Die kubanische Revolution ist 30 Jahre alt gewor- Prag oder Berlin/DDR, eine deutlich andere gesellden. Am 1.Januar 1959 zogen die barbudos, die Bär- schaftliche Realität verbirgt: eine grundlegend vertigen der „Rebellenarmee" mit Comandante Fidel schiedene Beziehung zwischen dieser Partei und den Castro an der Spitze triumphierend nach Havanna arbeitenden Massen. Die kubanische Revolution, die ein. Die Batista-Diktatur war gestürzt; in den kom- nie Organ der Arbeitermacht und Arbeiterdemokratie menden drei Jahren sollte sich der revolutionäre Pro- vom Typ der Sowjets gekannt hat, ist nicht bürokrazeß radikalisieren. Auf der Karibikinsel in unmittel- tisch entartet.
barer Nähe zum übermächtigen nordamerikanischem Der 30.Jahrestag war für bestimmte westliche Imperium konsolidierte sich die erste sozialistische Presseerzeugnisse Anlaß, um auf einen „tropischen Revolution in der „Neuen Welt" GULag" einzuschlagen. Diese Sicht hat wenig mit Das revolutionäre Kuba kopiert nicht blindlings, der Wirklichkeit zu tun. Zweck der Übung ist es, eiwas in Moskau gesagt und gemacht wird; es geht sei- nen eigenständigen revolutionären Prozeß zu diskrenen eigenen Weg. Mit den Institutionen der poder ditieren, der sehr viel zur Politisierung und Radikalipopular, der Volksmacht, hat es eine neuartige Form sierung einer neuen politischen Generation beigetrarealer sozialistischer Demokratie an der Basis ge- gen hat.
schaffen. Gewiß haben revolutionäre Marxistinnen Eine nüchterne, nichts beschönigende Analyse und Marxisten manchen Grund, gegen die Politik der sieht anders aus. Jeannette Habel liefert sie nach Castro-Führung im Lande selber und auf internatio- dem Stand der gegenwärtigen Kenntnisse und Disnaler Ebene Einwände zu erheben, v.a. in bezug auf kussionen in dem folgenden Gespräch, das Alain die fehlende oder völlig unzureichende, vielfach Rhodes für Rouge, die Wochenzeitung der LCR, der falsch ansetzende Kritik an den Monopolbürokraten französischen Sektion der IV.Internationale, geführt des „sozialistischen Lagers". Obgleich die Bedeu- hat.
tung von Elementen stalinistischer Ideologie nicht (Für umfangreichere Informationen, die weniger unterschätzt werden sollte, darf jedoch nicht übergan- Vorkenntnisse voraussetzen als das vorliegende Intergen werden, daß sich hinter den vorgestanzten For- view, sei auf das Februar-Heft von ila, der Zeitschrift meln vom „Marxismus-Leninismus" , die von der der Bonner Informationsstelle Lateinamerika, mit 25 Kommunistischen Partei Kubas (PCC) verwandt wer- Seiten zum Thema „Kuba: 30 Jahre Revolution" hinden und sich oft genug anhören wie in Leningrad, gewiesen. [Bezug: ILA, Heerstr.205, 5300 Bonn 1.J) * Seit einigen Jahren scheint sich die | Devisen, denn der Zucker macht knapp wirtschaftliche Lage auf Kuba sehr 75% der Exporte aus. sche Hilfe reduziert worden. Die Vordeutlich verschlechtert zu haben. Das Außerdem sind die Preise der Indu- zugspreise für den Zucker und die Gehat große Auswirkungen auf das politi- strieprodukte gestiegen, wogegen die winne aus dem Re-Export von Erdöl sind sche Leben. Kannst Du uns sagen, wie Preise der Rohstoffe gesunken sind; es zurückgegangen. Gewiß ist die Hilfe der es damit steht? Welche Auswirkungen hat also eine Verschlechterung der Han- UdSSR immer an Bedingungen geknüpft hat die Wende, die die kubanische Füh- delsbedingungen stattgefunden, die Mög- und