Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Polen

Solidarnosc-Debatte um Markt und Plan: Der einzige Weg führt über den Markt

Inprekorr Nr. 202, April 1988 · S. 28-33 · 3.921 Wörter

Polen Gewerkschaften und Streiks

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INTERVIEW MIT JAN LITYNSKI

Jan Litynski hat 1976 an der Organisierung von Hilfe für die verfolgten Streikenden von Ursus und Radom teilgenommen und arbeitete eng mit dem KOR (dem Komitee zur Verteidigung der Arbeiter) zusammen, dem er 1977 beitrat. Er gründete dann die Zeitung Robotnik, das erste Oppositionsbulletin, das sich an die Arbeiter wandte. 1980 wurde er Mitarbeiter von Solidarnosc. Am 13.Dezember 1981 wurde er verhaftet, konnte später aber fliehen und lebte dann im Untergrund. Heute ist er Mitglied der Regionalen Exekutiv- Kommission von Warschau, die seit Herbst 1986 öffentlich auftritt. In dieser Eigenschaft ist er ein enger Mitarbeiter von Jacek Kuron und Zbigniew

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Bujak.

• Was können Sie über den Ausgang des Referendums sagen?

- Es war für alle eine Überraschung, denn selbst wenn man den offiziellen Verlautbarungen der Behörden glaubt, so organisiert man doch ein solches Referendum nicht, um es zu verlieren. Dennoch ist das Ergebnis eindeutig: die Regierung hat verloren. Man kann sich fragen: warum hat sie das Resultat nicht gefälscht, damit sie verkünden kann, es habe eine absolute Mehrheit von Ja-Stimmen gegeben? Ich glaube, sie war sich so sicher zu gewinnen, daß sie eine Fälschung nicht vorbereitet hat. Vielleicht wollte sie es nicht fälschen, das ist eine optimistische Interpretation, aber die scheint mir unwahrscheinlich.

Das Ergebis hinsichtlich der Beurteilung der allgemeinen Situation scheint mir klar: was die Regierung auch macht, sie hat nicht das Vertrauen der Gesellschaft. Umso mehr, als die Kampagne, die vor dem Referendum geführt wurde, von einem Mangel an Respekt für die Gesellschaft zeugte. Die Fragen waren unklar, und obwohl die Behörden erklärt hatten, sie würden den Inhalt der Fragen erläutern, haben sie es nicht getan. Vor allen Dingen ist klar geworden, daß die Behörden einen Kuhhandel wollten: Ihr werdet Reformen bekommen, ihr werdet vielleicht ein besseres Leben haben, evtl. wird es sogar einige politische Veränderungen geben, aber all dies nur im Tausch gegen starke Preiserhöhungen. Und das scheint mir der größte Erfolg bei diesem Referendum zu sein: die Gesellschaft hat auf diese Vertrauensfrage mit Nein geantwortet. Meiner Meinung nach haben viele, die beim Referendum mit Ja gestimmt haben, dies nur deshalb getan, weil sie überzeugt sind, daß nur die Regierung Reformen durchführen kann. Auf der anderen Seite waren viele, die beim Referendum mit Nein gestimmt oder sich enthalten haben, ebenfalls von der Notwendigkeit der Reformen überzeugt, aber dachten, die Regierung sei unfähig, die Reformen, die sie vorschlägt, auch zu realisieren. Meiner Meinung nach handelt es sich um ein Signal an die Regierung: ohne wirkliche Reformen, die sofort eingeleitet werden müssen, wird sich die Situation nicht bessern können.

Was Solidarnosć betrifft hat das Ergebnis gezeigt, daß es richtig war, das Referendum zu ignorieren. Auch, daß es eine Möglichkeit gibt, die gesellschaftliche Apathie zu überwinden, die seit längerem bei uns herrscht. Wenn Solidarnosć sich fähig zeigt, die — wie das Referendum zeigt - potentiell vorhandene gesellschaftliche Aktivität wiederzubeleben, dann können wir uns auf relativ bedeutende Veränderungen einstellen, auf die die Gesellschaft einen Einfluß haben wird.

