Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Britannien

Partei neu gründen

· Inprekorr Nr. 171, Juli 1985 · S. 4-8 · 3.944 Wörter

Großbritannien Gewerkschaften und Streiks Frauen

Unkorrigierter maschineller Text (OCR). Jede Seite verweist auf ihren Scan; vor dem Zitieren bitte dort prüfen.

Partei neu gründen Tony Benn zeichnet für Socialist Action, Organ der revolutionäre Sozialist/inn/en in der Labour Party, rosige Perspektiven. Der Streik der Bergarbeiter beflügelte ihn SA: Genau cor einem Jahr, als der Bergarbeiterstreik gerade begann, habeich Dich interviewt. Wie siehst Du nun die Lehren aus diesem einen Jahr Kampf und wie hat es die britische Politik verändert? Benn: Es wareinglänzender und mutiger und hingebungsvoller Kampf, der uns in 12 Monaten mehr politische Schulung verpaßte als die ganzen letzten 50 Jahre Geschichte der Arbeiterbewe- Wenn man den Streik mal in eine historische Perspektive einordnet - die 30er Jahre, die Erfahrung in der Zeit, das Wiederaufleben der Wirtschaft im Krieg und der Optimismus nach der Niederlage des Faschismus gaben der Arbeiterbewegung große Chancen. Durch die Regierung Attlee schuf sie den Wohltahrtskapitalismus. Das waren groise Errungenschaften, weil das Kapital für eine Zeit gezwungen wurde, der Arbeit Vollbeschäftigung einzuräumen, und dies verwandelte die Aussichten der Labour Party, finanzierte den Sozialstaat und so weiter. [Der Konservative Premierminister] MacMillan führte ihn weiter, und [der Labour-Rechte] Gaitskell las daraus die Botschaft heraus, Sozialismus und Gewerkschaftswesen seien irrelevant.

Mit Beginn im Jahre 1959 ebnete der Revisionismus der Labour-Rechten, die ihren Ausdruck in Gaitskells Konferenzrede 1960 fand, der Wiederbelebung der Rechten den Weg, auch schon für den Thatcherismus. 1979 besetzte sie das Territorium, das sie evakuiert hatten.

Das alles muß gesagt werden, um zu erklären, warum es nach Thatchers Regierungsübernahme eine solch schreckliche Demoralisierung in der Gewerkschafts- und Arbeiterbewegung gab, warum die Stahlarbeiter in die Niederlage marschierten, ohne daß der Rest der Bewegung wirklich in den Kampf getreten wäre, warum [die Eisenbahnergewerkschaft] ASLEF und [die Druckergewerkschaft] NGA im Stich gelassen wurden, warum die Schlacht um [die gewerkschaftliche Organisierung im Geheimdienstzentrum| GCHQ so kümmerlich war, warum wir 1983 geschlagen wurden, weil die sozialistische Alternative nicht glaubwürdig präsentiert wurde, warum die SDP unsere Keihen verließ (weil sie fühlten, daß sie die Führung von Kampagnen und die Stärke des Sozialismus in der Bewegung nicht mehr unter Kontrolle halten konnten) und so weiter.

Dies mufs gesagt werden, um den kontrast deutlich werden zu lassen zwischen all den Jahren des Rückzugs von 1959 bis 1979 - und nochmal vier Jahre weiter —mit all der Demoralisierung, und dann plötzlich stand da eine größere Gewerkschaft, die NUM, die den Boden vorbereitet hatte, die Mitgliedschaft vorgewarnt, beschlosen hatte, Widerstand zu leisten und kämpfte.

Ich glaube, daß der Widerstand der Bergarbeiter, der in vollstem Umfangein Jahr anhielt, alle Annahmen umgeschmissen hat. Ich weiß, daß die Frauen von Greenham zuerst das Schlachtfeld betraten, aber die Bergleute gingen im Großmaßstab vor und so, daß die Arbeiterbewegung auf lokaler Ebene tatsächlich seine Reihen schloß. Durch sie fielen die Argumente für die Gewerkschaften und den Sozialismus in jeder Ortsgruppe mithilfe der Unterstützungsgruppen und der Frauenaktionsgruppen wieder auf fruchtbaren Boden. Daß die Frauen ihre eigene Stärke und Kampffähigkeit wiederentdeckten, war von einzigartiger Bedeutung und Folgenschwere. Das alleine schon hat das Bewußtsein der Leute verändert, egal, was das Ergebnis des Streiks ist — und der Kampf ist noch nicht völlig vorbei. Erstens wurde bewiesen, ihr könnt kämpfen. Zweitens, wenn ihr es tut, dann werfen sie euch den gesamten Staatsapparat entgegen — Polizei, Gerichte, Medien, den Herzog von Edinburgh, und was es sonst noch gibt. Der Kampf alleine war schon ein Sieg

