Parteitags der KPdSU die Revolution der Arbeiterräte. in Polen und Ungarn — die internationale war damals das Doch die Machthaber im Kreml und auch in Budapest hatten theoretische Organ der IV. Internationale, das auch in deutdie „Entstalinisierung" nicht so gemeint, wie die Arbeiter sie scher Sprache erschien; das Programm des Arbeiterrats von auffaßten. Erschreckt durch das Ausmaß der Revolte ent- Budapest-Ujpest, der Sandor Racz, den Vorsitzenden des sandte die sowjetische Bürokratie ihre Panzer, um „die Ord- Zentralrats von Groß-Budapest, in den Zentralrat delegiernung wiederherzustellen" te; ein Interview mit Sandor Rácz heute; einen Beitrag über Im folgenden veröffentlichen wir einen Bericht von Anna die Haltung der PCI zur ungarischen Revolution damals und Libera über jene 50 Tage im Herbst 1956; den Nachdruck heute.
Arbeiterräte und Selbstverwaltung Der 20. Kongreß der sowjetischen Kommunistischen Partei (KPdSU) hatte seine dramatischsten Auswirkungen auf den Straßen von Budapest. Parteichef Chruschtschow hatte eben seinen großen _Entstalinisierungsbericht" publik gemacht, in der Hoffnung. Macht und Privilegien der sowjetischen Bürokratie weiter aufrechtzuerhalten. Indem er Stalin und seine Verbrechen dem Volkszorn preisgab, förderte er indessen in den osteuropäischen „Volksdemokratien" den Ausbruch von Spannungen, die bereits jahrelang geschwelt hatten.
Chruschtschow verkündete den „nationalen" und parlamentarischen Weg zum Sozialismus und hoffte damit, international den status quo aufrechtzuerhalten, den die UdSSR so dringend für die Lösung ihrer inneren Probleme brauchte. Doch in den Volksdemokratien verkehrten sich diese Ansätze zur Auflehnung gegen die sowjetische Herrschaft; mit der Verurteilung Stalins wurden auch die lokalen Diktatoren vom Sockel gestürzt.
Denn die Bürokratien in den osteuropäischen Ländern standen unter demselben Druck wie die Führer des Kreml. Hinzu kamen noch nationale Probleme: in der Bevölkerung machten sich anti-russische Ressentiments breit und an der Spitze der Kommunistischen Parteien entstanden liberale und „national"kommunistische Strömun- Polen und Ungarn nach dem 20. Kongref
Die ersten Auswirkungen des 20. Kongresses der KPdSU waren im Juni 1956 in Polen zu spüren. Die polnischen Arbeiterinnen nahmen die Liberalisierungsversprechen von Chruschtschow beim Wort und gingen auf die Straße, um ihre Unzufriedenheit über die Führung imeigenen Land und ihre Forderungen auszudrücken. Die Antwort der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PZPR): die Miliz wurde eingesetzt und tötete mehrere Dutzend Arbeiter/innen. Dies hatte eine heftige Auseinandersetzung in der PZPR zur Folge. Der liberale Flügel unter Gomulka widersetzte sich den Stalinisten und startete den Kampf um die Führung in der Partei. Der Sowjetunion waren zwar kleinere Veränderungen an der Spitze ihrer Schwesterparteien recht, doch wollte Moskau auf keinen Fall Erschütterungen, die Leute an die Parreispitze bringen könnten, welche zu sehr nationalem Druck ausgesetzt waren. Dennoch wählte das Zentralkomitee der PZPR Mitte Oktober 1956 in Anwesenheit der wichtigsten Kreml-Führer Gomulka zum Generalsekretär. Dies wurde allgemein als erster Schritt zur Emanzipation von der sowjetischen Vorherrschaft begriffen, nicht nur in Warschau. Um den polnischen Sieg zu feiern, wurde in Budapest am 23.10.1956 eine Großkundgebung organisiert. Das war der Auftakt der ungarischen Revolution. Der Petöfi-Klub
In Ungarn hatten die Intellektuellen indessen schon vor dem 20. Parteikongreß der KPdSU den Kampf gegen die einheimischen Stalinisten Rakosi und Gerö aufgenommen, die das kulturelle Leben in Ungarn in ein Korsett gezwängt hatten. Ende 1955 riefen mehrere kritische kommunistische Schriftsteller (Gyula Hay, Tibor Dery, Tamas Aczel) und der Philosoph Georg Lukacs den sogenannten Petöfi-Klub' ins Leben, der rasch zu einem aktiven Oppositionszentrum wurde. Im Dezember desselben Jahres unterzeichneten 67 Schriftsteller ein Memorandum, das vom Zentralkomitee der ungarischen KP die volle kulturelle Freiheit verlangte. Der XX. Parteitag hatte im Petöfi- Klub einen mächtigen Resonanzboden gefunden und trug sehr zur Politisierung seiner Debatten bei.