• Bei ihrem Aufruf, das Referendum zu ignorieren, hat die Nationale Exekutivkommission von Solidarnosc die Frage der Preiserhöhungen aber nicht erwähnt, zumindest nicht in ihrem ersten Aufruf. Sie sagen, heute gibt es eine Möglichkeit, die Gesellschaft wieder in Bewegung zu bringen. Um welche Forderungen herum könnte dies geschehen, und welchen Stellenwert werden hierbei die materiellen Forderungen der Arbeiter haben?

- Ich glaube nicht, daß dies der einzige Bereich sein wird, obwohl materielle Forderungen unverzichtbar sind. Umso mehr, als seit 1982 klar wurde, daß der spontane Widerstand gegen die Preiserhöhungen und die Lohnkämpfe, die sich spontan und unorganisiert entwickelten, nützlich waren, weil sie die Regierung daran gehindert haben, Mehrarbeit allein zu Lasten der Gesellschaft zu erpressen. Dieser gesamte Widerstand, diese Lohnkämpfe, waren ein Kampf für Reformen, weil er die Regierung gezwungen hat, strukturelle Reformen einzuleiten. Ich denke, das war sehr wertvoll. Heute ist ein solcher Widerstand notwendig, aber er reicht nicht aus.

Wir brauchen heute eine gesellschaftliche Aktivität in vielen Bereichen zugleich. Zuerst gibt es da das Problem der Selbstverwaltung auf betrieblicher Ebene. Die Räte funktionieren recht und schlecht, aber ihre Aktivität muß gesteigert werden. Es gibt das grundlegende Problem für Solidarnosc, Wege zum Wiederaufbau der Gewerkschaft zu finden - eine Entwicklung, die mit der Gründung von Solidarnosc-Komitees in den Betrieben begonnen hat. Es gibt das Problem der demokratischen Selbstverwaltung auf lokaler Ebene. Wenn es eine Reform gibt, wird es eine auf lokaler Ebene sein. Die aktuellen Strukturen, die verschiedenen, manchmal mafiaartigen Cliquen, müssen zerschlagen werden. Sie sind eine Zwangsjacke, weil es eine hoffnungslose Verfilzung zwischen den Behörden, der Nomenklatura und selbst einem Teil der privaten Unternehmen gibt. Wenn alles dies zugunsten einer lokalen Selbstverwaltung, der Industrie und normal funktionierender Kooperativen zerschlagen POLEN wird, dann könnte die Reform erfolgreich sein. Die Reform spielt sich auf zwei Ebenen ab: die erste ist die Zerschlagung der Nomenklatura und der Cliquen in der Großindustrie; die zweite, vielleicht wichtigere, ist die auf lokaler Ebene. • Glauben Sie nicht, daß die grundlegende Frage die der Zentralregierung ist?

- Natürlich wird das System infragegestellt. Aber unter sozialem Druck entwikkelt es sich. Die Aufgabe ist, der Zentralregierung die Kontrolle über das wirtschaftliche und das lokale Leben zu entziehen. Dazu braucht man einen entsprechenden Druck, weil die Zentralregierung in einer Art und Weise funktioniert, daß ihre natürliche Tendenz die ist, alle Räume des gesellschaftlichen Lebens zu okkupieren. Im Gegensatz dazu muß es die Gesellschaft sein, die alle sich bietenden Räume ausfüllt. Ich sehe heute keine Möglichkeit, das Problem zentralisiert zu lösen in dem Sinne, daß das System von heute auf morgen umgewandelt wird. Das kann nur ein Prozeß sein, der mit einer Entwicklung des Systems einhergeht. • Als Sie von ökonomischen Reformen sprachen, dachten Sie an eine marktwirtschaftliche Reform... - Ja, natürlich...

• Aber glauben Sie nicht, daß die ablehnende Antwort der Gesellschaft auf das Referendum auch eine Ablehnung wenn nicht einer marktwirtschaftlichen Reform, so doch der gesellschaftlichen Kosten, die sie verursachen würde, war? Gleichgültig, von wem sie durchgeführt würde?

