IV.Internationale
Vor fünfzig Jahren, am 3.September 1938, wurde in wahrt und somit die Grundlage gelegt, um diese Aufgabe Perigny bei Paris von den Vertretern revolutionär-marxi- unter günstigeren Bedingungen lösen zu können. stischer Organisationen aus elf Ländern die IV. Internatio- Auch heute, fünfzig Jahre später, ist die IV. Internationale gegründet. Ihr Gründungsjahr fiel in die dunkelste nale noch weit entfernt von dem Ziel, das sie sich gesetzt Zeit unseres Jahrhunderts: das Aufkommen des Faschis- hat. Aber sie ist heute in über fünfzig Ländern vertreten, mus und anderer autoritärer bürgerlicher Regime in einer und in einer ganzen Reihe ist sie bereits über das Stadium Reihe von Ländern; in der UdSSR erreichte der stalinisti- einer kleinen Propagandaorganisation hinausgewachsen. sche Terror in den Moskauer Prozessen mit der Vernich- Das Gründungsjubiläum ist für uns Anlaß, Bilanz zu zietung der „alten bolschewistischen Garde" seinen Höhe- hen und zu versuchen, die Frage zu beantworten: ist die punkt; der zweite imperialistische Weltkrieg kündigte IV.Internationale heute - angesichts des Auftauchens sich an. Die Parteien der II. (Sozialdemokraten) und II- neuer revolutionärer Strömungen im nationalen Maßstab .Internationale (Stalinisten) waren nicht in der Lage, der - noch notwendig, brauchen wir überhaupt eine revolu- Arbeiterklasse einen Ausweg zu weisen. Sie waren in das tionäre Masseninternationale? Der nachfolgende Text Lager der bürgerlichen Ordnung übergegangen oder ord- von Ernest Mandel versucht, darauf eine Antwort zu geneten die Interessen des internationalen Proletariats den ben, indem er zeigt, daß Trotzkis These von 1938, nach außenpolitischen Manövern der Kremlbürokratie unter. der „die historische Krise der Menschheit die Krise ihrer Der Aufbau neuer kommunistischer Parteien und einer revolutionären Führung ist", nach wie vor gültig ist. neuen revolutionären Masseninternationale wurde ange- Des weiteren veröffentlichen wir einen kurzen Aufsatz sichts der real existierenden Barbarei des Weltkapitalis- von Czeslaw Wilko zur Geschichte des Trotzkismus in mus zur Tagesaufgabe. Die Kräfte, die sich damals diese Polen, der einen kleinen Einblick gibt über die Bedingun- Aufgabe stellten, waren zahlenmäßig viel zu schwach, gen, unter denen die revolutionären Marxisten ihren um sie auch lösen zu können. Aber ihr Einsatz war nicht Kampf für den Wiederaufbau revolutionärer Parteien fühvergeblich: durch sie wurde die Kontinuität des revolutio- ren mußten, sowie über kleine Erfolge, die bereits damals nären Marxismus über diese schwere Zeit hinweg ge- dabei erzielt werden konnten.
von ERNEST MANDEL inige haben behauptet, die Entschei- E dung. 1938 die IV.Internationale zu gründen, sei durch zwei Voraussagen Trotzkis bestimmt worden, die sich als falsch herausgestellt hätten: erstens die, nach der der drohende II. Weltkrieg in einen gigantischen Aufstieg der Revolution mündete, wobei die traditionellen Arbeiterorganisationen noch mehr an den Rand gedrängt würden, als dies nach dem I.Weltkrieg der Fall war, was somit einer authentischen revolutionären Strömung die Chance eines historischen Durchbruchs brächte; zweitens die, nach der. am Ende dieses neuen Krieges die stalinistische Bürokratie sehr stark geschwächt, wenn nicht gar gestürzt wäre und ihre Kontrolle über die militantesten Sektoren der internationalen Arbeiterklasse und der antiimperialistischen Bewegung verlöre.
Der Ausgangspunkt
Es ist wahr, daß verschiedene Kader der trotzkistischen Bewegung in verschiedenen Landern Ende der 30er und Anfang der 40er Jahre durch derartige Perspektiven inspiriert wurden. Deren Nichtverwirklichung hatte bedeutende Konsequenzen. Viele brachen mit der IV.Internationale, oft sogar mit der Arbeiterbewegung. Andere bemühten sich, ihr revolu- 1938 1988 DER AUFBAU DER tionäres Engagement an eine Weltlage anzupassen, die sehr verschieden war von der, die sie einige Jahre vorher erwartet hatten. Zu diesem Zweck hielten sie eine Revision grundle- - DAS GEBOT gender Aspekte des Programms der Internationale sowohl hinsichtlich der Perspektiven des Kapitalismus als auch des Charakters der Sowjetunion für erforderlich.
Von 1949 bis 1953 erlebten wir die schwerste Krise in der Geschichte unserer Bewegung. Diese Krise mündete in eine unglückliche Spaltung, deren Folgen erst 10 bis 15 Jahre später überwunden wurden: zunächst dank der Wiedervereinigung von 1963 und dann vor allem aufgrund des Aufschwungs vom Mai 1968 und der anschließenden Radikalisierung. Heute ist die IV.Internationale, auch wenn sie immer noch sehr schwach ist, stärker als 1938. 1949-53 oder 1963.
Diese Tatsache würde allein schon genügen, um zu beweisen, daß sich alle vollständig irrten, die der Meinung waren, daß die Gründung der IV. Internationale aus diesem oder jenem Grund mit den oben erwähnten kurzfristigen Perspektiven verknüpft wurde. Die Geschichte hat immer gezeigt, daß jede revolutionäre oder Arbeiterorganisation, sei sie national oder international, die aus konjunkturellen Umständen hervorgeht, auf Sand gebaut und zum Verschwinden verurteilt ist. Allein diejenigen Organisationen, deren Programm und deren Aktivitäten den historischen Erfordernissen entsprechen, die in zahlreichen Kämpfen über Jahrzehnte, wenn nicht über Generationen zum Ausdruck kommen, sind auf einem soliden Fundament errichtet und werden sich schließlich festigen, wenn sie es lernen, sich ihnen bietende Gelegenheiten auszunützen und verheerende Irrtümer zu vermeiden.
Die ersten beiden Internationalen entsprachen dem Bedürfnis der Lohnabhängigen nach Klassenunabhängigkeit, die die Schlüsselforderung des Klassenkampfes bleibt, solange der Kapitalismus existiert. Das ist heute nicht weniger wahr als vor 90 oder 125 Jahren. Die III. Internationale kombinierte diese Forderung mit der Notwendigkeit des revolutionären Sturzes des Kapitalismus in der Epoche des Imperialismus. Auch dies ist heute nicht weniger richtig als 1914 oder 1919.
Die Gründung der IV.Internationale entspricht in ähnlicher Weise historischen Realitäten im Weltmaßstab. Wir müssen wissenschaftlich nachweisen, ohne der persönlichen oder generationsbedingten Ungeduld, der Täuschung oder Entmutigung nachzugeben, ob diese Erfordernisse heute noch ebenso gültig sind wie vor 50 Jahren.
Wenn man auch in den konjunkturellen und polemischen Artikeln Trotzkis unvollständige, ungenaue und sogar irrtümliche kurzfristige Voraussagen finden kann (wie gleichermaßen in den entsprechenden Schriften von Marx, Engels und Lenin, um nicht von ihren Schülern, selbst den talentiersten, zu sprechen), so kann man dasselbe nicht hinsichtlich der wichtigsten programmatischen Texte dieser Periode sagen, wie besonders den drei bedeutendsten: das Übergangsprogramm, das Manifest der IV. Internationale über den imperialistischen Krieg und die proletarische Weltrevolution von Mai 1940 (sein wirkliches politisches Testament) und Verratene Revolution. Das gilt auch für zwei frühere programmatische Werke: die Kritik des Programms der Kommunistischen Internationale (1928) und Die IV.Internationale und der. Krieg (1934) (eine heute noch zu wenig beachtete Arbeit)'. Dies zeigt sich in aller Klarheit in einem entscheidenden Abschnitt des Manifests von 1940 hinsichtlich des zeitlichen Rahmens, in dem die trotzkistischen Perspektiven gestellt werden müssen: „Die kapitalistische Welt hat keinen Ausweg, wenn nicht die verlängerte Agonie als solcher gelten soll. Man muß sich auf viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte von Krieg. Aufständen, kurzen Zwischenspielen des Waffenstillstandes, neuen Kriegen und neuen Aufständen gefaßt machen. Eine junge revolutionäre Partei muß sich an dieser Perspektive orientieren. ... Die Frage der Tempi und der Zwischenpausen ist von ungeheurer Bedeutung; aber sie ändert weder die allgemeine historische Perspektive, noch die Richtung unserer Politik. * (L. Trotzki. Denkzettel, Frankfurt 1981, S.301.)
1938 Die Polarisierung zwischen Besitzenden und Besitzlosen in jedem kapitalistischen Land trotz verfügbarer Ressourcen - ist mit der Polarisierung im Weltmaßstab zwischen relativ reichen und relativ armen Ländern verbunden.
• Die Rebellion der Produktivkräfte gegen die kapitalistischen Produktionsverhältnisse drückt sich auch in periodischen Aufständen menschlicher Produktivkräfte aus, in ungeheuren Explosionen von Arbeiterkämpfen, die die Funktionsweise des kapitalistischen Systems lähmen und objektiv die sozialistische Revolution auf die Tagesordnung setzen. Diese Kämpfe sind nicht bloß normale Bemühungen der Arbeiter und Arbeiterinnen, für ihre unmittelbaren Interessen zu kämpfen. Sie sind auch ein instinktiver Versuch des Proletariats, die Gesellschaft auf einer neuen, sozialistischen Basis zu reorganisieren.
Die durch den dekadenten Kapitalismus/Imperialismus hervorgerufenen grundlegenden Kri- 1988 sen werden nur durch die Eroberung der Macht durch das Proletariat, die Zerstörung des bürgerlichen Staatsapparates und die Errichtung eines Arbeiterstaates überwunden werden können, was in den imperialistischen Ländern die radikale Unterdrückung der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse und in den weniger entwickelten Ländern zumindest den Beginn einer solchen Unterdrückung beinhal- INTERNATIONALE tet.
Im Gegensatz zu allen vorhergehenden sozialen Revolutionen kann die sozialistische Revo- DER STUNDE
Hinsichtlich des Gebrauchs des Wortes „Periode im ersten Abschnitt des Übergangsprogramms läßt sich dasselbe sagen.
Aber die Tatsache, daß die Entscheidung, die IV. Internationale zu gründen, von Trotzki und seinen Anhängern schon 1936 getroffen worden war, ist eine noch eindeutigere Bestätigung für die nicht konjunkturellen Beweggründe für ihre Gründung. Zu dieser Zeit existierte keine unmittelbare Kriegsgefahr, und außer in Deutschland hatte die europäische Revolution noch keine größere Niederlage erlitten. In Spanien und Frankreich war ein Sieg der Revolution möglich, und dies hätte wahrscheinlich den II. Weltkrieg verhindern können, ebenso wie auch die großen stalinistischen Säuberungen von 1936-38.
Die grundlegenden Widersprüche unserer Zeit
Tatsächlich ist die Entscheidung für die Gründung der IV. Internationale schon 1933, als die Komintern aufhörte, eine revolutionäre Organisation zu sein, getroffen worden, so wie Lenin seinen Aufruf für eine dritte Internationale im Augenblick der Kapitulation der sozialdemokratischen Parteien lancierte?. Die Notwendigkeit der Gründung der IV. Internationale ergibt sich aus grundlegenden Widersprüchen, die die Geschichte des 20.Jahrhunderts kennzeichnen und die folgenderma- Ben zusammengefaßt werden können: • Die kapitalistische Produktionsweise befindet sich seit 1914 in ihrer historischen Nicdergangsphase. Die von diesem System geschaffenen gigantischen Produktivkräfte rebellieren periodisch gegen die kapitalistischen Produktionsverhältnisse, die private Aneignungsweise und den Nationalstaat. Dies hat zu einer Reihe von schweren wirtschaftlichen Depressionen, Kriegen und sozialen Explosionen geführt, d.h. zu einer Krise aller fundamentalen gesellschaftlichen Beziehungen der bürgerlichen Gesellschaft. Je länger das dekadente kapitalistische System überlebt, desto mehr drohen diese aufeinanderfolgenden Krisen, die materielle Basis der Zivilisation, ja selbst das physische Überleben der Menschheit zu bedrohen, denn die Produktivkräfte verwandeln sich periodisch in entsetzliche Destruktionskräfte.
Während der Kapitalismus des 20.Jahrhunderts die Resultate des Fortschritts in der Vergangenheit in manchen Regionen der Welt zerstört, blockiert er den Fortschritt in anderen. lution ihre Ziele nur in einer bewußten Weise verwirklichen. Dem entsprechend hängt der Ausgang der aufeinanderfolgenden Wellen explosiver Massenkämpfe nicht einzig und allein vom objektiven gesellschaftlichen Kräfteverhältnis zwischen Kapital und Lohnarbeit ab, sondern auch vom relativen Grad des Klassenbewußtseins des Proletariats und der revolutionären Qualität seiner Führung. Denn letztere haben in der Mehrzahl der Fälle den Anforderungen nicht entsprochen, die meisten Revolutionen des 20. Jahrhunderts endeten in entweder totalen oder zumindest partiellen Niederlagen: ,Die Krise der Menschheit ist die Krise der revolutionären Führung des Proletariats. " So stellt sich das 20.Jahrhundert dar als ein Jahrhundert der Krisen und Kriege, der Revolutionen und Konterrevolutionen. • Die erste im nationalen Maßstab siegreiche sozialistische Revolution, die russische Revolution von 1917, war nur möglich, weil, dank der Führung der bolschwistischen Partei, der Macht der Sowjets und der Errichtung eines Arbeiterstaates, gleichzeitig das brennendste politische Problem des Augenblicks — der Friede — und die grundlegenden Aufgaben der demokratischen Revolution gelöst wurden. Aber die Arbeiterklasse konnte diese Zieleinmitten eines kostspieligen Bürgerkrieges nicht verwirklichen und an ihnen festhalten, ohne zu versuchen, ihre eigene Ausbeutung abzuschaffen, d.h. ohne anzufangen, eine sozialistische Wirtschaft und Gesellschaft aufzubauen. Wenn die Modernisierung und Industrialisicrung der UdSSR spektakuläre Ergebnisse ge-
bracht hat, so wurde der Fortschritt beim Aufbau einer klassenlosen Gesellschaft im allgemeinen gebremst und umgekehrt. Die durch den Stalinismus errichtete politische Konterrevolution führte zum politischen Machtmonopol einer bürokratischen Kaste und zu einer wachsenden sozialen Ungleichheit. Die Arbeiter und Arbeiterinnen haben jede Kontrolle über ihre Arbeitsbedingungen und die Aneignung ihrer Produkte verloren. Diese Bedingungen liefern die materielle Basis für eine Massenrebellion gegen den Stalinismus, für eine antibürokratische politische Revolution als integralem Bestandteil der sozialistischen Weltrevolution.
