Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Irland

Republikanisch und feministisch

Inprekorr Nr. 210, Dezember 1988 · S. 12-14 · 2.127 Wörter

Frauen Irland

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und feministisch Grundlagen zum Zusammenhang von Mar- Interview mit SUE PENTEL

Das Zusammenspiel zwischen dem Kampf um Bürgerrechte und xismus und Feminismus - Frauen in der den Aktivitäten der organisierten feministischen Bewegung', das in Automationsarbeit - Der unstrittene 'Bielefelder Ansatz' - Die Familie Irland existiert, ist das Thema eines Interviews der revolutionärals Garantin von Unterdrückung und marxistischen Zeitschrift Socialist Outlook mit Sue Pantel, Mitglied Ausbeutung - Rezensionen von People's Democracy, der irischen Sektion der IV.Internationale. Mit Beiträgen von: Frigga Haug, Urte Sue ist ein Gründungsmitglied von Women Against Imperialism Sperling, Sünne Andresen, Ellen Woll, Frank Rentschler u.a.

[Frauen gegen den Imperialismus] und Aktivistin der feministischen sowie Marxismus in Peru: Mariátegui Vorgestellt: José Carlos Mariátequi - Interview mit Hugo Blanco über die Lage in Peru und den peruanischen Marxismus

Mit Beiträgen von: Albert Scharenberg, Carl Wechselberg, Jörg Reinowski Noch erhältlich:

Nr. 2: 'Ole Modernisierung des Konservatismus' und 'Die kommunistischen "Erneuerer" in Frankreich'. 60 S./5,- Nr. 3: 'Die Entwicklung der realsozialistischen Staaten'. 68 S./5,- Sonderheft 1: Antonio Gransci - Politische Theorie des Marxismus. 68 5./5,- In Vorbereitung:

Nr. S: 'Probleme der Politischen Ukonomie'. Vorauss. März 1989, 70 S./5,- Oie Perspektiven erscheinen als unabhängiges Theorieorgan zur Weiterentwicklung linker Politik in der BRO. Umfang Jeweils 60-70 Seiten. Das Einzelheft kostet 5,- DM, Im Abo 4,- DM. Bestellungen an: Ralf Tertilt, Wehrdaer Weg 34, 3550 Marburg, 05421/66628 O Hiermit bestelle ich die Perspektiven, Heft/e _ O Hiermit bestelle Ich das Sonderheft Antonio Gramsei.

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Name, Anschrift, Datum, Unterschrift: * Ist die irische Frauenbewegung eine neue Erscheinung?

* Irische Frauen haben schon immer eine herausragende Rolle in den antiimperialistischen und Arbeiterkämpfen gespielt. Anna Parnell, Maud Gonne, Hannah Sheehy-Skeffington, Constance Markiewicz sind bekannte Namen. Weniger bekannt ist der Einfluß ihrer Arbeit auf den Kampf insgesamt in Organisationen wie der Ladies' Land League, in den Inghinidhe na hEireann [Töchter Irlands] und in Cumann na mBan [Fraueneinheiten der IRA].

Sie waren engagiert in Aktivitäten wie der Wiederbelebung der Gaelic League, der Organisierung des Patriotic Children's Treat [ein Protest gegen den Irlandbesuch von Königin Victoria Ende des letzten Jahrhunderts], dem Aufstand von 1916 und dem Bürgerkrieg.

In dieser Zeit gab es auch eigenständige Kämpfe der Frauen: Die Bewegung für das Frauenstimmrecht wurde von der Irishwomen's Franchise League [Irische Frauenliga für das Stimmrecht] geführt, und die Inghinidhe na hEireann erarbeiteten das erste irische Frauenpapier: Bean na hEireann. Diese Frauengruppe wollte Freiheit für unsere Nation und die Abschaffung aller Ungerechtigkeiten für unser Geschlecht"

Es gab also in Irland in der Vergangenheit aktive Feministinnen. Neu dagegen ist die Breite und die Eigenständigkeit in der Entwicklung der Frauenbewegung, die in den späten 60er Jahren begann. Trotz ihrer Schwächen hatte sie einen starken Einfluß auf die irische Gesellschaft. * Wirkte sich die Teilung des Landes auch auf die Frauenbewegung aus? * Die kurze Antwort lautet: ja. Es ist sehr schwierig, eine Einheit in zwei unterschiedlichen Systemen herzustellen, besonders in einer Situation, in der Frauen unter Beschuß sind.

