Die Regierung der „Nationalen Einheit" aus Begins Likud-Block und der Arbeiterpartei von Shimon Peres betreibt eine ebenso drastische wie erfolglose Sparpolitik. Meir Weksler gegnen.
Die israelische Bourgeoisie geriet an gesichts des wirtschaftlichen Desaster allmählich in Panik und setzte ihre verschiedenen Fraktionen unter Druck, Mit einer Inflationsrate von derzeit 450 endlich eine Regierung der „nationaler % und einem Zahlungsbilanzdefizit Einheit" zu bilden, um eine derartige von über 5 Mrd. S 1984 ist Israel in eine Sparpolitik in die Wege zu leiten. So ist so tiefe Wirtschaftskrise geraten, wie sie nun eine Koalitionsregierung aus dem der zionistische Staat bisher noch nie Likud und der Arbeiterpartei, den beierlebt hat. den großen bürgerlichen Parteien, ent- Die jetzige Krise, deren Ursprünge standen, die zwar über Mittel und Weauf den Zerfall des Wirtschaftsgefüges ge zur Sanierung der Wirtschaft in sich durch den Krieg vom Oktober 1973 uneins ist, zumindest aber nicht über zurückgehen, ist von den israelischen die bloße Notwendigkeit radikaler Führern der Regierungszeit von Mena- Maßnahmen. chem Begin auch offen anerkannt wor- Diese neue Regierung nahm genauso wie den. Und dennoch weigerten sich die die vorherigen Zuflucht zu imperialistiverschiedenen Likud-Regierungen, die' scher Hilfe und wollte neu über zusätzlisich von 1977 bis zu den letzten Wahlen che Wirtschaftshilfe verhandeln. Der isim Juli 1984 einander ablösten, vor al- raelische Markt wäre von sich aus nie so lem aus wahltaktischen Gründen, der weit gekommen, aus Israel gleichzeitig Krise mit einem Sparprogramm zu be- eine Regionalmacht auf militärischer Ebene zu machen und den jüdischen Massen einen Lebensstandard weit über dem der ganzen Region zusichern, wenn er nicht von Anfang an auf die massive Unterstützung zuerst — bis Ende der 60er Jahre — des englischen und französischen und seither des amerikanischen Imperialismus hätte zählen können. Faß ohne Boden
Diese Hilfe zur Subventionierung der Zahlungsbilanz wandelte sich immer mehr von Anleihen in direkte Geschenke. Und dennoch reichen selbst diese Mittel, mit denen der Imperialismus zeigt, wie sehr er die Rolle, die Israel in dieser Weltregion spielt, schätzt, kaum aus, auch nur die alten Schuldverpflichrungen zu decken. Das war 1983 der Fall, als die 900 Mio. S ziviler Hilfe der USA dazu verwandt wurden, kurzfristige Kredite zurückzuzahlen, vor allem wie-
derum in die USA selber. Die Zahlen über die Entwicklung der US-Wirtschaftshilfe zeigen, daß diese 1983 ein Drittel der gesamten Wirtschaftshilfe der USA an die ganze Welt ausmachte —und ein Viertel der militärischen Hilfe.
Im letzten Jahrzehnt ist der Staat Israel zum Lieblingskind des Imperialismus geworden. Aut dieser Basis konnte die israelische Bourgeoisie ihre militarische Macht ausdehnen und stärken, auf dieser Grundlage will sie auch —zumindest teilweise — die wirtschaftliche Krise des Landes lösen. Washington ist jedoch nicht bereit, weiterhin Wasser in ein Faß ohne Boden zu schütten. Da der internationale Kapitalismus in eine Krise geraten ist, müssen die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Israel und dem Imperialismus neu überdacht werden. Der Internationale Währungsfond und verschiedene amerikanische Finanzgruppen üben eindeutig Druck in diesem Sinne aus. Der Imperialismus ist nur dann bereit, den zionistischen Staat weiter zu finanzieren, wenn dieser sich in der Lage zeigt, seine Wirtschaft durch radikale Reduzierung der Inlandsausgaben zu sanieren.