• Die von den sozialdemokratischen und stalinistischen Parteien sowie Gewerkschaftsführungen durchgeführte Politik hat verhindert, daß die aufeinanderfolgenden Wellen von Massenkämpfen in den 20er und 30er Jahren in siegreiche sozialistische Revolutionen mündeten. Diese Politik drückt, indem sie theoretische Irrtümer widerspiegelt, in letzter Instanz spezifische materielle Interessen aus: die der privilegierten Arbeiterbürokratie. Die Reformisten und Stalinisten - einschließlich der poststalinistischen bürokratisierten Kommunistischen Parteien - ordnen die Interessen der Mehrheit der Werktätigen der Verteidigung ihrer eigenen Privilegien unter. Während sie vorgeben, die „Bastionen" der Werktätigen und die in den Kämpfen gemachten Errungenschaften zu verteidigen, untergraben sie diese Bastionen und Errungenschaften, die man offensichtlich verteidigen muß. Aber diese Verteidigung darf dem Kampf für neue Schritte in Richtung auf die sozialistische Revolution, national wie international, nicht entgegengestellt werden. Von daher die Notwendigkeit, neue Arbeiterparteien zu schaffen.
Diesem objektiven Erfordernis entspricht ein realer Differenzierungsprozeß innerhalb der Arbeiterklasse. Jede aufeinanderfolgende Welle explosiver Kämpfe führt zum Auftauchen von natürlichen Führern der Klasse in den Fabriken, Büros, Wohnvierteln, Gewerkschaften sowie innerhalb als auch außerhalb der Massenparteien. Aber diese potentielle neue proletarische Führung riskiert zu verpuffen, wenn sie sich nicht in der Schaffung neuer politischer Parteien konkretisiert. Sie riskiert gleichermaßen verloren zu gehen, wenn sich die neuen Kader und Führer nicht die Lehren aus über hundert Jahren Arbeiterkämpfe aneignen und Irrtümer wiederholen, die sich leicht vermeiden ließen. Aus diesem Grund ist es notwendig, daß sich die revolutionären Marxisten und Marxistinnen fest in der Arbeiterklasse verankern, besonders in den Avantgardeschichten, und für ihr Programm kämpfen, das die gesamte historische Erfahrung des Weltproletariats verkörpert. Deshalb ist es nõtig, auf dieser Grundlage neue revolutionäre Parteien aufzubauen.
• Die wachsende Internationalisierung der Produktivkräfte in der Epoche des Imperialis mus und die nicht weniger ausgeprägte Internationalisierung des Kapitals und der Arbeiterklasse, die sie beinhaltet, macht den vollendeten Aufbau des Sozialismus in einem Land oder in einer kleinen Anzahl von Ländern 1938 1988 unmöglich. Das bedeutet nicht, daß die sozialistische Revolution in jedem, selbst in einem relativ rückständigen Land isoliert unmöglich wäre oder daß diese Länder nicht mit dem Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft beginnen können. Aber während eines solchen Prozesses werden sie dem ökonomischen, politischen und ideologischen Druck des internationalen Kapitalismus ausgesetzt sein, was sich unvermeidlich in unterschiedlichem Ausmaß in internen Erschütterungen widerspiegeln wird, die Hindernisse auf dem Weg zum Sozialismus sein werden. Die sozialistische Revolution beginnt mit dem Sieg in einem Land, dehnt sich im internationalen Maßstab aus und wird mit dem weltweiten Aufbau des Sozialismus vollendet. Der „Sozialismus in einem Land" ist eine reaktionäre Utopie.
So wie der „Nationalkommunismus" das organisatorische Produkt der Theorie des „Sozialismus in einem Land" ist, ist umgekehrt der Aufbau einer neuen Internationale Ausdruck der theoretischen Einsicht vom weltweiten Charakter des Klassenkampfs in der imperialistischen Epoche. Ohne internationale Organisation des Proletariats werden die nationalen Arbeiterorganisationen noch leichter im Nationalreformismus und Nationalkommunismus versinken. Ohne internationale Organisation des Proletariats werden die Koordination und selbst die Verständigung über den internationalen Prozeß des Klassenkampfs und der Revolution unendlich schwieriger, die Niederlagen schwerwiegender,, die Siege kostspieliger und öfter wieder in Frage gestellt werden. Wir sind überzeugt, daß diese fünf grundlegenden Probleme des 20.Jahrhunderts, die die Notwendigkeit der IV. Internationale begründen, auch heute noch wie vor 50 Jahren die entscheidenden Probleme sind, die es zu lösen gilt.
Der Kapitalismus bietet kein Ausweg
Der prinzipielle Einwand gegen die der Notwendigkeit der IV.Internationale zugrundeliegende theoretische Analyse - die objektive Notwendigkeit der sozialistischen Weltrevolution für die Lösung der Krise der Menschheit - besteht darin, daß diese Analyse die Anpassungsfähigkeit des kapitalistischen Systems (und damit die Möglichkeit eines zumindest partiellen Fortschritts) unterschätze. Wie kann man von der „Agonie" eines Systems sprechen, das von 1948 bis 1968 und sogar 1973 ein außerordentliches Wirtschaftswachstum gekannt hat? Wie läßt sich leugnen, daß es im gleichen Zeitraum in den wichtigsten imperialistischen Ländern, wenn nicht gar in einigen Ländern der sogenannten „Dritten Welt" , eine unbestreitbare Hebung des Lebensstandards, der Qualifikation und der Kultur breiter proletarischer Schichten gegeben hat?? Auf diesen Einwand antworten wir, daß die Kritiker des revolutionären Marxismus und nicht die Marxisten eine ganz und gar unvollständige und partielle Sicht der Welt seit 1938 oder 1948 an den Tag legen. Sie sind es, die sich des Subjektivismus, des Utopismus und sogar der dogmatischen Blindheit schuldig machen.
Nehmen wir an, die Marxisten hätten wirklich die Anpassungsfähigkeit des internationalen kapitalistischen Systems unterschätzt.* Aber dann stellt sich sofort die Frage: Anpassung zu welchem Preis? Kann man die Bilanz der letzten hundert Jahre ziehen und dabei die Hunderte von Millionen Toten des II. Weltkrieges, Auschwitz, Hiroshima, die Millionen von Toten der Kolonialkriege seit 1945, die Hekatomben von Kindern, die in der „Dritten Welt" seit 1945 an Hunger und leicht heilbaren Krankheiten gestorben sind (eine zweifellos höhere Zahl als die der Toten des II. Weltkrieges), vergessen? Diese enorme Masse menschlichen Leids, ist sie ein sekundäres Phänomen? Erscheint das Konzept der Agonie" wirklich so verfehlt angesichts der Wirklichkeit, wenn man sie in ihrer Gesamtheit sieht? Ohne Zweifel verläuft der Niedergang der Zivilisation weder linear noch ist er total. Dies haben ernsthafte Marxisten im Gegensatz zu infantilen Linksradikalen auch nie behauptet. Muß man an den berühmten Ausspruch Lenins erinnern, daß es für den Kapitalismus keine ausweglose Situation gibt? Er muß gestürzt werden. Wird er es nicht, kann er sich immer wieder aus der Affäre ziehen - während einer gewissen Zeit auf Kosten der Ausgebeuteten.S Die Verzögerung der Weltrevolution hat die Nutzung kostbarster Ressourcen des menschlichen Geistes im Dienste des Fortschritts im weitesten Sinne aufgehalten. Aber sie hat diesen Geist nicht außer Kraft gesetzt. Die Wissenschaft und die Erkenntnis der Wirklichkeit machen weiter Fortschritte. Noch werden ihre Früchte nur zum Teil gegen die zerstöreri-
schen Tendenzen der Menschheit und der Natur gerichtet. Diese Früchte werden wir teilweise weiter ernten. Die Verlängerung der Lebenserwartung und der Rückgang der Kindersterblichkeit im Weltmaßstab seit fünfzig Jahren zeugen davon.
Aber diese Fortschritte der Produktion, erkauft durch unzählige Leiden, die ihnen vorausgingen, konnten nur vorübergehend sein, da sie das Produkt eines ökonomischen und sozialen Regimes waren, das von unlösbaren Widersprüchen zerrissen wird. Dem Nachkriegs.,boom" folgte eine neue lange Depression. Die Marxisten waren darüber nicht überrascht wie die reformistischen, neoreformistischen (poststalinistischen) und neokeynesianischen Speichellecker des Kapitalismus. Wir haben diese Umkehrung der Tendenz bereits als unvermeidlich angekündigt, bevor sie faktisch eingetreten ist.
Was bleibt heute noch übrig vom Traum von ,Wirtschaftswachstum, Vollbeschäftigung und sicherem sozialen Fortschritt"? Wo waren und wo sind die wahren Utopisten, wenn nicht im Lager derjenigen, die behaupten, daß der Kapitalismus (pardon, die »gemischte Wirtschaft") fähig sei, dies alles zu sichern? Sie stehen jetzt dumm da, mit 40 Millionen Erwerbslosen in den imperialistischen Ländern, Hunderten von Millionen Erwerbslosen in der ,Dritten Welt" , einem um mindestens 10% gesunkenen Realeinkommen des westlichen Proletariats (mit einer „neuen Armut") und um 30 bis 50% gesunkenen Reallöhnen in der Mehrzahl der abhängigen halbkolonialen und halbindustrialisierten Länder.
Wenn sich der Kapitalismus auch tatsächlich so gut es eben ging an eine Welt hat anpassen können, die durch den Untergang seiner Zivilisation gekennzeichnet ist, so rückt doch der Moment, in dem eine Anpassung nicht mehr möglich ist, immer näher. Es gibt auf allen Erdteilen nur wenige hellsichtige Männer und Frauen, die daran zweifeln, daß eine erneute „Anpassung" durch einen Weltkrieg, die unverantwortliche Entwicklung der Technologie, die Überausbeutung der Dritten Welt" und die Zerstörung der demokratischen Freiheiten (die Folter ist bereits in über fünfzig Ländern zu einer Institution geworden) nicht nur die Zivilisation, sondern das physische Überleben der Menschheit bedroht. Früher lautete die Alternative: „Sozialismus oder Barbarei*; heute lautet sie:„Sozialismus oder Tod". Denn es ist unmöglich, auf lange Sicht diese uns bedrohenden Katastrophen zu vermeiden, ohne Schluß zu machen mit dem egoistischen Verhalten, das sich aus dem Regime des Privateigentums und der Konkurrenz ergibt, der treibenden Kraft der „Doppelmoral", der Unfähigkeit, die Regeln der Solidarität auf die menschliche Gattung in ihrer Gesamtheit auszudehnen.
„Subtilere" Kritiker des Marxismus verurteilen diese Schlußfolgerung als ,,extremen Katastrophismus*. Sie leugnen nicht die Tendenz zur Vermehrung der Krisen (der sozialen wie der ökonomischen, politischen, moralischen und militärischen), was nach 1968 auch 1938 1988 schwierig ist. Aber sie sind nicht der Auffassung, daß diese Krisen notwendigerweise in „endgültigen" Katastrophen münden werden. Sie konnten bisher diesseits des oben erwähnten Moments „aufgehalten" werden. Es gibt eine massive Arbeitslosigkeit, aber sie ist verhältnismäßig geringer als während der „gro- Ben Krise" . Es gibt die „neue Armut", aber die Arbeitslosen sind nicht gezwungen, ihre Betten zu verkaufen, um Brot zu kaufen. Es gibt Hunger in der „Dritten Welt" , doch die Bevölkerung dort wächst dennoch, was beweist, daß die große Mehrheit nicht verhungert. Die wirtschaftliche Depression verlängert und verschärft sich, doch eine ,weiche Landung" sei keineswegs ausgeschlossen. Die Arbeiterklasse ist noch zum Widerstand gegenüber den provokatorischsten Anschlägen des Kapitals fähig, aber sie sei bereits so geschwächt, daß die bürgerlichen Umstrukturierungspläne durchgesetzt werden können. Die Tendenz zum starken Staat verstärkt sich, aber sie wird nicht unbedingt die extreme Form des Faschismus annehmen. „Lokale" Kriege werden häufiger, doch münden sie nicht notwendigerweise in den Weltkrieg.
Ernsthafte Marxisten haben nie die Idee verteidigt, nach der wir uns ständig am Rande des „endgültigen Zusammenbruchs" befinden. Aber der Beweis des Gegenteils kann wohl kaum erbracht werden: nämlich, daß sich in unserem Jahrhundert die sich verschärfenden Krisen niemals plötzlich in Katastrophen verwandelt hätten. Es genügt, sich an die schicksalshaften Daten 1914, 1929, 1933, 1939, 1945 (Hiroshima), 1968 oder 1973 (Umkehrung der Weltkonjunktur) zu erinnern, um festzustellen, daß solche Katastrophen sehr wohl stattfinden. Wir fügen hinzu: sie haben gleichfalls die Tendenz, sich zu verschärfen. vor allem wenn sie hinausgezögert werden. Nichts erlaubt uns zu behaupten, daß sich dies nicht mehr wiederholen wird. Es sind nicht die Marxisten, die mit ihrem „Katastrophismus" „übertreiben", sondern ihre Kritiker, denen es im Lichte der konkreten Erfahrung unseres Jahrhunderts an Realismus mangelt. Wenn der Kapitalismus überlebt, ist die Menschheit verurteilt. Es gibt kaum Fakten, die gegen diese langfristige Tendenz sprechen.
