daran, daß Trotzki die Hauptfigur in allen antitrotzkistischen" Prozessen der dreißiger Jahre war, deren abgekarteter Charakter nicht mehr zu bezweifeln ist, nicht einmal in der UdSSR?
folgten die Kader nichtrussischer Die in den Prozessen von 1936 und kommunistischer Parteien, die oft 1937 gesprochenen Urteile forderten physisch ausgerottet wurden. Die die Verhaftung von Trotzki und sei- Anschuldigungen gegen Trotzki und nem Sohn, Leo Sedow, die vor ein den „Trotzkismus" bildeten die Militärgericht gestellt werden sollten. Grundelemente der „antitrotzkisti- In diesen Urteilen wird Trotzki als schen" Prozesse der dreißiger Jahre. „ein Feind des Volkes" beschrieben, Sie wurden eines der wichtigen Hin- als „Saboteur", „Spion", Verbündernisse bei der Vereinigung antifa- deter der Faschisten", als schuldig schistischer Kräfte. Sie spielten eine der Verletzung der territorialen Inteunglückselige Rolle im spanischen grität der Sowjetunion usw. Seine Bürgerkrieg. Nach dem Zweiten Ermordung 1940 und die seines Soh- Weltkrieg waren diese Anschuldigun- nes zwei Jahre zuvor wurden unter gen der Vorwand für die politische dem Vorwand gerechtfertigt. „Ur- Repression und die Schauprozesse in teile eines Gerichtes der Arbeiterklasden sogenannten Volksdemokratien. se" zu sein.
Wir erinnern nicht daran, um über die Daraus folgt, daß die Frage der recht- Widersprüche in Trotzkis historischer lichen Rehabilitierung Trotzkis nicht Rolle oder über die Vielschichtigkeit als zweitrangig betrachtet werden
kann. Da dieses Problem in der Sow- Trotzki und Bogdanow wurden von jetunion nicht gelöst wird, entsteht Lenin mit ironischem Spott als Euroum den Namen Trotzki eine Atmo- päer bezeichnet. Er betonte nachsphäre des Vorurteils und Hasses. die drücklich ihre Fremdheit gegenüber Erfindungen aller Art den Weg ebnet. Rußland und den wirklichen Interes- Diese Atmosphäre wirkt sich auf das sen des russischen Proletariats ... Es Bewußtsein von Leuten aus, die in ist kaum vorstellbar, welches Schickkeiner Weise als Befürworter des sal die europäischen Nationen erlitten Konservativismus oder der Ideen Sta- hätten, wenn in die Hände Trotzkis lins betrachtet werden können. die Macht gefallen wäre, nach der ihn sein Leben lang gelüstete und die er Wenn es nötig ist, auf diese Anomalie mit allen Mitteln anstrebte. " im sowjetischen Denken hinzuweisen, dann darum, weil sie jüngst zu Es ist schwierig, all die bewußten und einer Quelle gefährlicher Tendenzen unbewußten Verdrehungen darzustelgeworden ist, die sich in der sowjeti- len, die in diesen Artikeln und Zitaten schen Presse ausdrücken. Es gibt über Trotzki angeführt werden. Sie Versuche, Trotzki mit Stalin gleich- aufzuzählen und ihnen die Wahrheit zusetzen und ihm tatsächlich die entgegenzuhalten, würde viele Seiten Schuld an Stalins Politik und Taten erfordern. Aber - abgesehen von zuzuschieben. Diese Tendenz hat ein Ausbrüchen des Nationalismus und solches Ausmaß angenommen, dais Antisemitismus - haben die Angriffe sie in der UdSSR selbst Einwände und auf Trotzki eine bestimmte Funktion. Proteste ausgelöst hat. Für die Mehrheit der zitierten Autoren ist Trotzki der historische Vertre- Sehen wir uns dafür einige charakteri- ter des linken Flügels des Bolschewisstische Beispiele an. In Ogonjok, mus. Heißt das, er sei für das verant- Nr. 12, stellt ein bedeutender Gelehr- wortlich gewesen, was Stalin tat? ter, der einen wesentlichen Beitrag Heißt das, Trotzkis Tun sei durch zur neuen Art des Denkens in der ungeklärte Ziele motiviert gewesen? UdSSR geleistet hat.
