Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Glasnost und die Krise der Kommunistischen Parteien

· Inprekorr Nr. 223, Januar 1990 · S. 4-8 · 3.334 Wörter

Sowjetunion Stalinismus und Bürokratie Kuba und Karibik BRD und DDR

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Die sogenannte ,,kommunistische Weltbewegung"" ist heute tiefer gespalten als jemals zuvor in ihrer Geschichte. Vor allem ist die Haltung der Kommunistischen Parteien gegenüber Glasnost Ernest Mandel rir definieren Glasnost als den W Prozeß des politischen Wandels. der in der Sowjetunion vonstatten geht und in der Praxis den Raum zur Ausübung demokratischer Freiheiten erweitert. Dieser Prozeß kombiniert die Auswirkungen der politischen Reformen „von oben" mit dem Rückgang der Repression und der Einschüchterung und der de facto Tolerierung autonomer Aktivitäten und Initiativen von unten" . cinschließlich derjenigen, die nicht mit der geltenden Gesetzgebung konform gehen. Verschiedene Beweggründe für Unterstützung von Glasnost

Die Führungen u.a. folgender Parteien unterstützen Glasnost, auch wenn ihre Motive oft unterschiedlich sind: die KPdSU. der Bund der Kommunisten Jugoslawiens, die ungarische und polnische KP. die Italienische Kommunistische Partei (PCI). die Französische Kommunistische Partei (mit Vorbehalten), die griechische |KKE]. spanische, schwedische (VPK]. finnische, britische, niederländische. türkische', dänische und belgische KP. die schweizerische Partei der Arbeit sowie die Kommunistischen Parteien in ein Indikator dieser Krise.

Argentinien. Brasilien, Mexiko (die formal nicht mehr existiert, sondern innerhalb der Partei von Cuauhtémoc Cárdenas operiert). Chile, Kolumbien, Uruguay, Australien [CPA] und im Libanon. Die westdeutsche DKP und die Kommunistischen Parteien Syriens und Israels haben sich jeder öffentlichen Kritik an Glasnost enthalten. Es ist bekannt, daß die Mehrheit ihrer Führer in Wirklichkeit dagegen ist. Einige KP-Führungen, die Glasnost unterstützen, haben dies mehr aus ihrer Tradition der bedingungslosen Unterstützung von allem, was in der UdSSR geschicht. getan denn aus wirklicher Überzeugung. Dies schafft Spannungen mit den aufrechteren Befürwortern von Glasnost. Spannungen, die zu Spaltungen führen können, sowohl in der DKP als auch in der griechischen KKE. Andererseits ist Glasnost von der offiziellen Führung der KP Chinas. der Rumänischen Kommunistischen Partei, der KP der CSSR*, der SED, der KP Vietnams?, der KP Kubas, der Bulgarischen Kommunistischen Partei (in moderaterer

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Weise), der japanischen KP, der indischen CPI (M) (Communist Party of India (Marxist)), der nordkoreanischen KP. der Partei der Arbeit Albaniens und der Portugiesischen Kommunistischen Partei zurückgewiesen worden, wie auch von den meisten proalbanischen und halbmaoistischen Gruppen.

