CHRONIK RHEINHAUSEN | sah sich der Betriebsrat schließlich Der Krupp-Stahlkonzern nahm in den letzten Jahren in Sachen Arbeitsplatzabbau, Ankündigung von Entlassungen und Beteiligung an Konzentrationsdiskussionen eine führende Rolle ein. Bereits im Dezember 1982 kündigte die Krupp Stahl AG die Stillegung der Profilstahlherstellung in Duisburg-Rheinhausen an - 4.000 Arbeitsplätze sollten dabei vernichtet werden. Dagegen entwickelte sich zum erstenmal seit langer Zeit Widerstand in der Belegschaft. Seitdem standen die Kruppianer immer wieder an der Spitze vieler Mobilisierungen im Stahlbereich.
Das Jahr 1983 war von (dann gescheiterten) Fusionsverhandlungen mit Thyssen geprägt; im Oktober 1984 wurde die Fusion mit Klöckner (nebst Entlassung von 4.000 Beschäftigten) bekanntgegeben; auch dieses Paket scheiterte. Am 21.Mai 1987 kündigte die Krupp Stahl AG den konzernweiten Abbau von 6.000 Arbeitsplätzen bis 1988 an (2.000 davon allein in Rheinhausen), und am 16.7.1987 bezeichnete Krupp-Chef Cromme den Abbau von 30.000 Stahlarbeitsplätzen an Rhein und Ruhr als „unumgänglich". Die Belegschaft und Teile des Betriebsrats hielten dagegen. Doch mit der Drohung, entweder Optimierung (der Profitel) oder Totalstillegung des Walzwerks" • und aufgrund der fehlenden Bereitschaft der IG Metall zu kämpfen, gezwungen, eine Vereinbarung mit dem Management zu unterzeichnen, die den Abbau von Arbeitsplätzen möglich macht, jedoch nicht festschreibt. (Arbeitsplatzabbau ist nur möglich, wenn Kolleginnen sich bereit finden, freiwillig die angebotenen Sozialplanregelungen in Anspruch zu nehmen und auszuscheiden). Die wesentlichen Punkte der am 10.September 1987 unterzeichneten Vereinbarung waren: Erhalt aller Standorte der Krupp Stahl AG (Rheinhausen, Bochum, Siegen-Geisweid); Investitionen zur Sicherung der Standorte; Sozialplan mit einer 90prozentigen Garantie des letzten Nettolohns bis zur vorgezogenen Altersrente mit 60 Jahren;
BUNDESREPUBLIK kein weiterer Personalabbau bis bis Mitte 1988. 1991; Einführung einer 2-3jährigen Dies brachte das Faß zum Überlau- „Warteschleife" für jüngere Arbei- fen. Diejenigen, die die Arbeitsterinnen. Dieses können - eben- plätze verteidigen wollen, haben falls bei 90%iger Absicherung des sich in Rheinhausen schon frühzeiletzten Nettolohns für Umschu- tig organisiert. Bereits 1983 bildete lungsmaßnahmen - aussteigen sich ein „Bürgerkomitee"; bei den und haben eine Wiedereinstel- Betriebsratswahlen 1987 kam es zu lungsgarantie; weitgehende Fest- einer linken Mehrheit. Der jetzige schreibung der vorhandenen Aus- Betriebsratsvorsitzende Manfred bildungskapazitäten; eine Verein- Bruckschen, der sich auf eine Karbarung zur Sicherung und Schaf- riere als SPD-Politiker vorbereitet, fung von Arbeitsplätzen (neue Pro- gehört noch der alten Mehrheit an. dukte, usw.).
Die Linie der SPD heißt nicht: Erhalt Doch die Tinte unter den Vereinba- aller Arbeitsplätze, sondern: Ersatzrungen war noch nicht trocken, da arbeitsplätze, vorzugsweise in der wurde durch eine „Indiskretion" High-Tech-Industrie, aber auch im dem Betriebsrat bekannt, daß das Bereich Umweltschutz. Dies paßt Krupp-Management in Geheimver- zur Strukturpolitik der SPD in NRW, handlungen mit Thyssen und Man- die sich damit abgefunden hat, daß nesmann (ebenfalls mit den Haupt- die „alten" Industriezweige produktionsstätten in Duisburg an- sundgeschrumpft werden, und auf JPP WEE MIT CROMMES KRUNNEM 5 n 5 RF CHZUKIC KRUPP KONZERT? KRUPP STIPEr IT STERBN • *ZUKUNFT MiB IRD
KR: TPHISSLERIN SOECUSET
DERVORSTAND.