Aber dieser Druck auf die Arbeiterbewegung war nicht von Erfolg gekrönt. Die Tony Benn

Bergarbeiter gingen an die Arbeit zurück, weil sie ohne Geld nicht mehrleben konnten, nicht weil sie von der Polizei terrorisiert wurden, von den Gerichten, den Stadtverwaltungen und den Medien.

Enthüllt wurden aber auch die Schwächen der Arbeiterhierarchien. Der Vorstand des TUC erwies sich trotz den klaren Kongreßbeschlüssen, den Bergarbeitern hundertprozentige Unterstützung zu geben, als unfähig, in einen echten Kampf zu treten. Sie wußten nicht, was sie machen sollten. Eine Mehrheit wollte den Kampf nicht in der Weise unterstützen, wie es sein sollte. Oft erwiesen sich die Generalsekretäre als Generäle ohne Armee.

Der Streik enthüllte auch die Mängel des auf Wahlen beruhenden Parlamentarismus. Wenn man wie gebannt auf die Umfrageergebnisse starrt und hofft, nicht unpopulär zu sein, und nicht wirklich an einer selbstemanzipierenden Bewegung der Arbeiterklasse interessiert ist, sich eigentlich gar nicht um diese kümmert, weil das mit der Vorstellung von einer Partei kollidiert, die brav am Seiteneingang wartet, bis sie mal wieder dran ist.

Ich glaube, daß die Mängel in den Strukturen der Arbeiterbewegung —

Seite 5

und ich gebrauche jetzt keme kodierte Sprache, um bestimmte Personen zu treffen, ich will ein klinisch sauberes. analytisches Argument aufmachen besonders folgenreich waren, weil der Gang des Geschehens die Glaubwürdig keit aut örtlicher Ebene wiederherstell te. aber keinesfalls auf der nationalen Ebene der politischen und der gewerk schaftlichen Arbeiterbewegung. Was geschah, war, dats um die simple Frage Auf welcher Seite stehst Du?" eine Einheit geschaffen wurde. Im Zusammenhang damit sind intellek tuelle Argumente für den Sozialismus in der Linken, in der Kommunistischen Partei, in den unterschiedlichen linken Gruppen von großer Bedeutung. denn die Ideologie ist sehr wichtig. um aufzuhellen, was denn wirklich passierte. Je doch kann man um ideologische Kein heit herum keine Eheit schaffen, denn es gibt zu viele Varianten. Esmuß Sozialismus im Sinne einer Analyse geben, als fortlaufende Debatte, die die Argumentationsketten im Augebehält, korrigiert oder festschreibt, aber die Basis der Einheit muß die Frage sein, auf welcher Seite du stehst, wie du die Interessen der Klasse verstehst, die Interessen der Arbeiterbewegung. die internationale Dimension des ganzen. Dieses Verstehen, das ist wichtig.

Ich glaube, daß man, wenn der Bergarbeiterstreik nun zu Ende geht und die Unterstützergruppen und Frauenaktionsgruppen ermutigt werden, zusammenzubleiben und in ihrer Fortentwick lung dauerhaft unterstützt werden — in Chesterfield [Benns Wahlkreis] sind sie in eine Kampagne zur kommunalen Ver teidigung umgewandelt worden - daß man merken wird, daß damit eine äu- Berst breite Allianz geschaffen wurde. In Chesterfield haben heute Labour Party und KP, Kirchen, CND,... Rentnergruppen, Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes usw. ein Bündnis für eine gemeinsame Kampagne beschlossen, die alle Leute zusammenfaßt, die heits- und Bildungswesen, gegen Kalte- Kriegs-Propaganda und für die Friedensbewegung.

