Entgegen der allgemeinen Annahme führt die Umstrukturierung der Wirtschaft in der Krise in Verbindung mit reaktionärer Familienpropaganda nicht zu einem eindeutigen Trend zum Abdrängen der Frauen aus der Erwerbstätigkeit. Die Doppelbelastung erwerbstätiger Frauen, ihre Stellung in der innerbetrieblichen Hierarchie und heute die Rekombination aus Erwerbstätigkeit und Hausarbeit in der Heimarbeit etwa lassen die Grenzen der emanzipatorischen Wirkung der Erwerbstätigkeit für Frauen in diesem System erkennen. Jacqueline Heinen
Es sei normal, daß die Frauen arbeiten, heißt es. Um zu arbeiten, brauchten sie noch nie arbeiten zu gehen: die Küche, die Wäsche, früher noch das Eingemachte, heute die Besorgungen, wie immer die Kinder und noch einiges mehr. Doch es gibt Arbeit und Arbeit, unentgeltliche Arbeit und Lohnarbeit, versteckte Hausarbeit und anerkannte Beschäftigung.
Die Frau am Herd gehöre der Vergangenheit an, heißt es. Die industrielle Revolution hat cine phantastische Umwälzung im Leben der Frauen bewirkt. Innerhalb eines Jahrhunderts wurden die Frauen mehrmals in den Arbeitsmarkt gesogen und auch wieder ausgestoßen, je nach Konjunkturlage und den Interessen der Herrschenden. Heutesind sie daraus nicht mehr wegzudenken, das ist eine historische Tatsache. Aber was machen sie dort? Zu welchem Preis? Und was machen sie vor Nr. 180. Abril 1986 allem „nebenbei"? Haben die Frauen pen und Kantinen, weil Frauen hier zuwirklich die „Arbeit der Männer" über- gleich die Arbeitskraft stellen und die nommen? Bietet die Lohnabhängigkeit hauptsächlichen Nutznießerinnen sind. den Frauen wirklich die Emanzipation? Der Versuch, Frauen in ungeschützte 000 Arbeitsverhältnisse abzudrängen, auch der Traum einiger, die traditionelle Re- Das Ziel der Bourgeoisie, ihre Profite zu servearmee von Frauen aufzubauen, die steigern, schlägt sich heute in einer Spar- mit dem Kehrbesen in der Hand darauf politik nieder, die in erster Linie jene warten, daß man sie „zur Arbeit" ruft, ist trifft, die wegen ihrer Stellung auf dem auf Widerstand gestolen. Der fangt Arbeitsmarkt und wegen des Zögerns schon bei der Struktur des Arbeitsmarkoder der Weigerung der Arbeiterbewe- tes selber an. Die industrielle Arbeitsteigung, ihre besonderen Interessen zu ver- lung umfaßt auch die Existenz von teidigen, am wenigsten Widerstand lei- „Frauenbranchen", von denen sich einisten können, am wenigsten ge im Schrumpfen befinden (Textil, Be- Solidarität der anderen sicher sein kön- kleidung, Leder), andere dagegen in volnen. ler Expansion (Elektronik). In beiden Die Bourgeoisie hat auf diesem Weg Fällen stellen Frauen die große Mehrganz ottensichtlich einige Erfolge erzie- zahl, wenn nicht die Gesamtheit der Arlen können: sie hat die Arbeitszeit flexi- beitskräfte. Sie besetzen Arbeitsplätze, bilisiert, die Teilzeitarbeit eingeführt die die Männer nicht mehr wollen, oftund öffentliche Dienstleistungen vor al- mals an Fließbändern. In den Dienstleilem da zusammengestrichen, wo sie stungsbetrieben hat es in den letzten Frauen zugute kamen, bei Kinderkrip- Jahren einen deutlichen Anstieg der Be-
schäftigung gegeben, wobei vor allem die Zahl der Frauenarbeitsplätze zugenommen hat. 60 bis 85 % der Frauen sind in dieser Branche tätig, die Zahl schwankt in den einzelnen europäischen Ländern. In einigen Bereichen des öffentlichen Dienstes (Gesundheit, Erziehung und Unterricht, Sozialarbeit, Verwaltung) stellen die Frauen einen großen Teil der Arbeitskräfte. Einige Berufe wie Sekre-, tärin, Buchhaltung, Raumpflege hängen fast völlig von der Arbeit der Frauen ab. Bald 50 % der Erwerbstätigen
Dort wodie Bourgeoisie materielle Maßnahmen ergreift, um die Frauen dazu zu bewegen, die Erwerbstätigkeit niederzulegen und mehr Kinder in die Welt zu setzen, wie in Frankreich und in der BRD. verfolgt sie damit nicht das Ziel, die Frauen massenhaft an den Herd zurückzuschicken wie nach dem Ersten und nach dem Zweiten Weltkrieg. Daran hat sie kein Interesse, und es wäre heute auch praktisch nicht möglich. Sie will die Frauen damit vielmehr zwingen, ungeschütztere Arbeitsverhältnisse zu akzeptieren, um ihre Widerstandskraft zu unterminieren. Sie sollen die Vorstellung verinnerlichen, daß sie nicht wirk lich vollwertige Arbeitskräfte sind. obwohl ihre Arbeit für die Wirtschaft unverzichtbar ist.