Im Frühjahr 1956 kam es immer häufiger zu Veranstaltungen des Petöfi-Zirkels, die ein immer größeres Publikum anzogen (mehrere tausend Menschen). Dabei wurde die Rehabilitierung des Kommunisten L. Rajk' gefordert. Die oppositionellen Intellektuellen, die nunmehr in offener Opposition zu Rako. si standen, setzten ihre Hoffnungen auf kommunistische Führer wie Imre Nagy oder Janos Kadar. Die beiden hatten den Kampf gegen die faschistische Horthy-Diktatur angeführt und wurden 1945 von den aus Moskau kommenden Stalinisten Rakosi und Gerö mit Hilfe der sowjetischen Panzer entmachtet.' Die Kritik der Petöfisten richtete sich nun gegen die gesamte Politik der KP- Führung: die Kollektivierung der Landwirtschaft, den Lieferzwang für die Bauern, den Vorrang der Schwerindustrie nach sowjetischem Vorbild, die Ausschaltung der Oppo sition 1948 und die Repression gegen altbewährte Kommunisten anläßlich der Prozesse von 1952, die Zwangsrussifizierung der Kultur und der Ausbildung...
Der Aufstand von Poznán rüttelte die intellektuelle Opposition in Ungarn zusätzlich auf und radikalisierte sie noch mehr. Rakosi konnte nur mit Repression reagieren. Am 30. Juni 1956 verbot das ZK den Petöfi-Klub und schloß mehrere Schriftsteller aus der Partei aus. Doch die sowjetische Führung hatte inzwischen erkannt, daß Repressionsmaßnahmen allein die jahrelang aufgestaute Unzufriedenheit nicht eindämmen konnten. Es bestand die Gefahr, daß sie unkontrolliert ausbrechen würde, wenn man nicht ein paar Zugeständnisse machte. Mikojan und Suslow wurden von Moskau nach Budapest entsandt, um den untragbar gewordenen Rakosi abzusetzen. Er wurde durch seinen treuen Mitarbeiter Gerö ersetzt. Damit wurde die positive Wirkung, die die Integration von Männern wie Kadar in das Zentralkomitee hatte, wieder aufgehoben. Das Vertrauen der Intellektuellen konnte nicht zurückgewonnen werden. Die Agitation der intellektuellen Opposition verschärfte sich. Bald schlossen sich die Student/innen den Petöfisten an. Die Popularität der Petöfisten wurde anläßlich der Beerdigung von Rajk am 6. Oktober sichtbar (Rajk war inzwischen von den Behörden rehabilitiert worden). Über 300.000 Menschen, darunter tausende streikender Arbeiter, bezeugten diesem kommunistischen Führer, der von den Stalinisten liquidiert worden war, die letzte Ehre. Die erste sowjetische Intervention Am 23.10.1956 rief der Petöfi-Klub zu einer Solidaritätskundgebung mit den polnischen Arbeiter/innen auf. Die Demonstration wurde von der Kommunistischen Jugend unterstützt. Es kam damit zur ersten großen antistalinistischen Kundgebung: an der Spitze wurden Porträts von Lenin getragen, die Demonstranten verurteilten die Verbrechen Rakosis und forderteneinen demokratischen Sozialismus.
Um 18 Uhr kommt dann die Wende: Die Arbeiter/innen verlassen ihre Fabriken und schließen sich der Demonstration an. Damit beginnt eine Arbeitsniederlegung, die einen ganzen Monat dauert. Vor dem Parlament in Budapest verlangt die Menge nach Imre Nagy. Doch auf tritt Gerö, der sämtliche Forderungen ablehnt. Darauf bilden sich zwei Protestzüge: Der eine zieht zum großen Stalindenkmal und stürzt die Statue vom Sockel. Der zweite marschiert vor das Rundfunkgebäude, das von der verhaßten politischen AVO-Polizei umstellt ist. Der Aufstand hat begonnen. Die Armee wird gegen die Massen aufgeboten, doch solidarisieren sich Soldaten und Offiziere mit den Demonstranten und händigen ihnen sogar Waffen aus. (Oberst Pal Maleter wurde zu einem der wichtigsten Revolutionsführer.) Innerhalb weniger Stunden hat sich das Kräfteverhältnis im Land völlig gegen die Bürokratie gewendet: Arbeiter/innen, Bauern, Intellektuelle, Student/innen und Arbeiter in Uniform stehen dem Parteiapparat und der politischen AVO-Polizei gegenüber. Letzteren bleibt nur nocheins: in der Nacht vom 23. auf den 24. Oktober rufen sie die in Ungarn stationierten sowjetischen Truppen zu Hil.. Gleichzeitig beauftragt das ZK der ungarischen KP Nagy mit der Bildung einer neuen Regierung - eine Maßnahme, die die Revolution nicht bremsen kann, denn Gerö bleibt auf dem Posten des Generalsekretärs. Trotz sowjetischer Truppenpräsenz versammelt 18 INPREKORR Nr. 188
sich am 24.10. eine riesige Menschenmenge vor dem Parlament in Budapest und verlangt den Rücktritt von Gerö. Die sowjetischen Panzer schießen in die Menge und töten 300 Menschen. In allen Arbeitervierteln der Hauptstadt kommt es zu blutigen Auseinan dersetzungen. In der Provinz ist die Lage für die Aufständischen günstiger. In mehreren Industriezentren bilden sich Arbeiterräte, die die Kontrolle übernehmen und sich auf Stadt- (Miskolc) oder Provinzebene (Bor sod) zentralisieren.