Auf diese Weise fressen wir uns langsam in die Basis des Mittelfeldes der Politik vor[gemeint: Liberale und SDP]. Durch leere und zynische Wahlabsprachen schatten wir das nicht, sondern indem wir die Argumentationsschlacht gewinnen, indem wir zeigen, es gibt eine Alternative, die stark, prinzipienfest, der Sache ergeben und zusammenhaltend ist...

Ich halte es für wichtig zu betonen, daß dieser Weg für das, was man mal ganz allgemein die Linke nennen kann, relevanter ist, als die Wahlen zu gewinnen — um Wahlen zu gewinnen ist es natürlich auch nötig — besser, als die schale Hoffnung, sich irgendwie in Am und Würden zu glitschen, wenn man sich nur ja vom Kampf distanziert. SA: Wie fallt die Rolle der Campaig» Cironp of MP's /cine linke Parlamenta riergruppe in der I abou l'arty/ in dieser incklung Benn: Die Kampagnen-Gruppetut in der innerparteilichen Debatte über das Wohin ihre Wirkung. Nun, wie wird dann ihre Wirkung sein, falls die lokalen Organisationen so weiter machen wie bisher, wie wird dann die parlamentari sche Dimension des ganzen ausschen? Kampagnen-Gruppe von Labour-Abgeordneten

Die Kampagnen-Gruppe ist ein interessantes Beispiel gewesen, wie Parlamentarier mit einem Arbeiterkampf zusammenarbeiten können, wo richtigem Verhältnis zumanderen steht. Denn die Gruppe kämpfte für die Bergarbeiter. Sie versuchte nicht, sich an die Spitze zu stellen, sie versuchte nicht, Abstand zu nehmen, sie versuchte nicht, ihnen zu sagen, was sie zu tun haben und sie versuchte nicht, alles in die Hand zu nehmen. Sie war eine Unterstützergruppe. Sie war die Unterstützergruppe der Bergarbeiter im Parlament.

Dies hat 20 oder 30 weitere Gruppen im Lande ermutigt anzufragen, ob sie vorort vergleichbare Kampagnen-Gruppen bilden können. Sie würden dann natürlich ein Teil der kommunalen Verteidigungskampagne werden, wie wir sie in Chesterfield haben, oder wozu im Lan de sonst noch gekämpft wird. Die Kampagnen-Gruppe, und die Linke der Partei,wird sich die Krise zunutze machen, ihre Lehren ziehen, und die verschiedenen sozialistischen Punkte, die in den vergangenen Jahren wegzuschmelzen begannen, wieder auf die Tagesordnung setzen.

Einer davon ist eine neue Außenpolitik. Ihr habt sicher schon gehört, daß dem Parteivorstand ein neues Papier über Britanniens Außenpolitik vorgelegt werden wird, ob die Verbindung zur NATO uns denn so nützt. Andere werden noch ausgearbeitet werden, wenn ich mich recht entsinne, über den Gemeinbesitz von Grund und Boden, der Banken und Finanzeinrichtungen, und eines über die EG.

Zu diesen Themen gibt es jetzt in der Labour Party eine Mehrheit für eine Politik mit Biß. Und ich glaube, so müssen wir da ran gehen und nicht noch einmal versuchen, wie 1981 einen Kampf um den Posten des stellvertretenden Vorsitzenden zu führen. Der Kampagnen- Gruppe schwebt eine Reihe von Gesetzesvorlagen vor - die unter der Tory-Regierung ohne Aussicht auf Erfolg natürlich nur erzieherischen Wert haben können. Eine Vorlage gegen Kernwaffen, eine über eine Amnestie [für die verurteilten Bergarbeiter), die schon aufgesetzt wurde, eine zu Irland, die schon veröffentlicht wurde und so weiter in diesem Sinne.

Wir sehen also, daß in der Labour Party durch den Bergarbeiterstreik alle anderen damit verbundenen und parallelen Kämpfe für Frauenrechte, Immigrantenrechte, Einheit Irlands, Rechte der Homosexuellen, der Friedensbewegung zur Kettung der kommunalen Dienste, daß alle diese Kämpfe durch die Grundeinheiten wieder ihren Einzug in die Labour Party halten. So sehe ich die Dinge sich im Moment entwickeln. Potentiell sehr, sehr hoffnungsträchtig für die unter uns, die sich wirklich eine Änderung wünschen.

