Interview mit BERNADETTE McALISKEY Zum Jahrebeginn übernahm Sinn Féin auf ihrem Parteitag die Perspektive des Aufbaus einer breiten, antiimperialistischen Front. Eine der ersten konkreten Initiativen, die aus diesem Beschluß resultierten, war, daß die republikanische Bewegung die Vorstellung akzeptierte, eine einheitliche Kandidatur zu den Europawahlen mit einer zentralen Wahlkampagne durchzuführen. Der Vorschlag war, Bernadette McAliskey gegen John Hume aufzustellen, den Führer der bürgerlich-nationalistischen Social Democratic and Labour Party (SDLP). McAliskey führte den letzten EG-Wahlkampf, um die Lage der politischen Gefangenen zu thematisieren, und erzielte ein beachtliches Ergebnis, obwohl Sinn Féin, die damals gegen die Zusammenarbeit mit unabhängigen Kräften war, sich gegen sie stellte. Gerry Foley diskutierte diese Frage mit ihr Ende Februar in Belfast. • Wie ist Deine Haltung zu dem Vorschlag, daß Du als Bündniskandidatin bei den Europawahlen gegen Hume antreten sollst?
• Der ursprüngliche Vorschlag kam von Father Des Wilson, Father Joe McVeigh und einigen anderen antiimperialistischen und Menschenrechtsaktivisten. Ursprünglich lief der Vorschlag auf eine Bündniskandidatur hinaus. Ich glaube, ihre Absicht war, die SDLP zu einer Diskussion zu zwingen.
Meine eigene Meinung zu diesem Vorschlag war, daß die Idee einer gemeinsamen Kandidatur zwischen Sinn Féin und der SDLP nicht nur unrealistisch ist, sondern daß sie auch auf eine Menge ernster grundlegender Probleme stößt. Die republikanische Bewegung nahm dieselbe Haltung ein. Schließlich entwickelte sich die Möglichkeit einer breiten antiimperialistischen Kandidatur bei den Europawahlen.
Trotz anhaltender Diskussionen ist klar, daß innerhalb von Sinn Féin der Willen zur Zusammenarbeit besteht, im Gegensatz zu jenen Tagen, in denen sie die Zustimmung zur Position ,,Unterstützt die Gefangenen, unterstützt den Krieg (gegen England)" zur Bedingung für gemeinsame Demonstrationen machte.
• In diesem Fall sind sie bereit, eine Kandidatin zu unterstützen, die nicht aus ihren Reihen kommt. Bernadette McAliskey IRLAND • Und wie sie dazu bereit sind. Es gab ständig Diskussionen, und ich denke, sie waren wertvoll und tiefgehend. Zum ersten Mal zeichnete sich eine Basis innerhalb von Sinn Fein ab, die intern über die Zusammenarbeit mit Menschen außerhalb der Bewegung diskutieren will. Diese Diskussionen gehen auf unterschiedlichen Wegen weiter. Schon deswegen war es sinnvoll, und sicherlich wird im Ergebnis eine große Mehrheit für diese Entwicklung sichtbar werden. Die Schwierigkeit entsteht bei der Entwicklung der Einheit der antiimperialistischen Kräfte, im Norden wie im Süden Irlands. Ich meine, daß ein Maßstab für die Ernsthaftigkeit von Sinn Féins Bemühungen ihre Bereitschaft zur Ausarbeitung einer umfassenden Strategie für Aktionseinheiten, für grundlegende Einheit in einer Plattform verschiedener Gruppen ist. Das Problem ist das Timing der Vorschläge. Ich glaube für meinen Teil, daß, wenn man dabei ist, an einer Einheit zu arbeiten, ernste Probleme durch Illusionen entstehen, die sich dabei entwickeln. • Welche Illusionen?
• Illusionen über die Erfolgsmöglichkeiten. Wir sprechen hier über eine Wahl, in der eine Bündniskandidatur keine bedeutenden Veränderungen im Stimmverhalten hervorrufen wird. Die Bewegung wird keine Einbrüche in die SDLP-Wählerschaft erreichen, wird an John Humes Position keinen Deut ändern. Ich denke, das ist ein schlechter Start für eine eben flügge gewordene Bündnisbewegung. Die Menschen, die an der Diskussion beteiligt sind, verstehen ganz deutlich, was im Entstehen ist. Die Masse der Leute aber nicht. Ich glaube, daß wir in diesem Stadium des Kampfes sehr vorsichtig sein müssen, daß die Menschen nicht in eine andere Richtung gehen als wir.
• Warum glaubst Du, ist es nicht möglich, Hume Stimmen abzunehmen? • Weil wir uns zwischen der letzten Wahl und dieser in einer Rückzugssituation befanden. Wir bewegen uns auf den Stillstand zu. Sinn Féin wird seine Stimmen halten.
Die Inhalte, die eine breite Einheitsfront auszeichnen, sind vielleicht passiv in den Stimmen für Sinn Féin enthalten. Deswegen scheint mir die Wahl eine schlechte Plattform zu sein, um einen Fortschritt in der Bewegung zu demonstrieren. Ich würde die Einheit lieber in Aktionen sehen, die sich aus kleineren Bereichen entwickeln, bei denen die Menschen ein wenig Fortschritt spüren können, speziell im Süden.
IRLAND • Welche Art von Bereichen?
• Also, es gibt eine Reihe von Themen, bei denen wir auf einer wesentlich einheitlicheren Grundlage mobilisieren können - Auswanderung, Auslieferung. die Wirtschaft im Süden Irlands. • Die Wirtschaft ist kein kleines Thema.
• Richtig, aber ich denke an kleine Gruppen, die dazu aktiv arbeiten. Mit kleinen Bereichen meine ich, kleinere Brötchen zu backen. Die Europawahl füllt drei Wochen lang die Schlagzeilen, aber für was?
• Es gab eine Zeitlang eine Auseinandersetzung in Sinn Féin, ob die SDLP- Stimmen ein eindeutiges Klasseninteresse ausdrücken und deswegen eine • Du siehst keine Möglichkeit, ein oder mehrere Themen aufzugreifen, die cinen Einfluß auf das Wahlverhalten haben?