Die Abhängigkeit des israelischen Staates vom Imperialismus kommt nicht wie bei den unterentwickelten Ländern in der Ausbeutung seiner Rohstoffe, der Ausnutzung seiner billigen Arbeitskraft und in der Ausfuhr von Kapitalien — kurz, den klassischen Formen der Abhängigkeit — zum Ausdruck. In diesem Falle resultiert die Abhängigkeit vielmehr daraus, daß für den Imperialismus der zionistische Staat als bewaffnetes Bollwerk im Herzen des Nahen Ostens notwendig ist, um den Fortschritt der antiimperialistischen Kämpfe der arabischen Massen vor allem der palästinensischen, zu bremsen. Aus diesem Grunde können die Neuverhandlungen über die wirtschaftlichen Beziehungen nicht so geführt werden wie mit den Nationen der „Dritten Welt".
Washington sucht mit seiner Wirtschaftshilfe an Israel indirekt seine eigene Waffenindustrie zu subventionieren. Die Anleihen zum Kauf von militärischem Material werden also nicht reduziert werden - diese Gelder werden weiter in die Kassen Israels fließen. Mit den nichtmilitärischen Krediten sieht es aber anders aus. Was mit denen passiert, ist klar und wurde beim letzten Besuch von Shimon Peres in den USA deutlich ausgesprochen: sie werden jetzt abgebaut. Der Plan, eine Freihandelszone" zwischen den beiden Ländern zu eröffnen, mit der israelische Exporte erleichtert werden sollten, ist in Wirklichkeit nur eine Form der Rückzahlung eines Teils der zivilen Subventionen. Auf längere Sicht würde dieser Plan zur* Zerstörung eines Teils der israelischen Industrie führen, der auf Import von Grundstoffen angewiesen ist; denn die Subventionen, die bislang von der israelischen Regierung für die Einfuhr von Rohstoffen gewährt wurden, werden gestrichen.
Außerdem haben die Wirtschaftsberater von Ronald Reagan klar und deut- -5-221 lich zum Ausdruck gebracht, was sie von jedem Wirtschaftsplan, den die israelische Regierung noch ausarbeitet, halten: Die USA sind nicht bereit, das Defizit im Staatshaushalt Israels durch ein höheres Zahlungsbilanzdefizit, also letztlich durch amerikanische Anleihen zu subventionieren.
Aber sowohl Washington als auch Jerusalem sind sich bewußt, daß jedes Sanierungsprogramm, das ernsthaft das Haushaltsdefizit verringern will, vor allem des Militärbudget angreifen muß Und da stößt man auf ein großes Dilemma.
Aufgeblähtes Militär
Weil die israelische Bourgeoisie sich gaben fast zwei Drittel des gesamten Staatshaushalts ausmachen. Der zunehmende Bedarf der israelischen Armee führte die zionistische Bourgeoisie dazu, die Kriegsindustrie so unkontrolliert aufzublähen, daß sich die ganze Wirtschaft des Landes völlig verzerrte und diese Industrie heute das Herz der Wirtschaft ausmacht. Der allergrößte Teil der Kredite und Zuschüsse von Regierungsseite bezieht sich auf Ausgaben des Verteidigungsministeriums.
Dadurch wuchsen die Interessen der Libanesische Frauen beklagen Kriegsopfer verschiedenen Regierungen, der Bourgeoisie und der höheren Offiziere der sam ist die Notwendigkeit, die militärischen Ausgaben zu erhöhen, damit die Profite wachsen und die konterrevolutionäre Schlagkraft gesteigert wird und so baut sich diese ganze Höllénmaschine ständig weiter aus. Einige Beispiele sollen zeigen, welches Gewicht der militärische Komplex im Wirtschaftsleben des Landes hat: - 1981 erreichten die Militärausgaben fast ein Drittel des Bruttosozialprodukts (BSP). Obwohl diese Zahl schon astronomisch hoch ist, wuchsen sie in der Zeit vom Juni 1982 (Beginn des Libanon-Kriegs) bis Anfang 1983 um 11 % und danach noch einmal um 16 %. Nach optimistischen Berechnungen erreichen die Militärausgaben Ende 1984 40 % des BSP.
- Trotz diesen alarmierenden Zahlen hat die israelische Bourgeoisie gigantische militärische Projekte in Angriff genommen, zum Beispiel den Bau des Bom-
bers Labih, dessen ursprünglicher Kostenvoranschlag sich auf 2 Mrd. S beläuft. Trotz dieser Unsumme ist nicht sicher, ob der Labih je mit den von den imperialistischen Ländern gebauten Kampfflugzeugen auf dem Markt konkurrieren kann. Die Serienherstellung dieses Bombers wird erst 1990 begonnen werden, und dann ist er technisch und militärisch schon längst überholt. - Das Verteidigungsministerium vereinnahmt direkt fast ein Drittel der industriellen Kraft des Landes und ein Viertel der Beschäftigten der Industrie: 45 000 Menschen.
