DER KREML LASST PYOTR JAKIR VERHAFTEN #+++++++++++++++++++++++++++++++++++++ ++++ Nach Monaten der Drohung hat die sowjetische politische Polizei Pyotr I. Jakir, einen prominenten oppositionellen Kommunisten, Führer der Bürgerrechtsbewegung und Sohn eines 1937 ermordeten Generals der Roten Armee, gefangengesetzt. Jakir wurde um die Mittagszeit des 21. Juli von Polizisten in Zivil in seiner Wohnung verhaftet. Nach verschiedenen Beobachtern ist er in einem offiziell aussehenden Wolga fortgefahren worden. Seine Freunde "antisowjetischer" Aktivitäten angeklagt wird.
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jakir mußte sich Mitte Januar eine lange Durchsuchung seiner Wohnung gefallen lassen, bei große Mengen persöhnlicher Dokumente, Manuskripte und Listen konfisziert wurden. Zusammenhang mit der offiziellen Unterdrückungskampagne gegen die (heimlich zirkulier oppositionelle) Zeitschrift "Samisdat" (Chronik der Ereignisse) wurde er danach unter Ho arrest gestellt und angeblich ein zweites Mal durchsucht. Charlotte Saikowski schreibt aus Moskau ('Christian Science Monitor" vom 22. Juni), daß Jakir wegen " verfassungswidriger Aktivitäten, denen er einige Jahre lang systematisch nachgegangen ist, indem der westlich Propagandaagenturen Informationen zukommen ließ, die gegen die Sowjetunion benutzt w den , verhaftet worden ist. Zusammen mit Wladimir Bukowski war er einer der drei sowje schen Oppositionellen, die dem (anerikanischen) CBS - Fernsehkorrespondenten William Co im Frühjahr 1970 in Moskau ein Interview gegeben hatte. Dieser Fernsehfilm war Teil des lastungsmaterials, aufgrund dessen Bukowski im Januar der "antisowjetischen Propaganda « Agitation überführt wurde, wofür der zwölf Jahre Freiheitsstrafe erhielt. Saikowski schreibt, daß gemäß ihrem Informanten 'Radio Liberty' und 'Radio Free Europe' von Jakir angeblich Informationen erhalten haben sollen. Eine solche Taktik, prosowjetisch aber antibürokratische Oppositionelle durch Assoziation mit reaktionären und wirklichen Age turen des Imperialismus in einen Topf zu werfen, war die stalinistische Gerichtspraxis seit di zwanziger Jahren. Saikowski hat überdies unerfreuliche Nevigkeiten von ihrem Informantel zu berichten, wonach "Jakir mehrmals von den sowjetischen Behörden davor gewarnt worde war, daß seine Aktivitäten illegal seien; er aber bestand auf ihnen". • (Dies ist ein offener Hinweis auf die Initiativgruppe zur Verteidigung der Menschenrechte in der Sowjetunion. ) "Dieser Vorwurf wird wahrscheinlich im Prozeß vorgebracht werden" , fährt Saikowski fort. "Aus dieser Schrift kann man jedoch nicht entnehmen, mit welchem Artikel des sowjetischen Strafrechts Jakir in Konflikt geraten ist oder wann der Prozeß beginnen wird. Wenn Jakir vor Gericht gestellt wird, könnte eine sehr scharfe Konfrontation zwischen prostalinistischen und antistalinistischen Kräften in der Sowjetunion entstehen. In den letzten J ren wurde Jakir weithin bekannt als ein ausgesprochener Opponent des Stalinismus. Ein offet Brief, den er im März 1969 schrieb, forderte Grundlagen für die heutige sowjetische Gesetz gebung, mit denen man Stalin posthum anklagen solle. In einem Offenen Brief vom Januar 1968, mitunterzeichnet vom Krimtartar - Poeten und Aktivisten Ilya Gabai und vom satirische Untergrund-Liedtexter und Sänger Yuli Kim , hatter er gegen die anwachsende Flut von Druc erzeugnissen, die Stalin in einem günstigen Licht erscheinen lassen, protestiert. Der Brief von 1968 stellte die Wiederherstellung von Stalins Ruf der anhaltend negativen Behandlung von Trotzki gegenüber, dessen Rolle als Volkskommissar für das Kriegswesen und als Präsider des Revolutionären Militärrates immer noch als "aussichtslose, zum Scheitern verurteilte Aktivitäten " hingestellt wird.
