Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Eine absehbare Katastrophe

· Inprekorr Nr. 182, Juni 1986 · S. 4-6 · 2.317 Wörter

Sowjetunion Ökologie und Atomkraft USA und Kanada BRD und DDR

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J912019H

Das Atomprogramm der UdSSR sieht die völlige Ersetzung der fossilen Brennstoffe durch spaltbares Material vor. Erdöl und Erdgas sollen ausschließlich exportiert werden. Die Reaktoren wurden in solchem Tempo hochgezogen, daß der GAU noch wahrscheinlicher wurde, als er es im Westen schon ist. Robert Lochhead

Einige Wochen nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl sind sich alle Regierungen einig: „Sorgt Euch nicht, wir haben alles im Griff." Von Washington bis Moskau, von Bonn bis Paris erklären sie: „Wir werden... das Atomenergieprogramm fortsetzen, möglicherweise mit einigen Verbesserungen. Wir werden Informationen austauschen und ein weltweites Kontrollsystem aufbauen. Alles ist in Ordnung." Die Wirklichkeit hat das Gegenteil bewiesen. Atomenergie ist nicht sicher. Der Beweis ist erbracht, daß die Regierungen unfähig sind, auf solcheine Katastrophe zu antworten. Es ist niemals angenehm, im Unglück recht zu bekommen. Aber Tschernobyl hat bewiesen, daß die Anti-AK W-Bewegung mit ihren Warnungen seit 15 Jahren recht gehabt hat. Ein Super-GAU wie in Tschernobyl — das war es, wovor wir Angst hatten, weshalb wir keine Atomenergie wollten, weshalb wir unermüdlich in allen westlichen kapitalistischen Ländern in unzähligen Komitees, auf Demonstrationen, in Prozessen und wissenschaftlichen Disputen engagiert waren.

Lügenpolitik

Heute versuchen die Regierungen im Westen daraus Gewinn zu ziehen, daß die sowjetische Bürokratie eine Informationssperre verhängt hat, um selber die Katastrophe zu verharmlosen. Dabei hat die Atomindustrie im Westen selbst oft genug versucht, und oft erfolgreich, Reaktorunfälle vor der Öffentlichkeit zu verschweigen. Sie hat sich dafür mit demselben Argument gerechtfertigt wie heute die Sowjetunion: „Es darf keine Panik entstehen." Lüge und Verharmlo- Coite A sung sind keine bedauerlichen Fehler, sondern eine Notwendigkeit für die Atomindustrie. Nutzung der Atom Atomindustrie. Die Nutzung der Atomkraft konnte nur durchgesetzt werden, indem man den Menschen die Wahrheit verschwieg.

Die Bevölkerung ist aber nicht blöd. geben, daß die Menschen überzeugt sind, Tschernobyl kann auch hier passie- Umso mehr bemühen sich die Regierungen, glaubhaft zu machen, die westlichen Sicherheitssysteme seien mit den sowjetischen garnicht vergleichbar. Was sie über den Umgang mit der Wahrheit denken mögen, drückt die US-Wissenschaftszeitschrift New Scientist vom 1. Mai so aus: „Soll der Westen wirklich von der UdSSR verlangen, daß sie vollständig aufdeckt, was passiert ist? Soll der Untersuchungsbericht von Gorbatschow ebenso breit verteilt werden wie der von Präsident Carter über Three Mile Island 1979? Die Atombehörden müssen das mit gemischten Gefühlen betrachten. Heute schon müssen sie Fragen beantworten über einen Reaktor, der Tausende von Meilen entfernt ist und vielleicht in nichts vergleichbar ist mit dem, was im Westen gebaut wird. Vielleicht ist es besser, sich zu bescheiden und nicht zu versuchen, mehr zu erfahren. In jedem Fallkann die Atomindustrie der UdSSR vertrauen — das ist das Mindeste, was über das Unglück gesagt werden kann. Das wird den Schaden nicht beheben, aber verhindern, daß die Atomkraftgegner davon Gebrauch machen."