• Du mußt Dir darüber klar werden, um was es hier geht. Wenn Du an die erste Europawahl zurückdenkst, war es leichter, denn es gab ein einziges Thema: nach außen - in der Öffentlichkeit - ging es um die Gefangenen. Nach innen — in der Bewegung — ging es um das Recht der breiten Bewegung, unabhängig zu sein. Wir sprechen jetzt nicht über ein Thema. Wir sprechen nicht über eine Unstimmigkeit innerhalb der Bewegung über Politik oder Organisation. Wir stimmen alle darin überein, was grundsätzlich gemacht werden müßte. Die Frage ist, ob es von Vorteil ist, das zum jetzigen Zeitpunkt in die Wahlarena zu tragen. Wahlen sind nicht notwendigerweise ein guter denke, ein Teil des Problems ist die Tatsache geworden, daß die Leute die EG- Diskussion nicht mit den Worten beginnen: „Wir sind gegen die EG." Der Kampf richtet sich tatsächlich gegen die Auswirkungen der EG auf die Allgemeinheit.
Wir sind in einer Situation, daß in dieser Europawahl, trotz der Perspektive 1992, Europa kein Thema ist. Die Frage dreht sich ganz einfach um den taktischen Nutzen dieser Wahl.
• Einige revolutionäre Organisationen unterschätzen die Europawahl mit der Behauptung, daß sie keine richtige Wahl wäre.
• Vergiß bitte nicht, daß wir uns hier über ein Europa-Mandat unterhalten, ci- ADAMS)
Organisation der Arbeiterklasse dort keine Einbrüche erzielen kann. • Ich glaube, es ist keine klare Wahl nach Klasseninteressen, auch wenn viele arbeitende Menschen noch immer SDLP wählen.
• Andere sagen, das Problem der SDLP ist ein Problem des Programms, es gibt kein Programm, das der SDLP-Wahlerschaft entgegenkommt. Welche Art von Programm könnte das im Zusammenhang mit den EG-Wahlen sein? • Ich glaube nicht, daß das im Rahmen der EG-Wahlen eine Rolle spielt. Ich meine, die politische Realität bei den derzeitigen Europawahlen ist so, daß weder das Programm noch die Kandidatin etwas wesentliches bewirkt, weil wir in einer Situation sind, in der mit groben Strichen gearbeitet wird.
Maßstab dafür. Aber so würden die Leute es bewerten.
Du könntest darüber hinaus nach den Europawahlen ein ernsthaftes Problem unter den einfachen Republikanern haben, die sagen: „Das hätten wir doch auch alleine erreichen können." • Das Problem ist, daß das, was die Republikaner vorschlagen, keine kurzfristige Aktion, sondern eine Reihe von Diskussionen zu sein scheint. Die Diskussionen sind so angelegt, daß sie ein Programm ergeben, und auf der Basis dieses Programms würde dann eine Allianz entstehen. Siehst Du in den EG- Wahlen irgendwelche Möglichkeiten, um Fortschritte in der Entwicklung die- • ses Programms zu machen? Ist Europa ein Teil des Problems bei diesem Programm, einem neuen Programm für die irische Revolution?
VOTE SIN • Es nicht Teil des Programms, es ist Wir können das mit dem richtigen Prowir nicht unbedingt wegen der Europawahlen machen müssen. Und deshalb glaube ich, daß man die Illusion schüren kann, daß dies während der Europawahlen leistbar wäre. Indem wir uns ein unrealistisches Ziel setzen, könnten wir die Unterstützung für das ganze Konzept verlieren, nicht zuletzt unter den einfachen Anhängern, die sehr pragmatisch sind. • Du hast bereits eine Europawahl verloren?
• Aber ich habe das Thema gewonnen. Das ist das pragmatische Problem. Die Leute sagen: das hat das letzte Mal geklappt. Aber es gibt keinen Grund, daß es diesmal klappt, nur weil es das letztemal gut ging. Die Bedingungen sind ganz andere.
Rolle in der Bewegung. Damit meine ich, daß es keine Auseinandersetzung über die generelle politische Einstellung gegenüber der EG oder grundlegende Vorstellungen darüber gibt, wie sie zu bekämpfen ist.
• Es gibt keine Auseinandersetzung in dem Sinne, daß alle dagegen sind, aber darüber, eine Alternative dazu zu haben, ein paar Argumente mehr anzuführen als „Wir sind gegen die EG, weil sie ein Klub der Reichen ist" oder „Weil sie eine Gefahr für die irische Souveränität ist, deswegen zurück zur irischen Souveränität, zurück zur Ära De Valera"
• Ich meine nicht, daß das die Position ist, die von Sinn Féin vertreten wird. Ich nes, das gegenwärtig von John Hume gehalten wird. Der entscheidende Faktor, der John Hume zum Europaabgeordneten macht, ist nicht seine Haltung zu Europa, zur Agrarpolitik, zur Steuerpolitik oder zu anderen Punkten dieser Art. Er ist Europaabgeordneter, weil er der Führer der SDLP ist. John Hume mag ein politisches Manifest verfassen oder auch nicht. Aber ich kann Dir jetzt schon sagen, wieviele Stimmen er bekommen wird.
• Andererseits, ist nicht ein großer Teil von Humes Stellung seinem Image zu verdanken, das er als international beachteter Staatsmann hat, einer, der seine Meinung im Europaparlament und in Washington nachdrücklich vertritt - die Stimme des Ausgleichs, des internationalen Blicks usw.?
• Genau. Aber ich denke, wir machen einen Fehler, wenn wir versuchen, eine breitere Einheit in unserer Bewegung in einer Wahlkampfarena herzustellen, bevor der Wahlkampf überhaupt begonnen hat. Unabhängig davon, wie korrekt das Programm ist, können wir durch die Beteiligung an den Europawahlen keinen noch so kleinen Vorteil erringen. Es könnte im Gegenteil in einer ernsthaften Niederlage enden.
Eine der Tatsachen, die in die Überlegung miteinbezogen werden müssen, ist die, daß unsere Bewegung begrenzt ist. Nach meiner Überzeugung ist sie durch den Süden der irischen Insel begrenzt, und zwar durch unsere mangelnde Stärke dort, nicht durch die Regierung in Dublin.
Unser größter historischer Fehler war der Süden gewesen. Wir bekommen keinen Zugang zur protestantischen Arbeiterklasse, wenn wir den britischen Imperialismus nicht spürbar schwächen; wir können den Imperialismus nicht spürbar schwächen, wenn wir nicht in einem nennenswerten Teil der Arbeiterklasse Südirlands verankert sind. Wir können diesen Teil der südirischen Arbeiterklasse nicht bewegen, wenn wir nicht den Klassenkampf im Süden aufnehmen.
Mir scheint nun, daß es dieser Bereich ist, in dem wir ein Schwergewicht unserer Energie konzentrieren sollten. Und wir sind in Gefahr, weil wir noch von der Erkenntnis gelähmt sind, nicht in der Lage zu sein, allzuviel ausrichten zu können; wir laufen Gefahr, daß unser Volk auf das falsche Ziel lossteuert. Wir haben sie in der H-Block-Kampagne auf die Straße geholt, und wir haben ihnen vorgeführt, wie vollkommen machtlos sie waren.