Im Süden wurden die Frauen auf sozialer und ökonomischer Ebene durch die Sparpolitik der Haughey-Regierung angegriffen; sie wurden besiegt, indem sie Rechte im Reproduktionsbereich verloren. Im Norden sehen sich die Frauen, die in den sechs besetzten Grafschaften leben, einem breiten Spektrum von Problemen gegenüber - Uberfälle, staatliche Repression, Freiheitsberaubung, Armut, schlechte Lebensumstände —, die sich auf den ersten Blick stark von den Problemen der Frauen in den 26 südlichen Grafschaften unterscheiden.

Alle Probleme entspringen jedoch den Folgen der Teilung: der Einfluß der Kirchen im Norden und Süden, die Rückständigkeit der Industrie, Armut und rückständige Lebenseinstellung.

Obwohl sie in so unterschiedlichen Bereichen arbeitet, gelang es der irischen Frauenbewegung, sich unter Einbeziehung aller 32 Grafschaften seit Anfang der 70cr Jahre zu organisieren, einschließlich der reformistischen Kräfte, denen es genügt, im Rahmen der jeweiligen Beschränkungen der zwei Landesteile zu arbeiten. Es gab mehrere nationale Konferenzen, eine

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Initiative für Wiedervereinigung Ende der 70er Jahre und bis zum heutigen Tage nationale Kampagnen wie die Armagh- und „Verteidigt die Kliniken"-Kampagne.? Politisch gesehen hatten die irischen Feministinnen keine andere Wahl, als die Probleme aufzugreifen, die durch die Teilung hervorgerufen wurden: die Entwicklung einer antiimperialistischen Strömung gab ihnen die Möglichkeit, diese für den Aufbau einer alle 32 Grafschaften umfassenden Bewegung von Frauen, die für ihre Befreiung kämpfen, zu benutzen. * Historisch gesehen gab es eine sehr unbefriedigende Beziehung zwischen den Frauen, die außerhalb der republikanischen Bewegung standen und den Feministinnen, die darin mitarbeiteten. Könntest du das kurz erläutern? * Die Beteiligung von Frauen am nationalen Kampf ist Bestandteil dieses Kampfes. Erst als Feministinnen aktiv geworden sind und die Verbindung zu antiimperialistischen Frauen herstellten, hat es gemeinsame Aktivitäten und die Eröffnung der Diskussion gegeben.

Diese Debatten müssen als ein sehr wesentlicher Bestandteil im Entwicklungsprozeß geschen werden. Vielleicht kann die bestehende Spannung am besten als ein Streit über die Prioritäten beschrieben werden: für einen Republikaner ist der Kampf für nationale Befreiung das wichtigste, während für eine Feministin die Priorität im Kampf für die Befreiung der Frau liegt.

Historisch gesehen wurden diese Unterschiede in den verschiedenen Aktivitäten sichtbar - das Wahlrecht, die Armagh- Frauen und die Kampagne zur Verteidigung der Kliniken. Vor der Kampagne um die Armagh-Frauen und der Herausbildung einer alle 32 Grafschaften umfassenden antiimperialistischen feministischen Strömung gab es in einigen Teilen der Frauenbewegung einen hohen Grad an Feindseligkeit gegen die Vorstellung des bewaffneten Kampfes. Während dies heutzutage nur noch unter einigen kleineren Gruppen sogenannter „Feministinnen" so ist, ist die Perspektive vieler Aktivistinnen der 80er Jahre generell gegen die Teilung gerichtet, und sie sind an der politischen Entwicklung der Frauenpolitik in Sinn Fêin interessiert.

Auf produktive Weise können diese bestehenden Spannungen nur in einer autonomen Bewegung gelöst werden, die offen darüber debattiert, wie eine gesamtirische Frauenbewegung aufgebaut werden kann. Die Probleme können weder innerhalb einer Organisation gelöst werden noch durch das Bekenntnis, daß Sozialistinnen den Frauenkampf als integralen Bestandteil des nationalen Kampfes betrachten. Die Verbindungen zwischen der Frauenpolitik und dem täglichen Kampf müssen ständig hergestellt werden — und nur eine starke Frauenbewegung kann dies nachhaltig tun.

