Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Von Emanzipation hält der Osten nichts mehr

· Inprekorr Nr. 187, November 1986 · S. 29-32 · 2.992 Wörter

Frauen BRD und DDR Sowjetunion Polen

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Von Emanzipation hält der Osten nichts mehr MÄNNER UND

FRAUEN SIND

OLEICHBERECHTIGT , Wir wissen, daß niemand uns von der Wäsche und dem Geschirrbefreien wird, auch nicht vom Schlangestehen und den Einkäufen. Das ist aber normal." „Man kann sagen, was man will: der Mann verteidigt den Herd, die Frau bewacht ihn.«

Man könnte diese beiden Erklärungen als Geschwätz unserer Großmütter abtun. Leider stimmt das nicht. Die erste Erklärung ist dem Leitartikel zum 8. März 1981 der offiziellen polnischen Gewerkschaftszeitung Lacznosc entnommen. Die zweite entstammt einem Artikel aus Rabotnitsa, einer der größten Zeitschriften für sowjetische Frauen, von 1983. Die gleichen Zeitungen loben übrigens die geschickte Arbeiterin und die Pionierin, die sich nicht scheur, „Männerarbeit" zu erledigen und gleichzeitig eine perfekte Hausfrau zu sein, über den Klee. Der Leitartikel in der polnischen Zeitung stellt fest: , Wir wissen, was wir zu tun haben: wir wollen Je tiefer die Krise, desto mehr wird das Familienglück gepriesen, auf Kosten der Frauen - Erste Anzeichen einer feministischen Revolte außerhalb des Hauses arbeiten, da wir uns mit unserer Rolle in der Familie und im Haushalt nicht zufrieden geben. Wir wollen uns nicht in der Küche oder im Kinderzimmer einsperren lassen." Beruflich diskriminiert „Arbeite wie in Mann und auch noch wie eine Frau", heißt ein Sprichwort. Esfaßt die so widersprüchliche Situation der Frauen in den osteuropäischen Ländern gut zusammen. Die Gesetze über die Rechte der Frauen sind — verglichen mit denen in den westlichen Ländern — sehr fortschrittlich, auf wirtschaftlichem wie gesellschaftlichem Gebiet. In all diesen Ländern werden die realen Fortschritte betont, die es hier seit dem Zweiten Weltkrieg in dem Bereich der Ausbildung und der Arbeit von Frauen und ihrer Beteiligung am wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben gegeben hat. In all diesen Ländern, mit Ausnahme Rumäniens stellen die Frauen seit 20 Jahren über 40 % der Arbeitskraft. Ihr Anteil lag in den meisten Fällen zu Beginn der suer Jahre uber 45 %, in de Sowjetunion und in der DDR sogar übe 50%. Parallel dazu ist das Ausbildungsniveau der jungen Frauen derart gestiegen, daß sie fast überall an den Oberschulen und den Universitäten zahlreicher vertreten sind als die Männer. Vor allem in den technischen Ausbildungszweigen ist ihr Anteil erheblich höherals im Westen. In der DDR, wo gezielte Anstrengungen in diese Richtung gemacht worden sind, stellten Frauen 1983' drei Viertel aller Berufsschüler. In Polen waren 1984 23 % aller Studenten an technischen Universitäten Frauen, während ihr Anteil in den westlichen Ländern selten über 10 % kommt. Doch die berufliche Diskriminierung von Frauen ist hier nicht weniger ausgeprägt als im Westen. Eine hohe Konzentration von Frauen gibt es vorallem in den Dienstleistungsbetrieben und in den traditionellen Frauenindustrien (Textil-, Bekleidungs-, Elektronikindustrie), und in bestimmten Berufen (Erzieherinnen, Krankenschwestern, Sekretärinnen, usw.). Der einzige Unterschied besteht erstens darin, daß es in Osteuropa auch bei den Ärzten einen sehrhohen Frauenanteil gibt, aber das hängt damit zusammen, daf dieser Beruf in den Augen der Männer jegliche Attraktivität verloren hat, weil er so schlecht bezahlt wird; und zweitens darin, daß Frauen in einem Land wie der Sowjetunion Schwerarbeit leisten: man findet sie auf dem Bau, oder sie verrichten körperliche Arbeiten, von denen die Männer nichts mehr wissen wollen. Die geschlechtliche Arbeitsteilung ist voll ausgeprägt.