Ausbreitung der Arbeiterräte
Nach dem Massaker in Budapest verteilen die Arbeiter/innen in den Städten Flugblätter folgenden Inhalts: _ Wir rufen alle Landsleute zum Generalstreik auf. Solange die Regierung unsere Forderungen nicht erfüllt, solange die Mörder nicht zur Verantwortung gezogen werden, antworten wir mit einem General streik. Es lebe die neue Regierung unter der Führung von Imre Nagy."
Dieser Schlußsatz. mag widersprüchlich klingen. Er drückt indessen das bedingte Vertrauen der Arbeiter/innen zu Nagy aus. Er soll die Stalinisten aus der Regierung jagen und die Forderungen der Aufständischen erfüllen.
Wie in der Provinz wählen auch die Arbeite r/innen in Buadpest ihre Räte in allen Betrie ben. Der hauptsächlich proletarische Charakter des ungarischen Widerstandes hindert die Sowjetunion und die Stalinisten in aller Welt nicht daran, von einem „faschistischen Aufstand" in Ungarn zu sprechen. Dagegen sprechen allein die Forderungen der Aufständischen: die Fabriken den Arbeiter/innen, das Land den Bauern, gegen die Rückkehr der Großgrundbesitzer, aber auch gegen die Kontrolle des Parteiapparats über den kollektiven Besitz.
Die stalinistische KP zerbricht Am proletarischen Charakter des Aufstandes zerbricht die stalinistische KP, die selbsternannte „Partei der Arbeiterklasse" '. Die Arbeiterbasis der Partei, die kommunistischen Arbeiter haben sich von Anbeginn des •Aufstandes an dessen Spitze gesetzt; viele bilden Arbeiterräte. Der Bruch in der Partei geht bis zur Spitze: Am 25.10. wird Gerö geopfert und durch Janos Kadar ersetzt. Wenige Tage später werden die Stalinisten aus der Regierung Nagy ausgeschlossen. Dafür treten Vertreter des Widerstands in die Regierung ein (Pal Maleter als Verteidigungsminister, Lukacs als Kulturminister) und auch Vertreter der demokratischen Parteien. Na gy stellt sich nun voll und ganz hinter die Aufständischen. Er anerkennt die Arbeiterräte, bildet eine neue Arbeitermiliz und kündigt den Rückzug der sowjetischen Truppen aus Ungarn sowie den einseitigen Austritt Ungarns aus dem Warschauer Pakt an. Die Desintegration des stalinistischen Parteiapparates ist perfekt. Das ZK löst sich selbst auf, und die liberalen Kommunisten kündigen die Bildung einer neuen Partei, der Sozialistischen Arbeiterpartei, an. Ihr sollen nur Mitglieder angehören, _die keine Verantwortung für die Verbrechen der Vergangenheit tragen" (Kadar).