* Wie hat sich eine antiimperialistische feministische Bewegung entwickelt? * Diese Strömung entwickelte sich auf der Ebene aller 32 Grafschaften aus der Debatte über die Bedeutung, die die weiblichen politischen Gefangenen in Armagh FRAUENBEWEGUNG für den irischen Feminismus haben. Die Auseinandersetzung wurde von einer Gruppe von Frauen begonnen, die sich Women Against Imperialism [Frauen gegen den Imperialismus] nannte — eine Gruppe, die von Frauen gegründet wurde, die sowohl Feministinnen als auch aktive Antiimperialistinnen waren und die die Bedeutung der führenden Rolle der Frauen bei der Unterstützung der Gefangenen erkannt hatten.

Als Women Against Imperialism in den späten 70er Jahren zu arbeiten begann, waren die meisten Aktiven in den Angehörigengruppen Frauen. Sie gingen auf die Straße, sie machten Blockaden, sie trieben den Kampf vorwärts - und dennoch wurde ihre Frauenrolle ignoriert, so wie die Frauen im Armagh-Knast ignoriert wurden.

Women Against Imperialism zielte darauf ab, die antiimperialistische Bewegung für die Frauenfrage zu öffnen und gleichzeitig die Debatte über Antiimperialismus in der Frauenbewegung zu führen. Im Ergebnis hatte die Debatte um die Armagh-Frauen tiefreichende Auswirkungen auf beide Bewegungen. Die Frauendiskussion in Sinn Féin, die Einrichtung einer Frauenabteilung bei Sinn Fein und die Sympathic für den antiimperialistischen Kampf in der Frauenbewegung waren die langfristigen Ergebnisse.

* Wie hat sich die Debatte über Feminismus und Nationalismus entwickelt? * Diese Debatte ging einher mit der Frage des bewaffneten Kampfes. Früher

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waren aktive Frauenrechtlerinnen mit dem politischen Überleben und der Suche nach Verbündeten beschäftigt. Seit sie cine progressive Einstellung zu Frauen eingenommen hat, ist Sinn Féin in der Lage, in diese Debatte einzugreifen, und Feministinnen in Sinn Féin sind nicht mehr so isoliert.

Unglücklicherweise entwickelte sich die Diskussion, die begonnen hatte, nicht sehr weit, weil die organisierte antiimperialistische feministische Strömung innerhalb der Frauenbewegung während der Hungerstreiks zusammenbrach. Wir von People's Democracy betrachten diese Debatte als grundlegend für die Strategie, eine alle 32 Grafschaften der Insel umfassende Bewegung aufzubauen. Diese Bewegung muß notwendigerweise in der Arbeiterklasse und der antiimperialistischen Bewegung verankert sein.

* Wie ist heute die Haltung der Frauenbewegung zu Armagh/Maghaberry? * Es gibt immer noch einen kleinen Teil der Frauenbewegung, der dem Republikanismus feindlich gegenübersteht. Aber die Stimmung in der Frauenbewegung hat sich in den letzten Jahren grundlegend geändert. Die meisten Feministinnen unterstützen heute im allgemeinen die weiblichen politischen Gefangenen. Als Mairead Farrell in Gibraltar ermordet wurde [6. März 1988], ging eine Welle der Empörung durch die Frauenbewegung. Der Mord ereignete sich, während zur gleichen Zeit in Belfast die internationale Frauenwoche stattfand, als eine große Zahl von Frauen aus ganz Irland nach Maghaberry zog. um mit einer Knastblokkade die dort einsitzenden weiblichen Gefangenen zu unterstützen.

Am Internationalen Frauentag gedachte eine große Versammlung von Feministinnen in Belfasts Queen's University in einer Schweigeminute einhellig Mairead, die eine Studentin dieser Universität gewesen war, als sie erschossen wurde. Eine öffentliche Protesterklärung wurde in der folgenden Woche von Hunderten von Frauen in Dublin unterzeichnet. * Welche Beziehungen haben Feminitinnen zum nationalen Befreiungs kampf?