ungleich gewesen. Aber Gorbarung vollzogen hat? lichkeiten zum Import von Waren, v.a. tschows Politik wirkt sich in einer deutliaus den kapitalistischen Ländern ist ge- chen Einschränkung der Hilfe aus und * Die Lage hat sich in der Tat verlindert; genüber Anfang der 70er Jahre um 30 bis bedeutet zunehmende Schwierigkeiten, es gibt eine sehr gravierende wirtschaftli- 40% zurückgegangen. vor allem für Kuba und Nicaragua. che und soziale Krise. Dafür gibt es meh- Kubas Verschuldung beim Westen ist Zu all diesen Krisenfaktoren kommt rere Gründe. Zuerst einmal sind die Zuk- gestiegen. Die Zinszahlung stellt eine cin weiteres Element hinzu: die Wirtkerpreise auf dem Weltmarkt zurückge- zusätzliche Belastung dar. Zudem sollte schaftspolitik, die seit dem ersten Parteigangen; dies geht auf die Verwendung 1986 die Rückzahlung der Schulden bei tag der PCC [Dezember 1975] befolgt der synthetischen Süßstoffe und die pro- der Sowjetunion beginnen. Fidel Castro wurde; sie richtet sich nach den Wirttektionistische Politik der imperialisti- hat die Streichung der Schulden der schaftsreformen, wie sie in den 60er Jahschen Staaten (USA, EG, Japan) und die Dritten Welt" gefordert, und dieselbe ren in der UdSSR von Liberman und Tra- Subventionen für die Zuckerrübenprodu- Aufforderung hat er bezüglich der Schul- pesnikow vorgeschlagen worden waren. zenten zurück. Die Folge ist eine Verrin- den Kubas an die UdSSR gerichtet. Er hat und wurde unter sowjetischem Druck, gerung der wirtschaftlichen Ressourcen hierauf nie eine öffentliche Antwort er- der während der Einführung des ersten Kubas, insbesondere im Hinblick auf Fünfjahrplanes [1976-1980] ausgeübt 8 INPREKORR 213
261 wurde, ein Jahrzehnt lang durchgeführt. Diese Wirtschaftspolitik hatte auf sozialer Ebene eine verheerende Auswirkung. Die Anwendung des neuen Systems der Leitung und Planung der Volkswirtschaft (SDPE) war von der Zulassung privatwirtschaftlicher Tätigkeit charakterisiert: die Genehmigung freier Bauernmärkte ermöglichte es den Bauern, nachdem sie die staatlich festgesetzten Quoten erfüllt hatten, ihre Produktionsüberschüsse gemäß dem Gesetz von Angebot und Nachfrage zu verkaufen. Dies zielt darauf ab, die Möglichkeit zu schaffen, daß die Nahrungsmittel gekauft werden können, die sonst nicht verfügbar wären, allerdings zu hohen Preisen. Diese erste Maßnahme ist 1986 wieder rückgängig gemacht worden, denn dadurch waren Korruption und Bereicherung hervorgerufen worden, ohne daß aber die Probleme der Nahrungsmittelversorgung gelöst gewesen wären. Zudem hat sie zu einer Zunahme der sozialen Ungleichheit geführt. Fidel Castro hat das Auftreten von neuen „Kulaken"" verurteilt.
Zu den anderen Reformen gehört ein neues Gesetz über das Wohnungswesen. Der Kauf von Privatzimmern und -wohnungen wurde in begrenztem Umfang zugelassen. Dieses Gesetz löste eine zügellose Spekulation, Diebstähle von Baumaterial, Mieterhöhungen usw. aus. Anfang der 80er Jahre gab es einen Anlauf zu einer Preisreform; die Preise der nichtrationierten Produkte wurden freigegeben, die Unzufriedenheit im Volk war groß.
Zwei weitere bedeutsame Reformen sind eingeführt worden: Die eine betrifft die Funktionsweise und die Leitung der Betriebe. Die andere bezieht sich auf die Löhne und hat sich vor allem in den Be- KUBA trieben in einer Aufstaffelung der Lohnhierarchie zugunsten des Leitungspersonals ausgedrückt.
