Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Die Internationale: Ein Gigant erwacht

Inprekorr Nr. 215, Mai 1989 · S. 19-26 · 6.109 Wörter

Gewerkschaften und Streiks Japan und Korea USA und Kanada

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Südkorea — ein Produkt des Kalten Krieges und hervor- kosmetik bemüht.

gegangen aus einem der blutigsten Interventionskriege Zeitgleich findet in großbürgerlichen Kreisen eine des US-Imperialismus; Auseinandersetzung darüber statt, wie die Exportoffen- - ein Land, das in den 70er Jahren einen enormen in- sive vorangetrieben und die Abhängigkeit von den Märkdustriellen Aufschwung erlebt hat, auf Kosten einer bru- ten der USA und Japans verringert werden kann. talen Ausbeutung und Unterdrückung der arbeitenden Schließlich ist eine vor allem von Studenten getragene Bevölkerung; Bewegung für die nationale Wiedervereinigung auf den — ein Land, in dem der Militärstiefel bis jetzt noch jede Plan getreten, die ein Bewußtsein dafür schafft, daß die oppositionelle Regung zermalmt hat und Aufstände re- nationale Teilung eine der Ursachen für die jahrzehntegelmäßig in Blut ertränkt wurden. lange Militärdiktatur darstellt.

Dieses Land, dem nach den Plänen der USA in der Ahnlich wie in Brasilien und in Südafrika ist die Arbei- Neuordnung der internationalen kapitalistischen Arbeits- terbewegung in Südkorea dabei, sich gewerkschaftlich teilung eine Schlüsselrolle zukommt, befindet sich heute und in absehbarer Zeit wohl auch politisch - zu einem in einem tiefgreifenden Umbruch. Es hat eine Arbeiter- neuen Koloß zu formieren. Die junge südkoreanische klasse herangebildet, die nicht nur numerisch zu einem Gewerkschaftsbewegung ist radikal antiimperialistisch, bedeutenden Faktor geworden ist, sondern auch begon- antidiktatorisch und antikapitalistisch. Ihre Erfolge nen hat, im Kräfteverhältnis zwischen den Klassen ihr schwächen den US-Imperialismus in einer entscheiden- Gewicht in die Waagschale zu werfen. den Region der Welt, zu einem Zeitpunkt, wo dieser eher Die große Streikwelle 1987 hat erheblich dazu beige- an eine Reduzierung seiner Präsenz dort denkt. Gleichtragen, daß sich ein politischer Raum für die Außerung zeitig nimmt die Bedeutung Südkoreas als Handelspartzweier bürgerlicher Oppositionsparteien aufgetan hat, ner und Investitionsland auch für die BRD zu. Alles was letzten Endes dazu führte, daß Direktwahlen für das Gründe für Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter Amt des Staatspräsidenten angesetzt und Neuwahlen aus- hierzulande, sich näher mit dieser Entwicklung zu befasgeschrieben werden mußten und daß eine neue Verfas- sen und das Netz der internationalen Solidarität enger zu sung verabschiedet wurde, die sich um etwas Reform- knüpfen.

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die Internationale

Korea im Umbruch:

verändernde Lage einstellen wird. Diese Veränderungen verlangen eine größere Öffnung des koreanischen Kapitals und der Wareneine neue Phase ie wirtschaftliche und militärische D Unterordnung Südkoreas unter eine sich wandelnde US-Strategie ist heute stärker als je zuvor.

Die USA haben in den letzten acht Jahren enorme Geldmittel in die militärische Aufrüstung gesteckt. um die Grundlagen für eine «globale Ollensive" gegen den sozialistischen Block zu schaffen. Doch die Politik, die UdSSR in die Knie zwingen zu wollen, ist gescheitert. Statt dessen haben die enormen Militärausgaben zu einer sich verschärfenden finanziellen Desintegration geführt: die industrielle Wettbewerbsfähigkeit der USA wurde dadur:h zerstört und die USA zur größten Schuldnernation der Welt gemacht. Die USA wurden dadurch vorübergehend zu einer Verlagerung des Schwerpunkts ihrer Politik gezwungen. Dies hat sich z.B. in der ..gezielten Offensive" für einen Vertrag für den Abbau der Mittelstreckenraketen niedergeschlagen. Angesichts der wachsenden Schuldenlast. die sie zu tragen haben. haben sie angefangen. auf Südkorea Druck auszuüben, damit es cinen größeren Teil an den Rüstungsausgaben übernimmt. Das Dreieck Südkorea-USA-Japan. in dem es Absprachen über militärische Mobilisierungen gibt, wurde konsolidiert. Zeitgleich mit den Olympischen Spiclen fanden Militärübungen statt. die US-amerikanische Waffen. japanische Heeresführer und 20 koreanische Truppen um die koreanische Halbinsel herum zusammenbrachte. unter dem Vorwand. es müsse für die Sicherheit der Olympischen Spiele gesorgt werden. Das ist ein deutliches Zeichen für die neue Entwicklung. Die USA haben damit begonnen, ein militärstrategisches System zu testen und zu modernisieren, das alle drei Partner umfaßt. In Erwartung einer wahrscheinlichen Wirtschaftsrezession in den 90er Jahren streben die USA die Bildung einer „Freihandelszone"* an. die die USA. Japan und Korea enger mit Australien. Neuseeland und den ASEAN- Staaten verbinden soll. Ein solch fortgeschrittenes Stadium wirtschaftlicher Integration stellt cine Antwort auf die Verschärfung der kapitalistischen Widersprüche und die rasche Entwicklung der militärischen High-Tech- Industrie in den USA dar. Das Projekt einer …Freihandelszone" beabsichtigt eine grundlegende Veränderung und Systematisierung der internationalen Arbeitsteilung mit dem Ziel. die effektive Ausbeutung durch das imperialistische Monopolkapital auch weiter zu sichern Das einheimische koreanische Monopolkapital mag diese Veränderungen als den besten Weg für sich betrachten, die Schranken zu überwinden, vor denen es zur Zeit steht. Es ist deshalb damit zu rechnen, daß das koreanische Monopolkapital sich aktiv auf die sich markte.

