Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

USA

Aus der Defensive heraus

Inprekorr Nr. 180, April 1986 · S. 17-19 · 1.829 Wörter

USA und Kanada Frauen Gewerkschaften und Streiks Jugend und Studenten

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Aus der Defensive heraus Die National Organisation of Women (NOW) rief zu Massendemonstrationen im März zur Verteidigung des Rechts auf Abtreibung auf. Damit wurde eine Phase des Niedergangs, der Anpassung an die Demokratische Partei und der Verteidigung gegen die aggressive Kampagne „für Das Interview gab Andrea Morrell von der Socialist Workers Party. Jacqueline Heinen: Wir verfolgen seit aller Regel am hellichten Tag, in der einiger Zeit mit großer Aufmerksamkeit Absicht die Patientinnen zu provoziedie äußerst aggressive Kampagne reaktio- ren und einzuschüchtern. Dagegen hat närer Kräfte in den USA gegen das Recht es so massive Proteste gegeben, daß das auf Abtreibung. Welches Ausmaß hat die Justizministerium schließlich gegen ein- Offensive? ge dieser Bastler von Plastikbomben An. Andrea Morrell: Seit zwei, drei Jah- klage erhoben hat; aber viele Anschläge ren gibt es eine Welle von Attentaten sind ungestraft geblieben. Die Bewegegen Kliniken, die Abtreibungen vor- gung „für das Recht auf Leben" fühlt nehmen. Die Kommandos arbeiten in sich bestärkt durch die offene Unter- Nr. 180. Abril 1986 stützung seitens zahlreicher Kongretsabgeordneter — Republikaner wie Demokraten — und vor allem von Reagan selbst, der sich Anfang 1985 per Telephon an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer Demonstration gegen die Abtreibung in Washington gewandt hat. Letztens hat ersogarein Sympathietelegramm zum „Begräbnis" eines Fötus geschickt.

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Das ist Wasser auf die Mühlen all derer, die gegen das Selbstbestimmungsrecht der Frauen über ihren eigenen Körper sind und alles tun, um das Abtreibungsgesetz von 1973 zu kippen. In Wirklichkeit haben die Angritte dagegen schon bald nach Verabschiedung des Gesetzes begonnen. 1975 hat die US-Regierung beschlossen, die Subventionen zu den Behandlungskosten von bedürftigen Frauen, die abtreiben wollen, zu streichen, die bislang an die Bundesstaaten vergeben wurden. Eine Reihe von Bundesstaaten hat daraufhin sofort beschlossen, diese Hilfe ganz einzustellen; nur 13 von 50 Bundesstaaten gewähren sie heute noch. Berücksichtigt man, daß alle Preise für Dienstleistungen in den USA enorm gestiegen sind , wird es für arme Frauen praktisch unmöglich, die nötigen Geldmittel aufzubringen, um in einer Klinik abtreiben zu lassen. Die Regierung und das Verteidigungsministerium, die in der Vergangenheit ihren Angestellten die Kosten einer Abtreibung erstattet haben, haben diese Leistung gestrichen.

Die Rechte ist gegen dieses elementare Recht der Frauen also so vorgegangen, daß sie zunächst wirtschaftliche Waffen gegen sie eingesetzt hat. Dann hat sie ihre Angriffe auf die Minderjährigen konzentriert und eine Kampagne geführt, um das Einverständnis der Eltern zur Abtreibung bei Frauen unter 18 Jahren zu erzwingen. In einem Dutzend Bundesstaaten hat es Gesetzesvorlagen in diesem Sinne gegeben. Jetzt führt sie eine frontale Offensive, unterstützt von Reagan, um das Gesetz von 1973 zu kippen.

J. Heinen: Wie hat die Frauenbewegung der USA auf diese Angriffe reagiert? A. Morrell: Die Frauenbewegung hat sich in den letzten Jahren nicht wirklich um diese Fragen gekümmert. Das ist unbezweifelbar ein Rückschritt gegenüber früher gewesen. Eine Zeitlang gab es in der Bewegung die Tendenz, die Kampagne für die Verankerung der Gleichberechtigung von Frauen in der Verfassung (ERA)" der Kampagne für die Abtreibung entgegenzustellen. Du weilst, daf die ERA-Kampagne wirklich sehr breit war. Die Arbeiterbesie bereit war, dafür zu mobilisieren, vor allem für die Forderung: »Gleiche Arbeit — gleicher Lohn!«. Trotzdem und trotz der zahlreichen Mobilisierungen, die die Frauenbewegung initiierte — der Gipfel war die von der Nationalen Frauenorganisation (NOW) und den Gewerkschaften 1978 organisierte Demonstration von 50 000 in Illinois, als im dortigen Parlament die Ratifizierung des ERA anstand - haben wir den Kampf verlo- Diese Niederlage hat die Arbeiterbewegung und noch mehr die Frauenbewegung zurückgeworfen und zu einer starken Entmutigung in den Reihen beider geführt. Die Führung der NOW hat angefangen zu theoretisieren, es sei besser, den Akzent auf die Wahl solcher Politiker zu legen, die den Frauen wohlgesonnen sind, als auf die Massenmobilisierung. So hat in der ganzen Vorwahlperiode 1984 die Aktivität der NOW darin bestanden, für die Kandidatin der Demokratischen Partei, Geraldine Ferraro, Mitbewerberin von Walter, Mondale, zu werben und zu erklären, wenn diese Vizepräsidentin der USA würde, werde die Sache der Frauen sehr vorangebracht. Dabei sah das Programm Mondales dem von Reagan zum Verwechseln ähnlich; auch er forderte eine Steigerung der Sparoffensive gegen die Arbeiterklasse. In der ganzen Zeit liefen die Angriffe auf das Abtreibungsrecht weiter.