Diese Maßnahmen hält Castro jetzt für außerordentlich negativ. Der Prozeß der Berichtigung (rectificación) der Fehler und negativen Tendenzen" ist offiziell 1986 in Gang gesetzt worden, um die unheilvollen Auswirkungen dieser Politik zu bekämpfen (Korruption, Spekulation, Ungleichheiten). Das SDPE hatte zudem nicht näher an eine Lösung des grundlegenden Problems heranzukommen erlaubt, nämlich die niedrige Arbeitsproduktivität.
Das wahre Problem ist jedoch dies: alles, was den sozialen Zusammenhalt und die Unterstützung der Revolution durch das Volk schwächt, stellt für sie - in Anbetracht der unmittelbaren Nähe des nordamerikanischen Imperialismus eine tödliche Gefahr dar. Das, was heute
KUBA von der castristischen Führung zu Recht in Frage gestellt wird, ist die Wirksamkeit von marktwirtschaftlichen Reformen in einem unterentwickelten Land [mit nichtkapitalistischer Wirtschaft] wie Kuba.
* Die Notwendigkeit des Kurswechsels läßt sich gut begreifen. Sind ausreichend Elemente bekannt, um den neuen Kurs zu beurteilen, der auf Kuba eingeschlagen worden ist? Es ist ja bekannt, daß Castro gegen die Perestroika Stellung bezogen hat. Kannst Du uns hierüber Näheres sagen?
* Sicher ist, daß Fidel Castro marktwirtschaftliche Reformen als Lösung der wirtschaftlichen Schwierigkeiten für Kuba vor dem Hintergrund der Erfahrungen in den letzten Jahren ablehnt. Er wendet sich gegen die prioritäre Verwendung von Marktmechanismen beim Aufbau des Sozialismus, er verurteilt die „neuen Kapitalisten" und den spekulierenden und merkantilen Geist, der die alte revolutionäre Losung ,Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" verkehren würde zu einem „Proletarier aller Länder, bereichert euch!" Er befürwortet eine Wirtschaftspolitik, die auf Voluntarismus und revolutionärem Bewußtsein beruht.
Vor allem aber ist er gegen Glasnost und Gorbatschows Außenpolitik. Ziel der rectificación ist allerdings ebenfalls eine Steigerung der Arbeitsproduktivität; die Wirtschaftsmaßnahmen, die vor kurzem ergriffen worden sind, gehen in diese Richtung. Die 1987 verkündete Sparpolitik kam in einem Sinken der Kaufkraft der Lohnempfänger und in einer Rationalisierung des Verwaltungspersonals in den Betrieben zum Ausdruck, mit der die Wirtschaftsleitung - laut offiziellem Vokabular - „entbürokratisiert" werden soll. Parallel zu dieser Sparpolitik werden Maßnahmen umgesetzt, mit denen bestimmte Privilegien eingeschränkt werden sollen, in deren Genuß die Führungskreise kommen.
In einigen Fällen hat die Mobilisierung der Massen zugenommen. Aber die Politik der rectificación ist auf wirtschaftlicher Ebene noch wenig kohärent, chaotisch. Ihre Zielsetzung ist defensiv und kurzfristig geblieben: keine soziale Basis anwachsen zu lassen, die für die bestehende Ordnung potentiell gefährliche Interessen entwickeln könnte, und die antiimperialistische Mobilisierung aufrechtzuerhalten. Ihre außerordentlich große Schwäche im Vergleich zum Gorbatschowismus ist ihre Unfähigkeit, die Arbeiterdemokratie und eine reale politische Offnung zu entwickeln.
* Wenn Castro von rectificación spricht, stützt er sich vielfach auf die Schriften des Che. Ist das ein wichtiger Punkt und inwiefern?