- Aber nicht nur staatliches Kapital wurde in die Rüstungsindustrie investiert. Auch die privaten Kapitalien der Bourgeoisie sowie der Histadrut (des Gewerkschaftsbundes) konzentrierten sich in den letzten Jahren auf diese Branche, vor allem bei den elektronischen Geräten und der Spitzentechnologie, die zum größten Teil für die Armee bestimmt sind. Das Militärbudget hat auch die Konzentration des Kapitals beschleunigt und aus den Gesellschaften Кит (die der Histadrut gehört) und Klal. (von der Finanzgruppe Insurance Discount Bank) zwei Giganten gemacht. die zusammen mit der staatlichen Waffenindustrie die Kernbereiche der israelischen Wirtschaft dominieren. Muß sich das Kapital selbst auffressen?
1967 bewirkten die Besetzung der Westbank und des Gaza-Streifens einen wirtschaftlichen Boom in Israel nach mehreren Krisenjahren. Das ist der Erschliessung neuer Märkte zu verdanken, auf denen Israel nun über ein absolutes Monopol verfügte und ein großes Reservoir billiger Arbeitskräfte vorfand. Diese Art „ursprünglicher Akkumulation" des zionistischen Kapitals kann sich nicht wiederholen. Das hat sich bei der Besetzung des südlichen Libanon klar gezeigt. Obwohl die israelischen Agrarexporte in dieses Gebiet stetig zunahmen und die ansässige Landwirtschaft zerstört wurde, ging dieser Vorgang über den Agrarbereich nicht hinaus. Man kann also sagen, daß die wirtschaftlichen Möglichkeiten, die der zionistische Staat aus der Besetzung arabischer Territorien ziehen kann, maximal genutzt worden sind. Die strukturelle Verzerrung der Wirtschaft kann nicht vermittels der klassischen Formen, die sonst auf der Welt angewandt werden, „saniert" werden, weil die Regierung dazu offen gegen die Staatsbürokratie, gegen die Oberste Heeresleitung und gegen die Kerngruppen der Bourgeoisie vorgehen müßte.. Hier liegt der zentrale Widerspruch. des israelischen Kapitals. Aus diesem Grunde meinen die Regierungssprecher, wenn sie von der Notwendigkeit sprechen, einen Sparplan durchzuziehen, cigentlich nur, dals einschneidende Kürzungen der öffentlichen Ausgaben dort vorgenommen werden müssen, wo es in diesem Sinne möglich ist: im zivilen Teil des Haushalts, im Erziehungswesen, bei der Gesundheit, den Kommunen oder bei zivilen Bauvorhaben sowie bei den Zuschüssen für die zivile Industrie und durch eine Offensive gegen den Lebensstandard der Massen.
Das heißt aber nicht, daßes nicht auch Telle der Bourgeoisie gabe, die nicht verstünden, daß auch das militärische Budget im Zuge eines Sparprogramms zumindest teilweise reduziert werden muß. In einer der seriösesten Zeitungen Israels, Koteret Rashit (Aufmacher"), veröffentlichten Sprecher von Gruppen, die der Arbeiterpartei nahestehen, in der Ausgabe vom 24.10.1984 Vorschläge zur Senkung der Militärausgaben: „Es gibt heute an die 100000 Personen in der Armee. Das sind etwa 15 % der Arbeitskräfte des Landes und 50 % der Arbeitskräfte zwischen 18 und 25 Jahren. Mit einer Senkung des Militärhaushalts um 40 % könnte man den obligatorischen Militärdienst von drei auf zweieinhalb, längerfristig sogar auf zwei Jahre verkürzen. Mit der Verkürzung des Wehrdienstes um sechs Monate könnte man 15 000 junge Leute für den Arbeitsmarkt freimachen, und das würde sich sehr positiv auf die Wirtschaft auswirken."