Die Haltung der Kommunistischen Partei der USA (CPUSA) ist zögernd: Sie hat sich nicht in der einen oder anderen Weise erklärt. Wir kennen die Position der Kommunistischen Partei der Philippinen (CPP) oder dessen, was von der Tudeh-Partei im Iran übrig geblieben ist, nicht. Die Südafrikanische Kommunistische Partei (SACP) scheint in dieser Frage tief gespalten zu sein, auch wenn es scheint, daß sie Moskau zustimmt, wie es ihre ganze Tradition bestimmt. Die Situation wird durch die Tatsache kompliziert, daß einige dieser KPen bedeutende Minderheitsströmungen, einschließlich in ihren Apparaten, besitzen. die nicht die Mehrheitsposition teilen. Konservative Minderheiten existieren in der KPdSU, in der ungarischen und polnischen KP. während es eine reformerische" Minderheit in der KP Chinas und die Dubcek-Tendenz in der KP der CSSR gibt. Dubcek ist formal nicht Mitglied der Partei, aber er wird von Hunderttausenden von ehemaligen Mitgliedern unterstützt. die während der Periode der „Normalisierung" ausgeschlossen worden sind und die Wiederaufnahme in die Partei fordern. Pro-Gorbatschow-Strömungen existieren auch in der rumänischen und bulgarischen KP sowie in der SED. aber in geringerem Ausmaß. Andererseits verlaufen die Differenzierungen an der Basis nicht notwendigerweise entlang denselben Linien wie an der Spitze. In einigen KPen tauchen auch cher linke" Tendenzen auf, besonders in der KKE, zusammen mit Tendenzen an der Basis mit noch weitgehenderen sozialdemokratischen Neigungen als die. die in den Führungen einiger KPen vorhanden sind Ein weiterer Indikator ist die Haltung. die gegenüber der blutigen Niederschlagung der Pekinger Kommune durch die Deng Xiaoping-Fraktion eingenommen wird. Zu dieser Frage besteht eine tiefe Spaltung. Sie deckt sich weitgehend, wenn auch nicht vollständig. mit dem Verlauf der Trennlinien zu Glasnost. Im Lager derjenigen, die das Massaker auf dem Tienanmen-Platz verurteilt haben. stehen fast alle Parteien, die gegenüber Glasnost eine positive Haltung einnehmen, sowie zusätzlich die KP Japans. Aber in der UdSSR hat die gorbatschowistische Führung der KPdSU selbst eine sehr zurückhaltende Haltung eingenom- KRISE DES STALINISMUS men, während die bedingungslose Ablehnung der chinesischen Aktion dem radikalen Flügel vorbehalten blieb. Die CPUSA hat die Repression nicht verurteilt und ist somit in das neostalinistische konservative Lager geglitten. Die KP Kubas hat zu dieser Frage geschwiegen. Fraktionskampf

Es gibt einen dritten Indikator, der ebenso kennzeichnend ist: die Haltung zum Dogma der Einheitspartei. Einmal mehr lehnen es fast alle KPen, die eine positive Einstellung zu Glasnost haben, ab, mit Ausnahme der Gorbatschow-Führung für die UdSSR selbst. Aber auch hier gibt es in der KPdSU Radikale, die es zurückweisen. Eine wachsende Anzahl der Gorbatschowisten beginnt das Prinzip in Frage zu stellen. Die KP Japans hat es ihrerseits abgelehnt. Die Anti-Glasnost- KPen einschließlich der Kubaner sind die Verfechter des Dogmas von der einzigen Partei.

Angesichts der Gleichzeitigkeit, mit der diese Positionen bezogen werden, und ihrer politischen Implikationen scheint es gerechtfertigt zu sein von einem wirklichen Fraktionskampf zu sprechen, der sich innerhalb der sogenannten „kommunistischen Weltbewegung" vollzieht. Zweifellos handelt es sich (noch?) nicht um einen organisierten Fraktionskampf. Aber informelle" Beratungen finden zunehmend statt. Die Konservativen in allen erwähnten KPen ersehnen die Unterdrückung von Glasnost in der UdSSR. da Glasnost ihnen große Probleme in ihren eigenen Parteien und/oder Ländern bereitet. Ob sie nun in Verbindung mit der Ligatschow-Tschebrikow- Saikow-Tendenz einen Komplott eingehen, um Gorbatschow von der Spitze der KPdSU zu entfernen oder in eine Position zu bringen, wo er „keinerlei Schaden anrichten" kann, oder nicht, hängt von jedem einzelnen Fall ab.

Die Wahl von Glasnost als dem Indikator der wesentlichen Differenzen innerhalb der sogenannten ,,kommunistischen Weltbewegung" ist weder willkürlich noch einseitig. Es gibt innerhalb der KPen und der herrschenden Anti-Glasnost-Fraktionen kaum Opposition gegenüber der ökonomischen Perestroika, ganz im Gegenteil. Die „konservativen"* KPen haben sich selbst zu ihren begeisterten Anhängern erklärt. Sie wenden sie im übrigen in ihren eigenen Ländern an.3 In gleicher Weise befürworten praktisch alle Anti-Glasnost-KPen die Projekte für eine friedliche Beilegung regionaler Konflikte* in Zusammenarbeit mit dem Imperialismus und sogar die in diesen Projekten implizit enthaltene Einstellung von Hilfe an die Befreiungsbewegungen.* Von daher ist es Glasnost, die sich als die wirkliche Quelle der Spaltung erweist. Wenn man die Partei der Arbeit Albaniens beiseite läßt, deren Fuhrung anfangt, sich vorsichtig gegenüber der EG zu öffnen, so ist die einzige wesentliche Ausnahme die KP Kubas, deren Opposition zu Glasnost mit einer Ablehnung weiterer Kompromisse mit dem Imperialismus und umfänglicher Rückgriffe auf Marktmechanismen einhergeht.