Nur die Arbeiterklasse ist fähig, den Kapitalismus zu stürzen und eine sozialistische Welt zu errichten Außerhalb der Arbeiterklasse in ihrer klassischen Definition' - d.h. die Gesamtheit der Lohnabhängigen, die gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, da sie keinen Zugang zu den Produktionsmitteln oder kein Bigentum an Kapital haben, das es ihnen erlaubte, ohne den Verkauf der Arbeitskraft die Konsumtionsmittel zu erwerben - gibt es nirgendwo eine gesellschaftliche Kraft, die fähig wäre, den internationalen Kapitalismus zu stürzen und eine soziale Ordnung zu errichten, die auf Kooperation und universeller Solidarität begründet ist. Weit davon entfernt, zahlenmäßig abzunehmen oder in ihrer Zusammensetzung heterogener und gespaltener zu sein als 1914, 1939 oder 1954, ist die Arbeiterklasse heute stärker und homogener als während der genannten Jahre.?
Sicher, die Milliarden von Lohnabhängigen, die es heute in der ganzen Welt gibt, sind nicht in jedem Land, in jedem Augenblick zahlreicher oder einander in ihren Arbeits- und Lebensbedingungen näher als zu jedem Moment in der Vergangenheit. Auch die Entwicklung der Arbeiterklasse ist dem Gesetz der ungleichen und kombinierten Entwicklung unterworfen. Die Arbeiterklasse wächst nicht linear; in gewissen Branchen, Regionen und sogar Lăndern geht sie zurück, um in anderen zuzunchmen und sich zu verstärken. Aber es gibt keine Anzeichen dafür, daß die weltweite und langfristige Tendenz abnehmend ist, ganz im Gegenteil.
Bereits die Zahl der Lohnabhängigen in den kapitalistischen Ländern ist im Weltmaßstab (also ohne die VR China) höher als die der Bauern, selbst wenn man die einwohnerstärksten Länder der „Dritten Welt" (Indien, Indonesien, Pakistan) mit einbezieht. Diese historische Veränderung hat sich überdies erst in der letzten Periode vollzogen. Erinnern wir daran, daß beispielsweise zur Zeit der sozialistischen Oktoberrevolution die Lohnabhängigen kaum 20% der aktiven Bevölkerung Rußlands ausmachten und in derselben Epoche die produzierenden Bauern im Weltmaßstab mindestens 75% der aktiven Bevölkerung repräsentierten. Selbst in Europa und den USA, um nicht von Japan zu sprechen, war das Gewicht der Lohnabhängigen während dieser Epoche viel geringer als heute.
Die Tatsache, daß allein das Proletariat über
die Fähigkeit verfügt, die Macht des Kapitals zu stürzen und sie durch eine auf Kooperation und universeller Solidarität begründeten sozialen Ordnung zu ersetzen, bedeutet keinesfalls. daß in den abhängigen halbindustrialisierten Ländern, um nicht von den wichtigsten halbkolonialen Ländern zu sprechen, Verbündete erforderlich sind, um die Macht zu erobern und zu behaupten. Denn selbst wenn sie in diesen Ländern zur Minderheit geworden ist, so stellt die arme Bauernschaft dort doch eine bedeutende, explosive soziale Kraft dar, deren wichtigste Bedürfnisse durch die bestehende Ordnung nicht befriedigt werden können. Das Bündnis der Arbeiter und Bauern bleibt der wesentliche Motor für die Verwirklichung der Strategie der permanenten Revolution, deren Anwendung die Bedingung sine qua non für • die Lösung der Probleme der Unterentwicklung ist.
Außerdem hat die spezifische Kombination von Entwicklung und Unterentwicklung, die kennzeichnend ist für das Auftauchen von abhängigen halbindustrialisierten Länder im Laufe der beiden letzten Jahrzehnte, das Anwachsen einer besonderen sozialen Schicht gefördert: die marginalisierte, halbproletarische Bevölkerung der Städte, die die Elendsviertel bewohnt. Diese Schicht, die oft die Mehrheit in den Metropolen der Dritten Welt (einschließlich der eigentlichen halbkolonialen Länder) darstellt, entscheidet oft den Ausgang kurzfristiger politischer Kämpfe. Sie kann und muß als Verbündete des Proletariats gewonnen werden durch den Kampf für eine Reform der Städte - eine unentbehrliche Ergänzung der Agrarrevolution — und dessen Einbeziehung in die Strategie der permanenten Revolution. Mitunter werden die „neuen sozialen Bewegungen" ins Feld geführt, um die Rolle des Proletariats als das wichtigste, potentiell revolutionäre Subjekt in der heutigen Welt in Frage zu stellen. Sowohl die, die diese „neuen sozialen Bewegungen" über den Klee loben, wie auch die, die sie systematisch verleumden, indem sie sie als „kleinbürgerlich" charakterisieren, haben eine reichlich konfuse Definition vom revolutionären Subjekt.
Eine der Errungenschaften des Marxismus, ohne die dem historischen Materialismus jede Fähigkeit zur Erklärung der Geschichte fehlte. ist gerade der objektive Charakter des Konzepts der „sozialen Klasse". Die Klassen existieren und kämpfen gegeneinander unabhängig von dem Bewußtsein, das sie von ihrer cigenen Klassenlage und ihren historischen Interessen haben (was natürlich nicht heißen soll, daß dieser Bewußtseinsgrad die Entwicklung und den Ausgang der Kämpfe nicht beeinfußt). Die Lohnabhängigen der USA betrachten sich in ihrer Mehrzahl als Teil der Mittelklassen. Das hindert sie nicht daran, oft erbitterte Streiks gegen die Unternehmer zu führen, Streiks, die manchmal härter geführt werden als die klassenbewußterer Lohnabhängiger inanderen Ländern: Sie verhalten sich wie Lohnabhängige, weil sie Lohnabhängige sind, selbst wenn sie sich nicht als solche betrachten. So geschen besteht die große Mehrheit der Teilnehmer und Teilnehmerinnen der .,neuen 1938 1988 sozialen Bewegungen" aus Lohnabhängigen. zumindest in den imperialistischen und abhängigen halbindustrialisierten Ländern. Das ergibt sich quasi automatisch aus der sozialen Struktur dieser Länder, gerade in Anbetracht der Breite der „neuen sozialen Bewegungen"*. Die einzige soziale Gruppe außerhalb des Proletariats, aus der sie massiv rekrutieren könnten, wären die erwerbslosen Hausfrauen oder die Schüler und Studenten. Doch weder in der Antikriegsbewegung noch in der Umweltbewegung, noch in der antirassistischen oder animperialistischen Solidaritätsbewegung sind diese Gruppen in der Mehrheit, weit davon entfernt. Allein die eigentliche Schüler- und Studentenbewegung hat sich bisher als Massenbewegung dem proletarischen Einfluß entzogen.
Die Konfusion hat ihren Ursprung in der Tatsache, daß die „neuen sozialen Bewegungen" organisatorisch und oft ideologisch von der organisierten Arbeiterbewegung getrennt sind - übrigens zumeist durch Verschulden der Arbeiterbewegung, weil diese zögert, wenn nicht gar sich weigert, sich für die Verteidigung der Ziele dieser Bewegungen zu engagieren. Dies führt zu fragmentierten Kämpfen, die zwar sehr breite Mobilisierungen für begrenzte Ziele (.,Einpunktbewegungen*") erlauben, aber auch eine Ablenkung dieser Bewegungen auf reformistische Gleise ermöglichen. Aber man kann nicht ernsthaft die These verteidigen, daß Schüler und Studenten, Hausfrauen und selbst die Bauern der „Dritten Welt" über die ausreichende ökonomische und soziale Schlagkraft verfügen, um die Macht der Bourgeoisie in den wichtigsten Metropolen zu brechen. Sie können sie schwächen. Sie können wertvolle Verbündete der sozialistischen Revolution sein. Das gilt vor allem für die feministische Bewegung, deren emanzipatorisches Potential mehr als die Hälfte der Menschheit betrifft und deren autonome Schlagkraft beträchtlich ist, wobei sie eine bedeutende Fraktion der Lohnabhängigen und eine wachsende Fraktion des Proletariats insgesamt mobilisiert. Aber sie können nicht den Sieg der sozialistischen Revolution sichern. Doch gerade dieser Sieg ist notwendig. wenn die Menschheit überleben soll. Allein das Proletariat ist in der Lage, ihn zu sichern. Jedes andere Projekt für den Sturz des internationalen Kapitalismus ist unrealistisch. Ebenso unrealistisch ist die früher oft vertretene und heute praktisch von niemandem mehr verteidigte Auffassung, nach der der Imperialismus durch die Stärkung des sozialistischen Lagers" in Verbindung mit siegreichen Revolutionen in der „Dritten Welt" gestürzt werden könne. In dem Maße wie diese Hypothese einen seitens des „sozialistischen Lagers" „siegreichen" nuklearen Weltkrieg implizierte, war sie in verbrecherischer Weise unverantwortlich. Sie unterstellte, daß man den „Sozialismus" aus dem Nichts „aufbauen"* könne, anstatt mit lebendigen Männern und Frauen. Wo diese Unterstellung nicht gemacht wird, reduziert sich diese Auffassung auf die These, man könne einen Riesen töten, indem man ihm ein Bein, einen Arm und einige Zehen abschneidet. In Anbetracht der vorhandenen Ressourcen des Kapitals ist dies eine wahrhaft infantile Vorstellung.
Einige erwidern, wenn das Proletariat das einzige potentiell revolutionäre Subjekt sei, das fähig ist, den internationalen Kapitalismus zu stürzen, werde die sozialistische Weltrevolution ein utopisches Ziel bleiben, denn das Proletariat werde sich als unfähig erweisen, eine solche Revolution in irgendeinem fortgeschrittenen industrialisierten Land zu verwirklichen. Tatsächlich hat in der Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung die Weigerung, die potentiell revolutionäre Rolle des Proletariats anzuerkennen, fast immer die Aufgabe jeglicher revolutionären Aktivität und Perspektive nach sich gezogen.
Aber ist es auf der Grundlage der konkreten Erfahrung der letzten fünfzig Jahre wirklich korrekt zu behaupten, daß das Proletariat aufgehört hat, das revolutionäre Subjekt zu sein, wie es Marx vorausgesehen hatte? Als Beweis für diese Auffassung die in den aufeinanderfolgenden revolutionären Krisen erlittenen Niederlagen anzuführen, reicht nicht aus. Nicht nur ist die Zeitspanne zu kurz, um daraus endgültige historische Schlußfolgerungen ziehen zu können®; die Marxsche Analyse der proletarischen Lage selbst implizierte, daß die ersten Wellen proletarischer Revolutionen nahezu unvermeidlich in Niederlagen enden würden. 1° Die korrekte Fragestellung ist eine völlig andere. Man darf nicht von metaphysischen Normen ausgehen, die eine idealisierende Auffassung vom Proletariat und von der proletarischen Revolution voraussetzen, sondern man muß von der wirklichen Bewegung in der Geschichte des wirklichen Proletariats ausgehen. Man muß sich fragen: führen die Millionen
von Lohnabhängigen periodisch (offensichtlich nicht in jedem Jahr und in jedem Land) Kämpfe von einem derartigem Umfang, daß sie die Möglichkeit einer proletarischen Gegenmacht auf die Tagesordnung setzen, d.h. die Verallgemeinerung einer Situation der Doppelherrschaft; führen sie periodisch- Kämpfe, die zum Sturz des bürgerlichen Staates und zur Errichtung der Diktatur des Proletariats im klassischen marxistischen Sinne führen können? Haben diese Kämpfe langfristig die Tendenz, sich auszuweiten oder abzunchmen? Haben sie mehr als in der Vergangenheit die Tendenz, die Macht der Bourgeoisie zu lähmen, oder wächst ihre Fähigkeit, in diesen Kämpfen siegreich zu sein? Orientieren sich die Lohnabhängigen mehr als in der Vergangenheit auf die Übernahme von Fabriken und Kommunikationszentren, oder tun sie dies in geringerem Ausmaß als früher? Zeigen sie mehr als in der Vergangenheit die Tendenz. zur Selbstorganisation und Selbstverwaltung oder immer weniger? Es genügt ein Vergleich der 10 Millionen Streikenden vom Mai 1968 mit den 3 Millionen vom Juni 1936, der 10 Millionen polnischen Arbeiter und Arbeiterinnen 1979-80 mit der halben Million während des Generalstreiks von 1905-06 oder den revolutionären Bewegungen in Polen 1918-20, der Zahl der Teilnehmer der portugiesischen Revolution von 1974-75 mit dem, was sich in diesem Land früher abgespielt hat, um festzustellen, daß zumindest in einer Reihe von Ländern (wir sagen nicht, in allen) die aufsteigende Tendenz unbestreitbar ist.
Sicher, die Breite dieser explosiven Massenkämpfe genügt an sich noch nicht, um den Sieg proletarischer Revolutionen zu sichern. Aber sie ist ausreichend, um diese zu ermöglichen. Doch sobald diese Revolutionen, die einzige Chance für das Überleben der menschlichen Gattung, möglich sind, erscheint die Weigerung, für ihren Sieg zu kämpfen, als unverantwortlich. Es bedeutet buchstäblich, mit der physischen Existenz der Menschheit russisches Roulett zu spielen. Nie war die .,Pascalsche Wette" hinsichtlich des revolutionären Engagements gültiger als heute. Ohne Engagement ist alles von vornherein verloren, und wie sich nicht engagieren, selbst wenn die Erfolgsaussichten nur eins zu 1000 betragen? In Wahrheit sind sie sehr wohl größer.