Die zweite sowjetische Intervention
Die Auflösung des Parteiapparats und der Beschluß, aus dem Warschauer Pakt auszutreten, versetzen die Sowjets in Alarm. Im Land genießen sie ohnehin keine Unterstützung mehr. Das hinterlassene Machtvakuum wird von den ungarischen Arbeitern und Arbeiterinnen durch ihre Organe, die Arbeiterräte gefüllt. Am 4. November marschieren erneut sowjetische Truppen ein, begleitet von Panzern und Teilen der Luftwaffe. Eine ganze Woche lang hält der ungarische Widerstand der übermächtigen sowjetischen Militärmaschinerie stand Die sowjetischen Truppen waren am 4.11. von der ,revolutionären Arbeiter-und Bauernregierung" unter der Führung Kadars zu Hilfe gerufen worden. Man kann lange über die Gründe rätseln, die diesen Mann, bis dahin ein aktiver Mitstreiter im antistalinistischen Kampf, dazu gebracht haben, sich den Sowjets dienstbar zu machen. Er war der Mann, den sie brauchten: die Massen identifizierten ihn mit dem Kampf gegen Rakosi- Gerö, aber er war für die Wiederherstellung der Ordnung und die Rückkehrder — erneuerten - Partei an die Macht. Wenn es ihm auch nicht sofort gelingen würde, das Vertrauen der Arbeiterräte zu gewinnen, konnte er doch Verwirrung in ihren Reihen stiften. Am 4. November beginnt somit eine neue, defensive Phase der ungarischen Revolution. Die Arbeiter und Arbeiterinnen waren zwar militärisch besiegt, doch politisch fühlten sie sich nicht geschlagen. Sie wußten, ihre Stärke lag im Betrieb und im Streik. So beschlossen sie, ihre Räte zu stärken und zu zentralisieren, um mit Kadar zu verhandeln und ihre Beteiligung an der Macht durchzusetzen. Die letzte Phase
Am 11./12.11.1956 entsteht der Zentrale Arbeiterrat von Großbudapest, in dem alle Betriebe der Stadt und einige aus der Provinz vertreten sind (aber nicht soviel, daß er nationale Bedeutung gehabt hätte). Er verabschiedet eine Reihe von Forderungen, die er erfüllt sehen will, bevor die Arbeit wieder aufgenommen wird.
Der Zentralrat führt nun Verhandlungen mit der Regierung Kadar. Kadarmacht viele Versprechungen, fordert zuvor aber die Wiederaufnahme der Arbeit. Es gelingt Kadar, die gemäßigten Teile des Zentralrats, die in ihm das „kleinere Übel" sehen, zu täuschen. Hinzu kommen die Härte des Winters und die Schwierigkeiten der Versorgung.
Am 16. November ruft der Zentralrat zur Wiederaufnahme der Arbeit auf, fordert jedoch weiterhin, von Kadar anerkannt zu werden. Dieser verfolgt eine Taktik, die Versöhnung und Repression kombiniert. Am 6.12. erläßt die Regierung ein Gesetz, das die Arbeiterräte als einfache Mitbestimmungsorgane definiert. Zugleich laßt Kadar 100 Arbeiterführer festnehmen. Sogleich rufen die Arbeiterräte für den 11. und 12. Dezember zu einem 48-stündigen Generalstreik gegen die „volks-undarbeiterfeindliche Kampagne der von der Sowjetunion unterstützten Regierung Kadar, die sich über das ganze ungarische Volk hinwegsetzen will" auf. Der Aufruf kommt vom Zentralrat von Groß-Budapest und wird auf die Provinz ausgedehnt. Eine Versöhnung mit Kadar ist unmöglich. Der Streik ist total. Kadar verhängt nun das Kriegsrecht, erklärt die Arbeiterräte für illegal und läßt Hunderte von Arbeiter/ innen verhaften, die später in die Sowjetunion deportiert und wahrscheinlich liquidiert werden.
Gegenüber dieser massiven Repression und der andauernden sowjetischen Militärpräsenz hatte die ungarische Arbeiterklasse keine Chance. Ihr Kampf hat aber gezeigt, daf der antibürokratische Kampf über den Kampf für die wirkliche Vergesellschaftung der Produktionsmittel und die direkte Ausübung der Macht durch die Arbeiter führt. In diesem Kampf hat sie sich als die führende Klasse der Nation erwiesen, und eine alte Tradition wiederaufgenommen, die der kritische Kommunist Ferenc Donath folgendermaßen beschreibt: „Im 20. Jahrhundert haben die ungarischen Arbeiterdreimalihren Willen gezeigt, an der Ausübung der Macht teilzunehmen: 1918-19, als die Monarchie zusammenbrach; 1945, als das konterrevolutionäre Horthy-Kegime stürzte und 1956, als die Diktatur Rakosi sich zersetzte. Jedesmal wenn Krisen das gesamte gesellschaftliche Gefüge erschüttert haben, haben die Arbeiter mit überraschender Selbstverständlichkeit durch Massenbewegungen und Massenaktionen die Macht ergriffen und ausgeübt. Sie haben damit die Grundlage für ein neues Verhältnis zwischen der Gesellschaft der Arbeiter und dem Staat gelegt"
Die Zerschlagung der ungarischen Revolution hat auf tragische Weise die Grenzen der „Öffnung" Chruschtschows in der kommunistischen Bewegung gezeigt. Es handelte sich um reine Erneuerung der Fassade, um die Arbeiter um jeden Preis von der Macht fernzuhalten.