Die veränderte Rolle der Frauen in der Familie und in der Gesellschaft - und auch die noch unveränderten Strukturen und Vorstellungen - lassen sich in Zahlen zeigen. Sie variieren natürlich je nach den einzelnen Ländern, doch zeigt sich überall eine ähnliche Tendenz. Seit den 50er Jahren hat der Frauenanteil an der erwerbstätigen Bevölkerung in den kapitalistischen Ländern stetig zugenommen, mit Ausnahme Großbritanniens, wo er seit 1981 stagniert. Er liegt in den meisten europäischen Ländern bei etwa 40 %, in Skandinavien sogar bei über 45 %. Selbst dort, wo der Anteil deutlich niedriger liegt als in den Niederlanden oder in Italien, steigt er eindeutig. Die industrialisierten Länder, in denen weniger als die Hälfte der Frauen erwerbstätig ist, stellen Ausnahmen dar. Dort wo die Teilzeitarbeit sehr zugenommen hat, sind fast 75 % der Frauen erwerbstätig. (Die europäischen Männer sind zu 80 - 85 % erwerbstätig.) Der steile Anstieg der Erwerbstätigkeit in den letzten beiden Jahrzehnten ist vor allem darauf zurückzuführen, daß viele verheiratete Frauen und Frauen mit Kindern auf den Arbeitsmarkt drängten. In Europa sind im Durchschnitt 60 % der verheirateten Frauen erwerbstätig, das ist doppelt so viel wie in den 50er Jahren. In Belgien liegt ihr Anteil gar bei 70 %, in Schweden waren 1985 über 80% der Mütter von Kindern unter sieben Jahren lohnabhängig. Die meisten Studien sagen voraus, daß in Kürze die Hälfte aller Erwerbstätigen Frauen sein werden.
Damit verändert sich auch das Berufsbild der Frauen. In der Vergangenheit waren vor allem sehr junge Frauen erwerbstätig und solche über 45 Jahre; heute verteilt sich die Erwerbstätigkeit kontinuierlich über den ganzen Zeitraum ähnlich wie bei den Männern. Damit einher geht auch ein Rückgang der Schwangerschaften, der einen Teil des europäischen Bürgertums so sehr in Angst und Schrecken versetzt. Die Zeit der kinderreichen Familien ist vorbei. In ganz Europa überwiegt die Familie mit ein oder zwei Kindern. Einerstaunliches Beispiel: im spanischen Staat, wo die Erwerbstätigkeit von Frauen massiv zugenommen hat - 1985 machten sie 31% der aktiven Bevölkerung aus — ist die Anzahl von Kindern pro Frau von 2,77 in 1977 auf 1,7 in 1984 gefallen. Auch das Ausbildungsniveau der Frauen ist stark gestiegen. In den Realschulen und Oberschulen ist der Anteil an Frauen oft höher als der der Männer; mehr als die Hälfte der an den Universitäten neu Immatrikulierten sind Studentinnen. Als erste gefeuert Diese Zahlen müssen jedoch korrigiert werden, wenn man der realen Situation der erwerbstätigen Frauen Rechnung tragen will. Zum einen fallen unter dem Druck der Krise die Frauen meist viel stärker der Arbeitslosigkeit zum Opfer als die Männer. In einigen europäischen Ländern sind von den erwerbstätigen Frauen über 20 % erwerbslos, im spanischen Staat sind es sogar fast 30 %. Der Erwerbslosenanteil ist unter Frauen manchmal doppelt so hoch wie unter Männern, etwa in Portugal und Österreich. Dabei muß man hinzufügen, dafs die offiziellen Statistiken keinen exakten Aufschluß geben, weil viele Frauen nach einiger Zeit die Suche nach einem neuen Arbeitsplatz aufgeben, sich nicht mehr erwerbslos melden und aus den Statistiken verschwinden. Das gilt vor allem für die Frauen, die sich auf ihre Aufgaben in der Familie und im Haushalt zurückziehen.