Doppelt ausgebeutet „Hier ist das Proletariat nicht mehr die ausgebeutete Klasse, aber die Frauen sind dafür doppelt ausgebeutet", , klagt eine Arbeiterin beim Postbeförderungsdienst in Petrosadowsk in der UdSSR. An den Gesetzen kann man das nicht ablesen, aber an der Wirklichkeit. Nach dem Reglement dürften wir keine Gewichte heben, die 20 kg übersteigen. Die Pakete wiegen zwar nicht schwerer, dafür dürfen wir Frauen sie aber unzählige Male heben. Die Norm pro Tag und Person liegt hier bei 300 Kilo, vor Feiertagen werden es aber auch 500 Kilo. Wenn man annimmt, daß ein Paket im Durchschnitt 7-10 Kilo wiegt, heißt das, daß jede Frau über 2.000 Kilo am Tag

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= Frauen in Osteuropa schleppt, an „Feier" tagen sogar 4-5 Tonnen! Am 1. Mai oder am 7. November, dem Jahrestag der großen sozialistischen Revolution, schleppt sie also Rekordgewichte!" Dazu muß man noch sagen, daf jede Frau mit ihrer Last täglich 2 bis 5 Kilometer zurücklegt, d.h. sie zicht am Tag soviel wie 350 bis 1000 Kilo, ganz allein, ohne zu klagen, weil Frauen „tag und nacht arbeiten in diesem Bezirk, auch 12 Stunden hintereinander... Das sind ähnliche Arbeitsbedingungen wie in den Salz- oder Kohlebergwerken vor der Revolution". Die Arbeitsplätze, die qualifizierte Frauen einnehmen, entsprechen häufig nicht ihrer Ausbildung; sie besetzen nur einen begrenzten Anteil der verantwortlichen Stellen als Technikerinnen, stellen nur einen Bruchteil der Betriebsdirektoren - selbst in den Sektoren, wo sie das Gros der Arbeitsplätze einnehmen —, und sie bekleiden nureinen ganz geringen Teil der Ehrenämter in den Fakultäten. Die ideologischen Hindernisse sind immer noch groß. Man mifstraut Frauen, die Verantwortung tragen. „Sie wird es nicht schaffen... Und wenn sie ein Kind kriegt?"

Folglich gibt es große Unterschiede bei der Entlohnung. die Spannbreite beträgt etwa 30 %, das ist mehr als in den nordeuropäischen kapitalistischen Ländern (Dänemark, Schweden, usw.), wo der Anteil der Frauen an den Erwerbstätigen annähernd so hoch ist wie in Osteuropa, und obwohl dort der Anteil teilzeitarbeitender Frauen sehr hoch ist (Teilzeitarbeit bedeutet meistens geringeren Lohn).

Diese Diskriminierung im Einkommen und in der Beschäftigung kann jedoch nicht überraschen, wenn man die oben zitierten Außerungen über die Hausarbeit berücksichtigt. In allen osteuropalschen Ländern ist die Hausarbeit und die Kindererziehung immer noch Domäne der Frauen; die Stundenzahl, die sie täglich darauf verwenden, hat sich kaum verringert. 1970 waren es 4-5 Stunden, 1985 sind es kaum weniger, wenn man sich an die jüngsten Zahlen hält. Die Männer „fassen halbherzige Malsnahmen bereits als Altruismus auf: er hilft dir (beachte das Verb), das gemeinsame Geschirr zu waschen, oder das Kind zu pflegen; er „hilft" dir, weil er „blind" ist vor Uneigennützigkeit"?

