Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Daten zu Vietnam nach dem Sieg

Inprekorr Nr. 171, Juli 1985 · S. 26-30 · 4.018 Wörter

Vietnam und Indochina China

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Daten zu Vietnam nach dem Sieg 30. April 1975: Einnahme Saigons durch die Streitkräfte der FNL und der nordvietnamesischen Armec. China stellt sofort seine militärische Hilfe ein.

Juni 197S: Schaffung einer einheitlichen Staatsbank und Liquidierung der anderen Banken im Süden. 1975/76: Bildung der "Neuen Wirtschaftszonen" und Umsiedlung eines Teils der Bevölkerung der vom Krieg aufgeblähten Städte. Juli 1976: Formelle Vereinigung des Landes und Gründung der Sozialistischen Republik Vietnam. Dezember 1976: 4. Parteitag der VKP.

1978: Bewaffnete Zwischenfälle mit Pol Pots Kambodscha finden statt, ebenso mit China.

März 1978: Enteignung dergroßen Privatuniernehmen im Süden. Jai 1978: Vietnam tritt dem CO- MECON bei.

Juli 1978: China bricht seine Wirtschaftshilfe ab und beruft alle Experten zurück.

November 1978: Kooperationsvertrag zwischen UdSSR und Vietnam. Dezember 1978 - Januar 1979: Die vietnamesische Armec und die kambodschanischen Streitkräfte von Hong Samrin intervenieren in Kambodscha und stürzen Pol Pot. Februar - März 1979: China fällt in einen Teil der Nordprovinzen Vietnams ein, um dieses für seine Aktion in Kambodscha zu „bestrafen" Vietnamesische Verluste 50 000, chinesische 60 000.

März 1982: 5. Parteitag der VKP, Selbstkritik der Parteiführunger zwischen dem Regime und den Bauern zu errichten. Sie verfügte nämlich über ein eingespieltes Zwischenhandelsnetz, durch das sie den Reis zu interessanten Preisen aufkaufen und der Landbevölkerung Ausrüstungs- wie Konsumgüter anbieten konnte. Zu dieser Zeit konnte die Regierung dabei noch gar nicht mithalten. Außerdem konnte sie korrumpieren, denn sie war unermeßlich reich. Sie zögerte auch nicht, alle diese Mittel einzusetzen, um Profite zu akkumulieren und die Vorhaben der Regierung zu sabotieren.

Erst spät reagierte die Regierung; 1978 mobilisierte sie gegen die großen Händler. Das war im ungeeignetsten Augenblick, als sie vor wirtschaftlichen Problemen nicht aus noch ein wußte und mitten im Konflikt mit China stand Unter diesem doppelten Druck überspannte sie den Bogen nun wiederum nach links. Esscheint, daß daraus folgende Schlußfolgerung ziehbar ist. Um eine gemäßigte Bündnispolitik (zum Beispiel mit den Bauern) aufzuziehen, ist es oft notwendig, die Sektoren der Großbourgeoisie zu bekämpfen, die gegen das neue Regime sich und die gesellschaftlichen Schichten, mit denen jenes ein Bündnis eingehen will, zur Auflehnung bewegen können. Ganz allgemein muß man, um mäßig auftreten zu können, ein genügend günstiges Kratteverhaltnis schat fen, wozu einerseits die Eroberung der Staatsmacht notwendig ist, andererseits aber auch die Zerschlagung oder Knebelung der gefährlichsten sozialen Herde der Konterrevolution.

Man darf also auf diesem Gebiet keine eindeutigen Schlußfolgerungen ziehen. Um auf der internationalen Ebene zu agieren, hätte man eine aktive Verbindung mit der Solidaritätsbewegung — oder was davon übrig blieb - halten sollen. Um in der Landwirtschaft langsam und Schritt für Schritt voranzukommen, hätte man rasch entschlossene Maßnahmen gegen den monopolistischen Großhandel ergreifen sollen. Um auf die Eingangsfrage zurückzukommen — wie ist es zu erklären, daß sich eine politisch derart erfahrene Führung wie die vietnamesische in den Jahren 1975 - 1980 so verrannte? Außer den angeführten objektiven Schwierigkeiten gibt es natürlich noch andere Elemente. Erstens, daß sich der Rahmen mit dem Sieg völlig veränderte. Der Kampf um die Macht und für die Unabhängigkeit ist ja immer etwas ganz anderes, als den Aufbauprozeß und den Übergang zu ciner neuen Gesellschaft in Gang zu setzen. Hier stößt man auf ein allgemeines Problem. Die Art von Organisation, die man für den Kampf errichten muß, entspricht nicht notwendigerweise der Art von Organisation, wie man sie für den Übergang nach dem Siege braucht. Ich rede hier von sämtlichen Organisatio-

