Das Volk kann so nicht weiterleben Während der IWF dem Land Sparpläne aufzwingt und die Massen dagegen immer wieder auf die Straße gehen, haben sich die linken Organisationen zu einem auch für Lateinamerika einmalig geschlossenen und zielstrebigen Block zusammengetan. José Ramirez
Zugleich mit der Zunahme der Klassenkonfrontation in der Dominikanischen Republik beschleunigte sich auch der Prozeß der Vereinheitlichung der revolutionären Organisationen. Schon in den Jahren 1970 bis 1981 hatte es Gespräche gegeben, die zur Vereinigung der drei Organisationen Movimiento Socialista de los Trabajadores (MST, Sozialistische Bewegung der Arbeiter), Nucleos Comunistas de Trabajadores (NCT, Kommunistische Arbeiterkerne) und Partido Socialista (PS, Sozialistische Partei) im Bloque Socialista (BS, Sozialistischer Block) geführt hatten. Der erste Kongreß des BS fand im Juni 1984 statt. Diese Fusion wurde zur Triebfeder eines noch umfassenderen Einheitsprozesses.
Die Debatten zwischen den Strömungen fanden nun ohne Unterbrechung statt und kulminierten am 14. Juni 1983 in der Bildung der Frente de la Izquierda Dominicana (FID, Front der Dominikanischen Linken), in der sich folgende Organisationen wiederfanden: BS, Partido de los Trabajadores Dominicanos (PTD, Partei der Dominikanischen Arbeiter), Movimiento para el Socialismo (MPS, Bewegung für den Sozialismus), Union Patrotica Anti-imperialista (UPA Antimperialistisch Patriotische Union), die alle vorher schon zur Izquierda Unida (IU, Vereinigte Linke) zusammengeschlossen gewesen waren (nur die MPS hatte einem Block mit der Kommunistischen Partei angehört), sowie die Liga Comunista Revolucionaria (LCR, Revolutionär Kommunistischer Bund, sympathisierende Gruppe der Vierter Internationale), die in der Folge wieder. um sich mit dem BS vereinigen sollte [siehe INPREKORR Nr. 168].
Im Mai 1985 befand sich eine Delegation der FID in Europa. José Ramirez sprach mit den Genoss/inn/en Antonio Aquino, Carmen Sanchez und Enrique Pichardo über die Entwicklung der politischen Lage und den Einheitsprozels. Wir geben das Interview im folgende: erafft wider 000 Ramirez: Wie kam es denn zur Bildung der FID?
FID-Delegation: Die Politik des dominikanischen Regimes schuf ganz unvermeidlich soziale Spannungen, und es reagierte darauf mit einer scharfen Einschränkung der demokratischen Rechte. Bis zum 14. Juni 1983 waren alle Strömungen der revolutionären Bewegung in zwei Hauptbündnissen gruppiert. Da sie nun sahen, wie tief die Krise des Regimes war, wie heftig das soziale Chaos, und die starke Beunruhigung im dominikanischen Volk feststellten, kamen sie zur Übereinkunft, gemeinsam die FID zu bilden. Natürlich kam es dazu erst nach zahllosen Debatten. Dieses politische Ereignis löste im dominikanischen Volk große Hoffnungen aus, schuf aber auch wilde Panik unter den Kräften der Reaktion.
Sei es wie es sei, diese Einheitsinitiative ist inzwischen nicht mehr umkehrbar. Die Revolutionäre von heute sind überzeugt, daß sie ohne Einheit keine Kraft haben, um irgendwann den möglichen Sieg zu erringen. Diese Anerkennung der Notwendigkeit der Einheit ermöglichte es auch, daß heute die Debatte in der Linken vor allem um die aktuelle Lage der Region geführt wird, also über ideologische und politische Differenzen bei der Einschätzung der Lage der internationalen kommunistischen Bewegung und der Weltlage allgemein hinausgeht. Das heißt nicht, daß wir die zwischen den Komponenten der FID fortbestehenden Differenzen leugnen würden. Jede Organisation kann innerhalb der FID ihre eigenen Ansichten vortragen, zu jedem neuen Ereignis, wie es ihr am besten scheint. Jedoch erhebt die FID nicht den Anspruch, in ihren Rahmen diese Fragen zu lösen. Wesentlich ist die Ubereinstimmung darüber, dal wir bei weiterer Anwesenheit der ausländischen Monopolkapitale nicht fortbestehen können, als neokoloniales Land, und daß wir nicht die Tatsache hinnehmen können, daß das Proletariat und die verelendeten Massen des Landes nach wie vor unter dem Joch von Unterdrückung und Ausbeutung leben. Und deshalb ist es unsere Pflicht, uns und das Volk zu einen.