Drei Tendenzen

Vereinfachend könnte man sagen, daß es drei Tendenzen gibt, die in der einen oder anderen Weise behaupten, den Kommunismus zu repräsentieren: die Pro-Gorbatschow-Tendenz, die Glasnost, Perestroika und ..regionale Abkommen" in Zusammenarbeit mit dem Imperialismus akzeptiert; die konservative Tendenz, die .Nein" zu Glasnost, „Ja" zur Perestroika und „Ja" zu regionalen Abkommen" sagt; und die revolutionärmarxistische Tendenz, die für Glasnost ist, aber die Perestroika und die ,,regionalen Abkommen" ablehnt.

Die Tatsache, daß es vor allem Glas- • nost ist, die die sogenannte kommunistische Weltbewegung" spaltet, hat tiefere Wurzeln. Die bürokratisierten nachkapitalistischen Gesellschaften (bürokratisierten Arbeiterstaaten) machen cine außergewöhnlich schwere gesellschaftliche Krise durch. Jeder ist sich dessen bewußt, in diesen Ländern wie im Ausland. Der Bankrott der bürokratischen Diktatur in all ihren Varianten ist offensichtlich. Er geht mit einer nicht weniger schweren moralischen und ideologischen Krise einher. Jeder stellt sich deshalb die Frage: Wie konnte es dazu kommen? Wie kann die Situation verändert werden? Welchen Ausweg gibt es? Ist der Sozialismus gescheitert, wenn nicht, was hat stattdessen Schiffbruch erlitten?

Glasnost ist der Beginn einer freimüti-

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gen und offenen Debatte zu diesen Schlüsselfragen. Dies ist eine unerläßliche Voraussetzung für das Suchen und Finden einer adäquaten Lösung. In dem Maße wie diese Debatte die Natur der Bürokratie selbst in Frage stellt, ihre Macht, ihre Privilegien und ihre wichtigsten ideologischen Triebkräfte, sind alle Fraktionen der Bürokratie gegen eine umfassende Politik von Glasnost. Die Differenzen beziehen sich auf die Einschränkungen, die dieser Debatte über die Ursachen und Heilmittel der Krise auferlegt werden sollen.

Doch gerade das soziopolitische System der bürokratischen Diktatur, wie es tatsächlich in der UdSSR und ähnlichen Gesellschaften funktionierte, und seine Gleichsetzung mit dem Sozialismus waren seit sechzig Jahren die Basis der Identität aller Kommunistischen Parteien in der Welt.

Ein schwerer Schlag

Sicher, diese „cherne Einheit" ist schon mit dem Sieg weiterer sozialistischer Revolutionen (Jugoslawien, China. Kuba, Vietnam, Nicaragua) auf die Probe gestellt worden, die den KPen dieser Länder (und den Sandinisten) eine vom Kreml unabhängige materielle und politische Basis gegeben haben. Sicher, die Entwicklung des „Eurokommunismus" und analoger Phänomene nach der Zerschlagung des Prager Frühlings hat ebenfalls diese Identität erschüttert. Doch im allgemeinen — mit der möglichen Ausnahme der PCI — blieben die UdSSR, der „real existierende Sozialismus", das sozialistische Lager" für die große Mehrheit der Kader der KPen Bezugspunkt, auch wenn diese Bindung kritische Äußerungen, die manchmal sehr scharf waren, nicht ausschloß. Des weiteren haben auch die schärfsten Kritiker• nicht versäumt zu wiederholen, daß alles in allem die KPdSU doch auch Chruschtschow (den XX. Parteitag) und Gorbatschow (Perestroika, Glasnost) hervorgebracht hat.

och nun erteilen die Enthüllunge nd die Dynamik von Glasnost auch de heiligsten Grundlagen dieser Identität schwere Schläge. Es existieren schreckliche Ungerechtigkeiten, Ungleichheiten, soziales Elend sowie schwerwiegende Phänomene von Unterdrückung in der UdSSR. Nicht weniger schreckliche Verbrechen wurden begangen. Glasnost hat den Weg geebnet, um sie bloßzulegen und sie zu bekämpfen. Dies ist für alle KPen ein außerordentlich schwerer Schlag. Ihre Spaltungen beruhen im wesentlichen darauf, wie dies zu verdauen ist.