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nen: Parteien, Massenorganisationen, militärische Strukturen, Machtorgane. Infrage steht hier nicht nur die Struktur der Organisationen, sondern auch ihre Arbeitsweise und die dieser zugrundeliegenden Konzeptionen und Vorstellungen. An und für sich ist das ein altes Problem, über das wir aber neu nachdenken müssen. Die Schwierigkeit ist natürlich die, daß die alte Klassenmacht zuerst gestürzt werden mul, um dann eine revolutionäre Transformation der Gesellschaft zu ermöglichen, und daß die Weise, auf die sich dieser Sturz vollzieht, ja nicht nur von unseren Neigungen abhängt, sondern auch von den objektiven Bedingungen und dem Vorgehen des Feindes.

Wie stellt sich dieses Problem in Vietnam? Der Kampf war extrem langdauernd, hat sehr viele Opfer gekostet und lief in Form einer militärischen Auseinandersetzung ab, die die soziale Revolution in einer nationalen Befreiungsbewegung integrierte. Und all das erfolgte in einer Gesellschaft, die überwiegend agrarisch und von konfuzianischer Kultur geprägt ist. Das sind die Ausgangsbe dingungen, die zusammen mit anderer die vietnamesische kommunistische Bewegung wie auch die Struktur der Macht nach dem Siege prägten.

Daß der Kampf so lange andauerte und so viele Opfer kostete, hatte natür lich auch negative Auswirkungen; vor allem fehlten dem Apparat Kader mit Erfahrung, die am Ort verwurzelt sind, und bedeutende Teile der Bevölkerung waren kaum mehr in der Lage, sich eigenständig zu mobilisieren. Das Problem ist besonders für den Großraum Saigon akut. 1975 verfügte die VKP über 400 Mitglieder dort — bei einer entwurzelten Bevölkerung von fast 3,5 Millionen. 1954 hatte sie in dieser Stadt 3000 Mitglieder gehabt, aber die Bevölkerung hatte nur ein Drittel gezählt und ein sehr viel stabileres Bild gezeigt. Im6. Distrikt von Saigon, in dem 225 000 Personen lebten, hatte die Partei nur 6 (sechs!) Mitglieder, die überlebt hatten. Nach dem Sieg mußte man massenhaft neu rekrutieren, und das ist immer der schlechteste Zeitpunkt. Wie groß das Problem ist, kann man daran sehen, daß zum Beispiel im 1. Distrikt von Saigor 95 % der Parteimitglieder erst nach den 30. April 1975 eintraten.[5] Die Machtstruktur ist von diesem Faktor stark geprägt. Dasselbe gilt für die Mentalität des Parteiapparats. Man fühlt sich schwach, und das fördert autoritäre Allüren. Das ist umso mehr der Fall, als die Partei drei Jahrzehnte langin einem militärischen Kampf, der seine eigenen Regeln hat, geformt wurde. Keine Organisation kann durch solch eine Erfahrung gehen, ohne tief von ihr geprägt zu werden. Die Folge ist, daß man viel von Geheimnistuerei hält und von Ho Chi Minh

Disziplin, daß die Befehlsstrutur ziemlich hierarchisch ist, daß die Partei auf allen Gebieten wie eine Gegenmacht wirkt und nicht nur als Führung von Kämpfen. Die Vorstellungen von der Machtausübung werden dadurch stark beeinflußt. Gemäß der vietnamesischen Theorie ist es so: „Die Partei führt, der Staat verwaltet, und die Bevölkerung übt als kollektiver Herrscher ihre Kontrollmacht aus." Die Partei ist ihrem Wesen nach eine Eineitspartei und steht verfassungsmäßig als Führung über dem Staat. Diese Konzeption hat ihren Ursprung nicht allein im Stalinismus. Elemente davon findet man auch in den ersten Jahren der russischen Revolution und in der chinesischen Revolution. Man findet sie sogar in der kubanischen Revolution wieder. Sie entspricht der Erfahrung des langanhaltenden militärischen Kampfes. Außerdem hat sie auch Wurzeln in der politischen und kulturellen Tradition Vietnams, einem Staat vom Typus der asiatischen Produktionsweise.

