristischen Rußland. • Verratene Revolution. a.a.O., S. 952-953. s Ebd., S. 953-954.
• Ebd., S. 745-746.
" Ebd., S. 784-785 • L.Trotzki, „Die UdSSR im Krieg" (1939). in: Schriften, Bd.1. a.a.O., S.1277-1278. * Eine Prognose, die sich heute in Polen und Ungarn weitgehend bestätigt, wo manche Angehörige der Nomenklatura sich in Kapitalisten verwandeln...
1º Verratene Revolution. a.a.O., S. 956-957. " Ebd., S. 955.