Militarismus und Arbeitslosigkeit
Was der Autor uns zwischen den Zeilen damit sagt, ist, nicht nur die Reduzierung des Militärhaushalts sei von Vorteil, sondern auch der Druck der dann auf dem Arbeitsmarkt auftauchenden Massen junger Arbeitskräfte auf die Geisteshaltung der Bevölkerung und die Bereitschaft der Beschäftigten zu kämpfen. Folgendes Zitat macht das deutlich: „Der Preis, den wir jährlich für die Stationierung der Armee im Libanon zahlen müssen, beträgt 500 Mio. S; das sind etwa 15 % der Summe, die das Verteidigungsministerium für Einkäufe auf dem inneren Markt ausgeben darf... Zieht die Armee aus dem Libanon ab, wäre damit viel gespart... Trotzdem meint das Ministerium, daß der Rückzug unserer Verbände aus dem Libanon keine positive Auswirkung auf den Haushalt hätte. Was man im Libanon eingespart hätte, müßte für die Neuorganisierung der Armee an der Nordgrenze des Landes ausgegeben werden, insbesondere angesichts der Gefahr, die von den syrischen Truppen auf libanesischem Territorium nach dem Abzug Israels ausginge." Offensichtlich finden die Militär- und Regierungsbürokraten immer neue Ausreden, um die Militärausgaben zu rechtfertigen und zu steigern.
Die israelische Großbourgeoisie begann eine Offensive gegen ihre Juniorpartner der zweiten Reihe, die Schicht der Kleinunternehmer, die in ihrem Schatten in den letzten zehn Jahren aufblühte und sich in den Randbereichen der Wirtschaft festsetzte: Textil- und Nahrungsmittelindustrie, Bauwirtschaft, private Landwirtschaft, Versicherungsgesellschaften, Importe von Konsumgütern, Investitionsunternehmen an der Börse von Tel Aviv. (Ubrigens ist die Entwicklung dieser parasitären Unternehmen selbst wiederum ein Reflex des parasitären und verzerrten Charakters der gesamten israelischen Ökonomie.) Kern dieser Offensive war eine drastische Reduzierung des Bankkredits, und sie kulminierte im Purzeln der Aktienkurse an der Börse von Tel Aviv, sodaß diese im September 1983 geschlossen werden mußte. Am meisten wurden die produktiven Sektoren getroffen, vor allem die in Moshavim (Langwirtschaftsgenossenschaften) organisierten Bauern. Die Krise hat die Landwirtschaft zermürbt, und zahlreiche Moshavim gingen bankrott. Die Offensive der Bourgeoisie gegen den Lebensstandard der Massen vermittels Reduzierung der nichtmilitärischen Staatsausgaben zeitigte vorläufigen Erfolg. Seit 1977, dem Jahr, in dem Likud die Regierung übernahm, verringert sich der Anteil des BSP, der für Gesundheit und Erziehung ausgegeben wird, unaufhörlich. 1983 ging der Bau von Sozialwohnungen in dem Teil des Territoriums, das Israel vor 1967 ausmachte, um 50 % zurück. Zahlreiche Gemeinden sind bankrott, bei Privatbanken mit Millionen Shekel (1 Shekel ist etwa 5 Pfennig wert) in der Kreide. Die Lage von arabischen Gemeinden wie Nazareth ist noch viel schlimmer, denn die Kegierungssubvention wurde ihnen um 50 % gekürzt. Die Universitäten waren gezwungen, aus Mangel an Krediten den Beginn des Studienjahres zu verschieben; die Einschreibe- und Studiengebühren für die Studenten wurden auf 1000 $ im Jahr erhöht. Seit 1978 gehen die Regierungssubventionen für die Grundnahrungsmittel laufend zurück, für manche sind sie schon ganz weggefallen. Dasselbe gilt für das öffentliche Verkehrswesen, das von zwei Gesellschaften monopolisiert wird, die der Histadrut gehören. Was den Reallohn betrifft, so hat sich die Offensive der zionistischen Bourgeoisie seit Ende 1983 verstärkt. Es gab permanent Erhöhungen der indirekten Steuern — prozentual sowieso schon die höchsten der Welt — eine astronomische Inflationsrate und eine Herabstufung im Index der gleitenden Lohnskala. Dieser Index erfaßte im November 1983 nur noch 80 % der Inflation. Der Rückgang des Reallohns beläuft sich auf 15% zwischen Ende 1983 und Anfang 1984,
und nach verschiedenen Quellen soll er bis Ende 1984 um 40 bis 45 % gesunken Ihren Höhepunkt erreichte die Offensive gegen die Arbeitenden mit der Unterzeichnung eines Lohn- und Preisstopp-Abkommens zwischen Regierung, Histadrut und Privatunternehmern Anfang November 1984. Mit dieser Vereinbarung, die drei Monate lange bis zum Februar 1985 gelten sollte, wird der durchschnittliche Bruttolohn der Lohnabhängigen um 27,6 % verringert. Den Unternehmern indes ist es gestattet, ihre Preise zu Anfang und zu Ende der Laufzeit des Abkommens anihnen ermöglicht, eine allgemeine Preiserhöhung von 100 bis 200% gerade vor Inkrafttreten durchzuführen. Und aus diesem Grunde versicherten die drei Unterzeichnerparteien sofort, daß sie diese Vereinbarung um weitere drei Monate verlängern wollten.