Um der immer offensichter werdenden Rückkehr zu Stalins Methoden des Polizeiterrors bege nen zu können, trat er mit anderen sowjetischen Oppositionellen in Verbindung, um das loc zusammengehaltene Initiativkomitee für die Verteidigung der Menschenrechte in der UdSSR im Mai 1969 zu gründen. Die meisten Mitglieder kamens ins Gefängnis oder wurden in psychiatrische Kliniken, die als Gefängnisse dienen, eingeliefert, deren neustes Opfer ist der Mathematiker Leonid Plyuschtsch, der im Januar dieses Jahres eingekerkert wurde. Die Hau aktivitüt des Initiativkomitees bestand darin, Verletzungen der Bürgerrechte an die Offentlichkeit zu bringen und gegen Fälle von politischer Verfolgung zu protestieren. Die Mittel hierzu waren Protestbriefe und Petitionen, von denen viele an die Vereinten Nationen geric tet waren.
Trotz der Repression gegen viele Oppositionelle in den letzten Jahren wurde Jakir vorläufig nicht belangt wegen seiner Bekannheit in der Offentlichkeit. In einem Offenen Brief zum 25 Kongreß der Sowjetischen Kommunistischen Partei im März 1971, in dem er Stalin 'einen de größten Verbrecher des 20. Jahrhunderts" nannte, bezog sich Jakir indirekt auf diese zeitw se Immunität, die er zu genießen schien, während Freunde und Bekannte von der Polizei al seits geschnappt wurden: "Die Auswahl, die "Diskriminierung', die bei der Ausübung der Re S. 14 INDDEVAAA - -
pression angewandt wird ( für ein und dasselbe Verbrechen wird einer Person an ihrer Arbeitsstelle ein Verweis erteilt, eine andere wird überhaupt nicht belangt und eine dritte erhält mehrere Jahre Gefängnis), unterstreicht die Willkür und Illegalität der repressiven Maßrahmen.
Der Grund, warum der KGB so unwillig war, ihn schon vorher in Haft zu nehmen, war natürlich der, daß ein Gerichtsverfahren, in das ein Jakir verwickelt ist, zu viele Erinnerungen an die großen Säuberungen der dreißiger Jahre wachrufen würde. Nachdem sein Vater, General lona Jakir, erschossen worden war, wurden die Witwe des Generals und Pyotr, damals 14 Jahre als, in ein Konzentrationslager interniert. Sie wurden erst nach Stalins Tod im Jahre 1953 frei- - Periode wurden sie rehalbilitiert, ebenso wie die Offiziegelassen. In der "Entstalinierungs' re der Roten Armee, die Stalin am Vorabend des II. Weltkrieges niederschlachten ließ, womit der Kopf der Verteidigung der Sowjetunion enthauptet wurde.
Chruchtschow selbst nahm in seiner "Geheimrede" auf dem 20. Parteitag 1956 Bezug auf Pyotr Jakir. Mit der Erlaubnis, als Historiker zu arbeiten, gab Pyotr eine Artikelserie über seinen Vater heraus. Wie weit die Rehabilitierung von Generälen ging, die 1937 aus der Armee herau: gesna fa worden waren, mag man daran beurteilen, daß ein sowjetisches Schiff den Namen erhielt. Ironischerweise schickten der Kapitän und die Mannschaft dieses Schiffes an Pyotr Jakir, nachdem er einen Protestbrief an die Vereinten Nationen unterzeichnet hatte, einen Brief, in dem sie ihn wegen seiner "unpatriotischen" Aktion angriffen. Seine Antwort an die Mannschaft der lona Jakir ist eines der Dokumente, die heute im "Samizdat" zirkulieren. Eine andere seiner unzensierten Arbeiten, die privat zirkulieren, ist mit "Kindheit im Konzentrationslager" betitelt. Diese Arbeit ist als erster Teil seiner Memoiren auch außerhalb der Sowjetunion veröffentlicht worden. Der zweite Teil soll vom KGB dieses Jahr konfisziert worden sein.