Ohne antikapitalistische Theorie und Praxis kein Sieg über den Kapitalismus
Die Tatsache, daß Massenkämpfe, die so breit und heftig sind, daß sie objektiv den Sturz des kapitalistischen Regimes auf die Tagesordnung setzen können, nur periodisch ausbrechen, stellt die Marxisten und Marxistinnen vor das Problem der Tagespraxis. Es ist nicht möglich, langfristig eine revolutionäre Aktivität zu verfolgen ohne eine zumindest objektiv revolutionäre Praxis von seiten der Massen. Jeder Versuch einer von den Massen isolierten und für sie unverständlichen revolutionären Praxis hat weitgehend gegenteilige Auswirkungen. Doch andererseits hat jede ausschließlich reformistische Praxis, d.h. eine Praxis, die sich nicht nur 1938 1988 auf das beschränkt, was unmittelbar realisierbar ist, sondern auch auf das, was für die Bourgeoisie akzeptabel ist, drei verheerende Wirkungen.
Sie führt dazu, die Massen fehlzuleiten, sie nicht auf die in unserer Epoche unvermeidlichen schroffen Wendungen der Lage" vorzubereiten und sie in vorrevolutionären und revolutionären Krisen ohne Verständnis dessen zu lassen, was notwendig und möglich ist. Sie führt gleichfalls dazu, die Kämpfe der Massen, die den Konsens mit der Bourgeoisie bedrohen und über den Rahmen des bürgerlichen Staates hinausgehen, objektiv zu bremsen und zu zersplittern, wenn nicht bewußt zu brechen. Sie führt dazu, die Organisationen, die sich selbst auf diesem Weg befinden, zu deformieren, indem sie sie immer weniger befähigt, die Entwicklung des Kapitalismus zu begreifen'? und zur revolutionären Aktion überzugehen, wenn diese möglich wird.
Um dieses wirkliche Problem zu lösen, sind verschiedene Vorschläge gemacht worden. Der Rückzug auf die reine (revolutionäre) Propaganda ist offensichtlich keine Lösung. Eine Organisation, die auf jede Intervention im realen Klassenkampf außer in propagandistischer Form verzichtet, degeneriert fast automatisch zu einer Sekte vom Typ der Zeugen Jehovas. Die ausschließliche Identifikation mit realen, anderswo stattfindenden Revolutionen — die Praxis der Komintern, seit sie von der stalinistischen Fraktion kontrolliert wurde, oder die Praxis der Maoisten - ist auch keine produktive Lösung. Eine solche Identifikation ist nützlich und notwendig als unerläßlicher Bestandteil des proletarischen Internationalismus. Aber sie kann keinesfalls ein laufenues Eingreifen in den Klassenkampf eines jeden Landes, das von seinen objektiven Erfordernissen und den realen Problemen der Massen ausgeht — unabhängig von dem, was in anderen Ländern geschicht →, ersetzen. Die systematische und prioritäre Verankerung in den Massenorganisationen liefert ebenfalls keine ausreichende Antwort auf die Frage. Sicher ist sie unerläßlich. Aber sie führt zum ursprünglichen Problem zurück: Verankerung wofür, für welche Praxis?
Wenn man miteinander kombiniert, was positiv an diesen drei Antworten ist, die deshalb unzureichend sind, weil sie nur Teilantworten darstellen, kommt man einer befriedigenden Lösung näher. Sie läßt sich zusammenfassen in dem, was Trotzki und die IV. Internationale die Strategie der Obergangsforderungen genannt haben.
Indem sie von den unmittelbaren Bedürfnissen der Massen ausgehen, die sich in nichtrevolutionären Situationen zwangsläufig um ökonomische, soziale, politische, demokratische und kulturelle Reformen sowie um die Opposition gegen den Krieg und die Tendenz zum starken Staat usw. drehen, zeigen die Revolutionäre in der Praxis, daß sie die besten Organisatoren dieser Kämpfe sowohl hinsichtlich der Formulierung ihrer Ziele als auch hinsichtlich ihrer Vorschläge zur Aktion sind. Sie bemühen sich, dabei den maximalen Erfolg zu erreichen. Aber sie kombinieren diese Aktivität mit einer systematischen antikapitalistischen Propaganda, die die Massen ständig vor der Illusion eines kontinuierlichen Fortschritts im Rahmen des kapitalistischen Systems oder vor dem unvermeidlichen Risiko des vollständigen oder partiellen Verlustes von Teilerrungenschaften warnt, mit einer Propaganda, die sie auf die unvermeidlichen Krisen und Reaktionen des Kapitals und seines „demokratischen"" Staates vorbereitet und die die notwendigen Antworten auf diese Reaktionen und Krisen entwirft. Diese Antworten gipfeln in Formeln, die die Macht der werktätigen Massen der Macht der Bourgeoisie gegenüberstellen.
Es handelt sich nicht um eine rein literarischpädagogische Aufgabe, obwohl dieser Aspekt der gesamten Strategie keineswegs unterschätzt werden darf. Sie kann den realen Klassenkampf in dem Maße beeinflussen, wie sie stündig die Selbstorganisation der Massen propagiert, von Streikkomitees und Basiskomitees in den Wohnvierteln bis hin zu zentralen Streikkomitees und der nationalen Koordination der Massenbewegungen. Dies ist die unerläßliche Schule der Erfahrung des direkten außerparlamentarischen Kampfes der Massen, ohne die kein globales Hinüberwachsen dieser Kämpfe zu einer Situation der verallgemeinerten Doppelherrschaft und erst recht zur Eroberung der Macht in den hochindustrialisierten Ländern möglich ist. Dies sind Erfahrungen, die auch vor dem Ausbruch vorrevolutionärer Krisen möglich und notwendig sind. Das bedeutet, daß die reformistische und die revolutionäre Auffassung von Politik zumindest im Rahmen der bürgerlich-parlamentari-
schen Demokratie einander ständig entgegengesetzt sind und das unabhängig von der genauen Konjunktur. Für die Reformisten (und Neoreformisten aller Art) besteht Politik ausschließlich aus Wahlen und den Aktivitäten innerhalb der Institutionen des bürgerlichen Staates. Streiks werden als grundsätzlich „ökonomisch"* • ja sogar als unpolitisch angesehen. Das gleiche gilt im großen und ganzen für die anderen Formen der direkten Massenaktion (soweit die Reformisten und Neoreformisten sie nicht von vornherein ablehnen). Demnach müssen sie den wahltaktischen und parlamentarischen Erfordernissen untergeordnet werden. Darin besteht die Grundlage des reformistischen Elektoralismus.
Für die Revolutionäre dagegen bleiben die Aktivitäten im Bereich der Wahlen und des Parlaments, so wichtig sie auch sind", der Selbsttätigkeit und Selbstorganisation der Massen untergeordnet, die die wirkliche auf die Emanzipation der Arbeiter und Arbeiterinnen 1938 proletarischen Revolution möglich und somit auch keine Lösung für die Krise der Menschheit und damit auch keine Zukunft für sie. Die Bürokratie kann keine institutionalisierte sozialistische Demokratie einführen Die im Programm der IV. Internationale behauptete Unabwendbarkeit antibürokratischer politischer Revolutionen ist nach dem II. Weltkrieg durch die Geschichte bestätigt worden. Sie ist nicht länger ein spekulatives Konzept. Die Erschütterungen im Juni 1953 in der DDR. in Ungarn und Polen 1956, in der CSSR 1968-69, in Polen 1980-81 und zum Teil in China während der Periode 1966-78 verleihen ihr immer konkretere Konturen und Inhalte. In der Tat ist eine adäquate wissenschaftliche Analyse der Entwicklung der bürokratisierten Übergangsgesellschaften zwischen Kapitalis- 1988 vorbereitende Praxis darstellt. Diese Emanzipation kann nur das Werk der Arbeiterinnen und Arbeiter selbst sein und nicht das von Parteien und Gewerkschaften - wie unerläßlich ihre Rolle auch sonst sein mag →, schon gar nicht das von Parlamenten und Rathäusern. Die reformistische und die revolutionäre Strategie sind also nicht nur durch die Tatsache einander entgegengesetzt, daß die erste die Unausweichlichkeit, ja sogar die Möglichkeit revolutionärer Krisen ausschließt, sondern vor allem auch durch eine unterschiedliche Praxis im alltäglichen Klassenkampf, selbst in nichtrevolutionären Zeiten. Die erste ordnet mehr und mehr die Verteidigung der Interessen der Werktätigen dem „Schutz der Institutionen" und dem „gesellschaftlichen Gleichgewicht" unter, d.h. der Praxis der Klassenzusammenarbeit. Die zweite verteidigt gegen alles und jede(n) die Interessen der Arbeiterinnen und Arbeiter und die politische Unabhängigkeit des Proletariats, nicht nur gegenüber den bürgerlichen Parteien, sondern auch gegenüber den Institutionen des bürgerlichen Staates. Die kompromißlose Verteidigung aller irgendwo stattfindenden sozialistischen Revolutionen ist ein integraler Bestandteil der Strategie der Übergangsforderungen. Sie ist zunächst eine praktische Aufgabe, denn diese Revolutionen sind im allgemeinen zahlreichen Attacken von seiten des Imperialismus ausgesetzt. Ihre Widerstands- und Überlebensfähigkeit und damit ihr späteres Schicksal hängen zu einem guten Teil vom Ausmaß der internationalen Solidaritätsbewegung als Antwort auf diese Angriffe ab. Mehr als man damals begriffen hat, war Ernesto „,Che" Guevara im Recht, als er sich über die unzureichende Solidarität angesichts der Aggression gegenüber der vietnamesischen (und indochinesischen) Revolution in den 60cr (und nach seiner Ermordung in den 70er) Jahren entrüstete. Denn wenn auch die vietnamesische Revolution am Ende siegreich war, so unter Bedingungen und zu einem Preis, die für ihre Zukunft eine schwerwiegende Hypothek darstellten. Die im übrigen verständlichen psychologisch-ideologischen Reaktionen der „Linken" angesichts der kambodschanischen Katastrophe und der Art und Weise, wie sich die Verhältnisse in Vietnam geändert haben, wären wohl gemä- Bigter ausgefallen, wenn sie die Mitverantwortung der internationalen antiimperialistischen und Arbeiterbewegung für die indochinesische Tragödie in Betracht gezogen hätten. Aber diese Verteidigung ist auch eine Aufgabe zur Hebung des Klassenbewußtseins. Nur Individuen können sich den Internationalismus durch das Studium von Büchern aneignen. Auf der Ebene der Massen entsteht er nur durch wiederholte Praxis. Die aktive Solidarität mit stattfindenden Revolutionen ist nicht die einzige praktische Form des proletarischen Internationalismus. Aber solange die Massen nicht selbst an revolutionären Aktivitäten in ihren eigenen Ländern teilnehmen, ist dies die einzige Art und Weise, das Bewußtsein breitester Schichten über das Verständnis der Revolution als einer grundlegenden historischen Tatsache zu heben. Das ist von wesentlicher Bedeutung für ihre eigene Zukunft.
Angesichts der ungeheuren politischen Erfahrung der Bourgeoisie der imperialistischen Länder und der ökonomischen Reserven, über die sie verfügt, erscheint es ausgeschlossen, daß das Proletariat die Macht ohne ein Bewußtseinsniveau und ohne eine Führung übernehmen kann, die in den Jahren davor vorbereitet werden mußten. Die antikapitalistische Komponente der laufenden Tätigkeit der Arbeiterbewegung ist grundlegend für die Zukunft. Ohne kohärente antikapitalistische Theorie, ohne systematische antikapitalistische Erziehung der Massen, ohne antikapitalistische Praxis revolutionärer Organisationen ist in den imperialistischen Ländern kein Sieg der mus und Sozialismus heute ein integraler Bestandteil des Marxismus. Eine korrekte internationale proletarische Politik ist außerhalb einer solchen Analyse unmöglich. Daher sind die Perspektive der antibürokratischen politischen Revolution und die politische Strategie der Ideologie des „Totalitarismus" und ihre antisozialistische und antikommunistische Analyse und Orientierung einander entgegengesetzt. Die Auffassung, in der UdSSR, in den Ländern Osteuropas und in der VR China hätte die Revolution keinerlei Fortschritt gebracht oder jedenfalls mehr Reaktion und menschliches Elend als Fortschritt, ist angesichts der Tatsachen und ihrer Konsequenzen hinsichtlich des Verhaltens der Massen unhaltbar. Die Auffassung, die Massen seien vollständig terrorisiert, vom Regime vollständig integriert" und demnach unfähig, zu reagieren und ihre Interessen unter welchen Umständen auch immer zu verteidigen, hat sich im Lichte der historischen Erfahrung, einschließlich der in der UdSSR gemachten'*, als ebenso falsch erwiesen.
Ebenso stehen die Perspektive der antibürokratischen politischen Revolution und ihre politische Strategie dem Konzept der engen Parallelität zwischen der politischen Revolution einerseits und der sozialistischen Revolution in den kapitalistischen Ländern andererseits einander entgegen. Diese Parallelität ist die Folge der Theorie, wonach die UdSSR ein kapitalistisches Land sei. Die oben angeführten Ereignisse waren alle durch die Fähigkeit und Schnelligkeit gekennzeichnet, mit der sich die Massen gegenüber der Bürokratie durchsetzen konnten, gerade weil diese keine Klasse ist, weder eine kapitalistische noch eine ,,neue herrschende Klasse" *. Es hat jedesmal der Intervention einer äußeren militärischen Kraft bedurft, um einen raschen und fast kostenlosen Triumph der politischen Revolution zu verhindern. Eine derartige „äußere" militärische Kraft im Verlauf einer möglichen politischen Revolution in der UdSSR ist überhaupt nicht in Sicht; die sowjetische Armee ist es sicher nicht.