Diese Konzeption hat vielerlei Auswirkungen. Gemäß der maoistischen Tradition in Asien kann die Partei zum Beispiel das persönliche Leben ihrer Mitglieder regeln, insbesondere in der Frage der Heirat, und das nicht bloß aus Gründen der Sicherheit und der Funktionsweise, sondern auch im Namen der sogenannten proletarischen Konzeption der Moral und der Universalität der Gesellschaft. Dieser moralische Aspekt einer revolutionären Organisation ist nämlich von großer Bedeutung. Dasrevolutionäre Engagement hat moralische Implikationen. Aber die Partei im Namen des Volkes zum Richter über Gut und Böse zu machen, ist sehr gefährlich. Damit bekommt die Partei eine nicht nur politische, sondern auch staatliche. und gar kirchliche Macht.

Die Tatsache, daß der Kampf in Indochina in Form von nationalen Befreiungsbewegungen ablief f, ist auch nicht ohne Konsequenzen. Der antiimperialistische Kampf wird von einem raschen Erwachen des Gefühls der nationalen Identität beflügelt, und das ist sehr fortschrittlich. Aber es kann auch zu einem chauvinistischen Nationalismus ausarten, wenn einmal der Sieg errungen ist. Genau dies ist in verschiedener Abstufung nach 1975 geschehen. Die Führung der Roten Khmer entwickelte einen rassistischen Nationalismus, der schon an Wahnsinn grenzte. Aber auch in Vietnam benutzte die Führung, als der Konflikt mit China ausgebrochen war, sehr gefährliche antichinesische nationalistische Leitmotive. Sie rief zum Beispiel in Erinnerung, daß jede chinesische Dynastie seit 2000 Jahren in Vietnam eingebrochen war.

Schließlich ist die Versuchung groß, angesichts der sich türmenden gesell schaftlichen Schwierigkeiten nach den Siege ganz einfach auf Arbeitsmethoden zurückzugreifen, die sich im Kriege bewährt haben: Wettbewerbskampagnen, Massenaushebungen, Appell an die patriotischen Gefühle, Führung durch die Partei usw. Sowas hat man schon in China gesehen, in der Politik des „Großen Sprungs nach vorn" Ende der 50er Jahre zum Beispiel; man konnte es 1970auch in Kuba mit der Kampagne für die Zafra erleben, die 10 Millionen Tonnen Zucker einbringen sollte. In all diesen Fällen hoffte man, die Fesseln der Unterentwicklung durch eine riesige gesellschaftliche Mobilisierung zu sprengen. Und jedesmal erlitt man dabei Schiffbruch.

Die Krise 1978-1979 In der Krise von 1978/79 verknoteten sich all diese Widersprüche. Der Bruch mit den Roten Khmer war Vorspiel zum Bruch mit China. Der Imperialismus zog die Schrauben fester an und nahm dabei die Besetzung Kambadschas durch Vietnam 1979 zum Vorwand. Die Konflikte innerhalb der VKP spitzten sich zu. Die Beziehungen der Partei zur Bevölkerung verschlechterten sich, vor allem im Süden. Die Konflikte mit der Handelsbourgeoisie verhärteten sich. Die Korruption der Kader wurde zu einem immer gefährlicheren Phänomen, ebenso ihr arrogantes Auftreten. Der Exodus der „boat people" schwoll an. Diese „boat people", die zu Hunderttausenden Vietnam verließen, stammen aus mehreren Schichten der Bevölkerung, worin die verschiedenen Facetten der Krise Vietnams deutlich werden. Da gibt es die Leute, die mit den Amerikanern zusammengearbeitet hatten und nun die Repression fürchten mußten. Dann die Mitglieder der mächtigen chinesischen Bourgeoisfamilien. Auch solche Leute, die einfach den Versprechungen der „Stimme Amerikas" auf den Leim gingen. Viele Leute entstammen