Antiimperialistische
Klasseneinheit
Mit diesen beiden Elementen als Fundament sind wir sicher, daß keine Kraft der Welt die dominikanische Revolution aufhalten kann. Unsere revolutionäre Perspektive ist dabei keine langfristige. Es ist unsere Generation, die die Aufgabe der Führung der revolutionären und Volksbewegung zum Sturz der Bedrücker zugespielt bekommen hat, die Aufgabe, unser Volk zu befreien, unser Land zum Erblühen zu bringen und die Bedingungen zu schaffen, die kurzfristig zur Errichtung der Diktatur des Proletariats führen. Das sind unsere Ziele und um diese haben wir uns vereinigt. Ramirez: Die Vereinigung von Organisationen mit verschiedenen politischen und organisatorischen Traditionen muß doch einige Probleme aufwerfen. Wie habt Ihr versucht, die Fragen der Zusammenarbeit in der FID zu lösen, ebenso die Frage der Beziehungen zwischen FID und Massenbewegung?
FID-Delegation: Zunächstmal sind wir in der FID über die Analyse der gegenwärtigen Lage und über den von
Präsident Salvador Jorge Blanco Kevolutionären einzuschlagenden Weg alle der gleichen Meinung. Damit sind alle weiteren Probleme, die auftauchen könnten, zweitrangiger Natur. Auch herrscht ein Geist freundschaftlicher Zusammenarbeit zwischen den Revolutienären verschiedener Organisationen. Manchmal ist es in der Praxis unmöglich zu erkennen, wer Mitglied der PTD, der Kommunistischen Partei, des BS oder der UPA ist.
Damit will ich nicht sagen, alle Probleme seien gelöst. Sie sind da und brechen vereinzelt in „avantgardistischem" und sektiererischem Verhalten hervor. Wir schreiben jedoch solche Vorfälle Überresten der Vergangenheit zu. Sie sind fast unvermeidlich, aber sie sind nicht Ausdruck der Mehrheitsströmung der FID. Es ist das Benehmen einer Strömung im historischen Niedergang. Ein weiteres Problem liegt in den Strukturen der FID. Bis November 1984 war die FID eine lose Koordination und nicht wirklich eine revolutionäre Front. Delegierte der verschiedenen Organisationen waren in allen Körperschaften der FID vertreten. Daher flossen nur 15 bis 20 Prozent derer Energien in die FID ein, der große Rest der Aktivitäten wurde im Rahmen ihrer politischen Herkunftsorganisation betrieben. So konnte es nicht weitergehen, es sei denn, man wäre zu der Überzeugung gelangt, die FID sei bloß eine passive Agitprop-Bewegung. Um die FID zu einer revolutionären Bewegung zu machen, mußten entsprechende organisatorische Maßnahmen ergriffen werden.
Es ging auch darum, die Front mit der Arbeiterklasse und den Volksmassen zu verbinden. Dies war ein weiteres bedeutendes Element. Die Mehrheit der Massenorganisationen, die im Laufe der Jahre im Kampf des Volkes eine wichtige Rolle erworben hatten, steht inzwischen unter dem politischen Einfluß der FID. Ein Schritt nach vorne in der Strukturierung der FID war die Schaffung einer geeinten Führung in Gestalt einer Exekutivkommission, die auch tatsächlich als politische Führung anerkannt werden konnte, die in der Lage ist, Beschlüsse zu fassen, ohne sie alle zuvor von einer Vollversammlung absegnen zu lassen. Diese Kommission ist die einzige, die nach dem Konsensprinzip arbeitet. Alle anderen fällen Mehrheitsentscheidungen. Das wurde so geregelt, weil das Durchsetzen von Mehrheitsbeschlüssen in bestimmten Teilen des Bündnisses Mißtrauen geerntet hätte.
Zur Zeit hat die FID kein/en feste/n Sprecher/in. Sie hat eine Zeitschrift namens Abril. Die politische Kommission hat eine/n Sprecher/in. Aber da die FID aus verschiedenen Organisationen besteht, wird jeden Monat rotiert. So wird auch in allen anderen Gremien diese Methode angewandt, doch ist sie kein verbindlicher Beschluß, der auf allen Ebenen angewandt werden müßte. Es gibt Regionen und Ortsverbände, die hauptamtliche Sprecher/innen haben. Diese werden von einem Plenum aller vor Ort vertretenen Gruppen gewählt, ebenso bei Provinzen oder Regionen. Diese Personen haben dann die reale wie moralische Autorität, die der Ausfüllung der Leitungsfunktion in dem gegebenen Gebiet nötig ist. Das brachte uns große Fortschritte in der Fähigkeit, Aktionen einzuleiten. Kein Mensch greift heute noch eine/n Sekretär/in eines Orts- oder Stadtkomitees wegen seiner/ihrer politischen Herkunft an. Bis letzten November mußten wir, um einen beliebigen Beschluß zu fassen, Mitgliederversammlungen der verschiedenen Organisationen zusammentrommeln. Inzwischen sind die nationale, die regionale, die Provinz- wie die lokale Führung der FID, aber auch die Massenorganisationen zu kollektiven Strukturen geworden.