Des weiteren steht die Perspektive der antibürokratischen politischen Revolution im Gegen-
satz zur Konzeption, wonach die Bürokratie — oder, was auf dasselbe hinausläuft, die gesunden" Kräfte in den herrschenden KPen — selbst in der Lage sei, ,unter dem Druck der Massen"*, oder dem ihrer eigenen Wahrnehmung der „schlechten" Wirklichkeit, oder aufgrund einer Kombination von beiden, in radikaler Weise ihre eigene Diktatur abzuschaffen, die Gesellschaft und den Staat grundlegend zu demokratisieren und ein Regime der Selbstorganisation und Selbstverwaltung der werktätigen Massen zu errichten, d.h. ein Regime, in dem die wirkliche Macht von souveränen und demokratisch gewählten Arbeiterräten ausgeübt wird, was nach Auffassung der revolutionären Marxisten den Pluralismus politischer Parteien, das Recht der Werktätigen, jeden, den sie wollen, in den Rat zu wählen, sowie das Recht der Gewählten, sich um unterschiedliche Plattformen, in Tendenzen, Fraktionen, Gruppierungen und Parteien ihrer Wahl zu organisieren, voraussetzt. Die gesamte Erfahrung seit dem Machtantritt der stalinistischen Fraktion in der UdSSR bestätigt den trügerischen Charakter dieser Hypothese, wie groß auch immer die wachsenden Differenzen über die Formen der Machtausübung und Herrschaft der Bürokratie in den bürokratisierten Arbeiterstaaten sein mögen. Das bedeutet keineswegs, daß die Bürokratie zur Verwirklichung von Reformen — sogar bisweilen sehr kühnen — nicht fähig sei, wenn ihr Überleben auf dem Spiel steht. (Die imperialistische Bourgeoisie und selbst die Bourgeoisie zahlreicher abhängiger Länder zeigt übrigens die gleiche Eigenschaft.) Denken wir nur an die 1950 von der KP Jugoslawiens eingeführte Arbeiterselbstverwaltung. an die Zugeständnisse der Fraktion Nagy an die Massen in Ungarn 1956 oder an die von der Dubcek-Führung im Sommer 1968 in der CSSR verwirklichten Reformen. Die aktuell in der UdSSR betriebene Politik von Glasnost geht in dieselbe Richtung.
Aber diese Reformen stoßen auf eine unüberwindbare Barriere, wenn sie die materiellen Privilegien der Bürokratie gefährden. Jede wirkliche Souveränität von Arbeiterräten, sogar schon jede uneingeschränkte Wiederherstellung demokratischer Freiheiten für die breiten Massen, neigt dazu. Das ist der Grund, warum über diesen Punkt hinaus (der im allgemeinen auch die Infragestellung des Machtmonopols der KP beinhaltet) die Reformbewegung, selbst wenn sie von einem Flügel der Bürokratie initiiert worden ist, nur überleben kann, wenn sie ihrerseits in eine authentische „Revolution von unten" hinüberwächst, d.h. in mächtige Massenmobilisierungen und das Erscheinen verschiedener Formen der Selbstorganisation des Proletariats und anderer werktätiger Schichten.
Die Wechselwirkung zwischen Rissen innerhalb der Bürokratie - aufgrund innerer Widersprüche des Systems und erster oppositioneller Regungen der Bevölkerung — mit der späteren Entwicklung einer autonomen Massenbewegung gehört zu dem realen Prozeß in Richtung auf eine antibürokratische politische 1938 1988 Revolution, den wir seit 1948 erlebt haben. Die Rolle, die in diesem Sinn die Initiativen zur Entstalinisierung (und Entmaoisierung) spielten - wie jene spektakuläre von N.S.Chruschtschow 1955-56, die nicht nur in dem berühmten „Geheim, bericht auf dem XX.Parteitag der KPdSU bestand, sondern auch in der Freilassung von Millionen politischer Gefangener — ist in derselben Weise zu verstehen.
Die IV. Internationale hat als praktisch einzige Tendenz der internationalen Arbeiterbewegung eine im allgemeinen richtige Sicht dieser gewaltigen geschichtlichen Bewegung gehabt, auch wenn sie sich offensichtlich manchmal mit ihren konjunkturellen Einschätzungen geirrt hat. Dies hat ihr nicht nur eine korrektere Analyse der Entwicklung der fraglichen Länder und der internationalen Lage in ihrer Gesamtheit ermöglicht (besonders während des Koreakrieges, während des Vietnamkrieges und zur Zeit der Hysterie über die „unmittelbar drohende Gefahr des Krieges und der Vernichtung" Anfang der 80er Jahre), sondern es hat ihr vor allem erlaubt, der Solidarität mit den laufenden antibürokratischen Massenbewegungen in den bürokratisierten Arbeiterstaaten (besonders Ungarn 1956, CSSR 1968 und Polen seit 1980) die Bedeutung zu verleihen, die ihr zukommt bei dem Ziel, die bewußte Einheit des Weltproletariats und die bewußte, uneingeschränkte Anwendung der Regel ,,Eine(r) für alle, alle für eine(n) wiederherzustellen.
Es handelt sich vor allem um eine praktische und politische Aufgabe, um eine Pflicht, vor der, von einigen seltenen Ausnahmen abgesehen, alle Arbeiterorganisationen und in jedem Fall alle internationalen Strömungen außer der unseren versagt haben. Doch es handelt sich noch um mehr als das. Es handelt sich darum zu verstehen, daß die antibürokratische politische Revolution ein integraler Bestandteil der proletarischen Weltrevolution ist, in der sie einen außerordentlich wichtigen Rang einnimmt — und sei es nur, weil ein Drittel des Weltproletariats heute in diesen Ländern lebt und an diesen Revolutionen teilnehmen wird. Ihre Bedeutung für die Weltrevolution ist umso größer, als der tiefe Mißkredit, in den der Stalinismus und die poststalinistischen bürokratischen Regime den Kommunismus, den Sozialismus und den Marxismus im allgemeinen geführt haben, heute subjektiv das Haupthindernis für die Massen in den industrialisierten kapitalistischen Länder ist, sich für den Sozialismus zu engagieren.
Deshalb besteht eine objektive Dialektik zwischen dem Fortschritt der antibürokratischen politischen Revolution und dem Fortschritt der sozialistischen Revolution in den imperialistischen Ländern, eine Dialektik, die nach beiden Richtungen hin wirkt. Heutzutage ist kein entscheidender Fortschritt der Weltrevolution vorstellbar ohne die Entwicklung dieser doppelten Dialektik.
Ausmaß und Grenzen der revolutionären Erfolge
Die Vorhersage Trotzkis, nach der der II. Weltkrieg in einen noch größeren revolutionären Aufschwung als der I. Weltkrieg münden würde und dieser Aufschwung sich weitgehend dem Zugriff der traditionellen Organisationen (vor allem der stalinistischen Parteien) entziehen würde, hat sich als nicht richtig erwiesen. Aber sie wurde durch den realen Gang der Geschichte auch nicht vollständig widerlegt. Es gab einen revolutionären Aufschwung. besonders in Italien und Frankreich, aber er war begrenzter als erwartet. Es gab neue siegreiche Revolutionen, aber nicht in Ländern mit überwiegendem Industrieproletariat. Diese Revolutionen sind - mit Ausnahme der kubanischen - von Parteien stalinistischen Ursprungs angeführt worden, die jedoch dazu gebracht wurden, mit dem Stalinismus zu brechen, um diese Revolutionen anführen zu können. Diese siegreichen Revolutionen haben die Krise sowohl des imperialistischen Systems als auch des Stalinismus vertieft, aber weder zum Sturz des einen noch des anderen geführt. Das ist der allgemeine historische Kontext der Periode vom Ende des II. Weltkrieges bis zum Mai 1968. Dieser Kontext hat die IV. Internationale mit theoretischen und organisatorischen Problemen konfrontiert, die mehr noch als ihre teilweise irrtümlichen konjunkturellen Vorhersagen Quelle von Krisen in der Periode 1948-53 gewesen sind. Insbesondere die Bestimmung des Charakters der jugoslawischen, chinesischen und vietnamesischen Revolution selbst, der Parteien, die sie anführten, sowie ihrer Entwicklung hat zu schwerwiegenden Streitigkeiten innerhalb der internationalen trotzkistischen Bewegung geführt, Streitigkeiten, die zum Teil ihre Einheit bis heute verhindert haben.
Maße davon ab, wie man den Stalinismus defi- Die Antwort auf diese Frage hängt in starkem 1938 niert. Wenn sie materialistisch sein soll und fung nicht existiert hat!). Eine soziale R nicht ideologisch**, bedeutet Stalinismus die Unterordnung der Interessen des Proletariats lution ist durch eine grundlegende Verär rung der Eigentums- und Produktionsverh unter die einer privilegierten Bürokratie. Es ist und der Revolution jedes gegebenen Landes leugnen, daß eine solche Veränderung in nisse gekennzeichnet. Kann man ernstl klar, daß die KPen Jugoslawiens, Chinas und goslawien, China und Vietnam stattgefun Vietnams durch den revolutionären Sturz der hat? Des weiteren ist eine soziale Revoluti alten besitzenden Klassen die Interessen des durch die Zerstörung der Macht einer he gen Länder nicht den Interessen der sowjeti- Proletariats und der Revolution ihrer jeweili- ernsthaft behaupten, schenden Klasse gekennzeichnet. Kann m schen Bürokratie untergeordnet haben. Es ist China und Vietnam die Macht heute von d gleichfalls klar, daß sie sie auch nicht denen selben Klasse ausgeübt wird wie 19402 A der privilegierten júgoslawischen, chinesi- welche Tatsache läßt sich die Behauptur schen oder vietnamesischen Bürokratie unter- gründen, daß sich heute das Kleinbürgertum geordnet haben, die es zu diesem Zeitpunkt d.h. die Bauern, die Handwerker, sogar d nicht gab. Deshalb haben diese Parteien in dem „kleinbürgerlichen Intellektuellen" — in di Augenblick aufgehört, stalinistische Parteien sen Ländern als Klasse an der Macht befinde auf die revolutionäre Eroberung der Macht an zu sein, als sie sich entschieden hatten, Kurs Aber sobald man anerkennt, daß es durchwe soziale, antikapitalistische Revolutionen sind der Spitze einer Massenbewegung zu nehmen. Die kindischste Antwort auf die unvorhergese- kratisierter Übergangsgesellschaften und zu die zur Entwicklung neuer, wenn auch büro hene Wendung der Ereignisse bestand in ihrer Schaffung neuer bürokratisierter Arbeiterstaa leugnen, daß es eine soziale Revolution von Leugnung. Einige sind so weit gegangen zu ten (diese beiden Begriffe sind für uns Syno nyme) geführt haben, ergibt sich ein andere: unerreichtem Ausmaß in China gegeben hat. Andere gaben allenfalls zu, daß es so ètwas 1988 nicht die" reine proletarische Revolution wie eine" Revolution gegeben hat, aber da es war, die man erwartet hatte, war es keine Bruchs mit dem kapitalistischen und imperiali- „wirkliche" soziale Revolution im Sinne des stischen System. Es war die Eroberung der Macht durch den ,,kleinbürgerlichen Nationaschende Klasse" (die vor ihrer Machtergrei- lismus", ja sogar durch eine „neue herr- *der Stalinismus sei in den kapitalistischen Län- theoretisches Problem. Trotzki hatte gesagt, dern endgültig auf die Seite der bürgerlichen destens drei authentische Volksrevolutionen, Ordnung getreten. Hier haben wir jedoch mineinschließlich der Mobilisierung von Milliovon Parteien stalinistischen Ursprungs ange- nen von Männern und Frauen, die durchweg führt worden sind. 15 Hatte sich Trotzki also geirrt? Mußte die gesamte traditionelle Ananale revidiert werden? lyse des Stalinismus durch die IV. Internatio- Mehr noch: sie haben die Macht nur erobern können, weil sie in Theorie und Praxis mit sich dem Stalinismus gebrochen hatten, weil sie geweigert hatten, den revolutionären 4 rien* des Kremls unterzuordnen, und dies Kampf den Interessen, Weisungen und .,Theo-
Jahre vor der eigentlichen Machteroberung. Diese Wende allein auf den Druck der Massen" zu reduzieren,, heißt die entscheidende Rolle des subjektiven Faktors für den Sieg der Revolution leugnen. Dies führt im übrigen zu einer paradoxen Schlußfolgerung: dann wäre der unzureichende Druck der Massen die Ursache für die Niederlage der Revolution in Griechenland, Indonesien und Chile gewesen, im Gegensatz zum Sieg in Jugoslawien, China und Kuba? Die Verantwortung fiele so auf die Massen und nicht auf den Verrat der Führungen.
Die Wirklichkeit ist anders. Es gab in Griechenland, in Indonesien und in Chile nicht weniger Druck seitens der Massen (und nicht weniger akute Drohungen durch die Konterrevolution) als in Jugoslawien, Indochina, China und Kuba. Es gab Parteien, die sich anders verhielten. Die einen orientierten sich bewußt auf die revolutionäre Eroberung der Macht. Die anderen (einschließlich der kubanischen stalinistischen KP, im Gegensatz zur Bewegung des 26.Juli) weigerten sich, unter dem Deckmantel der Theorie der „Revolution in Etappen** , so zu handeln. Die Tatsache jedoch, daß die KPen Jugoslawiens, Chinas und Vietnams mit dem Stalinismus gebrochen haben, um die Revolution in ihren Ländern zu führen, ohne dabei zu revolutionär-marxistischen Parteien zu werden, darf in der Analyse nicht unter dem Vorwand, allein die Eroberung der Macht zähle, umgangen werden. Der nur partielle und nicht vollständige Bruch mit ihrer stalinistischen Vergangenheit hat dazu geführt, daß die Führungen dieser Parteien weiterhin auf bürokratischen Organisationsmethoden beharren, sowohl hinsichtlich ihres internen Regimes als auch hinsichtlich ihrer Beziehungen zu den Massen. Deshalb wurden die revolutionären Siege auch nicht von der Institutionalisierung einer direkten Arbeiterund Volksmacht (von Sowjets) begleitet. Von Anfang an wurde der Parteiapparat mit dem Staat identifiziert. Daher verschärfte sich das Phänomen der Bürokratisierung und das der Entpolitisierung der Massen - beides verstärkt durch das rasche Auftreten ungeheurer materieller Privilegien einer neuen Bürokratie. Man kann so mit Recht von Anfang an von bürokratisch manipulierten und deformierten sozialistischen Revolutionen sprechen. Das sind ohne Zweifel wenig elegante und klare Begriffe. Aber sie legen besser Rechenschaft ab über den realen historischen Prozeß in seiner Gesamtheit.