Es ist auch damit zu rechnen, daß es Schwierigkeiten. die daraus entstehen. mit Hilfe einer größeren Konzentration und Expansion der Kapitals im Bereich der Automobil-, Elektronik- und Stahlindustrie zu überwinden sucht. Diese an den Interessen des Monopolkapitals orientierte Methode wird zu einer stärkeren relativen Verelendung der arbeitenden Bevölkerung und zur völligen Desintegration des kleinen und mittelgroßen Kapitals führen.

Ein sanfter Übergang in eine veränderte wirtschaftlichen Situation erfordert von den USA und den Kräften der Militärdiktatur, daß sie das Regime von Roh Tae Woo stabilisieren. Die Maßnahmen für eine reformistische Demokratisierung" gehen deutlich in diese Richtung. Doch es hat sich gezeigt. daß die Reformpolitik von Roh Tae Woo bereits am Ende seines ersten Amtsjahres auf eng gezogene Grenzen gestoßen ist.

In den letzten zwei Jahren, seit dieser rasche Wandel im Gang ist, ist auch die Bevölkerung zu einem neuen Massenbewußtsein erwacht und hat dies kraftvoll zum Ausdruck gebracht: dies stellt eine zusätzliche Belastung für das Regime dar. Es steht zu erwarten, daß die USA und das Roh Tae Woo-Regime Maßnahmen ergreifen werden, um der Politisierung der Bevölkerung entgegenzutreten. Unter den Bedingungen der Diktatur wird das eine Kombination von Reformmaßnahmen und Repression sein.

In der jüngsten Zeit haben sich vor allem die „Hardliner" in der Roh Tae Woo-Regierung stark gemacht, und das Regime ist auf eine härtere Linie gegen die Volksbewegung eingeschwenkt; dies sind Anzeichen für die Grenzen, auf die das Regime bei seinen Bemühungen um Reformen stößt. Die erfolgreiche Durchführung der Olympischen Spiele wird dem Regime den Rücken stärken für die Verstärkung von Repressalien gegen oppositionelle Kräfte.

Die national-demokratische Bewegung. die nach den großen Streiks im Juni 1987 massive Rückschläge einstecken mußte, hat noch nicht gezeigt, daß sie in der Lage wäre, unter einer vereinigten und konsolidierten Führung systematisch auf die Herausforderungen zu antworten. Die politischen Kräfte in der nationaldemokratischen Bewegung haben bei der Unterstützung und in der Führung der Kämpfe der Arbeiter, Bauern und anderer Teile der Bevölkerung keine große Rolle gespielt. Auch ihren verschiedenen Bemühungen, die Einheit in der Bewegung herzustellen, waren nicht von Erfolg gekrönt.

So sicht es aus, als hätten die Kräfte der national-demokratischen Bewegung auf die schnelle Veränderung der Lage ohne den Leitfaden einer übergreifenden systematischen Strategie und umfassenden Sichtweise der Situation zu reagieren. Ihre Bemühungen lassen sich über weite Strecken als Nachtrabpolitik hinter die laufenden Veränderungen und sporadische Ausbrüche von Aktionismus charakterisieren. Sie sind aber nicht in der Lage, bei

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ihren Aktivitäten an einem Strang zu ziehen und die Energien in eine Richtung zu bündeln. So geben sie Anlaß zur Befürchtung, daß solche sporadischen Ausbrüche an Aktivitäten von der Diktatur nur ausgenutzt werden, um ihre eigene Position zu konsolidieren. Die verschiedenen Bestrebungen des Regimes und der Bewegung des Volkes sind im Rahmen dieses allgemeinen Kräfteverhältnisses zu sehen. Dazu gehören: der machtvolle Aufschwung einer Volksbewegung für die nationale Wiedervereinigung, der wachsende Widerstand gegen Atomwaffen, die Ausbreitung antiamerikanischer Ressentiments, die Stärkung der Kämpfe und der Organisation der Arbeiterbewegung, die Ausbreitungs der Volksbewegung und die bewußten Anstrengungen, in der national-demokratischen Bewegung Einheit zu schaffen; auf der anderen Seite steht das fortgesetze Scheitern der Regierung mit ihren eigenen Reformmaßnahmen. Dies zeigt deutlich, daß Südkorea heute an einem Scheideweg steht; um die Richtung der Zukunft zu bestimmen, sind sorgfältig geplante und kühne Aktionen nötig. Der Aufschwung der Arbeiterbewegung

Die Arbeiterkämpfe haben in diesem Jahr einen neuen Auftrieb erhalten; es hat sich eine Arbeitermassenbewegung herausgebildet. Das wichtigste Resultat dieser Kämpfe war der Aufbau von Vertrauens- und Solidaritätsstrukturen auf regionaler Ebene, parallel zu den Arbeiterkämpfen in den Betrieben. Die Gewerkschaften haben sich inzwischen zum Rückgrat der Arbeiterbewegung entwickelt. Doch diese Errungenschaften werden standig von der anhaltenden Repression des Staates und der Unternehmer rückgängig gemacht und unterminiert. Im Kräfteverhältnis zwischen Kapital und Arbeit haben die Repressionskräfte immer noch Oberhand. Den repressiven Staatsapparaten und dem Kapital ist es gelungen, in vielen Großbetrieben wie bei Hyundai die Gewerkschaften unter ihre Kontrolle zu bekommen, indem sie eine gelbe Führung eingesetzt haben. Sie sind immer noch in der Lage, die Entwicklung einer unabhängigen Gewerkschaftsbewegung auf dem Weg der (angeblichen) Werksschließungen, Aussperrungen und der Ausübung von Gewalt zu unterdrücken.