SA: In Deiner Rede vor der Konferenz von Target Labour Government /eine Kampagne, die ein sozialistisches Regierungsprogramm verlangt/, erklärtest Du, daß die Labour Party ein anderes Manifest als bisher brauche. Könnstest Du das näher erläutern?

Benn: Das Manifest ist traditionell immer das Sammelprodukt von dem gewesen, was Parlamentarier ihren Wählern halt alles so versprechen wollen. Das Volk wird dann unter Verweis auf die Versprechen gebeten, einen zu wählen. Und wenn dann gewählt worden ist, wurde es immer den Abgeordneten überlassen, die Vorhaben umzusetzen oder auch nicht.

ISP-VERLAG GmbH

Postfach 11 10 17 6000 Frankfurt am Main 1 * 069 / 73 67 97 A GAINET

PIT

CLOP "оті!

Britische

Kumpel und ihre Frauen im Kampf

Bergarbeiterstreik 1984/85 SoPo 6, 60 S., DM 4,- Seite S

Seite 6

Ich denke schon lange und argumentiere dafür, daß die Rolle der Parteibeim Wahlmanifest eine andere sein sollte. Es sollte darin bestehen, dal wirauf unserer Konferenz Forderungen aufstellen, ganz klar sagen, wir wollen diese oder jene Sachen. Die Einheit der Partei muf sich um Forderungen bilden - nach Arbeitsplätzen, nach Schulen, nach Wohnungen, nach Renten usw. - und diese Forderungen haben auch eine viel längere Gültigkeit als ein herkömmliches Wahlmanifest.

dern wir die Leute auf, sie sollen uns unterstützen, diese Forderungen einzulösen. Und wenn wir an der Macht sind, dann werden wir weiter dafür kämpfen müssen. Daraus ergibt sich dann eine Kontinuität der Funktionsweise für die Partei, im Unterschied zu und darüberhinaus, wo die Parlamentspartei gerade steht, was die Regierungsmacht anbetrifft, sei sie in der Minderheit, gleichauf oder in der Mehrheit. Das ist es, was wir wollen.

Ich glaube, daf dieses Konzept viel realistischer ist als das alte, denn es verleiht der Partei eine Rolle, verwandelt sie nicht in einen Fanclub, in ein Organisationskomitee für Parlamentarier, die wollen, daß du für sie arbeitest, damit sie an die Macht kommen, und dann erfüllen sie ihre Versprechen — ja, und wenn sie dann an der Macht sind, soll man loyal zu ihnen sein, die Mitgliederlisten aut Zack halten und schön datür sorgen, dais sie auch das nächstemal wiedergewählt werden. So geschah es bisher. Diese alte Sehweise war engstirnig und elektoralistisch. Dagegen ist die Vorstellung, daf die Bewegung lokal, national und international Forderungen aufstellt, eine Kampagne für sie führt, für das Selbstverständnis der Leute, eine politische Rolle spielen zu können, wesentlich bedeutungsvoller. Außerdem gewinnt man damit viel wahrscheinlicher eine Wahl, weil sich die Leute sagen, da haben wir eine Partei, die ohne Rücksicht darauf, wer gerade regiert, die Dinge fordert und fordert, die wir brauchen. Natürlich würde ich schon sagen, daf es besser ist, eine Regierung der Labour Party dranzuhaben, denn die reagiert um einiges wahrscheinlicher auf diese Forderungen. Jedoch geht es um eine andere Vorstellung vom Verhältnis der parlamentarischen Partei und der Partei draußen im Lande.

SA: Das Manifest soll also eine permanente Mobilisierungsrolle spielen, egal ob die Partei regiert oder nicht? Benn: Ja, genau so.

A: Wie siehst Du das Verhältnis zwi chen der Kampagnen-Gruppe, der fort laufenden Aktivität und Organisierung um wie Bergarbeiter berum und den offiziellen Strukturen der Partei? Benn: Ich glaube, wir brauchen jetzt eine Statutenänderung, daß das Schattenkabinett und das Kabinett jährlich neue vom Wahlgremium der Konferenz gewählt werden müssen, und ich glaube auch, es kommt zu dieser Änderung. Neugründung der Labour Party

Das ist wichtig, denn es heilst, nicht mehr zwei, sondern nur noch eine l'uhrung zu haben. Wir wollen nicht nur einen Führer und einen stellvertretenden Führer, die vom Wahlgremium gewahlt werden, und dann Patronage der Rest des Teams bestimmen lassen, das in die Regierung eintritt. Ich glaube diese Änderung hat gute Chancen auf Erfolg. ... Da voriges Jahr das Argument füreine Person - eine Stimme vorgebracht worden ist, wo ich gegen bin, weil so die Gewerkschaften ausgeschlossen würden, kann niemand mehr sagen, dieser Vorschlag sei ein Bruch der Konvention, er würde keine Statutenfrage betreffen. Auch den Seilschaften würde somit ein Schlag versetzt.