Anmerkungen 1 Sandor Petöfi war ein Schriftsteller, der aktiv an der Revolution von 1848 beteiligt war. 2 Der ungarische Kommunist Laszlo Rajk, Mitglied der Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg. Führer des antifaschistischen Widerstandes in Ungar während des Zweiten Weltkrieges, wurde 1952 nach cinem Schauprozeß von den Stalinisten hingerichtet. 3 Imre Nagy war von Juli 1953 bis März 1955 Regierungschef. Er versuchte, die Fehler der Zwangskollektivierung auf dem Lande auszubügeln. 1955 wurde er vom Stalinisten Rakosi entmachtet. Während des Prozesses gegen Kajk war Janos Kadar, seit langem militanter Kommunist und Arbeiter, Innenminister, ohne indessen beidem Prozeß eine wichtige Rolle zuspielen. Später wurde er von Rakosi festgenommen. Im Gefängnis wurde Kadar gefoltert.
4 Imre Nagy floh nach dem 4.11.56 in die jugoslawische Botschaft, von wo er am 28.11. von den Sowjets entführt wurde. 1958 wurde er hingerichtet. 5 Ferenc Donath, 1956 et la volonté de démocratie directe, in: L. Alternatice, Nr. 3, November/Dezember 1981.
standen nicht aus denselben objektiven Be- Die Räte in Polen und Ungarn ent- Die antibüro- sprochen provokatorischen Absage entge- grad den Demonstranten mit einer ausgedingungen heraus wie 1917 die Räte in Ruß- gentrat, als Nagy nicht sofort berufen wurde, land. Aber die Bedeutung und die Funktion kratische politi- als die verhaßte Geheimpolizei den Sturm dieser Räte war nicht weniger fortschrittlich der Studenten auf das Radiogebäude mit und nicht weniger klassenmäßig bedingt als Waffengewalt zu verhindern suchte, da ging damals. 1917 galt es, eine Organisationsform sche Revolution der Kampf um Reformen in den Beginn einer zu finden, die alle aktiven Kräfte der Arbei- gewaltsamen Revolution über. In der Nacht terschaft in Betrieb und Wohnvierteln zum in Polen und vom 22. auf den 23. Oktober fielen die ersten gemeinsamen revolutionären Handelngegen Schüsse in Debrezin und Budapest, am nächden Klassenfeind zusammenschlossen. In sten Tag brach der offene Kampf aus, als Polen galt es jetzt, eine Organisationsform Ungarn Gerö die russische Armee zu Hilfe rief. zu finden, die den Arbeitern in den Betrieben Das Fehlen einer geschlossenen linken den Ubergang von bürokratischer Bevor- Fraktion, das mangelnde Vertrauen zu Nagy mundung und Selbstherrlichkeit zur dem selbst, als Gerö verräterischerweise Nagy den kratischen Selbstverwaltung finden ließ. In Hilferuf an die russischen Truppen zuschob, Ungarngalt es indenersten Tagenderpoliti- Nachdruck aus: die Abwesenheit jeder anderen kommunistischen Revolution gegen die Bürokratie, die schen oder sozialistischen Ersatzführung - Massen in Organe zusammenzuschließen, die Internationale, Produkt der stalinistischen Diktatur selbst, die Aktionseinheit dieser Massen sicherten die sich so an ihren eigenen Werkzeugen und gleichzeitig den sozialistischen Charakter Sondernr. November blutig gerächt hat —: alle diese Faktoren der Bewegung eindeutig erkennen liefen. Die zusammen gaben den folgenden Ereignissen Räte waren die bestmögliche Lösung beider 1956 einen chaotischen und führungslosen Cha- Aufgaben. rakter, welcher der ersten Phase der ungari- Aber sie bedeuteten weit mehr. Indem schen Revolution zum Verhängnisgeworden die politische Revolution gegen die Bürokratie sowohl in Polen wie in Ungarn spontan zur Der direkte Zusammenprall von Massen Räteorganisation schritt, bezeugte sie objektiv, und Bürokratie, die offene Revolution und der wie sehr die Massen, die im Machtbereich der bewaffnete Aufstand führte die Massen dazu, Sowjetbürokratie leben, ihre Probleme im Gei- sofort in noch reiferer Form als in Polen ibre ste der sozialistischen Tradition zu lösen versu- eigenen Selbstverwaltungsorgane, Arbeiterrächen. Man hat viel geschrieben und geredet te in den Fabriken, Soldaten- und Volksräte in über den Mißkredit, in den der Stalinismus, den Städten zu bilden. Aber die Führungslovor allem in den jüngeren Generationen, die sigkeit ermöglichte es ebenfalls politisch un- Ideen des Kommunismus und des Marxis- klaren und reaktionären Kreisen, wieder an mus gebracht hat. Sicher wurde manche die- die Oberfläche zu gelangen und ihre eigenen ser Behauptungen durch die ungarischen Er- unsauberen Ziele zu vertreten, was der