Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Trotzki in der Prawda

· Inprekorr Nr. 209, November 1988 · S. 41-43 · 1.592 Wörter

Trotzki und Geschichte Stalinismus und Bürokratie Sowjetunion IV. Internationale

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der Prawda bekannte sich Trotzki zum Antisowjetismus und Antimarxismus."

Im folgenden ein Kommentar von Cathérine Verla.

Am 9.September veröffentlichte die Prawda einen Abschnitt aus dem Buch des Generalobersten Dimitri

Wolkogonow „Triumph und Tragödie", in dem dieser über die Beziehungen zwischen Stalin und Trotzki CATHERINE VERLA schreibt. Das Buch soll in Kürze in der Sowjetunion erscheinen. Die er Artikel in der Prawda vom Prawda leitete die Auszüge mit fol- • 9. September über Trotzki ist genden Bemerkungen ein (sie sind ein Ereignis: weil es die charakteristisch für die Art, wie Prawda ist und nicht mehr nur die führende Intellektuelle und Funk- nachrangige Presse; weil darin klar tionäre in der Sowjetunion heute und deutlich gesagt wird, daß Trotzki versuchen, mit Trotzki fertig zu nach Lenin der populärste Führer der werden, wenn sie Stalin kritisieren): Revolution war ... bis 1924. Und „Die Menschen weben einen bun- danach? Das ist etwas anderes. Daten. unendlichen Teppich der Ge- nach wandelt sich Trotzki auf wunschichte. 'Die Resultierende des dersame Weise in einen antisowjetihistorischen Prozesses wird durch schen und antimarxistischen Däden Kampf von Charakteren, Lei- mon", der sich, aus dem Exil heraus, denschaften und Intellekten be- „gegen die ehemalige Heimat" kehrt. stimmt. Denn das Leben schreitet in Schließlich kann der Autor des Arti- Widersprüchen voran. Auf der hi- kels, General Wolkogonow, trotz der storischen Bühne standen im Okto- besagten Abweichungen" nicht ber neben W.I.Lenin verschiedene umhin anzuerkennen: Das muß man Menschen, die ungewöhnliche Trotzki lassen: Er brach nicht wie Schicksale, Ansichten und Fähig- viele andere vor der Diktatur Stalins keiten hatten. Einer der Funktio- zusammen. Bis ans Ende seiner Tage näre jener Zeit war Leo Trotzki verehrte er Lenin. " Das ist eine späte (Leiba Dawidowitsch Bronstein), Rechtfertigung für die (zunächst moein ehemaliger Menschewik. Be- ralisch begründete) Bewunderung kanntlich hat Lenin ihn schon 1911 Trotzkis bei jenen, „die die Tatsa- *Judas' genannt. Erst im Sommer chen kennen. Doch diese werden 1917 schloß sich Trotzki den Bol- zugleich von dem Artikel abgestoßen, schewiki an. Trotzki war ein guter weil hier eine neue, offizielle Ge- Publizist, Redner und Organisator. schichtsschreibung versucht wird. Er spielte eine gewisse Rolle im Der Artikel ist ein Auszug aus einer bewaffneten Oktoberaufstand und neuen Stalinbiographie; der genannte später, im Bürgerkrieg, auch als General bekam den Auftrag dazu (ein Volkskommissar für Militär- und General, eher noch ein Mann der Po- Marineangelegenheiten und als lizei, aber kein Historiker; unter Gor- Vorsitzender des revolutionären batschow wurde er zum Chef der Militärrates. In seinem politischen „Glapu", der politischen Führung Nachlaß, dem 'Brief an den Partei- der Armee, also zum Verantwortlitag', bezeichnete Lenin die beiden, chen für die politische Erziehung in Trotzki und Stalin, als 'hevorra- der Armee, gemacht).

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Der Artikel vermittelt ein Bild von Beweggründe dafür in persönlichen Stalin als einem mittelmäßigen Mann, Motiven: im unablässigen der auf den brillanten und talentierten danach, an der Stelle Stalins zu ste- Redner Trotzki, der sich über Philo- hen, um dieselbe Politik durchzufühsophie und Poesie auslassen kann, ei- ren. .. Trotzki kannte Stalin besser als fersüchtig ist, der Anfang der 20cr Kaganowitsch, Molotow, Woroschi- Jahre weniger beliebt ist als Trotzki, low und Malenkow, obwohl er doch Parteilinie* verkörpert.

