Rigoberta Menchu Tun, eine junge sation revolutionärer Christen teil, die Quiche, ist in der ganzen Welt bekannt, sich nach ihrem Vater, Vicente Menchu" weil sie ununterbrochen die Repression gegen ihr Volk denunziert. Ihr eigenes Als sich Rigoberta für die Revolution Leben ist ein Beispiel für die Geschichte entschied, beschloß sie, Spanisch zu der indianischen Bevölkerung von Gua- lernen. Das gelang ihr nicht nur innertemala. Geboren wurde sie in dem Dorf halb sehr kurzer Zeit, sondern sie eigne- Chimel in der nordöstlichen Provinz Qui- te sich auch einen ungewöhnlichen Ausche. Schon ab dem Alter von acht Jahren drucksreichtum an. Das ermöglichte ihr mußte sie auf den Bananenplatagen der ab 1981, sich den Aufgaben der Solidar Südküste unter den härtesten Bedingun- ität auf internationaler Ebene zu wid gen des Elends und der Ausbeutung ar- men. Im März 1982 wurde sie auch indas Comité Guatemalteco de Unidad Patrio- Sie stammt aus einer kämpferischen tica (CGUP) nominiert. Familie. Nacheinander mußte sie mitan- Derzeit ist sie Führerin des Comité des sehen, wie ihr Vater ermordet wurde - Unidad Campesina (Bauerndachver- 1981 in der spanischen Botschaft mitein- band) und Mitglied der kürzlich gegrüngeschlossen - ihr Bruder gefangen deten Representacion Unitaria de la wurde, gefoltert und dann vor den Augen Oposicion Guatemalteca (RUOG). Als zuder Familie lebendig verbrannt, und wie sätzlichen Beitrag zu ihrer internationaihre Mutter tagelang gefoltert und dann len Arbeit bot Rigoberta das Zeugnis entsetzlich entstellt am Leben gelassen ihres Lebens und ihrer indianergemeinwurde. de, von Elisabeth Burgos aufgezeichnet, Sehr jung engagierte sie sich als Kate- in einem Buch, das 1982 den kubanichistin, nicht nur um für die Zeit nach schen Preis Casas de las Americas gedem Tode zu lehren, sondern auch um wann, auf Deutsch erschienen: auf den Wegen dieser Erde voranzukom- Ellsabeth Burgos / Rigoberta Menchu, Loben men. " Nach dem Martyrium ihres Vaters In Guatemala, Lamuv-Verlag 1984, 244 Selnahm sie an der Gründung einer Organi- ten, 16,80 DM. daß, wenn irgendwas in der Nähe sich rührt, die Pfähle automatisch rauskommen und leicht Füße und Beine brechen können. Nur die Leute, die im Lager leben, kennen das Geheimnis dieser Fallen. [...] Nicht einmal mir wollten sie es anvertrauen, was zeigt, wie hoch ihr Bewußtsein für die Bedeutung des Sicherheitsproblems ist."
Unsichtbare
Landwirtschaft
Der Lebensmittelmangel ist ein großes Problem, aber man hat es geschafft, eine kollektive und sehr intelligente Lösung zu finden. „Die Genossen gehen sehr früh am Morgen raus, um Nahrungsmittelzu sammeln. [-] Jede Pflanze, jede Liane, die man kochen kann, ist nützlich. Andere widmen sich der Ernte, ein bißchen da und ein bißchen dort, sodaß, wenn die Armee ankommt, sie nur einen Teil findet, aber nicht alles. [...] Gesät werden Mais, Bohnen, Yukka, Malanga, aber auch zahlreiche andere eßbare Gräser, die das Volk entdeckte, die von selbst zu wachsen scheinen, die also der Armee nicht auffallen, sodaß sie sie nicht als Planzungen identifizieren kann. Heute ist es der Bevölkerung im Gebiet von Ixcan, das einen Teil von El Quiche und Huehuetenango im Nordosten des Landes umfaßt, gelungen, nicht nur kleine Flächen von einer cuerda oder zwei einzusähen, sondern biszu 200 oder 300 cuerdas auf mehrere Stellen verteilt, weil die Armee inzwischen nicht mehr so weit gelangt. Das ist der Fall, seitdem die Guerilla wieder aktiv geworden ist. Am 9. April 1984 hat sich die Truppe zurückgezogen und am 12. April haben die Bauern bereits mit der Aussaat begonnen. Ixcan ist sehr fruchtbar, und das ist gut für die Bauern. Es gıbt auch ein Gesetz in den Lagern. Es gibt Regeln, von der Gemeinde beschlossen, um Mitglieder der Kollektivität, welche die Disziplin gebrochen haben, zu bestrafen. Die Strafe wird nicht von einem Häuptling auferlegt, sondern von der Kollektivität. Alle geben ihr Einverständnis. Dem Genossen, der einen solchen Fehler begangen hat, eine Tat gegen die Interessen unserer Kinder, unseres Lebens, unserer Sicherheit, darf es nicht passieren, daß sich sowas wiederholt. Man diskutiert über den Fall, und wenn der Genosse seinen Fehler wiederholt, dann hat er nicht den Willen, sich zu korrigieren. Dann wird er bestraft." Die Verantwortung liegt nicht allein bei den Männern. „Die Frauen machen die Küche während der ganzen Nacht, damit der Rauch, der über die Bäume aufsteigt, von den Soldaten nicht gesehen wird. Die Kinder helfen dabei, aber vor allem bereiten sich sich auf die Zukunft vor. Sie sind die Zukunft."