Wir konnten die Briten bloßstellen. Mehr konnten wir nicht tun. Wir konnten sie nicht zum Handeln zwingen. Wir konnten Dublin nicht dazu zwingen, irgendwas zu tun, weil wir keine Macht hatten. Wir hattenen Rückhalt in der Industriearbeiterschaft. Wir konnten keinen Streik ausrufen. Wir konnten uns selbst betrügen, mit vereinzelten Ausständen IRLAND hier und da, die vage an cinen Streik erinnerten.
• Du kannst aber auch verlieren, wenn Du Möglichkeiten nicht nutzt. 4 Das Problem bei den Europawahlen ist, daß die Diskussionen noch nicht zum Programm gediehen sind.
• Das wäre natürlich eine sinnlose Übung, wenn es kein Programm gäbe, das die Leute anspricht.
• Genau, aber ich glaube nicht, daß im Zusammenhang mit den Europawahlen die Möglichkeit besteht, das zu erreichen.
• Wie weit kannst Du ein Programm anleiern, wenn Du Kandidatin bist? • Ich habe keinen Zweifel daran, daß ich jedes Programm, das ich wollte, schreiben könnte, wenn ich die Kandidatin für die Europawahl wäre. Ich sehe nicht, daß es Unstimmigkeiten über Grundsatzfragen gäbe, bei denen Sinn Féin fordern würde, daß Passagen gestrichen werden müssen. Aber ich glaube nicht, daß das ein Programm ist.
• Aber wenn es bei den Menschen ankäme? Du weißt selbst, was die republikanische Bewegung historisch darstellt. Die größte Schwäche in den Vorschlägen von Sinn Féin für eine breite antiimperialistische Front scheint der Mangel an jeglichen konkreten Perspektiven zu sein.
• Da sind alle auf der gleichen Stufe. Jede Konferenz, die einberufen wird, enthält genug konfliktträchtige Resolutionsentwürfe für weitere Konferenzen. Das kennzeichnet unseren Entwicklungsstand. Was die Leute nicht fordern, weswegen die Leute nicht zu Konferenzen kommen, ist die konkrete Aktivität. 0 Aber in gewissem Sinne hat die Arbeiterlinke das getan. Was sie vorschlagen, ist ganz eindeutig. Sie schlagen eine Konferenz in den nächsten drei Monaten vor, um eine Demonstration im August 1989 gegen 20 Jahre britischen Truppeneinsatz in Nordirland auf die Beine zu stellen. Das Problem ist nicht, daß sie nicht konkret wären, sondern daß ihre Sicht des Problems zubegrenzt ist, daß sie die Verbindung zwischen ökonomischen Fragen und der nationalen Frage nicht sehen. • Im Rahmen der Realität, die wir diskutieren, wie fangen wir an, die ökonomische Frage im Süden zu behandeln? Soweit ich überblicken kann, gab es auf kei-
IRLAND ner der Konferenzen eine klare Äußerung über dieses schwer zu fassende Programm. Keiner hat es getan. Wenn endlich jemand dieses Programm vorlegen würde, damit alle darüber diskutieren können...
• Jemand muß die Initiative ergreifen. • Niemand hat das Programm.
• Gut, aber es gibt keinen Grund, sich zurückzulehnen und darauf zu warten. Du hast genausoviel Recht dazu, es zu tun, wie irgendjemand anderes - mehr als die meisten. Als Außenstehender weiß ich natürlich nicht, was die Inhalte in einem Wahlkampf gegen Hume sind. Aber was interessant erscheint, wäre die Möglichkeit, Irlands Rolle in der Welt zu diskutieren. Die traditionellen antiimperialistischen Argumente scheinen an Glaubwürdigkeit zu verlie- • Ja, in einem umfassenden Kontext. Aber bei dieser Wahl wird über die Einheit nur im Norden gesprochen. Es gibt beeindruckt, das ankam. Sie haben das lange Zeit verfolgt, und es änderte sich nichts. Und in vielen Bereichen sind sie erbost über die curopäische Einmischung. Sie hat das Leben der Landbevölkerung beeinflußt, der kleinen Bauern und Tagelöhner, die jetzt dafür bezahlt werden, das zu tun, was sie gar nicht wollen - Gärtner zu werden -, sehr zum Ärger der traditionellen Gärtner. Der ganze Bereich der Lebensmittelüberwachung hat ebenfalls eine Anti-EG-Stimmung hervorgerufen.
0 Ein wichtiger Grund ist auch die EG- Konvention gegen den Terrorismus und die europäische Zusammenarbeit gegen die IRA.
• Ja, die Menschen sind sich des curopäischen Einflusses auf den Auslieferungsvertrag im Süden bewußt.
• Aber wenn Europa ein Problem ist, ist es es dann nicht wert, dagegen anzugehen?
• Außer bei der Stimmabgabe steht Eukratischen Weltordnung stellen, in der Platz ist für die Entwicklung der kleinen Nationen.
• Das ist mein größtes Problem mit allen. Die Menschen haben sich an zwanzig Jahre Kampf gewöhnt, sie erwarten weitere zwanzig Jahre Kampf und weitere zwanzig Jahre usw. Nirgends, weder unter der extremen Linken noch unter den anderen dieser Gruppen, scheint man sich darüber im klaren zu sein, wo wir stehen, und die Konsequenzen daraus und aus den Beziehungen zu anderen Völkern zu ziehen. Sie sehen nicht 1992 und nicht die Auswirkungen, die der EG-Binnenmarkt auf sie haben wird.
Geleger it des rickwugen erhovdie union aus Afghanistan wahr, um einen Vergleich mit den britischen Truppen hier zu ziehen. Sie hätten herausstellen können, daß niemand von der sowjetischen Regierung eine Garantie dafür verlangt hat, daß es nach ihrem Abzug sofort Frieden gibt.
Kein Mensch spricht über 1992, darüber, was in der UdSSR passiert und was * keine Forderung nach Bündniskandidaten im Süden, wo Dein letztes Argument sicherlich helfen könnte, um den Durchbruch zu erreichen.
