Der Aufstand der Jugend von SAID AKLI
Zum ersten Mal seit dem Militärputsch vom verdeutlichen besser als jede Analyse, daß sich zwi- 19.Juni 1965 befand sich Algerien im Belagerungsschen der Masse der Bevölkerung und der herrschenzustand und schoß die Armee in einer Reihe von den Klasse eine tiefe politische Kluft aufgetan hat. Städten auf Demonstranten. Die Brutalität der mili- Am 3.November fand eine Volksabstimmung über tärischen Repression hat für eine Bevölkerung, die eine vom Regime vorgeschlagene Verfassungsändebisher gewöhnlich die nationalen Medien bei der rung statt: laut offiziellen Angaben stimmten 92 Pro- Verurteilung solcher Praktiken erlebte, wenn sie in zent (bei einer Wahlbeteiligung von 83 Prozent) für Israel, Südafrika und Chile stattfanden, ein unvorden Vorschlag des Regimes, der v.a. darin besteht, den Staatsapparat von der Kontrolle durch die wäh- In nur sechs Tagen hat der nationale Aufstand der rend der Unruhen besonders ins Schußfeld geratene algerischen Jugend bereits 500 Tote gekostet (nach Staatspartei Front de Libération Nationale (FLN) offiziellen Angaben 176), Hunderte von Verwundezumindest teilweise zu entlasten. ten und Hunderte von Verhaftungen. Diese Zahlen iemals seit Erlangung der natio- N nalen Unabhängigkeit wurde die herrschende Macht so ernsthaft erschüttert. Dennoch ist es nicht das erste Mal während der zehnjährigen Herrschaft von Präsident Chadli, daß junge Demonstranten gewaltsam die Symbole des Regimes angegriffen haben und mit Rufen wie „Chadli, Mörder!" auf die Straße gegangen sind. Doch haben die vergangenen Demonstrationen nie das Ausmaß eines nationalen Aufstandes angenommen. Nach den Zusammenstößen in Kabylien und den sozialen Kämpfen von 1979-80 hatte sich das Regime das Ziel gesetzt, durch eine Kombination repressiver Maßnahmen mit Versprechungen von einem „besseren Leben"" jede gesellschaftliche Opposition zu unterbinden. Es war dabei teilweise erfolgreich, indem es Kabylien isolierte, die Wiedergeburt der Gewerkschaftsbewegung erstickte und der Agitation der Studenten ein Ende bereitete. Gegen Ende 1982 erlaubte es sich sogar den Luxus, den Aufschwung der fundamentalistischen Bewegung zu stoppen, die es vorher gegen die „kommunistische Bedrohung" benutzt hatte.
Aber es konnte die soziale Opposition niemals vollständig zum Schweigen bringen. Zahlreiche Zusammenstöße zwischen Demonstranten und den Ordnungskräften waren ein regelmäßiges Indiz für das neue politische Kräfteverhältnis zwischen den Massen und der Regierung.
Seit 1982 haben in Algier, Oran und Kabylien Schülerdemonstrationen zu verschiedenen Anlässen stattgefunden, die oft in gewaltsame Schlachten mit den Polizeikräften mündeten. 1983 führte die In den letzten Jahren sind die Fußballsta- Spain lediterranean Se dien zu Arenen für Massenversammlun- Atlantic gen geworden, die es den Sportanhängern Oran ALGIERS Tuniela ermöglichen, politische Losungen ZU Morocco skandieren.