Der nicht revolutionär-marxistische Charakter dieser Parteien ist immer mehr zu einem Hindernis für weitere notwendige Schritte nach vorn für die Revolution geworden, sowohl in Bezug auf die Innen- als auch auf die Außenpolitik. Wenn der Sieg der chinesischen Revolution das Kräfteverhältnis im Weltmaßstab zutiefst erschüttert hat, indem er dem Kolonialsystem, wie es 1940 existierte und wie es der Imperialismus noch 1945 zu restaurieren versucht hat, einen tödlichen Schlag versetzte, so haben die konkreten politiscit-ideologischen Formen, unter denen die chinesische Revolution triumphierte, entscheidend zur Niederlage der indonesischen Revolution und zur Läh- 1938 1988 mung der revolutionären Bewegung in Indien beigetragen. Auf einer niedrigeren Stufenleiter hat die von der VR China ausgehende Anziehungskraft, kombiniert mit der vom Maoismus (einschließlich seiner letzten Form, der Kulturrevolution) verursachten politisch-ideologischen Konfusion, zur Spaltung und Schwächung der revolutionären Kräfte beigetragen, die in den imperialistischen Ländern als Produkt der Jugendradikalisierung der 60er Jahre, vor allem seit dem Mai 68, aufgetaucht sind. Dadurch wurden die Möglichkeiten jener Zeit für eine breitere Umgruppierung der internationalen Arbeiterbewegung verringert und mindestens Zehntausende revolutionäre oder potentiell revolutionäre Kader in Europa, Japan und Nordamerika politisch zerstört. In Kuba, Grenada und Nicaragua haben authentische sozialistische Volksrevolutionen stattgefunden, die sich in einem wesentlichen Punkt von der jugoslawischen, chinesischen und vietnamesischen Revolution unterschieden: an ihrer Spitze standen nicht revolutionäre Parteien stalinistischen Ursprungs, sondern Parteien, die das Produkt einer Differenzierung und Reifung antiimperialistischer und sozialistischer Strömungen in den jeweiligen Ländern waren. Aus diesem Grund war der Prozeß der Bürokratisierung in diesen Ländern beschränkter als in den früheren Fällen, und es konnten - begrenzte und noch ungenügende - Schritte in Richtung auf eine Institutionalisierung der Arbeiter- und Volksmacht - mehr auf lokaler als auf nationaler Ebene - unternommen werden. Im Zusammenhang mit diesen realen Unterschieden haben die kubanische Revolution und der kubanische Arbeiterstaat lange nach der Machteroberung nach revolutionären Fortschritten gestrebt, was auf einen Teil der antiimperialistischen und Arbeiterbewegung Lateinamerikas eine reale Anziehungskraft ausgeübt hat.
Aber auch hier hat die Nichtaneignung wesentlicher Bestandteile des revolutionären Marxismus unselige praktische Folgen gehabt. Das Fehlen einer authentischen sozialistischen Demokratie in Kuba wird mehr und mehr zu einer Bremse für weitere ökonomische Fortschritte. Die paternalistische Konzeption von der Partei birgt das Risiko schwerer politischer und sozialer Konflikte.' Die Identifikation von Partei und Staat, die sich daraus ergibt, schränkt den internationalen Einfluß der kubanischen Führung hinsichtlich der Förderung der Revolution in Lateinamerika deutlich ein: die unvermeidlichen diplomatischen Manöver des kubanischen Staates beeinflussen oder diktieren gar die taktischen und sogar strategischen Ratschläge, die sie den übrigen revolutionären Kräften des Kontinents gibt. Das Ausbleiben revolutionärer Siege in Lateinamerika schwächt seinerseits die Position des kubanischen Arbeiterstaats gegenüber dem Imperialismus, vergrößert seine materielle Abhängigkeit gegenüber der sowjetischen Bürokratie und beschleunigt die Krise in Kuba selbst. Die Frage der Aneignung des revolutionär-marxistischen Programms in seiner Gesamtheit ist somit weder ein unbedeutendes Detail noch zweitrangig, nicht einmal im Falle Kubas oder Nicaraguas.
Angesichts des qualitativ anderen Charakters der kubanischen und nicaraguanischen revolutionären Führung muß man sich folgende Frage stellen: könnten sich diese Beispiele wiederholen und aus diesem Grund in ganz neuer Form die Frage nach dem Auftauchen einer neuen revolutionären Führung des Proletariats im Weltmaßstab aufwerfen? Man kann nicht ernsthaft behaupten, daß in jedem Land der Welt der Sieg der Revolution immer nur unter einer revolutionär-marxistischen Führung stattfinden kann. Hier und da können sich wie in Kuba, Grenada oder Nicaragua revolutionäre Kräfte aus einem im wesentlichen nationalen oder „regionalen" Differenzierungsprozeß entwickeln und diese Beispiele wiederholen. Um diese Möglichkeit zu beurteilen, darf man nicht von dogmatischen und vorgefaßten Meinungen ausgehen, weder in „negativer" noch in „positiver" Hinsicht, sondern man muß an Ort und Stelle konkret die Möglichkeiten, die Aktivitäten und die Dynamik der jeweiligen revolutionären Organisation (z.B. in El Salvador, Guatemala oder auf den Philippinen) untersuchen. Die Antwort steht niemals im voraus fest. Sie hängt von der konkreten Praxis der fraglichen Organisation auf lange Sicht ab.
Aber wir sind überzeugt, daß es sich hier um Ausnahmefälle handelt. Um sich ihren Ausnahmecharakter zu vergegenwärtigen, ist es erforderlich, an die besonderen Umstände der Siege in Kuba und Nicaragua zu erinnern: der wahrhaft unabhängige Charakter der revolutionären Führung, vor allem gegenüber der Bourgeoisie und der sowjetischen Bürokratie:
die Schwäche, Demoralisierung und ex-
treme Zersetzung der besitzenden Klassen; die Schwäche der Tradition der Selbstorganisation des Proletariats; die relative Lähmung des Imperialismus angesichts der unvorhergesehenen Wendung des revolutionären Prozesses und das Scheitern seiner politischen Manöver; die gestiegene politische Qualität der revolutionären Führung, erworben in Zusammenhang mit einer langen Praxis und wachsenden Autorität innerhalb der Massen; eine Qualität, die eine Vorbedingung ist, damit die politischen Manöver des Imperialismus scheitern. Es genügt, die Lage in allen imperialistischen und halbindustrialisierten abhängigen Ländern sowie in der großen Mehrzahl der halbkolonialen Länder zu untersuchen, um festzustellen, daß man nirgendwo alle diese Faktoren, nicht einmal die meisten, wiederfindet, die den kubanischen und nicaraguanischen Sieg unter nicht revolutionär-marxistischer Führung erklären.
Ausmaß und Grenzen der Umgruppierung der Arbeiterbewegung
Der Fall der castristischen und sandinistischen • Führung muß in einen größeren Zusammenhang gestellt werden: der Umgruppierung der Arbeiterbewegung in einer wachsenden Zahl von Ländern. Historisch gesehen, beginnt dieser Prozeß mit dem Sieg der kubanischen Revolution; in Lateinamerika wurde er durch die Niederlagen der Revolution in Venezuela, Brasilien und Bolivien geschwächt; durch den Mai 68, den „heißen Herbst" in Italien und die portugiesische Revolution wurde er wieder angekurbelt, und seitdem verläuft er mit heftigen Wendungen in einem ungleichen Rhythmus. Er spiegelt den Anstieg von Massenkämpfen, die sich teilweise der Kontrolle der traditionellen Führungen entziehen, wider. Am spektakulärsten drückt sich dieser Prozeß aus im Auftauchen der brasilianischen Arbeiterpartei (PT), einer sozialistischen Klassenpartei mit einer Massenbasis und einer programmatischen Orientierung auf die sozialistische Revolution; in der gewerkschaftlichen Organisierung der Masse der schwarzen Arbeiterinnen und Arbeiter Südafrikas und in der Sammlung der Mehrheit des polnischen Proletariats zunächst innerhalb der unabhängigen Gewerkschaft Solidarnosc und dann, nach ihrer Illegalisierung durch die Diktatur Jaruzelskis, um sie herum. Diese drei Organisationen beeinflussen schon Millionen von Arbeiterinnen und Arbeiter. Sie sind bereits in qualitativ stärkerem Ausmaß durch interne Demokratie und Selbstorganisation der Massen gekennzeichnet als die sozialdemokratischen und kommunistischen Parteien. Auf niedrigerer Stufenleiter entwickelt sich ein ähnliches Phãnomen in mehreren Ländern Zentralamerikas. in Mexiko, auf den Philippinen, in Peru und in Dänemark. Die Umgruppierung von noch kleinen Gruppen der extremen Linken, die aber bereits ein starkes Gewicht in der Gewerkschaftsbewegung und den neuen sozialen Bewegungen" in Frankreich und Spanien haben, zeigt, ohne in dieselbe Kategorie zu fal- 1938 1988 len, daß etwas vergleichbares in mehreren Ländern zusätzlich zu den schon genannten möglich wird. Alles deutet darauf hin, daß Länder wie Südkorea, mehrere Länder des Ostens und sogar Argentinien analoge Entwicklungen durchmachen könnten.
Gewiß, in den meisten imperialistischen und in mehreren halbindustrialisierten abhängigen Ländern stellen die traditionellen politischen (Reformisten und poststalinistische Neoreformisten) und gewerkschaftlichen (besonders in den USA, in Argentinien und Mexiko) bürokratischen Apparate weiterhin wesentliche Hindernisse auf dem Weg des Massenkampfes und der Eroberung der politischen Klassenunabhängigkeit dar. Die historische Erfahrung der letzten fünfzig Jahre bestätigt die aus dem revolutionären Aufschwung von 1917-21 gezogene Lehre: dieses Hindernis kann nicht nur durch die — völlig gerechtfertigte und notwendige — Denunzierung der ständigen Kapitulationen dieser Apparate vor der Bourgeoisie und der durch sie verursachten schweren Niederlagen der Arbeiterklasse beseitigt werden. Diese Denunzierung muß mit einer geschickten Einheitsfronttaktik seitens der Revolutionäre verbunden werden, durch die sie für die Massen als eine politische Tendenz erscheinen, die in allen zentralen Fragen und Kampfzielen am entschiedensten für die Einheit eintreten.
Man muß jedoch den anhaltenden Einfluß der Apparate auf die Arbeiterbewegung, um nicht zu sagen auf die Arbeiterklasse in den wichtigsten imperialistischen Ländern, relativieren. Dieser Einfluß drückt sich vor allem bei Wahlen aus, und sogar auf dieser Ebene ist er nicht mehr so absolut wie in der Vergangenheit, d.h. wie 1945 oder selbst 1968 (mit der Ausnahme Großbritanniens, wo er sich gehalten hat"*) Hier ist er mehr ein Reflex der Wahl des kleineren Übels als eine Illusion in die Absicht der traditionellen Parteien, die Gesellschaft grundlegend zu ändern. Er wird von wachsender Skepsis begleiter, die sich besonders in de: massiven Wahlenthaltung der US-amerikanischen Arbeiterschaft ausdrückt, trotz der ständigen Wahlempfehlung der Gewerkschaftsbürokraten für die demokratischen Präsidentschaftskandidaten. Und er wird zum Teil durch den Rückgang des Einflusses der traditionellen Apparate in den Gewerkschaften aufgewogen, dessen spektakulärster Fall der Frankreichs ist. Dort erreicht die Sozialdemokratie heute das beste Wahlresultat der Geschichte, doch ihre Präsenz in den Fabriken ist marginal (manchmal in absoluten Zahlen sogar geringer als die der Revolutionäre). In den Gewerkschaften ist sie eine Minderheit. Tatsächlich entwickelt sich bei genauerer Betrachtung ein komplexer Prozeß der Umgruppierung der Arbeiterbewegung (der Beziehungen zwischen der Klasse der Lohnabhängigen und ihrer alten und neuen Organisationen) in praktisch allen Ländern. Er äußert sich in unterschiedlicher, stets anderer Form in Prozessen innerhalb der Gewerkschaften und der traditionellen Organisationen, im Auftauchen neuer Formationen und Strömungen sowie in fortschreitenden Differenzierungen innerhalb dieser Formationen.
Noch einmal, man darf an diese reale Bewegung nicht mit einem vorgefaßten, angeblich für alle Länder gültigen Schema herangehen. sondern man muß sie vor dem Hintergrund dessen, was sich in jedem Einzelfall konkret abspielt, als eine reale Gelegenheit verstehen, Schritte in Richtung auf den Aufbau neuer revolutionärer Führungen des Proletariats zu unternehmen und dabei die Besonderheiten der Arbeiter- und Massenbewegung (des Klassenkampfes) jedes Landes berücksichtigen. Keine spezifische Taktik darf a priori verworfen werden, vorausgesetzt, sie entwaffnet nicht die Revolutionäre bei der Lösung ihrer historischen Arfgabe: die Gewinnung der Mehrheit der Arbeiterklasse für den Sturz des bürgerlichen Staates und der wirtschaftlichen Macht des Kapitals."
