Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Stellungnahme von Kos

Inprekorr Nr. 179, März 1986 · S. 29 · 421 Wörter

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Die Gruppe Kos (Amsel) gibt in Polen eine Wochenzeitung in einer Auflage von 20 000 Exemplaren heraus, eine der bedeutendsten Untergrundzeitungen. Die Gruppe beruft sich nicht auf den Sozialismus, wird aber als links stehend betrachtet. Kos war die erste polnische Gruppe, die zu END Kontakt aufgenommen hat. Wir haben den Text Eures Appells mit grolem Interesse gelesen. Viele Auffassungen, die Ihr dort ausdrückt - über die gegenwärtige internationale Lage und wie sie gemäß den Bedürfnissen der Völker Europas geändert werden kann — teilen wir. Wir teilen Euer Ideal eines Europa, das frei ist von innerer und äußerer Gewalt, eines Europa der Freiheit und des Friedens, wie wir es in unserer Erklärung in Perugia (1984) geschrieben haben. Unseren Standpunkt haben wir detailliert in einer Erklärung des KOS niedergelegt mit dem Titel »Der Frieden ist unteilbar«.

Doch wir glauben, um dieses Ideal zu erreichen, müssen wir alle Probleme in Rechnung stellen, die es heute auf unserem Kontinent gibt. Wir unterstützen Euren Standpunkt zur Wiedervereinigung Deutschlands und zur Unverletz- DDR lichkeit der Grenzen in Europa — vergleicht dazu auch unsere Note an die Berliner Konferenz von 1983. Wir sehen uns aber genötigt zu bemerken, daß die Befreiung der Völker aus ihrer Abhängigkeit von der Sowjetunion ebenso wichtig ist: ein neues Europa wird nicht aufgebaut werden können ohne die Beteiligung der Litauer, Letten, Esten, Weißrussen und Ukrainer. Wir meinen, daf diese Frage in ein so wichtiges Dokument wie den Prager Appell eingearbeitet werden muß.

Wir teilen auch nicht Eure ungebrochen positive Meinung über die Verträge von Helsinki. Im Gegensatz zu den Erwartungen, die in die gesetzt werden, haben sie dazu beigetragen, die Blocklogik zu verstärken, statt sie zu überwin den. Es ist uns deswegen, und aus ande ren, weniger wichtigen Gründen, nicht möglich, Euren Appell in der bestehenden Form zu unterzeichnen. Doch glauben wir, daß unsere Kontroverse im Rahmen eines Dialogs überwunden werden kann, zu dem dieser erste Meinungsaustausch ein Anfang sein soll. Ein solcher Dialog ist für unsere Organisationen, die beide von denselben Grundwerten ausgehen und dasselbe Übel bekämpfen, lebenswichtig.

Gleichzeitig wollen wir Euch unserer völligen Solidarität versichern und Euch unsere Anerkennung ausdrücken für die zahlreichen Fälle, in denen Ihr Euch mit dem Kampf unserer Gesellschaft gegen Zwang und Gewalt solidarisch gezeigt habt, unter denen auch Eure Gesellschaft schrecklich zu leiden hat. Wir hotten, dais der hier begonnene Dialog einen Schritt vorwärts zum Sieg in diesem Kampf darstellt.

Warschau, 11. Juni 1985