Von Land zu Land unterschiedlich Doch muß man auch sagen, dais die wirtschaftliche und soziale Lage der Frau von Land zu Land sehr unterschiedlich 30 INPREKORR Nr. 187 ist. Die Lebensbedingungen einer tschechoslowakischen Frau lassen sich mit denen einer Rumänien nicht vergleichen Erstere lebt in einem Land, in dem die Läden relativ gut versorgt sind, sie hat recht gute Haushaltsmittel zu ihrer Verfü- In der DDR stellen Frauen drei Viertel aller Berufsschüler; an den Oberschulen und Universitäten sind sie zahlreicher als die Männer. Aber leitende Positionen haben nur wenige.

gung. Letztere lebt in beispiellosem Mangel, alle Grundnahrungsmittel (Brot, Milch, Zucker) sind rationiert, ständig muß sie auf die Unterbrechung der Wasser-, Gas- oder Stromversorgung gefaßt sein. Aufzüge werden nicht mehr benutzt, aus Angst, man könnte steckenbleiben; man kann sich vorstellen, was das bedeutet, wenn man in einem Hochhaus wohnt und den Korb mit Lebensmitteln und noch ein Kind am Arm tragen muß. Außerdem ist es verboten, ein Appartement über 14 Grad zu heizen, wenn es sehr kalt ist; die Fernsehprogramme sind auf zweieinhalb Stunden am Tag beschränkt, usw. Das alles, weil die Regierung Energiesparen angeordnet hat.

Natürlich treffen diese Maßnahmen die gesamte Bevölkerung, aber die Frauen leiden als erste darunter. Aus den Vorschlägen von Musterbürgern in den Spalten der Parteizeitung wird das ganz deutlich: „Im Zweifelsfall kann jede halbwegs tüchtige Frau ihre Wäsche sehr gut auch in der Badewanne waschen! Wir können auf die Waschmaschine verzichten. Und was ist mit dem Kehren? Hat man nicht jahrhundertelang den Besen benutzt, bevor es Staubsauger gab?"). Selbst bei den kollektiven Einrichtungen ist die Situation sehr unterschiedlich. Weniger als 10 % der Polinnen geben ihre Wäsche in die Wäscherei, weil das sehr teuer und die Qualität schlecht ist. In der DDR dagegen werden solche Dienstleistungen stark beansprucht. In Polen werden 10 % der Mahlzeiten in der Kantine eingenommen, in der DDR 70 bis 80 Prozent. Das bedeutet für die Frauen, wenn sie abends nach der Arbeit nach Hause kommen, einen erheblichen Unterschied. In der DDR gehen 65 % der Kinder unter drei Jahren in den Hort, 90 % der Drei- bis Sechsjährigen besuchen einen Kindergarten. In Polen sind es jeweils 4 und 45 %. Die polnischen Arbeiterinnen haben fast keinen Zugang zu einem Hort, zumal die verfügbaren Plätze meist Frauen aus den privilegierten Schichten zugeteilt werden, die eine „Empfehlung" vorweisen können, nicht den Arbeiterinnen, die sie am meisten nötig hätten, Schicht- oder Nachtarbeiterinnen.