Die einen versuchen das Beste aus der KRISE DES STALINISMUS

Situation zu machen. Sie hoffen, daß Gorbatschow in der Lage sein wird, eine Verbesserung der Situation in der UdSSR zu erreichen, und sie so aus ihrer mißlichen Lage herausführen wird. Die alte verlorene Legitimität des real existierenden Sozialismus" könnte durch cine neue Legitimität eines im Aufbau befindlichen Sozialismus mit menschlichem Antlitz" ersetzt werden.

Die anderen versuchen stattdessen, die Krise zu leugnen oder sie zu bagatellisicren, um so die Auswirkungen in ihren eigenen Ländern und/oder Parteien, die eine Aufdeckung der Krise und aus die zu ihrer Überwindung zu unternehmenden Anstrengungen hervorrufen würden, zu vermeiden. Zu diesem Zweck betonen sie stark die „positiven Errungenschaften" aus der Stalin- und Breshnew-Ära. Sie sind wütende Gegner schädlicher Enthüllungen. Sie verteidigen weiter allen Widerständen zum Trotz die Mythen vom „real existierenden Sozialismus" und der „unfehlbaren Partei". Von daher ihre erbitterte Feindschaft gegenüber Glasnost.

Aber die Tiefe der Systemkrise, die die UdSSR, Osteuropa, die Volksrepublik China betroffen hat, zu leugnen heißt das Offensichtliche leugnen. Sich ihrer Aufdeckung widersetzen heißt sich einer freimütigen Diskussion über ihre Ursprünge. ihre tiefen Ursachen und die Mittel ihrer Überwindung zu widersetzen. Dies ist ein zum Scheitern bestimmtes Nachhutgefecht, auch wenn dabei vorübergehende Erfolge erzielt werden können, wie es in China mit der blutigen Niederschlagung der Pekinger Kommune der Fall war. Kein Kampf „links gegen rechts"

Dies ist weder ein Kampf der .,Rechten gegen die Linke" noch von .,Revisionisten" gegen „Verteidiger des Marxismus-Leninismus". Keines der beiden Lager, die sich innerhalb der kommunistischen Weltbewegung" gegenüberstehen, ist rechter", „revisionistischer" oder proimperialistischer" als das andere oder umgekehrt …linker"

…orthodoxer marxistisch-leninistisch* oder antiimperialistischer" . Wenn wir zu dieser Schlußfolgerung gelangen, so wenden wir die von Karl Marx für die Politik aufgestellte goldene Regel an: man muß die Leute und die politischen Tendenzen nicht nachdem beurteilen. was sie sagen, und vor allem nicht nachdem. was sie über sich selbst sagen, sondern nachdem, was sie tun. Im Lichte dieses Kriteriums stützt sich das von uns oben gegebene Urteil auf solide Fakten. Die Fraktion von Deng Xiaoping hat nicht einen Tag aufgehört, einschließlich des Tages, an dem das Massaker auf dem Tienanmen-Platz stattfand, eng (auch auf militärischer Ebene) mit dem Imperialismus zusammenzuarbeiten. In der Tat gibt es in China eine Radarstation für den Empfang von aus der UdSSR kommenden Signalen. die von US-Amerikanern und Chinesen gemeinsam betrieben wird. Dieselbe Fraktion hat niemals aufgehört einige der repressivsten proimperialistischen Regime in der .Dritten Welt" zu unterstützen, so wie sie auch das Zia- Regime in Pakistan unterstützt hatte. Sie arbeitet militärisch mit der thailändischen Diktatur zusammen. Sie war in Waffenlieferungen an die Contras in Nicaragua verwickelt. In welcher Beziehung ist ihr Verhalten „antiimperialistischer" als das Gorbatschows und seiner Verbündeten? Das Ceauşescu-Regime in Rumänien ist dasjenige in Osteuropa, das am systematischsten mit dem zionistischen Staat zusammengearbeitet hat. Das Honecker- Regime in der DDR ist das am stärksten in den Gemeinsamen Markt integrierte. Es erhält bedeutende Hilfsgelder vom westdeutschen Imperialismus. Die .Reformer" Ungarns und Polens wären glücklich, erhielten sie eine Hilfe in vergleichbaren Dimensionen.