Dabei hat er zwar gleichzeitig Feh- Trotzki kannte Stalin in- und auswenler und Verbrechen begangen", aber dig, wußte um seine Motive und Absei's drum ... In seinem blinden Haß habe Trotzki gegen Ende seines Lebens „die letzten Tropfen Objektivität Sie saßen also im selben Boot, besser, eingebüßt": „Da er Stalin völlig ab- sie pfiffen aus demselben „Loch"", lehnte, konnte er in ihm nicht das se- wie sich der ,Doktor der Philoso- Sicherlich muß man an diese Bemerhen, was proletarisch und marxistisch phie*, M.P.Kapustin, in einem für kungen und das, was an ihnen neu geblieben war. Trotzki war der Auf- die heutige sowjetische Presse typifassung, daß der Stalinismus nicht schen Artikel in Oktjabr, April 1988, und positiv ist, mit dem Vergrößeeine Gesetzmäßigkeit, sondern eine ausdrückte. Für ihn waren Trotzki rungsglas herangehen; sicherlich er- *historische Anomalie' wäre. Als und Stalin „zwei Bären", der eine so weitert die neue offizielle Linie noch- Trotzki die letzten Tage seines Le- furchterregend wie der andere. In die- mals den Spielraum für eine wirkbens verbrachte und nicht wußte. ser Logik wird Trotzki zum eigentli- liche, unvoreingenommene Betrachtung der Geschichte. Dennoch hält wann das Ende kommen würde, ver- chen Urheber der Politik der Zwangs- sich das in Grenzen. V.Adler von der strickte er sich in einem Irrtum, in- kollektivierung und der forcierten Redaktion von Libération (vom dem er behauptete, daß die UdSSR Industrialisierung gemacht. 12.September) ist der Meinung, die *nur potentiell ein Arbeiterstaat ge- Trotzkis stellten „natür- Anders gesagt, Trotzi, der gestern lich" für die Parteiideologen keinerlei angeklagt wurde, gegen Stalin zu Problem dar, denn das sind ,,historio- Der Artikel bedeutet im Hinblick auf kämpfen, wird heute beschuldigt, ihn graphische Kuriositäten wie die Flug die Geschichte, was die Allunions- inspiriert zu haben und ihm ähnlich maschine von Tatlin*. Das ist die konferenz im Juni für die Demokratie gewesen zu sein. Schließlich ist das Ansicht von Adler. Wäre es auch die bedeutete. Sie legalisiert in gewisser Motiv auch gleichgültig. Wichtig ist, der sowjetischen Führung, müßte Weise (unter Wahrung der Einheit daß er schuldig war. Sicher gibt Wol- man sich fragen, warum sie nicht der Partei) die Vorstellungen über kogonow zu: „Er brach nicht vor der schon längst solch „konstruktivisti- Trotzki, die in den letzten Monaten in Diktatur Stalins zusammen", aber sche Abstraktionen herangezogen der sowjetischen Presse verbreitet Trotzki „liebte sich selbst mehr als hat, um den Widersacher endgültig wurden und dort die Richtung anga- die Revolution". „Der Grund für lächerlich zu machen. Adler kommt ben. Von einer feststehenden, neuen seine Tragödie liegt (also) nicht so zur Schlußfolgerung, Gegner Trotz- Linie zu reden, wäre verfrüht - die sehr im Kampf gegen den Stalinis- kis seien heute eigentlich nur noch Geschichte wird noch neu studiert mus, als im Kampf gegen Stalin, im antisemitische Nationalisten; er hält (man ist versucht zu sagen: die Ge- Kampf um die Macht.* ihn durch solche Artikel bereits für schichte ist wegen Inventur geschlos- Ein Artikel in der Wochenzeitung rehabilitiert. Leider ist dem nicht so. sen; so sind in diesem Jahr an den Argumenti i Fakti vom 20.August