Als wichtig festzuhalten ist auch, daß wir eine nationale Abteilung für die Massenfronten eingerichtet haben. Diese gliedert sich in Unterabteilungen von Kadern, die für klar begrenzte Bereiche verantwortlich sind: Bauern, Arbeiter, Jugend, Frauen, Kultur etc. Zuvor hatten wir auch dafür jeweils kein Programm oder Modell. Jetzt haben wir ein politisches Projekt und wissen jederzeit, was wir wollen und wie wir es kriegen. Verschmelzen von Avantgarde und Massenbewegung
Für viele Revolutionäre in Lateinamerika ist die Massenbewegung alles und sind die allgemeinen Endziele nichts. Deshalb wurden von uns so viele Fehler begangen. Auch in der Dominikanischen Republik haben wir schwere Zeiten durchgemacht, weil wir dem Spontaneismus und den improvisierten Lösungen nachgeben wollten. Schließlich erkannten wir, daß wir auf dieser Basis nicht politisch handeln konnten. Dies spiegelt natürlich eine gewisse politische Reifung wider. Das wesentliche ist jedoch, daß wir die Bildung einer Organisation der Revolutionäre erreicht haben und diese über die Nabelschnur großer taktischer und strategischer Kapazitäten mit der Arbeiter- und Bauernbewegung, mit den Massen im allgemeinen verbunden ist. Die Vermengung der Massenbewegung und der Bewegung der politisch Wachen hat die eine wie die andere gestärkt, sodaß es heute unmöglich ist, daß die eine sich ohne die andere noch weiterentwickeln könnte. [...] Die FID ist nicht nur die Summeihrer Teile. Aberdutzende, die nicht Mitglied einer der politischen Organisationen waren, sind der FID beigetreten. Schon allein deshalb übrigens kann sich die FID nicht mehr als Gruppierung verschiedener Organisationen aufführen. Ramirez: Im April 1984 erlebte die Dominikanische Republik eine riesige Welle sozialer Unruhen. Die Volksmassen strömten auf die Straße, um gegen den von der Regierung umgesetzten Plan des Internationalen Währungsfonds zu protestieren. Welche Rolle spielte die FID in der politischen Führung dieser populären Protestbewegung?
FID-Delegation: Zu der Zeit hatte die FID noch nicht das Ausmaß an Koordination und Entwicklung wie heute. Dennoch waren wir in der Lage, zwischen Januar und März 1984 im ganzen Lande breite Mobilisierungen ingang zu setzen. Die Entlarvung der Regierungspolitık und die Mobilisierungen gegen das IWF-Abkommen schufen die Basis für die Reaktion des Volks im April 1984. Natürlich war es zugleich ein spontanes Geschehen, aber es hatte seinen Ursprung in Beschlüssen der politischen Leitung der FID. Damals war die FID jedoch nicht der Meinung, daß die Bewegung die ganze Nation erfassen würde, da sie lokal begrenzt begonnen hatte. Aus diesem Grunde kann von einer spontanen Bewegung gesprochen werden, ohne das Vorhandensein einer politischen Führung abzuleugnen; beide Elemente waren vorhanden.
Während dieser mit Steinen ausgetragenen „Volkserhebung" wurde vom dominikanischen Volk kein einziger Schuß abgefeuert. Die Regierung der Partido Revolucionario Dominicano (PRD, Dominikanische Revolutionäre Partei) jedoch befahl Repressionsmaßnahmen, die zu über 100 Toten, 500 Verwundeten und 5000 Verhafteten führten. Der Regierung schien dies egal zu sein, denn am 26. April 1984 gratulierte der Präsident der Garde und der Polizei über Radio
und Fernsehen für ihr beispielhaftes" Verhalten.
Durch die Ereignisse vom April 1984 entstand eine neue Situation im Lande. Die Beziehungen zwischen den Klassen wurden weitgehend verändert. Die Menschen begannen zu sehen, daß sie so wie bisher nicht weiterleben konnten. Dies war es, was die politische Szene der Republik so total umkrempelte. Von da an schuf sich eine vorrevolutionäre Lage, wie wir es nennen.
Die Krise des Regimes ist akut. Und selbst konservative Elemente wie die Katholische Kirche suchen verzweifelt nach einer Lösung, die die sozialen Spannungen mildern könnte. Im Moment tritt die Kirche als Mittlerin zwischen den verschiedenen rechten Organisationen auf, damit diese bei den Wahlen von 1986 — falls sie dann überhaupt stattfinden — eine gemeinsame Kandidatur präsentieren.
