Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Daniel Bensaid: Gescheiterter Versuch

Vargas 'Llosas Geschichte' (Buchbesprechung)

· Inprekorr Nr. 183/84, Juli/August 1986 · S. 37-41 · 4.081 Wörter

USA und Kanada Frieden und Aufrüstung BRD und DDR Sowjetunion

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Mario Vargas Llosa, „Maytas Geschichte", Suhrkamp-Verlag, Frankfurt 1986, 374 Seiten, 39,80 DM.

-Maytas Geschichte« erzählt das Leben von Alejandro Mayta Avendaño, einem Mitglied der Revolutionären Arbeiterpartei (POR-T), die 1958 in der Anden-Stadt Jauja einen Aufstand organisierte, der scheiterte. Vargas Llosa, ein prominenter Schriftsteller Perus, war einstmals Anhänger der kubanischen Revolution. Sein jüngster Roman ist eine literarische Abrechnung mit der Linken und damit mit seiner eigenen Vergangenheit. Heute beschimpft er Gabriel Garcia Marquez als „Höfling des Kubanerführers Fidel Castro". Llosa hat vor einigen Jahren auch eine Untersuchungskommission geleitet, die den Mord an sechs Journalisten in Ayachucho Sendero Luminosoangelastet hat, obwohl Beweise für die Beteiligung der Armee vorlagen. Mario Vargas Liess

Daniel Bensaid •Maytas Geschichte« ist die Geschichte eines zerbrochenen Traums, des unmöglichen oder verbotenen Übergangs von der Fiktion zur Wirklichkeit. Den roten Faden bildet eine Untersuchung - eine „Nachforschung", wie Vargas Llosa gegenüber Le Monde vom 16. 11. 1984 geäußert hat. Sie soll die Geschichte Maytas, der ein Trotzkist, ein Homosexueller und ein Guerillero der ersten Stunde ist, über fragmentarische und widersprüchliche Erinnerungen derer, die ihn kannten, rekonstruieren. So kommt langsam ein puzzle der Vergangenheit zusammen. Es hebt sich ab vor dem zeitgenössischen Hintergrund eines „apokalyptischen Perus", das völlig im Abseits steht und auf einen neuen „Weltuntergangskrieg" Kurs nimmt, in dem Schat tenbilder und Marionetten die Konfrontation der Ideologien und Blöcke austragen, in brutaler, sinnloser, endloser Gewalt. In seiner „Absurdität und Tragik" erscheint die traurige, bedeutungslose Geschichte von Mayta gewissermaßen als Vorwarnung, die uns noch vor dem Sieg Castros und der foquistischen Leidenschaft der 60er Jahre erreicht hat. Mit Vargas Worten: „ein Röntgenstrahl des peruanischen Unglücks"

Des Autors Untersuchung nimmt den Lebensfaden Maytas auf, als er an einem Scheideweg steht, wo Zweifel und Vertrauen, Enthusiasmus und Enttäuschung ständig in Widerstreit miteinander liegen. Der Erzähler zeichnet einen schmerzhaften Prozeß, der von der Krise eines Aktivisten zur Krise seines Ursprungs führt, vom Revolutionär zur Revolution. Zwangsläufig erfordert dieser Prozeß Entscheidungen, Stellungnahmen für die eine oder andere Seite. Die Revolution wird zu einer subjektiven Fiktion. Ihre gesellschaftliche und historische Notwendigkeit wird dadurch von Anfang an heruntergespielt. Aus den fragmentarischen Erinnerungen steigt die Persönlichkeit Maytas Stück für Stück empor als unversöhnlicher Moralist (der im Alter von 15 Jahren eine Art individuellen, privaten Hungerstreik in Solidarität mit den Armen durchgeführt hat), als Berufsdissident, der erst mit der Kirche, dann mit der Kommunistischen Partei und schließlich mit seiner kleinen trotzkistischen Gruppe gebrochen hat, um sich in äußerste Einsamkeit zurückzuziehen.

Er ist ein „Asket", ein „Selbstmörder-Typ", der sich weigert, „Gefühlen nachzugeben" — das hält er für „Erweichen", „Sichbeugen", für die kleinen Konzessionen, die die Moral unterminieren". Schon die Wortwahl ist ungewöhnlich: die Formulierung Gefühlen nachgeben" scheint fehl am Platz; ist Mayta frustriert, ein perverser Mönch? Alles deutet darauf hin.

