Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Thailand

Erneuerung der Kommunistischen Partei

Inprekorr Nr. 185, September 1986 · S. 34-36 · 2.107 Wörter

Philippinen und Südostasien

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Erneuerung der Kommunistischen Partei 1980 waren die Guerilla-Basen der CPT zusammengebrochen; die Kader mußten in die Städte; Hilfe aus China fiel aus. Jetzt veröffentlichte die CPT Dokumente ihres IV. Kongresses von 1982.

Die Kommunistische Partei Thailands (CPT) hat zu Be- Doch die CPT ist bis heute die wichtigste revolutionäre ginn der 80er Jahre eine schwere politische und organisato- Organisation in Thailand geblieben. Die Gruppen der rische Krise durchgemacht. Die Ereignisse in Kampuchea extremen Linken, die sich 1980 gebildet hatten, haben mit und der Ausbruch des Konflikts zwischen China und großen politischen Schwierigkeiten zu kämpfen, mit der Vietnam lösten diese Krise aus. Sehr bald wurde jedoch die Repression, mit materiellen und organisatorischen Progesamte Orientierung der Führung der CPT in Frage blemen, und verfügten dabei über nur sehr beschränkte gestellt: ideologische Bezugspunkte, internationale Poli- Mittel. Es scheint, es ist ihnen nicht gelungen, neue Orgatik, Konzeption und Praxis der Einheitsfront, Strategie nisationen zu schaffen, die wegen der Zahlihrer Mitglieder der Machteroberung, Analyse der thailändischen Gesell- oder ihrer sozialen Verankerung Bedeutung erlangt hätschaft, Massenarbeit und internes Funktionieren. In weni- ten. Im allgemeinen sind die Rückschläge der Krise vom gen Jahren verlor die CPT sehr viele Mitglieder, vielleicht Beginn der 80er Jahre noch nicht überwunden. Die Genesogar die Mehrheit, sie verlor einen großen Teil ihres ration der 70er Jahre ist weitgehend entmutigt und deso- Einflusses sowie die Hauptstützpunkte ihrer Guerilla (im Süden weniger als im Norden und Nordosten). Die Dokumente des IV. Kongresses der CPT, die wir Diese Krise ist umsoschwerer, als sie eine Partei trifft, die nachfolgend veröffentlichen, geben Zeugnis von der poliin den 70er Jahren sehr schnell gewachsen war und zum tischen Entwicklung dieser Partei. Bemerkenswert ist ihre erstenmal eine nationale Ausdehnung erreicht hatte. Sie Entwicklung auf dem Gebiet der internationalen Politik hatte eine Bewegung des bewaffneten Kampfs geleitet, die (die heute unabhängig sein will, nachdem sie früher eng in in vollem Aufschwung war, die Thai-Volksbefreiungsar- den prochinesischen Block integriert war), der Analyse der mee (TPLA). thailändischen Gesellschaft (die heute nicht mehr als halb- Die CPT wurde 1942 gegründet, nachdem sich die Kom- feudal charakterisiert wird, sondern als kapitalistisch), der munistische Partei Siams in den 30er Jahren aufgelöst strategischen Perspektive (die frühere Formel war: der hatte. Wegen der Repression mußte sie sich aus den Städten Dschungel führt das Dorf, die Dörfer kreisen die Städte zurückzichen. Zu Beginn der 60er Jahre schloß siesich den ein). Der Schwerpunkt liegt immer noch auf dem bewaffne- „Mao-Tse-Tung-Ideen" an und verschrieb sich dem ten Kampf auf dem Land, aber der Massenarbeit, dem bewaffneten Kampf auf dem Lande, den sie 1965 praktisch politischen Kampf und der Arbeit in den Städten wird größere Bedeutung zugemessen. Die Dokumentesind noch Als die Militärdiktatur 1973 durch eine außerordentli- voll von allgemeinen Formeln. che Massenmobilisierung in den Städten gestürzt wurde, •Man muf noch sagen, dais sich im April 1986 eine neue erlangte die CPT nationale Bedeutung. Nach dem Militär- Organisation im Untergrund gebildet hat, die Thailändiputsch von 1976 blühte der bewaffnete Kampf wieder auf. sche Solidaritätsgruppe (TSG). Sie wird hauptsächlich Es bildete sich das Koordinationskomitee der Patrioti- von der CPT unterstützt und hat sich zum Ziel gesetzt, „als schen und Demokratischen Kräfte (CCPDF), eine Ein- Zentrum des Austausches von Informationen zwischen heitsfront aus CPT, anderen politischen Organisationen den Massenbewegungen in Thailand und im Ausland (zu und Führern von Massenbewegungen in Stadt und Land. dienen), den Kampf zu unterstützen und mit den Massen- In der Krise von 1980 - 1982 löste sich auch die CCPDF bewegungen in anderen Ländern zusammenzuarbeiten auf. Seither ist der Höhepunkt der Krise überschritten — und die internationale Unterstützung für den Kampf des so lautet die Aussage des Verantwortlichen des Zentralko- thailändischen Volkes zu koordinieren." mitees der CPT für die internationalen Beziehungen, den Das nachstehende Interview, das wir mit dem Verantwir kürzlich getroffen haben. Die CPT hat Mitte 1986 eine • wortlichen der CPT für die internationalen Bezichungen offizielle Übersetzung der Dokumente veröffentlicht, die gemacht haben, dient der Erläuterung der aktuellen Sisie auf ihrem IV. Kongreß April/Mai 1982 angenommen tuation der CPT und der Bedeutung der Veröffentlichung hatte. Auf diesem Kongreß, der mitten in der Krise der der Dokumente des IV. Kongresses. Partei stattfand, gab es über eine ganze Reihe von grund- 7. Juli 1986 sätzlichen Fragen kontroverse Abstimmungen. Der Kongreß endete in Chaos, was die Enttäuschung und Entmutigung zahlreicher Mitglieder und Sympathisanten noch verstärkte. Es gab zahlreiche Austritte. Es hob auch eine Polemik an über die Art, wie die nationale Leitung die Ergebnisse des Kongresses interpretierte, und über die Durchführung der angekündigten Veränderungen.