* Im Augenblick bezieht man sich in der Tat andauernd auf den Che. Dazu muß man sagen, daß dieser Bezug in den 70er • Jahren fast ganz verschwunden war, was der Periode der Annäherung an die UdSSR und der Institutionalisierung der Revolution entspricht. Das SDPE stand im Gegensatz zu den Konzeptionen Ches, der jetzt wieder in Ehren gehalten wird. Seine Schriften werden wieder zur Kenntnis genommen.
Man greift vor allem auf Che zurück, um die, wie sie bei ihm genannt werden, „materiellen Anreize" und die prioritäre Verwendung der Marktmechanismen zu verurteilen; er befürwortete statt dessen ja den Appell an Bewußtsein und beispielhaftes Verhalten, in erster Linie seitens der Führung. Fidel Castro ruft jetzt die Massen auf, er ruft sie auf zu freiwilliger Arbeit, zur Mobilisierung, er appelliert an das Bewußtsein usw. Dies läuft dem zuwider, was von der sowjetischen Führung an Vorstellungen kommt; sie wäre zu einer solchen Politik sowieso nicht imstande. Das macht den ganzen Unterschied zu Kuba aus, und in dieser Hinsicht findet eine Konfrontation statt. Die Debatte ist allerdings noch nicht abgeschlossen. Es besteht eine gewisse Zweideutigkeit; angeführt wird ein Teil des ökonomischen Denkens von Che Guevara. Inwieweit die gesamten Konzeptionen Ches in Fragen der Betriebsleitung und der Lohnpolitik die neue Wirtschaftspolitik prägen werden, ist weniger eindeutig.
* Wie sehen die Konsequenzen für die kubanischen Institutionen, die Organe der Demokratie aus?
* Bislang konnte die rectificación in ciner gewissen Wiederbelebung der Massenorganisationen, vor allem der Gewerkschaften, und in einer — begrenzten, aber realen - Liberalisierung auf kulturellem und künstlerischem Gebiet aus. Es gibt eine gewisse Öffnung: ein großer Teil der politischen Gefangenen ist freigelassen worden. Darüber wird in der [bürgerlichen] Presse kaum berichtet, die aus Anlaß des 30.Jahrestages eine groß angelegte Kampagne gegen die kubanische Revolution führt.
Trotz solcher Liberalisierung und Fortschritte ist dies nicht Glasnost. Fidel Castro ist gegen politischen Pluralismus. Er läßt keine Gelegenheit aus, um sein positives Verhältnis zur Einheitspartei und zum Monolithismus kundzutun. Die Grenzen, die die fidelistische Politik aufweist, bleiben dieselben wie früher: keine Arbeiterkontrolle, eine restriktive Konzeption von sozialistischer Demokratie. Diese Schwäche ist heute noch gravierender, denn das geringe „ökonomische Bewußtsein** der Massen, anders gesagt ihr geringer Arbeitseifer, ist das Gegen-
stück zu den sehr eingeschränkten Entscheidungsbefugnissen, die ihnen zugestanden werden.
* International hat sich die Lage ebenfalls geändert, hauptsächlich seit der Wende, zu der Gorbatschow den Anstoß gegeben hat. Welche Auswirkungen hat das auf Kuba? Über welche Spielräume verfügt die kubanische Diplomatie?
* Vielleicht ist die castristische Gegnerschaft zu Gorbatschows Politik auf dieser Ebene am klarsten und am radikalsten. Die Gorbatschowsche Politik von Verhandlungen, von direkten Abkommen zwischen der UdSSR und den USA, die eine Beilegung der, wie sie es nennen, „Regionalkonflikte" beinhalten; es wird beschönigt, daß es sich um soziale Konflikte und zum Teil, wie in Mittelamerika, um authentische revolutionäre Prozesse handelt. Die politische Rolle Kubas - vor allem gegenüber den Ländern der „„Dritten Welt" — nimmt gemäß der Logik von Gorbatschows politischem „disengagement" ab. Die castristische Politik der Unterstützung der revolutionären Bewegungen in Mittelamerika kann bei den Verhandlungen mit den USA sogar ein Hindernis sein.
