Tariq Ali, -Die Nehrus und die Gandhis. Eine indische Dynastie-, selten auch öffentlichen Gefühlsbekundungen von Motilal und Jawa- Ullstein, Frankfurt/Berlin 1985, 336 Seiten, 1 Karte, 12 Photos, 38 DM harlal Nehru, seiner Tochter Indira, deren Mann Feroze Gandhi (nicht verwandt), ihren Kindern Sanjay und Rajiv und wiederum deren Frauen Maneka und Sonia. Entsprechend seiner tatsächlichen Rolle in der Politik der indischen Bourgeoisie kommt Jawaharial
Klemens Alff Nehru dabei auch „als Mensch" besser weg als (zumindest die ältere)
Indira Gandhi, aber auch als sein Vater Motilal - von den korrupten Enkeln ganz zu schweigen.
Die Ermordung Indira Gandhis durch einen der Sikh-Religion ange- Warum fühlt sich der revolutionäre Marxist Tariq Ali bemüßigt, hörenden Leibwächter, die vorausgegangene Erstürmung des Golde- den meisten Vertretern dieser Dynastie und ihren Mitstreitern soviel nen Tempels von Amritsar sowie die wirtschaftliche Offnung und die Ehre und auch Mitgefühl zukommen zu lassen? Im Falle Jawaharlal Technologieoffensive der „Computerboys" um Indiras Sohn Rajiv Nehrus, der Indien von der Unabhängigkeit 1947 bis 1964 regierte, haben die Aufmerksamkeit für indische Dinge im Ausland nach intach deshalb, weil er den nationalen Betreungskampt gegen da langer Zeit wieder einmal vermehrt. ritische Empire zusammen mit dem Ideologen Mahatma Gandhi Anlais genug für ein Buch über die führende Familie Indiens, die dem radikaleren Subhas Chandra Bose (der im Zweiten Weltkrieg für Nehrus, die der größten parlamentarischen Demokratie der Welt den die Japaner eine Brigade aufstellte) und dem Großindustriellen G.D Glanz der Monarchie verleiht. Genauso wie bei den Königshäusern Birla erfolgreich geführt hat. des Westens steigt ganz zwangsläufig dabei das Interesse an den Das besondere an diesem nationalen Befreiungskampf war jedoch, Querelen und Machenschaften um die Thronfolge und an privatem daß es die Bourgeoisie selbst war, die zu jedem Zeitpunkt das Flett in Freud und Leid der Agierenden in höchster Höhe. der Hand hielt. Nur in wenigen Momenten kann man sagen, sie hätte So ist Tariq Alis Buch denn auch durchsetzt mit Anekdoten über nur unter Druck der Massen gehandelt (wie in China),oder kleinbürgerliche Offiziere hätten die Arbeit für sie übernehmen müssen (wie Nr. 179, März 1986 Seite 23
in der arabischen Welt). Da wo sie den Faden verliert, geschieht dies, weil ein Teil ihrer selbst auf eine andere Taktik setzt: etwa die Muslim League, die durch Terror und Kollaboration mit den Briten die Gründung Pakistans erzwingt (und damit in ihrer kommunalistischen Kurzsichtigkeit den Wunschtraum des Imperialismus von der Teilung Indiens erfülle). Wegen dieses souveränen Handelns umgibt die indische Bourgeoisie der Glorienschein, der in anderen abhängigen Ländern meist nur den Massen zufällt, die von ihrer nationalen Bourgeoisie im Befreiungskampf verraten wurden.
Wie war das möglich? Die Briten hatten eigentlich nicht auf den Vorteil imperialistischer Tauschbeziehungen verzichtet; aber wegen der Größe des Binnenmarktes war auch die einheimische Bourgeoisie größer als in anderen Kolonien, und sie nutzte den Ersten Weltkrieg mit Geschick, um zum Juniorpartner des britischen Kapitals in vielen Branchen aufzusteigen.
Tariq Ali versäumt es nicht, bei der Schilderung des Werdegangs der beiden Nehrus und der Kongreßpartei auf die ungelösten Aufga ben hinzuweisen (etwa eine umfassende Landreform), sowie auf die vertanen Chancen einer Lösung der nationalen Frage im Sinne der permanenten Revolution (der Aufhebung der nationalen und demo cratischen Revolution in der sozialistischen). Die Schaukelpolitik der starken indischen Kommunistischen Partei zwischen Opportunismus und Ultralinkstum im Gegentakt zu den Erfordernissen der Zeit machten diese letztlich zahnlos. Sie behält auch in zwei Flügel gespalten ihren Masseneinfluf bis heute, aber einfach als eine der natürlich gewachsenen Parteien Indiens, die wie alle in das schmutzige Tagesgeschäft verwickelt ist.