Ablehnung von Glasnost

Vom Standpunkt des Marxismus ist nichts „orthodox" an der Ablehnung von Glasnost, insbesondere des Streikrechts, der Organisationsfreiheit und vor allem der Freiheit für die Arbeitenden, Gewerkschaften oder andere Selbstverteidigungsorgane zu bilden, oder der Ablehnung der Meinungsfreiheit, des kulturellen Pluralismus und der Freiheit, auf den Straßen zu demonstrieren. Die Gleichsetzung dieser Freiheiten mit der ,,bürgerlichen Demokratie" steht im Gegensatz zu der gesamten marxistischen Tradition in dieser Frage, angefangen mit den deutlichen Aussagen von Marx und Engels selbst.

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Die Demokratie ist bürgerlich, wenn sie dazu dient, die Macht und das Eigentum einer bürgerlichen Klasse zu schützen und zu verteidigen. Es dürfte schwerfallen nachzuweisen, daß der politische Pluralismus und die ideologische Debatte in der UdSSR heute diese Funktion erfüllen. Es dürfte noch schwieriger sein nachzuweisen, daß das Streikrecht und die Gewerkschaftsfreiheit das kapitalistische Eigentum verteidigen.

Die von Ligatschow verfochtene Auffassung, nach der die Existenz mehrerer Parteien mit der bürgerlichen Demokratie gleichzusetzen ist, ist nicht nur eine Revision der von Marx, Engels und Lenin (zumindest bis 1920) eindeutig vertretenen Positionen, sondern auch eine Verdrehung der Geschichte.

War die Pariser Kommune etwa eine bürgerliche Demokratie? Dennoch gab es mehrere Parteien. War das Rußland der Sowjets von 1918 bis 1921 etwa eine bürgerliche Demokratie? Doch existierten auch hier mehrere Parteien, und dies inmitten des Bürgerkriegs. Ist Nicaragua eine bürgerliche Demokratie? Auch hier gibt es einen Parteienpluralismus. Ein lehrreiches Beispiel bietet die Freiheit der Presse. Sie ist bürgerlich, wenn die Bourgeoisie das notwendige Kapital hält, um die Presse und die Medien zu kaufen, zu korrumpieren und zu manipulieren. Da diese Macht niemals unter einem Regime mit Pressefreiheit total ist anders als in einer Diktatur - und die Arbeiterinnen und Arbeiter ebenfalls diese Freiheit genießen können, wenn auch in begrenzter Weise, hat die Arbeiterbewegung ein Interesse an der Verteidigung sogar der Freiheit der bürgerlichen Presse gegen Versuche, diese Freiheit einzuschränken oder abzuschaffen. Wenn jedoch die Bourgeoisie ihre wirtschaftliche und politische Macht verloren hat, wenn die Macht des Kapitals, sich der Druckereien, des Rundfunks und des Fernsehens zu bemächtigen verschwunden ist, hört die Pressefreiheit auf im Dienste der Bourgeoisie zu stehen, um zu einer Freiheit für die Volksmassen zu werden. Es handelt sich dann darum, den Zugang für alle Werktätigen zur Presse und zu den Medien zu sichern, wie Lenin es gefordert hatte. Alle Werktätigen" bedeutet natürlich nicht bloß diejenigen. die sich in der Weise ausdrücken, wie es die Partei" oder irgendeine Institution wünscht. Unter diesen Bedingungen bedeutet die Einschränkung der Pressefreiheit nicht die Unterdrückung der Bourgeoisie. sondern die Unterdrückung des Proletariats und der werktätigen Massen. Der soziale Inhalt von Glasnost wird umso deutlicher, als ihre konservativen Gegner nicht bloß für die Einschränkung oder Abschaffung des politischen Plura- KRISE DES STALINISMUS lismus eintreten und sich nicht nur der Pressefreiheit, der Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit widersetzen. Sie sind auch eindeutig gegen die Gewerkschaftsfreiheit und das Streikrecht. Die Erklärungen von Ligatschow und Tschebrikow sind nicht weniger deutlich. Und auch Fidel Castro zögert nicht zu behaupten, daß die Imperialisten sich an Streiks in der Sowjetunion erfreuen und daß diese somit in gewisser Weise antisozialistisch" sind. ° Wo sind die Kapitalisten, die über die Streiks der sowjetischen Bergleute oder über die Streiks in Polen frohlockt haben? Alle Informationen, die uns zur Verfügung stehen, beweisen eher das Gegenteil.

Stalinisten, Panslawisten und Antimodernisten

Schlimmer noch: die Aktivsten unter den Konservativen in der UdSSR, besonders die berüchtigte Nina Andrejewa, nehmen eindeutig und in aller Öffentlichkeit großrussisch-chauvinistische und antisemitische Positionen ein.? Sind solche Positionen weniger revisionistisch als die Gorbatschows?