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auch der „Elite", deren Lebensstandard sich drastisch gesenkt hatte. Ein solcher Exodus ist in Zeiten der Revolution sozusagen normal. Alle anderen Revolutionen erlebren ähnliches. Und der Vietnamkrieg war aufgrund der imperialistischen Intervention eine der umwälzendsten Revolution aller Zeiten. Aber es gab auch vicle Arbeiter und Parteimitglieder, die im Norden über die chinesische Grenze gingen. Da sie chinesischer Herkunft waren, befürchteten sie in dem Klima des Mißtrauens, das sich in den Jahren 1978 - 1979 ausbreitete, einer fünften Kolonne gleichgesetzt zu werden, auch wenn sie vor allem Lohnabhängige und der Revolution treu ergeben waren. Peking scheint diese Auswanderung gefördert zu haben, späer aber auch Hanoi. Schliefslich gab e: ıber auch im Süden viele Leute, die di Hoffnung auf eine bessere Zukunft verloren hatten. Die Befreiung hatte weder Frieden noch Stabilität gebracht. Eit euer Konflikt bahnte sich mit dem rie sigen Nachbarn im Norden an. In Kambodscha biß sich der Krieg an der Westgrenze fest. Die Wirtschaft brach mit der Einstellung der US-Hilfslieferungen im Süden und der chinesischen im Norden zusammen. Die Zukunft des Landes überhaupt stand in Gefahr. Dieser Exodus bedeutete eine schwere Niederlage für das neue revolutionäre Regime. Daß es keine sozialistische Demokratie gab, war sicher ein wichtiger Grund für die Krise. Aber wir dürfen uns das Problem nicht zu einfach machen. Sicher ist die sozialistische Demokratie von hoher programmatischer Bedeutung. Ich würde sogar behaupten, daß diese Demokratie für die zurückgebliebenen Länder, wo der Übergang zum Sozialismus noch schwieriger und weniger „natürlich" ist, noch wichtiger ist. Umeinen solchen Umwandlungsprozeß zu führen, muß man die wirkliche gesellschaftliche Lage kennen, und das kann man nicht ohne Massendemokratie. Man muß die Bevölkerung auf lange Zeit mobilisieren, und auch dazu ist Massendemokratie nötig. Aber die sozialistische Demokratie in einem sozial zurückge biiebenen Land zu verwirklichen, das dem Druck der Imperialisten wie der sowjetischen und chinesischen Bürokra- Beaus insetzeist, ist strinisiere vand Das Problem lautet nicht, was man sun sollte, sondern wie man dahin kommt. Natürlich ist es wichtig, über Klarheit in der Programmatik zu verfügen, damit man weiß, wohin man gehen soll. Das Programm der VKP ist in dieser Hinsicht unzureichend, weil es zu sehr die ideologische Herausbildung ihrer Führung und deren besondere nationale Erfahrung reflektiert. Ganz nebenbei bemerkt ist ja auch eine der Funktionen des Internationalismus gerade die, die pro- Seite 28 grammatischen Errungenschaften jeder nationalen Organisation dadurch zu bereichern und zu festigen, daß ihre besonderen nationalen Erfahrungen mit denen anderer Länder konfrontiert werden. Das ist ein Mittel, um den begrenzten Horizont eines jeden Kampfes auszuweiten.

Aber es ist unausweichlich, daß die neue Macht in ihrer Struktur nach einer konkreten Revolution den Lauf der Kämpfe widerspiegelt, die Bündnisse, die im Augenblick der Machtergreifung eingegangen waren, die besonderen militärischen Traditionen des Landes. Deshalb ist es auch normal, daß neue Arbeiterstaaten in sehr unterschiedlichen Formen auftauchen. Die Frage ist nur, wie von dieser konkreten Wirklichkeit aus Schritte nach vorn in Richtung auf eine sozialistische Demokratie gemacht werden. Deshalb ist zum Beispiel die Diskussion darüber, welche Bedeutung die Wahlen in Nikaragua haben, so wichtig.

An dieses Problem normative Maßstäbe ansetzen („man muß..."), nützt ziemlich wenig. Ich selbst schrieb im Jahre 1975 einen Artikel über die Deportation der städtischen Bevölkerung in Kambodscha, in dem ich im wesentlichen sagte: „ Wenn es Arbeiter- und Bauernräte gegeben hätte, wäre sowas nicht passiert." Zweifelsohne. Aber das war derart weit von der damaligen Wirklichkeit in Kambodscha entfernt, daß man es wirklich nicht als alternative Linie ausgeben konnte.