In Großbritannien schätzt man, daß sich 28 % der erwerbslosen Frauen nicht erwerbslos melden; bei den verheirateten Frauen sind es sogar 43 %, während es nur 11 % bei den Männern sind. Natürlich gibt es da einen engen Zusamsigkeit. Sie liegt bei Frauen viel höher als bei Männern. In Belgien ist sie fast doppelt so hoch, dort sind Frauen zwischen 26 und 36 Jahren im Durchschnitt 41 Monate (dreieinhalb Jahre) erwerbslos, die Männer der gleichen Altersklasse 24 Monate. Bei den Müttern, vor allem den alleinstehenden, hängen die Schwierigkeiten damit zusammen, daf sie nicht so mobil sind, weil sie wegen der Kinder ungern einen Arbeitsplatz annehmen, der von ihrem Wohnort weit entfernt ist. Schon gar nicht können sie einfach die Stadt wechseln. In Frankreich angestellte Untersuchungen haben ergeben, daf diese Möglichkeit den Männern vorbehalten ist; die Frauen folgen ihren Ehemännern.
Die Zukunftsaussichten sind alles andere als rosig. In den „Frauenbranchen" nehmen die Entlassungen zu. Die allgemeine Computerisierung des Bürobe reichs wird zu Massenentlassungen führen. Die ersten Vorhersagen auf diesem Gebiet haben sich zwar nicht bestätigt: die Produktivitätssteigerung, die mit der Einführung der neuen Techniken erreicht wurde, hat sichoft im Entstehen neuer Dienstleistungen und damit neuer Bedürfnisse niedergeschlagen. Aber Dauer und Umfang der Krise setzen der Erschließung neuer Absatzmärkte und damit der Schaffung neuer Arbeitsplätze enge Grenzen. Zudem ist der Preis für Büroelektronik in den letzten Jahren drastisch gesunken. Sie wird für jeden zugänglich, auch für die ganz kleinen Betriebe mit ein bis fünf Beschäftigten, in denen die Mehrzahl der Frauen als Stenotypistin, Kassiererin o.ä. arbeitet. Sie werden als erste der Einführung neuer Techniken geopfert. Einer britischen Studie zufolge wird die Mikroelektronik bis 1990 17 % der Stellen von Sekretärinnen überflüssig machen. Halbe Arbeit, halber Lohn
Zum anderen muß man sehen, daß die Hälfte der in den letzten zehn Jahren geschaffenen Arbeitsplätze Teilzeitarbeitsplätze sind; in einigen Ländern hat fast die Hälfte der erwerbstätigen Frauen einen Teilzeitarbeitsplatz. 80 % der Teilzeitarbeitsplätze wird von Frauen belegt (in Dänemark und der BRD sind es gar 95 %). Das bedeutet: weniger qualifizierte Arbeit, in der Regel ohne Verantwortung; befristete Arbeitsverhältnisse, fast ohne soziale Absicherung; unregelmäßige Arbeitszeiten (z.B. Verkäuferinnen, die morgens von 8 - 10 Uhr arbeiten und abends von 17 - 19 Uhr). Vor allem aber bedeutet es einen um ein Viertel, ein Drittel oder gar um die Hälfte reduzierten Lohn.