Unruhe bei den Herrschenden
Ein zweites Ziel, das Rechte und Kirche vertolgen, ist die Unterzeichnung eines Pakts zwischen den grölsten Gewerkschaftsbünden, der Regierung und den Bossen. Ihre Absichten verleiten sie sicher nicht dazu, den reaktionären Charakter dieses Pakts zu verbergen. Er ist allein schon deshalb reaktionär, weil die Mehrheit des dominikanischen Volks ohnehin nicht unter ihn fallen kann. Etwa 32 % der aktiven Bevölkerung ist arbeitslos und 58 % arbeitslos oder unterbeschäftigt. Alle diese Leute werden von den Rechten ignoriert, die nur an einem Abkommen mit der Minderheit auf Kosten der Mehrheit interessiert sind. Selbst wenn der Pakt also zustandekommt — also eine Anpassung des Lohnniveaus — wird dadurch die Lage der riesigen Masse des dominikanischen Volks kaumberührt werden, geschweige denn die Wirtschaftslage. Außerdem kann kein Gewerkschaftsverband mit Selbstachtung, der die Ansichten seiner Mitglieder mit in Betracht zieht, so ein Abkommen unterzeichnen. Heute ist eine Übereinstimmung von Bossen, Gewerkschatten und Regierung unmög lich, weil die Widersprüche der Gesell schaft zu scharf sind. Die Kräfte der Reaktion versuchen daher nicht, eine gesellschaftliche Explosion zu verhindern, sondern sie zu verschieben, um in der gewonnenen Zeit sich ein weiteres Manöver auszudenken.
Ramirez: Welche politischen und organisatorischen Lehren zog die FID aus den April-Ereignissen 1984} FID-Delegation: Unsere Ansicht ist, daß die revolutionäre Bewegung unglücklicherweise nicht zum Aufstand in der Lage war, und das war schmerzhaft für uns. Wir begegneten in den Stadtvierteln und Landregionen Tausenden von Menschen, die sich entschlossen hatten, diesen protesta gegen Hunger und Elend in einen wahren Aufstand zu überführen, der die Vertreter des Imperialismus und der kreolischen Raktion hinwegfegen würde. Aber wir waren nicht ausreichend vorbereitet - das ist die zentrale Lehre der damaligen Lage. Es geht nicht darum zu jammern, daß es so war, sondern sich der real gestellten Probleme bewußt zu werden. Bis dahin hatten wir über Revolution nur alsetwas Abstraktem geredet, so als sei sie bloße Theorie. Wir verstanden, wenn wir über Revolution sprachen, nicht, daß ihre Wirklichkeit so viel mehr bedeutete, als was wir in der Lage gewesen waren zu besprechen. Und alles, was wir bis dahin gesagt hatten, waren nur Absurditäten oder Übertreibungen im Vergleich mit der Verantwortung, die da auf uns zukam. Mit allen unseren Mängeln sind wir doch die einzigen, die jene Verantwortung tragen können. Als wir sahen, der Zeitpunkt ist gekommen, aber wir sind nicht vorbereitet, die Lage zu meistern, befanden wir uns in der mißlichsten La- EC. die sich für Revolutionäre ergeben Trotzdem konnten wir dann unsere Erfahrungen sammeln und auswerten. Wir wußten uns nach dem Sturz wieder hochzurappeln, waren in der Lage, die Niederlage durchzustehen, uns wieder zu erholen und geeint voranzuschreiten. Deshalb steht in unseren Augen der Tod Dutzender Genossinnen und Genossen im April 1984 nicht für eine Niederlage, sondern für eine wichtige politische Lektion. Wir merkten, daß wir nicht einfach es bleiben lassen konnten, die historische Verantwortung zu übernehmen, die ich oben nannte. Deshalb konnten wir schließlich voranschreiten. Es steht außer Zweifel, daß ein zweiter spontaner Ausbruch im Stile von April 1984 unmöglich ist. Aber — damit niemand sich Illusionen machen kann über die neue Lage, die wir mitschaffen — die nächste Zeit wird von massiven Zusammenstö- Ben markiert sein!
Der Herausgeber der Zeitung Listin Diario in Santo Domingo untersuchte jüngst den Einfluß der Revolutionäre beim protesta vom 11. Februar 1985. Er spekulierte darüber, warum Großunternehmer in Santo Domingo und die reichen Grundbesitzer der Conde-Strasse, der Duarte-Avenue, der Avenue des 30. März, die ja wohl sicher sich keine Revolution wünschen, eine solche Protestbewegung unterstützt hatten. Was geschah, und was dieser Herr nicht verstehen mag, ist, daß ein neuer Wind wehte und jeder da mal seine Nase reinhalten wollte, sogar die Gardisten und Polizisten. Wir sind längst nicht mehr die kleine Gruppe junger Heißsporne, die sie BS-Führer Octavio Rivera früher in uns sahen. Die Leute können uns nicht vorhalten, wir seien zu jung, da wir alle über 35 sind, und politisch sind wir gereift, und das ist die entscheidende Sache.
Von spontaner zu geplanter Mobilisierung
Der Streik vom 11. Februar war Resultat jener Entwicklung. Wir haben einen Generalstreik organisiert, dessen Vorbereirung auf den Erfahrungen aus partiellen, regionalen oder sektoriellen Streiks aufbaute. Unser Ziel ist jetzt die Organisierung eines zweiten Generalstreiks mit noch größerer sozialer Bandbreite. Wir wollen keinen 24-Stundenstreik mehr, sondern einen längeren. Wir wollen die protesta-Bewegung auf nationaler Eben bündeln, um im Volk die Gewißheit zu stärken, daß die Zukunft in seinen Händen liegt. In dieser Hinsicht unterscheidet sich die Dominikanische Republik von anderen Ländern Lateinamerikas. Wir haben beispielsweise den Generalstreik in Bolivien erlebt, der über eine Woche dauerte. Ein solcher Streik in der Dominikanischen Republik — und die Regierung wäre entmachtet. Keine Regierung könnte einem solchen Streik standhalten, denn das dominikanische Volk würde sich nicht mit einem normalen Streik begnügen. Es stünde auf der Straße, um die Rechnung zu präsentieren und sich selbst Gerechtigkeit zu verschaffen.