- Ich glaube, die Überlegung ist falsch zu sagen, die Reform verursacht soziale Kosten. Vielleicht ist es so, ich weiß es nicht. Nicht die Reform verursacht soziale Kosten, sondern die Rückständigkeit, die von dem totalitären wirtschaftlichen, sozialen und politischen System angestaut wurde, das unser Land dominiert hat. Wir müssen diese Kosten akzeptieren. Wir befinden uns nicht in der Situation, daß der Lebensstandard sinken wird. Die Frage ist also nicht, ob wir eine marktwirtschaftliche Reform wollen oder nicht, sondern nur, und das ist wichtiger: Wer soll die Opfer bringen? Wenn es keine Aktivität und keine Organisation der Gesellschaft gibt, dann werden die schwächeren sozialen Gruppen die Lasten der Kosten tragen müssen. Wenn wir erreichen, daß wir unabhängige Gewerkschaf-

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POLEN ten und loakle Selbstverwaltung durchsetzen, dann wird es eine Chance geben, daß diejenigen die Kosten tragen, die sie verursachen, also der Apparat und seine Klientel.

Das grundlegende Problem, das noch niemand zu Sprache gebracht hat, ist das des militärischen Komplexes, der Armee und der Polizei. In der gegenwärtigen Situation, wenn Gorbatschow wirklich den Rüstungswettlauf bremsen will, müßte dies reale Auswirkungen für Polen haben, indem die Produktion für die Armee, die Ausgaben für die Verwaltung und den Repressions- und Militärapparat gesenkt werden. Dort müssen die Reserven gesucht werden, die es ermöglichen, die Kosten gerechter zu verteilen. 1980, in den Kämpfen, die zur Gründung von Solidarnosc führten, war eine der ersten Forderungen die nach Rationierung, auf der Basis der Vorstellung, daß jeder den gleichen Magen hat. Der marktwirtschaftliche Weg führt im Gegensatz dazu zu einer Verteilung über das Geld; in diesem Rahmen werden die am schlechtesten gestellten Gruppen natürlich die Kosten eines solchen Weges zu tragen haben. - Ja, deshalb muß man Mechanismen einführen, die den am meisten benachteiligten Gruppen ein gewisses Minimum zusichern. Aber diese Mechanismen werden nur eingeführt werden können, wenn Solidarnosc und die anderen authentischen Gewerkschaften legal existieren. Ich sche keinen anderen Weg für die Entwicklung des Landes als den über den Markt, oder anders ausgedrückt: den Weg, der zur Kapitalisierung des real existierenden Sozialismus führt. Das bedeutet nicht, daß in einem solchen Prozeß nicht soziale Kräfte existieren, die die schwachen Schichten verteidigen. Auf der anderen Seite führt der Weg der Rationierung zur Stärkung des Zentralapparats und zur Herausbildung einer Gruppe von Leuten, die am Fortbestehen des Systems interessiert sind.

• 1981 hat Solidarnosć die soziale Kontrolle über die Rationierung gefordert. Glauben Sie nicht, daß dies eine alternative Lösung sein könnte? - Ich glaube nicht. Das System der Rationierung setzt die Existenz eines entwikkelten bürokratischen Apparats voraus; es ist keine Lösung, wenn man einen Apparat zur sozialen Kontrolle aufbaut, der über der Gesellschaft steht und der natürlicherweise die Tendenz zur Degenerierung hätte. Man hätte Apparate, die sich wechselseitig kontrollieren und so das soziale Leben paralysieren würden. Ich bin natürlich für eine soziale Kontrolle, aber diese muß über demokratische Mechanismen vermittelt werden, gleich ob sie parlamentarisch oder marktwirtschaftlich sind, und über verschiedene soziale Gruppen. Z.B. brauchen wir beim Umweltschutz den gesellschaftlichen Druck und die Kontrolle.

• Auf welche Weise kann Solidarnosc heute Einfluß ausüben, um solche Veränderungen zu erreichen?

- Zuallererst müssen in den Betrieben Organisationskomitees gegründet werden. Wenn wir dies nicht erreichen, dann werden wir nichts erreichen. Denn es ist heute offensichtlich - wenngleich es nicht unvermeidlich war — daß das Regime nicht von sich aus einen gewerkschaftlichen Pluralismus zulassen wird. Dazu wird sehr starker Druck nötig sein. Was diese Komitees betrifft, gibt es dazu heute zwei Konzepte in unseren Reihen.

richt, die Komitees zu gründen und zu hoffen, daß Solidarnosc anerkannt werden muß, wenn sie nur zahlreich genug sind. Delägndose, Kleßzdpt, Klam itde sbgegrünget werden, eine Phase der Konsolidierung durchlaufen und sofort anfangen zu handeln. Dies wäre eine indirekte Form der Fortführung der Aktivität von Solidarnosc in den Jahren 1980-81.