konnte Trotzki nie leiden. Meiner Die meisten Autoren, die Trotzki an- Meinung nach war er der Stalin von stelle von Stalin anklagen, wollen gestern, und Stalin ist der Trotzki von beweisen, daß Stalin nichts in die Tat heute." In einem Interview der umgesetzt hätte, was nicht schon in Prawda vom 15. April 1988 mit Trotzkis Ideen und Plänen angelegt einem bedeutenden Schriftsteller kön- gewesen sei. Die Beweise für eine nen wir unter anderem lesen: „Die solche These sind dünn. Die fragliendlose Besteuerung, die Zwangsan- chen Autoren verweisen auf die Zeit leihen, die Liquidation der Genossen- des „Kriegskommunismus" (1918schaften, die Beschlagnahme ihrer 1921), in der Trotzki einer der Haupt- Arbeitsgeräte und schließlich Unter- befürworter der Militarisierung der drückung, Erschießungen, Verurtei- Wirtschaft war. Aber das war die Zeit lungen, Exil — das alles war Trotz- des Bürgerkrieges und des Zusamkismus für Millionen von Bauernfa- menbruchs der Wirtschaft. Die absomilien." lute Mehrheit der bolschewistischen Führer jener Zeit, Lenin eingeschlos- Bewußte und unbewußte sen, teilte Trotzkis Ansichten. Verdrehungen
Die Erklärungen zu Stalins „Trotz- In Nr.4/1988 des politisch-literari- kismus* haben darüber hinaus ihre schen Magazins Oktjabr verwendet Wurzeln in der bolschewistischen ein weiterer Gelehrter, ein Professor Partei selbst. In den politischen und Doktor der Philosophie, ein nicht Schlachten Ende der zwanziger Jahre veröffentlichtes Dokument von Ma- beschuldigten jene Vertreter, die xim Gorki, dessen Datierung ebenso- damals die „Rechte" darstellten wenig geklärt wird wie seine Her- Bucharin, Rykow. Tomski und ankunft. Danach soll er gesagt haben: dere - Stalin. trotzkistische"* ..Trotzki ist der Mann, der dem russi- Standpunkte übernommen zu haben. chen Volk und der russichen Ge- Es gab aber auch Erklärungen einiger schichte höchst fremd ist." Vertreter der „Linken", die eine sogenannte Linkswendung Stalins ent- Ein weiteres Magazin (Nasch Sowre- deckten, um ihren Abfall von der linmennik, Nr.3/1988) veröffentlichte ken Opposition zu rechtfertigen. Aber einen weiteren Artikel mit demselben können Argumente dieser Art heute Inhalt. .Männer wie Martow. ! als gültige Beweise gelten? Kürzlich hat ein weiterer Autor auf den Seiten des Kommunist (theoretische Zeitschrift der KPdSU) auf Trotzkis Offenen Brief an die Mitglieder der KPdSU(B) (vom 23.März 1930) verwiesen, um die Ahnlichkeit der Positionen Stalins und Trotzkis zu belegen. Doch was wird in dem Dokument, das uns überliefert ist, gesagt? Es besagt, es sei notwendig, das Abenteurertum und die „totale" Kollektivierung zu beenden und sie durch eine Politik zu ersetzen, die klugerweise Bauern auf der Grundlage ihrer freien Entscheidung in die Genossenschaften aufnimmt, daß es notwendig sei, Kolchosen (staatlich unterstützte Genossenschaften) in Übereinstimmung mit der Schaffung materieller Möglichkeiten für ihr Funktionieren zu schaffen, daß es notwendig sei, die Politik der Enteignung und die Zwangsdeportationen der wohlhabenden Bauern zu beenden und zur Politik der Absorbierung der Kulaken zurückzukehren, was für Jahre die einzig richtige Politik bleiben würde, daß es nötig sei, die Politik der forcierten Industrialisierung zu stoppen, daß es nötig sei, das Problem der Wachstumsraten auf der Basis grundsätzlicher Berücksichtigung der Lebensbedingungen der werktätigen Massen zu lösen, daß es nötig sei, die Qualität zu verbessern und die Inflation zu bekämpfen. All das erfordere eine Revision der unerreichbaren Planziele, die Aufgabe der Vorstellung eines abgeschlossenen, autarken Wirtschaftssystems und die Orientierung auf die Zusammenarbeit im Rahmen eines Weltmarktes.
