GASTKOMMENTAR von Jens Scheer Kohl weiß es besser: die bundesdeutschen Atomkraftwerke stellen keine Bei beiden Reaktortypen sind Gefahr dar. Es lag alles nur am sowjetischen System. Jens Scheer, Professor Unfallabläufe möglich, die jefür Physik an der Universität Bremen und von Anfang an in der weils im anderen nicht mög- Anti-AKW-Bewegung aktiv, vergleicht die Sicherheit in westdeutschen und lich sind. Hier seien nur die zwei bedeutendsten Unfalltypen genannt:
• Graphitbrand und unkontrolliert ansteigende Kettenreaktion mit tagelanger Freisetzung von Radioaktivität ist im Reaktor von Tschernobyl, nicht aber bei Druckkesselreaktoren möglich.
• Schlagartiges Bersten des Kessels und sofortige Freiset- •zung der Radioaktivität ist bei allen westlichen Druckkesselreaktoren möglich, ohne Vorwarnung oder Früherkennung durch Risse oder Lecks. Besonders das AKW Stade ist diesbezüglich gefährdet. Die Verschweigetaktik ist in Ost und West ähnlich. Während eines Reaktorunfalls in Brunsbüttel strömte radioaktives Gas aus. ZurgleichenZeit wurde eine Schulklasse durchsGelände geführt. Der Manze Vorfall wurde nur durch einen anonymen Anruf eines Werksangehörigen beidpabekannt. Nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl wurde den Kernforschungszentren wie Jülich untersagt, die Meßergebnisse über langlebige Isotope neben denen über kurzlebiges Jod 131 bekanntzugeben. Sie rückten erst damit heraus, als die Bremer Gruppe bekannt gab, daß in unerwartet hohem Maße, nämlich in vergleichbarer Stärke, das langlebige Cäsium 137 und Strontium 90 vorhanden waren. Das heißt, daß dieser Super-GAU keine Angele- Nr. 182,J uni 1986 genheit von wenigen Wochen ist, sondern ein säkulares Ereignis. Ab jetzt werden unsere und die folgenden Generationen in einer Umwelt erhöhter Radioaktivität leben, die wesentlichschlimmeristalsnach den Bombentests der 50er und frühen 60er Jahre.
Die Konsequenzen lassen sich für die BRD ganz grob so abschätzen: Die radioaktive Belastung der kommenden Jahrzehnte ist doppelt bis fünfmal so groß wie die bisherige, die von der natürlichen Strahlung und den Resten der Bombentests herrührt und jährlich 30 000 der 150 000 Krebstoten in der BRD fordert. Diese Zahl wird sich also von 30 000 verdoppeln oder verfünffachen, das heißt, die Zahl der Krebstoten steigt um 20 bis 100 %. Die Folgen in der Sowjetunion dagegen sind unermeßlich. Die Konsequenz kann nur sein, die AKWs in Ost wie West sofort stillzulegen. Das ist in beiden Ländern ohne Verringerung der Stromproduktion möglich. Denn in beiden Ländern werden AKWs nicht aus Energiemangel betrieben. In beiden Ländern ist der Atomstrom unter Berücksichtigung aller Kosten teurer als der aus fossilen Energiequellen. Die Ursache für den Betrieb von Atomanlagen ist jedoch unterschiedlich:
• Die BRD ist in erster Linie am Export von atomtechnischen Anlagen interessiert Die Produktionskapazität der Kraftwerks-Union ist zu 80 % auf den Export orientiert. Die AKWs (und die geplante WAA) sind in erster Linie Schaufensterstücke für den Export. • Die Sowjetunion ist vor allem daran interessiert, ihre reichen fossilen Energieträger, vor allem Erdöl und Erdgas, aufdem Weltmarktdevisenbringend abzusetzen. Um diese nicht in den eigenen Bedarf zu verschwenden, verwendetsiedie Atomenergiefür den „Hausgebrauch"
Der Widerstand gegen Atomanlagen in Ost und West sieht sich durch die Katastrophe von Tschernobyl auf makabre Weise bestätigt. In der BRD erleben wir eine Verunsicherung über Strahlengefahr und Sinn der Atomenergie wie nie zuvor, verbunden mit Mißtrauen und Erbitterung über staatliche Täuschungsmanöver und Inkompetenz.
In der UdSSRhates vereinzelte Protestbewegungen gegeben, die einen AKW-Direktor zu der Bemerkung veranlaßten, die • Akzeptanz in der Bevölkerung sei viel schwieriger als die technischen Probleme. Es ist zu hoffen, daß daraus eine so starke Bewegung erwächst, daß das Atomprogramm in Ost wie West zu Fall kommt.