Araber am härtesten getroffen Zu den angeführten Maßnahmen gegen den Reallohn kommt die ständige Zunahme der Arbeitslosigkeit hinzu. Sie betrifft Ende des Jahres 1984 jetzt 100 000 Personen, wovon sich 40% auf die Grenzstädte im Norden des Landes konzentrieren. Dazu werden weitere 15 000 Staatsangestellte kommen, die Anfang 1985 aufgrund der Kürzungen bei den Behörden und des vorgesehenen Verkaufs öffentlicher Unternehmen an Private entlassen werden.
Die Lage der palästinensischen Arbeiter in den besetzten Gebieten ist noch viel hoffnungsloser. Sie werden am hettigsten von der Entlassungswelle erfaßt, denn sie sind nicht in der Histadrut organisiert und erhalten auch keine Sozialversicherung. Hinzukommt, daß in den 17 Jahren Besetzung des Gaza-Streifens und Cisjordaniens die schwache ortsansässige Industrie abgewürgt wurde, während gleichzeitig wegen der Beschlagnahme von Ländereien ein Teil der bäuerlichen Bevölkerung ohne Einkommen verblieb. Regierung wie Histadrut führen eine Kampagne zur Entlassung dieser Arbeiter durch, damit ihre Arbeitsplätze von Juden eingenommen werden können. Aber tatsächlich ist die Sache nicht so einfach. Der jüdische Arbeiter ist nicht bereit, unter diesen Bedingungen mit Elendslöhnen zu arbeiten, wie es er palästinensische akzeptiert. Das israelische Kapital profitiert von der billigen arabischen Arbeitskraft und ist nicht willens, diese gegen organisierte und besser bezahlte jüdische auszutauschen.
Bei der Offensive der Regierung spielte der Gewerkschaftsverband Histadrut eine entscheidende Rolle. Seine Führung hat in den letzten Monaten am meisten dazu gedrängt, daß das Lohnund Preisstopp-Abkommen unterzeichnet wird, und somit den Weg dafür innerhalb der Arbeiterklasse selber vorbereitet. Und dennoch mußte sein Generalsekretär Israel Keisar rechtfertigen, daß er seine Unterschrift unter ein Abkommen mit derart drakonischen Maßnahmen gesetzt hatte. Es brachte ihm wachsende Kritik seitens seiner Kollegen innerhalb des Exekutivausschusses der Histadrut ein. Die Vertreter der Likud in diesem Gremium nutzten die Lage aus, ihre Position als angebliche Verteidiger der Interessen der Arbeiterklasse zu festigen, damit sie bei den Neuwahlen zum Exekutivausschuß im April 1985 bessere Chancen haben.