Diese Vorfälle machen die Gewalt der staatlichen und kapitalistischen Repression, aber auch die Bedeutung einer starken Gewerkschaftsführung als Rückgrat für eine mächtige Arbeiterbewegung deutlich. Zugleich haben sich folgende Herausforderungen und Aufgaben dabei gezeigt:

Die erste Aufgabe ist die der Organisierung und Konsolidierung konkreter Formen der Solidarität unter den Arbeitern. Um diese grundlegende Aufgabe anzugehen und sich die Mittel für effektiveren Widerstand und Selbstbehauptung gegen die verstärkte Repression der Kapitalisten und des Staates zu geben, haben sich die Gewerkschaften in den letzten Monaten darauf konzentriert, regionale Verbindungen zwischen den Gewerkschaften aufzubauen und zu festigen, Industriegewerkdie Internationale

JAPAN

KOREA UDU

Cheongini

CHINA

NORD- KOREA *Kimchaek

Sineuiju Hamheung

Heungnam -Weonsan

Jinnampo PYONGYANG & Gaeseong «Panmunjeom

SEOUL TGangneung

Incheon

SÜD

KOREA

Gunsan? Daegu •Gyeongju

KWANGJU

Модре!, PUSAN schaften und zahlreiche Organisationen der Anstrengung verstanden werden, die aktuelle Solidarität und Einheit unter der Arbeiter- politische Situation zu nutzen und die Instruklasse. Doch der demokratische Charakter der mente der Repression der Diktatur insgesamt einzelnen Gewerkschaften und der Solidari- in Frage zu stellen. Dies eröffnet der Arbeitätsaktionen hängt immer noch stark von dem terklasse als Ganzes und der Gewerkschafts- Willen einzelner Gewerschaftsführer ab. Das bewegung ein gemeinsames Kampffeld, in läßt sich nicht leugnen. Als die Streiks für dem sie ihre Einheit weiter festigen kann. Lohnerhöhungen zu Ende gingen, gab es ein Der Kampf erlangte im Juni vergangenen starkes Bedürfnis, daß die Gewerkschaften Jahres den vollen Schwung, als ein gemeinsasich auf künftige Auseinandersetzungen auf mer Vorschlag für eine Revision der Arbeitseinem höheren Niveau besser vorbereiten. gesetze endlich vorgetragen werden konnte. Als die dringendsten Aufgaben der Arbei- Das Ziel konnte nun auf Massenversammlunterbewegung wurden folgende bezeichnet: gen, Kundgebungen. Schulungen und Beeine umfassende Bilanz der bisherigen triebsversammlungen breit popularisiert wer- Kämpfe; die Fesigung der inneren Demokra- den. tie: die Ausarbeitung eines Programms für Denoch stellt die Konsolidierung der Maseine systematische Massenschulung für die senorganisationen der Arbeiterklasse durch Mitglieder; das Bemühen der Führung um die Bildung von Gewerkschaften und regionagrößere Einheit und ein höheres Bewußtsein. len Verbindungen (sie haben die Form regio- Parallel dazu wurden gezielte Bemühungen naler Räte der demokratischen Gewerkschafunternommen, einen nationalen Kampf für die ten) nur ein Aspekt der Konsolidierung der Abschaffung der repressiven Arbeitsgesetze Arbeiterbewegung dar. Ebenso dringlich ist vorzubereiten. Der Kampf für die Abschaf- die Konsolidierung der ideologischen und orfung der Arbeitsgesetze kann als bewußte ganisatorischen Einheit der Arbeiterbewe-

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gung. Die diversen Anstrengungen in dieser Richtung haben ihren Niederschlag in der Schaffung verschiedener regionaler und eines nationalen Rats der Gruppen der Arbeiterbewegung gefunden. Die Gründung dieser Gruppen widerspiegelt einen systematischeren Aufbau der Arbeiterbewegung. entsprechend einer klaren und einheitlichen Orientierung und Strategie, und mit einer wirksamen Struktur zur Unterstützung und Solidarität mit den Kämpfen der Arbeiterklasse.

Der Aufbau dieser Gruppen ist auch Ausdruck des bewußten Bestrebens, die Arbeiterbewegung insgesamt als die zentrale und führende Kraft in der breiten national-demokratischen Bewegung aufzubauen.

Diese Bemühungen, unter den Kräften der national-demokratischen Bewegung Einheit und Solidarität zu schaffen, haben bereits cinen positiven Niederschlag in den Solidaritätsaktionen verschiedener sozialer Bewegungen mit den Kämpfen der Arbeiter und für die Ziele der Arbeiterklasse gefunden. Die Aktivitäten solcher gesellschaftlichen Organisationen wie des Seouler Regionalkomitees für die Sicherung des Lebensunterhalts des Minjung" oder der ..Masan-Gruppe zur Bekämpfung von Gewalt gegen die Arbeiter" sind Ausdruck der beträchtlichen Fortschritte, die in der Organisierung bereichsübergreifender gesellschaftlicher Solidarität erzielt wurden; sie haben viel zur Politisierung der Gewerkschaftsbewegung beigetragen.

Bei dem anhaltenden Aufschwung und dem Reifeprozeß der Arbeiterkämpfe wird, man unschwer voraussagen können, daß die Arbeiterklasse bald an der Spitze der national-demokratischen Bewegung stehen wird. Die Arbeiterbewegung hat sich nach und nach. aber mit wachsendem Selbstbewußtsein, in die Kämpfe für die Bestrafung der Urheber des Massakers von Kwangju und der korrupten Elemente des vorhergegangenen Regimes eingeschaltet Andersherum würde die Bewegung für die nationale Widervereinigung einen enormen Impuls bekommen, wenn die Arbeiterbewegung durch ihre eigenen Organisationen daran teilnähme. Allerdings würde dann auch die Diktatur versuchen, die Arbeiterbewegung mit allen Mitteln daran zu hindern, die Führung der national-demokratischen Bewegung. die sie zu Recht beansprucht, zu übernehmen. Diese Perspektiven erfordern von allen Beteiligten systematische und anhaltende Bemühungen. um mit Hilfe von Schulung und Übung das Klassenbewußtsein der Arbeiter zu konsolidieren und zu heben und ihre Tendenz. zu früh zurückzuschlagen, zu zügeln. Die Entwicklung der Bewegung für die nationale Wiedervereinigung

Im Frühjahr und Sommer 1988, ein Jahr nach den riesigen Demonstrationen der Bevölkerung in den Juni-Kämpfen für die Demokratie, erlebten wir eine weitere Explosion von Bewegungen. Diesmal konzentrierten sich die Losungen und Forderungen auf die Abstellung der Leiden. die sich aus der Spaltung der die Internationale

Nation und dem Wunsch nach nationaler Wiedervereinigung ergeben.