Ramirez: Die Bildung der FID hat Auswirkungen auf die anderen politischen Kräfte gehabt, die auf die Massen Einfluß ausübten. oder noch ausüben. Welche Orientierung gab sich die FID, um auch die Teile der Massen für sich zu gewinnen, die noch unter dem Einfluß bürgerlicher Formationen stehen?
FID-Delegation: Wir legen großen Wert auf die Nationale Koordination der Massen, die gerade zusammenge-
stellt wird. Mit auf landesweiter Ebene 300 Mitgliedsorganisationen und einer Verankerung in den zehn wichtigsten Provinzen des Landes sind in ihr nicht nur Aktivist/inn/en der Linken vertreten. Eigentlich ist die Mehrheit der Leute, aus denen die Organisationen der Koordination zusammengesetzt sind, nicht links. In den Provinzen, in denen es entsprechende Koordinationen gibt, nehmen christliche Organisationen teil und auch solche, die unter dem Einfluß der „offiziellen" Strömung stehen [z.B. die Gewerkschaft Union General de Trabajadores Dominicanos, die mit der regierenden PRD liiert ist, d.Red.]. Deren ideologische Einflüsse gibt es nach wie vor. Aber in politischer Hinsicht fühlen sich die Massen immer mehr durch die FID vertreten. Wir führen auf der ideologischen Ebene eine Kampagne in der Bevölkerung, in der wir die Überzeugung zu verbreiten versuchen, das ihre Zkunft, ihr Schicksal in ihren Händen liegt.
Da die Diskrepanzen zwischen den Klassen so groß geworden sind, ist die Bevölkerung ziemlich empört und zu handeln bereit. Damit will ich nicht sagen, daß die Massen in ihrer Gesamtheit unter dein Einfluß der FID stehen. Wir kämpfen für eine Änderung ihrer Denkweise, und wir hoffen, dieses Ziel ineiner kurzen Zeit zu erreichen.
Ramirez: In den großen Mobilisierungen im Januar und Februar 1985 wurde die FID auf die Probe gestellt. Welche Bilanz zieht Ihr aus den Aktionen? FID-Delegation: Wir haben zu diesem Thema einen Text mit dem Titel »Bilanz für die Aktion« veröffentlicht. Er enthält mehr als eipe Bilanz, denn er definiert unsere politische Orientierung für die Zukunft. Die Mobilisierungen von Anfang 1985 sind ein Ertolg gewesen. Sie waren die Antwort des dominikanischen Volks auf eine Politik, die sich gegen die Massen richtet. Die Aktionen haben am 28. Januar mit vereinzelten Arbeitsniederlegungen begonnen. Die Regierung befahl die Unterdrückung dieser Streiks, weil sie eine Wiederholung der Ereignisse vom April 1984 befürchtete. In diesem Moment waren wir nicht zu irgendwelchen überkühnen Aktionen bereit. Sicher wollen wir das Volk an die Macht bringen, aber am 28. Januar schien uns dafür die Stunde noch nicht gekommen.
Wir wollten unseren Protest artikulieren, seinen Organisiertheitsgrad erhöhen und seine verschiedenen Elemente bündeln, um den entscheidenden Moment der Machtübernahme näherzubringen. Darum haben wir auf den Einsatz der Armee mit Streiks reagiert. Der Truppeneinsatz ging ins Leere, weil es keine Straßendemonstrationen und keine Zusammenstöße gab. Die Mobilisierungen und Streiks mündeten am 11. Februar in den 24-stündigen Generalstreik — ein Ereignis von großer politischer Bedeutung.
Es ist schwer, die gesamten Aktivitäten eines Landes zu 90 oder 95 % stillzulegen. Aber in Santo Domingo hatten Industrie und Handel vollständig aufgehört zu funktionieren. Selbst die Touristen, die sich vor dem Streik in den Hotels eingenistet hatten, verließen das Land. Die Mobilisierungen von Januar und Februar waren der Startschuß einer längeren Periode des Kampfes des dominikanischen Volks gegen seine Unterdrücker.
Die wichtigste Aufgabe ist es jetzt, den Kampf gegen den IWF zu verstärken. Dazu müssen wir eine präzise Orientierung haben. Nächstes Ziel ist ein neuer Generalstreik, der länger dauern und breiter sein soll. In diese Aktion müssen dann die neuen Schichten einbezogen werden, die jüngst an den Streiks teilnahmen. Teilstreiks an be- C 200 Atlantic
Miles
Ocean
DOMINICAN
REPUBLIC
JAMAIC
Caribbean Santo
HAITI Domingo
Sea stimmten Orten oder in bestimmten Branchen dienen zur Vorbereitung des zweiten landesweiten Streiks... Was die Forderungen betrifft, so muß man sich da auf Enteignungen von bzw. staatliche Kontrolle über das Finanzkapital konzentrieren, nicht über das Kapital insgesamt. Konkret bedeutet dies heute Nationalisierung des Bankensystems und Kontrolle der Devisen. Vorrevolutionäre
Krise?