Geplante

Gigantomanie

Das Atomenergieprogramm der Sowjetunion im Vergleich zu anderen Ländern läßt sich an der nachstehenden Tabelle ablesen:

Reaktoren Reaktoren Anteil an der in Betrieb in Bau Stromversorgu UdSSR 45 16 11 USA 101 29 17 % Frankreich 44 17 65 % BRD 20 5 31 % apar 32 10 26 % Schweil 5 10 40% Die absolute Anzahl an Atomkraftwerken ist kennzeichnend für den Umfang der Produktionskapazität, der dafür zur Verfügung gestellt wird. Man sieht an der Tabelle, dals das sowjetische Programm sich nicht wirklich mit dem der USA messen kann, sondern eher mit dem Japans oder Frankreichs. Wie in diesen Ländern wurde das Atomenergieprogramm in der Sowjetunion in der letzten ahren stetig und rücksichtslos ausgeweitet, während es in den USA oder in der BRD ins Stocken gekommen ist unter dem doppelten Druck wi schaftlicher Schwierigkeiten und Anti-AK W-Bewegung.

Das sowjetische Atomenergieprogramm zeichnet sich durch folgende Merkmale aus:

Neben einer Linie von Druckwasserreaktoren (PWR) verfolgt die Sowjetunion weiterhin die Linie der graphitmoderierten Reaktoren des Typs RBMK.

Vom PWR befinden sich 19 in Betrieb und 12 sind in Bau, vom RBMK 23 bzw. 4; außerdem existiert ein Siedewasserreaktor und zwei Schnelle Brüter. Die graphitmoderierten Reaktoren werden wie Module zusammengesetzt. In der Sowjetunion werden die Reaktorzu den beschenden che ve hinzuge das und zu einer Einheit zusammengeschlossen werden. Der größte Reakter der Welt steht in Ygalino, ein RBMK mit 1500 Megawatt (MW) Leistung, der 1984 gebaut wurde. Der Plan sieht vor,

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ihn durch weitere Module zu ergänzen, bis er eine Leistung von 2400 MW hat. In den kapitalistischen Ländern wurde niemals ein graphitmoderierter Reaktor mit einer größeren Leistung als 600 M W gebaut (in Britannien).

Die Sowjetunion baut mehr und mehr Reaktoren, um die städtischen Haushalte mit Wärme zu versorgen. Sie ist bisher das einzige Land, das AK Ws als reine Wärmekraftwerke baut — eine ganz besonders krasse Vergeudung. Solche Wärmekraftwerke gibt es in Gorki und Woronesch (je 500 MW). Die UdSSR plant den Bau noch größerer Reaktoren, die zugleich der Strom- und der Wärmeversorgung dienen sollen. Solche Reaktoren müssen daher zwangsläutig in un mittelbarer Nahe der Großstädt stehen.

Das System schwächt sich selbst dadurch, daß der Informationsfluß sogar für die Fachleute eingeschränkt wird und sämtliche politischen Freiheiten sojede wirksame Opposition gegen das omprogramm unterdrückt werden. Natürlich gibt es in der UdSSR entgegen verbreiteten vereinfachenden Vorstellungen gewisse Debatten etwa über die Verschmutzung des Baikal-Sees sie währt seit zwanzig Jahren, und die Verschmutzung geht weiter - oder über die „Probleme" im Zusammenhang mit dem Atomprogramm. Doch sie werden nicht scharf geführt und es sind ihnen ganz enge Grenzen gesetzt. Sie können die Entscheidungen, die letztlich getroffen werden, kaum beeinflussen. Oft wurden sie auch brutal unterdrückt.

Vom 10. Fünfjahresplan 1976 - 1980 an hat die Sowjetunion ihr Atomenergieprogramm erheblich beschleunigt. Warum? Die Sowjetunion bezieht 80% ihrer Dollardevisen aus dem Export von Jöl und Erdgas. Sie hatte auf diese erte gesetzt, um ein Gleichgewicht in ihrer Außenhandelsbilanz zu erreichen. Heute sitzt sie in der Klemme. Einerseits steigen die Produktionskosten für die Erschließung neuer Ölfelder in Sibirien erheblich. Andererseits gehen Nachfrage und Preis des Erdöls auf dem Weltmarkt seit 1982 zurück. So sind die Erdöleinnahmen der Sowjetunion seit Anfang 1986 um 50 % gesunken. Unter diesen Bedingungen begründet sich der abenteuerliche Ausbau der Atomenergie nicht einfach aus dem Energiebedart in Form von Strom oder Wärme, sondern auch aus dem Ziel, den größten Teil des Erdöls in den devisenbringenden Export zu leiten und die Atomenergie starker für die Deckung des eigenen Energiebedarfs einzusetzen.