Auf dem Höhepunkt der Studentenkämpfe wurden Tränengas und die Anti-Aufstandstruppen der Polizei eingesetzt. Für einige mag diese Entwicklung völlig unerwartet gekommen sein. Doch eine sorgfältige Analyse der Entwicklung der koreanischen Gesellschaft, die bereits den Hintergrund für den Aufstand von Kwangju 1980 und das nachfolgende Massaker bildete, weist auf all die Faktoren hin, die 1988 zur Wende in dieser Frage und zum Ausbruch der Massenbewegungen führ- Lange Zeit hat das Volk unter der Knute einer Militärdiktatur leben müssen. Dagegen haben sich Kämpfe für eine Demokratisierung entwickelt. Doch nach zahlreichen Rückschlägen und angesichts einer schier unüberwindbaren Repression, begannen sich die Leute Fragen zu stellen über den Charakter der Diktatur, mit der sie es zu tun haben, der Gesellschaft, in der sie leben, und auch Fragen über den Charakter der Demokratie, die sie fordern.

Alle Militärdiktatoren haben immer die Tatsache der nationalen Teilung zur Rechtfertigung jedweder Unterdrückung und Repression benutzt. In gewisser Weise kann man sagen, daß die Wurzel für all die Menschenrechtsverletzungen in der Teilung des Landes liegt; so erklärt es auch der Nationale Beraterstab über die Menschenrechtspolitik bei der Menschenrechtskommission des Nationalrats der Kirchen in Korea.

Warum wurden Korea und das koreanische Volk am Ende des II. Weltkrieges entlang des 38. Breitengrades geteilt? Und heute entlang der entmilitarisierten Zone? Wer hat dem Volk die Teilung aufgezwungen? Welche Profitinteressen und strategische Interessen hängen für die Kräfte daran, die diese Teilung aufrechterhalten möchten?

Antworten auf diese Fragen drängten sich der Bevölkerung 1986 immer stärker ins Bewußtsein. Ein Ereignis am 28.April 1986 gab cin untrügliches Anzeichen dafür, daß die Volksbewegung zu einigen Antworten auf diese Fragen gekommen war. Zwei Studenten. Kim Se Jin und Lee Jae Ho, Mitglieder des „Jamintu"*, des Kampfverbands für die Unabhängigkeit, gegen den US-Imperialismus. für Demokratie und gegen den Faschismus, steckten sich selbst in Brand, den Ruf auf den Lippen: ,Nieder mit dem US-Imperialismus!"

Später stellten Studenten derselben Organisation ihr Kampfprogramm vor:

* Für die Durchsetzung der allgemeinen demokratischen Rechte und die Niederschlagung der Versuche der USA, ein faschistisches Herrschaftssystem zu reorganisieren. * Für Frieden, gegen Krieg und Atomwaffen.

* Für die nationale Wiedervereinigung. * Für die Unterstützung und Solidarität mit den Kämpfen des Volkes für seine elementaren Rechte.

* Für die Verhinderung einer wirtschaftlichen Invasion der USA.

Die Selbstverbrennung der beiden Studenten rüttelte das Bewußtsein der Bevölkerung wach. Sie führte sie zu der Erkenntnis, daß die nationale Teilung und der US-Imperialismus für die wirtschaftliche Lage und das Überleben der Bevölkerung und bei der systematischen Verletzung der elementaren Menschenrechte eine große Rolle spielen. (aus: Korean Situationer, Nr.12, Juni-August 1988. Korean Situationer wird herausgegeben vom Christian Institute for the Study of Justice and Development)

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die Internationale

Die koreanische Gewerkschaftsbewegung

Die koreanische Gewerkschaftsbewegung der 80er Jahre macht eine Phase des qualitativen Wandels durch. Dies ist durch die Akkumulation unserer potentiellen Fähigkeiten in den 70er Jahren und der schmerzhaften Geburt der Bewegung zu Beginn der 80er Jahre ermöglicht worden. Insbesondere waren die breiten Massenkämpfe der Arbeiter zwischen Juli und September 1987 ein Antrieb für die Schärfung des Bewußtseins der Arbeiterinnen und Arbeiter und die Konsolidierung der organisatorischen Basis der Bewegung. Die koreanischen Arbeiter haben ihre Stärke zur Schau gestellt und fangen an, sich durch eigenständige und demokratische Mittel zu vereinigen. Der folgende Artikel gibt eine Übersicht über die Geschichte der Gewerkschaftsbewegung, die gegenwärtige Situation und Voraussagen für ihre zukünftige Entwicklung. Historischer Abriss Arbeiterorganisation, die Choson Workers Confederation genannt wurde, entstand 1920. Die Geschichte der koreanischen Gewerk- Ihr folgte 1924 die Workers Farmers' Confeschaftsbewegung enthüllt zwei widerstrei- deration. Diese Organisation spaltete sich tende Trends. Der erste besteht im Aufbau 1927. und der proletarische Teil bildete die unabhängiger und demokratischer Gewerk- Chosun Workers Confederation. schaften, die für die Erringung von Rechten Diese frühen Organisationen hatten die für die Arbeitenden kämpfen und dafür, daß Form von regionalen Gewerkschaften mit die Arbeiter und Arbeiterinnen zu Subjekten Einzel- oder Gruppenmitgliedschaft, ungeachder Geschichte werden. tet der Zugehörigkeit zu Industrie und Hand- Der zweite ist der reaktionäre Aufstieg der werk. Sie befürworteten sozialistische Ideen gelben Gewerkschaften. In Zusammenarbeit als ideologische Basis für eine nationale Bemit dem herrschenden Regime versucht die freiungsbewegung, um Korea von der japanigelbe Gewerkschaft, die unabhängigen und schen Kolonialherrschaft zu befreien, und demokratischen Kämpfe der Arbeiter zu arbeiteten daran, diese Ideologie in den Zudurchkreuzen, indem sie sie auf die Zusam- sammenhang mit den koreanischen Arbeitermenarbeit mit dem Management und auf ge- kämpfen zu stellen. werkschaftliche Fragen beschränken. Nach der Befreiung von den Japanern führ- Die Arbeiterklasse bildete sich in den 20er ten die Arbeiter spontane Massenkämpfe Jahren in Korea während der japanischen Ko- durch, um für sich eine neue Ordnung zu erlonialherrschaft. Im Verlauf der gesamten richten. Dies gipfelte 1945 in der Bildung von Geschichte dieser Arbeiterklasse war der Chunpyong. Chunpyong folgte der Tradition Machtkampf zwischen demokratischen und der sozialistischen Gewerkschaftsbewegung gelben Gewerkschaften ein Kennzeichen des unter der japanischen Kolonialherrschaft und umfassenderen Machtkampfes zwischen de- hielt an ihrer sozialistischen Doktrin fest. mokratischen und nichtdemokratischen Chunpyong versuchte, die politischen und Kämpfen. wirtschaftlichen Kämpfe des Landes miteinan- Diese Geschichte kann in drei Teile geglie- der zu verbinden und zielte auf die Errichtung dert werden: 1920-1945, die Periode der japa- und Stärkung der nationalen und in der Indunischen Kolonialherrschaft, bis zur Errich- strie verankerten Strukturen der Gewerkschaft tung von Chunpyong (Chosun National Coun- ab. Mit der Errichtung der Ersten Republik in eil of Trade Unions) nach der Befreiung: 1953 Südkorea 1948 wurde Chunpong jedoch aufbis Ende der 70cr Jahre, die Periode vom gelöst. Diese Auflösung war in erster Linie Ende des Koreakrieges: die Gewerkschaftsbe- eine Folge äußerer Faktoren wie die Unterwegung der 80cr Jahre. drückung durch die US-Militärregierung. die Koreas erste Gewerkschaft, die nationale zwischen 1945 und 1948 im Süden herrschte, aber auch der schwachen Massenbasis von Chunpsong. Ihr Scheitern bei der Verbindung der politischen und der ökonomischen. auf die Forderungen der Arbeiterklasse basierenden. Kämpfe trug des weiteren zu ihrem Niedergang bei.