Ramirez: Daß sich die Massenbewegungen in der Dominikanischen Republik radikalisieren, steht außer Zweifel. Ihr habt aber wiederholt vom vorrevolutionären Charakter der Situation gesprochen. Könnt Ihr die Faktoren, die eine solche Charakterisierung in den Augen der FID rechtfertigen, noch einmal genauer erläutern?
FID-Delegation: Es sind mehrere Faktoren. Die wichtigsten davon haben wir mehrfach hervorgehoben: die fortschreitende Koordination und Organisation der Massen und die wichtige Rolle der FID in diesem Prozeß. Aber es gibt noch einen anderen Aspekt. Die herrschenden Gruppen, z.B. die Regierungspartei PRD, sind in den Augen der Massen völlig diskreditiert. Und den übrigen Verteidigern des Systems geht es noch jämmerlicher. Das ist ein Punkt von gro- Ber politischer Bedeutung, und es ist der Grund, warum die Kirche als Vermittlerin interveniert, ohne daß es ihr jedoch gelänge, die politischen Formationen des Regimes zu einer Vereinbarung zu bringen. Sie hoffen, daß wir uns mit einer Konfrontation auf Wahlebene mit ihnen zufriedengeben. Sie glauben, wir tappen in diese Falle. Die FID hat diese Frage noch nicht besprochen. Und möglicherweise wird sich diese Diskussion erübrigen, wenn — wie wir sehr hoffen - die entscheidende Konfrontation vor dem Wahltermin stattfinden wird. Kommt es nicht zur revolutionären Erhebung, werden wir die Wahlfrage diskutieren müssen.
Die Tatsache, daß die Kirchenführung politisch wieder in Szene tritt, ist für die Schwäche des Regimes ein deutlicher Beweis. Sicher ist die Kirche zu allen Zeiten eine ideologische Waffe des Systems, aber im allgemeinen scheut sie das Rampenlicht der Politik, um so das Volk um so besser täuschen zu können. sauen des poltechen Außerdem stecken die wichtigsten Säulen des politischen Systems, das Abgeordnetenhaus und der Senat, in einer Dauerkrise. Neulich konnte mehr als zwei Monate lang keine dieser Instanzen tagen, weil man sich nicht einmal auf einen Sekretär einigen konnte. Es gab sogar in beiden Kammern je zwei Präsidenten. Seit November 1984 liegt dem Abgeordnetenhaus ein Haushaltsentwurf vor; aber die Abgeordneten brachten noch nicht einmal das für eine Debatte nötige Quorum zustande.
Die Dominikanische Republik dümpelt so dahin, kein Schwein glaubt mehr an ihre Institutionen, und nun sind auch die Verteidiger des Regimes nervös geworden. Das Regime ist derart korrupt und verfault, daß es kaum zu glauben ist. Es gibt keinerlei Autorität mehr. In der Stadt Santiago zum Beispiel erfüllt der Gouverneur schon seit geraumer Zeit seine Funktionen nicht mehr. Und die Zentralbank ist nur noch eine Buchhaltungsstelle; sie kontrolliert die Geldausschüttung nicht mehr. Zudem sehen sich die herrschenden Kreise einem weiteren gravierenden Problem gegenüber: einem Volk, das über die antinationale und massenfeindliche Vereinbarung mit dem IWF empört ist, und einer revolutionären Bewegung, die in den Massen fest verankert ist.
eine nein dige bekaten haben. Alis diesen Gründen nennen wir die Situation, in der wir uns befinden, vorrevolutionär.
NICARAGUA
Lernen aus der Erfahrung
Nach 1979 trug die FSLN noch selber zur Abwendung der Miskitos von der Revolution bei. Inzwischen macht sie sich gemeinsam mit ihnen an die Vorbereitung der Autonomie. Jacqueline Allio
In Polen bewirkte die offizielle Unterstützung der Bürokratie für die sandinistische Regierung unter den antibürokratischen Kämpfern Verdacht und spontan ablehnende Reaktionen. Besonders auf Vorwürfe der nationalen Unterdrückung gegenüber Minderheiten reagieren die Oppositionellen in Polen empfindlich — wegen ihrer eigenen Geschichte und der Osteuropas im allgmeinen.
Der folgende Artikel erscheint in der Sommerausgabe 1985 der polni-, schen Zeitschrift der Vierten Internationale, Inprekor, um die Fragen bezüglich der sandinistischen Haltung zum Indianerproblem zu beantworten, die durch die Radiosendungen des Westens sich in Polen verbreitet hatten. Der Text wurde leicht gekürzt.