ALGERIA Libya Friedlicher Protest und brutale Staatsmacht
Im Februar 1988 provozierte der Übereifer der Polizei im Stadion von Oran die Gegengewalt junger Leute, was zu länge- Mali Niger ren Straßenschlachten führte. Im Juli stie- Ben die Einwohner der kleinen Bergbaustadt Ouenza an der Grenze zu Tunesien, Entscheidung der Regierung, die Slum- als sie friedlich Wasser forderten, auf die viertel am Rande der großen Städte abzu- traditionelle Brutalität der Polizei. Ihre reißen und ihre Einwohner zwangsweise Demonstration verwandelte sich in einen in ihre Heimatregionen zurückzuschik- wirklichen Aufruhr, bei dem die Dienstken, zu äußerst gewalttätigen und trauma- gebäude des Bürgermeisters, der Partei tischen Zusammenstößen - mit Massen- und der Gewerkschaft in Brand gesteckt demonstrationen in Algier, Annaba und wurden. Constantine. Im April 1985 wurden die Bewohner des historischen Kasbah-Vier- Eine komplette Liste derartiger Ereignisse tels in Algier sechs Nächte lang von der würde eine Menge Raum einnehmen, Polizei angegriffen, weil sie gegen die im denn sie haben jede Region des Landes höchsten Grade gesundheitsgefährdenden erreicht. Diese Demonstrationen begin- Lebensbedingungen und den Mangel an nen im allgemeinen mit elementaren sozi- Wasser protestiert hatten. Im November alen Forderungen, doch die Polizeibruta- 1986 fand ein Studentenstreik für bessere lität und die Arroganz der Regierung ver- Lebensbedingungen statt, der dank der wandelt sie systematisch in äußerst gebrutalen Repression in Constantine und walttätige Zusammenstöße, wobei junge später in Sétif in einen wahren Jugendauf- Leute stets an der Spitze der Gegenattakstand verwandelt wurde. Die Gewalttätig ken stehen. Bisher konnte die Regierung keit der Zusammenstöße, die Angriffe auf die Ordnung durch eine Politik von Zuk- Symbole der Regierung, die Plünderun- kerbrot und Peitsche stets wieder herstelgen großer Läden und die Verteilung von len. Sie kombinierte die Verhaftung Hun- Nahrungsmitteln an die Bevölkerung äh- derter von Jugendlichen, die in Prozeßfarnelte sehr dem, was sich jetzt eine Woche cen schnell verurteilt wurden, mit der lang in Algier und anderswo abgespielt zeitweiligen Befriedigung der sozialen hat. Forderungen - durch die Überschwem-
mung der lokalen Märkte mit den laufenden Konsumgütern, der Erhöhung der Trinkwassermenge oder durch die Verteilung einiger Wohnungen, von Publizität begleitet. Doch trotz der Rückkehr zur Ruhe trägt jeder Zusammenstoß zur Vertiefung des politischen Bruchs zwischen den Massen und dem Chadli-Regime bei. Die Regierung zeigt ihr wahres Gesicht
Niemand kann den bürgerlichen Charakter dieser Regierung länger anzweifeln. Was von seiner populistischen ideologischen Maske, die immer weniger sozialistische Umrisse zeigt, übrigbleibt, läßt keine Illusionen mehr zu. Jedesmal, wenn solche Zusammenstöße erfolgen, werden sie von Einwohnern anderer Regionen mit viel Sympathie betrachtet. Aber nach dem Erfolg der Repression kehrt dieselbe Lehre wie ein Leitmotiv zurück: die Notwendigkeit der Koordination der Massenbewegung. Diese Lehre wird nicht nur von revolutionären Aktivisten verstanden. Sie wird systematisch und bewußt auf der Ebene der Massen ausgedrückt, weil die Isolierung und Zersplitterung der Mobilisierungen die Hauptstärke der Repression ist.
In diesem Sinne ist der Oktober 1988 nur das Ergebnis eines langen Lernprozesses bei Straßendemonstrationen und Zusammenstößen mit den Ordnungskräften für junge Leute, die zumeist nach 1962 geboren wurden und ein Vierteljahrhundert in einem Klima gelebt haben, in dem jede soziale Opposition und jeder demokratische Ausdruck erstickt wurden. Der Aufstand der algerischen Jugend kondensiert alle Lehren und Erfahrungen, die im Laufe der letzten Jahre angesammelt wurden. Seine Stärke liegt vor allem in seiner schnellen Ausdehnung auf verschiedene Viertel der Hauptstadt Algier sowie im folgenden auf eine Reihe weiterer Städte wie Oran, Annaba, Sidi Bel Abbes, Mostaganem, Blida u.a. Niemals war eine Protestbewegung so verbreitet wie diese, die sich zu einem echten nationalen Aufstand entwickelte, dessen Gewalt nur noch von seiner Spontaneität erreicht wurde.
Getreu ihrer Tradition sicht die Regierung überall die Arbeit von „Verschwörern"' hinter der Organisierung und Koordination des Aufstands am Werk. Doch die einzige leitende Kraft hinter diesem machtvollen und spontanen Volksaufstand ist die in jeder Region vorhandene allgemeine Unzufriedenheit mit den Versorgungsmängeln, den hohen Lebenshaltungskosten, dem Schwarzmarkt, der Arroganz der Neureichen, die Willkür und die Gewalt der Polizei usw.