(ror 91 sässig) weitgehende Koopera- den wirtschaftlichen Aufschwung tionspläne ausgeheckt hatte, die in den sog. Zukunftsindustrien die völlige Stillegung des Standorts setzt. Die Landesregierung hat eine Rheinhausen vorsehen. Demnach ,Zukunftsinitiative Montanindusollte die Mannesmann-Hütte in strie" verabschiedet, die mit einem Duisburg-Huckingen mit einer Jah- Volumen von zwei Mrd. DM ausgereskapazität von 4,2 Mio.Tonnen stattet ist, wovon der Bund aller- Stahl und einer Auslastung von un- dings zwei Drittel übernehmen soll. ter 50% die gesamte Rohstahlpro- U.a. sollen damit Altlasten saniert duktion übernehmen, Thyssen den werden. In Oberhausen z.B. soll mit gesamten Walzwerkbereich, insbe- diesem Geld eine Müllverbrensondere die Schienenproduktion nungsanlage gebaut werden. Allerdings werden weder den privaten noch den öffentlichen Abnehmern irgendwelche Auflagen hinsichtlich der Schaffung von Arbeitsplätzen gemacht.
Die folgende Chronik umfaßt alle wichtigen Ereignisse der Auseinandersetzung 1987. Nicht enthalten sind die zahlreichen Veranstaltungen des Bürgerkomitees sowie die parlamentarischen Aktivitäten. 10.9. 1987: Betriebsrat (BR) und Krupp Stahl AG (Krupp) schließen drei Betriebsvereinbarungen ab über ein sog. „Optimierungskonzept": Verlängerung des Sozialplans, Abfindungsaktion, sog. „Warteschleife" für jüngere Kolleginnen mit „Wiedereinstellungsgarantie"
26.11.:_„Schwarzer Donnerstag" für die Kruppianer in Rheinhausen. Der Stillegungsplan des vorstands wird bekannt. Das Management von Thyssen, Mannesmann und Krupp bestätigt die Kooperationspläne.
27.11.: Alle drei Schichten legen die Arbeit nieder. Kundgebungen und erste Demos. Dr.Cromme wird hart angefaßt. Die Nachricht geht durch alle Betriebe und die Bevölkerung. Das Bürgerkomitee aktiviert sich wieder.
30.11.: Große, offene Betriebsversammlungen mit 13.000 Menschen. Das Krupp- Management wird ausgepfiffen. Die Produktion steht.
1./2.12.: Ab 3 Uhr besetzen die Nacht-, dann die Frühschicht die Hochfelder Brücke - die wichtigste Verkehrsader über den Rhein - sowie weitere wichtige Straßenkreuzungen.
2.12.: NRW-Ministerpräsident Rau besucht die Krupp-Hütte (für 20 Minuten). Er will - genauso wie sein Arbeitsminister Heinemann und NRW-SPD-Fraktionschef Farthmann auf der vorausgegangenen Betriebsversammlung - ,nichts versprechen"
3.12.: 10.000 Rheinhausener Schülerinnen demonstrieren.
4.12.: „Aktion Schichtwechsel": Krupp- Kollegen ziehen massiv vor die Tore der anderen Hüttenwerke und werben für Solidarität. Ein Bundesbahnzug mit Brammen für das Krupp-Warmbandwerk in Bochum wird gestoppt.
zungssaal. Bauern und Bergarbeiter solidarisieren sich.
9.12.: Großkundgebung der ÖTV im Krupp-Werk Rheinhausen. 14.000 Teilnehmer. (Die OTV kämpft zur Zeit um die Verkürzung der Wochenarbeitszeit auf 35 Stunden).
Krupp-Arbeiter sturmen die Villa Hugel in Essen, den alten Palast der Krupp-Familie. Dort tagt der Aufsichtsrat der Krupp Gmbh, der Konzernobergesellschaft. 10.12.: Ab 3 Uhr beginnt die Arbeitsniederlegung in allen drei Stahlkonzernen in Duisburg. Sie dauert bis 14h. Teilweise werden massive Straßensperren im Stadtgebiet bis 22h gehalten. In vielen anderen BRD-Stahlbetrieben gibt es ebenfalls Streiks und Straßensperren. Auf 32 Schachtanlagen des Steinkohlebergbaus wird von 11-13h gestreikt. (Am 11.12. laufen Verhandlungen mit der Bonner Regierung über die Zukunft dieser Branche). Die Frühschicht des Bochumer Opel- Werks legt die Arbeit für zwei Stunden nieder und demonstriert für Krupp-Rheinhausen. Es kommt auch zu Solidaritätsaktionen bei der Post und im Öffentlichen Dienst. IGM-Vorsitzender Franz Steinkühler spricht zum erstenmal wahrend der Auseinandersetzung in Rheinhausen. 11.12.: Die Bonner Kohle-Runde unter Beteiligung von Vertretern der IG Bergbau und Energie, der Ruhrkohle AG, der Bundesregierung sowie der Länder NRW und Saarland beschließt eine Kürzung der Steinkohle-Förderkapazitäten. um 13-15 Mio. Tonnen bis 1995 an Ruhr und Saar. Dabei sollen rund 30.000 Arbeitsplätze im Bergbau vernichtet werden. Bundesarbeitsminister Blüm kündigt für die Zeit nach dem nächsten EG-Gipfel im Februar 1988 eine Montankonferenz an. Daran sollen Gewerkschaften, Unternehmer und Kommunalpolitiker der Revierstädte beteiligt werden.