Die Stunde Teilzeitarbeit kostet in derselben Branche, manchmal im selben Unternehmen, meistens weniger als eine Stunde der gleichen Vollzeitarbeit. Anders als in den 70er Jahren, als die große Mehrheit der Frauen bei Umfragen bestatigte, sich aus treien Stücken für die Art der Arbeit entschieden zu haben, die
sie ausübten, erklärt die Mehrzahl unter ihnen heute, sie hätte nichts besseres gefunden. Daraus folgt: der Fortschritt in der Erwerbstätigkeit der Frauen ist bei weitem nicht so spektakulär, wie es auf den ersten Blick aussieht. Wir sind noch weit von einer wirtschaftlichen Unabhängigkeit der Frauen entfernt. Die Statistiken zeigen, daf die Frauenlöhne 20 bis 35 % unter denen der Männer liegen, obwohl die Konvention Nr. 100 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), die die meisten Länder unterschrieben haben, gleichen Lohnfür gleiche Arbeit vorschreibt, ebenso wie der Equal Pay Act, der 1971 in Grofsbritannien verabschiedet wurde, oder das Gesetz über die Lohngleichheit in Italien aus dem Jahre 1977. Dabei vergleichen die Statistiken nur den Stundenlohn, der aber noch nichts über den Gesamtlohn sagt. Die Differenz zu den Männerlöhnen wird noch größer, wenn man berücksichtigt, daß selbst Frauen, die Vollzeit arbeiten, kürzer arbeiten — sie machen weniger Überstunden und fehlen öfter wegen ihrer familiären Verpflichtungen, sie bekommen weniger Prämien etc.
Zählt man das alles zusammen, braucht man sich nicht zu wundern, wenn die große Mehrheit der fünf Millionen Menschen, die in der BRD unter die Armutsgrenze gefallen sind,. Frauen sind. Es sind ausländische Frauen, die völlig mittellos dastehen; alte Frauen, ohne eigenes Einkommen, die von der Sozialhilfe leben; aber auch junge erwerbslose Frauen, Mütter von Kleinkindern, die keine Arbeitslosenunterstützung mehr erhalten. Hinter all diesen Aspekten der Ungleichheit findet man immer wieder die Hauptursache: die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung. Männer machen keine Frauenarbeit
Frauen arbeiten in anderen Branchen, auf anderen Arbeitsplätzen; sie haben nicht dieselbe Ausbildung und nicht dieselben Qualifikationen wie Männer. In Schweden arbeitet fast die Hälfte der Frauen in den fünf Berufen, die zu 90% Frauenberufe sind: Sekretärinnen, Krankenschwestern, Verkäuferinnen, Putzfrauen und Erzieherinnen. Anders als man es vor zehn Jahren hätte erwarten können, hat die Zunahme der Frauen erwerbstätigkeit die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung nicht abgebaut, sondern gefestigt.
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Sie ist bei den jüngeren Frauen sogar noch stärker ausgeprägt, wie in der BRD festgestellt wurde. Die Einführung der neuen Technologien hat diesen Trend noch verstärkt. In Europa findet man nur 10 - 25 % Frauen in Tätigkeiten, die mit der Anwendung der Informatik zusammenhängen. Dafür stellen sie das Heer der Schreibkräfte, das sich die Nerven und Augen bei der Datenverarbeitung ruiniert. Obwohl die neuen Techniken das Arbeitsfeld erweitern könnten, mehr Abwechslung und Kompetenz bringen könnten, führt ihre Einführung meist nicht dazu, daß die traditionelle Arbeitshierarchie und Arbeitsorganisation, bei der die Frauen auf der untersten Stufenleiter stehen, infragegestellt wird. Die Einführung der neuen Techniken bringt im Gegenteil neue Formen der Heimarbeit auf, die sich vor allem an Mütter mit Kleinkindern richtet. Diese Arbeit ist völlig ungeschützt, an die Zeitangaben gebunden, die vom Lentralrechner vorgegeben werden, vollig isoliert - dazu haben die Frauen noch die Kinder am Hals.