Q00
Seit dem Sieg der Sandinisten haben die westliche Presse und die „freien Radiostationen" , die nach Osten ausstrahlen, am laufenden Bande die FSLN als eine neue Kolonialmacht angeklagt, die die Indianer der Atlantik-Küste, die Miskitos, massakriert.
Um zu verstehen, was in dieser Region geschieht, müssen wir uns vor Augen halten, daß, als Somoza fiel, 6000 Nationalgardisten in Lagern in Honduras Zuflucht fanden, die von den USA finanziert werden und sich der wohlwollenden Duldung der hondurenischen Armee erfreuen. Der US-Präsident Ronald Reagan hat es nicht für nötig befunden zu verheimlichen, daß er sich vorstellt, diese somozistischen Truppen zur Invasion der Atlantik-Küste zu benutzen - im Rahmen eines umfassenderen Plans der Destabilisierung der sandinistischen Revolution.
Seit 1979 haben die Contra-Truppen ihren Druck auf die nördlichen Teile des Landes aufrechterhalten, die vor allem von den Miskitos bewohnt werden. Die eingeborene Bevölkerung war das erste Opfer der bewaffneten Zusammenstöße längs des Rio Coco, der die Grenze zwischen Honduras und Nicaragua markiert.
Achillesferse
Warum sind die Probleme dieser Region zur Achillesferse der sandinistischen Regierung geworden? Wir müssen verstehen, daß die Atlantik-Küste von den Engländern kolonisiert wurde und erst 1894 gegen den Willen der Bevölkerung an Nicaragua abgetreten wurde. Diese Bevölkerung setzt sich aus 60 000 Miskitos, 10 000 Sumos, 1000 Ramas und schwarzen Kreolen, die von aus Jamaika importierten Sklaven abstammen, zusammen. Alle diese Gruppen haben schon immer die Bewohner der Pazifik- Küste mit Mißtrauen, ja Feindschaft betrachtet und nennen sie „Spanier" Hinzukommt, daß die indianische und schwarze Bevölkerung vollständig zur protestantischen Kirche der Böhmisch-Mährischen Brüder bekehrt war, während der Rest Nicaraguas katholisch ist. Im Laufe der Zeit wurden die moravischen [mährischen] Pastöre zu den eigentlichen Führern der schwarzen und indianischen Gemeinden und ersetzten die traditionellen Hierarchien. Weiterhin geriet gegen Ende des vorigen Jahrhunderts die Wirtschaft der Region unter die Kontrolle von in den USA ansassıgen Trusts, wodurch sie dem übrigen Nicaragua fremde Eigenschaften annahm. In den 20 Jahren (1912 - 1933), die das Land von US-Truppen besetzt war, zögerten die US-Amerikaner nicht, ihre wirtschaftliche und politische Kontrolle über die Region dadurch zu erhöhen, daß sie die Spaltungen zwischen den ethnischen Gruppen steigerten und un-. ter den Minderheiten rassische Vorurteile förderten.
Jedoch während sie die Indianer in den Goldminen rücksichtslos ausbeuteten, entwickelten die großen US-Konzerne auch das bißchen an sozialen Dienstleistungen, was in der Region existiert. Dies setzte sie leicht in die Lage, die ortsansässige Bevölkerung davon zu überzeugen, daß US-Einrichtungen den nicaraguanischen überlegen sind. Diese Aufgabe wurde dadurch erleichtert, daß zu der wirtschaftlichen und kulturellen Trennung der beiden Landesteile auch noch die geographische Barriere hinzukam (so verband keine Straße beide Küsten miteinander).
Alle diese Faktoren erklären, wieso die Menschen der Atlantik-Küste an keinem der politischen Kämpfe teilnahmen, die während der letzten 100 Jahre das Land heimsuchten. im Kampf Sandinos in den 30ern spielten sie keine Rolle, auch nicht im langdauernden Guerilla-Kampf der FSLN, wenn auch ein Teil von ihnen nach dem Sturz Somozas sich entschloß, die Frente zu unterstützen. 1973 hatten miskitische Intellektuelle eine Organisation gegründet, die die Rechte der Eingeborenen gegen die Diktatur Somozas verteidigte, und im November 1979 beschlossen sie, die Revolution zu unterstützen. Damals entschloß sich die Gruppe, sich MISURASATA (Sandinistische Allianz der Miskitos, Sumos, Ramas) zu nennen und wurde zur einflußreichsten Organisation in der Region. Jedoch war die Bevölkerung in keiner Weise auf die drastischen Veränderungen nach dem sandinistischen Sieg 1979 eingestellt. Unter Somoza hatten die Miskitos selten einmal Nicaraguaner von der Pazifik-Küste zu Gesicht bekommen. Nun strömten Kader und Techniker in wachsenden Scharen herbei, die ökonomische und soziale Projekte umsetzen sollten, die man sich in Managua ausgedacht hatte. Als dann an der Grenze die Spannungen zunahmen, kam eine Flut von Militärpersonal hinzu. Und die Miskitos waren an den Anblick von Soldaten seit dem Abzug der US- Truppen 1933 nicht mehr gewohnt. Die somozistische Repression war nicht sehr
sichtbar gewesen, außer in den Bergbaugebieten. Deshalb erschien ihnen nun der Anblick so vieler Soldaten als eine Art Invasion ihres Landes. Dies umso mehr, als die „Spanier" von Kultur und Traditionen der Völker der Atlantik-Küste keine Ahnung hatten. Durch den Hang der sandinistischen Aktivisten auf der einen Seite, oft schlecht ausgebildet, wie sie waren, in jedem, der ihnen widersprach, einen Konterrevolutionär zu sehen, und dem Hang der Menschen an der Atlantik-Küste, in jedem Schritt der „Spanier" Kolonialismus zu erblicken, sammelte sich eine riesige Menge Zündstoff an.