Doch dies reicht heute nicht aus. Wenn wir jahrelang, im Rahmen eines Kompromisses, für Solidarnosc das Existenzrecht in den Betrieben gefordert haben, dann reicht das im Rahmen der Reform nicht mehr: wir müssen eine organisatorische Aktivität entwickeln, die über den betrieblichen Rahmen hinausgeht, und wir sollten nicht mehr lange damit warten. Seit einiger Zeit beobachten wir die Tendenz, daß Untergrundarbeit zugunsten öffentlicher Arbeit aufgegeben wird, weil sie im Augenblick ziemlich sinnlos scheint. • 1981 haben Sie einen Artikel geschrieben, der argumentierte, es wäre an der Zeit sich zu spalten. Innerhalb von Solidarnose sind jetzt immer deutlicher Spaltungstendenzen aufgetreten, auch auf zentraler Ebene. Ich beziehe mich vot allen Dingen auf den Brief von 22 Solidarnosc-Führern an Lech Walesa.

- Ich bin für Spaltungen, vorausgesetzt, daß sie auf der Grundlage wirklicher Tendenzen und programmatischer Differenzen passieren, nicht aufgrund der Frage, wer in der Führung sein soll und wer nicht. Mir scheint, daß der Brief der 22 ein Fehler ist. Heute eine Nationale Kommission einzuberufen, würde zu nichts führen, denn Solidarnose ist, was sie ist: turen existent. In diesem Rahmen muß man anfangen zu handeln, und dies muß auch mit der Unterstützung von anderen Personen geschehen, die ebenfalls in Solidarnosc arbeiten wollen. Es ist nicht der Moment, sich zu fragen, ob wir die Nationale Kommission oder die KKW brauchen. Die KKW wurde gegründet - und ich glaube, das war ein organisatorischer Fortschritt - weil man damit die künstliche und schädliche Spaltung zwischen der Untergrundführung und der öffentlich auftretenden Führung überwinden will. Die KKW ist die einzige Führung, die man heute haben kann. Sie ist auf natürliche Weise entstanden, obwohl ihre Zusammensetzung teilweise das Ergebnis eines Zufalls war, weil es sich um Leute handelt, die an der Spitze der regionalen Untergrundstrukturen standen oder dort eine große Autorität besaßen. In einer solchen Situation die Frage nach der Einberufung der Nationalen Kommission aufzuwerfen, anstatt an der Seite der KKW zu handeln, scheint mir ein Fehler, obwohl ich weiß, daß viele derer, die den Brief der 22 unterschrieben haben, aktive Führer in ihrer Region sind und gute Arbeit machen.

• Aber die Unterstützer des Briefs der 22 fordern nicht nur die Einberufung der Nationalen Kommission von Solidarnosc. Sie kritisieren auch die Schwächung ihres Charakters als Gewerkschaft, die ungenügende Aufmerksamkeit, die sie der Verteidigung des Lebensniveaus und der anderen materiellen Interessen der Arbeiter widmet...

- Ich bin einverstanden mit der Kritik, daß Solidarnosc sich nicht genügend um die materiellen Fragen kümmert, das ist richtig. Aber man muß berücksichtigen, daß die Mehrzahl der Texte von Solidarność unbekannt geblieben sind, weil solche Texte ein gewisses Niveau an Aktivität voraussetzen. Was hätte ein Bericht von Solidarnosc über die Arbeitsbedingungen in den Betrieben gebracht, wenn es überhaupt keine Möglichkeit gibt, für eine Verbesserung der Bedingungen zu kämpfen? Weil die Leute lieber unter

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n. ur Ich glaube, für eine Gewerkschaft ist das Problem der Arbeitsbedingungen eine zentrale Frage, aber sie muß in einen allgemeineren Rahmen eingebettet sein, den einer Bewegung. Erst heute haben wir die Möglichkeit, eine solche zu schaffen. Fragen links liegen lassen, und dies ein Fehler ist, so hat dieser Fehler doch seine Ursachen in der allgemeinen Situation und nicht im fehlenden Willen. Es würde nichts nützen, noch einen Aufruf zu veröffentlichen. Man hätte handeln können, wie Zbigniew Romaszewski vorschlägt, indem man massiv Flugblätter über die Arbeitsbedingungen in den Bergwerken Schlesiens oder in den Textilfabriken von Lodz verteilt. Wir hatten wahrscheinlich nicht die Möglichkeit dazu, das ist der Fehler.