Vielsprachige Kinder „Um sechs Uhr in der Frühe sind sie
schon mit ihrem Päckchen bereit. Der eine trägt seine Hose, der andere sein Hemd, einen kleinen Behälter, ein Messer, ein Feuerzeug, etwas Wegzehrung. Auch wenn sie erst zwei oder drei Jahre alt sind, stehen sie schon bereit. Frühmorgens ist eine gefährliche Zeit, denn da läßt die nächtliche Aufmerksamkeit und Gespanntheit um das Lager herum etwas nach, und die Armee kann sich heranschleichen und überraschend auftauchen."
Tagsüber folgen die Kinder dem Unterricht, der von Frauen oder einem Verantwortlichen gegeben wird. „Thre Tafel ist die Erde und ihre Kreide ein Stück Holz. Die Lehrerin diktiert die Lektion, sie schreiben sie ab, die Lehrerin schaut nach, und dann wird es wieder weggewischt. Sie haben keine Hefte, und der Stoff geht langsamer voran — aber voran geht er. Man lehrt ihnen auch die Geschichte ihres Volkes, ihres Landes." Wichtig ist auch der Sportunterricht. „Sie müssen in den Bergen marschieren lernen, falls sie eines Tages weglaufen müssen."
In der übrigen Zeit tollen die Kinder herum. Ihre Spiele sind sehr beeindruckend. Sie kennen kaum ein anderes Spiel als den Krieg. Sie identifizieren sich aber auch mit den Tieren, die sie in der Natur um sie herum wahrnehmen. Und sie glauben, das Haus, in dem sie leben, ist das einzige schöne Haus in den Bergen."
Die Kinder sind ein wichtiger Faktor für den Zusammenhalt der verschiedenen Stämme. Die meisten von ihnen lernen die verschiedenen Sprachen. „Das sehen wir gut, wenn sie spielen, vor allem wenn sie diskutieren. Im Eifer vergessen sie ihre jeweilige Sprache, und schon sprechen sie die des anderen. Es ist lustig, wenn man so was sieht. Dennoch bleibt die Heimatsprache für sie wichtig für ihre Identität. Sie fragen einander: ,Hast Du einen Dialekt?'. . Wenn nicht, dann verge ben sie einen, wie man Namen gibt. Die ladinos (von den Spaniern abstammende Mischlinge) antworteten früher: ,Nein, ich habe keinen Dialekt.' Aber jetzt haben sie einen adoptiert und antworten mit fester Stimme: Ja, ich habe einen Dialekt' — Mam oder Canjobal oder eine andere Sprache.
Diese neue Art und Weise zu leben, zwang Tausende Bauern dazu, zahlreichen Problemen mit viel Phantasie zu begegnen, vor allem Krankheiten, die sie vorher entweder gar nicht kannten oder aber besser im Griff hatten. Eine der schlimmsten ist colmoyote, hervorgerufen durch eine Mückenart, die die Kinder in den Kopf sticht. Sie legt eine Larve, die sich unter der Haut entwickelt mit einem kleinen Loch, das für die Atmung ausreicht, aber nicht gesehen werden kann. Der Wurmentwickelt sich darunter. Solange das Fleisch nicht Treffen von Indianerinnen im Hochland weich geworden ist wie eine Avocado- Frucht, kann man den Wurm nicht entfernen, weil man nicht das notwendige chirurgische Material hat. Es ist gräuslich den Kopf der Kinder voll von Würmern zu sehen."