„Es gibt nur eine nicaraguanische Nation"
In ihrem Drang, das Land um das revolutionäre Ziel zu einen, begingen die sandinistischen Füheer eine Reihe von Fehlern, manchmal gar schwere, was sie heute auch zugeben. Angefangen mit den häufigen Erklärungen der Frente, daß es „nur eine Nation Nicaragua" gibt, daß die Indianer der Atlantikküste „Nicaraguaner wie der Rest" sind oder daß MISURASATA sich vor allem vornehmen sollte, „ein nationales Bewußtsein mitzuschaffen, patriotisches Gefühl zu verbreiten."
Indem die Frage auf diese Weise gestellt wurde, unterschied man nicht zwischen Staat und Nation. Dies mußte den Miskitos und anderen an der Ostküste ihr Verlangen nach nationaler Selbstbestimmung als aussichtsloserscheinen lassen. Es wurde nicht wahrgenommen, wie sehr die Miskitos in ihren eigenen Dokumenten die Notwendigkeit betonten, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, ihre kulturelle Identität wiederzugewinnen, die Möglichkeit zur Benutzung der eigenen Sprache zu haben. Die ersten Dokumente der FSLN akzeptierten eine Reihe dieser Forderungen. Aber ihre Praxis sah unglücklicherweise ganz anders aus. So wurde die Alphabetisierungskampagne, ein essentielles Mittel der Emanzipation des nicaraguanischen Volks, anfangs nur für das Spanische geplant. Es war nötig, daß MISURASATA Druck ausübte, damit diese Arbeit auch in den einheimischen Sprachen angegangen wurde. Bezüglich der Selbstorganisation beschränkten sich die Vertreter der FSLN trotz den Versicherungen, es ginge um Respektierung und „Unterstützung der besonderen Organisationsformen der eingeborenen Gemeinschaften," in der Praxis oft darauf, direkt der FSLN verbundene Organe wie die CDS, die AMNLAE usw. einzurichten. Das Resultat war katastrophal.
Die wirtschaftlichen und politischen Schwierigkeiten, denen sich die Front im ganzen Land gegenübersah, erklären natürlich, warum die Frente nicht auf alle Forderungen der Einheimischen sofort eingehen konnte. Aber sie rechtfertigen in keiner Weise den Paternalismus, der sich in so vielen offiziellen Statements wiederfindet, die die „Rückständigkeit" der Miskitos und ihr „niedriges Bewußtseinsniveau" konstatierten. Der Innenminister Tomas Borge sagte: , Wir dekolonialisieren sie;" und William Ramirez sprach von „unseren Indianern". Wie konnte es übersehen werden, daf allein schon die Tatsache, daß die Einheimischen von den Sandinisten als „Spaniern" sprachen, wie sie es schon immer, auch zu Somozas Zeiten, von der Zentralregierung gesagt hatten, auf ein darunterliegendes Problem hinwies? Einiges weist darauf hin, daß die FSLN nicht als Kollektiv und voll davon überzeugt war, daß es eine besondere Unterdrückung der Minderheiten gibt. So ließ sich Luis Carrion, Verantwortlicher für die Atlantik-Küste, in der Frage der Sprachen zu der Behauptung hinreißen, er zweifle, ob Miskito „eine echte Sprache darstellt." Er betonte, daß ein Gutteil der Bewohner der Küste Mischlinge seien, man daher die nationale Frage nicht übertreiben solle.
Es fällt ins Auge, wie oft die Führer der Frente in ihren Analysen die rassischen Unterschiede zwischen den verschiedenen Minderheiten - die ein tatsächliches Problem sind - betonten, als ob dies eine überzentralisierende und normative Herangehensweise an die Probleme rechtfertige. „Sie besitzen ein Rassenbewußtsein, sagte solch ein Führer. HONDURAS
Mocoron
Siedlungsgebiete der Miskito und anderer Minderheiten
Tasba Pri Waspam
NICARAGUA Puerto Cabezas
Managua
Wenn dies nun stimmt, bedeutet es dann nicht auch, daß die Revolution nicht notwendigerweise für die eingeborene Bevölkerung die gleiche Bedeutung haben muß wie für die von Somoza unterdrückten Massen? Die Sandinisten schienen davon überzeugt, daß die materiel. len Errungenschaften der Revolution schließlich alle Probleme lösen würden.