• Über die Führung von Solidarność haben Sie gesagt, es sind Differenzen entstanden über die Frage: Untergrundarbeit oder öffentliche Arbeit. Diese Unterschiede scheinen heute überwunden, aber ich habe den Eindruck, daß eine andere grundsätzlichere Spaltung aufgetreten ist. Man könnte sie charakterisieren als Differenz zwischen denen, die das Hauptgewicht auf die marktwirtschaftliche Reform legen und bereit sind, auch materielle Opfer der ArbeiterInnen einzukalkulieren, und denen, die das Hauptgewicht auf den Kampf gegen die Sparpolitik auf betriebliche Ebene legen. Diese zweite Auffassung wurde z.B. in einem Artikel von Henryk Wujec und Maciaij Jankowski oder auch in einigen Positionen in der Zeitung Robotnik vertreten.

- Den Text von Wujec und Jankowski finde ich sehr gut, er gibt die Position von Solidarność wider. Unglücklicherweise hat er nicht das Echo, das er verdient, d.h. er hat nicht dazu beigetragen, die Dinge in den Betrieben in Bewegung zu bringen. Dieser Text steht in keinem Widerspruch zur Reform. Für Solidarnosc gilt es, Aktionen für unmittelbare Forderungen, für die Verteidigung der Lebensbedingungen in den Betrieben zu organisieren, und diese Reform muß man durchsetzen. Es handelt sich um zwei verschiedene Ebenen.

Anders gesagt: die Einführung der Re- nem ist untrennbar verbunden mit den Kampf um den Inhalt dieser Reform und in diesem Bereich werden unterschiedliche soziale Gruppen aktiv werden, um ihre Interessen zu verteidigen. Dies kann den Rhythmus der Reform verlangsamen, aber es wird nützlich sein. Das was die Regierung vorschlägt, ist eine Art ökonomischer Dschungel, ein Liberalismus à la Milton Friedman, und Solidarnose muß sich natürlich dagegen verteidigen. Aber der ökonomische Dschungel ist eine Sache, das Marktsystem eine andere. Dagegen ist es möglich, daß die Position von Robotnik einen anderen Standpunkt vertritt, nämlich die Überzeugung, daß die marktwirtschaftliche Reform das Lebensniveau der ArbeiterInnen senkt. Ich bin mit einer solchen Analyse nicht einverstanden. Ich denke, es ist notwendig, normale, öknomische Entscheidungen zu treffen, und die Frage, wie jeder verteidigt werden muß, ist zweitrangig. Anders gesagt: im Rahmen des aktuellen Systems gibt es nichts zu verteidigen, weil wir in einem Land leben, das nicht nur in einer wirtschaftlichen Krise steckt, sondern sich im Zustand der ökonomischen Zersetzung befindet.

Es ist klar, daß man mit materiellen Forderungen und dem Erhalt der bestehenden Strukturen nichts erreicht, wegen des ideologischen Zusammenhangs einer solchen Struktur. Im Gegenteil, ich denke, daß die ökonomische Reform die Verteidigung des Lebensstandards erleichtern wird, weil sie zu einem wirtschaftlichen Aufschwung führen wird. Es wird mehr Waren in den Läden geben und es wird viel einfacher sein, das Lebensniveau zu verteidigen.

• Wenn ich Ihren Standpunkt richtig verstehe, dann denken Sie, mit der Einführung des Marktes werden mehr Waren produziert?