• Wenn Du neue Ideen anbietest, wenn es sonst keiner macht, kann ein Wahlkampf exemplarisch werden und andere Dinge beeinflussen. Es gibt eine Reihe Bündnisse um die Idee eines „Europa der Völker"
Seit der Nachwahl in Govan (Schottland), wo die Scottish National Party den Slogan ,,Nationale Unabhängigkeit innerhalb Europas" propagierte (und gewann), wurde diese Idee zu mehr als einer Forderung. Thatcher antwortete darauf, daß weder sie noch irgendwelche anderen Mitgliedsländer der EG sich mit Separatisten an einen Tisch setzen würden. Das verdeutlichte den wirklichen Charakter der EG als ein Bündnis der imperialistischen Mächte, nicht als eine europäische Vereinigung, die die unterschiedlichen Völker gleichberechtigt miteinbezieht. • Die Mehrheit der irischen Bevölkerung will aus guten, schlechten oder indifferenten Gründen nicht in der EG sein. Sie haben die letzten zehn Jahre keine größeren Vorteile davon gehabt. Und sie erwarten noch weniger von der Zukunft. • Im Süden haben eine Zeitlang ein paar Bauern Vorteile genossen, darüber hinaus kommen EG-Gelder ins Land. • Mag sein, im Süden. Aber im Norden wurden die Menschen nicht von Geld ropa nicht im Zentrum des Wahlkampfes. Am äußersten Rand Europas, wenn der Wahlkampf im Norden vorbei ist, wird, wie bei allen andern Wahlen, ein Stimmungsbild über die internen Probleme entstehen.
• Über interne Probleme in dem Sinne, daß Hume der Moderate ist, der Modernisierer und deswegen am besten geeignet, Irland in der EG zu vertreten. Das ist wirklich intern. Das spiegelt das ganze Problem wider, warum die Menschen weiterhin SDLP wählen. Aber es beeinflußt auch die Art, in der die EG und die Welt zu Irland stehen. • Ich glaube nicht, daß wir das mit dieser Wahl ändern können.
• Sicherlich nicht dieses oder das nächste Mal, daß muß man klar sehen. Es wird zu wenig über Irlands Rolle in der Welt diskutiert. Es scheint, als ob es nur zwei Schemata gäbe; der alte Kämpfer mit den alten Argumenten und die neue Linke, die Irland als Nicaragua oder als Südafrika sieht. Irland ist ein altes europäisches Land, die irische Befreiungsbewegung hat traditionelle Verbindungen in Europa, und es gibt die Frage der Würde der kleinen Nationen in der europäischen Ordnung. Darüber denkt die Linke in Sinn Féin nicht nach, denn wenn sie es täte, würde sie ein Augenmerk auf die Entwicklung der nationalen Bewegungen in der UdSSR richten, die erneut die Frage nach einer demodas für die Abrüstung im Westen, für die NATO bedeutet. Niemand scheint darüber nachzudenken, daß all diese Dinge eine Beziehung zu Irland haben. • Was Sinn Féin nun macht ist das, was wir gehofft hatten, daß sie es nach der H-Block-Kampagne machen würde. Stattdessen hatte sie sich nach dem Hungerstreik fünf Jahre zurückgezogen. Und jetzt ist die marxistische Linke nicht mehr in einer so guten Position, wie sie es vor fünf Jahren gewesen wäre.
• Das ist ein Problem. Ich habe das Gefühl, daß die Menschen für die heutigen Probleme die Lösungen fordern, die sie hätten für die vergangenen fordern sollen. Ich habe dieses Gefühl im Zusammenhang mit den Europawahlen. Im Augenblick bleiben wir standhaft und müssen vorsichtig mit der Taktik umgehen. Und ich denke nicht, daß es eine gute Idee ist, sich während eines Einigungsprozesses an die vorderste Front zu begeben, wo man Angriffen ausgesetzt ist und die Einigung noch nicht erprobt ist, wenn man nicht weiß, ob es klappt. *
MEXIKO » Wır brauchen die nationale Alternative einer alternativen Nation"
Interview mit SERGIO RODRIGUEZ Dem von einer „cardenistischen Welle" (siehe Inprekorr, Nr.207 und 213) geprägten politischen Aufbruch in Mexiko folgen soziale Mobilisierungen, wie sie das Land seit 1968 nicht mehr erlebt hat. Vor dem Hintergrund eines Streiks der Lehrer und des Erziehungspersonals, deren Gewerkschaft die größte Lateinamerikas ist, sprach Josef Lang anfang Mai mit Sergio Rodriguez, Leitungsmitglied der Revolutionären Arbeiterpartei (PRT), der mexikanischen Sektion der IV. Internationale. • Der gestrige 1.Mai unterschied sich von den letztjährigen. Die offiziellen Gewerkschaften mobilisierten viel weniger, die unabhängigen bedeutend mehr Demonstranten als früher. Welche Bilanz ziehst Du?
• Der 1. Mai dieses Jahres war der erste seit Jahrzehnten, der vor einem Präsidenten ablief, der von einem wichtigen Teil der Arbeiterinnen und Arbeiter nicht anerkannt wird. Zudem fand er vor dem Hintergrund des wichtigsten Streiks seit 1975, bei dem die Elektriker erfolglos gekämpft hatten, statt. Die Kontrollmechanismen der Gewerkschaftsbürokratie sind schwächer geworden. Darum mußten sie erstmals zum Mittel des organisierten Ausschlusses von ganzen Gewerkschaften und vielen Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern greifen. 40.000 Polizisten und Militärs sorgten - oft mit brutaler Entschlossenheit - dafür, daß nur jene Arbeiter am desfile rund um den Zocalo vor dem Nationalpalast teilnehmen konnten, die ein boleto, einen selektiv verteilten Zettel, vorweisen konnten. Tatsächlich gab es deswegen weniger Proteste als in den letzten Jahren, aber die Anzahl der Mitmarschierenden war viel kleiner. So fehlten die Elektriker- und Lehrergewerkschaften vollständig, die Telefonistinnen überwiegend sowie etliche Verbände des Staatspersonals. Die Politik der Gewerkschaftsbürokratie, der charros, wie wir sie in Mexiko nennen, widerspricht der allgemeinen Politik Salinas'. Während er beispielsweise in der Bauernbewegung alle Kräfte - auch uns - zu integrieren versucht, stützt er in der Gewerkschaftsbewegung eine Ausschlußpolitik mit einem Riesenaufgebot an Repressionskräften. Dabei ist ihm der Schuß gründlich hinten nach hinten los gegangen, mobilisierten doch die unabhängigen Kräfte erstmals in der Geschichte annähernd so viele Arbeiterinnen und Arbeiter wie die Bürokraten. Viele Gewerkschafter, die am desfile teilgenommen hatten, schlossen sich nachzu gehen.
Zusammengefaßt verstanden es zwar die Bürokratie und der Staatsapparat, Proteste im offiziellen Umzug zu verhindern, aber um den Preis einer Stärkung der unabhängigen Kräfte. Der 1.Mai drückt damit die allgemeine Situation aus, daß die Regierung zwar einen offenen Ausbruch der Krise zu verhindern weiß, aber den sozialen Autonomieprozeß nicht zu stoppen vermag.