Wenn der Zustand der Arbeiterbewegung im Vergleich zu der Zeit nach dem II. Weltkrieg. zu den 50er Jahren oder selbst zu 1968 sich heute hinsichtlich des realen Einflusses der traditionellen Apparate auf die Arbeiterklasse und die Massenbewegung ändert, so heißt das nicht, daß wir bereits den Aufbau authentischer revolutionärer Massenparteien erleben. die sich bewußt auf die sozialistische Revolution orientieren und die Massen auf dieses Ziel vorbereiten (der Fall der brasilianischen PT kommt diesem Ziel zweifellos am nächsten, der entscheidende Test liegt jedoch noch vor uns). Diese Situation könnte als Übergangssituation, in der ein halb-politisches Klassenbewußtsein vorherrscht, charakterisiert werden. Es entwickeln sich breite Vorhutschichten, die in einer ganzen Reihe von Fragen fortgeschrittener sind als die Reformisten und Neoreformisten, aber noch kein eigenes antikapitalisti-
sches politisches Gesamtprojekt haben. Für diese Übergangssituation im Bewußtsein der (neuen) Arbeitervorhut lassen sich nicht wenige Gründe angeben. Die starke Enttäuschung über die klassischen stalinistischen (und poststalinistischen) sowie sozialdemokratischen Projekte und Jahrzehnte des politischen Bankrotts und abstoßender Kompromisse; die beklagenswerte Lage in der UdSSR und der VR China, was heute weitgehend von diesen Vorhutschichten erkannt wird; die verheerenden Erfahrungen der militärischen Intervention in der CSSR, in Polen und in Afghanistan sowie die grauenvolle Erfahrung des Pol Pot- Regimes: diese ganze Bürde negativer Erfahrungen ist noch nicht durch andere, richtungsweisende Erfahrungen kompensiert worden, die mit denen der Oktoberrevolution oder selbst der spanischen Revolution von 1936 vergleichbar wären und dem Weltproletariat eine wirkliche Perspektive geben könnten. Doch unterhalb dieser Erklärung, die den Akzent auf die Bedeutung des subjektiven Faktors legt, muß es noch eine objektive, materialistische Erklärung geben. Der Aufbau revolutionürer Massenparteien kann in letzter Instanz nur das Ergebnis der realen Bewegung der Klasse sein, kombiniert mit einem angemessenen Eingreifen der Revolutionäre selbst. Wenn sich nun diese Bewegung im Laufe der letzten Jahrzehnte nacheinander bereits auf die großen proletarischen Bataillone einiger Schlüsselländer erstreckt hat (Frankreich, Italien, Großbritannien, Brasilien, Spanien, Polen, Argentinien, zum Teil Mexiko, um nur diese zu nennen), so fehlen andererseits doch mit die wichtigsten politischen Kräfte: die Arbeiterbewegung aus den USA, der UdSSR und zum gro- Ben Teil Deutschland und Japan. Unter den gegenwärtigen Bedingungen könnte das Aufkommen einer unabhängigen politischen Bewegung im Proletariat dieser Länder, selbst die bloße Explosion von Massenkämpfen dort, kaum von den traditionellen Apparaten kanalisiert werden; dies würde das Ausmaß, den Rhythmus und den Inhalt des Umgruppierungsprozesses der internationalen Arbeiterbewegung ganz und gar verändern.
Unterdessen müssen die revolutionären Marxisten und Marxistinnen weiter im Bewußtsein dessen handeln, daß die Krise der revolutionăren Führung des Proletariats noch in keinem imperialistischen und halbindustrialisierten abhängigen Land gelöst ist. Revolutionäre Massenparteien müssen weiterhin überall aufgebaut werden, selbst wenn die Bedingungen dafür klarer und konkreter geworden sind und in diesem Sinne in mehreren Ländern wirkliche Fortschritte gemacht wurden. Sie (die revolutionären Marxisten) sind aktiver Teil dieses Umgruppierungsprozesses, jeweils in der Form, die die besondere Situation des Landes erfordert, mit dem ganzen Enthusiasmus und der Loyalität, die diese Erneuerung verlangt. Aber sie opfern nirgendwo dieser Aufgabe die kompromißlose Verteidigung ihres Programms; das ist keine sentimentale Treue oder bloße Routine und noch weniger eine sektiererische Selbstbestätigung. Es ist 1938 1988 Ausdruck ihrer tiefen Überzeugung, daß die Nichtaneignung wesentlicher Elemente dieses Programms für die Arbeiterbewegung todsicher zu verheerenden Niederlagen führt (was keineswegs bedeutet, daß dieses Programm vollkommen wäre, daß es nicht immer wieder einer Bereicherung bedürfte in Bezug auf neue objektive Erfordernisse und neue Erfahrungen der Massenbewegung).
Ebenso opfern sie der Umgruppierung in der Arbeiterbewegung nicht den Aufbau ihrer cigenen Strömung als spezifisch politisch-organisatorische Aufgabe auf allen Ebenen: Formierung und Kontinuität der Führung, Bildung von Kadern, Eingreifen in die Kämpfe, prioritäre Verankerung im Gewerkschafts- und Arbeitermilieu, Identifikation mit einem langfristigen politischen Projekt, Fähigkeit zu flexiblen politischen Initiativen usw. Diese Orientierung wird ihrerseits durch die Überzeugung gerechtfertigt, daß eine revolutionäre Führung nur von langer Hand vorbereitet aufgebaut werden kann - zumindest in den industrialisierten Ländern und vor allem in denen mit einer langen politischen Erfahrung der Bourgeoisie und des Proletariats.
„Weltweite Zusammenhänge"
Paradoxerweise ist es so, daß der wesentliche Beitrag zum Aufbau dieser revolutionären Parteien und Führungen in den nichtrevolutionăren Phasen stattfinden muß. Wenn die Revolution ausbricht, ist die Zeit zu kurz, um einige Aufbauetappen zu überspringen, wenn die Lösung dieser Aufgabe nicht schon weitgehend in der vorangegangenen Phase in Angriff genommen wurde.
Die Hauptschwäche der neuen Organisationen. die im aktuellen Prozeß der Umgruppierung der Arbeiterbewegung entstanden sind oder gerade entstehen, ist ihre Weigerung, gleichzeitig nationale Organisationen und eine internationale Organisation aufzubauen. Im besten Fall führt dies zu einer Neuauflage des Nationalkommunismus". Im schlimmsten Fall wird ein Unverständnis für die entscheidenden Aspekte des weltweiten Klassenkampfes mit politischen Positionen kombiniert, die zur Aufgabe und sogar zum Verrat von Interessen ganzer Sektoren des internationalen Proletariats führen.
Diese Lücke ist umso krasser, als sie eigentlich mit einer dramatischen Zunahme weltweiter Verflechtungen" von Krisen und für das Überleben der Menschheit entscheidenden Problemen einhergeht. In einem qualitativ größeren Maße als 1914, 1939 oder 1945 können diese Probleme nur weltweit gelöst werden. Die drei wichtigsten sind die Verhinderung der nuklearen Katastrophe, die Verhinderung des ökologischen Zusammenbruchs und das Problem des Hungers und der Unterentwicklung der Dritten Welt.
Nach dem gegenwärtigen Stand unserer Kenntnisse steht fest, daß ein nuklearer Krieg (selbst ein biologischer und chemischer), der nur einen Teil des gegenwärtig aufgehäuften Arsenals an Vernichtungswaffen einsetzt, nicht nur die Zerstörung der Zivilisation, sondern die der ganzen Menschheit bedeutet. Unter diesen Bedingungen wird die Verhinderung eines Weltkrieges (eines nuklearen, biologischen oder chemischen) das zentrale strategische Ziel der internationalen Arbeiterbewegung. Wenn dieses Ziel nicht verwirklicht wird, verliert jedes Projekt einer Weltrevolution oder des Aufbaus des Sozialismus seinen Sinn. Man kann den „Sozialismus" nicht auf einem Planeten ohne Leben „aufbauen".Unsere Meinungsverschiedenheiten mit den radikalen Pazifisten beziehen sich also nicht auf das zu erreichende Ziel. Dies teilen wir mit ihnen ohne Einschränkung. Wir erkennen ihren lebensnotwendigen Beitrag für ein wissenschaftliches, rationales und nicht gefühlsmäßiges Bewußtsein über die neuen Bedingungen an, unter denen sich der Klassenkampf und der revolutionäre Kampf entfalten, sobald über der Menschheit die Drohung ihrer kollektiven Vernichtung schwebt.
Unsere Meinungsverschiedenheiten beziehen sich auf die Bedingungen, die notwendig sind, um diese tödliche Bedrohung endgültig zu beseitigen. Die revolutionären Marxisten und Marxistinnen sind überzeugt, daß es illusorisch ist zu glauben, daß man den Frieden in der Welt sichern und den nuklearen (biologischen, chemischen) Holocaust verhindern kann, ohne die Macht des Kapitals und des souveränen Nationalstaats in den Ländern zu stürzen, die im Besitz oder möglicherweise im Besitz dieser Vernichtungswaffen sind. Es ist besonders illusorisch zu glauben, daß partielle Abrüstungsabkommen - so wünschenswert und positiv sie auch sein mögen -, kombiniert mit einem wachsenden Druck der Antikriegsund antiimperialistischen Massenbewegung auf die kapitalistischen Regierungen, genügen
würden, diesen Holocaust zu verhindern. Wir werfen ihnen letztlich nicht vor, die Größe der Gefahr zu übertreiben, sondern sie — zumindest langfristig — zu unterschätzen. Es ist wahr, daß sich auch die Bourgeoisie über das Ausmaß dieser selbstmörderischen Bedrohung klargeworden ist, die der massive Einsatz der Vernichtungswaffen nach sich zieht. Sie kann sich daher einen Weltkrieg als Lösung" ihrer Krise (angefangen bei ihrer ökonomischen Krise), wie dies noch 1914 oder 1939 der Fall war, nicht vorstellen. Tote Bourgeois, die zerstörte „Waren" an atomisierte „Kunden" verkaufen" • „lösen" nicht die kapitalistische Krise. Es ist somit nicht wahrscheinlich, daß eine halbwegs vernünftige Führung eines bürgerlichen Staates absichtlich einen atomaren Weltkrieg auslösen wird. Doch mit dieser Feststellung ist die Frage leider nicht erschöpfend beantwortet.
Solange bedeutende nukleare Waffenarsenale weiter über die ganze Welt verstreut bleiben, besteht zunächst das permanente Risiko, daß ein Atomkrieg aus Versehen ausgelöst wird, ein Risiko, das sich mit der Reduzierung der Vorwarnzeiten und der Automatisierung der Systeme erhöht. Die Vorbedingung für eine erste Garantie gegen die Drohung der nuklearen Vernichtung der Menschheit ist gegeben, sobald nicht eine beschränkte, sondern die totale atomare Abrüstung, die vollständige Zerstörung aller nuklearen, biologischen und chemischen Waffen und das endgültige und garantierte Verbot ihrer Herstellung durchgesetzt sind.
Es scheint ausgeschlossen, daß dies verwirklicht werden kann, solange der Kapitalismus existiert. Die gesamte in den imperialistischen Ländern vorherrschende Militärdoktrin und die gesamte Logik der Profit- und Marktwirtschaft sprechen gegen eine solche Hypothese. Ferner würde selbst im Falle der vollständigen Abschaffung der Atomwaffen die bloße Tatsache des Vorhandenseins Hunderter von Atomkraftwerken in der Welt einen klassischen" Weltkrieg, sogar einen regionalen" Krieg in mehreren Schlüsselzonen der Welt in einen atomaren Holocaust verwandeln, indem sich jedes dieser Atomkraftwerke durch ein „klassisches" Bombardement in einen Atomsprengkörper verwandelte. Nun haben aber seit 1945 die „lokalen" und „„regionalen" Kriege, die fast alle vom Imperialismus provoziert wurden, bereits zu Millionen von Toten geführt und haben praktisch ununterbrochen stattgefunden. Es ist illusorisch zu glauben, daß sich dies in den kommenden Jahrzehnten ändern wird. Solange der Kapitalismus existiert, wird auch die Drohung der Vernichtung der menschlichen Gattung unter diesen Bedingungen bestehen bleiben, wie auch immer das allgemeine Bewußtsein von dieser Bedrohung. einschließlich in der Bourgeoisie, sein mag. Darüber hinaus muß man verstehen, daß in dem Maße, wie sich das Wettrüsten fortsetzt, vor allem unter den Auswirkungen der „langen depressiven Welle*20, immer zerstörerischere „konventionelle" Waffen hergestellt werden.
1938 1988 Schon heute können gewöhnliche" Artilleriegranaten die Zerstörungskraft der Atombomben von Hiroshima, und Nagasaki erreichen und morgen vielleicht schon übertreffen. Der Unterschied zwischen einem nuklearen und einem „klassischen" Weltkrieg wird immer geringer. Die vollständige (und nicht nur atomare) Abrüstung erscheint infolgedessen als eine Bedingung für das Überleben der menschlichen Gattung. Aber die Erwartung dieser völligen Abrüstung ist ohne Abschaffung des Kapitalismus noch illusorischer als die Erwartung einer bloßen atomaren Abrü- •stung ohne sozialistische Revolution. Schließlich, wenn es auch wahr ist, daß rationale Bourgeois ohne Zweifel aus freien Stükken keinen atomaren Selbstmord begehen werden, so ist doch keinesfalls bewiesen, daß der bürgerliche Staat immer und überall von politisch rationalen Männern und Frauen geführt wird. Die Geschichte hat uns bereits das Beispiel von mindestens einer bedeutenden imperialistischen Macht — Nazideutschland — gegeben, die von einem fanatischen Abenteuerer geführt wurde, dessen Verhalten bis zum Ende seiner Karriere immer irrationaler wurde und der sich schließlich rundheraus zum Selbstmord nicht nur seiner Person, sondern auch seiner Klasse, seines Staates und seiner Nation entschieden hatte. Es wäre zumindest unvorsichtig zu behaupten, daß sich unter analogen historischen Bedingungen, bei einer extremen Verschärfung der Krise des ökonomischen, sozialen, politischen und moralisch-ideologischen Systems der Bourgeoisie ein solcher Fall nicht mehr wiederholen kann (man denke nur an die extreme Rechte in den USA mit ihrer Mentalität des lieber tot als rot"). Es ist also der Ausgang des Klassenkampfes in den USA, in Frankreich, Großbritannien und zweifellos auch morgen in der BRD und in Japan, der über die Regierungsform und die politischen Kräfte, die diese Länder führen werden, entscheidet — wie in Deutschland von 1929 bis 1933 — und damit die Frage beantwortet, ob der atomare Holocaust im Falle der Niederschlagung der Arbeiterbewegung und der „neuen sozialen Bewegungen" zu einer kurzfristigen Bedrohung wird.