Natürlich gibt es auch konkrete demokratische Ziele im heutigen Vietnam. Der Kampf um eine effektive Demokratie der Massen und gegen die Bürokratie ist eine aktuelle Aufgabe von jedem ersten Schritt einer Revolution an; und gerade in Vietnam ist er sehr dringlich. Man muß sich für das Recht auf Information einsetzen, gegen das Monopol, das der Parteiapparat auf diesem Gebiet innehat. Die letzte unabhängige Tageszeitung Vietnams, Tin Sang, ist schließlich doch geschlossen worden. Man muß verlangen, daß Wahlen auf alle Bereiche ausgeweitet werden, daß die gewählten Organe größere Macht haben, daßrechtliche Normen in der Justiz festgelegt werden und daß die tatsächliche Vollmacht der politischen Polizei eingeschränkt wird.

Dann gibt es die Umerziehungslager — eine sehr schwierige Frage. Der Bürgerkrieg in Vietnam war schrecklich. Die proimperialistische Armee Saigons zählte bis zu einer Million Mann, mit einem sehr starken reaktionären Offizierskorps. Die US-Geheimdienste hatten Zehntausende von Personen als Spitzel engagiert, als Handlanger und für andere Repressionsaufgaben eingesetzt. Das neue Regime hat beschlossen, niemanden wegen Verbrechen der Vergangenheit zu exekutieren. Ziemlich rasch wurde die große Mehrheit der Soldaten aus der Saigoner Armee wieder in die Freiheit entlassen. Es war eine der weni gen Revolutionen, bei der es beim Sieg keine summarischen Liquidierungen gegeben hat. Das ist und bleibt eine Ehre für die vietnamesischen Führer, für das vietnamesische Volk.

Man hatte versprochen, innerhalb von drei Jahren alle Gefangenen der „Umerziehungslager" freizulassen oder zu verurteilen. Wahrscheinlich spiegelte dies die optimistische Sicht wider, welche die VKP von der Zukunft im Jahre 1975 hatte. Aber 1978 herrschten Krise und Furcht. Das Versprechen wurde nicht eingehalten. Wieviele Gefangene noch in den Lagern sind, ist sehr schwierig zu wissen. Was ich an Schätzungen hörte, schwankt zwischen 7000 nach Regierungsquellen und ungefähr 20 000. Ich glaube, es ist sehr wichtig, das Versprechen von 1975 einzuhalten. Den derzeitigen Zustand beizubehalten, bedeutet, die Willkür herrschen zu lassen. Etliche sind freigelassen, andere wieder nicht. Niemand weiß, wie lange er noch einsitzen muß. All das muß doch die halbautonome Macht der Sicherheitsorgane gefährlich festigen.

Selbstkritik des Zentralkomitees

Vor dem 5. Parteitag der VKP übte das Zentralkomitee (ZK) spektakulär Selbstkritik. Damit wurde eine gewisse Wende eingeleitet. Diese Selbstkritik erinnert an die von 1956, nachdem aufgrund der zu raschen Verallgemeinerung der Agrarreform das Land in eine Krise geraten war. Aber der Kontext sieht heute ganz anders aus, und es wird viel schwieriger werden, den Dialog zwischen dem Regime und Bereichen der Bevölkerung wiederaufzunehmen. Meiner Ansicht nach betraf die Selbstkritik von 1982 vor allem drei Fragen. Erstens wird der „Subjektivismus" der vergangenen Jahre denunziert, der Voluntarismus, von dem wir schon gesprochen haben.

Zweitens wird in der Selbstkritik von den Problemen Kenntnis genommen, die aufgrund des Bruchs zwischen dem Regime und wichtigen Teilen der Bevölkerung, der bürokratischen Schwerfälligkeit und des Mangels an lebendiger Demokratie für die Massen sowie aufgrund der zurückgegangenen revolutionären Qualität der Partei entstanden sind. Im Bericht von Le Duan zum 5. Kongreß wird eingeräumt, daß die eingesetzten institutionellen Mechanismen nicht richtig funktionieren, daß sie nicht angemessen sind und das Volk große Mühe hat, sein Recht als „kollektiver Herrscher" geltend zu machen. Bereits

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1976 hatte er vor dem 4. Kongreß benerkt, daß es notwendig war, praktische Maßnahmen zu ergreifen, um gewisse Kader und Staatsangestellte daran zu hindern, eine Schicht von privilegier ten Leuten zu werden" — also eine Bürokratie.