- Ja, ich glaube, daß die Entwicklung von Marktmechanismen, des privaten Unternehmertums, der Kooperativen, der Industrie und der lokalen Selbstverwaltung heute der einzige Weg ist, das Warenangebot zu steigern. Denn das jetzige System betrachtet naturgemäß den Verbraucher nur als ein notwendiges Übel. • Im Rahmen des jetzigen Systems können die privaten Unternehmen effektiv erscheinen, weil sie in Bereichen arbeiten, die von der großen Industrie ignoriert werden. Aber sollte der polnische Markt für den internationalen Handel geöffnet werden, dann kann POLEN dies zur Entindustrialisierung des Landes führen. Die Produktivität der polnischen Industrie ist wirklich sehr viel niedriger als die der entwickelten Länder und sie wird der internationalen Konkurrenz nicht standhalten können. - Aber die Entindustrialisierung haben wir ja schon. Unsere Maschinen stehen außer Betrieb, die Luft ist verschmutzt, die Böden sind heruntergekommen, usw. Wenn wir im Rahmen des Systems weitermachen würden, wäre der Zerfall komplett. Die Polen würden zu einer degenerierten Nation im Herzen Europas werden, das können wir nicht zulassen. Dieses System kann nicht mehr gerettet werden, es hat keine Reserven mehr. Reserven können nur durch die Initiative von Leuten entstehen, d.h. wenn Leute private Unternehmen gründen, wenn die staatlichen Unternehmen aufhören, solche zu sein und anfangen, auf normale Weise am Markt teilzunehmen, wenn es eine normale Konkurrenz gibt. Damit sind natürlich eine Masse Probleme verbunden. Die Frage der privaten Unternehmen ist im übrigen zweitrangig; wichtig ist, daß die Leute mit der Hoffnung auf einen Gewinn produzieren können, im Gedanken, ihre Produkte zu verkaufen. In diesem Land wurden Milliarden verschleudert. Ich kenne keine andere Lösung. wenn man eine radikale Verbesserung der Situation will, als die, die über den Markt führt. Ich bin damit einverstanden, daß Verteidigungsmechanismen gegenüber den Auswirkungen des Marktes notwendig sind, aber wie soll man sich gegen etwas verteidigen, von dem man nicht weiß, was es ist?

• 1981 sprach sich ..der nationale Kongreß von Solidarnose fur ein neues System der Organisierung der Wirtschaft aus, das auf einer Kombination von sozialistischer und demokratischer Planung, von gesellschaftlicher und Arbeiter- Selbstverwaltung auf betrieblicher und lokaler, aber auch auf nationaler Ebene beruhte, mit einem Parlament, das die Selbstverwaltungsorgane vertreten sollte und auf Marktmechanismen beruhte. Dieses Projekt, scheint mir, ist seither begraben worden, zugunsten eines Systems, das vollständig auf dem Markt basiert.

- Es ist begraben worden, weil zwischenzeitlich eine Menge neuer Breignisse passiert sind. Es hat sich ganz einfach herausgestellt, daß es unmöglich ist, das System zu verbessern, und daß die polnische Krise auch keine spezifisch pol-

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POLEN nische ist. D.h. sie wurde nicht verursacht durch eine besondere Korruption der Macht in Polen, durch eine besondere Revolte des polnischen Volkes, sondern es handelt sich um eine generelle Krise dieses Typs von System. Der Aufstieg Gorbatschows bestätigt dies in gewisser Weise.

Diskussionen über ein hypothetisches Idealsystem interessieren mich nicht. Es ist klar, daß der Sozialismus, der existiert, der „real existierende"*, wie sie gern wiederholen, ein System ist, das in einer völligen Sackgasse steckt. Und wir haben kein anderes Modell als das des Marktes, niemand hat sich ein anderes ausgedacht. Also müssen wir in dieser Richtung denken. Ich bin mir der enormen Probleme bewußt, mit denen wir konfrontiert sind. Das Problem aber ist zu wissen, was die öffentlichen Unternehmen im Rahmen der Reform tun sollen. Es geht gar nicht in erster Linie um die Zulassung privater Unternehmen, auch wenn dies sicherlich notwendig und nützlich ist. Der Liberalismus ist utopisch. Unsere Liberalen denken, in dem Moment, in dem der Staat die Gründung privater Unternehmen zuläßt, wird es einen Boom geben und wir werden alle glücklich werden. Das ist falsch. Es wird soziale Probleme geben, die es zu lösen gilt, aber im Rahmen einer Entwicklung, die zur Einführung eines normalen Marktes führt. Die wirtschaftliche Entwicklung, alle ökonomischen Faktoren müssen über den Markt geregelt werden und nicht über die zentrale Planung, weil diese nicht dazu fähig ist.