J. Heinen: Nach der Wiederwahl von Reagan hat es eine Wende in der Orientierung der NOW gegeben, denn jetzt ruft sie auf zu Demonstrationen zur Verteidi- A. Morrell: Ja, diese Wende entsprach einer Umorientierung aller Massenbewegungen, die sich im Wahlkampf mit ihren Forderungen zurückgehalten hatten, um Jesse Jackson oder Mondale zu unterstützen. Schließlich ist ihnen klar geworden, daf die Mobilisierung das einzige Mittel darstellt, sich Gehör zu verschaffen.

So ist die große Demonstration vom 20. April 1985 gegen die atomare Bedrohung, die imperialistische Intervention in Mittelamerika, gegen die Komplizenschaft der USA mit dem Apartheid-Regime Südafrikas und für soziale Gerechtigkeit in den USA zustande gekommen, an der sich 100 000 Menschen beteiligten. Obwohl die NOW und die Koalition von Gewerkschaftsfrauen (Coalition of Labor Union Women, CLUW) diese Demonstration nicht offiziell mitgetragen haben, nahmen Tausende junger Frauen an ihr teil, die feministische T-Shirts oder T-Shirts mit ERA trugen. Dies hat die Haltung der NOW sicher beeinflußt. Auf ihrem Kongreß im vergangenen Juli hat es eine Debatte über Abtreibung gegeben, und es wurde beschlossen, eine Massenkampagne um eine Petition herum zu lancieren, die das Selbstbestimmungsrecht der Frauen über ihren eigenen Körper fordert. Das Ziel ist, eine Million Unterschriften bis zum 6. März 1986 zu sammeln. Die NOW hat für diesen Tag zu einer Demonstration in Washington aufgerufen und für eine Woche danach in Los Angeles. Sie ist fest entschlossen, daf dies die gröften Massenmobilisierungen werden sollen, die es in den USA je für das Recht auf Abtreibung gegeben hat. Außerdem wurde beschlossen, sich gezielt an die jungen Frauen zu wenden, an die Schülerinnen und Studentinnen. Das ist sehr wichtig, weil viele von ihnen eine große Rolle in der Antikriegs- und der Anti-Apartheid-Bewegung spielen. Unter dem Gesichtspunkt der Orientierung der NOW stellt diese Initiative also einen wichtigen Fortschritt dar. Auch die CLUW unterstützt natürlich die Demonstration.

J. Heinen: Ich erinnere mich, daß die CLUW bei der Mobilisierung für das Recht auf Abtreibung und für das ERA eine bedeutende Rolle gespielt hat. A. Morrell: Die CLUW hat immer eine korrekte Position in der Frage der Abtreibung eingenommen und spielt im Kampf für die Gleichheit der Frauen weiter eine wichtige Rolle. Diese Organisation ist zum Zeitpunkt der Kampagne um das ERA entstanden und mit dem Gewerkschaftsdachverband AFL-CIO verbunden; sie ist in dessen Vorstand vertreten.

130 000 demonstrierten Die von Andrea Morrell dargestellte Mobilisierung für das Recht auf Selbstbestimmung durch die NO W wurdezu einem vollen Erfolg. Über 100 000 Frauen (und Männer) marschierten am 9. März in Washington und 25 000 am 16. März in Los Angeles.

Die Demonstrationen zeigen nicht nur, daß es möglich ist, den allgemeinen Rückzug zu stoppen, sondern frühere Mobilisierungen wie die vom 9. Juli 1978 für das ERA noch zu übertreffen.

