Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Die maoistische Führung und der Bürokratisierungsprozess

Inprekorr Nr. 20, 15. Oktober 1972 · S. 6-7 · 530 Wörter

Stalinismus und Bürokratie China

Unkorrigierter maschineller Text (OCR). Jede Seite verweist auf ihren Scan; vor dem Zitieren bitte dort prüfen.

Ein weiterer wichtiger Unterschied zum Bürokratisierungsprozeß in der Sowjetunion: die Hallung von Mao Tse-tung. Wenn Mao Tse-tung sich aufgrund seiner politischen Grenzen (Unverständnis der stalinistischen Degeneration) nicht dem Bürokratisierungsprozeß des neven chinesischen Staates entgegengesetzt hat, wenn er auch keine Räteinstitutionen, die diesen Prozeß einschränken und kontrolkeren könnten, eingesetzt hat, so ist er doch im Gegensatz zu Stalin nie zum bewußten Agenten der Bürokratisierung geworden, zum anerkannten Sprecher der neuen privilegierten Schichten, der ihre Ideologie ausarbeitete, ihre Wünsche zum Ausdruck brachte und ihre Kasteninteressen durchsetzte.

Im Gegenteil, Mao hat sich sehr schnell besorgt über die neve soziale Differenzierung gezeigt, die sich unter seinen Augen abspielte. Auf seine Art ist ihm insbesondere bewußt geworden, daß zwischen den durch die Erhaltung der kleinen Warenproduktion auf dem Lande hervorgerufenen kapitalistischen Interessen und der konservativen Partei- und Staatsbürokratie eine Interessenverbindung entstehen könne. Diese Sorge kommt in fortwährenden Interventionen Maos für die Beschleunigung der Landkollektivierung zum Ausdruck ( Rede vom 31. Juli 1955 vor den Provinz- und Regionalsekretären der Partei) und auch in der Initiative der "Hundert Blumen" ; vor allem aber in dem linksradikalen Projekt des ""Großen Sprung nach vorne" und der "Volkskommunen". Mit diesen Initiativen, insbesondere mit der letzteren, versuchte Mao auf seine Art, den Übergang zum Sozialismus anzutreiben und ein Steckenbleiben im status quo zu verhindern. Dabei stößt er immer mehr auf den Widerstand der chinesischen Bürokratie, aber er wird nicht zu deren Sprecher, sondern er bringt sie durcheinander und faßt sie hart an, übrigens nicht ohne daß diese darauf regiert.

Gegenüber den Widerständen und dem wachsenden Konservatismus des Apparats wird die maoistische Führung umso besorgter, als sie auf ihre Art d'er Degeneration der Sowjetunion bewußt wird und feststellt, daß diese Degenerotion vom Staats- und Parteiapparat ausgeht. Mao "'theoretisiert" diese Auffossung in seiner "Theorie" der friedlichen Wiedererrichtung des Kapitalismus in der Sowjetunion. Es ist offensichtlich, daß Mao im Laufe der 60er Jahre über die Evolution seiner eigenen Revolution, über die Qualität und Orientierung seiner eigenen Kader Zweifel bekon.men mußte. Offensichtlich schloß er, daß China genauso wie Ruß land in Gefahr stand, die "Farbe zu wechseln (Henri WEBER. Aus ROUGE vom 7.10.)

Seite 7

BILANZ DER KULTURREVOLUTION

Zwei wichtige Interpretationen der Kulturrevolution gibt es heute. Die eine ist die de stalinistischen und bürgerlichen Ideologen: danach sei die Große Proletarische Kulturrevolution einfach auf einen interbürokratischen Fraktionskampf um die Macht zurückzuführen. Der Große Steuermann sein 1959 ausgebootet worden und brenne darauf, das Steuerrad wieder in die Hand zu bekommen: zu diesem Zweck entfacht er bedenkenlos einen fürchterlichen Sturm, der das Schiff gefährlich umherwirbelt, aber die verräterische Mannschaft ins Meer spült... Nach dieser "Erklärung" reduziert sich die Kulturrevolution auf den Machthunger eines alten beleidigten Führers. Die zweite Interpretation stammt von den maoistischen Gruppen und den Chinafreundlichen Intellektuellen. Sie nehmen das Bild, das von der Kulturrevolution in ihrer auf steigenden Phase von ihr gegeben wurde, für bare Münze und sehen darin eine antibürokratische politische Revolution, vermittels derer in China eine authentische Arbeiterdemokratie "nach dem Modell der Pariser Kommune" errichtet wurde. Unglücklicher weise steht der konkrete Ablauf der Kulturrevolution seit dem März 1967 diesen unschuldigen Träumereien entgegen.