• Welche Rolle spielte der Cardenismus am 1.Mai?
• Als Initiator und Organisator hat der Cardenismus keine Rolle gespielt. Ein Grund dafür ist die Tatsache, daß Cárdenas mit einem Teil der mittleren Gewerkschaftsbürokratie verbunden ist und einer Konfrontation mit dieser ausweicht. Dazu kommt, daß Cárdenas noch keine Politik gegenüber den Gewerkschaften definiert hat - unter anderem weil es im Cardenismus viele Linien gibt. Die große Mehrheit der Unabhängigen und eine wichtige Minderheit der Teilnehmer des desfile fühlt sich als Cardenisten, auch weil Cárdenas selber den Lehrerstreik aktiv unterstützt.
• Am 10.April, dem 70.Todestag des Bauernführers Emiliano Zapata, hörte ich die Rede des Präsidenten Salinas de Gortari anläßlich der Gedenkfeier in Cuautla. Dessen Ausführungen erschienen mir nicht nur paternalistisch und unverbindlich, sondern auch recht offen und pluralistisch. Vor allem die vorausgegangene Rede unseres Genossen und Bauernführers Margarito Montes Parra nahm er sehr ernst. Was steckt hinter dieser demokratischen Offenheit?
• Das vorherrschende Merkmal der bisherigen Politik ist die verzweifelte und beharrliche Suche nach Legitimität, um den offensichtlichen Wahlbetrug vom 6.Juli wettzumachen. Dabei steckt er in einem tiefen Widerspruch, weil der ökonomische und soziale Spielraum sehr klein ist. So versucht er auf politischer Ebene Punkte zu sammeln, indem er sich möglichst demokratisch gibt. Das ist völlig neu für Mexiko, wo die Präsidenten zum Autoritarismus und zur Repression neigten. Mit seiner política de concertación, seiner sich auf Gorbatschow berufenden Verständnislinie, konnte er dem Cardenismus etliche Intellektuelle abspenstig machen, zum Beispiel Elena Spaltung des Cardenismus.
Und drittens versuchte Salinas sofort die gefährlichsten und wichtigsten Bewegungen zu entschärfen und zu integrieren. In der mexikanischen Bauernschaft herrscht eine höchst explosive Stimmung. Die große Mehrheit stimmte am 6.Juli 1988 für Cárdenas. Deshalb kam Salinas allen Organisationen - auch den unabhängigen von uns aufgebauten - mit der Bildung eines Congreso Agrario Permanente entgegen. Das Ziel des Staates ist es, die autonomen Kräfte in eine gemeinsame Logik der Entwicklung der ländlichen Produktivität, die seit Jahren stagniert, einzubinden und dem Cardenismus die Hegemonie zu entreißen. Da die unabhängigen Kräfte eine Modernisierung des Landes grundsätzlich befürworten und da sie mit ihrer millionenfachen Stärke für die Regierung ein schwer ver-
daulicher Brocken sind, ist deren Offenheit für sie nicht ungefährlich. Hinsichtlich der Wahlfrage will Salinas mit einem neuen Gesetz der Opposition den Wind aus den Segeln nehmen. Mit dem Versprechen besserer Kontrollmechanismen will er die Parteien stärker integrieren. Dabei ist zu bemerken, daß die Macht über den Staatsapparat auch so viele Betrugsmöglichkeiten offenläßt. In diesem Zusammenhang ist beispielsweise auch eine Legalisierung der PRT möglich. Wie Dir aufgefallen ist, wurden wir am 1.Mai relativ schonungsvoll behandelt.
Am wichtigsten vom publizistischen Echo her gesehen sind die Verhaftung von Gewerkschafts-Mafiosi wie Quina (Öl-Gewerkschaft), des Unternehmer- Gangsters Legorreta oder des Drogenhändlers Gallardo. Es gibt Leute, die behaupten, daß in Mexiko die transición, der politische Übergang, funktioniert, ohne daß wie beispielsweise in Spanien oder Brasilien ein Regimewechsel stattfindet, unter anderem weil es Salinas gelungen sei, die Radikalität nach dem 6.Juli aufzufangen.
gebremst wurde, bekommt die Regierung keine spontante Unterstützung aus dem Volk. Die populären Schläge gegen die Gewerkschaftsbürokratie haben den Nachteil, daß sie die Kontrollmechanismen schwächen und die Demokratie- und Autonomie-Prozesse ermuntern. Davor hat die Regierung berechtigterweise große Angst, was erklärt, daß sie die gestürzten Bosse durch Schützlinge von oben her ersetzte.
Diese Politik und ihre Folgen erklären, daß im Land ein unstabiles Gleichgewicht herrscht. So gibt es neben sozialen Explosionen wie dem Lehrerstreik Verständnis-„Lösungen" wie der Congreso Agrario Permanente. Allerdings stecken die Volksbewegungen in einer besseren Situation, weil sie sich im Aufstieg befinden. So kann der mögliche Sturz der Bürokratie der Gewerkschaft, die mit 1,2 Millionen Mitgliedern die größte Organisation Lateinamerikas ist, die Kräfteverhältnisse drastisch ändern.
Zusammengefaßt hat sich für die Regierung die soziale Situation verschlechtert, aber in bezug auf Wahlen verbessert. In den letzten Wahlen hat sie besser abgeschnitten als am 6.Juli - vor allem dank der hohen Stimmenenthaltung. Diese hängt damit zusammen, daß die Wahlen nach dem Riesenbetrug an Bedeutung wieder verloren haben. Die Leute erhoffen sich einen Wechsel wieder eher auf der gesellschaftlichen Ebene mit den sozialen Kämpfen, wo wir bekanntlich stark präsent sind. • Welche Folgen hat die von PRI-Anhängern „salinastroika" genannte Offensive im Cardenismus? Wie reagiert Cárdenas darauf?