Vargas Llosa konzentriert sich auf Maytas „selbstzerstörerische Tendenzen", seinen Hang zur „Häresie, zur organischen Rebellion", er zeichnet ihn als jemanden, für den das „Dissidententum" fast zur zweiten Natur geworden ist. Vargas scheint fasziniert von einer Art Pathologie der Rebellion. Er hält es nicht für nötig, ernsthaft nach der Norm zu fragen, weil er wie betäubt ist von der Suche nach der politischen Reinheit, die zur Unwirklichkeit führt, zu einem äußersten Stadium der Dissidenz, die sich „mehr aus dem Gefühl und der Moral als aus der Ideologie speist".

Der radikale Imperativ des Absoluten führt zum Bruch mit dem Gewöhnlichen, der äußerst irdischen Wirklichkeit der realen Revolution: „breite Geduld, unendliche Routine, etwas fürchterlich Gemeines, mit tausend Fällen von Selbstsucht, tausend Bosheiten... .". Beim Versuch, dem Gang der geschichtlichen Wirklichkeit Gewalt anzutun, degenerieren Vision und Geschichte (die erdachte) zum Totalitarismus. Die Tragödie Maytas aber ist, daß er nicht einfach ein blinder Fanatiker ist, sondern ein starrer Unversöhnlicher, der dennoch auch lichte Momente hat, ähnlich wie Vallejos Schwester, die Nonne, die seine Kampfgefährtin ist: „Wer hat Dir gesagt, daß Vertrauen unvereinbar ist mit Zweifeln?" oder „Wir haben die Illusionen verloren, nicht das Vertrauen."

So stellt Vargas Llosa eine oberflächliche Analogie her zwischen religiösem Vertrauen und politischem Vertrauen, ohne sich über den möglichen Unterschied zwischen beidem Rechenschaft zu geben. So erwächst revolutionäres Engagement letztendlich nicht aus der Suche nach göttlicher Vollkommenheit oder einer pseudowissenschaftlichen Vorhersage der Zukunft. Der einzelne trägt die volle Verantwortung für seine Entscheidungen und sein Tun: der Aktivist ordnet sein Leben auf der Grundlage einer vernunftgestützten Wetteaufdie Zukunft und einiger Wahrscheinlichkeiten. Auf dieser Grundlage stellt er alle seine Energien in den Dienst von Gewissheiten, die notwendig relativ sind. Wenn man das Wort „Vertrauen" gebrauchen kann, dann ist dies ein rationales Vertrauen, das weder auf den Himmel noch aufs Fegefeuer setzt und nichts mit göttlicher Gnade zu tun hat.

Die Müdigkeit" *, die Vargas Llosa in einemalten Photo von Mayta entdeckt, ist wahrscheinlich die Folge seines langen Wegs auf diesem

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schmalen Pfad. Und doch steht auf diesem erschöpften Gesicht jene „stille Integrität" geschrieben, die ihn drängt, auf jede Ungerechtigkeit zu reagieren, und jene „rechtschaffene Überzeugung", daß die einzige unaufschiebbare, die dringlichste Aufgabe die war, die Welt zu ändern.

Werte geraten durcheinander Erst im letzten Kapitel enthüllt Vargas Llosa das letzte Wort des Rätsels, das den gesamten Roman durchzieht: was ist es, was sich der Leidenschaft Maytas hat bemächtigen können, was ihn zerstört und ihn zu einem gespenstischen Eisverkäufer auf der Straße gemacht hat? Der Autor besteht darauf, daß es nicht das Scheitern seines kurzen Heldenlebens war und auch nicht die jahrelange ungerechtfertigte Gefangenschaft. Es war die Entdeckung, daß die revolutionären Aktionen, denen er sich zugewandt hatte, um die gefährliche Brücke zwischen Fiktion und Realität zu überschreiten, ihre politische Substanz eingebüßt hatten und „objektiv" gemeine Verbrechen geworden waren.