Sofahrungen bestätigt. Gleichzeitig haben aber wjetbürokratie den Vorwand zur offenen midiese Ereignisse bestätigt, daß das soziale Sein gien stützende „Natolin"-Fraktion der Al- litärischen Intervention gegen die ungarische auch im Osten weiterhin das Bewußtsein be- stalinisten und der „liberalen" Linksfrakstimmt. Gegen die Bürokratie revoltierende, tion, die in der Arbeiterschaft und in der die stalinistische Geheimpolizei hassende Jugend breiteste Unterstützung genoß. Da- Wohlgemerkt: den Vorwand. Denn wenn es Arbeiter können nicht in ihrer Mehrheit die durch, daß dieser Fraktionskampf wochen- zweifellos stimmt, daß Hunderte von AVO. Rückkehr der privatkapitalistischen Eigen- lang vor der entscheidenden Kraftprobe be- Agenten in den letzten Tagen des Nagy-Retümer verlangen. Ihr Weg kann nur vorwärts, gann, daß sich der bewußte Teil des Proleta- gimes nicht nur von der wütenden Menge, zur demokratischen Selbstverwaltung der riats unter dem Bannerder „linken" Fraktion sondern auch von reaktionären Banditen ersozialisierten Betriebe gehen. Die Errichtung zusammenschließen konnte und die Massen mordet wurden, wenn es stimmt, daß nicht der Rate in Polen und Ungarn ist Ausdruck dank der unnachgiebigen Haltung nicht nur nur legitime Arbeiter- und Kleinbauernorga- Gomulkas, sondern auch führender junger nisationen, sondern ausgesprochen konterspontanen, symbolischen Zielsetzung der poli- Kommunisten der Linken wie des ZK-Sekre- revolutionäre Verbände wie jene des Karditischen Revolution gegen die Bürokratie: Wei- tärs Morawski und des Sekretärs der War- nals Mindszenty sich organisieren konnten, terentwicklung der nachkapitalistischen, auf schauer Parteiorganisation dieser Fraktion wenn es zutrifft, dal zweifelhafte Figuren Basıs des vergesellschafteten Eigentums an den wachsendes Mißtrauen entgegenbrachten, wie Dudas im Budapester Revolutionsrat ei- Produktionsmitteln sich entfaltenden Gesell- konnte der entscheidende Kampf mit einer ne wichtige Rolle spielten, so ist es dennoch schaft von der Diktatur der Bürokratie zur Einstimmigkeit, einer Entschlossenheit und einfach lächerlich, zu behaupten, man müsse Demokratie des werktätigen Volkes, zur so- einem Zielbewußtsein geführt werden, die sieben Panzerdivisionen einsetzen, um mit zialistischen Rätedemokratie. der ganzen internationalen Arbeiterbewe- einigen tausend Faschisten abzurechnen. Spontan drängen die Massen im Osten in die gung höchste Achtung und Bewunderung Wären denn die ungarischen Arbeiter, die ihre allgemeine Zielrichtung: Sozialismus und einflößten.... Fabriken - endlich auch subjektiv ihre eige- Demokratie. Aber zum Sieg der politischen In Ungarn entwickelten sich die Dinge viel nen Fabriken —, die ungarischen Dorfarmen, Revolution, wie zu jenem der sozialen Revo- widerspruchsvoller. Das Drängen der oppo- die den 1945 erhaltenen Boden verteidigen lution gegen den Kapitalismus, genügt das sitionellen Kommunisten nach dem XX. Par- dem reaktionären Gesindel aufzuräumen? wollten, nicht stark genug gewesen, um mit spontane Drängen der Massen keineswegs. teitag der KPdSU war durchaus demjenigen Em solcher Sieg erfordert ebenso eine bewußte der politischen „Liberalen" ähnlich. Nagy an War denn auch nur der geringste Versuch unternommen worden, um es den revolutiowie die Ereignisse in Polen und Ungarnablie- die Macht, völlige Rehabilitierung Rajks, nären Massen, der revolutionären Regierung fen, wurde in bedeutendem Maße davon be- Demokratisierung von Staat, Wirtschaft zu ermoglichen, die Ordnung wiederherzustel inwieweit solche Führungskräfte len? Ist es nicht eine fürchterliche Selbstan- Hauptlosungen des Kampfes. Der gewaltige klage seitens der Bürokratie, wenn sie be- Schweigemarsch der Rajkszweites Begräbnis hauptet: Nach fast zehn Jahren Volksdemo- In Polen gab es seit dem XX. Parteitag der begleitete; die wenigerschweigsame, aber im- kratie drohe die Gefahr, daß die Volksmassen KPdSU, vor allem seit dem August-Plenum mer noch ruhig verlautende Demonstration den Faschisten folgen würden? (dem „Nach-Posen"-Plenum) des ZK der vom 22. Oktober blieben durchaus im Rahpolnischen KP, einen offenen Fraktions- men einer demokratischen Reform des Regi- Die aus Ungarn bekannt gewordenen Tatsakampf zwischen der sich eng auf die Sowjet- mes. Erst als die offizielle Parteiführung zö- chen beweisen, daß dies allerdings eine bebürokratie und auf ihre materiellen Privile- gerte, als Gerö nach der Rückkehr aus Bel- wußte Verleumdung der ungarischen Revo- 20 INPREKORR Nr. 188