In der Industrie stellen die Frauen viel häufiger die ungelernten oder angelernten Arbeitskrätte als die Männer. Sie arbeiten am Fließband, für Stücklohn, machen repetitive Arbeit, z.B. 16 000 Knöpfe pro Tag an Strick waren nähen. Es wäre jedoch völlig falsch anzunehmen, Frauen verdienten weniger und hätten andere Arbeitsplätze, weil sie schlechter ausgebildet seien. Die lohnabhängigen Frauen sind nicht deswegen ungelernte oder angelernte Arbeitskräfte, weil sie eine schlechte Schulbildung haben, sondern weil sie durch die gesamte Reproduktionsarbeit dafür geprägt werden. Wäre dies nicht der Fall, bliebe unerklärlich, warum sie sich immer noch sogenannten weiblichen Ausbildungsberufen zuwenden (oder zuwenden lassen), die überhaupt keine Zukunft haben (Näherin oder Stenotypistin), danach aber in der Elektronik einen Arbeitsplatz finden, w o ihre Ausbildung nicht anerkannt ist, wo man sie aber bevorzugt auf solchen Arbeitsplätzen einstellt, die Geduld, Ausdauer und Sorgfalt erfordern, unter dem Vorwand, dies seien angeborene Eigenschaften von Frauen. Ein schweizerischer Unternehmer hat einmal zynisch erklärt, Arbeiter innen seien viel geeigneter als Arbeiter, den Streß zu ertragen, den die Herstellung von integrierten Schaltkreisen erfordert, wo die Bewegung der Hände und der Füße mit denen der Augen auf dem Bildschirm perfekt synchronisiert sein muß. Warum? Weil sie von Kindheit an vorwiegend mechanische Arbeiten wie Stricken erlernen: das geht, ohne zu überlegen, zwei rechts, zwei links. Eine groteske Darstellung der besonderen Unterdrückung der Frauen! Sie ist aber auch die Grundlage der Unternehmerpolitık. Schon die Arbeitsplatzbewertung tolgt geschlechtsspezifischen Kriterien. Es gibt Prämien für besondere körperliche Anstrengungen und für verantwortliche Tätigkeiten. Hat man aber jemals davon gehört, dals es eine Prämie für monotone Tätigkeit gibt?
Das Labyrinth der Hausarbeit
All dies macht deutlich, daß die traditionelle Forderung: «Gleiche Arbeit gleicher Lohn!", so richtig sie ist, bei weitem nicht ausreicht, will man die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen an der Wurzel packen. Die Aktion der US-amerikanischen und kanadischen Arbeiterinnen, die sich dafür einsetzen, daß die Gewerkschaften die bevorzugte Einstellung von Frauen verlangen, damit Frauen auch zu den Tätigkeiten Zugang erhalten, die bislang Männern vorbehalten waren und wo die Löhne und die Qualifikation höher liegen (Autobranche, Stahlindustrie, Bergbau), sind deshalb sehr wichtig, obwohl diese Forderungen schwer durchzusetzen sein werden, je mehr die Krise und die Arbeitslosigkeit zunehmen. Die Diskriminierung muß aber auch dort bekämpft werden, wo die große Mehrzahl der Frauen arbeitet. Dort müssen die Mechanismen bloßgelegt werden, die die männlichen Qualifikationen z.B. bei der Festlegung der Lohne hoher bewerten als die weiblichen Qualifikationen. Das geht nicht, ohne daß die den Frauen zugedachte Rolle und ihre doppelte Unterdrückung in der Familie und im Beruf offen infragegestellt werden. Die dreifache Rolle der Frau als Ehefrau, Mutter und Lohnabhängige ist die Wurzel der Diskriminierungen, die die Frauen heute erleiden. Die Mehrzahl von ihnen betrachtet das Recht auf Arbeit als eine Errungenschaft. Selbst die, die von sich sagen, daß sie ihre Arbeit hassen, weil sie monoton und zermürbend ist, bestehen darauf, wie wichtig es für sie ist, daß