• Salinas vermochte die Parteien, die früher seine loyale Opposition waren, sich dann mit Cárdenas zusammenschlossen und dank dem viele Parlamentssitze eroberten, wieder in sein Schlepptau zu bringen. Diese Parteien wie die Partido Popular Socialista (PPS), die die Gewerkschaftsmafia verteidigte, die Partido Auténtico de la Revolución Mexicana (PARM) und vor allem die Partido del Salinas de Gortari
Frente Cardenista de Reconstrucción Nacional (PFCRN), die gemeinsam mit Linkskräften die Frente Nacional Democrático (FND) gebildet hatten, erhalten von der PRI seit jeher Pfründe und soziale Zugeständnisse, die sie den Massen als Errungenschaften verkaufen können. Der Preis, den sie dafür bezahlen, ist Abhängigkeit und Loyalität. Cárdenas reagierte auf die Schwenker seiner Bündnispartner, indem er im März mit dem sofortigen Bruch drohte, was zum Ende der FND führte. Cárdenas ist zur radikalen Ablehung der Salinas-Regierung verurteilt, weil die Anerkennung ihrer Legitimität seine Identität und Existenz zerstören würde. Cárdenas ging so weit, daß er öffentlich erklärte, er ziehe Bündnispartner, die sich nicht als Cardenisten verstehen, aber die PRI-Regierung konsequent bekämpften, jenen vor, die sich als Cardenisten ausgeben und gleichzeitig Brücken zur PRI aufbauten. Mit jener Kraft konnte er nur unsere Partei, die PRT. gemeint haben.
› Aufgrund der Presseorgane und von •Ilmen der offiziellen Cardenisten unc aufgrund von Gesprächen mit Kadern der neuen Cárdenas-Partei Partido de la Revolución Democrática (PRD) ist mir aufgefallen, daß diese der PRT gegenüber sehr offen sind.
• Diese Offenheit hängt mit dem discurso rupturista, der Logik des Bruchs, den wir beide führen, zusammen. Nächste Woche werden PRD und PRT gemeinsam eine Minimalplattform veröffentlichen gegen die Legitimität der Regierung und für die wichtigsten nationalen, demokratischen und sozialen Forderungen.
• Die wichtiste Herausforderung, mit der die Regierung konfrontiert ist, ist der Lehrerstreik. Welche gewerkschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung hat diese Bewegung?
• Der Lehrerstreik bestätigt, daß der 6. Juli nicht nur den Wunsch nach einem Regierungswechsel, sondern nach einem cambio general, nach einer allgemeinen Veränderung, ausdrückte. Daß diese Stimmung sich im Erziehungswesen am stärksten ausdrückt, hat unter anderem damit zu tun, daß die Linke in der besagten Gewerkschaft relativ stark ist und einzelne Sektionen, wo die Bürokratien gestürzt werden konnten, beherrscht — wie Chiappas, wo wir führen, und Oaxaca, wo es ein Linksbündnis tut.
Die Bewegung, die eine hundertprozentige Lohnerhöhung und die Demokratisierung der Gewerkschaft verlangt, funktionierte von Anfang an sehr basisund öffentlichkeitsorientiert. Als die demokratisch gewählte Verhandlungsdelegation mit dem Erziehungsminister Bartlett verhandelte, gab dieser bekannt: „Sie verlassen diesen Raum erst, wenn das Abkommen unterschrieben ist." Eine solche Gefangennahme der Delegierten ist in Mexiko üblich. Die abgeordneten Lehrerinnen und Lehrer lehnten das mit dem Argument ab, sie müßten die Basis konsultieren. Diese half ihnen dabei, indem sie das Verhandlungsgebäude umlagerte.
Die Speerspitze der Bewegung bildet die Lehrerschaft aus Chiappas und Oaxaca, die mit den Indiogemeinschaften eng verbunden ist und von diesen aktiv unterstützt wird. Überhaupt bilden die Lehrerinnen und Lehrer im antiklerikalen Mexiko die organischen Intellektuellen, die die Gewerkschaft mit der Bevölkerung verbinden. Diese Verankerung erklärt, daß die Riesenkampagne der Mas-
senmedien wenig Wirkung zeigt. Gemäß dem Slogan Auch ohne Schulstunden werden Lektionen erteilt" bedeutet der Lehrerstreik in zweifacher Hinsicht ein wichtiges Vorbild für die gesamte Gewerkschaftsbewegung. Der Sturz des Gewerkschaftsbosses Jonguitud zeigte, wie man die Organisationen demokratisiert. Das bisherige Zugeständnis einer Lohnerhöhung von 25% bewies, daß sich der Kampf bezahlt macht. In Mexiko ist das etwas Neues. So endete der bisher größte Streik, der der Elektriker von 1975, in einer Niederlage. • Welche Rolle spielen die politischen Parteien in der Lohnbewegung? • Im Streik spielen zwei Kräfte eine aktive Rolle. Die PRT und die OIR-LM (Organisation der revolutionären Linken/Massenlinie) , die maoistischen Ursprungs ist. Diese ist gespalten in eine Tendenz, die die Konzertation mit Salinas sucht, und eine, die sich der PRD anschließen will. Die PMS, deren Hauptkern die aufgelöste KP ist, hatte großen Einfluß in der Gewerkschaft. Aber wegen ihrer Spaltung im Zusammenhang mit dem Cardenismus ist sie völlig gelähmt. Die große Mehrheit der Streikenden empfindet sich als cardenistisch. Allerdings ist die PRD als Organisation nicht prä- • Mit der Ausnahme der PRT integrierte sich die gesamte mexikanische Linke - eingeschlossen ehemalige Genossinnen und Genossen der PRT - in die PRD. Seitdem ist zwar wenig Zeit vergangen, aber es ist viel geschehen. Kannst Du eine erste Bilanz ziehen? • Eine der Grundlagen der Linken für diese Entscheidung war die Hoffnung, die PRD werde „die Partei der fünf Millionen". Unsere Genossinnen und Genossen der MAS (Movimiento al Socialismo) gingen davon aus, daß der Radikalisierungsprozeß über diese Organisation verlaufen werde, daß die PRD zwar eine pluralistische Partei sei, sich aber in Richtung Sozialismus entwickele, wie seinerzeit die kubanische „Bewegung des 26.Juli"
Dieser Vergleich hinkt völlig, vor allem weil die PRD eine elektoralistische Kraft ist, die Urnen erobern, aber keine Moncada-Kaserne erstürmen will. Andere, vor allem die Revolutionäre Nationale Bürgerunion (ACNR), machen sich diese Hoffnung nicht, befürworten aber einen Beitritt im Sinne des Entrismus, weil sich in der PRD eine Avantgarde sammele.
Völlig anders sieht es bei der PMS (Partido Mexicano Socialista). einem Zusammenschluß der KP mit anderen Kräften, aus. Die Mehrheit will mit cinem Beitritt zur PRD den alten stalinistischen Traum einer Volksfrontpartei mit gradualistischer Ausrichtung, in der die KP das organisatorische Rückgrat bildet, verwirklichen.