Das ist Vargas Llosas Botschaft: er lehnt umstürzlerische Gewalt ab und auch Theorien, die die Realität verstümmeln oder ihr Gewalt antun. Die einzige Lösung, die er akzeptiert, ist der Weg der Reformen: „Es ist schwer zu akzeptieren, daß es eine schrittweise Lösung geben kann, daß Mittelmäßigkeit im Sinne von Reformen einer absoluten Vollkommenheit, die nicht existiert vorzuziehen ist." Im Gegenzug fragt sich Vargas, ob nicht Maytas, winziger Autstand der Ausgangspunkt fürall die Ideologienist, die die Gewalt als Lösung für Lateinamerika propagieren." (Le Monde, 16. 11. 1984) Hinter Mayta stehen nicht nur Marx, Lenin oder Trotzki, sondern auch Guevara, Fonseca und so viele andere, die verstoßen werden als Befürworter des Totalitarismus.

Es ist möglich, daß enttäuschte Aktivisten der Nach-Franco-Periode in Spanien sich von dem Bild der Entfremdung des Revolutionärs, das Llosa zeichnet, angezogen fühlen. Dasselbe kann in Frank- VARGAS MARIO

LLOSA VARGAS

LLOSA

MAYTAS

GESCHICHTE

ROMAN reich passieren, wenn das Buch dort veröffentlicht wird. Dennoch läßt sich Vargas Llosas Argumentation nicht auseinanderreißen. Er vertritt einen in sich geschlossenen Standpunkt, der schon in seinem Buch Der Krieg am Ende der Welt" auftaucht. Vargas Llosa Opposition gegen die Realität von Ideologien zwingt ihn paradoxerweise, unter dem Vorwand, der Degeneration der sich dem Wahnsınn nähernden Gewalt, eine realistische Politik entgegenzusetzen, eine malsgeschneiderte Wirklichkeit zu erfinden, die ebenso irreal wie flüchtig ist: die Institutionalisierung der Demokratie in Lateinamerika. Da dieser Weg durch die Krise, die wachsende imperialistische Herrschaft und das tägliche Elend versperrt wird, ist sein Gegenbild, die vernünftige Mittelmäßigkeit von Reformen anstelle der unmöglichen revolutionären Perfektion, eine Illusion. Sich an diese Chimäre zu klammern, führt in der Praxis zu einer rechten Politik. Literarisch gescheitert Anders als frühere Romane von Vargas Llosa will »Maytas Geschichte« von der Struktur und den Schlußfolgerungen her ein politisches und ästhetisches Manifest sein: „Gleichzeitig ist es eine Geschichte über die Fiktion: die Fiktion in der Literatur, Fiktion in der Politik. Positive und negative Fiktion. Positive Fiktion ist literarische Fiktion, ist die, die sich als solche sieht, die ertindet, die Wirklicnkeit überwindet und eine andere Wirklichkeit schafft, die tröstet. Negativ ist die Fiktion, die sich nicht als solche sieht, die behauptet, sie sei die Wirklichkeit, sie sei die wahre, rationale Beschreibung der Wirklichkeit."

Dieser Romanist jedoch selbst nur die Illustrationeines gescheiterten Unternehmens. Worin auch immer sein Reiz liegen mag, es ist ein schlechter Roman. Vargas Llosa stolpert über einen literarischen Versuch, der bisher nach allem, was wir wissen, noch niemandem gelungen ist: den modernen revolutionären Aktivisten in die Literatur zu bringen.

In ihrer mythischen Abstraktion waren die Charaktere Antonio Conselheiros und seiner gesetzlosen Bandenchefs (Cangaçeiros) in •Der Krieg am Ende der Welt« sehr lebendig. Jeder von ihnen war episch präsent; Mayta aber bleibt eine vage, unvollständige Gestalt. Wir können uns von dem einen oder anderen Charakterzug bei ihm angesprochen fühlen, können in einen politischen Dialog mit ihm treten, Sympathie für ihn empfinden, aber lebendig wird Mayta nicht. Er verblaßt ebenso wie die Eindrücke, die er in schwachen oder übelgesonnenen Erinnerungen anderer hinterlassen hat. Für diesen erzählerischen Fehlschlag gibt es einen tiefen Grund. In ihrer klassischen Epoche im 19. Jahrhundert hat die Romanliteratur ein Subjekt beschrieben, das zwischen seiner privaten und seiner öffentlichen Person eine Zerrissenheit aufweist, die an die tiefsten Wurzeln seiner Existenz reicht und seine Beziehungen zur Gesellschaft potentiell neurotisch gestaltet. Der echte Revolutionär stellt aber durch sein Engagement, das Theorie und Praxis miteinander vereint, eine tiefe Beziehung des Individuums mit der sich beweenden geschichtlichen Totalität her und überwindet tendenziell dies paltung. Damit hören die Wiedersprüche natürlich nicht auf, aberes sind andere, als sie im klassischen Roman beschrieben werden. Ihre historische Realität geht immer weit über die literarische Vorlage hinaus und gibt diese der Lächerlichkeit preis. Unter der Feder des Schriftstellers wächst nur eine leere Hülse oder ein Zerrbild: der Aktivist, die Dichte seiner Existenz gehören nicht derselben Welt an wie der Erzähler und entziehen sich dem Zugriff des Romans. Die Revolution ist etwas für das Drama oder die Komödie, aber nicht für den Roman. Es würde sich lohnen, darüber nachzudenken, warum die großen Revolutionen dieses Jahrhunderts keinen würdigen literarischen Ausdruck gefunden haben. Die stalinistischen Romane sind moralisierende Fabeln. Die Romane, die diese Bezeichnung verdienen und die sich dem Thema der Revolution stellen, lassen immer abschwörende, reuige, desillusionierte oder nur randständige Aktivisten auftreten. Es wäre zu einfach, dieses Phänomen damit zu erklären, daß die Aktivisten, die nicht in der Krise stecken und den Kampf nicht aufgegeben haben, zu einer unmenschlichen, mechanischen Spezies gehören, die sich jeder ästhetischen Schöpfung entzicht.

Im Gegenteil, die Beziehungen des Aktivisten zu anderen und zur Gesellschaft nehmen Formen an, die nicht völlig der klassischen Psychologie entsprechen, die dem Roman im allgemeinen zugrunde liegt — zumindest bis zur großen Revolution von Proust. Seither hat es einige metaphysische Komane gegeben (Malcolm Lowry), Romane, die die Konflikte bestimmter sozialer Gruppen schildern (die Frauenromane von Virginia Woolf, Doris Lessing oder Marguerite

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Duras) oder die einer barocken Variante bestimmter Gesellschaften kas, von Ches Tod bis zu den Anfängen von Sendero Luminoso. Und, (Garcia Marquez, Alejo Carpentier), sogar Romane über das Dissi- wie zu erwarten war, es rebelliert die Geschichte: Mayta entzieht sich dententum (Alexander Solschenizyn). Aber in allen diesen finden wir seinem Autor, dem er menschlich und moralisch vollkommen überlenicht den Protagonisten des klassischen Romans. gen ist (zumindest der Mayta, den man jenseits des Buches ausmachen kann, der Stoff für eine hervorragende Biographie abgäbe, aber nicht Die Geschichte revoltiert für den Roman eines Schriftstellers, der absolut unfähig ist, ihn zu verstehen). Irgendwo im Roman sagt dieser schwache Widerschein Maytas:

Mayta ist keine Ausnahme von dieser Regel. Selbst als er mit der „Ich will sein, was ich bin. Ich bin ein Revolutionär mit Plattfüßen. Partei und der Gruppe bricht, weigert er sich, sich zu beugen und sich Ich bin auch ein Homo... Deshalb ist eine Revolution notwendig... „seiner Geschichte" zu fügen. Letztendlich verleiht ihm diese vergei- eine andere Revolution. Nicht eine, die auf halbem Wege stehenstigte Halsstarrigkeit eine gewisse Größe, sogar unabhängig vom bleibt, sondern eine authentische, vollständige Revolution... wo Willen des Autors. Vargas spürt, daß die Persönlichkeit Maytas ihm keiner aus irgendeinem Grund sich schämt für das, waserist. " Worte, durch die Zeilen rutscht und entgleitet; er preßt seine Züge wieder in Worte... die Rede einer Versammlung, tote Phrasen, die von Maytas engere Formen und fällt damit unwillkürlich in die Karikatur ab. Baum gefallen sind. Auch die Sprache entzieht sich vollständig der Warum zum Beispiel mußte er aus seinem Helden einen Homosex- konkreten Realität und entleert sich jeder Substanz. uellen machen? Mayta hätte ohne weiteres Trotzkist, Guerillero und So ist der Mayta, der in Vargas Llosas Netz gelaufen ist, nur eine Homosexueller sein können — aber er war es ja nicht. Warumfügter blasse Kopie, nur eine Art Pappfigur. Der Autor zeigt ihr gegenüber diesen Charakterzug also hinzu? „Um seine Marginalität, seine Rand- zartes Mitleid, die Nachgiebigkeit, die der Erwachsene gegenüber ständigkeit zu betonen, " sagt der Autor, seine Existenz als ein einem Kind an den Tag legt, die einstudierte Ehrenbezeugung gegen- Mensch voller Widersprüche." Wenn das der Grund ist, hätte er über einem Warenhaus verlorener Dinge. Doch Mayta hat sein ebensogut ein Jude oder ein Schwarzer sein können. letztes Wort nicht gesprochen. Zunächst, was ist denn der Wert Schriftstellerischer Realismus bedeutet, ,in Kenntnis der Sache zu gewisser „gewonnener" Sachen? Und wer hat das letzte Wort darlügen". Dies hat Vargas Llosa öfter erklärt, sodaß es schon fast zu über, ob eine Sache gewonnen oder verloren ist? Wer ist der Richter, einem Grundsatz seines ästhetischen Schaffens geworden ist. Dies sei und was ist das Recht?

die einzige Möglichkeit, Geschichten auf der Grundlage von Ge- Mit seiner überschäumenden Ablehnung von allem, was er „politischichte zu schreiben. Der Unterschied zwischen Geschichte und sche Fiktion" nennt — die beurteilt er negativ, nur die literarische Geschichten, der in diesem einen Buchstaben liegt, diese notwendige Fiktion läßt er gelten — kapituliert Vargas Llosa vielmehr vor der Lüge ist aber ein unmögliches Unterfangen, das deshalb mit einem Wirklichkeit, wie sie ist. Im Grunde weist er die enormen Anstreneinfachen Taschenspielertrick bewältigt wird. Die Fiktion fälscht die gungen des Bewußtseins und der Vorstellungskraft zurück, die jede Wirklichkeit, indem sie vorgibt, sich ihres Realitätsgehalts und ihrer große soziale Umwälzung begleiten, die schöpferische Phantasie von Überzeugungskraft zu bemächtigen. »Maytas Geschichte« steckt Revolutionen, die sich ihren eigenen Weg ebnen und damit die voller Anspielungen auf die zeitgenössische Geschichte Lateinameri- Geschichte gestalten, die keine Vorherbestimmung kennt. BÜCHER

KISTE che Verteidigungsbündnis" einzuspannen und ihm, entgegen seiner An dieser Stelle wollen wir künftig den Leserinnen und Lesern Verfassung, militärische Verantwortung für die Sicherheit der Revon Inprekorr eine mehr oder weniger themengebundene Über- gion zu übertragen. Zu umstandslos wird auch die VR China zu sicht über Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt in der BRD einem Verbündeten der USA gezählt. Die Verschiebung des Kräftebieten (mit Ausnahme der Publikationen des isp-Verlags). verhältnisses durch den Umsturz in Indochina und die jüngste politische Entwicklung auf den Philippinen wird gar nicht gewürdigt.

Das Buch liefert Daten zur Wiederbelebung des japanischen Mili- Die Militarisierung des Pazifik - hrsg. iz3w Freiburg und tarismus; zur Aufrüstung der sowjetischen Pazifikflotte — wobei das Südostasien-Infostelle Bochum, Vertrieb: Prolit, Gießen 1986, Kräfteverhältnis global zuungunsten der Sowjetunion bleibt; zu den 12,80 DM, 224 Seiten. französischen Großmachtinteressen im Pazifik und zum Widerstand dagegen in Neukaledonien, Neuseeland und Australien. Der behan- Das Taschenbuch füllt eine Lücke in der Literatur der Friedensbewe- delte Zeitraum reicht bis 1985 und bezieht den Abschuß des südgung der letzten Jahre. Ausgehend von der These, daß der Pazifik „zu koreanischen Jumbos und die Greenpeace-Affäre mit ein. einem neuen Zentrum der Weltpolitik" wird, in ökonomischer, politischer und militärischer Hinsicht, lenkt es den Blick auf die massive Aufrüstung, die seit dem Ende des Vietnamkriegs auch in dieser Region der Erde stattfindet. Es kritisiert zu recht, daß sie in Helmut Schmidt - Eine Strategie für den Westen, Europa bestenfalls am Rande wahrgenommen wird. Siedler Verlag 1986, 224 Seiten, Leinen 32,- DM

In einer Reihe von informativen Einzelbeiträgen werden die ver- Des ehemaligen Bundeskanzlers Hauptsorge ist, wie der Westen dem schiedenen Aspekte der Aufrüstung beleuchtet: der 2. Weltkrieg sowjetischen Expansionismus entgegentreten kann. Die Bedingunsetzt die US-Vorherrschaft in der Region durch (im Krieg gegen gen dafür haben sich seiner Meinung nach verschlechtert. Japan); im Gefolge der chinesischen Revolution, des Koreakriegs und Die Vereinigten Staaten bleiben zwar die westliche Führungsdes Vietnamkriegs werden Südostasien und Japan erst wirtschaftlich macht, jedoch können sie ohne strategische Kooperation mit den und dann militärisch zu einem antikommunistischen Bollwerk aufge europäischen Staaten, den Demokratien Lateinamerikas und den rüstet; der Stille Ozean wird zum zentralen Versuchsgelände für die Schwellenländern in Südostasien den sowjetischen Expansionsdrang Atomversuche der USA und Frankreich und für die sowjetischen nicht eindämmen. Vietnam und Iran haben es gezeigt. Ebensowenig Raketentests. kann sich Europa allein gegen die atomare Bedrohung durch die In den 70er Jahren verschieben sich die Kräfte: die USA normalisie- Sowjetunion verteidigen. Es ist angewiesen auf die Präsenz amerikaren ihre Beziehungen zu der VR China; einige südostasiatische nischer Truppen. Das westliche Bündnis, das bis 1975 über eine sich Länder erheben sich in den Rang von Schwellenländern; Japan erlebt verändernde, aber allseits akzeptierte Gesamtstrategie verfügte, hat in den letzten zehn Jahren einen ungebrochenen Wirtschaftsauf- eine solche heute nicht mehr. Der Zusammenhalt zerfällt in nationalschwung während die USA und Europa sich im wirtschaftlichen staatliche Teilinteressen. In erster Linie sind dafür wirtschaftliche Niedergang befinden. Daraus folgt der Versuch, Japan in das , westli- Faktoren verantwortlich. Der Vietnamkrieg hat zum Zusammen- Nr. 183 / 184, August 1986 Seite 39

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bruch des Währungssystems von Bretton-Woods geführt und eine permanente Inflation eingeleitet; die Industrieländer (incl. die USA) ziehen sich seitdem auf eine Wirtschaftspolitik zurück, die sich hauptsächlich an den nationalen Interessen orientiert, nicht mehr das Gesamtinteresse im Auge hat.

Das Hauptproblem ist die Verschuldung der USA. Sie beinhaltet die „Gefahr eines Zusammenbruchs des Kapitalstroms", d.h. eines Bankenkrachs, mit unabsehbaren Folgen für die Weltwirtschaft. H. Schmidt kritisiert die USA dafür, daß sie das Fundament für eine gemeinsame Strategie des Westens untergraben und sich Lateinamerika (durch die Schuldenkrise) und Westeuropa (drohende schwere Rezession nach einem Zinsverfall in den USA) entfremden. Er kritisiert auch die Wendung der USA zurück zu einer Politik des Kalten Krieges, d.h. die Androhung eines frühen Ersteinsatzes von Atomwaffen gegen einen konventionellen Angriff der Sowjetunion. Für eine solche Selbstmordstrategie schwinde bei den Verbündeten die Akzeptanz. Er ist gegen einen frühen Ersteinsatz von Atomwaffen und für eine konventionelle Aufrüstung und den Ausbau der Wehrpflicht in Westeuropa. Er fordert eine Politik der Eindämmung gegenüber der Sowjetunion, aber auf dem Boden des strategischen Gleichgewichts und der Zusammenarbeit mit der Sowjetunion in Fragen der Rüstungskontrolle und des Handels. Seine Devise: Eureka statt SDI; „die Wirtschaft istes, die die größten Aussichten für den Erfolg des Westens gibt, nicht das Arsenal der Waffen". Da die USA nicht mehr allein die Welt in Ordnung halten können, müssen die europäischen und japanischen Pfeiler gestärkt und die gegenseitige Konsultation ausgebaut werden. Westeuropa muß selber stärker für seine Verteidigung sorgen: Hauptvoraussetzung dafür ist die militärische Reintegration Frankreichs in die NATO und die Schaffung einer europäischen Verteidigungsstruktur, über die Frankreich den Oberbefehl erhält. Nur auf dieser Grundlage kann Europa mehr politische Führung in der Welt übernehmen — in all den Fällen, wo der Arm der USA nicht reicht (Lateinamerika, Nah-Ost, usw.).