Auch die Wohnverhältnisse sind von Land zu Land sehr unterschiedlich. In sowjetischen Provinzen ist es noch an der Tagesordnung, dal eine ganze Familie in einem Raum lebt. In Polen gibt es mehr Platz pro Person, wenngleich auch hier die Wohnungsnot sehr groß ist und die Wartezeiten unglaublich lang: ein „junges Paar" kann 15 bis 20 Jahre auf eine Wohnung warten, wenn es auf die offiziellen Kanäle angewiesen ist. Auch in ideologischer und kultureller Hinsicht ist die Lage der Frauen in Osteuropa unterschiedlich. Je nachdem, ob sie in der Nähe der Grenze in Ungarn oder in der DDR leben und westliches Fernsehen empfangen, ob sie unter der Knute der rumänischen Bürokratie oder im relativ liberalen Ungarn leben, sind ihre Lebensbedingungen sehr unterschiedlich. Überall wird die Freiheit der Meinungsäußerung und der Organisation unterdrückt, aber sie wird es nicht auf dieselbe Weise und im selben Maße. Das Patriarchat lebt fort Gemeinsam ist all diesen Ländern die Aufrechterhaltung patriarchalischer Be ziehungen in der Familie, die Konservierung der jahrtausendealten Vorstellung über die Rolle der Frauen, die unveränderte Herrschaft des Mannes in der Beziehung, auch wenn die Frau das Bedürfnis zeigt, sich als Frau und als Arbeiterin zu verwirklichen. Das stimmt sowohl für die DDR wie auch fütandere Länder, obwohl hier die Verhältnisse vielfach fortschrittlicher sind. Frauen aus der DDR haben darüber in Interviews sehr freimütig Zeugnis abgelegt.

„Meine Eltern, fortschrittliche Menschen, wa, aber die Erziehung von uns Kindern - furchtbar! Die Mädchen mußten schuften, die Jungs hatten 'n feinet Leben" *, erzählt eine junge Frau von 24. „Ich bade doch alles alleine aus, Elternbeirat, Gewerkschaft, betreue die Alten im Haus, erledige die Wege zu den Ämtern" ', sagt eine andere, etwas ältere, Mutter zweier Kinder, die sehr geduldig ist ihrem Lebensgefährten gegenüber. „Was nützt es den Frauen, wenn sie sich gegen ihren Partner emanzipieren? ...Wenn man aus einer Bindung aus-

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steigt, muß man bei einer anderen wieder von vorn beginnen, denn man läuft ja nicht vor sich selbst davon. Die Schwierigkeiten, die man hat, überträgt man auf den anderen."* Diese Vorstellung von der Beziehung und vonder Ehe als eine scheinbar selbstverständliche Einrichtung, die Verinnerlichung der Mutterrolle findet man genauso auch bei Frauen aus anderen osteuropäischen Ländern wieder. In Polen sind drei Viertel der Arbeiterinnen, die zu verschiedenen Gelegenheiten befragt wurden, überzeugt, daß ihre Hauptaufgabe in der Kindererziehung besteht. Wie soll man sich auch über die Langlebigkeit solcher Vorstellungen wundern, wenn man weiß, daß 1980 in den Grundschulen Mädchen noch zu anderer körperlicher Arbeit angehalten wurden als Jungen: die Mädchen durften Küche und Haushalt besorgen, die Jungen bearbeiteten Holz oder Metall? In den meisten Ländern Osteuropas hat es nach dem Zweiten Weltkrieg eine Phase gegeben, wo die Regierungen die weibliche Lohnarbeit, die für den Wiederaufbau der Wirtschaft unverzichtbar war, und die Emanzipation der Frauen und die Pflichten der Gesellschaft ihnen gegenüber betont haben, also die Einrichtung kollektiver Dienstleistungen, usw. In den 60er Jahren hat es aber eine richtige Wende in der Familienpolitik gegeben. Sie wurde mit unterschiedlichen Argumenten und Maßnahmen vorgetragen, aber der Effekt war überall der, die Entwicklung der Frauen zu größerer wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Unabhängigkeit zu bremsen.