Wenn Jakir vor Gericht gestellt wird, dann wird dies das erste Mal seint der Denunzierung von Stalins Verbrechen sein, daß jemand, der direkt mit einem Opfer der großen Säuberungen ver wandt ist, den wiederauflebenden stalinistischen Methoden ausgeliefert wird. Die Proteste anläß lich des Sinyawski-Daniel-Prozesses, des Ginzburg-Galanskow-Prozesses, des Litwinow-Bogoraz-Prozesses, des Bukowski-Prozesses könnten sich als reine Vorgeplänkel erweisen, wenn all jene Kräfte, die in Opposition zu einer Wiederbelebung der Stalinschen Mehtoden stehen, sich anläßlich der Verteidigung Jakirs vereinen und dafür mobilisieren. hat der Krem/ von öffentlichen Prozessen gegen die oppositionellen Kräfte Mehrere Jahre lang abgesehen, da diese möglicherweise zuviel Unterstützung bekommen hätten, besonders wenn man in Betracht zieht, daß es sich dabei um oppositionelle Kommunisten gehandelt hat, die von internationalen kommunistischen Kraften unterstützt worden wären. Deshalb verwandte man gegen die oppositionellen Kommunisten Pyotr Grigorenko und Iwan Jachimowitsch die Taktik der "stillen'' Einsperrung in Irrenhäuser. In den letzten Monaten hat der Kreml eine neve Taktik angewandt: er erlaubt den Oppositionellen, das Land zu verlassen, aber sie dürfen nichi wiederkommen. Führende Oppositionelle und Genossen von Jakir - Juri Glasow, Juri Titow und Alexander Jesenen-Volpin - ebenso wie der Dichter Josif Brodsky wurden dadurch vom Standpunkt des Kreml als unmittelbare Probleme aus der Welt geschafft. In einem Bericht, der kürzlich in der norwegischen Zeitung "Afterposten" erschienen ist, steht, daß die sowjetischen Behörden planen, die führenden Oppositionellen alterna tiv vor folgende Wahl zu stellen: entweder sie verlassen die Sowjetunion, oder sie wandern ins Gefängnis. Der Korrespondent Per Egil Hegge behauptet, daß Jakir, der Romanschriftstellter Solschenizyn und das Mitglied des Menschenrechtskomitees Valery Schalidse zu den davon betroffenen Per sonen zählen. Hegge behauptet weiterhin, daß die aus der Sowjetunion ausgewiesenen Opposi tionellen ihrer sowjetischen Staatsbürgerschaft nach Artikel 20 des Strafrechts der russischen Republik verlustig gehen würden. Dies ist derselbe Artikel, nach dem Leo Trotzki im Jahre 1929 iNPREKORR 15.7.72 S. 15
von Stalin ausgewiesen wurde, schreibt Hegge. Nach anderen Berichten soll der frühere Gen ralmajor Pyotr Grigorenko, der in einer psychiatrischen Klinik unter Bedingungen Festgehal. ten wird, die ihn sicher über kurz oder lang zugrunde richten werden, auch aus der Sowjet. union ausgewiesen werden.