Der Gewerkschaftsverband Histadrut bekannte sich aufgrund seiner Rolle als Arbeitgeber und Eigentümer der größten Konzerne des Landes zu seiner „Verantwortung" gegenüber der nötigen Sanierung der israelischen Wirtschaft, und aus diesem Grund hat er auch in dieser Notlage seine Rolle, die er eigentlich spielen müfste — die einer Gewerkschaft - fallengelassen. Das hat dazu geführt, daß 1983 etliche Gruppen von Lohnabhängigen die zwischen Arbeitgebern und Histadrut unterzeichneten Tarifverträge ablehnten und drohten, sich vom Dachverband loszulösen. Gruppe der 13 In der Zeit der zweiten Likud-Regierung, 1981, organisierten sich 13 Arbeiterkommissionen, um unabhängig mit dem Wirtschaftsministerium neue Lohntarifverträge auszuhandeln. Unter diesen Kommissionen fand man Arbeitende der wichtigsten Betriebe des Landes: Elektrizitätsgesellschaft, Nationale Telephongesellschaft, Fernsehanstalt Steinbrüche am Toten Meer, Fluggesellschaft El Al, Hafen. Die Organisation „Gruppe der 13" ist entstanden aus Meinungsverschiedenheiten mit Histadrut über die neu zu verhandelnden Punkte. Auch wenn die Führer dieser Organisation von Anfang an versicherten, Histadrut nicht verlassen zu wollen, hatte diese doch eine eindeutig auf Unabhängigkeit gerichtete Dynamik, die das Kräfteverhältnis zwischen Arbeit und Kapital qualitativ verändern hätte können. Die 13" ließen ihre Kraft als unabhängige Formationder Lohnabhängigen spüren, die, wenn sie wollte, die Wirtschaft des ganzen Landes lähmen könnte. Aus diesem Grunde sah Histadrut in den „13" eine reale Gefahr für ihre Vorherrschaft über die Lohnabhängigen, und sie versuchte sie mit allen Mitteln und mit der Hilfe der Regierung zu zerstören. Den „13" ihrerseits unterlief ein kapitaler Fehler in der Einschätzung ihrer Kräfte gegenüber dem Klassenfeind, als sie es ablehnten, weitere Arbeiterkommissionen unter ihrer Fahne zu organisieren, die sich ihnen anschließen wollten. Einerseits befürchteten sie, die Führung einer unabhängigen Arbeiterorganisation zu werden, andererseits wollten sie ein exklusiver Zusammenschluß bleiben - als Vertreter der Arbeiteraristokratie Israels — da sie nach ihrer Meinung so besser auf die Arbeitgeber Druck ausüben könnten. Die Regierung und vor allem der Wirtschaftsminister merkten sehr schnell, daß man mit dieser Organisation Schluß machen sollte und es dabei gegebenenfalls auf eine Kraftprobe ankommen lassen müßte. So wurde die sogenannte Kampagne zur Sanierung der Fluggesellschaft El Al vom Zaune gebrochen. Die Arbeiterkommission kämptte mehrere Monate lang gegen diesen Plan, in dem auch ihre Auflösung sich die „13" nicht mit ihren Kollegen solidarisierten. Daß die „13" sich in der Feuerprobe nicht bewährten, hatte seine Auswirkungen auf die ganze Organisation, und sie löste sich auf. Klassenunabhängigkeit noch nicht gewonnen Dennoch zeigt das Beispiel der „13" , wie dringend für die israelischen Lohnabhängigen die Notwendigkeit ist und bleibt, als Klasse unabhängig zu werden und ihre eigenen Organisationen zu bilden. Weil es keine unabhängigen Gewerkschaften gibt, sind die Möglichkeiten, die nötigen historischen Erfahrungen zu sammeln, um der Offensive von Seiten der Regierung standzuhalten, sehr gering. Daß der Arbeiterwiderstand nicht auf unabhängig geführte Kämpfe zurückblicken kann und jedes Mittelzur Organisierung der Klassensolidarität fehlt, bildet seine Achilles-Ferse. Es erklärt auch, warum das Preis- und Lohnstopp-Abkommen nicht entschlossen und organisiert infrage gestellt worden ist, auch wenn in der Arbeiterklasse wachsende Unzufriedenheit gegen das Sparprogramm der Bourgeoisie zu spüren ist.
Wenn vom gewerkschaftlichen Gesichtspunkt aus die Lage der israelischen Arbeiterklasse schon kritisch ist, dann ist sie vom politischen Standpunkt her eindeutig. noch schlimmer. Die Arbeiterklasse ist fest hinter den Karren der beiden großen Parteien der zionistischen Bourgeoisie gespannt. Das hat sie in die Irre geführt, zum Unverständnis für ihre grundlegenden Klasseninteressen. Vergessen wir nie, daß die jüdische Arbeiterklasse, die den größten Teil der Arbeiterklasse Israels stellt, mitten im Prozeß der zionistischen Kolonisation gebildet wurde, sie also unausweichlich Bestandteil dieser Kolonisation ist. Das verführt sie dazu, ihre eigenen Interessen mit denen des zionistischen Staates zu verwechseln.
GUATEMALA