Langfristig gibt es keine Möglichkeit, die Zerstörung der Zivilisation und der Menschheit durch den Krieg mittels der Ausübung äußeren Drucks, durch das Gleichgewicht der Kräfte", die Stärkung des „sozialistischen Lagers", durch das wachsende Bewußtsein von der atomaren Gefahr usw. zu verhindern. Nur die Übernahme der Fabriken, in denen Vernichtungswaffen produziert werden können, durch die Produzenten selbst, ihre kollektive Entscheidung, alle bestehenden Waffenarsenale zu vernichten und ihre Herstellung endgültig zu verhindern, kann langfristig das Uberleben der menschlichen Gattung sichern. Dies kann nicht im nationalen und nicht im kontinentalen Maßstab erreicht werden. Die Schaffung der sozialistischen Weltföderation ist die einzig vorstellbare Lösung, wenn sich die Menschheit jemals von der Drohung ihrer Vernichtung durch den Krieg befreien soll. Sie kann nur aus einem für das Proletariat günstigen Ausgang der Klassenkämpfe in jedem wichtigen Land resultieren.
Man muß aufgrund der Erfahrungen der letzten Jahrzehnte eine neue Tatsache" hinzufügen. Wenn die meisten der ununterbrochenen Kriege, die wir seit 1945 erlebt haben, auf das Konto des Imperialismus und der internationalen Bourgeoisie gehen, so gehören doch nicht alle zu dieser Kategorie. Wir haben mehrere militärische Konflikte zwischen nachkapitalistischen (bürokratisierten Arbeiter-) Staaten kennengelernt: den chinesisch-sowjetischen Konflikt, den Konflikt zwischen Vietnam und Kambodscha und den Konflikt zwischen China und Vietnam (auch der Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die CSSR kann aus dieser Kategorie nicht ausgeschlossen werden, wenn er auch nicht zu einer militärischen Konfrontation im strengen Sinne geführt hat). Trotzki selbst hat diese schreckliche und äu- Berste Konsequenz der bürokratischen Ideologie vom „„Sozialismus in einem Land" und des „Nationalkommunismus" nicht vorhersehen können. Die Bedeutung einer entschlossenen und konsequenten internationalistischen Erziehung und Praxis für die Zukunft der Menschheit, ohne regionale Einschränkungen, ohne „nationalkommunistischen Messianismus* irgendwelcher Art, tritt immer mehr in den Vordergrund. Man muß ein für allemal mit der Idee brechen, nach der es heute in der Welt irgendeine „Bastion" geben könne, deren Verteidigung gegenüber der Sicherung des Überlebens aller im Weltmaß vorrangig wäre. Man muß die Gesamtheit der Arbeiterklasse wieder auf einen konsequenten Internationalismus orientieren.
Es ist nicht erforderlich, im Detail die Überle-
gungen zur Drohung eines Vernichtungskrieges, der ökologischen Katastrophe oder des Hungers in der „Dritten Welt" zu wiederholen. Unsere Meinungsverschiedenheiten mit den Umweltschützern und ,,Dritt-Welt-Aktivisten"* beziehen sich wiederum nicht auf das Ausmaß der Bedrohung. In dieser Hinsicht teilen wir ihre Besorgnis vollständig. Wie im Falle der Pazifisten erkennen wir ihr Verdienst •an, das Bewußtsein darüber, das in der Tat ein immanenter Bestandteil des Marxismus ist. aber von der organisierten Arbeiterbewegung einschließlich manchmal ihres revolutionären Flügels unzureichend zum Ausdruck gebracht. konkretisiert und aufgenommen wurde, verbreitert zu haben.
Unsere Meinungsverschiedenheiten beziehen sich auf die Bedingungen für die Beseitigung dieser dramatischen Bedrohung. Während wir jeden Kampf für Sofort-, Teil- und Übergangsforderungen unterstützen, sind wir der Meinung, daß die bloßen Umweltschützer und „Dritt-Welt'ler", , d.h. die nicht entschiedenen revolutionären Sozialistinnen und Sozialisten unter ihnen, den strukturellen Zusammenhang unterschätzen, der zwischen dieser zunehmenden Bedrohung und der Aufrechterhaltung einer Wirtschaftsordnung besteht, die auf der privaten Bereicherung, der Konkurrenz, dem Profit, der Akkumulation von Kapital, der Marktwirtschaft sowie auf dem daraus sich ergebenden gesellschaftlichen Verhalten und der gesellschaftlichen Mentalität basiert. Diese Probleme werden nur gelöst werden, wenn mit dieser Logik radikal gebrochen wird. Im Rahmen des kapitalistischen Systems und der bürgerlichen Warengesellschaft werden sie jedesmal erneut wieder auftauchen.
Angesichts dieser „weltweiten Verkettung" der Krise der Menschheit verliert das „Lagerdenken" jede Glaubwürdigkeit, umso mehr, als es unter Gorbatschow - doch warten wir ab! - von den Herrschern im Kreml mehr und mehr in Frage gestellt wird.
Diese haben einen Schritt nach vorne gemacht, indem sie kriminelle und inhumane Utopien wie diejenigen, die einen Sieg im Atomkrieg" versprechen, aufgegeben haben. Doch was sie an ihre Stelle gesetzt haben, ist nicht viel besser.
Tatsächlich gibt es auf die Herausforderung der „weltweiten Verkettung" nur zwei mögliche kohärente Antworten. Die eine besteht darin zu glauben, daß der Imperialismus und das Großkapital (das die „Poststalinisten" verkürzt und wenig wissenschaftlich die Monopole" nennen) angesichts der Bedrohung, die auf der ganzen Menschheit lastet, ihre Natur allmählich ändern und ihre aggressivsten und die am stärksten die Konkurrenz unter ihnen ausdrückenden Praktiken aufgeben; daß sie aufhören, sich wie Imperialisten zu verhalten, und Beziehungen fortschreitender, sogar fortschrittlicher Kooperation mit den nachkapitalistischen Gesellschaften, den Völkern der „Dritten Welt" und ihrer eigenen Arbeiterklasse akzeptieren. Man muß sie zu dieser Entwicklung „ermutigen"", indem man alles sorgfältig vermeidet, was irgendwelche Wider- 1938 1988 sprüche verschärfen könnte, vor allem jede revolutionäre Praxis.
Die andere Antwort geht von der Feststellung aus, daß in der gegenwärtigen Etappe der Krise der bürgerlichen Gesellschaft die Verschärfung dieser Widersprüche unvermeidlich ist, was auch immer Politiker, Ideologen, Ökonomen oder Arbeiterorganisationen tun. Von daher besteht die einzige adäquate Antwort auf die Herausforderung der ,,weltweiten Zusammenhänge" darin, das ganze Ausmaß der Bedrohung in Rechnung zu stellen und auf die einzig mögliche Lösung der Krise zu orientieren: die Schaffung der sozialistischen Weltföderation durch aufeinanderfolgende Siege der proletarischen Revolution in den wichtigsten Ländern der Welt (die sozialistische Revolution in den imperialistischen Ländern, die antibürokratische politische Revolution in den wichtigsten bürokratisierten Arbeiterstaaten, die permanente Revolution in den wesentlichen Ländern der Dritten Welt").
Die erste Antwort basiert auf einer starken Unterschätzung der Krise des Systems und seiner entsetzlichen Dynamik. Sie ist zutiefst unrealistisch und illusorisch. Die zweite ist für breite Massen zunächst unbestreitbar schwer zu akzeptieren. Aber sie ist die einzig realistische Lösung. In dem Maße, wie sie mehr und mehr dem wirklichen Gang der Geschichte entspricht, wird sie auch immer besser verstanden werden.
Die Verzögerung in der vollen Entfaltung internationalistischen Engagements der wichtigsten Gruppen, die heute im Zuge der Umgruppierung der internationalen Arbeiterbewegung entstehen, hat zahlreiche Gründe. Von den subjcktiven Gründen sind besonders die schlechten Erfahrungen mit manipulatorischen, bürokratisch-administrativen „Zentren" zu erwähnen, die bereits seit der Deformation der Komintern unter Sinowjew?' datieren und ihren Höhepunkt in der stalinisierten Komintern erreicht hatten, sich im Kominform und in den Versuchen des Kremis fortsetzten, die internationale kommunistische Bewegung" zu kontrollieren, in den chinesischen Bestrebungen, maoistische Gruppen an die Schwankungen der chinesischen Diplomatie zu binden usw. Die Skepsis hinsichtlich der Möglichkeit, eine für die Gesamtheit der Länder gültige internationale Verbindlichkeit mit den Besonderheiten des Klassenkampfes in jedem einzelnen Land zu kombinieren - eine Skepsis, die besonders durch das Versagen der II. Internationale, 1914 trotz aller vorangegangenen feierlichen Versprechungen eine gemeinsame internationale Front gegen den Krieg zu verwirklichen, genährt wird - hat dabei ebenfalls eine Hauptrolle gespielt. Aber zu diesen subjektiven Gründen müssen objektive hinzugefügt werden, die letzten Endes wichtiger sind.
Ohne internationale Theorie, Praxis und Organisation, kein Aufbau der sozialistischen Weltföderation, keine Zukunft für die Menschheit
Für die bereits an der Macht befindlichen Parteien macht es der unvermeidbare Zwang zu diplomatischen Manövern unmöglich, sich die Interessen des Weltproletariats vollständig aufzubürden, sobald zu einem bestimmten Zeitpunkt in einem Land ein Widerspruch zwischen diesen Interessen und den unmittelbaren Konsequenzen dieser Manöver entsteht. Dies impliziert seitens der revolutionären Marxisten keinesfalls eine Verurteilung solcher Manover, sondern die Notwendigkeit einer klaren Trennung zwischen staatlicher Politik und der Klassenpolitik des Weltproletariats. Sie ist jedoch unmöglich zu verwirklichen, wenn sie nicht organisatorisch vollzogen wird. Lenin hatte dies gut verstanden. Es war einer der Gründe, die ihn zur raschen (manche meinten damals schon: verfrühten) Gründung der Kommunistischen Internationale drängten, nicht um der russischen Sowjetrepublik ein zusätzliches Aktionsmittel zu verschaffen, sondern im Gegenteil, um zur Pflicht der russischen Kommunisten, als Staat auf der internationalen Bühne zu manövrieren, ein Gegengewicht zu schaffen.
Es war für Lenin, Trotzki, Sinowjew, Bucharin, für alle Führer der KI absolut klar, als Sowjetrußland mit Deutschland und Österreich-Ungarn den Frieden von Brest-Litowsk schloß, daß es die Pflicht der revolutionären Sozialisten und Sozialistinnen in diesen drei Ländern und anderswo war, diesen Vertrag nicht zu verteidigen, sondern ihn als ein Rußland vom Imperialismus aufgezwungenes Diktat zu denunzieren. Als Sowjetrußland später in Rapallo mit dem kapitalistischen Deutschland einen Vertrag abschloß, der sogar den
Beginn einer militärischen Zusammenarbeit beinhaltete, unterbrachen die deutschen Kommunisten nicht einen Tag ihren Kampf zum Sturz der Regierung und der Macht der deutschen Bourgeoisie.
Doch wenn man sich weigert, zwischen dem Staatsapparat und der Partei, zwischen der internationalen Politik der Partei und der des Staates zu unterscheiden, dann werden die objektiven Verwicklungen der Staatsräson und die objektiven Ergebnisse staatlicher Manöver zu einem unüberwindbaren Hindernis auf dem Weg zu einer internationalen revolutionären Organisation.
Auf den Parteien und Strömungen, die außerhalb Kubas und Nicaraguas im Verlauf des Umgruppierungsprozesses der Arbeiterbewegung auftauchen, lastet außerdem der objektive Tatbestand, daß die Identität der Interessen der drei Sektoren der Weltrevolution eine historische Realität ist, die in der alltäglichen Erfahrung bedeutender Sektoren der Avantgarde noch nicht erlebt wird, erst recht nicht in der Erfahrung der breiten Massen. Die Ungleichzeitigkeit und weitgehend autonome Entwicklung der Massenkämpfe in den drei Sektoren ist in dieser Hinsicht ein bedeutendes Hindernis.
1968 konnte man während eines bestimmten Augenblicks hoffen, daß der Prager Frühling" eine vereinheitlichende Rolle spielen würde, indem er die kombinierte Wirkung des Mai 68 und der Tet-Offensive in Vietnam vervielfachen würde. Aus diesem Grund ist die Niederschlagung des „Prager Frühlings" wegen seiner langfristigen Auswirkungen das größte in der langen Liste der von der sowjetischen Bürokratie seit:dem II. Weltkrieg begangenen Verbrechen.
Es ist eine Tatsache, daß seitdem - um nur diese Beispiele zu nennen — die Erfahrungen der Massen und der Revolutionäre Mittelamerikas weitgehend getrennt von denen der polnischen Arbeiterinnen und Arbeiter von Solidarnosc, der britischen Bergarbeiter, der Werktätigen von FIAT, der französischen Eisenbahner oder der westdeutschen Metaller verlaufen. Man kann versuchen, dies durch Propaganda und Solidaritätsaktionen zu durchbrechen. Aber dies kann gemeinsame Erfahrungen der Massen nicht wirklich ersetzen. Der partielle und fragmentarische Charakter der Massenkämpfe und die politischen Fortschritte der Vorhut in zahlreichen Ländern bekräftigen dies. Wie bereits oben gesagt, hat letztlich die Tatsache, daß einige der größten nationalen Bataillone der Klasse noch nicht konkret in den Kampf getreten sind, folgenschwere Auswirkungen auf die Glaubwürdigkeit des Projekts der Wiederherstellung einer revolutionären Masseninternationale.
Unter diesen Bedingungen sind es allein die IV. Internationale — und einige kleine Gruppen von ähnlicher Größenordnung wie ihre stärksten Sektionen - die eine wirklich universelle Klassensolidarität praktizieren, die die drei Sektoren der Weltrevolution umfaßt. Nur die IV. Internationale hat die entsprechenden organisatorischen Schlußfolgerungen gezogen: der