Ich glaube schon lange, und heute noch viel mehr, daß wir wirklich einen Neugründungskongreß der Labour Party brauchen, wie wir ihn 1918 hatten. Damals gab es die Gewerkschaften, die Fabier-Gesellschaft [Strömung der moralischen Sozialisten], einige Sozialistische Gesellschaften, und die Statuten umfaßten all das, was damals eine progressive Bewegung war. Aber die progressive Bewegung ist heute viel größer als damals. Und ich denke, wir müssen das Recht auf Anschluß an die Partei erneut auf Indische Arbeitervereine, Pakistanische Arbeitervereine ausdehnen, auf eine ganze Bandbreite von Gruppen, die ausgeschlossen sind.

Viele registrierte Gruppen, deren Auftreten bekanntgeworden ist, sollten ganz vorschriftsmäßig der Partei angeschlossen werden. Sie versuchen unterschiedliche Aspekte des Sozialismus zu propagieren. Wenn wir das tun würden, dann würden wir ganz besonders für die Bedürfnisse der ethnischen Minderheiten und der Frauen Sorge tragen, und daß sie im Leben der Partei eine viel größere Rolle spielen.

Schliefslich geht es mir auch noch um die politischen Abgaben [der Gewerkschaften an die Partei. Natürlich hotten wir, daß wir alle Urabstimmungen in den Gewerkschaften darüber gewinnen werden und daß die Verbindung Gewerkschaft-Partei aufs neue gefestigt wird. Aber egal, ob wir da siegen oder nicht, es ist die Ortsebene, auf der der Einfluf der Gewerkschaften stark zum Tragen kommen sollte, insbesondere vermittels von Betriebsgruppen der Partei. In Chesterfield ist das örtliche Gewerkschaftskartell - ganz statutenwidrig, glaube ich — der Labour Party angeschlossen. Das hat Verbindungskomitees auf Branchenebene wiedererstehen lassen, die von Wilson... in den späten 60er Jahren zerschlagen wurden... weil er Politik als schädlich für Gewerkschaften ansah und andererseits diese die Partei in eine peinliche Lage hätten bringen können. Diese zerrissene organische Verbindung muß nun wieder zusammenwachsen.

Dies sind die drei Dinge, die ich intern gerne erledigt sehen würde. Aber setzen wir sie einmal ins Verhältnis zum Hauptzweck, eine starke, radikale Labour Party und starke, radikale Gewerkschaften zu haben, die verteidigen, was wir verteidigen müssen, vorbereiten, was wir vorbereiten müssen, und wenn das Regierungsamt kommt, in der Lage sind, aus Regierungsausübung Machtausübung zu machen. Alles muß im Verhältnis zum aktuellen Kampf gesehen werden. Es darf nicht als, wie Callaghan sagte, ein „Gerangel um staubtrockene Statutenfrage" abgehen. Es geht um die Mobilisierung der Bewegung für ihr Ziel.

SA: Ich möchte hier eine andere Analogie betreffs der allgemeinen Lage einbringen. Du sprachst über den historischen Bezugspunkt 1945. Aber meiner Meinung nach ist uns die Epoche um den Ersten Weltkrieg herum viel ähnlicher. So war die Zeit unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg von drei alles beherrschenden Bewegungen gekennzeichnet, dem Kampf in Irland, dem Kampf der Suffragetten und dem Kampf der Dreier- Allianz (von Gewerkschaften/ und der Bergleute. Dem folgte die Drohung des Krieges. Und alles kulminierte in der Niederlage des Generalstreiks von 1926, der das Ende dieser Periode der britischen Politik bedeutete.

Mir scheint es eine echte Kontinuität mit dieser Periode zu geben, weil alle Strukturelemente britischer Politik von damals in der heutigen Politik wieder auftauchen.