• Vor kurzem wurde die Sozialistische Partei Polens, PPS, gegründet. Was halten Sie davon?

- Zuerst will ich meinen persönlichen Standpunkt darlegen: Ich bin nicht an Parteiarbeit interessiert. Ich bevorzuge es, innerhalb der sozialen Bewegungen zu arbeiten, oder in einer Gewerkschaft, aber nicht in einer Partei. In diesem Sinne interessiert mich die PPS auch nicht und im allgemeinen habe ich keine Interesse an Parteien, deren Programm auf die Erringung der Macht zielt. Aber ich bin nicht gegen ihre Gründung, denn ich bin für ein Mehrparteiensystem.

Ich habe also einen äußerlichen Standpunkt. Ich denke, in einer Situation, in der Gruppen, die sich zur Rechten zählen, sehr aktiv sind, ist es gut, wenn eine Gruppe auftritt, die sagt: ,,Wir sind Sozialisten, wir sind Linke." Auf diese Weise wird das soziale Leben bereichert. Die politische Diskussion bekommt dadurch nicht mehr den Charakter von Angriffen auf Solidarnosc, sondern einer Debatte zwischen zwei entgegengesetzten politischen Orientierungen. Ubrigens scheint mir, daß die Gründung politischer Parteien zum gegenwärtigen Zeitpunkt verfrüht ist, aber das geht mich nichts an. Außerdem ist es meines Erachtens - und das ist das wichtigste dabei - heute etwas anachronistisch, sich entlang der Linie rechts oder links zu spalten. In gewisser Weise scheint mir die Realität unrecht zu geben, weil diese Spaltung existiert und man sie einkalkulieren muß. Aber ich denke, daß die praktischen Aufgaben, die sich aus der jetzigen Situation ergeben, nicht durch diese Polarisierung berührt sind, owbohl es möglich ist, daß sich dies in Zukunft ändert. Z.B. stehen in den Texten der rechten Gruppen viele Dinge, mit denen ich einverstanden bin, auch wenn sie in einer Sprache ausgedrückt werden, die mir nicht paßt; mit ihren praktischen Schlußfolgerungen bin ich einverstanden. Vor allem befürchte ich, daß unter den polnischen Bedingungen die Auseinandersetzung rechts-links die unfruchtbare Form ideologischer Meinungsverschiedenheiten annimmt. Ich würde Spaltungen aufgrund praktischer Fragen bevorzugen: welche konkreten Lösung gibt es für Probleme wie die gesellschaftlichen Kosten der Reform, welche gemeinsamen Aktionen mit anderen Völkern Polnische Polizei in Warschau des sowjetischen Blocks sind möglich; welches ist unsere Haltung zur Reform? Wenn das nicht geht, dann eben nicht. Auf jeden Fall ist die Gründung der PPS eine Bereicherung für die politische Landschaft, auch wenn meiner Meinung nach diese sich nicht nach dem Rechts-Links- Muster aufteilen läßt.

• Glauben Sie nicht, daß die Gründung von Parteien und politischen Gruppen einen Niederschlag innerhalb von Solidarnose finden müßte, sogar innerhalb der Führung, die sich zu einem gemeinsamen Rahmen für konkrete Aktionen der unterschiedlichen ideologischen Strömungen entwickeln könnte?

- Um zu wissen, ob die Aktivisten dieser Gruppen den gewerkschaftlichen Gremien beitreten sollten oder nicht, muß man wissen, ob sie bereit sind, innerhalb dieses Rahmens zu arbeiten. Von ihrer Natur her ist Solidarnose pluralistisch und umfaßt verschiedene Strömungen. Ich denke, daß es innerhalb von Solidarnosć genügend Raum für Differenzen gibt, die sich auf praktische, nicht auf ideologische Fragen beziehen. Solidarnose war immer sehr heterogen und wird es auch bleiben, aber es scheint mir positiv, wenn sie sich von der Last der politischen Differenzen im engen Sinne befreien kann.

8.12.1987

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