Diese Selbstkritik ist sehr wichtig. Sie zeigt insbesondere, daß das Problem der Massendemokratie in einem Lande wie Vietnam tatsächlich zentral ist und nicht nur ein abstraktes Steckenpferd von westlichen Intellektuellen. Aber so klar und eindeutig der Bericht von Le Duan bei der Feststellung des Problems ist, so diskret und unbefriedigend ist er bezüglich der Mittel zu ihrer Lösung und etwaiger institutioneller Reformen. Das dritte wichtige Element der Selbstkritik betrifft die wirtschaftliche und soziale Politik. Hier geht es nicht nur darum, daß realistischere Produktonsziele gesteckt werden. Es gibt eine relative Liberalisierung der Wirtschaft. Den kleinen Produktionseinheiten wird mehr Verantwortung übertragen. Die Rolle des freien Marktes nimmt zu. Innerhalb der ländlichen Kommunen werden Vertrage mit den Familien abgeschlossen, die bestimmte Bereiche der Produktion übernehmen und einen wichtigen Teil des Ertrags verkaufen können.

Was die demokratische Revolution angeht, so haben wir immer betont, wie wichtig der Aufruf zur Landverteilung ist. Das wird auch in der selbstkritischen Bilanz Giaps für die 40er und 50er Jahre bestätigt. Wenn der arme Bauer, der die Hauptlast des Krieges zu tragen hat, nicht das Land bekommt, das er bearbeitet, dann ist die Gefahr, daß seine Begeisterung nachläßt, groß. Und damit auch die Gefahr, daß der Großgrundbesitzer so seine getahrliche Macht innerhalb des Dortes behält. Aber eine zu radikale Agrarreform oder eine zu hastig durchgeführte kann Teile der reichen oder mittleren Bauernschaft in die Arme der Konterrevolution zurückwerfen, wie es in China zur Gefahr wurde, oder die Dorfgemeinschaft der neuen revolutionären Macht entfremden, wie es in Vietnam 1956 geschah. Die Politik der Partei muß also ganz konkret sein, und die Demokratie innerhalb des Dorfes ist absolut nötig, um feststellen zu können, was möglich ist und was nicht. Das Bündnis mit den Bauern

Im übrigen hat sich die Bauernschaft in der Dritten Welt in den letzten zwanzig Jahren ziemlich verändert. Die Bauern des Mekong-Deltas in Südvietnam erlebten die Vietminh-Reform, die Gegenretorm von Diem und dann die von den Amerikanern propagierte „Grüne Revolution". Zum großen Teil sind sie Landeigentümer, die schon individualistisch arbeiten und mit den modernen Produktionstechniken vertraut und in den Markt integriert sind. Das ist im Norden nicht der Fall. Man kann also unmöglich im Süden den selben Weg verfolgen wie im Norden.

Genauso werden in der Frage des* Übergangs zum Sozialimus Überzeugungen, die tief eingefleischt sind, von den Erfahrungen der Länder Vietnam oder China wieder in Frage gestellt. Konkret geht es darum, wie groß das Ausmaß der Kollektivierung sein soll, das man mitteltristig zu erreichen anstrebt. Ich selbst war lange der Meinung, je mehr Kollektivierung desto besser, vorausgesetzt, es handelt sich nicht um Zwangskollektivierungen, sondern die betroffenen Bauern sind damit einverstanden. Dann habe ich aber gemerkt, dais es ratsam sein kann, die Kollektivierung behutsam anzugehen, und zwar nicht nur aus Gründen der wirtschaftlichen Effektivität, sondern auch in Funktion sozialer Kriterien, nämlich um das Bündnis der verschiedenen Schichten auf dem Lande mehrheitsfähig genug zu halten.

Was sind die unmittelbaren Auswirkungen der Maßnahmen zur Landreform in Vietnam? Sie sind positiv, in zweierlei Hinsicht. Erstens nimmt die Erzeugung zu. Sie scheint 1984 den Gegenwert von 17,8 Millionen Tonnen Reis erreicht zu haben, obwohl die Klimabedingungen sehr schlecht waren. Und die Reformmaßnahmen wurden von den Erzeugern positiv aufgenommen. Das Ernährungsdefizit in Südvietnam hat sich also verringert, was heute trotz oder wegen des raschen demographischen Wachstums ein vorrangiges Ziel ist. Außerdem kann das Regime auf politischer Ebene von diesen Maßnahmen der wirtschaftlichen Liberalisierung profitieren.

