Mit dem Brand bei Sandoz-Schweizerhalle ist die Produktion der chemischen Industrie für eine breite Öffentlichkeit fragwürdig geworden. Martin Stohler
E in enormer Gefahrenherd war die chemische Industrie mit ihren Produktions- u. Lagerstätten in und um Basel schon lange. Das haben im Grunde die meisten Leute, die hier leben und arbeiten, schon vor dem 1.11. „gewußt". Und so konnte den Gaudenz Stachelin, Mitglied der Konzernleitung von Ciba-Geigy und Präsident der Basler Handelskammer, auch zu Recht feststellen, die in den letzten Wochen manifest gewordenen Ängste der Bevölkerung seien nicht erst in der Nacht auf den 1.11., der Nacht des „Ereignisses" , entstanden, sondern „sie haben sich jetzt erst Luft geschafft". Und die Leute in Basel und Umgebung haben allen Grund, unruhig zu sein. Das müßte auch Staehelin klarsein, sagte er doch selbst: „Die große Zahl der Unglücksfälle in den letzten Tagen ist zum Teil eine Frage der Meldung. Ein Grofsteil wäre früher nie gemeldet worden. Jetzt ist aber die Sensibilität höher"1 In der Tat ist heute die „Sensibilität höher" als früher. Das zeigt ein Blick auf die Vergangenheit.
Im Jahre 1978 gab es im Basler Großen Rat (Kantonsparlament) eine Sandoz- Debatte. Der Chemiker Imre Kerner und die AZ-Journalistin Toya Maissen hatten es in einer Reihe von Zeitungsartikeln und in einem Buch' publik gemacht: In Substanzen aus der Pigmentproduktion von Sandoz aus Basel und Hüningen hatte ein Münchner Institut ein Dutzend giftiger PCBs (polychlorierte Biphenyle) und mindestens zwei hochgiftige Dibenzofurane (Giftstoffe der Seveso-Klasse) nachgewiesen. Daraufhin hatte der Großrat der Sozialistischen Partei Kurt Walter der Basler Regierung zehn Fragen gestellt - die Antwort war deutlich und ist angesichts der Katastrophe von Schweizerhalle ziemlich pikant. Walter mußte sich von Regierungsrat Keller' sagen lassen, die Regierung sei nicht in der Lage, selbständige Kontrollen durchzuführen; nur Stichproben seien möglich. Sonst müsse man ein riesiges Laboratorium betreiben, das der Staat sich aber nicht leisten könne. Das sei auch nicht nötig, denn die Regierung schenke den Firmen, die mit der schwierigen Materie Chemie zu tun haben, Vertrauen. Vielleicht sei manfrüher etwas zu sorglos gewesen, jetzt sei man aber umweltbewußt. Es sei daher falsch, in Hysterie zu verfallen und auf „Hexenjagd" zu gehen.
In der Diskussion fuhren die bürgerlichen Rats,kollegen" Kurt Walter heftig an den Karren. So beschuldigte ihn der Liberaldemokrat Sieber (der nach der Katastrophe von Schweizerhalle seinen Posten als Leiter der Abteilung Publizität bei Sandoz aufgegeben hat), er habe sich unverantwortlich benommen und Angst gesät. Und der Liberaldemokrat Linder vonder Danzas AGforderte Vertrauen in „unsere" Wirtschaft. Die Regierung und das Parlament müßten die Tätigkeit der Wirtschaft ermöglichen, nicht kontrollieren. Derjenige, der ununterbrochen die Chemie verdächtige, ziehe die Pistole und vertreibe die Firmen, die hier arbeiten wollten. Der Industrie könne man doch keinen Polizeistaat aufdrängen.
Solange es in Basel stinkt, geht es Basel gut Außerhalb des Parlaments tat sich wenig, obwohl auch damals schon dies und das in die Luft oder ins Wasser gelangte" und obwohl sich in den Jahren nach 1974 in der Region eine erfolgreiche Anti-AKW-Bewegung entwickelt hatte.
Schweiz
Daß sich nach dem PCB-Skandal bei Sandoz keine Anti-Gift-Bewegung bildete, hat Gründe. Auf dem Baugelände in Kaiseraugst mußten die Gegnerinnen und Gegner „nur" den Bau des AKWs verhindern - die Basler Chemie steht seit Jahrzehnten und hat der Region ihren Stempel aufgedrückt. Sie kann nicht einfach abgestellt werden, sie kann nur umgebaut werden. Mit mehr als 30000 Beschäftigten ist die chemische Industrie der größte Arbeitgeber der Region. Etwa weitere 20000 Menschen arbeiten in von der Chemie abhängigen Betrieben. So konnte denn auch ein Basler Regierungsrat den Spruch prägen: »Solange es in Basel stinkt, geht es Basel gut." Solche Gegebenheiten drücken aufs Hirn. Da muß schon etwas Großes passieren, bis die Gefahren und Ängste nicht mehr stillschweigend verdrängt werden.
Nun, in der Nacht auf den 1. November ist es passiert. Da wurden auf einmal abstrakte Ängste konkret. Tausende, vielleicht Zehntausende von Freunden und Bekannten wurden oft noch vor dem offiziellen Alarmaus dem Schlaf gerissen (zeitweise war das Telefonnetz zusammengebrochen), rochen den Gestank und wußten nicht, ob nun ihre letzte Stunde geschlagen hatte. Oder sie wußten nichts, wie zum Beispiel ich, weil sie das Telefon abgestellt hatten und die Sirenen nur kurz oder gar nicht aufheulten.