Vorher hat Kuba für die Hilfe, die die UdSSR gewährt, dank des Einflusses seiner Politik in der „Dritten Welt" sozusa- ,,Unsere Unterstützung für die kubanische Revolution muß ohne Abstriche weitergehen. "
gen etwas „abzahlen" können. Jetzt aber gehören die revolutionären Prozesse nicht gerade zu dem, waran dem Kreml gelegen ist; die Rolle der kubanischen Revolution relativiert sich.
Demgegenüber ist in Lateinamerika ein wichtiger diplomatischer Durchbruch festzustellen, Kuba wird von sehr vielen Staaten anerkannt. Die wirtschaftlichen und Handelsbeziehungen nehmen zu. Inzwischen gehört Kuba zu zahlreichen lateinamerikanischen Organisationen. Fidel Castros Reisen [zur Amtseinführung neuer Staatsoberhäupter] nach Ecuador und Mexiko [sowie Venezuela] bestätigen diese Annäherung; sie ist ein Resultat der Kampagne für die Schuldenstreichung. Es geht darum, ein Stück weit aus dem US-amerikanischen Schraubstock herauszukommen und andererseits den Druck der UdSSR in Grenzen zu halten. Diese Politik ist oft von Zweideutigkeiten hinsichtlich der lateinamerikanischen Regierungen geprägt, wie die übereilte Anerkennung des über Wahlbetrug zum Amt gelangten mexikanischen Präsidenten zeigt [siehe auch den Artikel von Sergio KUBA
Rodríguez in der vorliegenden Ausgabe von Inprekorr].
* Ist der Rückzug der Kubaner aus Angola ein Ergebnis der Verhandlungen zwischen der UdSSR und den USA?
* Der Abzug der kubanischen Truppen aus Angola hat seine Ursache nicht einfach in sowjetischem Druck. Natürlich ist dies Teil der Abkommen zwischen Reagan und Gorbatschow über die „Regionalkonflikte". Für Kuba gibt es nicht den Schatten einer Möglichkeit, cine militärische Präsenz, die ultramodernes Material und eine beträchtliche Infrastruktur notwendig macht, aufrechtzuerhalten, ohne dafür die Zustimmung der UdSSR zu haben. Gewiß hat Fidel Castro offiziell erklärt, Kuba sei bereit, solange zu bleiben wie nötig. Wenn die UdSSR anders entschieden hat, kann Kuba jedoch nicht bleiben. Allerdings ist die Hilfe, die Kuba der MPLA am Anfang, 1975, gegeben hat, nicht von der UdSSR beschlossen worden. Die Kubaner haben vor der Sowjetunion positiv auf die Aufforderung seitens der MPLA zur Hilfe gegen die südafrikanischen Truppen geantwortet, indem sie (mit der Operation Carlota"*) aus eigenen Mitteln kubanische Soldaten geschickt haben.
Aber der Abzug der kubanischen Soldaten läßt sich nicht nur mit sowjetischen Druck erklären. Die Konsequenzen des Krieges begannen gravierender zu werden: Es waren 50.000 Soldaten in Angola, 300.000 Kubaner haben dort in 13 Jahren in der einen oder anderen Form am Kampf teilgenommen. Die Zahl der Toten und Verwundeten wird auf inzwischen mehrere tausend geschätzt. Es steht fest, daß sich die Last des Krieges vor dem Hintergrund der gegenwärtigen wirtschaftlichen und sozialen Schwierigkeiten vor allem bei der Jugend bemerkbar macht, in der es ohnehin eine Mißstimmung gibt, wie in der jüngeren Zeit einige kulturelle Veranstaltungen gezeigt haben.
* Welche Lehren können wir als Revolutionäre nun — in Anbetracht der wirtschaftlichen Schwierigkeiten Kubas, der Politik der rectificación, der gegenwärtigen Phase der friedlichen Koexistenz - aus den dreißig Jahren kubanische Revolution ziehen? Und welche Pflichten haben wir in bezug auf dieses Land?