Bedroht durch die Organisation und Massenbasis der sozialistisch orientierten Chun- Pyong bildeten koreanische Rechte und die US-Militärregierung in Zusammenarbeit mit 45 Arbeitern aus 15 verschiedenen Unternehmen im Mai 1946 die Dae Han No Chong (Dae Han Federation of Labour Unions). Deren Hauptanliegen waren Antikommunismus und Aktivitäten, die gegen Chunpyong gerichtet waren. Sie erhielt von der Rechten und der Militärregierung starke Unterstützung und bemühte sich nach allen Kräften die wachsenden unabhängigen Arbeiterkämpfe zu vereiteln und Chunpyong zu zerstören.

Die Gewerkschaftsbewegung war so in zwei Teile gespalten. Die oberen Strukturen wurden ein politisches Werkzeug des herrschenden Regimes. Die unteren trugen die Werktätigen, die isolierte Kämpfe für ihren Lebensunterhalt führten und dabei mit der oberen Hierarchie in Konflikt gerieten. Die Gewerkschaftsbewegung unter Dae Han No Chong in den 50er und 60er Jahren war durch drei Trends gekennzeichnet. Erstens ging die politische Orientierung, die unter Chunpyong genährt wurde, weitgehend zurück. Die Bewegung war auf einfache wirtschaftliche Kämpfe beschränkt. Die Hauptursache für diese Abkehr von der politischen Orientierung lag in der Korruption der organisatorischen Hierarchie der Gewerkschaften und der Einführung des Arbeitsgesetzes. Letzteres verfügte, daß Gewerkschaften nur auf Fabrikbasis gebildet werden konnten. Zweitens waren, wie bereits oben erwähnt. die oberen Strukturen der Gewerkschaften zu einem politischen Instrument der Diktatur Drittens konnte die Gewerkschaftsbewegung mit der sich ständig ändernden politischen nicht Schritt halten und war so unfähig. auf diese Änderungen bewußt und mit Selbstvertrauen zu antworten.

All diese Trends trugen zu einer Atmosphäre des Defätismus unter den Arbeitenden bei, die versuchten, sich innerhalb der ihnen auferlegten gesetzlichen Beschränkungen zu bewegen.

Unter dem Druck der wachsenden Stärke der Gewerkschaftsbewegung nach der ..Revolution vom 19.April" (1960) [die am 27.April in den Rücktritt von Präsident Syngman Rhee. der ins Exil ging, mündete] machten Dan Han No Chung und die ihr angeschlossenen Industriegewerkschaften Reformzugeständnisse und vereinigten sich mit dem opportunistischen National Council of Trade Unions. Zusammen bildeten sie die Korea Federation of Trade Unions (die gegenwärtige Federation of Korea Trade Unions - FKTU).

Die Bildung der FKTU war das Ergebnis der Reform von oben, die von der Militärregierung durchgeführt wurde, die durch den Militärputsch vom 16.Mai 1961 an die Macht gelangt war. Nachfolgende Veränderungen des Arbeitsgesetzes dienten der Einschrän-

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kung sogar der unpolitischen ökonomischen Kämpfe der Werktätigen. Nur auf der Ebene der einzelnen Fabrik konnten Aktionen zu kollektiven Tarifabkommen und Konflikten durchgeführt werden. Auf Branchenebene wurde dies illegal, was die industriellen Gewerkschaftsstrukturen zur bloßen Form degradierte. Gleichzeitig verstärkte sich die Kontrolle über die einzelnen Fabrikgewerkschaften. Als Folge davon war das Bewußtsein der Arbeiter auf die gewerkschaftliche Aktivität im Betrieb beschränkt, was sich als ein wesentliches Hindernis bei der Organisierung der späteren Gewerkschaftsbewegung erwiesen hat.

Das sich verschlechternde Ungleichgewicht bei der Einkommensverteilung und die zunehmende Repression gegen die Arbeiterbewegung nach dem Putsch vom 16.Mai 1961 resultierten in einer wachsenden Kluft zwischen arm und reich. Dies führte zu extremeren Formen des Protestes unter den Arbeitern. Park Chung-Hee erklärte den Ausnahmezustand und errichtete die Yushin-Verfassung. Auf diese Weise entfachte das Regime eine offene Repression gegen das Volk.