lution war und ist. Nicht nur die in den meisten Räten führenden Kommunisten, Anhänger Nagys, sondern auch die Sozialde mokraten, die Mitglieder der Petöfi-Partei, die zumeist kommunistischen Offiziere der ungarischen Honveds und die Mehrheit der Studentenjugend standen den konterrevolu tionären Abenteuern ablehnend gegenüber Sie waren durchaus bereit, die Errungen schaften der Revolution von 1945 zu verteidigen. Doch die fübrende Fraktion der Sowjet bürokratie konnte es sich nicht leisten, den revolutionären Arbeitern und Bauern die Verteidigung der sozialisierten Wirtschaft zu über lassen. Das Beispiel Ungarn drohte sich auf alle Volksdemokratien, ja auf die Sowjetunion selbst auszudehnen. In dem wahrscheinlich taktisch falschen Entschluß Nagys, der augenblicklich herrschenden Volksstimmung in bezug auf den Austritt aus dem Warschauer Pakt nachzugeben, fanden die Herren des Kreml dann den Vorwand, sich gegen die revolutionäre Regierung zu wenden. Es muß bezweifelt werden, ob die gesamte Führung der KPdSU mit diesem verzweifelten Schritt einverstanden war. Wahrscheinlich haben die Altstalinisten unter Mootow und Kaganowitsch, gestützt auf dic Generalität unter Schukow. hiereinen für dic Interessen der Sowjetunion geradezu verheerenden Sieg errungen.
Daß die Interessen der Sowjetbürokratie mit jenen der Sowjetunion in Widerspruch stehen, daß die Vertreter dieser Bürokratie eiskalt auch dann ihre Sonderinteressen verteidigen, wenn dies der Sowjetunion schwersten Schaden zufügt, das hat die Militärintervention in Ungarn wieder einmal schlagend bewiesen. Daß es kindisch und die Arbeiterklasse verführend ist, von diesen Bürokraten selbst den Abbau der bürokratischen Diktatur zu erhoffen, werden nach den Ereignissen in Polen und Ungarn wohl nur noch die stursten Apologeten nicht einsehen.
Man bedenke: im Augenblick der Suez- Krise, als dem Weltimperialismus eine noch nie gekannte Welle der Empörung entgegenschlug, als zum ersten Mal seit 1914 eine sozialdemokratische Massenpartei in Westeuropa, die britische Labour Party, unter Führung ihres linken Flügels einen offenen Kampf gegen den von ihrer Regierung entfachten Krieg organisierte; als der Bolschewistenkoller in der internationalen Arbeiterbewegung überall im Zurückfluten war, als die seit Stalins Tod anlaufende „neue Außenpolitik" des Kreml große diplomatische Erfolge buchen konnte, — ausgerechnet in diesem Augenblick hat die Militärintervention in Ungarn mit einem Schlag ein gewaltiges moralisches Kapital zerschlagen, dem Imperialismus aus seiner Notlage herausgeholfen, die kommunistische Bewegung in der halben Welt völlig isoliert und innerlich gespalten, eine seit der Berliner Blockade nicht gekannte Welle des Hasses und der Empörung gegen die Sowjetunion ausgelöst.
Und was wurde um diesen Preis erkauft? Ungarn ist weder beruhigt noch militärisch gesichert. Die Räte und die bewaffneten Verbände verteidigen sich zäh, wenn nötig im Partisanenkampf. Die Regierung Kadar ist ohnmächtig, muß sogar der Revolution Teile ihres Programms stehlen, um sich eine wenn auch noch so kleine Basis zu schaffen. Die KP Programm des Arbeiterrats von Budapest- Ujpest 1.) Wir unterstreichen, daß die revolutionäre Arbeiterklasse die Betriebe und das Land als Eigentum des werktätigen Volkes betrachtet.
2.) Das Arbeiterparlament wird die Regierung Kadar als Verhandlungspartner anerkennen, wenn sich diese Regierung, um sich als gesetzlich zu legitimieren, dem Willen des Volkes beugt.
3.) Das Volk hat den Arbeiterräten sein Vertrauen ausgesprochen, um die Gewißheit zu erhalten, dal sein Wille ausgeführt wird. Wir fordern von der Regierung, daß sie die Autorität der Arbeiterräte anerkennt und ausdehnt...
4.) Um die Ordnung und den Frieden wiederherzustellen, fordern wir, daß ein Datum für die Abhaltung freier Wahlen festgesetzt wird. An ihnen können nur solche Parteien teilnehmen, die die sozialistische Ordnung anerkennen und immer anerkannt haben, d.h. die Ordnung, die auf dem Prinzip fußt, daß die Produktionsmittel der Geselischaft gehören.