Der Hunger, der Mangel an Kleidung. die Malaria, die sich überall ausgebreitet hat, und das Sumpffieber, das oft tödlich ausgeht, sind weitere Ubel für die Bauerngemeinschaften. ,Man versucht, Heilmittel zu finden. Die Bevölkerung sammelt viele Pflanzen und läßt sie die Kranken als Tee trinken. Aneinem Tag die eine, am nächsten Tag die andere, dann noch eine, bis die Leute schließlich wieder gesund werden. Wenn sie mehrere Pflanzen hatten, wissen sie nicht genau, von welcher die Heilwirkung nun ausging oder ob alle dazu beitrugen, aber sie haben nun ein Rezept gefunden." „Was man im Volke sät, geht nicht verloren"
Als Ende 1982 die Gwerilla gezwungen war, sich vor der Counterinsurgency-Offensive der Diktatur zurückzuziehen, ist es diesem Volk mit unterschiedlichem politischen Bewußtsein und Organisationsgrad gelungen, seine eigenen Antworten auf die Situation zu geben. „Sie haben mir nicht gesagt, ob sie sich verlassen fühlen oder nicht, ob sie heute mit den revolutionären Organisationen in Kontakt stehen oder nicht. Es gibt viele Geheimnisse, die das Volk in seinem Herzen bewahrt."
Aber bestimmte Sachen kann man sehen. Leute verschwinden aus den Lagern und kommen dann wieder zurück, und man kann Kommentare hören wie: ,Zuvor wußten wir nicht, wie man Krieg führt, wir hatten keine Ahnung. Aber jetzt wissen wir es. Wir mußten uns verteidigen, und wir haben gelernt, daß es schwierige Augenblicke gibt — aber auch sehr schöne - die zu überstehen wir uns in diesem Krieg gezwungen haben.' Der bewußteste Teil der Bevölkerung versteht nun, daß es Aufgabe des Volks selber ist, den Krieg zu führen, daß man nicht unbedingt ein Gewehr braucht, um die Soldaten zu bekämpfen, daß man sie auch mit Fallen schlagen kann. Wirklich, dieses Volk ist permanent im Aufstand, es weiß, daß das das einzige Mittel
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ist, nicht nur um sein Leben zu verteidigen, sondern auch um Widerstand zu leisten, sein Land zu retten, seine kulturellen Interessen, die kollektiven Gedanken und Gefühle, die Zukunft. Diese Bevölkerung, die Widerstand leistet, erwartet etwas, denn sie ist und bleibt der Ausgangspunkt für die revolutionäre Bewegung. Sie lehrt wieder einmal deutlich, daß das, was man im Volke sat, nicht verloren geht." Die Nachricht daß die Guerilla-Aktionen Mitte des vergangenen Jahres wieder auflebten, auf dem Lande wie in der Stadt, hat sich wie ein Lauffeuer in sämtlichen Lagern ausgebreitet und war ein „Grund zu groler Freude in der Bevölkerung.
Zivilpatrouillen:
eine zweischneidige Waffe ndes bildet die Bevölkerung im Wider tand nur eine Minderheit innerhalb de gesamten Volkes, das von der konterrevolutionären Repression getroffen wird. Man rechnet, daß etwa 600 000 bis 700000 Bauern in die strategischen Dörfer umgesiedelt sind. Diese Leute wurden ihrer Heimat entrissen, mit dem Leben bedroht, einer oder mehrere ihrer Angehörigen wurde von der Armee umgebracht, auch diese Leute versuchen zu überleben, und auch sie leisten in unterschiedlicher Art und Weise Widerstand. Auf S0 000 wird die Zahl derer geschätzt, die an den „zivilen Selbstverteidigungspatrowillen" teilnehmen, paramilitärischen Organisationen, die von der Armee kontrolliert werden. Zehntausende weitere haben es vorgezogen, in die Hauptstadt oder zu den Plantagen an der Südostküste zu ziehen, wo für den Agro-Export produziert wird, oder halten sich entlang der mexikanischen Grenze auf.