Das Regime veränderte das Arbeitsgesetz noch weiter und illegalisierte autonome kollektive Tarifverträge und kollektive Aktionen der Gewerkschaften. Somit wurden die Arbeitenden jedes legalen Mittels des ökonomischen Kampfes beraubt. Das revidierte Arbeitsgesetz betonte die Zusammenarbeit zwischen der Unternehmensleitung und den Gewerkschaften. Des weiteren verbot es die Organisierung von Industriegewerkschaften und schränkte so die Ausbreitung der Arbeiterbewegung weitgehend ein.

Die FKTU enthüllte deutlich ihre arbeiterfeindliche Haltung durch ihre Zustimmung zur Repression seitens der Regierung. 1987 wiederholte sie diese Haltung in einer Stellungnahme, mit der sie Chun Doo-Hwans Erklärung vom 13. April unterstützte, in der jede Diskussion über Verfassungsänderungen abgelehnt wurde.

Selbst unter diesen extremen Bedingungen gab es weiterhin spontane Kämpfe der Arbeiter, oft in explosiver Weise und manchmal gemeinsam mit demokratischen Kräften. Dies führte zum Aufbau demokratischer Gewerkschaften in den 70er Jahren.

Der Kampf der Chung Gye Garment Union und der Dong Il Textile Union für den Aufbau einer demokratischen Gewerkschaft ist ein repräsentatives Beispiel für demokratische Gewerkschaften in den 70er Jahren. Auch wenn diese Gewerkschaften in diesem Prozeß im einzelnen zerschlagen wurden, so trugen doch ihre Kämpfe beträchtlich zom Sturz des Yushin-Regimes bei, und sie stellten für die koreanische Arbeiterbewegung bedeutende Schritte nach vorne dar.

Im Kielwasser der brutalen Repression des Chun Doo-Hwan-Regimes in den späten 70er Jahren, der zahlreiche demokratische Gewerkschaften zum Opfer fielen, trat die Gewerkschaftsbewegung mit einer neuen Führung in die 80er Jahre ein. Die gemachten Erfahrungen hatten ihr begreiflich gemacht, daß sie in Hinblick auf ihre Ziele keinen Fortschritt machen kann, ohne die richtige politidie Internationale sche und ideologische Führung und eine entsprechende Verbindung politischer und ökonomischer Kämpfe zu haben.

Des weiteren hat sie verstanden, daß eine politische Demokratie nicht möglich sein wird, solange die Bewegung selbst nicht stark in den Arbeitermassenkämpfen wie denen für die Verbesserung der Lebensbedingungen verwurzelt ist und diese Kämpfe nicht auf eine Lösung der strukturellen Probleme hin entwickelt.

1984/85 wurden viele neue demokratische Gewerkschaften gebildet, und zahlreiche Arbeitermassenkämpfe fanden statt. Diese unabhängig entstandenen Gewerkschaften, die Kämpfe für Lohnerhöhungen, die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und gegen die Repression organisierten, protestierten mit legalen oder halblegalen Mitteln und mißachteten die Einschränkungen des Arbeitsgesetzes. Die herausragendsten Kämpfe dieser Periode waren der Streik bei der Dae Woo Motor Co. und der Solidaritätsstreik in Kuro, an dem neun demokratische Gewerkschaften beteiligt waren.

Die Kampfformen entwickelten sich vom Streik in der einzelnen Fabrik zu Solidaritätskundgebungen und -demonstrationen. In den Städten Sungnam, Masan und Changwon lösten die Arbeiterkämpfe regionale Volksversammlungen aus und gaben Beispiele der Solidarität, indem sie Arbeitern anderer Betriebe halfen, die Ku Sa Dae (von den Unternehmern angeheuerte Streikbrecherbanden) zu vertreiben. Diese Solidaritätskämpfe mündeten später in Verbände demokratischer Gewerkschaften. Die Arbeiterkämpfe der Periode Juli bis September 1987 beliefen sich auf eine bisher nie dagewesene Gesamtsumme von 3300 Streiks mit über 2 Mio. Teilnehmern. Allein am 28.August fanden im ganzen Land über 760 Streiks statt.

Die Massenkämpfe verwirrten das herrschende Regime und die Kapitalisten. Das Regime begann einen Gegenangriff, der nach einer Pressekonferenz von Chun Doo-Hwan über die machtvolle Obstruktion durch die Arbeiterkämpfe" lanciert wurde. Die Regierung mobilisierte Spezialtruppen der Polizei zur Aufstandsbekämpfung, um Streikende brutal anzugreifen. Die Ku Sa Dae lösten gewaltsam friedliche Arbeiterstreiks auf. Die Regierung manipulierte die Presse, die die Tatsachen verzerrte und die Arbeiter als gewalttätige und destruktive Bande darstellte, deren Aktivitäten die nationale Wirtschaft gefährdeten. Im Juli und August wurden über 500 Arbeiter verhaftet, und zahlreiche neugebildete Gewerkschaften wurden entweder zerschlagen oder gezwungen, sich der Regierungskontrolle zu unterwerfen.

Die Arbeitermassenkämpfe von Juli bis September 1987 waren in vieler Hinsicht erfolgreich. Sie waren die breitesten aller Arbeiterkämpfe im nationalen Maßstab bis zu diesem Zeitpunkt. Sie waren auch ein deutlicher Ausdruck des Massenwiderstands. Die Bildung unabhängiger Gewerkschaften war das Hauptziel des Kampfes. Mehr als 1300 neue Gewerkschaften waren entstanden, 40% mehr als bisher. Die Arbeiter der chemischen Schwerindustrie erschienen in diesem Kampf als führende Gruppe. Indem sie unmittelbar auf die Volkserhebung für Demokratie im Juni folgten, förderten die Arbeiterkämpfe weiter die Entwicklung einer Volksbewegung. Diese Periode der Massenkämpfe erwies sich als eine wichtige Gelegenheit für die Arbeiterinnen und Arbeiter, den alten Defätismus abzuschütteln und sich für weitere Fortschritte zu rüsten, indem sie das Bewußtsein hoben und die organisatorischen Strukturen festigten. Doch diese Kämpfe legten auch einige Schwächen der Bewegung bloß. Die Kämpfe waren im allgemeinen auf ökonomische Fragen beschränkt, und den Forderungen der Arbeitenden auf der Ebene der einzelnen Fabrik fehlte die Verbindung zu allgemeinen und systematischen Forderungen. Ebenso resultierte der Mangel an organisierter Führung in einem Scheitern bei der Konsolidierung weiterer Errungenschaften auf organisatorischer Ebene.