Bucharin statt Trotzki
Was soll man nun darüber sagen? Trotzkis Stalinkritik unterscheidet sich, zumindest allgemein geschen, nicht sehr von der Kritik der Vertreter des „rechten" Flügels der bolschewistischen Partei Ende der zwanziger Jahre. In ihrer Tendenz unterscheidet sie sich auch nicht sehr von dem, was der Generalsekretär der KPdSU (Gorbatschow) in dieser Hinsicht zum 70. Jahrestag der Revolution sagte. Was führt diese Autoren dazu, Trotzki so scharf anzugreifen, ohne zunächst eine klare Vorstellung von dem zu haben, was sie angreifen? Ist das nur ein Überbleibsel des Stalinismus? Zweifellos kommen verschiedene Dinge zusammen. Trotzki ist ein heikler Punkt in der Geschichte des sowjetischen Kommunismus. Indem
man ihn angreift, kann man, von einem nationalistischen Standpunkt aus, eine ganze revolutionäre Periode des Bolschewismus angreifen, sie als der russischen Nationalgeschichte und der Geschichte des Bolschewismus fremd beschreiben.
Aber offenkundig geht es nicht einfach um eine Wiedererweckung des russischen Nationalismus. Das Problem Trotzki führt zur Suche nach einer Verbindung zur heutigen Reformströmung. Bucharin wird als Vorläufer der gegenwärtigen Reform gesehen. Tatsächlich lagen sich Bucharin und Trotzki zu verschiedenen Zeiten und über verschiedene Fragen des Aufbaus des Landes in den Haaren.
Durch den Angriff auf Trotzki versuchen viele Autoren, Bucharins Positionen und Verdienste aufzuwerten. Doch Bucharin und Trotzki waren- Gegner, nicht nur in gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fragen, sondern auch in der Frage, welche Haltung zu vielen Problemen eingenommen werden sollte, die das Leben in Partei und Staat prägten. Sie drückten unterschiedliche Orientierungen darüber aus. Die eine Linie forderte die unversöhnliche Konfrontation mit Stalin, war für den Bruch mit ihm. Das war die Linie Trotzkis. Die andere neigte dazu, sich an die gegebene Lage anzupassen und mit Stalin zusammenzuarbeiten. Das war die Linie Bucharins.
Nach meiner Meinung spiegeln die Angriffe gegen Trotzki den Wunsch wider, das Nachdenken über diesen zweiten Aspekt der Konfrontation zwischen Bucharin und Trotzki zu vermeiden. Der beste Beweis dafür sind die immer zahlreicher werdenden Versuche in der UdSSR, die Konfrontation zwischen Trotzki und Stalin herunterzuspielen und sie systematisch als einen prinzipienlosen Machtkampf darzustellen.
Es gibt keine einfachen Antworten auf die hier behandelten Fragen, und sie werden auch künftig nicht gefunden werden. Aber diese Probleme gewinnen im sowjetischen intellektuellen Leben eine außerordentliche Bedeutung.
Der Bereich der Fragen zur Einschätzung Trotzkis und des „Trotzkismus* sind das Gebiet, auf dem die konzeptionelle und methodische Kontinuität der Stalinepoche sich am deut- gende Führer des gegenwärtigen lichsten ausdrückt. Dies ist auch das ZK', machte jedoch die Parteimit- Gebiet, auf dem dieses Erbe anfängt. glieder auf ernsthafte negative Biin eine Neuschreibung der Geschichte genschaften eines jeden der beiden zu münden, besonders im Hinblick aufmerksam. Ihre Beziehungen barauf den neuen, aggressiven, russi- gen eine Gefahr für die Partei in schen Nationalismus, von dem das sich, wie auch Lenin vorausgesagt stalinistische Erbe ein wesentlicher hatte. Der Kampf zwischen ihnen. Bestandteil ist. Darin liegt eine große wurde zu einer dramatischen Seite Bedrohung der Zukunft, die nicht un- unserer Geschichte. Nach Lenins terschätzt werden darf. Tod erhob Trotzki maßlose Ansprüche auf die führende Rolle in der TROTZKI Partei. Die Leninsche Einschätzung Trotzkis als selbstsicherer, Trotzki in betrügerischer Politiker, der sich immer herauswinden kann, hat sich bestätigt. In der Emigration