Neben dieser Mehrheits-Strömung gibt es eine KP-Minderheit, die gegen einen Beitritt ist, weil sie die sozialistische Identität und die organisatorische Autonomie beibehalten will. Eine andere Tendenz, die vor allem aus Intellektuellen besteht und in den Massenmedien ein großes Gewicht hat, sucht die Zusammenarbeit mit Salinas, was dessen Anerkennung als Präsident bedeutet, um mit diesem den demokratischen Übergang" zu schaffen. Eine weitere Strömung maoistischen und guevaristischen Ursprungs will in der PRD einen radikalen Pol bilden. Auch wenn die PMS durch die Zersplitterung geschwächt ist, hat sie gegenüber uns den Vorteil der legalen Registrierung, den sie voll ausspielt, indem sie z.B. ihr Register der PRD zur Verfügung stellt.
Die PRD ist so etwas wie ein Dach über verschiedenen organisierten Strömüngen mit unterschiedlichen Projekten. Die einzigen, die sich nicht als solche konstituiert haben, sind unsere Ex-Genossen, die eher die Rolle von Cárdenas- Beratern spielen und den Sozialismus vergessen haben.
Der Prozeß erwies sich als viel komplexer, als es sich die Linke vorgestellt hat. Die PRD zählt heute weniger als 100.000 Mitglieder. Die meisten kommen aus der Linken, die Führung stammt aus der PRI. Vor allem aber übersetzt sich der Kampf auf Wahlebene nicht in militantes Engagement - beispielsweise in sozialen Bewegungen.
• Und wie sieht es für die PRT aus? • Die cardenistische Welle und der Austritt einer Reihe bekannter Genossen hat uns ins Schleudern gebracht. Das Abebben dieser Welle und vor allem der Aufstieg der sozialen Massenkämpfe, in denen wir eine wichtige Rolle spielen, haben das Bild wieder geändert. In diesen Bewegungen, aber auch auf politischer Ebene, hat sich eine Einheitsfrontpolitik in der Praxis eingespielt. Damit wiederholt sich, was vor dem 6.Juli üblich war. Die große Mehrheit der PRD-Mitglieder ist gewohnt, mit der PRT zusammenzuarbeiten. Und das macht sie jetzt weiter — vor allem in den Bewegungen. Cárdenas' ursprüngliches Projekt war es, cardenistische Massenorganisationen zu gründen. Da er in dieser Hinsicht nicht um die PRT herumkommt, mußte er sein Ziel ändern. Wir arbeiten jetzt gemeinsam am Aufbau autonomer und einheitlicher Massenorganisationen — beispielsweise in der Bauernschaft. Typischerweise kommt der Widerstand gegen eine Zusammenarbeit mit der PRT nicht aus der Cárdenas-Strömung, sondern vor allem aus den Reihen der PMS und der MAS. Ihre Basis ist sich des Eintritts nicht so sicher. Die Fähigkeit der PRT, eine eigenständige Rolle zu spielen und gleichzeitig mit dem Cardenismus zusammenzuarbeiten, macht unsere Entscheidung glaubwürdiger und verunsichert ihre Basis. Tatsächlich haben wir mit unserer Autonomie, unserer sozialistischen Kohärenz und dank unseres Gewichts in den Massenbewegungen und vor allem dank dieser selbst einen größeren Einfluß auf den Cardenismus, als wenn wir drin wären. Allerdings liefe es ohne unsere soziale Verankerung aufs gleiche hinaus, ob wir draußen bleiben oder hinein gingen.
Heute gibt es in der PRT keine Zweifel mehr, daß es richtig war, der PRD nicht beizutreten. Was die Zusammenarbeit betrifft, gibt es drei Haltungen. Einige wenige sind gegen ein Bündnis mit der PRD. Andere suchen eine Allianz auf Wahlebene, wieder andere auf sozialer Ebene. Ich vertrete letzteres und bin für eine äußerst offene und sehr aktive Haltung gegenüber der PRD.
Bezeichnenderweise ist Cárdenas uns gegenüber viel offener als die besagte Linke. Er respektiert, daß wir ein anderes Projekt verfolgen, womit er gleichzeitig, ausdrückt, daß die anderen Linken ihr eigenes zugunsten des Cardenismus auf-
MEXIKO gegeben haben. Zudem kann er in der taktischen Gründen der PRD beigetreten Trotzkis .Die Kritik Trotzkis im ersten Zusammenarbeit mit uns, seine Logik sind. Natürlich werden wir mit ihnen Jahrzehnt des Jahrhunderts am bolscheeines Bruchs unterstreichen. Sicher spielt diese Entscheidung diskutieren. Aber es wistischen Avangardismus müssen wir das persönliche Element, daß sein Vater ist nicht das Hauptthema der gemeinsa- ernster nehmen. Die Bolschewiki spra- Lázaro Cárdenas Leo Trotzki Exil ge- men Debatte. Die praktischen Erfahrun- chen damals im Namen der Arbeiterwährt und dessen Ermordung durch die gen werden lehrreicher sein. Sie rechtfer- klasse und hatten wenig Gespür für den GPU scharf verurteilt hatte, auch eine tigen ihren Beitritt zur PRD mit den zen- Selbstorganisierungsprozeß. Sie bemühpositive Rolle. tralamerikanischen Erfahrungen und dem ten sich zu wenig. in der Bewegung zu Beispiel der FSLN und der FDR/FMLN, sein und verpaßten deshalb fast die Revo- • Wie steht es nach dem Übertritt der die die Zusammenarbeit mit der bürgerli- lution von 1905 - im Unterschied zu Mehrheit der radikalen Linken in die chen Opposition suchten bzw. suchen. Trotzki, der in der Rätebewegung PRD mit eurem Projekt einer Partei der Uns ist auch klar, daß ein Bündnis — und schwamm wie der Fisch im Wasser. Revolutionäre? zwar mehr als nur ein konjunkturelles — Ähnliche Fehler wie damals die Bolmit Teilen des Bürgertums unausweich- schewiki machten wir in den letzten Jah- • Noch vor anderthalb Jahren gruppierte lich ist, um zu siegen. Darum finden wir ren. Wir sahen uns vorrangig im Verhältsich die revolutionäre Linke um die Kan- ein Bündnis mit Cárdenas sehr wichtig. nis zur restlichen Linken und zu wenig im didatur von Rosario Ibarra, und der Zu- Entscheidend aber ist die autonome Kraft Zusammenhang mit den Massenbewesammenschluß vor allem mit der OIR- der Revolutionäre in einem solchen gungen. Dies hatte zwei negative Folgen. LM war eine konkrete Perspektive. Auf- Bündnis. Erstens überschätzten wir unseren gesellgrund der neuen Lage sind die augen- schaftlichen Einfluß, weil wir die initiablicklichen Chancen für eine Fusion