* Die kubanische Revolution hat von ihrem Sieg bis zum Ende der 60er Jahre und dem Tod des Che für die Radikalisierung der Jugend im Westen eine große Rolle gespielt. Es war die erste sozialisti-
KUBA sche Revolution in der westlichen Hemisphäre, sie fand nicht unter der Führung einer stalinistischen Partei statt, und sie hat einen äußerst internationalistischen Kurs eingeschlagen, der von Ernesto Che Guevara in so außergewöhnlicher Weise verkörpert wird.
Es ist eine Revolution, die sich ständig auf die Mobilisierung der Massen stützt und die ihren Aufbau in einem sehr egalitüren, sehr solidarischen Geist und auf der Basis bemerkenswerter sozialer Errungenschaften vollzogen hat. Dies erklärt, wieso sie solange Widerstand gegen den Druck des Imperialismus leisten kann.
Nun gelangt sie an einen Scheideweg. Aufgrund der wirtschaftlichen und sozialen Schwierigkeiten und der Fehler, die gemacht worden sind, ist es zu einer Schwächung der bisherigen Errungenschaften gekommen und hat, wie die fidelistische Führung selber eingesteht, ein gewisser Bürokratisierungsprozeß stattgefunden, und dann sind - mit Ausnahme von Nicaragua — natürlich revolutionäre Siege in Lateinamerika ausgeblieben, die dem kubanischen Prozeß neue Impulse hätten geben können. Unter diesen Bedingungen gibt es Elemente, die nicht von dem Willen der Führer selber abhängen. Alleine kann Kuba die Richtung der sowjetischen Politik nicht beeinflussen. Die Widersprüche und der Druck, der auf diesem kleinen Land mit zehn Millionen Einwohnern, einem unterentwickelten Land, lastet, sind beträchtlich; das darf nicht vergessen werden.
Deswegen muß unsere Unterstützung für die kubanische Revolution ohne Abstriche weitergehen. Dies darf uns nicht hindern, all die Aspekte der Politik zu kritisieren, bei denen die Verantwortung bei der [kubanischen] Führung liegt. Das bezieht sich vor allem auf die Funktionsweise der fidelistischen Führung, die nach wie vor in den Augen der Massen legitim ist, die von ihnen unterstützt wird; aber sie funktioniert weiter auf sehr paternalistische Art und Weise: das politische Machtmonopol ist total. Das Fehlen von politischen Entscheidungsbefugnissen und politischer Autonomie der Massenorganisationen liegt auch an der Wurzel von Kubas wirtschaftlichen Schwierigkeiten, insofern die kubanischen Massen nicht mitreden können, keinerlei Mitspracherechte bei den wirtschaftlichen Entscheidungen haben. Solange es keine Kontrollmechanismen gibt, die es den Arbeitenden erlauben, die wirtschaftliche Leitung der Betriebe in die eigenen Hände zu nehmen, sind die Chancen, daß die Lage sich wirklich verbessert, gering. Auch eine politische Öffnung ist nötig, die die Möglich- „Die kubanische Revolution muß Sozialismus und politische Demokratie wieder verbinden. "
keit zu einem Austausch und einer Konfrontation von Ideen zuläßt.
Die Politik der rectificación, der Aufruf zu freiwilliger Arbeit und zur Mobilisierung werden nur unter diesen Bedingungen erfolgreich; sie entsprechen auch dem, was die neue Generation verlangt. Indem Fidel Castro in seiner Rede aus Anlaß des 30.Jahrestages der Revolution die Losung ,,Marxismus-Leninismus oder Tod!" ausgegeben hat, hat er für Kuba eine Avantgarderolle bei der Verteidigung des Sozialismus verlangt und damit implizit eine Herausforderung an Gorbatschow gerichtet. Damit die kubanische Revolution diese Rolle spielen kann, müßte sie Sozialismus und politische Demokratie wieder miteinander verknüpfen. Andernfalls würde die castristische Herausforderung mit einem Fehlschlag enden, der dieses Mal viel gravierendere Konsequenzen hätte als in der Vergangenheit.