Die von H. Schmidt entwickelten Gegenstrategien auf wirtschaftlichem Gebiet sind in mancher Hinsicht von denen der FED und des IWF gar nicht so weit entfernt (Senkung des Haushaltsdefizits in den USA; Umschuldung Lateinamerikas auf mittelfristige Verbindlichkeiten und Bindung der Rückzahlung an einen Höchstprozentsatz der Exporteinkünfte; Steuersenkung in Westeuropa zur Ankurbelung der Nachfrage, wenn in den USA die Zinsen fallen). Sie leiden nur darunter, daß es in nationalstaatlich organisierten kapitalistıschen Gesellschaften die von ihm geforderte gemeinsame Wirtschafts- und Außenpolitik nicht geben kann (Verzicht auf Exportsubventionen und Importrestriktionen, Schaffung eines realen euro päischen Binnenmarkts über eine europäische Währung, usw.). Konrad Gilges — Frieden ohne NATO, Perspektiven einer linken Friedenspolitik, VSA-Verlag 1985, 134 Seiten, 14,80 DM Beim Versuch, zur mehrheitlichen SPD-Politik der NATO-Treue und der konventionellen Aufrüstung eine Alternative zu entwickeln, greift K. Gilges, Mitglied der SPD-Linken, auf Positionen der 50er Jahre zurück. Der Deutschlandplan der SPD von 1958 soll in abgewandelter Form neue Geltung erhalten:

1. die Teilung Europas, damit auch die Teilung Deutschlands, mufs Is politische Realität vorbehaltlos anerkannt werden; Grundlag eder Friedenspolitik in Europa ist die friedliche Koexistenz (d.h. di‹ Anerkennung des Fortbestands auch der kapitalistischen Gesellschaften, obwohl es eingangs heißt, daß der Krieg ein Wesensmerkmal des Kapitalismus ist). Der wichtigste Unterschied zu den 50er Jahren ist wohl die Abkehr von der Wiedervereinigung. 2. die Wahrung des Friedens in Europa wird in erster Linie unter dem Gesichtspunkt der nationalen Souveränität diskutiert. Souverän sind Nationen, wenn sie ihre Sicherheitsinteressen auch unabhängig von den beiden Großmächten verwirklichen können. Dafür müssen die europäischen Staaten jedoch aus der NATO und aus dem Warschauer Pakt austreten.

3. Der Austritt aus der NATO ist nicht Vorbedingung für substantielle Abrüstung in der BRD, sondern umgekehrt: esmuß in der BR D ein Konzept der „strukturellen Nichtangriffsfähigkeit" verwirklicht werden, um der Bevölkerung zu zeigen, daß „die Bündniszugehörigkeit funktionslos ist". Dazu gehört der sofortige Abbau von Atomund Chemiewaffen, die Ablehnung von EUREKA und SDI, die Verkürzung des Wehr- und des Zivildiensts, die Umstellung der Bundeswehr auf Defensivwaffen (Abbau der Panzerwaffen, Umwandlung der Bundeswehr in eine Berufsarmee mit 200000 Mann und Milizverstärkung) und Vergesellschaftung aller Waffenproduktion. Obwohl Gilges die Sicherheitspolitik der SPD-Mehrheit in die nationalpatriotische Tradition der Landesverteidigung stellt, die er als historisch gescheitert ablehnt, fällt es ihm nicht ein, die SPD-Führung für ihre proimperialistische Orientierung und ihre Zustimmung zum NATO-Doppelbeschluß unter Kanzler Schmidt zu kritisieren, sondern er macht die Wende in der Politik der USA für das Scheitern der SPD auf diesem Gebiet verantwortlich. Der SPD-Führung wirft er nur vor, sie habe nicht erkannt, daß Entspannungspolitik eben nicht fortgesetzt werden kann, wenn die US-Regierung einen entgegengesetzten Kurs verfolgt.