Verschwendung

Alle verfügbaren Informationen stim- Nr. 182. Juni 1986 men in einem Punkt überein: die sowjetischen Reaktoren sind von sehr mittelmäßiger Qualität. Es geht nicht darum, den westlichen Reaktoren gute Sicherheitsnoten auszuteilen. Aber der sowjetische Reaktorbau muß vor dem Hintergrund der gesamten Wirtschaftsweise in der Sowjetunion beurteilt werden. Wie die sowjetische Industrie insgesamt leidet auch der Reaktorbau darunter, daf vor allem bei der Detailausführung schlampig gearbeitet wird. Der Entwur und vor allem der Bau der Sicherheitseinrichtungen richtet sich nach zynischen und unverantwortlichen Minimalkriterien. Es ist einfach wahr, daß der Reaktorbau im Westen technisch fortgeschrittener ist. Das läßt sich durch das höhere technische und industrielle Niveau erklären, durch den ständigen Druck der Anti-AK W-Bewegung und daher durch die Bemühung, den „Teufel in der Flasche zu halten"

Das System bürokratischer Planung ermöglicht keinen sicheren Umgang mit der Atomenergie. Die Beherrschung hochentwickelter Technologie ist nicht möglich ohne Demokratie, ohne die Möglichkeit der Mitsprache der Arbeiter, der Techniker, der Wissenschaftler, ohne ein Maximum an Rechten für die Bürger im allgemeinen, ohne das Absterben der staatlichen Funktionen und die Übernahme der gesellschaftlichen Aufgaben durch die Gesellschaft selbst. Kernkraftillustration aus der Prawda Darüberhinaus gilt, daß die Atomenergie überhaupt unbeherrschbar ist, in der Sowjetunion ebenso wie in der Schweiz. Daran ändert auch der hochentwickelte technische Standard der USA oder Frankreichs nichts. Schließlich kann ein System, in dem das Politbüro der Kommunistischen Partei die gesellschaftlichen Bedürfnisse verplant, nur zu verschwenderischer Verwaltung führen, zur gefährlichen Verheimlichung der Wahrheit, zu wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Schäden, für die die große Mehrheit der Bevölkerung aufzukommen hat.

Es liegt am sowjetischen Regime, nicht am Sozialismus, daß die Industrieproduktivität niedrig und die technologischen Lücken groß sind. Gorbatschow will diese Situation ändern, ohne am Machtmonopol der Partei und des Staats zu rütteln, deshalb braucht er dringend Devisen und muß daher Erdöl ausführen, um Güter und Technologie aus dem Westen einzuführen. Es ist in der Sowjetunion aber nicht nur genügend wissenschaftlicher Sachverstand vorhanden, um eine solche Technologie selbst zu entwickeln; im Rahmen einer selbstverwalteten Gesellschaft gäbe es sogar die Möglichkeit zu zahlreichen technischen Optionen des kapitalistischen Westens Alternativen vorzuschlagen.

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Die Leichtsinnigkeit, mit der die Sowjetunion die Sicherheitssysteme an ihren Druckwasserreaktoren plant und baut, wird am finnischen Beispiel deutlich. Die Sowjetunion hat Finnland zwei Druckwasserreaktoren geliefert mit jeweils 400 MW Leistung. Sie wurden 1977 und 1981 in Betrieb genommen. Die Finnen, die doch nicht an der Spitze der Atomtechnologie liegen, haben sie mit Druckbehältern schwedischen, westdeutschen und amerikanischen Typs ummanteln lassen. Außerdem haben sie das Notkühlsystem durch die Firma Babcock (USA) verbessern lassen. Daraufhin haben auch die Sowjets beschlossen, ähnliche Verbesserungen an den Druckwasserreaktoren vorzunehmen, die in den 80er Jahren gebaut werden. Es ist nicht einmal ausgeschlossen, daß die neuen Normen auch für neugenaute graphitmoderierte Reaktoren wie Tschernobyl übernommen wurden. Es deutet jedoch alles darauf hin, daß die Sicherheitsbestimmungen, wenn sie schon von den Behörden verschärft werden, auf Grund der Verantwortungslosigkeit und der Inkompetenz der bürokratischen Verwaltung nicht beachtet werden. Am 27. März 1986 erschien in der Wochenzeitung Literaturnaja Gazeta in Kiew ein Artikel, in dem eine Autorin mit der üblichen Vorsicht die Probleme und Gefahren in der Reaktoranlage von Tschernobyl schilderte: „Die Unfähigkeit und auch der mangelnde Wille der technisch-administrativen Leitung zur Organisierung der Arbeitsbrigaden hat dazu geführt, daß die Leistungsnormen herabgesetzt wurden. Esgab Anzeichen der Ermüdung des Materials, des Verschleißes der Anlagen, Maschinen und Apparaturen, es fehlten Meßinstrumente. Mit einem Wort, alle Fehler beim Bau der Anlage, die leider typisch sind, sind in extremer Form offen zutagegetreten."