Rigoberta Menchu erzählt, daß Elend und Repression überall die Regel sind. Sie nennt die strategischen Dörfer Konzentrationslager, wo man, wenn man nicht gehorcht, mit dem Tode bestraft werden kann. Im Nordwesten des Landes gibt es Aufstände von ganzen Dörfern, und ihre Bevölkerung ist zu denen übergegangen, die sich im Widerstand befinden - vor allem seitdem die revolutionären Aktionen wieder zugenommen haben. „Die Armee hütet sich auch sehr vor dem Einsatz der zivilen Patrouillen. Sie befürchtet, daß diese schweigsame, einfache Bevölkerung, die aber derzeit die Methoden des Feindes erlernt, sich gegen sie wendet und von den Revolutionären infiltriert ist. [...] Manche Genossen der Patrouillen, die von den Bauernorganisationen kontaktiert wurden, bestätigen mit ihren Worten, wie sehr diese Angst berechtigt ist: , Wir wußten, daß Ihr ei-. nes Tages zurückkommen würdet... Hier sind Eure Kugeln, Eure Gewehre; wir haben sie aufbewahrt, um eines Tages den Kampf weiterzuführen.' Andere sagten: ,Schau, Genosse, hier haben wir ein wenig von der Armee gelernt, mit den Waffen umzugehen, und wenn Ihr eines Tages den Krieg anfangen wollt, dann sind wir zur Stelle.** Morgens aufstehen und die Heimat erblicken.
Die Flüchtlinge, die auf mexikanischem Territorium leben, sind von tief nationalem Geist durchdrungen, versichert Rigoberta. „Man muß doch sehen, daß sie nicht freiwillig gegangen sind, auch nicht um sich durchs Leben zu schlagen, Arbeit zu suchen oder gar gut zu leben. Nein! Sie verteidigen viel mehr als das." Manche haben die Grenze nur ein paar meter überschritten und setzen sich der Gefahr aus, Ubergriffen der Armee und der paramılıtarıschen Banden Guatemalas zum Opfer zu fallen. Warum sind sie nicht weiter ins mexikanische Landesinnere gezogen? Eben deshalb, weil sie jeden Morgen, wenn sie aufstehen, ihr Vaterland sehen wollen. In der Nähe ihrer Heimat, ihrer Erde fühlen sich die Leute glücklicher, und hier können sie sie jedesmal sehen, wenn sie es wollen, weil sie so nah ist. Das Vaterland ist wichtiger als die Getahr. [...] Niemand hat mir das gesagt, aber ich kann behaupten, daß zwischen der Bevölkerung im Widerstand und der geflüchteten Bevölkerung eine enge Verbindung, eine Identifizierung besteht. Letztere spricht von ,unseren Brüdern, die unsere Erde verteidigen, die in den Bergen geblieben sind', während man im Landesinneren von ihr spricht als , die da unten, die nicht schlafen, die eines Tages zurückkommen werden'. . Es ist so, als würden die Flüchtlinge in Mexiko halt ein zusätzliches Lager bilden. Tatsächlich haben die einen wie die anderen als Perspektive nur die revolutionäre Bewegung, und das kann auch gar nicht anders sein. Was nicht heilst, dais sie Guerilleros sind. Sicher nicht. Aber sie sagen, daß sie nicht in ihr Land zurückkehren können, solange dort die Armee ist, solange ihr Vaterland nicht frei ist. Sie wollen auch keine Mexikaner sein. [...] Und wer kann in diesen Bergen schon alles kontrollieren? Ob man will oder nicht, es gibt Kontakte, Berichte verbreiten sich über das, was diese Leute überall erleben. Auch wenn in der offiziellen Propaganda das Gegenteil behauptet wird, wissen sie, dais die Armee nach wie vor mordet, dal die strategischen Dörfern in manchen Gegenden gegen die Militärs revoltieren, daß es in den Städten Streiks gibt und Bewegung in den Slums, und daß man immer mehr von den muchachos hört, in den Bergen und in den Städten, daß von ihnen immer mehr gesprochen wird. Uberall sind Menschen, die nur auf die Stunde warten."
Nr. 20/III - 5/85 die Internationale
Die Zukunft des Ökosozialismus
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