Robert C. Aldridge, »Erstschlagl-, Werkhaus-Verlag, 1984, 412 Seiten, Das Buch ist eines der raren Zeugnisse eines Menschen, der es schafft, aus dem militärisch-indústriellen Komplex auszusteigen. „Ich war einmal stolz, Ingenieur zu sein. 1957 trat ich bei Lockheed Missiles and Space Company eine Stelle als Ingenieur an. Die ersten Entwurfsstudien der neuen Polaris-Raketen wurden gerade begonnen. Es folgten drei Polaris-Generationen und die U-Boot-gestützten Poseidon- Waffen, bis ich schließlich zu den erfahrenen Ingenieuren gehörte und zum Leiter einer wichtigen Planungsgruppe aufstieg. Damals bedeutete mir meine Arbeit viel, doch wie sie ausgewertet wurde, bereitete mir Sorgen: dem Waffensvstem Poseidon wurde eine Effektivitätsrate von 80 Millionen Toten zuerkannt "

Aldridge beschreibt, wie die USA das SALT-Abkommen in den 70er Jahren durch die Entwicklung einer Erstschlagfähigkeit umgangen haben. Ein Insider mit höchstentwickeltem Fachwissen bestätigt die Position der Friedensbewegung, daß es bei der jüngsten atomaren Aufrüstung nicht um eine Antwort auf die Sowjetunion, sondern um den von langer Hand vorbereiteten Versuch geht, auch auf dem Gebiet der Atomwaffen strategische Überlegenheit zu erzielen. Er weist auch nach, daß es Erstschlagskonzepte in den USA bereits in den 50er Jahren gegeben hat. Er diskutiert hauptsächlich die strategischen Folgen der waffentechnischen Systeme einschließlich SDI. Sehr technisch, aber sehr informativ. Mit diesem Werk steht Aldridge ebenso wie Ellsberg in bester radikaldemokratischer Tradition der USA.

Michael Sadykiewicz, »Die sowjetische Militärdoktrin und Strategie-, Bernard & Gracfe-Verlag, 1985, 203 Seiten, 2 graphische Darstellungen, Leinen, 68 DM

Der Autor, Pole, ab 1941 Soldat und Artillerieoffizier in der sowjetischen Armee, von 1943 - 1967 Offizier in der polnischen Armee, seit 1952 Oberst im Generalstab, emigrierte 1971 nach Israel; heute unter anderem Berater der Rand Corporation. Antikommunist mit ideologischen Scheuklappen. Dennoch beschreibt er mit Fachkenntnissen die Entwicklung der sowietischen Militärdoktrin von Sokolowskis „Gewinnbarkeit des Atomkriegs" bis zum neuesten Stand, der in der Sowjetischen Militärenzyklopädie von 1980 dargelegt ist. Für jeden, der der russischen Sprache nicht mächtig ist, wahrscheinlich trotz aller ideologischen Verzerrungen eine nützliche Informationsquelle. Angela Klein

Außerdem eingetroffen Eberhard Kuhrt, • Wider die Militarisierung der Gesellschaft: Friedensbewegung und Kirche in der DDR-, Forschungsbericht der Konrad-Adenauer-Stiftung, Verlag Ernst Knoth, 1985, 189 Seiten, 10,80 DM [Hrsg.] Christoph Butterwegge. Klaus Takubowski. Ekkehard Lentz, Siegfried Ziegert, »Weltraumwaffen, neue Oualität der Rüstung-, VSA-Verlag, Hamburg 1985, 149 Seiten, 14,80 DM Ulrich Herbert, »Fremdarbeiter, Politik und Praxis des „Ausländer-Einsatzes" in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches-, Verlag J.H.W. Dietz Nachf., 1985, 494 Seiten, broschiert, 38 DM [Hrsg.] Joseph Collins et al., »Nicaragua: Was hat sich durch die Revolution verändert? Agrarreform und Ernährung im neuen Nicaragua-, Edition Nahua, Wuppertal 1986, 248 Seiten, 15 Tabellen und 1 Karte (Daten bis 1984), 24,80 DM

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