Die zahlreichen Erklärungen der wissenschaftlichen Sprecher der Sowjetunion oder der RGW-Staaten stehen in direktem Widerspruch zu dieser Wirklichkeit und sind haarsträubend. So hat etwa Andronik Petrosjan vom Staatskomitee für die friedliche Nutzung der Atomenergie forsch behauptet: „Wenn es auch nur den geringsten Schaden für die Bevölkerung gäbe, würde weder die Sowjetunion noch ein anderes sozialistisches Land solche Reaktoren bauen." Zensur

Die Option für die Kernenergie findet ihren Niederschlag sogar in Kuba, insbesondere unter den Wissenschaftlern, die in der Sowjetunion ausgebildet wurden. So hat Kaimundo Franco Parellada, der Direktor des Instituts für Kernforschung an der Akademie der Wissenschaften Kubas, anläßlich des Reaktorunglücks bei Harrisburg erklärt: „In sowjetischen Reaktoren, die der kommerziellen Energieproduktion dienen, ist nie ein Unfall passiert: sie werden mit einer viel größeren Sicherheitsspanne ausgelegt als die in den USA. In der UdSSR knausert man nicht mit Sicherheitsmaßnahmen, man fürchtet nicht höhere Anfangsinvestitionen, wenn diese erforderlich sind " (Granma, 3.6. 1979). Das grenzt an Lüge.

Hier lassen sich jetzt natürlich Zitate der kapitalistischen Atomlobby gegen zusätzliche technische Schutzvorrichtungen anbringen, die sie für überflüssig hält, die ihr aber gesetzlich vorgeschrieben werden. Diese Gesetze wurden nur widerwillig erlassen, unter dem Druck der Anti-AK W-Bewegung, der öffentlichen Meinung, die durch renommi Wissenschaftler in Alarm versetzt w de. Es ist auch richtig, daß nochmal ein meilenweiter Unterschied besteht zwischen den geforderten Maßnahmen und ihrer Umsetzung. All das mindert die besondere Verantwortung der machthabenden Bürokratie in der Sowjetunion aber um kein Jota. Ihre Option für die Atomenergie ist eine Option gegen die Interessen der Bevölkerung. In diesen Tagen erklären Fernsehen und Presse in der Sowjetunion, daß Tschernobyl von den imperialistischen Medien dramatisiert werde, um die UdSSR in Mißkredit zu bringen. Natürlich lassen sich die westlichen Propagandamedien eine solche Gelegenheit nicht entgehen. Natürlich benutzen sie sie, um die Legende zu verbreiten, die Gefahren der Atomenergie seien im Osten grundsätzlich anders als im Wester obwohl sie noch vor ein, zwei Jah voller Begeisterung vom sowjetischen Atomprogramm gesprochen haben. (Nuclear News, Februar 1984).Natürlich versuchen sie, darüber die Sowjetunion insgesamt und die Idee des Sozialismus anzugreiten und Tschernobyl zum Vorwand zu nehmen, um „mit diesen Leuten" kein Rüstungsabkommen zu unterzeichnen. Doch die Förderer des Antikommunismus sitzen auch im Osten, an der Staatsmacht. Das sowjetische Fernsehen hat auf der Pressekonferenz des Direktors der internationalen Atomenergieagentur (IAEO) in Moskau einen Satz von ihm zensiert, in dem er eine einfache Wahrheit sagte: Tschernobyl war die größte Katastrophe, die die Welt bisher erlebt hat. Die Streichung dieses Satzes ist ein deutliches Zeichen, daß der Kreml sein Atomenergieprogramm nicht infragestellen wird.

aus La BrècheNr.364, 24.5.1986 (Schweiz) Nr. 182./ uni 1986