Die Natur der gegenwärtigen Gewerkschaftsbewegung

Seit den Arbeitermassenkämpfen im Juli und August 1987 erhöhte sich rasch die Rate der Gründung neuer Gewerkschaften. Im Juni 1987 gab es 2722 Gewerkschaften mit einer Gesamtmitgliederzahl von rd. 1 Million. Im Mai 1988 war sich die Zahl auf 4729 Gewerkschaften mit 1,526 Mio. Mitglieder gestiegen. In nur elf Monaten nahm die Zahl der Gewerkschaften um 74% zu, während sich die Mitgliederzahl um über 50% erhöhte. Dieses Wachstum der Gewerkschaften und ihrer Mitgliedschaft in weniger als einem Jahr entspricht dem der vorher existierenden Gewerkschaften seit den 50er Jahren über einen Zeitraum von 40 Jahren.

Die Zahl der Verbände von Industriegewerkschaften hat ebenfalls zugenommen, und zwar von 17 auf 21. Da die vorher entstandenen Verbände noch unter dem Schatten der Regierungskontrolle stehen, widerspiegeln die jüngsten Spaltungen und Gründungen neuerer Föderationen in großem Maße die wachsenden Bestrebungen der Arbeiterinnen und Arbeiter nach unabhängigen Gewerkschaften. Die Trennung der neuen Verbände von den etablierten Organisationen ist ein Versuch, die Rechte und Interessen ihrer Mitglieder wirksamer zu repräsentieren und zu schützen, indem sie den spezifischen Charakter ihrer jeweiligen Situation berücksichtigen. Die Gewerkschaften, die nach den Massenkämpfen im Juli und August 1987 gegründet wurden, sind mit Ausnahme der Federation of Korean Financial Unions alle noch der FKTU angeschlossen. Dafür gibt es zwei Gründe. So lautet Artikel 3 Satz 5 des Gewerkschaftsgesetzes: Wenn die Bestimmung [Arbeitsplatzbeschreibung] der zu organisierenden Subjekte [Arbeiter und Arbeiterinnen] bereits mit der einer existierenden Gewerkschaft zusammenfällt oder die neue Gewerkschaft darauf abzielt, die normale Tätigkeit der existierenden Gewerkschaft zu behindern, so kann eine solche Organisation nicht als eine Gewerkschaft anerkannt werden." Somit kann es parallele Gewerkschaften, die dieselbe Arbeitergruppe vertreten, nicht geben.

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Des weiteren verordnet Artikel 13 Satz 1 bis 5. daß bei der Gründungserklärung einer neuen Gewerkschaft diese Gewerkschaft festlegen muß, zu welchem Verband sie gehört. Ein Versäumnis dabei ist ein ausreichender Grund, um die Anerkennung einer solchen Gewerkschaft zu verweigern. Da somit ein Verband nicht legal anerkannt wird, wenn er nicht der FKTU angeschlossen ist, haben die neu gebildeten Gewerkschaften keine andere Wahl, als sich unter das Dach der FKTU zu begeben.

Zweitens sind die meisten der neu gebildeten Gewerkschaften, die mit der Politik und Ideologie der FKTU nicht übereinstimmen. noch nicht in ihrer organisatorischen Struktur entsprechend ausgerüstet. um außerhalb der gesetzlichen Einschränkungen zu kämpfen und ihre eigenen. unabhängigen Verbände zu bilden.

Trotz ihrer formalen Zugehörigkeit zur FKTU arbeiten jedoch viele der neuen demokratischen Gewerkschaften unabhängig von der Linie der FKTU. Dies bringt zum Ausdruck. daß die FKTU und die ihr angeschlossenen Verbände nicht den Bestrebungen der Arbeiterinnen und Arbeiter nach größerer Unabhängigkeit entsprechen.

Die demokratischen Gewerkschaftsverbände

Der Organisationsgrad dieser Verbände befindet sich noch im Anfangsstadium. Die Zahl der ihnen angeschlossenen Gewerkschaften und ihre Größe ist wesentlich kleiner als bei den der FKTU angeschlossenen. In ihrem Charakter und in ihrer Tätigkeit repräsentieren sie jedoch die unabhängigen Kämpfe und die Entwicklung der Arbeiterbewegung. die im Juli und August 1987 begann, und sie festigen sich langsam als eine zentrale Kraft in der Bewegung.

Eine beträchtliche Anzahl neuer Gewerkschaften arbeitet mit ihnen, auch wenn sie diesen Verbänden nicht beigetreten ist, eng zusammen. Außerdem kämpfen zahlreiche Arbeiter, vor allem in der Fertigungsindustrie, für die Verwandlung ihrer Gewerkschaften in demokratische Organe. Auch wenn sie nicht offiziell angeschlossen sind, vertreten sie die Ideologie und die Politik der Verbände der demokratischen Gewerkschaften und setzen große Hoffnungen in ihre Entwicklung. Was ist nun der Charakter dieser Verbände? Zunächst haben die Verbände ihre Wurzeln im Ausgang der Arbeitermassenkämpfe von Juli und August 1988, womit deutlich ihre populäre Basis zum Ausdruck kommt. Zweitens enthüllen diese Verbände ein bedeutendes Potential hinsichtlich des ideologischen Fortschritts. Davon zeugt treffend das Manifest des Gewerkschaftsverbands in Inchon: • ., Wir fördern entschieden eine unabhängige. echte Gewerkschaftsbewegung auf der Grundlage demokratischer Gewerkschaftsaktivitäten...

• Wir werden gemeinsam Maßnahmen gegen die Repression seitens der Kapitalisten und der Regierung und für die vollständige Sicherung der Grundrechte der Arbeiterinnen die Internationale und Arbeiter durchführen...

• Wir werden aktiv die Bildung demokratischer Gewerkschaften unterstützen und bei der Stärkung ihrer Macht Hilfe leisten. • Wir wollen solidarisch mit allen Arbeitern und demokratischen Kräften zusammenarbeiten. die der Errichtung einer demokratischen und gerechten Gesellschaft in Anlehnung an den Willen der werktätigen Massen dienen."