Seite 34 Nr. 185, September 1986

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INTERVIEW

Frage: Welche Bedeutung haben die Dokumente des /V. Parteikongresses der CPT für die Kommunistische Partei Thailands und die revolutionäre Bewegung Thailands?

Antwort: Diese Dokumente enthalten die Schlußfolgerungen, zu denen unser Kongreß gekommen ist. Bei ihrer Veröffentlichung kommt es uns weniger darauf an zu zeigen, daß unsere Partei sich geändert hat und nun eine fortschrittlichere Linie verfolgt, als darauf, sie zur Diskussion zu stellen und sie dem Test der Praxis auszusetzen. Wir veröffentlichen sie, damit das Volk nachvollziehen kann, zu welchen Schlußfolgerungen wir gekommen sind, und selbst über die Entwicklung unserer Partei urteilen kann.

Wir hoffen damit, daß jeder und jede - in Thailand oder im Ausland - im Lichte seiner bzw. ihrer Erfahrungen diskutieren kann, was in ihnen falsch und was richtig ist. Es ist möglich, daß die Lektüre der Dokumente zu Mißverständnissen oder Meinungsverschiedenheiten führt. Das muß man dann diskutieren.

Frage: Warum wurden die Dokumente, die doch 1982 angenommen wurden, offiziell erst 1986 auf englisch veröffentlicht?

Antwort: Nach dem Kongreß von 1982 haben wir sie sofort in Umlauf gegeben, damit sie studiert würden. Sie wurden an die Parteikader geschickt, an die Lager im Dschungel verteilt, damit sie dort erklärt und die Parteimitglieder darauf geschult würden. Wir konnten aber keine gute englische Übersetzung herstellen. Wir haben damals eine schwere Zeit durchgemacht. Wir haben viele unserer Stützpunkte im Ausland verloren, die uns bei der Übersetzungsarbeit sonst geholfen haben. Durch den Austritt und die Verhaftung zahlreicher unserer Mitglieder wurde unsere Arbeit desorganisiert. Wir bekamen große finanzielle Schwierigkeiten. Zahlreiche unserer Kader standen plötzlich vor dringenden Problemen. Sie mußten in der Stadt eine Arbeit finden, sich an die veränderte Situation auf dem riand and psin oto mie dem Anmelieprogramm und demokratischen Versprechungen besonders aktiv gewesen ist. Damals waren viele Mitglieder dagegen, zu viele Kräfte in den Lagern im Dschungel zu behalten. Sie beschlossen, den Dschungel zu verlassen und in die Städte umzuziehen oder manchmal in ihre Heimatdörfer.

Aber es hat sich gezeigt, daß die soziale Verankerung unserer Mitglieder zu schwach ist, und die dies hat die Anpas- Nr. 185. September 1986 sung unserer Mitglieder an die veränderten Lebensumstände und an eine legale Existenz erheblich erschwert. Unter dem Druck, eine Arbeit zu finden oder ihre Studien dort fortzusetzen, wo sie sie 1976 nach dem Staatsstreich unterbrochen hatten, und unter der Bürde vielfältiger praktischer Schwierigkeiten haben viele Kader damals vorübergehend mit der CPT gebrochen - durchaus mit dem Hintergedanken, den Kontakt wiederaufzunehmen, wenn die Probleme der sozialen und beruflichen Reintegration einmal gelöst wären.

In der Zeit nach dem IV. Kongreß mußten wir also zig Probleme lösen: unsere finanzielle Schwächung. den Schutz der Organisation, die Reorganisation unseres Apparats und unserer Massenarbeit usw. Es hat nicht wenig Verwirrung gegeben, und viele Mitglieder waren wie gelähmt, unfähig zu handeln. Sie hatten sich viel von unserem V. Kongreß erhofft, aber da sie immer noch keine Ergebnisse eintreten sahen, wurden viele Sympathisanten entmutigt. Dennoch, zwei, drei Jahre nach dem Kongreis zeigen sich die positiven Resultate. Die Partei richtet sich wieder auf. Das ist sehr wichtig. Man kann sagen, angesichts der Krise, die wir durchgemacht haben, haben die Schlußfolgerungen des IV. Kongresses in den letzten Jahren, die sehr schwierig waren, ihren ersten praktischen Test bestanden. Er ist positiv ausgegangen. Wären die Schlußfolgerungen falsch gewesen, hätten wir diese Probe, so glaube ich, nicht überstanden.

che Fortschritte Ihr in der letzten Zeit Frage: Kannst Du genauer sagen, welgemacht habt?

Antwort: Drei Jahre nach dem IV. Kongreß haben wir unsere Arbeit in der Stadt und auf dem Lande fast völlig neu organisiert. Organisationen, die überflüssig geworden waren, wurden aufgelöst. Neue, die den Erfordernissen besser angepaßt sind, haben sich entwickelt. Ein Teil derer, die uns verlassen hatten, hat wieder mit uns Kontakt aufgenommen.

Wir haben jetzt drei Publikationen: eine Monatszeitschrift, Thong Thai (Banner der Freiheit), die für alle gedacht ist. Sie hat eine zentrale Auflage von 500 Exemplaren und wird von den lokalen Gruppen noch einmal vervielfältigt. Für die Kader geben wir etwa alle zwei Monate Pragai Fai (Feuerfunke) heraus. Schließlich geben wir ein Bulletin in englischer Sprache heraus, Thai Democratic Solidarity. Damit versuchen wir, das Ausland regelmäßig zu informieren und die Solidaritätsarbeit zu unterstützen. Wir wollen Thai Democratic Solidarity drei- oder viermal im Jahr herausgeben. Die erste Nummer ist Anfang 1986 erschienen, die zweite wird demnächst erscheinen.

Frage: Wie ist die Lage der Massenbewegung?

Antwort: Unterdrückung und Ausbeutung dauern an, erfordern einen ständigen Kampf. Trotz der Schwierigkeiten, die wir gehabt haben, muß man sagen, daß die Erfahrung aus den 70er Jahren nicht vergessen ist.