Benn: Ich stimme Dir zu. Wenndudas Buch... liest, verstehst du, was damals in der britischen Gesellschaft vor sich ging und durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen wurde. Der Chauvinismus und Nationalhaß erstickte alle drei Bewegungen.

Aber, haha, ich würde sogar noch viel weiter zurückgehen. Wenn wir mal das 17. Jahrhundert nehmen, dann sehen wir, daß viele Themen, die damals die Gemüter aufwühlten, heute wieder vor uns liegen — Irland, Cromwell, der die Armee nach Irland sendet, der Monarch. Heute sind es natürlich die Vorrechte

Seite 7

THELD CENTE JOBS

STOP MAkI NOT

DOCH THAICHE R

THATCHER ORGANISE KI NUNDANT BOMBS

STOP

ISTRATE PIT AND

STEEL

CLOSURES

Rupere Soma SCRAP MarGRECOR veekly 20p Kundgebung von Bergarbeiterfrauen in Sheffield des Monarchen, die aus dem Mittelalter einer neuen zustandekommen. Weil so ob für christliche oder marxistische Ideen kommend . dem Premierminister halt der Mechanismus arbeitet. Und die- und so weiter. Aber wirklich polarisiert zufallen, womit dieser nationale Sicher- se Regierung wird dann, wenn es so lau- werden die Menschen durch ihre Haltung heit, wirtschaftliches Wohlergehen defi- fen kann, wie ich glaube, daß es läuft, zum Klassenkampf, national wie internanieren kann, die erlauben, jegliche Bedingungen schaffen, wo Labour-Mini- tional. Habe ich damit, was Du denkst, Opposition zu bespitzeln, einzuschrän- ster im Amt zusammen mit einer Arbei- richtig widergegeben? ken und zu zerstören, die Rolle der terbewegung voller Selbstvertrauen da Lords, die Macht der landbesitzer — zu führen, dals Labour die Macht ausübt. Benn: Was ich sage, ist, wenn du die alles frisch aus dem 17. Jahrhundert auf Leute nach ihrem Glauben aufreihst.

unseren Tisch. Von der Arbeiterregierung dann wird es da viele, viele Glaubensbe- Ich glaube, wenn man das Wort Revo- zur Arbeitermacht kenntnisse geben — im Christentum wie lution in seinem korekten Sinne auffaßt, im Sozialismus. Uniformität um einen als plötzliche Veränderung des Be- Glauben herum ist unmöglich. Der Gewufstseins, dann hat in gewisser Weise Es wird nur durch dieses Wechselspiel brauch sozialistischer Analyse, sozialidie Revolution schon stattgetunden. gehen. Es wird nicht jemand im Hand- stischer Moral, sozialistischer Ideen hat Die Leute reden von der Revolution, als streich die [Radiostation| BBC einneh- darin ihren Wert, daß man beim Voranob da morgen auf der Straße Blut flielsen men und eine Gruppe aktiver Gewerk schreiten wie auf einer Landkarte sehen müsse. So hab ich das me gesehen. Ich schafter Downing Street Nummer 10 kann, aha, da kommen wir her, da stehen glaube, wenn die leute merken, daß wir umzingeln. Ich glaube, daß das deshalb wir, und da geht's lang, da sind die teind. erstens eine Regierung haben, die darauf nicht so abläuft, weil die britische Arbei- lichen Linien und da hinten unser Ziel. aus ist, die Interessen der Arbeiterklasse terklasse jetzt schon eine verdammt lan- Das ist von absolut extremer Bedeuund ihre Institutionen zu vernichten, ge Zeit die Wahlurne ins Herz geschlos- tung. Es geht umdas Bewußtsein dessen. und zweitens einen Staat, der ihr dabei sen hat. Die Wahlen gibt es, und der Sieg worum es überhaupt geht. zur Verfügung steht, und drittens, daß wenn er kommt, wird ein Sieg sein, der Nun sprichst Du vom Klassenkampf. sie selber die Fähigkeit haben, die Dinge sich im Stimmenverhältnis mißt und Aber das Problem mit diesem Begriff ist. zu verändern, wenn sie sich organisieren, spiegelt. Aber sein Inhalt wird nicht ein- daß er so hingebogen worden ist. daß mit dann schafft diese Veränderung des Be fach ein Auswechseln der Minister sem. Klasse nur noch eine bestimmte Kategowußt seins die Begingungen, unter denen sondern eine Anderung des Bewulst- rie von Arbeiter gemeint ist, der der im eine wirklich große gesellschaftliche seins, eine Anderung der Beziehungen Blaumann in einer Fabrik schuftet, ge- Veränderung stattfinden kann. und so weiter. wissermaßen der klassische Industricar

