Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

BRD

Interview mit Theo Stegmann

Inprekorr Nr. 199, Januar 1988 · S. 4-5 · 1.057 Wörter

BRD und DDR Gewerkschaften und Streiks

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Theo Stegmann ist stellvertretender Betriebsrats- Betriebsrat, Stahlwerker und seit sechs Jahren vorsitzender bei Krupp Rheinhausen. Er ist ein führender Verteter der neuen linken Mehrheit im Herrmann Dirkes. Wird zur Zeit wieder im Werk produziert?

Ja, im Moment wird wieder produziert. Die Belegschaft hatte sich seit Beginn des Kampfes Ende November für eine flexible Kampftaktik entschieden. Am Anfang gab es Stimmen in der Belegschaft, die einen unbefristeten Streik wollten, bis das Vernichtungskonzept vom Tisch ist. Doch schließlich hat sie sich für diese Taktik entschieden, weil die technischen Anlagen in einem solchen Hüttenwerk sehr kompliziert sind. Je länger die Anlagen stehen, desto schwieriger wird es, etwa die Hochöfen wieder hochzufahren und auf Temperatur zu bringen. Die Taktik hieß „stop and go". So konnte das Management nie kalkulieren, wann gestreikt und wann produziert wird. Das setzt natürlich voraus, daß die Belegschaft in der Lage ist, so ein Werk technisch zu kontrollieren. Das hat sie nun bewiesen. Wie ist das Verhältnis zwischen Belegschaft und Gewerkschaft?

Die zentrale Anlaufstelle eines Großbetriebs in der Stahlindustrie ist der Betriebsrat. Die letzte Betriebsratswahl im April 1987 hat sehr deutlich die Zusammensetzung des Betriebsrats verändert — hin zu einer linken, radikaleren Mehrheit. Scil 26 Jahren hatten wir zum erstenmal wieder eine Persönlichkeitswahl im Gegensatz zur traditionellen Listenwahl. Die Arbeiter und Angestellten konnten also 29 Kandidaten ankreuzen. Das hat zu einem sehr großen Vertrauensvorschuß geführt. Wir haben von Anfang an gesagt: diesen Kampf führen Belegschaft und Betriebsrat gemeinsam; der Betriebsrat trifft keine Entscheidung, die nicht in der Belegschaft diskutiert und abgestimmt jst. Dieses Verhalten hat das Vertrauen weiter gestärkt, obowhl die Kollegen verständlicherweise nervös sind. Alle wichtigen Entscheidungen werden im Vorfeld breit diskutiert. Kompromisse oder Verhandlungsergebnisse werden erst in der Belegschaft zur Abstimmung gestellt, bevor der Betriebs- Die Kollegen sehen nach wie vor die Gerat zustimmt. Daran hat sich der Betriebs- fahr der Vernichtung des Stahlstandortes rat die ganze Zeit über gehalten. sehr deutlich bestehen und sind weiter so kampfbereit wie zuvor.

Gibt es zur Zeit Verhandlungen mit dem Management? Das Gefühl und der Wille, die vorhandenen Arbeitsplätze zu verteidigen und Wir haben immer betont, daß wir ver- sich nicht auf vage Versprechen über handlungsbereit sind, sobald der Vorstand Ersatzarbeitsplätze einzulassen, ist ofvon seinem Stillegungsplan abgeht. Am fenbar sehr stark? 12.12. haben wir einen vorläufigen Kompromiß erreicht, in dem der Vorstand sich erneut verpflichtet hat, die am 10.Septem- Ja. Es gibt allerdings zwei Ebenen, auch ber mit uns abgeschlossenen Verträge ein- *in der Politik der Gewerkschaften. Standzuhalten. Wir haben weiter erreicht, daß orterhaltung fordern wir, weil wir uns über verschiedene Modelle verhandelt nicht damit vertrösten lassen wollen: wird, die die Erhaltung des Werks zum ,Wir schaffen irgendwann 8.000 Ersatz- Ziel haben. Im Nachhinein ist allerdings arbeitsplätze." Keiner kann heute die wieder deutlich geworden, daß Krupp an Frage beantworten, wo diese Arbeitsder Kooperation mit Mannesmann und plätze herkommen sollen. Von daher hal- Thyssen festhalten will, weil es den mei- ten die Leute das alles für ein politisches sten Gewinne bringt. Das hat natürlich Manöver oder für Betrug. Und sie haben dazu beigetragen, daß keinerlei Beruhi- recht, nach allen Erfahrungen der Vergung in die Belegschaft eingetreten ist. gangenheit. VSP Standpunkte verlegt bettist ANZEIGE Herrmann Dirkes, Adam Reuleaux Kahlschlag stoppen Zur Krise bei Kohle und Stahl 32 Seiten, 2.S0DM, Solidaritätskonto:

Sonderkto. Hilfe für Krupp Stahlarbeiter Rheinhausen" Stadtsparkasse Duisburg

Kto.Nr. 250 001 930 BLZ 350 500 00

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Andererseits kämpfen wir nicht unbedingt dafür, einen ganz bestimmten Arbeitsplatz zu erhalten. Keiner von uns ist besonders wild darauf, am Hochofen zu arbeiten die Arbeit ist nicht besonders schön, niemand arbeitet gern in Kontischicht. Aber solange keine Garantie für neue Arbeitsplätze in Sicht ist, solange kämpfen wir um unsere heutige Existenzgrundlage. Natürlich wollen wir auch die Ansiedlung neuer Industrien und damit neuer Arbeitsplätze. Dazu haben wir auch schon Programme entwickelt. Qualifizierungsprogramme für unsere Kolleginnen, die ihnen die Möglichkeit geben, sich auf andere Berufe umzuschulen, um damit auch einen gewissen Strukturwandel in der Region herbeizuführen. Aber das wird uns mit dem Stillegungsplan alles zunichte gemacht.

Es gibt die Behauptung, in der Welt wird zuviel Stahl produziert, es gibt riesige Überkapazitäten ...

Das ist eine sehr interessante Frage, die wir auch diskutiert haben. Was die „Überkapazitäten" betrifft, meine ich folgendes: Wir stellen hier ein Produkt her, auf das wir eigentlich sehr stolz sind, nämlich Schienen, Schienen, auf denen Züge fahren, aber auch Straßenbahnen. Wir meinen, dafür gibt es einen großen gesellschaftlichen Bedarf. Nicht nur in den Ländern der Dritten Welt, auch schon in der benachbarten DDR.

sinnvoller, wenn die Bundes- oder Landesregierungen diesen Ländern zinslose Kredite geben würden, damit sie sich beispielsweise ein Schienennetz und ein öffentliches Nahverkehrssystem aufbauen können. Damit könnte u.a. auch unsere Produktion im Rahmen einer sinnvollen internationalen Arbeitsteilung abgesichert werden.

Der „freie Markt" ist im Stahlbereich ohnehin ein Mythos. Wie steht ihr zur Forderung nach Vergesellschaftung? Diese Forderung wird bereits seit langem im Grundsatzprogramm des DGB und in der Satzung der IG Metall erhoben. Seit 1983 ist sie von den Vertrauensleuten der gesamten Branche aktualisiert worden. Es gibt seit 1985 ein stahlpolitisches Programm der IG Metall, das die Vergesellschaftung der gesamten Stahlindustrie. einschließlich der profitablen Konzern- BUNDESREPUBLIK teile, fordert. Der Kampf muß letztlich in dieser Perspektive geführt werden. Voraussetzung für einen Erfolg ist natürlich eine einschneidende Änderung des politischen Kräfteverhältnisses in der gesamten Bundesrepublik.

Was plant ihr für die nahe Zukunft? Die Tage zwischen den Jahren haben wir vor allem genutzt, um die Aktionen für den Januar und Februar zu diskutieren und vorzubereiten. Es ist völlig klar, daß wir weiter Druck machen müssen. Am 22. Februar wird die „Kanzler-Runde" über die Probleme der Stahlindustrie stattfinden. Unsere Strategie zielt darauf ab, über Krupp-Rheinhausen hinaus die Belegschaften anderer Werke stärker in die Bewegung einzubeziehen: vor allem die Kollegen von Mannesmann-Huckingen, die ja im Kooperationsmodell mit drin sind. Wir wollen unsere Kollegen von Thyssen miteinbeziehen, unsere Kollegen von Krupp Stahl in Bochum. Wir wollen auch versuchen, die IG Metall dazu zu bewegen, die laufende Tarifrunde im Stahlbereich dazu zu nutzen, zusätzlichen branchenweiten Druck aufzubauen. Wir wollen mit übergreifenden Forderungen auftreten, die allen Belegschaften an allen Stahlstandorten eine gemeinsame Perspektive geben.