Die Familie wird aufgewertet 1965 wurde in der DDR die Hausfrauenarbeit nicht mehr als Hindernis für die Ausbildung und die berufliche Tätigkeit von Frauen dargestellt. Die Rolle der Familie bei der Kindererziehung wurde wieder aufgewertet. Einige Maßnahmen, die sich aus dem veränderten Bild ergaben, waren fortschrittlich: so die Verlängerung des Mutterschaftsurlaubs von 12 auf 20 Wochen. Einige waren diskriminierend für die Frauen, auch wenn sie sie anfänglich vielleicht als eine Erleichterung begriffen, so z.B. die Urlaubsverlängerung für Mütter mehrerer Kinder oder der monatlichefreie „Hausfrauentag" für Mütter, schließlich die Teilzeitarbeit für „Frauen, die wegen besonderer familiärer Verpflichtungen nicht Vollzeit arbeiten können"s In den offiziellen Erklärungen heißt es, die Frauen würden diese Möglichkeiten nun in Ausnahmefällen wahrnehmen. Frauen in Osteuropa jagaze:

al 1960 Titelblatt aus der DDR-Zeitschrift „Das Magazin", April 1969 „Meine Eltern, fortschrittliche Menschen, wa, aber die Erziehung von uns Kindern — furchtbar! Die Mädchen mußten schuften, die Jungs hatten 'n feinet Leben"

aus: Marie Wander, Guten Morgen, Du Schöne! Experten aus der DDR schätzen aber, In Ungarn wurde 1967 ein bezahlter dais 25-30% der Frauen die Wochenar- Mutterschaftsurlaub für die Frauen einbeitszeit um 6 Stunden verkürzen, von geführt, die ein Kind bekommen hatder Teilzeitarbeit abgesehen. Alle Stu- ten. Das war eine Art „Mutterlohn", der dien im Westen wie im Osten zeigen, daß fast die Hälfte des bisherigen Gehalts eine Verkürzung der Erwerbsarbeits- betrug. Eine ähnliche Maßnahme führte zeit, wenn sie sich allein auf die Frauen die Tschechoslowakei vier Jahre später bezieht, nicht dazu führt, daß sie weni- ein. In Polen wurde 1969 ein unbezahlger Stunden arbeiten, weil dann die Män- ter, einjähriger, später dreijähriger Urner noch weniger als bisher im Haushalt laub beschlossen, 1981 wurde er jedoch tun. Andersherum bedeutet das aber im- in einen bezahlten Urlaub umgewandelt mer geringeren Lohn, einen veränderten (offiziell handelt es sich umeinen „Eltern- Status und mehr Hindernisse für das urlaub", aber wie zufällig spricht jeder berufliche Fortkommen. nur vom Mutterschaftsurlaub). In die-

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= Frauen in Osteuropa sen drei Ländern machen drei Viertelder Frauen von den angebotenen Möglichkeiten Gebrauch. Der Zusammenhang zwischen diesen Maßnahmen und der beruflichen und Lohndiskriminierung ist offensichtlich. In der Sowjetunion, wo es seit den 60er Jahren Vorschläge für die Einführung von Teilzeitarbeit gibt, wurde sie erst in letzter Zeit in größerem Umfang realisiert. Die Sowjets haben nun auch deneinjährigen Mutterschaftsurlaub eingeführt, die jungen Mütter können ihn um ein halbes Jahr verlän- Diese Maßnahmen bringen auf den Punkt, was in all diesen Ländern inzwischen die offizielle Politik ist: der Verzicht darauf, Männer und Frauen wirklich gleichzustellen. Der Bruch mit der marxistischen und leninistischen Tradition, auf die sich die Regime anfänglich noch berufen haben, kann nicht deutlicher ausfallen. Marx, Engels und später auch Lenin haben viel stärker die Ausbeutung als die besondere Unterdrückung der Frauen betont. Sie waren überzeugt, daß der massive Einbruch der Frauen auf den Arbeitsmarkt, wie er sich in den kapitalistischen Ländern von der Mitte des 19. Jahrhunderts an abzeichnete, in kurzer Zeit zum Zerfall und schlieflich zur Auflösung der Familie führen würde. Damit unterschätzten sie nicht nur die Fähigkeit der herrschenden Klasse, die Frauen- und Kinderarbeit zu reglementieren und die Familie zu stützen, um das kapitalistische System selbst zu schützen. Sie unterschätztenauch die Hindernisse, die jenseits der notwendigen wirtschaftlichen und sozialen Umwälzung überwunden werden müssen, um das Bewußtsein der beherrschenden Klassen zu verändern. Die feministische Bewegung der 70er Jahre hat aufgezeigt, daß die Erwerbsfähigkeit der Frauen zwar eine notwendige Voraussetzung für ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit, aber längst nicht eine hinreichende Bedingung für ihre Emanzipation ist, solange dies nicht von sozialen und kulturellen Veränderungen begleitet ist, die die Grundlagen der besonderen Unterdrückung der Frauen selbst infragestellt. Aber die Bürokraten in Osteuropa haben sich noch nie den Kopf über solche Fragen zerbrochen und die genannten Maßnahmen bedeuten einen Rückschritt gegenüber den früheren. Die Familie:

ein Stützpfeiler der Bürokratie Wie erklärt sich diese Wende, nach den enthusiastischen Lobliedern auf die Befreiung der Frau am Ende des Zweiten Weltkriegs, als sie überallals Traktorfahrerin und Schweißerin porträtiert wurde? 32 INPREKORR Nr. 187 Sicher hat das etwas mit der Verände- osteuropäischen Bürokratien eine zen rung innerhalb dieser Regime zu tun. So trale Rolle zur Stabilisierung ihres Regi stalinistisch wie sie waren, verkörperten mes. Dafür gibt es mehrere Gründe. sie doch zu Beginn den radikalen Bruch Zum einen wirtschaftliche: eines der mit der bürgerlichen Klassengesellschaft Merkmale dieser sog. „sozialistischen" und Ideologie. In dem Maße, wie sie Gesellschaften liegt paradoxerweise in darauf verzichteten, sich auf die Massen ihrer chronischen Unfähigkeit, die not zu stützen, verbürokratisierten sie zu- wendige soziale Infrastruktur für die Re nehmend und kristallisierten eine privi- produktion der Arbeitskraft zu schaf legierte Schicht heraus, um nicht zu sa- •fen. Egal wie sehr Reformen beschworer gen ein Fossil (man denke nur an das werden, letztlich erhält immer die Reich der Familie Ceaucescu in Rumä- Schwerindustrie den Vorrang, weil Clinien). In der Sowjetunion war dieser quenwirtschatt und das Recht des Star- Prozeß komplexer, weil schon 1934 ein keren sich durchsetzen. Das gilt selbst in neues Familiengesetzbuch eingeführt der DDR; deshalb fordern hier Frauenwurde, das einen erheblichen Rück- friedensgruppen auch immer wieder, das schritt brachte: z.B. das Verbot der Ab- Geld statt für die Armee für den Ausbau treibung (die 1955 wieder legalisiert wur- der mangelhaften gesellschaftlichen Einde), die Achtung der freien Liebe, die richtungen auszugeben. Erschwerung der Scheidung, usw. Doch der Krieg brachte Stalins Pläne der Ver- Die Bürokratie interessiert sich aber herrlichung der Mutterrolle durchein- hauptsächlich aus politischen Gründen ander. Wirtschaftliche Erfordernisse: für die Familie. Sie ist ein Instrument der die Ersetzur g der Männer in der Wirt- bestehenden Ordnung und erlaubt, die schaft während dem Krieg, der Wieder- individuellen Bedürfnisse in einem pri aufbau der Wirtschaft danach, waren vaten Rahmen zu kanalisieren. Die afstärker als die feierlich verkündeten fektiven und sozialen Beziehungen fol- Grundsätze. Stalin mußte bis 1949 war- gen einem Muster, das sich von dem im ten, bis er der besten „Gebärerin" die Westen nicht groß unterscheidet. Dies Goldmedaille überreichen konnte ist natürlich ein Zeichen für den zutiefst Unabhängig davon spielt die Familie konservativen Charakter der Bürokraaber für die sowjetische und die anderen tie, für ihr Interesse, jeden kollektiven