Aber diese wird — da dürfen wir uns SA: Du erklärtest corbm, du Tremli beiter. Dagegen hat sich die Natur der nicht im Unklaren sein me konnten nicht jemandes Ideen sem. /• Industrieproduktion dergestalt Sturz dieser Regierung und die Wahl kame abo emer on den Kompi treten, egal gert, daß Klasseninteressen heute in ci- Nr. i71, Juli 1985 Seite 7

Seite 8

nem viel breiteren Smne definiert wer den müssen.

Da gibt es die Ausbeutung aufgrund von rassischer Diskriminierung, die Ausbeutung von Frauen, die im Hause arbeiten, ohne eine Gewerkschaft oder ein Kollektivleben, die Ausbeutung der Schwarzen, kurz, aller Menschen, die Wohlstand schaffen, aber weder wirt schaftliche noch politische Macht ha ben. Und ich glaube, dals die Neudefinierung der Klasse notwendig ist, nicht seine Erosion im Sinne des Revisionis mus, sondern eine Neuklassifizierung der Interessen in einer kapitalistischen Gesellschaft mitten in der Krise und ihrer internationalen Zusammenhänge. Wenn wir das leisten, dann werden eine ganze Menge Leute, die sich jetzt noch von der alten, begrenzten, engen Interpretation der Klasse als Industrieproletariat gegen Monopolisten und Kapitalisten mit Zylindern ausgeschlossen fühlen, diesen Begriff auf einmal in Beziehung mit der Wahrnehmung ihrer eigenen Erfahrungen wern. bringen komnen. Deshalb mussen war dae / bom l'arty Leuten öffnen, die ihr über das Tor ihrer eigenen Erfahrungen beitreten wollen und können, sei es, daß sie wegen ihrer Kasse leiden, wegen ihres Ge schlechts, wegen ihrer sexuellen Vorhe ben, weil sie bren sind, weil sie Bergarbei ter sind oder sei es. dab sie in der Friedensbewegung aktiv sind. Alle diese sollten von ihrer eigenen Erfahrung aus gehend in die Labour l'artyals zentraler Arena von Debatte und Aktion eintrelen.

/...] Weiterhin ist klar das Scheitern der letzten Labour-Regierung darin zu Tage getreten. dats sie die Strukturen der Macht nicht mal im geringsten berührt hat. Wenn du einmal dein Ministerauto hast und in deinem Büro sitzt und eine Menge Beamte um dich herumscharwänzeln und „Jawoll, Herr Minister!" sagen, dann glaubst du auf einmal, daß die Arbeiterklasse an der Macht ist, wenn du im Büro sitzt. So ist es nicht.

All die Fragen der Gesetze, des Beamtenapparats, der Medien, der Banken, der Sicherheitsdienste sind zentral Denn man kann nicht die Institutionen, die von der emen Klasse,in einem Zeital ter geschaffen wurden, um ihren eigenen Interessen zu dienen, zur Wahrung der Interessen einer anderen Klasse, in einer anderen Zeit, zueinem anderen Ziel nut zen. Das geht ganz einfach nicht. Ich glaube, eine der großen Schwa chen der Labour l'artyist, daß sie nie die Struktur der Staatsmacht diskutiert hat. Aber die große lehre des Bergarbeiterstreiks ist, daß es um die Staatsmacht ging. denn gegen die ging es ja schließlich: gegen eine Staatsmacht, die so tar. als stünde sie über den Auseinanderset zungen, aber in Wirklichkeit mitten in ihnen teilnahm. Daher kam das Hauptkontingent der Truppen, mit denen wir zu tun hatten; von der Staatgewalt. Staatsgewalt vom BBC bis zu den Rich tern. Ich bin mir sicher, daß alle diese Fragen in der Zukunft für viel bedeutsamer gehalten werden, als es bislang der Fall war.

Streikführung war richtig