Dieser Flügel ist außerdem offen stalinistisch. Er bagatellisiert die Verbrechen Stalins, die großen Säuberungen von 1934-39 und 1945-52 sowie die militärische Unterdrückung der ungarischen Arbeiter 1956*, wenn er sie nicht gar rechtfertigt. Auf dem letzten Kongreß der indischen CPI (M) war ein großes Stalinporträt zu sehen. Eine Gruppe chemaliger stalinistischer Polizisten und Gefängnisaufscher hat einen Film mit dem Titel Stalin ist mit uns" gemacht, um Nina Andrejewa zu unterstützen.?

Der Kongreß des . Vereinigten Rates Rußlands* in Moskau am 8./9. September 1989 brachte Konservative des Apparats, Bewunderer der von Stalin verkörperten starken Autorität" . traditionell antimodernistische und antiwestliche anslawisten und eroiterte antimarxist ne kecne une sogar semaschIste zusammen.1° Diese kennzeichnende Verbindung wurde von Alexander Sinowjew, dem bissigen antisowjetischen Satiriker, in einem bemerkenswerten Interview mit Nouvelles de Moscou (vom 13. August 1989) symbolisiert. Während er seinen Haß auf den Sozialismus und die Demokratie zum Ausdruck brachte, behauptete er gleichzeitig, daß die Epoche Stalins alles in allem „eine große Epoche" gewesen sei. Er beschuldigte auch Gorbatschow, die sowjetische Gesellschaft „verwestlichen" zu wollen. Seine Wünsche weisen in die Richtung eines anderen voluntaristischen, stalinistischen Regimes.

In welcher Beziehung steht dieser abstoßende Cocktail mit der Linken", der „,marxistischen Orthodoxie" oder der „Verteidigung des Sozialismus"*? Positionen der KP Kubas

Die Kommunistische Partei Kubas (PCC) nimmt einen besonderen Platz ein. Bis jetzt hat die kubanische Revolution keinen Grad der Bürokratisierung gekannt, der mit dem der UdSSR, der VR China oder der osteuropäischen Länder vergleichbar wäre. Dies resultiert aus einer besonderen Dialektik zwischen den Ursprüngen dieser Revolution, ihren wichtigsten sozialen Errungenschaften die von jedem Standpunkt aus außerordentlich sind -, der Rolle der kubanischen Führung und ciner fortgesetzten Teilnahme der Massen am Prozeß des Aufbaus einer neuen Gesellschaft, auch wenn das Ausmaß dieser Beteiligung schwankt und auf beschränkte Gebiete begrenzt bleibt. Fidel Castro genießt weiter ein wirkliches Prestige in den Augen der Massen. Des weiteren ist die kubanische Revolution einer ständigen ökkonomischen Aggression seitens der Imperialisten ausgesetzt sowie einer milıtarıschen Bedrohung, die niemals aufgehört hat. Nur die nicaraguanische Revolution befindet sich in einer bedrohlicheren Situation.

Unter diesen Bedingungen ist es mehr als je zuvor die Pflicht der internationalen Arbeiterbewegung und der revolutionăren Marxisten, die kubanische Revolution gegen die Imperialisten und ihre regionalen Agenturen zu verteidigen. Es ist auch erforderlich, den wirtschaftlichen Druck, den Gorbatschow auf die kubanische Führung ausübt, damit sie die regionalen Abkommen" akzeptieren und ihr Wirtschaftssystem teilweise an die Perestroika anpassen, anzuprangern. Dieser Druck ist unakzeptabel, auch wenn er zweifellos nicht bis zu ciner dra-

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KRISE DES STALINISMUS stischen Einstellung der Hilfe gehen wird."

Diese Pflicht wird nicht davon berührt, was man vom Kurs der PCC oder den von der kubanischen Führung unternommenen konkreten Schritten denken mag. Während wir mit einigen ihrer Maßnahmen und Positionen nicht übereinstimmen"', muß betont werden, daß allein die PCC unter den Bestandteilen der sogenannten ,kommunistischen Weltbewegung" ihre Opposition gegenüber Glasnost mit der Verurteilung einer exzessiven Rückkehr zu Marktmechanismen verbindet, einer Verurteilung, mit der wir sympathisieren, auch wenn wir glauben, daß die vorgeschlagene Alternative In eigener Sache: