Der Rückzug der israelischen Armee ist eine historische Niederlage für den Zionismus.
Gerry Foley
Der israelische Rückzug aus dem Libanon gleicht politisch mehr und mehr einer wilden Flucht, sicht nach einem beispiellosen Scheitern des historischen Projekts der zionistischen Kolonisation des Nahen Ostens aus. Er hat die Achilles-Ferse der Macht Israel freigelegt und Israels Massen tief aufgewühlt.
„Die Tsahal kann ganze Armeen zu Kleinholz schlagen, aber sie kann nichts gegen ein ganzes Lande tun, das verrückt spielt," schreibt Eytan Haber, Militärkorrespondent einer der beiden Zeitungen, die sich in Israel 70 % des Marktes teilen, Yediot Aharonot. „ Wir müssen raus aus Libanon und es in seinem eigenen Blut ersaufen lassen. Ehre? Das ist ein Begriff für jene Sorte Patrioten, deren Söhne ihren Kriegseinsatz an den Stränden von San Francisco ableisten. Die Familien, die ihre Toten zu begraben haben, haben für diese Art Ehre keinen Platz. Wir müssen raus und das so schnell wir können." Ausgerechnet im bislang am meisten der chauvinistischen Hetze verschriebenen Blatt in Israel legte Eytan die grundlegenden Schwächen des Staates Israel bloß und goß dabei auch noch Hohn über das aus, was in Israel traditionell als einzige verläßliche Stütze auf der ganzen Welt betrachtet wurde, die jüdische Diaspora im allgemeinen, besonders aber die amerikanische.
Die wesentliche Schwäche der zionistischen Kolonie im Konflikt mit dem arabischen Volk der Region ist in der Tat seine geringe Einwohnerzahl und ihr Festhalten an einem vergleichsweise sicheren und komfortablen Lebensstil. Eine solche Bevölkerung wird nicht bereit sein, das gleiche Ausmaß an Opfern zu tragen wie verzweifelte und besitzlose unterdrückte Massen. Genau aus diesem Grunde sind auch frühere Kolonisationsprojekte wie Algerien und Irland gescheitert.
Es liegt nicht an irgendeinem besonders gearteten religiösen Fanatismus der schiitischen Bevölkerung des Libanon, daß dieses Problem entstanden ist. Es derzeit von Israel BEIRUT besetztes Gebiet LIBANON
Truppenabzug in drei Stufen: Schuf-Gebirge erste Phase 15 Kilometer zweite Phase SYRIEN dritte Phase Sidon
DAMASKUS
MITTELMEER
LIBANON
Tyrus Karten- Ausschnitt
Nakura ISRAEL
ÄGYPTEN JORDANIEN folgt vielmehr aus den materiellen Be- gen ihren Abbauauftrag, für den die dingungen einer unterdrückten Ge- Planungsstäbe der Armee einen ganzen meinschaft. Monat angesetzt hatten.)" Auch erreichten die rechtsradikalen Todesfalle Zionisten nicht mal unter der Bevölke- Die Besatzung des südlichen Libanonist rung der am meisten gefährdeten Siedfür die israelische Armee zu einer tödli- lungen längs der Grenze zum Libanon chen Falle geworden. Laut den offiziel- eine Reaktion der Empörung. len Bekanntagaben des Oberkomman- „Ein weiteres Indiz ist die Reaktion dos der israelischen Armee sah sich die der Einwohner von Kiriat Shmona, der Tsahal täglich im Durchschnitt drei An- nördlichen Grenzstadt, zu deren Schutz griffen durch den libanesischen Wider- angeblich die Operation ,Frieden Für stand ausgesetzt. Bamahane, die Solda- Galiläa' (so der Titel der Invasion) durchgeführt worden war. Als der Litenzeitung der Armee, berichtete, daß 17 % der jungen Rekruten die Soldaten kud-geführte Stadtrat von Kiriat Shmounterstütze, die den Einsatz im Libanon na zu Demonstration und Generalstreik verweigern. Unter den älteren Reservi- gegen den Rückzug aufrief, stimmte das sten, die die Hauptmasse der Streitkräf- Wählervolk mit den Füßen ab, und die te Israels ausmachen, war dieser Anteil rechtslastige Aktion scheiterte kläglich. ein Vielfaches.
Die Februar-Ausgabe von „Das ande- Ein Besatzungseinsatz weit entfernt re Israel", Blatt des Israelischen Rats für von jüdischen Siedlungen mußte auch Israelisch-Palästinensischen Frieden, für eine Armee wie die israelische ganz schrieb über die erste Phase des Rück- besonders demoralisierend wirken, da zugs: „Man kann nicht anzweifeln, daß sie mehr auf moralische und patriotische der Rückzug in Israel populär ist! Ein Motive sich gründet - das jüdische Beleg dafür war die offen gezeigte Freude Volk zu verteidigen und zu schützen der Soldaten beim Rückzug und ihr — als auf traditionelle Kasernenhofdisüberdurchschnittlicher Eifer beim Ab- ziplin. bau der Armee-Einrichtungen. (Laut Letzten August sprach ich in Israel Yediot Aharonot schaffte eine Einheit in mit Adam Keller, einem der Herausge- Nachtschichten innerhalb von acht Ta- ber von Das andere Israel", über die
Wirkung des Krieges im Libanon auf schiessich einmal eine zwei Welle des Enthusiasmus verdankte — im Gegensatz zu der traditionellen Opposition orthodoxer Juden gegen das zionistische Projekt und der daraus resultierenden Befreiung strenggläubiger Juden vom Militärdienst. Es handelt sich dabei um Leute, die auf eine besondere konfessionelle Schule gehen, die Yeshivot Ha- Seder.
Keller sagte: „Die Yeshiovot Ha Seder-Zöglinge bildeten den harten Kern der Gush Emumim (,Block der Standhaften", führende Kraft der Siedlerbewegung). Viele von ihnen waren mehr als schockiert während des Krieges im Libanon. Denn sie waren in den Kampfeinheiten und erlitten schwere Verluste, sie mußten einiges einstecken. Ich glaube, 10 % der Verluste im Libanon kamen aus diesen Einheiten, denn das sind Elite- Einheiten.
Ich glaube der Schock traf sie hart. Denn eine Sache ist es, für die Uberlegenheit des jüdischen Volkes in deinen ruhigen vier Wänden einzustehen, eine andere aber, deine besten Freunde um dich herum fallen zu sehen. Einige wurden auch durch die Massaker von Sabra und Shatila aufgerüttelt. Auch wenn es sich um rechte Leute handelt und sie bei den Landbesetzungen an vorderster Front stehen, so sind sie doch keine Monster. Sie sind gebildete Leute, die fest an die Moralität ihres Handelns glauben. Einige, nicht alle, nicht einmal die meisten waren von Sabra und Shatila erschrocken. Sie standen Aug in Auge dem Endresultat ihrer eigenen Ideologie gegenüber."
Dies, so Keller weiter, sei die Wurzel des Auftauchens von Netivot Shalom Ausbreitung der Antikriegsbewegung unter den Juden Israels eine Schlüsselrolle spielte.
Zweckloser Terror
Für ihn persönlich war es die Erfahrung als Besatzungssoldat in Ostjerusalem 1967 gewesen, die ihn dazu brachte, sich der Friedensbewegung zu nähern, sagte mir Gideon Spiro. Er ist einer der Führer von Y esh Gvul, der Organisation der Reservisten, die sich weigern, im Libanon Dienst zu tun.
„Plötzlich sah ich, welch riesige Macht ich als Besatzerinder Hand hatte, wie sehr eingeschüchtert die Zivilisten sind, und daß du praktisch machen kannst, was du willst. Dieser Zustand, daß ich andere Menschen überwachte, war in meinen Augen erschreckend. Er kann rasch ausarten, in moralischer Verkommenheit enden. Es gibt so viele Möglichkeiten, diese Macht zu mißbrauchen, diese totale Macht, die du in Händen hältst... mit anderen menschlichen Wesen als deinen Feinden umzugehen... Ich denke immer noch an die Augen der Leute, an ihren ängstlichen Ausdruck."
Das Desaster der zionistischen Herrschenden, das sie zum erstenmal zum Rückzug aus einem besetzten Gebiet zwang, aus dem kombinierten Druck des Massenwiderstands und der Desillusionierung des jüdischen Volkes heraus, kann durch die Taktik, Repressalien anzuwenden, jetzt noch verschlimmert werden.
Es ist im allgemeinen ein ziemlich deutliches Kennzeichen dafür, daß eine herrschende Klasse den Zugriff auf die Lage verliert, wenn sie das elementare Prinzip verletzt, daß Terror nur dann wirksam ist, wenn man auch die Macht hat, ihn total und auf Dauer einzusetzen. In Verbindung mit einem Rückzug sieht aber jeder, daß er nicht total sein kann oder lange dauern. Die Quislinge im Südlibanon haben schon ihre Schlüsse gezogen und desertieren en masse aus ihrer Truppe. Unter den Bedingungen des Rückzugs kann das, was die israelischen Autoritäten Operationen der „eisernen Hand" nennen, das libanesische Volk nur zu noch vereinterer und heftigerer Opposition aufrütteln. Und genau dies geschieht auch. Den kritischeren Auslandskorrespondenten ist das auch ersichtlich.
In der Le Monde vom 10.3. schrieb z.B. P.J. Fraceschini auf Seite eins: „Trotz der Operation ,Eiserne Hand' reifen die Früchte des Zorns rasch im Süden des Libanon, und die Israelis werden den Wein daraus wohl bitter finden. Allein am Freitag, dem 8. März waren sie Ziel von sieben Angriffen."
Am Sonntag, dem 10. März wurden 12 israelische Soldaten getötet und 14 verwundet - bei einem Kamikaze-Anschlag auf einen Konvoy nahe der israelischen Grenze. Am folgenden Tag unternahmen israelische Kräfte einen Vollangriff auf das Dorf Zrarie, einen halben Kilometer nördlich des Gebiets, das sie noch besetzt halten. Dieser Ort ist übrigenseine Hochburg linker Kräfte im Süden des Libanon, und keinesfalls eine des schiitischen Fundamentalismus.
Die zionistische Militärverwaltung verkündete, sie habe 24 „Terroristen" getötet. Der libanesische Zivilschutz sagte, 58 Zivilisten seien bei diesem Angriff ums Leben gekommen. Das offizielle libanesische Radio teilte mit, die örtliche Bevölkerung habe mit den Soldaten der libanesischen Armee gemeinsam an der Verteidigung des Städtchens teilgenommen. Bei einem vergleichbaren Gefecht zuvor in der gleichen Gegend waren drei libanesische Soldaten gefallen.
Seit dem 16. Februar sind die libanesischen Armeekräfte viermal in Gefechte mit den israelischen verwickelt worden — laut Bericht von Selim Nassib in der Libération vom 12.3.
Die internationale Presse hat vom libanesischen Widerstand gegen die israelischeiben beriche Dabli geile. Aktionen machtvolle Massenmobilisierungen. Es gab eine heftige Antwort nach dem Anschlag auf die schiitische Moschee in der südlibanesischen Stadt Maraake am 4. März, bei der Führer der Organisation Amalgetötet wurden, und nach dem Auto-Bombenanschlag in einer schiitischen Vorstadt am 8. März. Diese Anschläge wurden nicht nur von den schiitischen Führern, sondern auch von der libanesischen Regierung dem Geheimdienst Israels zur Last gelegt.
Einmütigerer Widerstand der Religionsgruppen
Das Dementi der zionistischen Regierung wird schon allein durch die lange Vorgeschichte terroristischer Angriffe seitens des Geheimdienstes Mossad Lügen gestraft, die insbesondere sich gegen PLO-Führer, auch in Westeuropa, richteten. Bei beiden genannten Anschlägen hätte auch keine libanesische Kraft etwas zu gewinnen gehabt, und besonders der Anschlag vom 8. März richtete sich gegen die Bevölkerung als ganzer. Eine Auflistung aller Autoanschläge in der Le Monde vom 10.3., die seit dem 28. Januar 1983 stattfanden, zeigt, daß fast alle sich gegen Ziele richteten, von denen man sagen kann, es wäre zumindest zur Freude der Israelis, gerade diese zu treffen.
Die zionistische Regierung hat auch versucht, den Hintergrund dieser Bombenattacken genauso wie die Angriffe auf die sich zurückziehenden Truppen darzustellen, als läge er in der Rivalität zwischen verschiedenen gemeindegestützten bewaffneten libanesischen Gruppen. Dieser offensichtliche Quatsch beleuchtet umso mehr, in welchem Maße die zionistische Besetzung des Südlibanons die libanesischen Gemeinden gegen sie vereint hat. Wie man es auch dreht und wendet, Israel scheint alle frühere Unterstützung durch diese oder jene kommunalistische Marionette verloren zu haben. Mahr als je zuvor befindet es sich heute sowohl im Konklikt mit den Schiiten wie mit den Drusen, aber auch zunehmend mit den Christen.
Aus Jerusalem berichtend schrieb Jean-Pierre Langellier in der Le Monde vom 12.3.: _ Was im Lande besonders zu Beunruhigung Anlaß gibt, ist der Angriff vom 10. März nahe der ,guten
Grenze', also dort wo die Mehrheit der rung gegen es wandte, sind die antizioni- Bevölkerung Christen sind und es bis- stischen und Frieenskräfte am Ball. lang keine Guerilla-Aktivität gab. Schon Die israelische Niederlage stellt hinter am 10. Februar liefen zwei Soldaten un- die Grundlagen dieses Staates und seine mittelbar neben dem Kontrollhäuschen Zukunftsaussichten, wie sie bisher der Grenzstation von Metullah auf eine schienen, ein großes Fragezeichen. Es Landmine." sollte also bessere Möglichkeiten als je Hinzu kommt, daß das zionistische zuvor geben, der jüdischen wie der arabi- Scheitern im Libanon auf jeden Fall seine schen Bevölkerung Israels neue Alterna- Auswirkungen unter der arabischen Be- tiven vorzutragen. Die Herrschenden völkerung auf der Westbank und im Ga- versuchen, den zionistischen Patriotisza-Streifen haben wird. Hier die Fe- mus nun aufs neue mithilfe der Furcht bruar-Ausgabe von „Das andere Israel": vor einer arabischen Terror-Kampagne „Der libanesische Präzedenzfall berührt gegen Juden oder vor einer militärischen natürlich auch die Palästinenser. Einige Invasion von außen zu konsolidieren. der in letzter Zeit durchgeführten An- Welche politische Linie die palästinensischläge waren ganz eindeutig im libane- schen Organisationen in dieser Lage gesischen Stil. So die Tötung eines israeli- genüber der jüdischen Bevölkerung einschen Soldaten auf Ramallahs Haupt- schlagen und was sie tun, um das straße bei hellem Tageslicht und nur ein unterdrückte Volk zu mobilisieren, gepaar Schritte entfernt von der wichtig- winnt von neuem an Bedeutung. sten Polizeistation der Stadt - ein Ty Die neu entstandene Lage ist auch der pus von Anschlag, der uns aus dem Lib- entscheidende Test für die jüdische Frieanon nur zu bekannt ist, aber aut der Grinden Befindet sie sich seit geraumer Aus einer Reihe von Westbanks ohne Beispiel."
Ein Test für die Zeit im Niedergang. Zwei davon sind wichtig. Erstens brachte die Ankündi- Friedensbewegung gung des Rückzugs durch die Regierung Nachdem nun das zionistische Lib- viele Aktive dazu, die Probleme für naanon-Abenteuer geendet hat und sich hezu gelöst zu erachten. Und zweitens die Mehrheit der israelischen Bevölke- richtet die Mehrheit ihre Hoffnungen immer noch aut die Arbeiterpartei, die seit der Bildung der Regierung der Nationalen Einheit im letzten Herbst wieder an der Macht beteiligt ist.
In der Januar-Ausgabe von Matzpen, dem Organ der Anhänger der IV. Internationale in Israel, schrieb Moshe Halevi unter der Uberschrift » Wohin geht die Friedensbewegung?«: „Die meisten Aktivistinnen und Aktivisten sowie eine bedeutende Minderheit der Führung war nicht auf eine Konfrontation mit einer Regierung vorbereitet, die auch Leute von der Arbeiterpartei umfalst." Die Friedensbewegung habe ihren Massencharakter nämlich aus dem Gegensatz zwischen der aggressiven Politik der Likud-Regierung von Begin und den Hoffnungen gezogen, welche der Friedensvertrag mit Agypten auf eine friedliche Beilegung des gesamten israelischarabischen Konflikts weckte.
Um zu überleben und sich der Herwegung nun die tieferliegenden Probleme angehen, die in der internationalen Rolle liegen, die Israel in der Region spielt, und in den Beziehungen zwischen der jüdischen Kolonie und dem arabischen Volk.