Dabei besteht über diese Maßnahmen in der Führung keineswegs Einmütigkeit. Ein Teil der Kader befürchtet nämlich, daß daraus eine Schwächung der politischen Kontrolle folgen kann. Die Staatsangestellten bekommen es stark zu spüren, daß die Preise auf dem Markt anziehen, denn ihre Löhne folgen diesen Erhöhungen nicht.

Wie sieht es innerhalb der VKP aus? Wie hat sie sich entwickelt? Kader der Befreiungsfront (FNL) und der südvietnamesischen provisorischen Regierung (PRG) in wichtigen Positionen opponierten gegen die Linie, welche die Partei vertraute. Bestimmte regionale oder Provinzführungen legten ein gewisses Maß an Autonomie an den Tag und führten die Linie auf „schöpferische" Art und Weise durch. Es scheint, daß zum Beispiel die Nordprovinz Vinh Phu schon 1976 oder 1977 ein System von Familienverträgen in der Landwirtschaft einführte, das offiziell ja erst im März 1979 auf seinem 6. Plenum vom Zentralkomitee angenommen wurde. Die Parteiorganisation von Ho Chi Minh-Stadt gab in einem Dokument bekannt, daß es nötig war, „das Politbüro von der Situation, wie sie wirklich ist, zu informieren, damit es uns besser führt." Auf der militärischen Ebene traten unterschiedliche Auffassungen zutage, sogar über die Offensive von 1975, wie die Schriften der Militärverantwortlichen Van Tien Dung und Tran Van Tra zeigen.

Es hat mehrere Jahre gebraucht, von 1979 bis 1982, bis die Spitzen der Partei für eine Änderung der Linie gewonnen werden konnten. Das ZK zur Vorbereitung des Berichts an den 5. Parteitag dauerte sehr lange, und wenn dieser verschoben wurde, dann offensichtlich wegen der großen Meinungsverschiedenheiten. Nguyen Khac Vien, eine angesehene Persönlichkeit am Rande der Parteiführung, kritisierte in einem Brief an die Nationalversammlung 1981 heftig viele Kader, die er des Bürokratismus zieh, und warf ihnen Illusionen in China vor.[6] Wer ist gegen wen in der Leitung? Das ist ein gut gehütetes Geheimnis, und es ist sehr gut möglich, daß die Gruppierungen zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Personen umfassen. Immerhin hört man, daß unter den Führern Truong Chinh, Präsident des Staatsrats und Mitglied des Politbüros, dgr auch direkt für die Krise von 1956 verantwortlich gewesen sein soll, sowie To Huu mit Unterstützung militärischer Kader und mittlerer Parteikader skeptisch waren und in Opposition zur Reformpolitik in Landwirtschaft und Industrie standen. Andere Mitglieder des Politbüros und der alten Garde wie Le Duan und Le Duc Tho oder der Parteisekretär von Ho Chi Minh-Stadt, Vo Van Kiet, setzten sich für die Reform ein. Jedenfalls geschieht einiges innerhalb der VKP. Aber wahrscheinlich wird man noch lange warten müssen, bis man erfährt, um was es genau geht. 7. Mai 1985 [1] Zur derzeitigen Lage auf den Philippinen siche den Artikel von Paul Petitjean in INPREKORR Nr. 168. April 1985.

(2) Siehe dazu den Artikel -La crise d'orientation du Parti communiste thai• in Inprecor Nr. 165, 23.1.1984. [3) ASEAN, Association of Sowth-East Asian Nations: Malaysia, Philippinen, Singapur, Thailand und Brunei. Dieses Bündnis ist gegen die vietnamesische Präsenz in Kambodscha.

[4] Siehe Pierre Roussets Artikel -Selbstkritik inder KP Vietnams" in /NPREKORR Nr. 149, Oktober 1982. [5] Diese Zahlen sowie die meisten im ersten Teil des Interviews, das in Was Tun Nr. 407 vom 6.6.1985 erschien, stammen aus dem vom Journalisten Paul Quinn-Judge zusammengestellten Dossier, das in der Far Eastern Economic Review vom 2.5.1985 erschienen ist. [6] Dieser Brief wurde fadt vollständig in Quatrième Internationale Nr. 12 vom 1.12.198) abgedruckt.

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SENEGAL

Lieblingskind

Frankreichs