Solche Gerüchte können sehr wohl vom Kreml ausgestreut worden sein, um für den Fall, daß neue Prozesse vorbereitet werden, die internationale Protestbewegung zu entwaffnen. Man sollte sich daran erinnern, daß Valery Tarsis, ein relativ unbedeutender Schriftsteller, die UdSSR verlassen durfte und dem dann noch in derselben Woche die Staatsbürgerschaft entzog wurde, als der große Prozeß gegen die Schriftsteller Sinyawski und Daniel 1966 stattfand. Kreml hat wirkliche Gründe dafür, daß er gegen Jakir, Schalidse, Solschenizyn und andere 2 Repressalien greift. Die Zeichen für das Anwachsen von Unruhe und politischem Bewußtsein unter den Massen, besonders unter einigen von den nationalen Minderheiten, führen dazu, dal das Breschnew-Regime jede organisierte oder prominente oppositionelle Person oder Grup als einen potentiellen Funkten, der einen großen Brand auslösen kann, fürchtet. Die Wut, d das Regime auf die freimütig geäußerten oppositionellen Standpunkte von Jakir, Solschenizy und Schalidse hat, kam während des Prozesses im Januar gegen Bukowski deutlich zum Ausdru Alle drei wurden von der Staatsanwaltschaft wiederholt mit Bukowski in Verbindung gebracht, Und das harte Gerichturteil, das gegen ihn ausgesprochen wurde, ist ein Maßstab für das den anderen zugedachte Strafmaß. Jakir und Schalidse spielten eine große Rolle in den Protesten rund um den Bukowski-Prozeß, sowohl davor als auch danach. Besonders Jakir wurde mit der Veröffentlichung der Abschrift des Bukowski-Prozesses in Verbindung gebracht, Dokumente, die die Behörden geheimhalten wollten. Alexei Tumerman, der junge jüdische Oppositionelle, de für die Veröffentlichung der Abschrift die Verantwortung auf sich nahm, ist angeblich ein enge Vertrauter oder sogar der Sekretär oder Assistent von Jakir.
Ein oder zwei Monate vor Nixons Reise nach Moskau schien das Breschnew-Regime die scharfe Kampagne, die es zum Jahreswechsel gegen alle Formen von Opposition eröffnet hatte, abzu blasen. Offensichtlich sollten peinliche Vorkommnisse unmittelbar vor Nixons großer Tour ver den werden. Die Oppositionellen ihrerseits riefen keinen Burgfrieden aus. Tumerman gab sin Interview, worin er die Hoffnung ausdrückte, daß die Frage der Menschenrechte in den Dis kussionen zwischen Nixon und Breschnew behandelt werden würde; natürlich eine vergebliche Hoffnung. Daraufhin wurde er sofort unter psychiatrische" Beobachtung gestellt. Auch Jakir gab eine ähnliche Erklärung wie Tumerman ab. Er sagte, daß "die Gewährleistung der Freih des Individuums aufgehört hat, eine interne Angelegenheit zu sein, daß sie zu einem intern tionalen Prolbem geworden ist". Er berichtete: "Vor der Ankunft Nixons wurden gewisse Leut zur Miliz (reguläre Polizei) und zur Staatssicherheitspolizei gebracht, wo sie aufgefordert wurden, ein Dokument zu unterschreiben, in dem sie sich verpflichteten, während des Präsid tenbesuchts keine antisozialistische Handlung zu begehen. " Und er fügte hinzu: "Ich würde gern hoffen, daß nach Präsident Nixons Besuch die Repression nicht verschärft wird, sondern daß die Verhaftungen eingestellt werden "nd nie mand mehr in einem gesundheitsschädlichen Asyl interniert wird.
Das Regime hat anders reagiert. Aber es steht einerseits unter dem Druck der internationalen und nationalen Offentlichkeit, die die Einstellung der repressiven Aktionen fordern, und ar dererseits hat die Bürokratie eine tödliche Angst vor einer sozialen Erhebung, die ihr ihre Pr vilegien rauben würde. Für sie ist es entscheidend, einen Weg zu finden, um diese Stimmen des Protests zum Schweigen zu bringen, ohne gelichzeitig als Reaktion noch mehr Protest zu erzeugen. (George Saunders. Aus INTERCONTINENTAL PRESS vom 3. 7.7