* Abgeschen von Reformistinnen und sektiererischen Republikanerinnen wird das Recht des irischen Volkes, die Waffen zu ergreifen, generell von Aktivistinnen der Frauenbewegung akzeptiert. Viele dieser Frauen erkennen die Notwendigkeit, gegen die Teilung und für die Wiedervereinigung Irlands zu kämpfen. Es gibt Unterschiede in der Bewertung der Art der Aktionen und der notwendigen Strategie, um den Imperialismus zu bekämpfen, aber für viele Frauen wurde die Notwendigkeit des bewaffneten Kampfes während des Hungerstreiks deutlich, und dadurch bewegte sich die Diskussion innerhalb der Frauenbewegung der frühen 80er Jahre weg von der falschen Frontstellung .,Feminismus kontra Nationalismus** der frühen 70er Jahre. Die aktuelle Diskussion dreht sich vor allem um die Rolle der die Frauen innerhalb des antiimperialistischen Kampfes betref- Mairead Farrell fenden Fragen: wie sollen sich Frauen organisieren; die Bedeutung des Aufbaus ciner autonomen, eigenverantwortlichen Frauenbewegung: die Notwendigkeit für Feministinnen, fortschrittliche Bündnisse aufzubauen. Diese für irische Feministinnen lebenswichtige Diskussion beginnt gerade erst.

Interessanterweise sind es nicht nur Frauen, die diese Fragen diskutieren, diese Debatten werden darüber hinaus in andere Bereiche getragen, wie in Sinn Féin, in die antiimperialistische Bewegung insgesamt, in die Gewerkschaften, in denen sich eine starke feministische Gruppe befindet, und zu einem kleinen Teil auch in die irische Sprachbewegung. * Welche Art von Bewegung kann im Vergleich zu europäischen oder lateinamerikanischen Modellen aufgebaut werden?

* Wegen der starken objektiven Hindernisse, denen sich der irische Feminismus gegenübersieht - die Kirche, die Wirtschaft, die Teilung, der Kampf gegen britische Truppen —, gibt es einen direkten Vergleich zum Feminismus in Lateinamerika!

Der irische Feminismus hat viel mit den kleinen und zersplitterten feministischen Gruppen in Lateinamerika gemeinsam, die oftmals im Schatten heftiger sozialer Kämpfe existieren, in denen Frauen eine wichtige Rolle spielen. Doch trotz allem verdankt der irische Feminismus seine Existenz der Stärke und dem Gewicht der feministischen Bewegung in entwickelten kapitalistischen Ländern. Es kann kein Modell für die Entwicklung des irischen Feminismus geben — wir müssen Erfahrungen anderer Bewegungen auswerten, um unsere eigenen Probleme besser zu verstehen.

Die Antworten sind nicht einfach. Irische Feministinnen stehen einer einzigartigen Kombination von Problemen gegenüber, einige davon erinnern an die der Frauen in der Dritten Welt. verschärft durch die andauernde britische Militärpräsenz. Unsere Strategie muß deshalb auf der realen Situation in Irland aufgebaut werden. Wir können uns nicht damit begnügen, in Zirkeln zusammenzusitzen und auf den massenhaften Ausbruch eines feministischen Bewußtseins wie im restlichen Europa warten; ebensowenig können wir einfach davon ausgehen, daß die Tatsache, daß sich Frauen am bewaffneten Kampf beteiligen, von selbst die Anerkennung der Notwendigkeit der Frauenbewegung bringt. Nur einer unabhängigen Bewegung der irischen Frauen, die sich um ihre eigenen Themen kümmert, wird es möglich sein, ein eigenständiges Entwicklungsmodell herauszubilden, daß auf ciner alle 32 Grafschaften umfassenden. antiimperialistischen Perspektive aufbaut. Anmerkungen:

1. Sue Pentel faße in ihrem Interview alle Frauen(gruppen). die sich mit Frauenthemen politisch-progressiv beschäfti gen, unter die irische feministische Bewegung 2. Damit sollte auf die Situation der weiblichen politischen Gefangenen im britischen KZ Armagh aufmerksam gemacht und diese gleichzeitig unterstützt werden. Bis dahin standen im wesentlichen nur die männlichen Gefangenen als Märtyrer im Mittelpunkt der Knastarbeit. Bei der Klinikkampagne konnte auf die skandalösen Zustände im staatlichen Gesundheitswesen Irlands und Britanniens aufgebaut werden.