5.) Wir fordern sowohl die sofortige Freilassung von Imre Nagy und der Mitglieder seiner Regierung, die durch die Revolution gewählt worden sind, als auch die aller anderen verhafteten Freiheitskämpfer.
6.) Wir fordern die sofortige Feuereinstellung und den raschen Abzug der sowjetischen Truppen aus Budapest, da die ungarischen Behörden selbst mit Hilfe der Arbeiterschaft die Ordnung sichern können. Wir fordern, daß, sobald die Arbeit in den Betrieben wieder aufgenommen ist, die ungarische Regierung Verhandlungen über den allmählichen und geordneten Rückzug der sowjetischen Truppen vom Territorium unseres Landes beginnt und die Öffentlichkeit über den Gang dieser Verhandlungen informiert. 7.) Die Polizei muß reorganisiert werden und aus ehrlichen Betriebsarbeitern sowie dem Volke treu gebliebenen Armeeinheiten gebildet werden.
8.) Wir fordern, daß die Regierung dieses Programm über Rundfunk und Presse der Öffentlichkeit bekanntgibt.
Chinas, Jugoslawiens. Polens. Belgiens Amerikas kritisierten öffentlich das Eingreifen der sowjetischen Verbände. Durch das Chaos in Ungarn droht dem Imperialismus eine Interventionsmöglichkeit im direkten Machtbereich des Kreml selbst geschaffen zu werden. Und vor allem: in Ungarn sind Nagys Versuche, den Kommunismus aus dem Mißkredit, in welchen ihn Rakosi und Gerö gebracht haben, zu retten, für eine ganze Periode vernichtet, ist die organisierte Arbeiterbewegung zutiefst getroffen.
Wir haben keinen Grund, unter dem Druck dieser dramatischen Ereignisse unseren Kurs zu wechseln. Wie fürchterlich auch immer die Verbrechen des Kreml sein mögen, esist AufRabe des Proletariats und nicht des Imperialismus, seine Diktatur zu beseitigen. Jeder Versuch der internationalen Reaktion, die jetzige Krise als Vorwand für ein militärisches Abenteuer gegen die Sowjetunion zu benützen, muß energisch abgewehrt werden. Dies fordern auch die heroischen Revolutionäre Ungarn, wie es die greise Sozialistenführerin Anna Kethly in New York deutlich erklärte. Gleichzeitig bleibt mehr denn je die Hauptaufgabe unserer Epoche bestehen: Die Schaf Jung ciner neuen revolutionären Führung, die den Sturz des Kapitalismus im Westen, die politische Revolution gegen die Bürokratie im Osten bewußt führt und so die Opfer eines solchen Umsturzes, wiees dietragischen Erfahrungen Ungarns belegen, außerordentlich verringern kann. Jeder Kommunist, der heute noch aus falsch verstandener _Disziplin" oder aus Furcht, der Sowjetunion zu schaden, seine kritische Stimme nicht erhebt. nicht Programm und Politik der IV. Internationale ernsthaft prüft, begeht einen schweren Fehler. Einen Fehler, der sich, wenn früher oder später Ereignisse, Umstürze, wie in Ungarn eintreten, schwer am Proletariat und am Kommunismus rächen könnte.
Noch rollen die Panzer, noch rauchen die Geschütze, noch brennen die Arbeiterviertel Budapests. Aber ihr frohlockt zu früh, ihr Henker des Kreml undihr Aasgeier der Wallstreet und der City, die schon von der neuen Beute träumen! Die Weltgeschichte schreitet vorwärts, und ihre Zeichen stehen auf Revolution und nicht auf Reaktion, auf sozialistische Demokratie und nicht auf kapitalistisches Privatergentum oder Bürokratenherrschaft. Morgen werden die sowjetischen Arbeiter und Bauern, die eine verbrecherische Führung heute als Werkzeug zu einer verruchten Bluttat benutzt hat, die Saat des heldenhaften Kampfes der ungarischen Revolution über alle Teile der Sowjetunion ausstreuen. Wehe der Bürokratie, wenn diese Saat aufgeht!
Morgen wird unsere rote Fahne, die Fahne des Kommunismus, stolzer und reiner als je zuvor über Ungarn, über Budapest flattern. Sie wird den ungarischen Arbeitern und Studenten die Fahne der Völkerbefreiung und nicht jene der Völkerabschlachtung sein, die Fahne der Menschenrechte und nicht jene der Knechtschaft, die Fahne der Rätedemokratie und nicht jene der bürokratischen Militärdiktatur. Dazu alles zu tun, das geloben wir den gefallenen Helden des ungarischen Proletariats. 7. November 1956
INTERVIEW mit Sándor Racz