Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Bolivien

Den Bergarbeitern gehe es an den Kragen

· Inprekorr Nr. 188, Dezember 1986 · S. 36-37 · 1.230 Wörter

Bolivien, Peru und Anden Gewerkschaften und Streiks Weltwirtschaft und Krise

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Livio Maitan sche Klima im Lande schlagar- merinnen und Teilnehmer tig durch die Operation gegen sprachen sich für die Aussetden Drogenhandel, die die bo- zung der Zahlung der Auslivianische Armee und die landsschulden und gegen eine Einheiten der nordamerikani- von der Regierung beschlosschen Armee gemeinsam un- sene Steuerreform aus, die eiternahmen. Die Präsenz die- ne zehnprozentige allgemeine ser ausländischen Militärs rief Mehrwertsteuer vorsieht und lebhafte Reaktionen hervor, folglich vor allem die Armen sie wurde weithin als eine Be- treffen wird. Die Regierung einträchtigung der nationalen lehnte diese Initiative der Ge- Souveränität, wenn nicht als werkschaftszentrale ab und ein Auftakt zur Installation denunzierte sie als Betrug. fremder Basen im Lande begritten. Es fanden Protest- Umstrukturierung kundgebungen statt, die von den Gewerkschaften unter- des Bergbaus stützt wurden. An ihnen nahmen vor allem Bauern teil, die diesem Hintergrund Coca anbauen und die ge- kündigte die Regierung von zwungen werden sollen, ihre Paz Estenssoro ein Projekt Anptlanzungen autzugeben, zur radikalen Umstrukturieohne daß ihnen eine Alterna- rung der Bergbauindustrie an, tivlösung zugesichert worden das einen neuen Angriff auf die Arbeiterklasse darstellt.

Gemäß einem am 26. August

Gegen Ende Juli traten 21.000 veröffentlichten Dekret soll Bergleute in Streik. Das war das zentrale Büro der staatlider Beginn einer neuen Welle chen Central Minera de Bolivon Arbeiterkämpfen. Am 1. via (COMIBOL - Bergbau- August streikten die Arbeiter gesellschaft Boliviens) in den Städten Oruro und Po. schlossen werden. Die Zinktosi, ebenso die Beschäftigten mine Matilde und die Zinnmider nationalen Luftverkehrs- ne in Corocoro in der Provinz gesellschaft LAB und die Uni- La Paz sollen geschlossen versitätsangestellten. Am 18. werden. Neun andere Berg. August rief die COB zueinem werke sollen Privatunterneh 48-stündigen Generalstreik men überlassen, dreizehn solder Solidarität auf, der am 21. len von Bergarbeitergenosund 22. August stattfand und senschaften betrieben wererfolgreich war. den. Von diesen Gruben ha- Am 25. Juli kam es aus Anlaß ben fünf (San José, Bolivar, eines von der COB zu zwei Huanuni, Unificada und Tas- Fragen organisierten Referen- na) den Betrieb bereits eingedums zu einer politischen stellt, und es steht zur Debat- Kraftprobe. 95% der Teilneh-/ te, ob auch das Bergwerk Ca-

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MINEROS DE COROCONO Bolivien:

EL SHERMIT BE MES COMIBOL Verarbeitung und der Schmuggel von Kokain, das in der Wirtschaft des Landes eine immer entscheidendere Rolle spielt. Diestatistischen

Daten über Bolivien sind mit Vorsicht zu genießen, auch diejenigen, die in diesem Artikel in bezug auf die offizielle" Wirtschaft angeführt sind.