Der Pressesprecher der Thyssen Stahl AG, Dreesbach, sagt, angesichts der Massenproteste und der Forderungen an die Stahlindustrie und die Politik könne die Devise nur lauten: „Ohren zu und durch". 12.12.: Neue Verhandlungen zwischen dem Krupp-Vorstand und dem BR Rheinhausen.
12. und 13.12.: Der BR informiert die Belegschaft schriftlich über den Verhandlungsstand.
14.12.: In drei Betriebsversammlungen wird die neue Situation diskutiert. Die Belegschaft billigt die Verhandlungslinie des Betriebsrats. Von einer Entwarnung allerdings ist nicht die Rede.
15.12.: Der Vorstandschef der Konzernobergesellschaft Krupp Gmbh, Scheider, erklärt gegenüber der Presse, daß Krupp nach wie vor das geplante Kooperationsmodell mit Mannesmann und Thyssen favorisiert. Dabei sollte es „keine Entlassungen" geben, weil die beiden anderen Konzerne angeblich bereit seien, Personal zu übernehmen.
17.12.: Ruhrgebietskonferenz. mit 400 linken Gewerkschafterinnen in Rheinhausen. Das frühere Vorstandsmitglied der IG Metall, Hans Janßen, stellt eine Initiative Volksbegehren zur Vergesellschaftung der Stahlindustrie" in NRW vor. Die Initiative soll nach weiterer Vorbereitung in den ITALIEN ersten Wochen des neuen Jahres einer schen am Tor 1 des Krupp-Werks in breiteren Offentlichkeit vorgestellt wer- Rheinhausen. den.
30.12.: BR und Bürgerkomitee kündigen 18.12.: DGB-Vorsitzender Breit und SPD. neue Aktionen für die ersten Wochen im Vorsitzender Vogel in Rheinhausen. 500 neuen Jahr an. Massendelegationen sol- Bauarbeiter bekunden auf einer Veran- len in andere Stahlbetriebe ziehen und die staltung der IG Bau, Steine, Erden in Belegschaften zur aktiven Solidarität auf- Rheinhausen ihre Solidarität mit dem fordern. Kampf der Kruppianer. Durch eine Schlie- Bung der Hütte wären auch 1.500 Arbeits- Parallel zum Kampf der Kruppianer läuft plätze in der Bauindustrie gefährdet. im Stahlbereich die Tarifrunde um die weitere Verkürzung der Wochenarbeitszeit Beim Thyssenwerk Hattingen, nur 40km von 38 Stunden auf 35 Stunden und für von Duisburg-Rheinhausen entfernt, wird 5% mehr Lohn und Gehalt. Am 14.1. ist der letzte Hochofen stillgelegt. Das dor- dazu eine große Kundgebung in Duisburg tige Werk soll von 3.900 Beschäftigten auf geplant. 1.000 verkleinert werden. Auch der Kampf der Hattinger ist weithin bekannt gewor- Der DGB plant am Vorabend der Bonner den. Montanrunde (20.Februar) eine größere Aktion.
In Rheinhausen demonstrieren 25.000 Menschen gegen die geplante Ver- Der Produktionsausfall seit Beginn des nichtung des Stahlstandorts. Im bereits Kampfes beläuft sich auf ca. 100.000 Tonvor längerer Zeit stillgelegten Walzwerk nen, das sind 50% einer Monatsprodukauf der Hütte findet eine kämpferische tion. Das Spendenaufkommen für die Kundgebung und im Anschluß daran ein kämpfenden Kruppianer hat fast eine Gottesdienst aller Konfessionen statt. halbe Million DM erreicht. 24.12.: Weihnachtsfeier mit 2.000 Men- aus: SOZ-extra zu Stahl, Dezember 1987