Nach dem Sturz der Militärdiktatur gab es eine aulserordentliche Meinungsfreiheit, ein Anschwellen freier Leitun gen. Die Wahlen selbst wurden lokal wie national zu Gelegenheiten, das Volk zu erziehen, Wahlperioden wurden zu Perioden der Massenerziehung. Auch die Kampferfahrung nach dem blutigen Putsch von 1976 ist nicht vergessen. Das allgemeine Bewußtseinsniveau in der Bevölkerung ist weitaus höher als vor zehn Jahren. Auch heute noch kann dieses Bewußtsein sich Tag für Tag weiterentwickeln. Es liegt an uns zu zeigen, daß wir in der Lage sind, auf die Ertordernisse der Situation zu antworten. Es gibt neue Aktionsmöglichkeiten. Aber wir stehen vor einer großen Schwierigkeit: die Massenbewegung ist weiter zersplittert. Sie ist um zahlreiche Einzelfragen herum organisiert. In Ermangelung gro- Ber zentraler Ziele gibt es keine spontane Dynamik zur Vereinheitlichung der Massenbewegung, zur Aktionseinheit. Wir hotten, dais bald der Tag kommt, wo es wieder möglich ist, eine solche Einheitsdynamik um gemeinsame Kampfziele herum auszulösen.

Frage: Was ist heute Eure internationale Politik? Was erwartet Ihr von der internationalen Solidarität, von den Kontakten, die Ihr mit anderen Bewegungen knüpft?

Antwort: Was die internationale Solidarität betrifft, sind wir dabei, unsere Partei dem Meinungsaustausch mit anderen zu öffnen. Wir hoffen, daß wir gegenseitige solidarische Beziehungen entwickeln können. Jede fortschrittliche Partei und Gruppe, jede Massenbewegung hat ihre eigenen Erfahrungen. Sie sind es wert, studiert zu werden. Wir müssen deshalb die Lehren der Geschichte studieren.

Jer Internationalismus ist Teil de tatuts unserer Partei. Wir praktiziere eine grundsätzlich internationalistische Politik gegenüber den anderen kommunistischen Parteien, den anderen marxistischen und leninistischen Bewegungen. Wir haben auch den Willen, mit allen Solidaritätsgruppen Beziehungen zu knüpfen.

Juni 1986

Seite 36

DOKUMENTE

Der Weg zur Revolution

Die Struktur der Gesellschaft Thailands

Seit dem Abschluls der ungleichen Verträge mit England 1855 und mit anderen westlichen Ländern ist die thailändische Feudalgesellschaft durch Einfluß des Imperialismus praktisch in einen halbkolonialen und halbfeudalen Zustand gebracht worden.

Als das Kolonialregime nach dem Zweiten Weltkrieg zusammenbrach, führte der Imperialismus eine neue Form der Kolonialherrschaft ein, mit der er sich die verschiedenen Länder unterwarf. In den vergangenen 20 Jahren hat die herrschende Klasse in Thailand die Tore für Investitionen des internationalen Monopolkapitalismus weit geöffnet und der kapitalistischen Wirtschaft, vor lem dem auslandıschen Monopolkapi al und dem bürokratischen Komprado renkapital die Möglichkeit gegeben, sich in kurzer Zeit zu entfalten. Zur gleichen Zeit ist die feudale Produktionsweise zurückgegangen.

Die Struktur der thailändischen Gesellschaft ist heute halbkolonial. Von einer Subsistenzwirtschaft, die für den einheimischen Konsum produziert, hat sie sich in eine Marktwirtschaft verwandelt. Derimperialistische Monopolkapi- Die Ziele der Revolution

Der Imperialismus und der bürokratische Kapitalismus bilden zusammen mit dem Feudalismus eine reaktionäre Allianz. Im Inneren zielt die Revolution also auf den bürokratischen Kompradorenkapitalismus und den Feudalismus. Nach außen zielt sie auf den Imperialismus, vor allem den US-amerikanischen. Zur Zeit werden die Ziele im Inneren als vorrangig betrachtet, und unsere Energien konzentrieren sich auf den Angriff gegen die reaktionäre Regierung, die als Vertreterin dieser drei reaktionären Kräfte betrachtet wird.

Die Prioritäten unter den nach innen und nach außen anzugreifenden Zielen könnten sich ändern je nach der Entwicklung der Situationoder aus strategischen und taktischen Gründen. Die führende Klasse und die Kräfte der Revolution

Das Proletariat ist die führende Klasse. Das Proletariat, die Bauernschaft und der Kleinkapitalismus bilden die Haupt-