sehr • Um auf den riesigen Druck seitens tivste Kraft der Linken waren und es keiklein. Trotzdem halten wir am Ziel einer des Cardenismus und auf die Gefahr nen Kampf gab, für den wir nicht „mit- Partei der Revolutionäre fest. Wir gehen der Isolierung zu antworten, betonst schuldig" waren. Zudem gaben wir der davon aus, daß viele Genossinnen und Du in Deinem Textentwurf für Euren sozialen Verankerungsarbeit, der syste- Genossen und etliche Organisationen von Kongreß, die Partei müsse lernen, „po- matischen Intervention in den Massenbeder PRD enttäuscht werden und ihren litisch zu denken und gesellschaftlich wegungen ein zu kleines Gewicht. Beitritt überdenken müssen. Wir führen zu handeln". Zudem kritisierst Du die Gleichzeitig machten wir keine klare die Zusammenarbeit auf zwei Ebenen »avantgardistische Sicht des Parteiauf- Unterscheidung zwischen dem radikalen weiter: erstens mit dem Aufbau einer baus". Was heißt all das konkret? In Bewußtsein der revolutionären Linken Einheitsfront in den Massenkämpfen; welchem Sinne muß die PRT einen und dem nationalistischen Bewußtsein Kurswechsel durchführen, um in der der Massen. Theoretisch war uns zwar meinsamen Diskussionsrahmens — neuen Situation bestehen zu können? klar, daß sich der Nationalismus nicht in spielsweise über eine breit abgestützte einem Salto mortale zum Klassenbewußt- Zeitschrift. • Die von Dir zitierten Aussagen sind die sein fortentwickelt. In der Praxis aber Am leichtesten und fruchtbarsten sind Frucht unserer Erfahrungen, aber auch setzten wir eher auf eine klassenmäßige Zusammenarbeit und Diskussion mit je- historischer Überlegungen im Zusam- Radikalisierung nach dem Vorbild der nen Genossinnen und Genossen, die aus menhang mit Pierre Broués Biographie brasilianischen Arbeiterpartei (PT) als BPR BLOQUE POPULAR REVULUCIONARIO
DEMOCRACIA
FORTALECE LALLUCHA y VIVIENDA VoTa
BIEN PAT
XMOVI
auf eine Radikalisierung des Nationalismus, wie das jetzt passiert. Diese Fehleinschätzung verstärkte unsere Uberraschung und Verunsicherung angesichts der cardenistischen Welle.
In der neuen Situation wird die Aktionseinheit mit dem Cardenismus und den Massenbewegungen viel wichtiger als das Ergreifen politischer Initiativen, was unser bisheriges Hauptgewicht war. Der Selbstaufbau der Partei verliert an Gewicht gegenüber unserer Verankerung im antiimperialistischen Massenbewußtsein. Wir müssen mit den Massen ihre Erfahrungen im laufenden Prozeß des revolutionären Nationalismus teilen. Damit tun wir das Gegenteil dessen, was Trotzki später sagte: „Politisch handeln und gesellschaftlich denken". Wenn wir dieser avantgardistischen Losung folgen, trennen wir uns vom Selbstorganisicrungsprozeß der Massen - wie die Bolschewiki 1905.
• In Deinem Entwurf für den PRT- Kongreß forderst Du weiter Korrekturen zugunsten der „demokratischen und nationalen Aufgaben als grundsätzliche Triebkräfte des revolutionären Prozesses" • Habt ihr die nationale Frage unterschätzt? Welche Änderungen schlägst Du vor?
• Auf der theoretischen Ebene haben wir die Brisanz der nationalen Frage gut erfaßt. Dabei half uns auch Trotzki, der betonte, die mexikanischen Revolutionäre müßten das Erbe Emiliano Zapatas aufnehmen und weiterführen. Unsere Fehler liegen auf der praktischen Ebene. Dabei ist zu bedenken, daß die PRI das Erbe der mexikanischen Revolution auch den vom PRI-Vorläufer Obregón ermordeten Zapata - vereinnahmt hat und damit den Zugang zur nationalen Frage erschwert. In Nicaragua hat Somoza der FSLN Sandino nicht streitig gemacht. Der Cardenismus, der das nationale Gefühl ausdrückt, macht es noch schwieriger, aber auch' dringlicher für uns.
Von 1981 bis 1984, in Jahren eines starken Parteiwachstums, setzten wir auf eine „proletarische Lösung" , privilegierten wir den sozialen gegenüber dem nationalen Kampf. Vor allem die Tatsache, daß ganze Indio-Gemeinschaften den Eintritt in unsere Partei verlangten, zwang uns, die besagte Linie zu korrigieren. Wir schufen die Losung ,,Für eine national-demokratische und populäre Lösung" der Probleme Mexikos. Demnach ist es wichtig, eine Lösung außerhalb des Staates zu finden. Dabei ist das Proletariat der „Caudillo der Nation" in ihrem populären - und nicht bloß proletarischen - Kampf.
• Kannst Du dich konkreter ausdrükken?
• Das nationale Gefühl in Mexiko ist äußerst radikal. Als Mexiko entstand, raubten ihm die USA die Hälfte seines MEXIKO
Territoriums, was Karl Marx in einer schweren Fehleinschätzung als fortschrittlich begrüßt hatte. Jede Familie hat einen diskriminierten Angehörigen in den USA. Zudem besitzt Mexiko mit seiner präkolumbianischen Geschichte, dem Kolonialismus, den Unabhängigkeitskriegen und der Revolution von 1910 bis 1917 eine starke Identität.
Wir müssen endgültig Abschied nehmen vom Verdacht, das Nationalbewußtsein sei ein falsches Bewußtsein, ein Abweg vom Klassenbewußtsein. Unsere diesbezügliche Hauptdifferenz zum Cardenismus liegt nicht im Inhalt, sondern in der Methode. Die PRD ist nicht wegen ihrer Forderungen, sondern wegen ihres Weges reformistisch. Beispielsweise müssen wir den Kampf für soziale Forderungen wie Lohnerhöhungen mit der Nichtbezahlung der Auslandschuld und der Verteidigung der nationalen Souverănität verbinden.
• Aber in einer unterdrückten Nation ist es nicht nur die Aufgabe der Revolutionäre, diese zu verteidigen, sondern sie aufzubauen - kulturell, politisch, wirtschaftlich.
4 Der Kampf für die Revolution ist auch ein Kampf für die kulturelle Hegemonie. Diese unumstrittene Aussage wird oft mißverstanden als Hegemonie des Marxismus. Aber es bedeutet viel mehr. Es ist unsere Aufgabe, die Kultur und Geschichte der mexikanischen Nation zu beerben, sie der PRI und ihrem Staat zu entreißen. Unser Projekt muß mehr enthalten als „bloß" eine sozialistische Ge-