sie „draufen arbeiten" können, Kontakte mit Kolleginnen und Kollegen haben, nicht im Haus eingeschlossen sind. Das heißt für sie aber, daß sie vom Herd zur Arbeit, von der Arbeit nach Hause rennen, in der verzweifelten Anstrengung, alles unter einen Hut zu bringen, die Forderungen des Unternehmers, des Ehemanns, der Kinder. Sie arbeiten mehr und schlafen weniger als die Männer; während diese ihren Dämme schoppen reinziehen, erledigen sie drn Einkauf, während diese fernsehen, •vaschen und bügeln sie. Das alles geht auf Kosten ihrer Nerven, ihrer Gesundheit und meistens ihres beruflichen Fortkommens. Woher die Zeit nehmen zum Lesen, für Gewerkschaftsarbeit? In den letzten zehn Jahren hat die Aufteilung der Hausarbeit zwischen den Geschlechtern nur wenig Fortschritte gemacht, selbst in einem Land wie Schweden. In Frankreich widmet eine Arbeiterin mit drei Kindern 5 Stunden und 45 Minuten täglich der Hausarbeit, ihr Mann nur 1 Stunde und 40 Minuten. Paradoxerweise hilft der Mann ein bißchen mehr im Haushalt, wenner weniger Kinder hat. Durch die Teilzeitarbeit hat sich die Lage nicht verbessert; in den Arbeiter- und Angestelltenhaushalten brachte sie für die Frauen eine stärkere Einbindung in die Hausarbeit. Wenn die Frau Vollzeit arbeitet, betrachtet es der Mann eher noch als normal, im Haushalt zu helfen; arbeitet sie Teilzeit, glaubter, wieder die Füße unter den Tisch strecken zu können, denn jetzt „hat sie ja Zeit". Bei der Kinderbetreuung sieht es noch schlechter aus. Die jungen lohnabhängigen Frauen fordern heute in der Regel von ihren Partnern, daß sie sich an der Hausarbeit beteiligen; die Betreuung der Kinder halten sie aber allgemein noch für eine Aufgabe der Frau. Die Verinnerlichung der Mutterrolle hindert sie daran, bei der Erziehung der Mädchen die traditionellen Wertvorstellungen, wonach Jungen von Natur aus andere Eigenschaften hätten als Mädchen, zu durchbrechen. Das führt „natürlicherweise" dazu, daß die einen sich für allgemeinbildende Ausbildungsgänge entscheiden, während die anderen die technischen Lehrgänge wählen, die ihnen Zugang zu qualifizierten Arbeitsplätzen verschatten.
Teile und herrsche Es ist nicht ausgeschlossen, daß das Bürgertum manchmal auch selbst ein Interesse daran hat, daß Frauen in „Männerberufe" vordringen. Der Beruf des Sekretärs z.B. war früher einmal eine Domäne der Männer. Die Frauen haben ihn erobert, als die Schreibmaschine eingeführt und die Arbeit entqualifiziert wurde; die Männer wurden auf qualifiziertere Arbeitsplätze versetzt. Imallgemeinen aber ist die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung ein zentrales Instrument für die Bourgeoisie, die Spaltung in der Arbeiterklasse zu vertieten. Paradebeispiel dafür ist die Teilzeitarbeit. Zuerst wurde sie eingeführt, um den Frauen zu ermöglichen, Beruf und Familie „miteinander zu vereinbaren" Dann wurde die Teilzeitarbeit obligatorische Durchgangsstation für die neuen Schichten von Frauen, die auf den Arbeitsmarkt drängten. Mit der Verschärfung der Krise ist sie eine Waffe gegen die Arbeiterklasse insgesamt geworden. Sie wird jetzt angeboten als „flexible" Arbeit mit unregelmäßiger Arbeitszeit, Nachtarbeit, Wochenendarbeit. Die Bourgeoisie greift bereits Errungen-
schaften an, die einige für unantastbar Der Widerstand gegen diese Offensive gehalten hätten, z.B. das Verbot der muß sich sowohl gegen die besondere Nachtarbeit für Frauen.