Das Chadli-Regime hat die Gründe für die breite Unzufriedenheit vermehrt und die gesellschaftlichen Widersprüche verschärft. Zu Beginn der 70er Jahre, als der Ölpreis fast 40 Dollar je Barrel erreichte und der Dollar alle Rekorde schlug, hatte Algerien beträchtliche Reserven an Devisen und Ressourcen zur Verfügung. Doch durch eine kurzsichtige Wirtschaftspolitik, bei der öffentliche Gelder für prestigeträchtige Aufbauprojekte, unproduktive Importe und die Verschönerung von Gebäuden in den großen Städten ausgegeben und Anstrengungen zur Industrialisierung und Schaffung neuer Arbeitsplätze aufgegeben wurden, wurde dieser Reichtum verschwendet. Das Regime hatte die Wende in der Konjunktur überhaupt nicht vorhergesehen.
Die internationale Wirtschaftskrise brach plötzlich in das Alltagsleben der Algerier ein und überraschte die Regierung völlig unvermutet. Die Sparpolitik, die unter Boumedienne mit den Bestrebungen zur Industrialisierung und ökonomischen Entwicklung des Landes gerechtfertigt worden war, wurde vom Chadli-Regime mit Versprechungen vom „besseren Leben" denunziert. Doch sehr schnell erschien sie mit einem klareren Klasseninhalt und in einer noch härteren Form wieder, da sic keinerlei wirtschaftliches Gegengewicht besaß. Sie traf die Masse der Bevölkerung noch härter, da sie Hand in Hand mit den ersten Resultaten von Chadlis Politik der ALGERIEN
Infitah [Öffnung] einherging, die zur Vergrößerung des in beträchtlichem Ausmaß angesammelten Reichtums der Würdenträger des Regimes, privater Unternehmer und Spekulanten aller Art geführt hatte. Spekulation statt Investition
Die permanente Kampagne zugunsten der „Unternehmerfreiheit" war nicht in der Lage, private Investitionen in die produktiven und Arbeitsplätze schaffenden Sektoren zu lenken, trotz ihrer Präsentierung als die letzte Zuflucht der Nation bei der Vorbereitung auf das Ende des Olbooms und die Überwindung der bürokratischen Verknöcherung des staatlichen Sektors. Die „Retter der Nation blieben grundsätzlich auf leichte Gewinne und spekulative Praktiken aus, die es ihnen ermöglichten, in Rekordzeit beträchtliche Vermögen anzuhäufen, um sie ostentativ für Luxusgüter auszugeben. Diese für die Ära Chadli charakteristische Zunahme von Reichtum kontrastierte immer krasser mit der der Masse der Bevölkerung auferlegten Sparpolitik. Die Infitah ermöglichte eine Preisexplosion und einen florierenden Schwarzmarkt. Warenknappheit kehrte zurück, die Löhne wurden für mehrere Jahre eingefroren, die Unternehmen stoppten alle Neueinstellungen und führten Rationalisierungsmaßnahmen durch, die Jugendarbeitslosigkeit wuchs proportional zu einem Bevölkerungswachstum, das zu den größten in der Welt gehört (850.000 Geburten pro Jahr auf 23 Mio. Einwohner).
Die große Zahl der jungen Leute (75% der Bevölkerung ist jünger als 25), die nach Erreichen der Unabhängigkeit geboren wurden und zunehmend mehr Forderungen an ihre sozialen Erwartungen knüpfen, wurde durch die Sparpolitik besonders hart getroffen. Im Verlauf der Jahre merkten sie, daß ihnen das Chadli- Regime keine Zukunft bieten kann. Was die Ausbildung betrifft, so verlassen 55% die Schule mit einem einfachen Abschluß, und nur 10% erreichen durchschnittlich das Abitur. Jobs für junge Leute werden zunehmend seltener, und es gibt wenig Chancen für sie, eine Unterkunft zu finden, ganz zu schweigen von den anderen legitimen Bedürfnissen, die junge Menschen im ausgehenden 20.Jahrhundert haben.
Die Jugend in vorderster Front Es ist diese Jugend - vom Bildungssystem ausgeschlossen, erwerbslos, auf der Straße oder bei irgendeinem Gelegen-
ALGERIEN heitsjob, schwankend zwischen einer Faszination für die westliche Konsumgesellschaft und dem Versuch, eine ideologische Lücke zu füllen und dabei im Islam die Lösung zu sehen -, die die Speerspitze bei den Auseinandersetzungen bildete.