Universitäten die Geschichtsprüfun- breitet sich drei Seiten lang über die- In einem Artikel über „Perestroika gen ausgefallen,... weil es noch keine ses Thema aus, gespickt mit ähnli- und Geschichtskenntnis**, der in einer neue Linie gibt). chen Klischees, Lügen, Halbwahrhei- hochinteressanten Artikelsammlung ten und Unterschlagungen, die einem bedeutender heutiger sowjetischer Der Artikel versucht die Quadratur nicht erlauben, den Inhalt des Kam- Intellektueller erschienen ist (Inowo des Kreises: er ist gefangen in dem pfes von Trotzki überhaupt zu verste- ne dano), analysiert der sowjetische Widerspruch, daß der Autor zum Hier wird sogar behauptet. Historiker Afanasjew, was er das einen die Rolle Trotzkis in der Revo- Trotzki habe sich während des Okto- ,neo-konservative Herangehen" an lution anerkennen will, zum andern beraufstands passiv" verhalten. Trotzki nennt: , Von diesem Standaber seine politischen Vorstellungen punkt ist Trotzki nicht mehr ein Agent und seinen wirklichen Kampf nicht Auch in diesem Artikel wurden posi- des internationalen Spionagenetzes; rehabilitieren will. Er flüchtet deshalb tive Seiten erwähnt, nicht die unwich- er ist 1917 nicht in die Partei eingetrein den „Ausweg"*, Trotzki und Stalin tigsten: ihn zierte ein sympathisches ten, um sie von innen heraus zu zerin einen Sack zu packen, und bedau- Photo Trotzkis mit Rakowski (der stören. Es hat sogar den Anschein, als ert: „Zum großen Unglück der Ge- gerade rehabilitiert wurde) und eine sei er ein talentierter Redner geweschichte und unseres Volkes hat die Bemerkung im Nebensatz: ,,trotz des sen, der 1917 hohe Funktionen bealte Garde, als Lenin nicht mehr war, antisowjetischen Charakters kleidete. Doch im Kern geht es diesen den einen aus seiner führenden Posi- Trotzkismus in den 30er Jahren" und Publikationen nicht darum, die Wahrtion entfernt, den andern aber am „trotz der kleinen Anhängerzahl" heit umfassend wiederherzustellen, Ruder der Partei belassen. Man hätte (das sind wir!) hat der Trotzkismus sondern im Bewußtsein der sowjetiaber beide entfernen sollen." Der „nicht aufgehört", eine „Strömung schen Bevölkerung das Image des Autor bezeugt Trotzkis Kampf gegen der internationalen Arbeiterbewegung Volksfeinds aufrechtzuerhalten, auch Stalin wohl Ehre. Aber er sucht die wenn es retouchiert ist. Schließlich

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wird das Stalinsche Bewertungsmu- wichtig sei. Zufällig hatte die sowjeti- Ermordung 1940 Hauptgegner Staster über diese außergewöhnliche sche Jugendzeitung Komsomolskaja lins, ist bisher von der Rehabilitic- Persönlichkeit, wie Lenin sich aus- Prawda am vorhergehenden Tag rung der Opfer Stalins ausgespart drückte, reproduziert." cinen Appell eines führenden Partei- worden. In seiner Rede anläßlich des mitglieds veröffentlicht, das die Re- 70.Jahrestags der Oktoberrevolution Solcher Art Urteile dürfen in der habilitierung Trotzkis und die Veröf- im vergangenen November hat Gor- Prawda noch nicht geäußert werden, fentlichung seiner Werke forderte. batschow die alten stalinistische Verobwohl diese Zeitung zu erstenmal Icumdungen gegen Trotzki wieder- Afanasjew am 26 Juli dieses Jahres Trotzki, der Gründer der Roten Ar holt, während er gleichzeitig zu einer die Gelegenheit gegeben hat, schwarz mee, der erste Außenkommissar der Neueinschätzung der sowjetischen auf weiß zu schreiben, daß am Stali- Sowjetrepublik und bis zur seiner Vergangenheit aufrief. TROZKI nismus nichts Sozialistisches ist"

Die Unkenntnis der sowjetischen Bevölkerung über ihre eigene Ge schichte wird schnell behoben werden, viel schneller, als die offizielle Rehabilitiert die Opfer Geschichtsschreibung nachkommen kann. Sie wird die Halbwahrheiten der Moskauer und halbherzigen Maßnahmen nicht michr lange zulassen. Trotzki muß ju- Prozesse!

ristisch vollständig rehabilitiert werden. Seiner Familie und all denen, die