In Dänemark hat die Geschäftsleitung von Philips unter der Belegschaft einen Fragebogen verteilt, ob die Arbeite- sellschaft. rinnen lieber Schicht oder lieber nachts Die Frauen haben nichts aufgegeben; arbeiten wollten. Die Genossinnen der das haben sie in zahlreichen Streiks und dänischen Sektion der IV. Internationa- Massenkämpfen in den letzten Jahren le haben ihren Kolleginnen vorgeschla- gezeigt. Erinnert sei nur an die Bewegen zu antworten: » Wir wollen tagsüber gung der britischen Bergarbeitertrauen arbeiten!« In der Schweiz haben die Uh- ın die dänischen Frauen in den Oster renindustriellen versucht, die Nachtar- streiks 1985, an die Beteiligung der Fraubeit wieder einzuführen, bislang noch en am Kampf für die 35-Stundenwoche vergeblich. Die belgische und die briti- in der BRD, an die ,Frauen gegen die sche Regierung treiben often Propagan- Krise" in Belgien, an die Kämpfe der da dafür. Dabei argumentieren sie mit britischen und westdeutschen Frauen in dem Grundsatz der Gleichheit von Män- den Gewerkschaften, das Engagement nern und Frauen! Diese Pseudogleich- der Frauengruppen in der europäischen heit muß von uns zurückgewiesen wer- Friedensbewegung, vor allem in Greenden. Sie ist für die Unternehmer nur ein ham Common und in der Kampagne Vorwand, die Flexibilisierung der Ar- gegen die NATO in Spanien. Frauen beitsverhältnisse und den Abbau von haben sich oft in Kämpfen engagiert, die Errungenschaften durchzusetzen. Wir scheinbar mit ihrer besonderen Untersind gegen die Einführung von Teilzeit- drückung nichts zu tun hatten. Früher arbeit, gegen die Flexibilisierung und oder später haben all diese Mobilisierunauch gegen Nachtarbeit — für Männer gen aber auch eine feministische Dimenwie für Frauen - Ausnahmen können in sion erhalten und die Frauen haben fast Bereichen gemacht werden, wo diese immer eigene organisatorische Struktu- Sorte von Arbeit gesellschaftlich unum- ren durchgesetzt, in denen sie über ihre gänglich ist. besonderen Probleme diskutieren konn- Zur Politik der Zementierung der tra- ten. ditionellen Rolle der Frauen gehört auch Dies ist ganz offensichtlich die Erbdie Kürzung öffentlicher Dienstleistun- schaft der autonomen Frauenbewegung gen (die Schließung von Kinderkrip- der 70er Jahre. Als unabhängige Bewepen, die Streichung von Schulspeisun- gung, mit ihren eigenen Strukturen, ihgen) und die verstärkte Beschäftigung ren Frauengruppen und -koordinatiovon Leiharbeiterinnen in diesen Tätig- nen ist diese zurückgegangen. Sie hat in keiten. Dazu gehört ebenfalls die Offen- den letzten Jahren mit nur wenigen Aussive der extremen Rechten gegen die Ab- nahmen (Spanien) Niederlagen erlitten. treibung sowie die zunehmende Gewalt Sie war nicht mehr in der Lage, Massengegen Frauen. kampagnen zu initiieren, wie es für Ver- USA hütung und Abtreibung der Fall war. In einigen Ländern ist sie fast völlig verschwunden. Darüber muß man sich nicht wundern, wenn man berücksichtigt, welche Niederlagen die Arbeiterbewegung erlitten hat und welch politisches Bewußtsein dazu notwendig ist, für Forderungen zu kämpfen, die wie viele Frauenforderungen in eine direkte und offene Konfrontation mit dem Staat führen. Das Rückfluten der Frauenbewegung ist auch innerhalb der Organisationen der Arbeiterbewegung spürbar. In den Gewerkschaften z.B. sind die Frauen gegenüber den Führungen, die sich wenig um ihre Belange kümmern, in der Defensive.
Das wirft das Problem der Kontinuität des Kampfs der Frauen für ihre Befreiung auf, der Notwendigkeit einer unabhängigen Frauenbewegung, die sich auf die Radikalisierung der lohnabhängigen Frauen stützt, die in zahlreichen der oben genannten Kämpfen die Vorhut gebildet haben. Die Diskussion muß darum gehen, wie die Aussichten für eine Wiederbelebung sind und was die Aufgaben die revolutionären Marxistinnen (und Marxisten) hierbei sind.
17. Februar 1986 Folgende Länderanalysen wurden für den Artikel verwendet:
L. Paukert, L'emploi et le chômage des femmes dans les pays de l'OCDE, (heraus gegeben von der OECD) Paris 1984; Emploi et chômage, EUROSTAT, Luxemburg 1985; N. Corvi/ M. Salort, Les femmes et le marché de travail, Hatier, Paris 1985; Frauen in der BRD, VSA, Hamburg 1983; Working women and the labour market, RKP. London 1982: Jean Gardiner, Women, recession and the Tories, in: Essays on Thatcherism, 1983.