Anfang September war die Lage besonders gespannt, und sie wurde durch die Auswirkungen der massiven Erhöhung der Nahrungsmittelpreise, einen noch bedrohlicheren Trinkwassermangel und eine wachsende Knappheit an Grundnahrungsmitteln noch weiter verschärft. Sie war auch durch zahlreiche Korruptionsskandale gekennzeichnet, die herunterzuspielen die Presse eifrig bemüht war, nachdem Gerüchte darüber in die Öffentlichkeit gelangt waren. In diesem angespannten sozialen Klima gingen seit Anfang September Gerüchte über einen Aufruf zum Generalstreik für Ende des Monats um.
Am 19.September hielt Chadli eine Rede gegen die Spekulation, die Schröpfung der Konsumenten, Devisenschiebung und Inkompetenz. Aber er griff auch die Gegner seiner liberalen Wirtschaftsreform an. Die Wirkung der Rede war anders, als beabsichtigt war. Sie wurde mehr als eine Provokation gegen die Masse der Bevölkerung betrachtet, angesichts der Tatsache, daß die sozialen Ubel, die Chadli anprangerte, das Produkt seiner Politik waren.
Davon ausgehend genügte ein kleiner Funke, um eine Explosion auszulösen. Abgesehen von seinem nationalen Ausmaß war das Neue an diesem Volksaufstand, daß es die Arbeiterklasse war, die diesen Funken lieferte.
Im November 1986 war das Feuer von einem brutal unterdrückten Studentenstreik ausgelöst worden. Die Solidaritätsbewegung breitete sich schnell auf Studenten in ganz Constantine, auf Schüler und dann auf andere junge Leute aus, die vom Ausbildungssystem ausgeschlossen waren und an der Spitze der gewalttätigsten Straßenschlachten standen. Zwei Tage später verbreitete sich der Aufstand in ähnlicher Form auf Sétif.
Dies schreckte die Regierung auf, und sic erklärte, daß sie sich des explosiven Problems der Jugendarbeitslosigkeit bewußt sei und sofort einige Maßnahmen dagegen vorschlagen würde. Doch diese Jugendrevolte im Osten des Landes fand kein beständiges Echo innerhalb der Arbeiterund Massenbewegungen. Allerdings war die massive Repression der Anstoß für eine politische Verbreiterung der demokratischen Bewegung in bedeutende Sektoren der Intelligenz und begünstigte die Wiedergeburt der politischen Studentenbewegung. Im Oktober 1987 fand ein Generalstreik der Studenten gegen die Auswahlverfahren zu den Universitäten statt. der zur Gründung einer nationalen Koordination autonomer Komitees führte. Neue Kampfbereitschaft der Arbeiterklasse
Andererseits war der Prozeß der Neuformierung der Kampfkraft der Arbeiterklasse viel langsamer. Die Streiks der Hochschullehrer, Krankenhausärzte und der Piloten von Air Algérie waren eine Art Brücke zwischen den Mobilisierungen der Studenten und Intellektuellen und dem Betreten der Szene seitens entscheidender Teile der Arbeiterklasse. Mobilisierungen für die Wiederbelebung von Teilen der Gewerkschaften waren ein Indiz für das seit 1987 gewachsene Selbstbewußtsein der Werktätigen.
Doch das charakteristischste Anzeichen der wachsenden Kampfkraft der Arbeiterklasse waren die Ereignisse in Saida im Februar 1988, als sich in dieser kleinen Stadt ein Streik in einer Fabrik auf die gesamte industrielle Zone ausdehnte, etwas, das noch niemals vorher geschehen war. Die Streikenden marschierten ins Stadtzentrum, wo es ihnen gelang, die lokalen Behörden zu zwingen, cine allgemeine Versammlung zwecks einer öffentlichen Diskussion ihrer Forderungen nach Lohnerhöhungen abzuhalten.
Das zweite wichtige Anzeichen für den Wiederaufstieg der Arbeiterbewegung war ein Streik in der industriellen Hochburg der Société nationale de véhicules industriels (SNVI) in Rouiba (10.000 Beschäftigte). Dort fand im Juli 1988 der erste allgemeine Streik seit der Repression von 1982 statt. Die Streikenden versuchten sogar, in die Stadt zu marschieren.