Jeannette Habel (Jahrgang 1938) war Mitglied der Jugendorganisation der PCF sowie 1958-60 in der Leitung der Union Kommunistischer Studenten (UEC). Von Oktober 1962 (dem Beginn der „Raketenkrise**) bis 1965 lebte sie vorwiegend auf Kuba; sie schrieb einen längeren Artikel über die Einheit der kubanischen revolutionären Bewegung, der im Sommer 1964 in Sartres Zeitschrift Les Temps Modernes veröffentlicht wurde. Sie unterstützte die antistalinistische linke Opposition in der UEC, die im Dezember 1965 ausgeschlossen wurde und Ostern 1966 die Revolutionäre Kommunistische Jugend (JCR) gründete. Im Februar 1968 sprach sie auf dem Internationalen Vietnamkongreß in Westberlin. Seit einigen Jahren arbeitet sie im Büro des Vereinigten Sekretariats der IV. Internationale.
Noch lieferbar:
20 Jahre kubanische Revolution in der Analyse der IV. Internationale (Schulungshefte der GIM, 1981). 92 S., Format DIN A 4. - 6,00 DM. Bezug: ISP-Verlag, Postfach 11 10 17, 6000 Frankfurt I.
wei organisierte Gruppierungen. die de facto als Fraktionen tungierten, standen der historischen Führung um den Generalsekretär Alvaro Cunhal gegenüber. Als erste hatte die …Gruppe der Sechs" ihre Positionen veröffentlicht. Dazu gehörten sechs prominente Parteimitglieder, insbesondere ein chemaliges ZK-Mitglied, ein früherer Minister und ein Richter des Verfassungsgerichtes.
Ihre Positionen stellten eine globale Alternative zu den Dokumenten, die dem Kongreß seitens der Führung vorgelegt wurden, dar. Doch sie entschieden, nicht nach Porto zu gehen, wobei sie auf den Mangel an Demokratie bei der Vorbereitung des Kongresses hinwiesen. Innerhalb der Partei werden sie zunehmend an den Rand gedrängt.
Die zweite Gruppe wurde später gebildet. Sie nennt sich selbst Dritter Weg". Sie ist eine weitgehend reprasentative Gruppe auschemaligen Studentenführern, Mitgliedern des Europaparlaments, Gewerkschaftern, Journalisten, Intellektuellen und zahlreichen Arbeiterinnen und Arbeitern. Diese Gruppe schaffte es sogar, auf einer Sitzung der Intellektuellenzelle in Lissabon eine Mehrheit zu gewinnen, und kam insgesamt auf 30 bis 50 Delegierte (theoretisch lautet das Verhältnis 1 Delegierte(r] auf 100 Mitglieder). Es ist eine heterogene Gruppe, die durch die Kritik am bürokratischen Zentralismus vereint wird, doch sehr unterschiedliche politische Positionen umfaßt. Einer ihrer bekanntesten Wortführer, der Europaabgeordnete Barros Moura, war der erste, der sich deutlich von der anfänglich unversöhnlichen Opposition der PCP gegenüber dem Gemeinsamen Markt absetzte. Er nahm eine positive Haltung zur Integration Portugals in die EG ein. Diese neue Position wurde zuerst von dem mit der PCP verbundenen Gewerkschaftsverband CGTP angenommen und dann schließlich von der PCP selbst. Bei dieser Gelegenheit hat im übrigen die Leitung der PCP ihre große Fähigkeit demonstriert, die rechtesten Positionen der parteiinternen Kritik in ihre Linie zu integrieren.
Andererseits haben haben andere Vertreter des „Dritten Weges" eine sehr interessante Kritik an dem von Cunhal vertretenen Konzept geübt, nach dem die portugiesische Revolution ein fortlaufender Prozeß sei, der seit 1974/75 ununterbrochen vonstatten gehe. Dies ist offensichtlich eine wesentliche Frage. Diese Position kann radikal und überraschend scheinen, doch die PCP-Führung hat an die Stelle einer politischen Analyse die Logik einer belagerten Festung gesetzt. Tatsächlich leugnet Cunhal die Tatsache, daß Portugal heute eine bürgerliche PORTUGAL