Eine der Parolen lautete: »Unsere Körper, unser Leben — wir lassen uns nicht terrorisieren!- Viele Frauen trugen Kleiderbügelhaken als Zeichen, um daran zu erinnern, daß durch den Geldentzug : für Klinikabtreibungen die Zahl der Frauen, die bei dilettantischen Abtreibungen zu Tode kommt, wieder ansteigt. Auffällig war die hohe Beteiligung von Studentinnen und Schülerinnen

Eine beliebte Parole lautete: »Geld für Contrazeptiva, nicht für die Contra!- Überhaupt war die Bezugnahme auf Kämpfe der Dritten Welt häufig. Aber auch die von der CLUW mobilisierten Kontingente und die Aktivität lokaler Gewerkschaftsverbände sorgte für eine breite Teilnahme der Arbeiterbewegung. Allgemein bejubelt wurden die seit acht Monaten streikenden Arbeiter der Fleischkonservenfirma Hormel in Austin, Minnessota.

Ein weiterer Höhepunkt der Kundgebung in Washington war der Auftritt der Nonnen, die in allen Frauen betreffenden Fragen mit einem Manifest gegen die Politik des Vatikans hervorgetreten waren.

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Sie hat ein zentrales Problem bisher nicht lösen können: daß sie hauptsächlich von einer bürokratischen Gewerkschaftsführung geleitet wird und nicht wirklich die einfachen Gewerkschafterinnen organisiert. Aber ihre Existenz allein, die Tatsache, daß sie in all den Jahren hat fortbestehen können, ist ein positiver Faktor für all jene, die eine gewerkschaftliche Organisierung von Frauen für wichtig halten. Nachder Niederlage im Kampf für gleiche Rechte hat die CLUW eine Phase des Rückgangs durchlaufen. Seit einiger Zeit tritt sie wieder verstärkt an die Öffentlichkeit, mit Presseerklärungen, Veranstaltungen und manchmal Demonstrationen. Man kann sagen, daß diese Organisation eine progressive Rolle spielt, insbesondere da sie in ihren Reihen nicht nur weiße, sondern auch schwarze und latein amerikanische Frauen zählt. Wenn die Bewegung für die Abtreibung sich ausbreitet, wird die CLUW eine wichtige Rolle spielen, um diese Kampagne auf die Arbeiterbewegung zu orientieen, was umgekehrt auch eine positive Auswirkung auf das innere Funktionie ren dieser Organisation haben kann. Spanien die März-Demonstrationen hinaus weiterzuführen?

A. Morrell: Ja, weil sie sich auf eine offensichtliche Radikalisierung der Frauen stützt, die sich bisher niedergeschlagen hat in der gesteigerten Beteiligung von Frauen, besonders schwarzen, am gewerkschaftlichen Leben und den betrieblichen Basisstrukturen wie den Hygiene- und Sicherheitskomitees, oder auch in der Teilnahme an der Antikriegsbewegung, vor allem in der Organisation Mobilization for Survival (Mobilisierung für das Überleben), eine der wichtigsten Initiatoren der Mobilisierung vom 20. April 1985. Sicher ist, dals die Welle der Frauenradikalisierung in den 70er Jahren nicht nur das Bild der Frauen in der Öffentlichkeit tiefgreifend verändert hat, sondern auch das Selbstbewußtsein der Frauen und ihre Sicht ihrer Stellung in der Gesellschaft. Diese Entwicklung hat sich in der Führung von NOW niedergeschlagen. Nach vor wenigen Jahren hat sie — Jimmy Carter folgend — die Meinung vertreten, wenn Frauen wirklich gleiche Rechte wollten, hätten sie auch den Wehrdienst zu akzeptieren wie die Männer. Auf ihrem letzten Kongreß aber hat die NOW eine sehr fortgeschrittene Resolution gegen die Intervention in Mittelamerika verabschiedet, die auf der Linie ihrer damaligen Haltung zum Vietnam-Krieg liegt. Es ist nicht zu bestreiten, daf die Haltung der Frauen in Nicaragua sich hier positiv ausgewirkt hat. Die Assoziation Nicaraguanischer Frauen (AMNLAE) hat seit langem begritten, wie wichtig es für sie ist, Verbindungen zu US-amerikanischen Frauen zu knüpfen. Vertreterinnen der AMN- LAE haben am Kongreß der NOW teilgenommen, in die Debatte eingegriffen und die US-amerikanischen Frauen aufgerufen, sich für die Verteidigung Nicaraguas zuengagieren. Sogeschen sind die jüngsten Entwicklungen in der NOW sehr vielversprechend.

10. Dezember 1985 • Das Equal Rights Amendment (ERA) wurde vom US. amerikanischen Kongreß 1972 angenommen. Um jedoch endgültig in die Verfassung aufgenommen zu werden, mußte es erst von drei Vierteln aller Bundesstaaten innerhalb von sieben Jahren ratifiziert werden. Frauenbewegung