Auch nach der Unabhängigkeit behielten die Bourgeoisie und ihre Partei, der Kongreß, das Ruder in der Hand. Säkularismus und Blockfreiheit heißen die Zauberworte. Der Säkularismus dient der Schaffung der Einheit der Nation. Die Blockfreiheit ermöglicht eine selektive Einfuhr von Kapital, eine expansive Rolle nach außen im kleinen und die Sicherung einer vom Imperialismus relativ unabhängigen Wirtschaft durch massive technische Anbindung an die Sowjetunion. Das Bündnis Indien - UdSSR ist wohl das stabilste Element in der Außenpolitik beider Länder.
Mit fortgeschrittener Kapitalakkumulation wird die indische Bourgeoisie jedoch ab Ende der 60er Jahre in sich uneins. Der private Sektor will den staatlichen, der bis dahin der Motor der Entwicklung war, unter sich aufteilen. Regionale Wirtschaftskräfte (z.B. die Agrarbourgeoisie der Sikhs in Panjab) wollen ein größeres Stück vom Kuchen. Traditionelle Schwerindustrie reibt sich mit der Vielzahl neuer Mittelbetriebe. Der Sprung zu neuen Technologien wird nicht von allen gleich gewünscht.
auf sikulare Einheit auf hinduistischen omimelismus zuse zan. Der Kongres Er steht dabei unter dem Druck der rechten Opposition der (heutigen) /anata-Partei. Der Versuch, den rechten Flügel (und zugleich die Arbeiterklasse) durch ein Notstandsregime zu schwächen, scheiterte in den 70er Jahren, aber der rechte Flügel erwies sich danach erst recht als regierungsuntauglich. Nun hieß es also, die für die herrschende Klasse notwendige Rechtswende selbst in die Hand zu nehmen. Die Manöver „Mutter" Indiras zur Ausschaltung regionaler Kräfte in Kashmir, Panjab und Andhra Pradesh waren Ausdruck dieser Entwicklung. Die parallel dazu vom Kronprinz Sanjay Gandhi angekurbelte faschistoide Jugendkampagne (Zwangssterilisierung!) war ein eher abseitiger Vorstoß in die gleiche Richtung. Er hörte auf mit seinem tödlichen Flugzeugunglück und war nur möglich dank der diktatorischen Protegierung seiner Mutter. Aber mit dem Feuer spielte auch sie.
Zugleich mit der Eliminierung allen fortschrittlichen Gehalts aus der nationalbürgerlichen Politik in Indien sinkt auch das Niveau der handelnden Gestalten. Nicht nur verschiebt sich die Zusammensetzung des Parlaments von den urbanen Intellektuellen zu den provinziellen Neureichen, sondern auch Korruption, Bestechung, Skandale und die Verquickung mit der Unterwelt - begleitet von der gegenseitigen Enthüllung alldessen - verwandeln die Führungsschicht in einen degenerierten Haufen. Markanter Beleg sind die Konferenzen des Kongresses bzw. seines Studentenverbandes 1983 in Kalkutta und 1984 in Nagpur, wo der Saal leer blieb, die Polizei jedoch alle Hände voll zu tun hatte, Delegierte bei Schlägereien in Bordellen und Kneipen festzunehmen.
Rajiv Gandhi scheint seine Aufgabe heute darin zu sehen, den Aufruhr zu beruhigen. Er schart dazu die etwas wenigerskrupellosen Kräfte um sich. Er verschiebt aber auch das Gleichgewicht innerhalb Indiens Politik der Blockfreiheit ein wenig zugunsten des Imperialismus, um an die neuen Technologien zu kommen, die Indiens Kapital konkurrenzfähig halten sollen. Dies wird den Beziehungen zur UdSSR keinen Abbruch tun: 1985 war sie erstmals Handelspartner Nr. 1; der Austausch stieg um 20 %.
Die indische Bourgeoisie kann sich beides leisten. P.S. Tariq Alis Schlenker in die ältere indische Geschichte sollte man mit Vorsicht genießen: schon auf Seite 1 bringt er in einem Halbsatz über Alexander den Großen und Indien drei eklatante Fehler unter. Dies tut der Qualität und der angenehmen Lesbarkeit des ganzen Buches jedoch keinen Abbruch.