Und dann kam zur Angst die Empörung: über den späten offiziellen Alarm (das Feuer wurde 00.19 Uhr entdeckt, Alarm wurde in Basel erst um 4.00 Uhr gegeben), über die rasche Aufhebung des Alarms, ohne daß klar war, ob nicht doch Gift in der Luft war, über Regierungsrat Striebel, der die Schülerinnen und Schüler am Samstag morgen um 9.30 Uhr als „Beruhigungspillen" in die Schule geschickt hatte, über die Informationspolitik von Sandoz, die darin besteht, immer nur zuzugeben, was sowieso nicht mehr bestritten werden kann. Zur Empörung kam die Wut. Die Wut 8 INPREKORR 189 über den Tod der Fische, die nicht am roten Farbstoff starben, sondern an den riesigen Mengen von Insektiziden, und über den Tod des Rheins. Und als dann noch das Wort „Phosgen" (Bhopal-Gift) fiel und als der unglückselige Herr Winkler von Sandoz dazu nicht mehr zu sagen hatte als: „Sprechen Sie doch nicht immer von Phosgen. Zwischen dem Brandplatz und dem gutgesicherten Phosgenlager liegt ein Gebäude, in dem viel gefährlichere Stoffe lagerten" — da dämmerte es auch uns Laien: Basel hatte haarscharf die Gelegenheit verpaßt, die größte Nekropole am Rhein zu werden. Auf deutsch: Wenig hätte gefehlt, und wir wären alle verreckt. Als schließlich noch die Risikostudie der Zürich-Versicherung' bekannt wurde — von Blick, der größten Schweizer Boulevardzeitung in großen Lettern unters Volk gebracht — in der das Unfall-Szenario vorhergesagt wurde, da äußerten einige Leute Dinge über „unsere" Wirtschaft, die vorher von ihnen nicht zu hören waren... Aktion Selbstschutz
Angst, Wut, Empörung, das war das eine, Entschlossenheit zum Handeln und die Hoffnung auf eine andere, bessere Welt das andere. So gab es noch am 1. November eine erste Demonstration, am Montag, dem 3. November eine gro- Be Schülerdemonstration und am Samstag darauf eine weitere Großdemonstration mit mehr als 10000 Teilnehmern. Daneben gab es verschiedene kleinere spektakuläre Aktionen: so wurden über Nacht Werbeplakate überklebt, und ein Trauerumzug mit Musik für den toten Rhein veranstaltet. Diese Aktion und Demonstrationen, die nicht von den Betrieben oder der Gewerkschaft ausgingen, waren entscheidend dafür, daß das Eis gebrochen und die Aktion Selbstschutz gegründet werden konnte. Die Aktion Selbstschutz basiert auf dem einfachen Gedanken, daß wir uns organisieren müssen, um uns selber vor den Gefahren der chemischen Industrie zu schützen und so die Regierung und die Industrie zu zwingen, etwas für unsere Sicherheit zu tun. So fand z.B. eine Arbeitsgruppe der Aktion heraus, daß Transporte von gefährlichen Stoffen mit firmeneigenen Lkw's als , Werkverkehr" zwischen den Betrieben gelten und daß es dafür keine Sicherheitsvorschriften gibt. Oder: noch immer existiert kein Chemie-unabhängiges Meßnetz, mit dem die Verschmutzung der Luft festgestellt werden kann. Diesmuß der Regierung, wie die Äußerungen von Regierungsrat Keller zeigen, schon 1978 bewußt gewesen sein. Getan hat sie seither nichts. Noch diesen Herbst führte Die größten • Im September 1921 kommen im Ludwigshafener BASF-Werk Oppau bei einer Explosioneines Düngemittellagers weit über 500 Menschen ums Leben.
• Im Mai 1928 entweichen auf dem Gelände der Chemiefabrik Hugo Stoltzenberg im Hamburger Hafen zehn Tonnen Phosgen aus einem Kessel, den die Reichswehr dort zur „Entsorgung" abgelagert hatte. Eine Gaswolke trieb über den Stadtteil Georgswerder: elf Tote, 210 Schwerverletzte. • Im April 1947 explodierte ein mit Kunstdünger beladener Frachter in Mexiko: 561 Tote.
• Im Juli 1948 verflüchtigen sich aus einem Kesselwagen bei BASF in Ludwigshafen 30 Tonnen Dimethyläther und explodieren: 200 Tote, 3800 Verletzte, 50 Millionen Mark Sachschaden.
• Im Juni 1974 entzünden sich in einem Chemiewerk nahe der englischen Stadt Flixborough 18000 aus: Die Zeit, 13. November 1986 das Amt für Lufthygiene bei Chemieunfällen keine Messungen durch — die staatlichen Meßstationen registrieren lediglich die „normalen" Luftschadstofte wie Stickoxid, 1, Ozon und SO,. Vor diesem Hintergrund gesehen sind Selbstschutz-Maßnahmen ein Anfang, sie können die Behörden zwingen, Malsnahmen zu ergreifen, die sonst unterbleiben würden.
Im Parlament
In den ersten Tagen standen die Aktivistinnen und Aktivisten, die Schülerinnen und Schüler, die Künstlerinnen und Künstler im Zentrum des Geschehens. Dann meldeten sich einzelne Parlamentarier mit Anfragen und Vorstößen zu Wort. Schließlich trat am 27. November der Große Rat zu einer Sondersitzung zum Thema Schweizerhalle zusammen. Regierungsrat Striebel (Freisinnig-Demokratische Partei - FDP) ließ verlauten, das System der Kontrolle, das sich bisher auf Vertrauen gegründet habe, habe sich offensichtlich nicht bewährt; die Ratsmitglieder drückten natürlich alle ihre Betroffenheit aus. Doch setzten sie unterschiedliche Akzente. So nannte Martin Burckhard namens der liberaldemo-