Wie aus diesem Manifest offensichtlich hervorgeht. drücken die demokratischen Gewerkschaftsverbände ihre Absicht aus, nicht nur wirtschaftliche, sondern auch politische Kämpfe durchzuführen, um die ökonomische. soziale und politische Lage der Arbeiterinnen und Arbeiter zu verbessern sowie eine demokratische und gerechte Gesellschaft zu errichten.

Das Manifest macht darüber hinaus die Bereitschaft deutlich, sich mit national-demokratischen Kräften für solche Ziele zusammenzuschließen. Die meisten demokratischen Gewerkschaftsverbände befürworten die Verbindung des ökonomischen mit dem politischen Kampf. Einige von ihnen entwickeln den Charakter dieses politischen Kampfes in Begriffen wie Souveränität, Demokratie und Wiedervereinigung weiter.

Eine solche ideologischen Empfehlungen sind bisher noch nicht in der Praxis umgesetzt worden, doch angesichts des Hintergrunds dieser Verbände und ihrer Aktivitäten erscheint dies als die unvermeidliche Richtung der Zukunft. Da die Arbeiterkämpfe von Juhi/August 1987 das direkte Resultat und das Erbe der demokratischen Kämpfe des Volkes im gleichen Jahr gewesen sind, sind den demokratischen Gewerkschaftsverbänden als organisatorische Frucht dieser Kämpfe politische Tendenzen eigen, und sie werden somit zu einem natürlichen Teil der nationaldemokratischen Bewegung. Mehr noch, bei der Konfrontation mit der Offensive der Regierung und der Kapitalisten näherten sich diese Verbände schnell der national-demokratischen Bewegung und schlossen sich ihr an. Die FKTU und die ihr angeschlossenen Verbände versäumten, in den unabhängigen Kämpfen der Arbeiterinnen und Arbeiter nach den Massenkämpfen von Juli/August 1987 eine führende oder unterstützende Rolle zu spielen. Dagegen bereiteten die demokratischen Gewerkschaftsverbände die Kämpfe für massive Lohnerhöhungen von ihrem Anfangsstadium bis heute gründlich und zielbewußt vor. Indem sie diese Kämpfe erfolgreich propagierten, haben sie ihren Einfluß langsam gefestigt.

Während sie zuerst anfingen, gemeinsame Schulungen um Fragen wie Lohnerhöhungen sowie Versammlungen zu organisieren, die Arbeiterkämpfe ermunterten, beteiligten sie sich darüber hinaus anm Aufbau gegenseitiger Unterstützung für Kämpfe. Sie führten auch gemeinsame Kampagnen für die Freilassung politischer Gefangener durch. widersetzten sich der Unterdrückung der Arbeiterbewegung seitens der Regierung und kämpften gegen die Gewalt der Ku Sa Dae sowie gegen vorgetäuschte Betriebsschließungen. Die Verbände fingen an, sich während der ersten Hälfte von 1988 als die zentrale Kraft der Arbeiterkämpfe in ihren jeweiligen Regionen zu festigen. Im Kampf für die Revision des Arbeitsgesetzes stellten sie im ganzen Land vereinheitlichte Forderungen auf und standen so im direkten Gegensatz zur Politik der FKTU. Sie organisierten die Bildung des .Besonderen Komitees der nationalen Gewerkschaften für die Revision des Arbeitsgesetzes* und arbeiteten mit der ..Nationalen Vereinigung der Organisationen der Arbeiterbewegung" bei der Veranstaltung öffentlicher Hearings und Schulungsprogramme zusammen sowie bei der Vorbereitung gemeinsamer Empfehlungen und der Durchführung von Propagandaaufgaben.

Folglich waren die Verbände in der Lage. am „Hearing der drei Oppositionsparteien über die Revision des Arbeitsgesetzes" teilzunehmen, gleichrangig mit der FKTU. Dabei vertraten sie strikt die Forderung nach vollständiger Garantie der Grundrechte der Arbeiterinnen und Arbeiter, was ihnen eine komplette Unterstützung einbrachte. Die demokratischen Gewerkschaftsverbände übernehmen so durch ihre Aktivitäten langsam immer mehr die zentrale Stellung in der Gewerkschaftsbewegung von der FKTU. Vor allem die Verbände in Mason, Changwon, Chinjoo und Inchon haben besonders starke Organisationen, die in diesen Regionen erfolgreiche Arbeiterkämpfe durch aktive Solidarität zum Sieg geführt haben. Dennoch haben auch diese Verbände ihre Grenzen. So ist ein großer Teil der Solidaritätsarbeit auf die Gewerkschaftsexekutiven und einige Mitglieder beschränkt, was diese Arbeit von den allgemeinen Aktivitäten, der Gewerkschaft oft isoliert.

Zweitens sind sie mit Ausnahme einiger regionaler Verbände im allgemeinen passiv in Kämpfen, die alle Arbeiter betreffen, wie die Revision des Arbeitsgesetzes und die Forderung der Freilassung politischer Gefangener. Dieser Aspekt ist in gewisser Weise mit dem ersten Punkt verwandt, da das geringe Bewußtsein der Arbeiter und Arbeiterinnen, sich in ihrer Abneigung zeigt. Kämpfe zu führen. die nicht direkt mit ihren unmittelbaren Interessen in Verbindung stehen.

Drittens versäumten die demokratischen Gewerkschaftsverbände, wenn auch die Gewerkschaftsbewegung nach den Kämpfen von Juli/August 1987 dank ihrer besonderen Geschichte politisch orientiert gewesen ist. sich mit bedeutenden politischen Fragen zu beschäftigen. Dazu gehörten der Kampf für die Eliminierung der Unregelmäßigkeiten der Fünften Republik, die Bestrafung der für das Massaker von Kwangju verantwortlichen Personen. die Revidierung undemokratischer Gesetze und die Kämpfe für die Wiedervereinigung. In dem Maße, wie jedoch die Verbände ihre Solidarität mit der Arbeiter- und national-demokratischen Bewegung intensivieren, wird die Teilnahme an solchen politischen Kämpfen keine so schwierige Aufgabe angesichts ihrer bewußtseinsfördernden Wirkungen sein.

(aus einer Studie des Christian Institute for the Study of Justice and Development)

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