Doch stimmt die Mehrzahl der Quellen in der Schätzung überein, daß der Drogenexport in diesem Jahr mindestens 600 Millionen Dollar einbringen wird (andere sagen sogar: 1 Milliarde), während der Wert der normalen Exporte nur 400 Millionen Doltavı geschlossen wird. Die Be- | des deportiert. Zur selben rungsprojekte sich konkreti- lar betragen wird. Der Dro legschaft der COMIBOL soll Zeit wurden der Flughafen sieren, wird die bolivianische gensektor erwirtschaftet folg um etwa die Hälfte abgebaut von La Paz von Einheiten der Wirtschaft strukturell verän- ich fast 50% des Bruttoso Luftwaffe besetzt und die Uni dert. Der Bergbau, traditio- zialprodukts. zwischen 12.000 und 13.000 versität derselben Stadt von nell das Rückgrat der Wirt- Es versteht sich von selbst, den Arbeitsplatz Armeesoldaten umstellt, um schaft dieses Landes, ist infol- daß eine derartige Entwick- (damit auch ihre Wohnung) die Studenten daran zu hin- re der ungunstigen Entwick lung drastische soziale Folgen verlieren. In den vorangegan- dern, die Universität wie frü- lung des Weltmarkts und des haben muß. Teile der Bauerngenen Monaten hat es bereits her zu einem Zentrum des veralteten Produktionsappa- schaft betrachten es als vor- 7000 bis 8000 Entlassungen rats seit vielen Jahren im Nie teilhaft, Coca statt anderer stands zu machen. Am 29. Au- dergang begriffen. Jetzt hat Agrarprodukte anzubauen. Eine weitere Kraftprobe be- gust rief die COB zu einem die Krise einen Punkt er- Die Lohnabhängigen, die zur 24-stündigen Generalstreik reicht, von dem es keine Arbeitslosigkeit verurteilt gann. Die Bergarbeiter hatten auf, um gegen den Belage- Rückkehr mehr geben kann. sind, haben oft keinen andeam 21. August einen Marsch rungszustand zu protestie- ren Ausweg, als sich in die inauf La Paz organisiert, um ge- gen die massiven Entlassun- ren. Andiesem Streik beteilig- Strukturelle Verän- formelle Wirtschaft - einten sich viele Arbeiter aus den derungen schließlich den Schmuggel — gen in den Bergwerken zu pro- Fabriken und von den Bau- der Wirtschaft zu integrieren. Wer mehr testieren. Über 5000 von ih- stellen. In einer Reihe von Glück hat, darf hoffen, ein annen nahmen daran teil, oft Um von der Dimension des deres Leben führen zu könwurden sie von ihren Familien Städten fanden bedeutende Problems eine Vorstellung zu nen: Bergleute, die in der Co- Demonstrationen und von anderen Lohnabhän- Cochabamba, einer Stadt von geben: 1980 wurde ein Plund ca- Verarbeitung tätig sind, ergigen und Studenten beglei- Zinn noch mit 7.6 US-Dollar zielen in einer Nacht fast die tet, die dadurch ihre Solidari- ca. 280.000 Einwohnern, de- bewertet, während es gegen- Hälfte ihres Monatslohns in tät zeigten. Am 26. August monstrierten 15.000 Men- wärtig bei 3 US-Dollar steht. der Mine. versperrte ihnen sechzig Kilo- schen. Im selben Zeitraum ist der Die Entwicklung der Lage im meter vor der Hauptstadt die Die Bergleute konnten ihren Wert des Exporte Boliviens Laufe der letzten Monate und Armee den Weg. Unter dem Widerstand jedoch nicht fort- führen. Am 29. August wurde von 650 auf 120 Millionen der Rückschlag für die Bergarangeblichen Vorwand, es be- der Kampf eingestellt, nach- Dollar gefallen. Im Verhältnis beiter drohen sehr schwerwiestehe die Gefahr eines Auf- dem die Regierung sich ver- zu 1976 ist die Produktion auf gende Auswirkungen für die stands, setzte die Regierung pflichtet hatte, Verhandlun- ein Sechstel geschrumpft; gesamte bolivianische Arbeiauf offene Repression. Die gen mit den Gewerkschafts- 1985 betrug der Verlust der terklasse zur Folge zu haben. Bergleute wurden aufgehal- verbänden aufzunehmen und COMIBOL 250 Millionen ten, umzingelt, unter fürch- keine Repressionen durchzu- US-Dollar. terlichen klimatischen Bedin- führen. Damit ging diese Wenn der Zusammenbruch Anmerkuns gungen, ohne Medikamente Kampfphase zu Ende. Es ist des Bergbaus und das konund mit wenig Lebensmitteln nicht ausgeschlossen, daß die stante Absinken des Brutto- 1 Das MNR-H ist eine der Parteien, die aus festgehalten, schließlich zu- dem MNR hervorgegangen sind. Das

Regierung das Tempo der ge- sozialprodukts über Jahre MNR war durch die Revolution von 1952 rückgefahren. planten Maßnahmen verrin- hinweg nicht schon zum kom- an die Macht gekommen, ihr wichtigster Führer war in der Vergangenheit V. Paz

Am 28. August verhängte die gert und womöglich ihren pletten Zerfall des Landes ge- Estenssoro. Ander Spitze der Regierung. Regierung den Belagerungs- Umfang herabsetzt. Doch ist führt hat, verdankt sich dies die der gegenwärtigen unter Paz vorauszustand und ließ gewerk- den Bergleuten und der Arbei- der Existenz des sogenannten gegangen war, stand Hernan Siles Suazo. weiterer historischer Führer der schaftliche und politische terklasse zweifelsohne ein informellen Sektors. Hinter MNR und nun Chef des MNR-I (MNR. Führer der Arbeiterbewegung weiterer Schlag versetzt wor- dieser schönfärberischen Be- Izquierda - MNR-Linke). Hugo Banverhaften; etwa 200 wurden in den. zeichnung verbirgt sich in zer, der Führer der ADN, gelangte 1971 durch einen Militärputsch an die Macht entlegene Regionen des Lan- In dem Maße, wie die Regie- Wirklichkeit die Produktion, und war bis 1978 Präsident des Landes.